Chapitre 4
Spur am schwarzen Wasser
…blieben an ihr hängen, hart und wach, während er nicht mehr im Stein suchte, sondern in ihrem Gesicht.
Der aufgerissene Wickel lag zu seinen Füßen. Ein Ende des Tuchs hatte sich im Geröll verfangen. Darunter lag grauer, stumpfer Fels, an einer Kante dunkel von Erde. Kronos hob ihn auf, wog ihn noch einmal in der Hand und schleuderte ihn gegen die Felswand. Der Schlag fuhr durch die Mulde. Das Tuch rutschte ab. Der Brocken sprang zurück und blieb zwischen kleinen Splittern liegen.
„Du hast mich belogen.“
Rhea antwortete nicht.
Langsam kam er auf sie zu. Schlimmer als sein Zorn. Seine Hand griff wieder nach ihrem Arm, diesmal nicht hastig, sondern fest, als markiere er Besitz, den er nicht verloren geben wollte. Rhea roch Schweiß, Staub, Salz und das Blut an ihrem eigenen Leib. Sie hob den Kopf.
„Wo ist er?“
„Nicht hier.“
Seine Finger zogen sich enger. „Das weiß ich.“
„Frag nicht nach Dingen, die du schon weißt.“
Er schlug sie, nur kurz aus der Schulter, nicht mit der ganzen Kraft des Körpers. Ihr Kopf fuhr zur Seite, ohne dass sie einen Laut von sich gab. In ihrem Mund stand sofort Blut. Sie schmeckte Eisen und Sand.
„Wo?“, fragte er noch einmal.
Langsam drehte Rhea das Gesicht zu ihm zurück. „Außer deiner Hand.“
Etwas an ihm veränderte sich. Der Zorn blieb. Aber darunter trat etwas anderes hervor, kälter und tiefer. Er sah sie an, ordnete sie neu ein: nicht als Frau, nicht als Mutter seiner Kinder, nicht als die, die flehte. Die, die den Stein gereicht hatte.
„Du wusstest es die ganze Zeit“, sagte er.
„Ja.“
„Und du standest vor mir und gabst mir das.“
„Ja.“
Er nickte einmal, knapp, ohne Zustimmung. Sein Griff löste sich von ihrem Arm und wanderte an ihren Nacken. „Du wirst mich jetzt hinführen. Meine Männer kennen diese Hänge nicht. Sie verlieren sich im Dunkeln, bevor sie eine Spur lesen.“
An ihm vorbei glitt ihr Blick zur Felswand. Dort zeichnete sich nichts ab, nur Stein, Kanten, Schatten. Gaia blieb fort, und Zeus blieb es auch. Mehr brauchte sie nicht. Hier kippte etwas in ihr. Sie wich nicht mehr zurück; sie würde ihn führen, dorthin, wo er suchte und nichts begriff.
„Wenn ich es könnte, hätte ich es schon getan“, erwiderte sie.
Kronos schob sie vor sich her bis an den Rand der Mulde. „Du kannst gehen. Und du gehst voran. Wenn du mich wieder täuschst, breche ich dir hier den Rücken und lasse meine Männer den Hang nach ihm absuchen.“
Von oben drang eine Stimme herunter, undeutlich im Wind. Eine Antwort kam, während seine Männer warteten, doch Rhea hob den Blick nicht. Nur ihre Nähe drang zu ihr.
Kronos stieß sie an. „Geh.“
Sie setzte den ersten Schritt vorsichtig. Der Boden unter ihren Füßen war lose. Blut lief warm an ihrer Schenkelinnenseite herab. Jeder Schritt zog in den Leib. Sie hielt die Arme dicht am Körper, damit das Zittern nicht sichtbar wurde. Kronos blieb dicht hinter ihr.
Aus der Mulde führte der schmale Weg zurück zwischen den Felsen hindurch. Rechts fiel das Gelände ab zur dunklen Küste. Unten schlug das Meer gegen Stein. Links stieg das Gestein steil an. Es gab nur wenige Richtungen, die man in der Nacht überhaupt nehmen konnte. Rhea kannte das. Kronos wusste das auch. Gerade deshalb musste sie ihm etwas geben, das nach Spur aussah. Sie legte die falsche Fährte bewusst zur Küste hinunter, weg von dem Ort, an dem Zeus atmete.
„Gaia war hier“, sagte er hinter ihr.
Rhea schwieg.
„Nur sie konnte dir helfen.“
„Ja.“
„Dann ist er bei ihr.“
Einen Schritt lang blieb sie stehen, als müsse sie Atem sammeln. Kronos packte sie sofort zwischen Schulter und Nacken und drängte sie weiter.
„Rede.“
„Wenn er bei ihr ist, findest du ihn nicht.“
Er lachte nicht. „Jeder Ort ist zu finden.“
Ohne sich umzudrehen, sagte sie: „Zum Wasser.“
Kronos schwieg. Sie hörte, dass er den Satz prüfte, während Rhea weiterging. „Warum dorthin?“, fragte er. „Weil dort Spuren enden. Weil der Wind sie nimmt. Weil man im Dunkeln vom Fels wegkommt.“
„Man?“
„Sie.“
Wieder Stille. Der Pfad wurde enger. Rhea setzte den Fuß auf eine flache Stelle, dann auf die nächste. Sie kannte den Abstieg nur in Teilen. Gaia hatte sie hergeführt, nicht jeder Tritt war ihr vertraut. Doch die Küste lag offen und glaubhaft unter ihnen. Wenn Kronos Gaia für klug hielt, musste er auch diese Richtung für klug halten.
„Wie lange?“, fragte er.
„Nicht lange.“
„Trägt sie ihn selbst?“
„Ja.“
„Allein?“
Rhea wischte sich mit der Schulter das Blut vom Mund. „Glaubst du, sie braucht dich?“
Er schwieg wieder. Hinter ihnen knackte loses Gestein unter seinem Stiefel. Oben antwortete einer seiner Männer auf einen Ruf. Kronos hob die Stimme nicht, um sie zu rufen. Das sagte Rhea genug. Er wollte erst sicher sein. Er wollte nicht allen zeigen, dass sie ihn hintergangen hatte und er den Sohn nicht hatte. Seine Männer kannten das Terrain nicht; ohne sie suchten sie blind zwischen Fels und Absturz.
Der Weg bog nach unten aus der Deckung der Felsen. Das Meer lag jetzt offener vor ihnen, dunkel, mit schmalem Schaum an den Steinen.
Von vorn traf der Wind auf Rheas nasses Gesicht. Salz lag in der Luft. Der Pfad verlor sich in einem schmalen Streifen aus Geröll und hartem Sand, der zwischen Fels und Wasser lag. Rhea ging weiter, weil Kronos sie nicht erst stoßen musste. Sein Griff lag fest an ihrem Arm. Er ließ keinen Zweifel daran, dass sie nicht stehen bleiben durfte, wenn er es nicht wollte. Seine Männer kannten diese Küste nicht. Ohne sie fanden sie nur Fels, Buchten und falsche Fährten.
Unten zeigte sich die Küste leer.
Leer, bis auf das, was im Boden lag.
Zuerst fielen Rhea die Tritte auf. Frisch eingedrückt, unregelmäßig, hastig gesetzt. Eine schmale Spur kam schräg vom Fels herab. Daneben lagen Stellen, an denen Sand verschoben worden war. Weiter vorn zog sich ein dunkler Streifen durch den Boden, kurz, dann brach er ab. Am Wasser zeichneten sich tiefe Abdrücke ab, zwei dicht nebeneinander, dann nur noch halb erhaltene Ränder, die in der nassen Linie ausliefen.
Hart zog Kronos sie nach rechts, doch sie brauchte es nicht. „Da.“
Sie antwortete nicht. Er erkannte es selbst.
Er ließ ihren Arm los und ging an ihr vorbei bis zum Ufer. Schnell kamen seine Schritte, dann stockten sie. Er beugte sich hinunter, legte die Hand an einen Abdruck, stand wieder auf, trat weiter, dorthin, wo die Wellen den Sand schon geglättet hatten. Sein Blick ging aufs Wasser hinaus. Nichts zeichnete sich ab außer der dunklen Fläche und dem Rand aus Schaum, der sich hob und wieder brach.
Wo er sie hingestellt hatte, blieb Rhea stehen, und ihre Wange pochte. Im Mund schmeckte sie noch Blut. Sie hielt den Blick auf die Spuren. Gaia hatte ihn getragen, weit genug bis hier. Bis in ein Boot oder auf etwas, das trug und sich lösen konnte. Rhea wusste nicht, wohin Gaia gefahren war. Sie wusste nur, dass sie fort war. Dass Zeus nicht mehr hinter dieser Küste verborgen war. Dass Kronos ihn nicht in den Armen hielt.
Scharf drehte Kronos sich zu ihr um. „Wo ist das Boot?“
„Ich sehe keines.“
Er kam zurück und packte sie am Kinn, so fest, dass sie den Kopf nicht wegziehen konnte. „Wo.“
„Wenn ich es wüsste, wäre es noch nicht fort.“
Sein Daumen drückte in ihre Wange. „Du glaubst, du kannst noch immer mit mir reden, wie es dir gefällt.“
Rhea hielt seinen Blick. „Du hast gefragt.“
Für einen Moment spannte sich seine Hand. Er stieß sie los. Sie machte einen Schritt zurück, fing sich und blieb stehen.
Oben auf dem Pfad wurden Stimmen laut. Diesmal schwieg Kronos nicht. Er hob den Kopf und rief nach seinen Männern. Die Worte kamen kurz und hart. Zwei der Männer tauchten zwischen den Felsen auf, dann ein dritter. Schnell stiegen sie herunter, sahen zuerst ihren Herrn, dann Rhea, dann den Strand.
Keiner fragte, was geschehen war, weil keiner es fragen musste.
Kronos zeigte auf die Spuren am Wasser. „Ein Boot ist hier abgegangen. Sofort die Küste nach Osten und Westen absuchen. Wenn eines liegt, bringt es her. Wenn Fischer unten sind, holt sie. Ihr kennt das Gelände nicht, also seht genau hin. Jetzt.“
Die Männer liefen auseinander. Einer blieb einen Augenblick zu lang stehen und sah hinaus aufs Meer, auf die offene Fläche, auf der nichts zu erkennen war. Das bemerkte Kronos. „Willst du dort Wurzeln schlagen?“
Der Mann fuhr herum und lief. Darunter lag noch mehr. Sie hatten gesehen, dass jemand entkommen war. Sie hatten gesehen, dass Kronos erst jetzt am Wasser stand. Dass er nachsetzen musste. Dass er den Sohn nicht in den Händen hatte.
Wieder trat Kronos bis an die Brandung. Das Wasser griff nach seinen Stiefeln und zog sich zurück. Unbeweglich stand er da. Ohne sich nach ihr umzudrehen, sagte er: „Wie lange vor uns?“
Rhea antwortete erst, als er den Kopf halb wandte. „Genug.“
„Eine Zahl.“
„Ich habe die Zeit nicht gezählt.“
Er machte einen Schritt auf sie zu. „Dann schätze.“
„Warum? Damit du mit einer Zahl zornig sein kannst?“
Mit zwei Schritten stand er bei ihr. Seine Hand traf sie quer über den Mund, hart genug, dass ihr Kopf zur Seite ging. Sie fing den Fall nicht mit den Händen ab. Sie blieb stehen, rang nur einmal nach Luft und richtete sich wieder auf.
„Du redest, wenn ich es verlange“, sagte er.
Rhea hob das Kinn, Blut lief ihr wieder an die Lippe. „Dann verlange klüger.“
Sein Blick blieb auf ihr. Reglos. Gerade das ließ sie wissen, wie gefährlich sein Zorn geworden war. Er musste nicht mehr ausbrechen, um zu wirken. Er lag schon bereit.
Von links kam einer der Männer zurück, außer Atem. „Weiter westlich liegt ein Boot, Herr. Klein. Auf Kies gezogen.“
„Wem gehört es?“
„Zwei Brüdern aus dem unteren Einschnitt, wenn sie nicht auf See sind.“
„Bring es.“
Der Mann lief wieder los.
Kronos sah nicht zu ihm hin und hielt den Blick weiter aufs Wasser hinaus. Rhea folgte seinem Blick, während die Küste in der Dunkelheit wegbog. Dort draußen konnte alles sein. Freies Wasser. Eine andere.
Die Insel war ein Vorsprung aus Fels mit einem schmalen Strand oder nur offene See, worauf Rhea nicht antwortete.
„Du kommst mit“, sagte Kronos.
Kaum drehte er den Kopf. „Wenn ich dich hier zurücklasse, lügst du weiter für mich außer Reichweite. Wenn ich dich mitnehme, lügst du vor mir.“
Sie wischte das Blut nicht von ihrem Mund. „Dann nimm mich mit.“
Seine Hand schloss sich um ihren Oberarm. Ruhig und beherrscht hielt er sie so fest, dass sie den Druck bis in die Schulter spürte. Unten am Wasser liefen Schritte über Kies, begleitet von Männerstimmen. Holz schlug gegen Stein. Sie brachten das Boot.
Es lag klein da, breit genug für wenige Männer und flach genug, dass zwei es ohne Mühe über den Kies zogen. Einer von ihnen stieß es mit dem Fuß zurecht. Ein anderer trug Ruder. Er ließ Rhea nicht los, bis das Boot am Rand des Wassers lag.
„Wer fährt?“, fragte er.
„Ich, Herr“, erwiderte einer sofort. „Ich kenne die Küste, aber nicht jede Einfahrt und keinen verborgenen Landeplatz.“
Kronos sah ihn an. „Du fährst, bis ich es anders bestimme.“
Der Mann nickte.
Vor sich her stieß Kronos Rhea über den Kies. Unter ihren Füßen gab er nach. Sie rutschte einmal, fing sich, hörte hinter sich den kurzen Atem eines Mannes, der das Boot festhielt. Das Wasser lief kalt um ihre Knöchel, dann gegen die Schienbeine. Kronos drängte sie weiter, bis sie mit der Hand an den Bootsrand greifen musste. Sie stieg ein, setzte den Fuß auf das nasse Holz und sank auf die Bank, bevor das Boot unter ihr wegdriften konnte.
Als Kronos nach ihr einstieg, folgten zwei Männer. Der Fährende nahm den hinteren Platz. Einer stieß sie ab. Das Boot schabte über Stein, hob sich, sank, hob sich wieder. Die Ruder griffen ins Wasser.
Zur Küste drehte Rhea den Kopf. Der dunkle Streifen von Land blieb noch neben ihnen, dann begann er zurückzuweichen. Der Einschnitt, der Kies, die Linie der Felsen, aus denen Gaia gekommen war und in die sie wieder verschwunden war, lagen bald ohne Form hinter ihnen. Nichts daran bewahrte die Stelle. Nur Rhea hielt sie fest.
Gaia fehlte dort mit dem Kind. Das hatte sie an den Spuren verstanden, noch bevor Kronos den Befehl gegeben hatte. Ein Boot war abgegangen, schnell und nicht lange vor ihrer Ankunft: genug Zeit, um außer Sicht zu sein, aber zu wenig Zeit, um jede Spur auszulöschen.
Ihr gegenüber setzte sich Kronos. Die Knie fast an ihren. Er musterte sie ohne Unterlass.
„Jetzt“, verlangte er. „Eine Richtung.“
Erst sah Rhea auf das Wasser zwischen ihnen, dann an ihm vorbei in die Dunkelheit. Der Wind kam vom offenen Meer. Das Boot hielt den Bug davon weg, dann wieder leicht hinein, während der Mann am Ruder die Küste verließ und einen Kurs suchte.
Sie wusste nicht, wohin Gaia gefahren war.
Nur eines blieb ihr. Sie setzte Kronos auf eine falsche Spur und trieb ihn fort von dem Ort, an dem Zeus verschwand. Gaia hatte nicht gezögert. Sie kannte den verborgenen Durchgang. Zeus würde sie nicht an dieser Küste lassen. Sie hatte ein Ziel gebraucht, bevor sie ihn aus Rheas Armen nahm.
Kronos beugte sich vor. „Sprich.“
Rhea hob die Augen zu ihm. „Kreta.“
Nichts an seinem Gesicht gab nach. „Weil du es weißt?“
„Weil es nah genug ist.“
„Das ist keine Antwort.“
„Es ist die einzige, die dir nützt.“
Seine Hand kam schnell. Diesmal traf er sie nicht im Gesicht, sondern griff in ihr Haar und zog ihren Kopf zurück. Sie spannte den Nacken gegen den Schmerz und hielt seinen Blick.
„Wenn du mich führst“, murmelte er leise, „und ich finde dort nichts, wirst du wünschen, ich hätte dich an der Küste liegen lassen.“
„Wenn du nicht fährst, verlierst du mehr Zeit.“
Sein Griff blieb noch einen Atemzug. Dann ließ er los.
„Kreta“, wiederholte er, ohne sie anzusehen. „Südlich.“
Der Mann am Ruder nickte und verlagerte das Gewicht. Die Ruder zogen neu an. Das Boot drehte sich weiter vom Land weg.
Sofort schlug Rhea die Bewegung in den Magen. Es war nicht die Angst vor dem Wasser. Mit jeder Ruderlänge wurde die Küste hinter ihr unbrauchbar. Wenn Gaia dort noch irgendeine Spur gelassen hatte, würde Kronos sie nicht mehr lesen. Er hatte sich auf das Meer festgelegt. Auf diese Insel. Auf dieses eine Ziel, das sie ihm gegeben hatte. Sie floh nicht nur vor ihm. Sie führte ihn dorthin, wo sein Zugriff Zeus nicht mehr aus der Welt drängte, sondern in seinen Raum hineinreichte.
Neben Kronos saß einer der Männer still und hielt den Blick abwechselnd auf Rhea und auf den Bug gerichtet. Der andere führte das zweite Ruder und arbeitete ohne Frage, ohne Wort. Wasser tropfte von den Blättern auf seine Hände. Gleichmäßig war das Geräusch: Eintauchen, Ziehen, Heben. Wieder.
Erst als die Küste nur noch einen dunklen Rand bildete, sprach Kronos wieder. „Warum Kreta?“
Rhea antwortete nicht sofort. Während er wartete, wurde die Frage gefährlicher.
„Weil man dort untertauchen kann“, sagte sie dann. „Höhen. Höhlen. Hirten. Viele kleine Buchten. Nicht jede kennt jeder. Deine Männer finden dort ohne mich keinen verborgenen Zugang.“
„Du hast darüber nachgedacht“, meinte Kronos.
Mit leicht gehobenem Kinn saß Rhea da, obwohl ihr noch der Zug im Nacken in den Haaren saß. „Ich habe darüber nachgedacht, wie man vor dir etwas lebend fortbringt.“
Der Mann am zweiten Ruder sah kurz zu ihr auf, senkte den Blick aber sofort wieder auf das Wasser.
Kronos schwieg. Länger als nach der Frage zuvor hielt das Schweigen an. Das Boot arbeitete weiter nach Süden. Leise knackte Holz unter den Verlagerungen der Körper. Auf den Planken lag Salzwasser und sammelte sich in den Fugen. So still sie konnte, saß Rhea da. Jede Bewegung erinnerte sie an die Hand an ihrem Hals, an den Griff in ihr Haar, an den Stein, der auf dem Boden der Felsmulde zerborsten war.
„Wer hat dir Kreta genannt?“, fragte Kronos.
„Jeder kennt Kreta.“
„Ich fragte nicht, wer es kennt.“
„Dann frag besser.“
Er schlug nicht sofort. Das war schlimmer. Er legte nur die Hand auf ihr Knie, fest genug, dass sie den Druck bis in den Knochen spürte. Vor den Männern wirkte die Geste ruhig, doch inzwischen kannte sie, was darunter lag.
„Noch einmal“, verlangte er. „Wer hat dir gesagt, dass sie dorthin gehen würde?“
Über ihn hinweg sah Rhea auf die offene See. Land war nirgends zu sehen, kein Segel, kein anderes Boot. Nichts, woran man Hoffnung hätte knüpfen können. Gaia und Zeus waren fort, vielleicht weit genug. Vielleicht nicht.
„Niemand“, sagte sie. „Ich habe dir gesagt, wohin ich gehen würde, wenn ich mein Kind vor dir verbergen müsste.“
Seine Finger drückten tiefer. „Dein Kind.“
Sie antwortete nicht.
Er nahm die Hand von ihrem Knie und stand halb auf, um sich im Boot neu zu setzen. Schwankend neigte sich das kleine Fahrzeug. Einer der Männer zog das Ruder an, um das Gleichgewicht zu halten. Als Kronos sich ihr näher gegenüber setzte, musste sie ihn ansehen.
„Sag es noch einmal“, sagte er.
Er wollte die Worte nicht nur für sich. Für die Männer wollte er sie hören, für den Weg und für alles, was von jetzt an daraus folgen würde.
Sie presste die Lippen zusammen. In ihr wich nichts mehr zurück. Wenn er Zeus suchte, sollte er ihn fern von der wahren Spur suchen.
Seine Hand kam diesmal nicht gegen ihr Gesicht. Er packte ihr Kinn. Nicht so hart, dass er sie gleich verletzte. Hart genug, um jede Weigerung sichtbar zu machen.
„Sag es.“
An die Bordwände schlug das Wasser, und zwischen den Atemzügen der Männer sprach niemand; offen sahen sie sie nicht an. Gerade deshalb war jedes Wort im Boot schwerer.
„Mein Sohn“, brachte sie hervor.
Kronos ließ ihr Kinn los.
Nur ein kleiner Laut war im Holz zu hören, als einer der Männer das Gewicht verlagerte, während Kronos den Blick auf sie gerichtet hielt.
„Lebend.“
Ihr Magen zog sich enger zusammen. Sie hätte schweigen können, und er hätte es als Trotz genommen. Er hätte weitergemacht, bis sie sprach. Und was immer sie dann sagte, hätte denselben Zweck erfüllt. Sie musste wählen, wie weit sie ihn führte.
„Ja“, sagte sie.
Lange sah Kronos sie an, ohne Regung im Gesicht, ohne Überraschung, ohne Freude. Nur dieses starre Aufnehmen, dieses Festhalten, dann wandte er sich zu den Männern.
„Ihr habt es gehört.“
Am Bug nickte einer nach einem Augenblick, doch keiner antwortete.
„Wenn Gaia ihn trägt“, erklärte Kronos, „trägt sie den, der mich stürzen soll.“ Seine Stimme blieb eben. „Dann gibt es kein Versteck, in dem er sicher wäre.“
Den Namen hatte sie nicht genannt. Sie hatte nur „mein Sohn“ gesagt. Doch Zeus stand mit im Boot. In ihren Ohren. In Kronos’ Mund. In der Art, wie die Männer jetzt ruderten, nicht mehr nur auf einen Verdacht hin, sondern auf eine Jagd.
Stunden vergingen. Auf Nacken, Schultern und Hände brannte die Sonne. Einmal reichte einer der Männer einen Wasserschlauch herum. Kronos trank, dann hielt er ihn Rhea hin. Sie zögerte nur kurz und nahm einen kleinen Schluck. Das Wasser war warm und half nicht. Es hielt sie nur aufrecht.
Später hob der Mann am Bug den Arm. „Land.“
Zuerst sah Rhea nichts. Dann lag dort ein dunkler Streifen am Rand des Himmels. Nicht lange blieb er nur ein Streifen, bevor Höhen hervortraten. Falten im Gestein. Helle Kanten, wo das Licht auf nackte Flächen fiel. Kreta.
Um Zeit zu gewinnen, hatte sie das Wort gesagt. Jetzt lag es vor ihr, und Kronos folgte ihrem Blick. Sie hatte ihn hierher gezogen. Nicht fort von sich, sondern fort von Zeus.
„Wo?“
Einen Schlag zu lang schwieg Rhea.
Er bemerkte es sofort. „Du wirst jetzt nicht dumm werden.“
Sie zwang sich, weiterzusehen, als könne sie in der Ferne etwas erkennen, das noch nicht erkennbar war. Sie wusste nicht, wohin Gaia gefahren war. Vielleicht hierher. Vielleicht nicht. Wenn sie jetzt zurückwich, würde er es merken, wenn sie zu schnell antwortete, ebenfalls.
„Nicht in einen großen Hafen“, erwiderte sie. „Wenn sie Verstand hat, geht sie an eine stille Stelle.“
„Welche?“
Die Männer ruderten weiter. Land wuchs heran. Einzelne Einschnitte in der Kü
…ste wurden sichtbar, flache Zungen aus Kies, dunkle Felsen, schmale Buchten, in denen das Wasser stiller lag.
Kaum merklich hob Rhea das Kinn nach Westen. „Dort, an einer kleinen Bucht statt an der offenen Seite. Steinstrand. Wenig Platz zum Anlanden.“
Nicht sie sah Kronos an, sondern die Küste. „Warum dort?“
„Weil niemand sie erwartet, wenn sie nicht landen will, wo Fischer sind.“
Er gab keine Antwort. Doch einen Augenblick später änderte das Boot den Winkel. Einer der Männer am Heck setzte das Ruder tiefer, die anderen zogen gleichmäßiger. Die schmale Bucht kam näher.
Je deutlicher das Ufer wurde, desto stärker pochte der Schmerz in Rheas Wange, in den Rippen und in den Handgelenken, wo er sie gepackt hatte. Sie ließ nichts davon in ihr Gesicht. Vor ihnen lag eine niedrige Kante aus Kies zwischen zwei vorspringenden Felsen. Dahinter stieg das Land rasch an, ohne sichtbaren Weg, nur mit Geröll, hartem Gras und einzelnen dunklen Öffnungen weiter oben.
Das Boot schabte auf Grund. Zwei Männer sprangen zuerst ins Wasser und zogen es auf den Strand. Kronos stieg aus, ohne die Hilfe anzunehmen, die einer ihm bot. Dann wandte er sich um und sah Rhea an.
„Raus.“
Sie setzte den Fuß ins kalte Wasser und stieg an Land. Die Knie gaben fast nach, doch sie fing sich. Hinter ihr kamen die Männer, einer nach dem anderen, bewaffnet, schweigend. Salz lag in der Luft, und das Geräusch des Meeres blieb klein gegen das Knirschen der Schritte auf dem Kies.
Nicht sofort ging Kronos weiter. Er stand am Rand der Wasserlinie und ließ den Blick über den Strand laufen. Diesen Blick kannte Rhea inzwischen. Er suchte nicht, er ordnete. Er sah nicht nur den Boden, sondern auch, was fehlte, was verschoben worden war, wo Gewicht gelegen hatte.
Einer der Männer kniete nieder. „Hier.“
Kronos trat zu ihm. Im feuchten Kies zeichnete sich eine frische Furche ab, halb vom Wasser gefüllt. Weiter oben lagen Druckstellen, zwei tief, eine flacher. Ein Boot war hier aus dem Wasser gezogen worden. Frisch genug, dass der Kies die Kanten noch nicht verloren hatte.
Rhea blieb stehen, wo er sie gelassen hatte. Sie zwang sich, nicht zu schnell hinzusehen. Erst als Kronos den Kopf hob, trat sie näher.
An der Innenseite des linken Felsens war heller Stein freigelegt, drei kurze Schrammen dicht übereinander. Zu tief für bloßen Zufall, zu regelmäßig für Wellen. Ein Boot hatte dort beim Anlanden gestreift. Oder eine Hand hatte dort gearbeitet. Unterhalb davon klebte noch dunkle Feuchte in einer schmalen Spalte.
Rhea sah die Schrammen und wusste, dass Gaia sie sehen sollte. Genug, um zu erkennen, dass der Weg hier weiterging und nicht am Strand endete.
Ihren Blick bemerkte Kronos. „Du kennst das.“
Es war keine Frage.
Rhea hielt die Augen auf dem Felsen. „Jemand ist hier gelandet.“
„Gaia?“
„Vielleicht.“
Er trat dicht neben sie. „Vielleicht?“
Sie wandte den Kopf nicht. „Ich sehe ein Boot. Keine Gesichter.“
Für einen Augenblick blieb es still. Dann rief Kronos, ohne sich umzusehen: „Zwei bleiben hier. Niemand geht zurück ins Wasser. Die anderen mit mir.“
Einer seiner Männer sah zum Hang auf. „Herr, die Insel ist zerfurcht. Ohne Spur verlieren wir uns dort oben.“
Kronos deutete auf Rhea. „Darum kommt sie mit.“
Er deutete den Hang hinauf. „Wenn sie hier war, ist sie nicht unten geblieben.“
Die Männer verteilten sich sofort. Keiner sprach gegen ihn. Zwei nahmen Stellung am Strand, drei folgten ihm mit gezogenen Klingen, einer trug eine Axt auf der Schulter. Rhea sah das Werkzeug und begriff, dass seine Drohung nicht im Boot geblieben war.
Kronos packte sie am Arm und zog sie mit. „Voran.“
Der Anstieg war steil. Loses Geröll rutschte unter den Füßen weg. Zwischen Felsrippen fanden sich schmale Tritte, von Ziegen oder Menschen, nicht breit genug für sicheres Gehen. Voran stieg Rhea, weil er sie dazu zwang, und hörte ihn dicht hinter sich. Einmal glitt ihr Fuß seitlich ab. Sein Griff wurde härter, nicht um sie zu halten, sondern um sie weiterzuzwingen.
Weiter oben teilte sich der Hang in zwei Rinnen. Die rechte führte offen zwischen hellem Stein nach oben. Die linke verschwand hinter einem Vorsprung. Dort lagen kleine Steinbrocken in einer Reihe, nicht ganz gerade, aber gesetzt. Einer war frisch gewendet, sodass die helle Unterseite nach oben zeigte.
Gaia.
Rhea blieb nur einen Atemzug lang stehen. Es genügte. Der rechte Weg war leichter, zu sichtbar, zu schnell. Gaia hätte nicht den leichteren genommen, wenn sie ein Kind trug und verfolgt wurde. Und gerade deshalb hätte sie eine Spur dort zurückgelassen, wo jemand sie lesen konnte.
Kronos stieß sie zwischen die Schulterblätter. „Welcher?“
Zur linken Rinne hob sie die Hand. „Dort.“
Er musterte erst den sichtbaren Weg rechts, dann den verdeckten links. Hinter ihm fluchte einer der Männer leise, als Geröll unter seinem Fuß wegrutschte.
„Warum nicht der offene?“
„Weil sie nicht gesehen werden will.“
Er ließ sie einen Schritt vorausgehen und folgte dann. Die Männer kamen hinterher. In der linken Rinne wurde der Boden enger und dunkler. Das Gestein schloss sich über ihnen.
Enger. Der Wind vom Wasser verebbte hinter ihnen. Vor ihnen wand sich nur noch der schmale Zug zwischen Steinwänden hin, trocken, hart, voller kleiner Stufen, die nicht aus dem Fels brachen, sondern gegangen waren.
Vorsichtig setzte Rhea den Fuß. Jeder Schritt musste sitzen. Dicht hinter ihr kamen Kronos und die Männer. Leder strich über Stein, Metall klirrte, der kurze Atem eines Mannes ging, der die Axt trug. Kronos schwieg, und gerade dieses Schweigen trieb sie weiter.
An einer Biegung häuften sich wieder Steine. Drei kleine lagen da, einer größer davor. Sie waren nicht zufällig gefallen. Der größere war so gekeilt, dass er nicht rollen konnte. Im Vorübergehen streifte ihr Blick die Steine, und Kronos’ ebenso.
„Steh.“
Seine Hand griff in ihr Haar und hielt sie an. Sie machte keinen Laut. An ihr vorbei trat Kronos, ging einen Schritt zurück, betrachtete die Stelle und stieß mit der Fußspitze gegen den größeren Stein. Er bewegte sich kaum.
„Wer setzt das?“
Nicht sofort antwortete Rhea. Er ließ ihr Haar los und schlug ihr mit dem Handrücken gegen den Mund. Ihr Kopf fuhr zur Seite. Sie schmeckte Blut.
„Wer?“
„Jemand, der den Weg kennt.“
Er packte ihr Kinn und drehte ihr Gesicht zu sich. „Nicht irgendeiner.“
Sie hielt seinen Blick, so gut sie konnte. „Meine Mutter.“
Hinter ihm verharrte einer der Männer. Kurz musterte ein anderer den Gang hinter ihnen, dann wieder nach vorn. Niemand sprach.
Kronos ließ sie los. Noch einmal glitt sein Blick zu den Steinen, weiter in die Rinne, die enger wurde. „Sie führt“, sagte er, mehr für sich als für die anderen. „Nicht Flucht. Führung.“
Mit dem Handrücken wischte Rhea das Blut weg, ohne ein Wort zu sagen. Sie sah auf die gekeilten Steine und ging weiter. Er sollte ihnen folgen. Genau das wollte sie.
„Weiter.“
Bald zwang die Rinne sie in Seitwärtsgänge. An manchen Stellen passte kaum ein Mann mit ausgebreiteten Schultern hindurch. Zweimal musste der mit der Axt sie vom Rücken nehmen und vor sich hertragen. Kühl lag der Fels, selbst hier, wo draußen Tag stand. Es roch nach Staub, nach altem Stein, nach dem Schweiß der Männer. Ohne sie fanden sie in diesem gebrochenen Gang keinen sicheren Tritt; selbst jetzt streiften die Männer die Wände und bremsten an jedem engeren Knick.
Das erste dumpfe Schlagen kam.
Ein tiefer Ton, nicht nah und nicht fern, erst einmal, dann noch einmal. Gleichmäßig traf etwas auf Metall oder Holz, auf Schild. Rhea erstarrte, ehe sie es wollte. Ihr Körper hatte den Laut vor ihr erkannt.
Beinahe stieß Kronos in sie hinein. „Was ist das?“
Wieder derselbe Schlag. Ein zweiter daneben, etwas versetzt. Antwort. Weitere folgten, schwer und getragen, vom Fels aufgenommen und weitergegeben.
„Waffen“, sagte sie.
„Wer?“
„Wächter.“
Er legte die Hand an ihren Nacken. Nur als Erinnerung, nicht fest genug zum Würgen. „Welche Wächter?“
Rhea schloss für einen Atemzug die Augen. Gaia hatte also nicht nur den Weg markiert. Den Ort hatte sie schon besetzt, oder andere hatten ihn für sie besetzt. Das Kind war nicht mehr nur verborgen. Es wartete hinter Waffen. Sie hatte Kronos genau dorthin geführt.
„Ich weiß es nicht.“
Der Griff wurde härter. „Lüg nicht.“
„Ich weiß es nicht.“ Jetzt war ihre Stimme heiser. „Aber sie sind dort wegen ihm.“
Er nahm die Hand weg. Das Schlagen setzte sich fort, regelmäßig genug, dass es kein Zufall war. Während keiner der Männer hinter ihnen noch sprach, hörte man einen schärfer Luft einziehen.
Die Rinne machte einen letzten Knick. Dahinter weitete sie sich unerwartet zu einem schmalen Absatz, von dem ein niedriger schwarzer Eingang abging. Keine offene Höhle, die man schon von weitem gesehen hätte. Eine Schwelle im Fels, halb verdeckt von einem Vorsprung, tief genug zurückliegend, dass der Schatten sie schluckte. Vor dem Eingang standen zwei Männer in kurzen Mänteln mit Speeren und runden Schilden, zu beiden Seiten hinter ihnen weitere Gestalten mit schlichten Brustpanzern. Ihre Helme waren nicht gleich. Doch ihre Haltung war geordnet. Bei Kronos’ Anblick hoben sie nicht die Waffen zum Angriff, sondern schlugen Speer gegen Schild.
Als der dumpfe Laut den Absatz füllte, hielt Kronos an.
Rhea auch. Sie gehorchte nicht; vor ihr stand etwas anderes.
Im Halbdunkel hinter den Wächtern stand eine Frau, die das Kind im Arm hielt.
Amaltheia.
Rhea kannte sie nicht gut. Vielleicht war sie ihr früher nur aus der Ferne begegnet, in einem Hof, zwischen anderen Frauen, ohne dass sie auf sie geachtet hatte. Jetzt bestand kein Zweifel. Die Frau hielt den Säugling fest, hoch genug, dass sein Kopf an ihrer Schulter lag. Er war in Tücher gewickelt. Ein kleiner Arm ragte frei heraus. Er bewegte sich.
Rheas Atem stockte. Für einen Augenblick verstummten Waffen und Männer hinter ihr. Vor ihr war nur noch der kleine Kopf, die dunklen feinen Haare, die Stirn, die sie schon einmal gesehen hatte, feucht und neu und viel zu kurz in ihren Händen.
Einen halben Schritt trat Kronos vor. Die Wächter vor dem Eingang senkten die Speere.
„Zur Seite“, sagte er.
Keiner rührte sich.
Einen Schritt vor den anderen trat einer der Männer mit dem Schild. Er hob ihn höher, bis der Rand fast Kinnhöhe erreichte, und schlug mit dem Speerschaft dagegen. Der Laut sprang hart von den Felswänden zurück, die übrigen antworteten, ohne dass einer sprach.
Bereits wich Amaltheia zurück. Sie drehte den Körper so, dass das Kind außer seine Reichweite kam, und verschwand tiefer im Gang. Noch lag der Stoff an ihrer Schulter vor Rheas Augen, der kleine Kopf, dann nur noch Dunkelheit.
Seine Hand schloss sich in Rheas Oberarm. Nach vorn riss er sie, bis sie neben ihm stand, offen vor den Wächtern.
„Sag ihnen, wer ich bin“, befahl er.
Den Kopf hob Rhea. Die Männer am Eingang blickten nicht sie an, sondern ihn. Einer von ihnen hatte die Füße schon breit gesetzt, der Speer lag ruhig in beiden Händen. Kein Zögern war in seinen Armen.
„Sie wissen es“, erwiderte Rhea.
Härter wurde der Griff. Kronos zog sie noch weiter, bis sie den Rand des Absatzes unter dem Fuß hatte und der enge Weg hinter ihr verschwand.
„Sag ihnen, was dort drinnen ist.“
Rhea schwieg.
Sofort kam der Schlag, kurz, mit dem Handrücken. Ihr Kopf fuhr zur Seite. Sie fing den Schritt noch ab, bevor sie auf das Knie sank. Blut lief warm an ihre Lippe. Als sie wieder aufsah, standen die Wächter unverändert. Keiner senkte den Blick.
„Mein Kind“, sagte sie. Ihre Stimme trug nicht weit, aber sie brach nicht. „Dort drinnen ist mein Sohn.“
Hinter Kronos regte sich etwas in den Reihen seiner Männer. Hörbar zog einer Luft ein. Ein anderer verlagerte das Gewicht. Auf dem engen Absatz klirrte Metall an Metall.
Kronos ließ ihren Arm los. „Hört ihr das?“, rief er den Wächtern zu. „Ihr steht mit Waffen vor meinem Sohn.“
Der vorderste Wächter antwortete nicht. Er schlug erneut den Speer gegen den Schild. Diesmal taten es alle gleichzeitig. Der Absatz bebte unter dem Lärm.
Sein Gesicht veränderte sich nicht, doch seine rechte Hand ging an die Waffe. „Dort bleibt ihr“, stieß er aus.
Zwischen den Schilden und dem Durchgang stand das Wort. Auch die Männer vor ihm hatten es gehört. Keiner wich. Die Speerspitzen hoben sich nur einen Fingerbreit, dann standen sie still, genau auf Brusthöhe gerichtet.
Einen Schritt machte Kronos, und die beiden vorderen Wächter gingen zugleich vor. Nicht weit. Nur so viel, dass ihre Schilde nun fast an seine Reichweite heranreichten. Hinter ihnen schoben die anderen sich enger an den Zugang. Einer drehte den Kopf kurz nach hinten, in den dunklen Gang hinein, und stellte sich wieder fest.
„Nehmt sie weg“, sagte er, ohne den Blick vom Eingang zu nehmen.
Zwei seiner Männer traten an Rhea heran. Einer packte sie am Handgelenk, der andere an der Schulter. Sie hielten sie seitlich gegen die Wand des Absatzes, aus der Linie zwischen Kronos und den Schilden. Stein drückte kalt gegen ihren Rücken. Sie versuchte, an ihnen vorbei in den Eingang zu blicken. Es war nur ein schmaler Ausschnitt, der sofort von einem Schildrand verdeckt wurde.
— und dahinter, tiefer im Dunkel, Amaltheias Gesicht. Sie trug das Kind nicht mehr hoch an der Brust, sondern schon tiefer, dicht an den eigenen Leib gezogen, den Körper gedreht, bereit zurückzuweichen. Rhea erkannte nur einen freien Teil des Tuchs, eine kleine Stirn, die Linie einer Wange. Es genügte. Sie kannte ihn.
Ihr Mund öffnete sich, doch der Lärm nahm jedes Wort. Einer der Männer riss sie wieder an der Schulter zurück gegen den Fels. Schmerz fuhr ihr in den Nacken, doch sie stemmte sich nicht gegen ihn. Ihr Blick blieb am Eingang.
Noch einmal drängte Kronos vor. Diesmal kam der Stoß nicht nur von ihm. Drei seiner Männer gingen gleichzeitig in die Schilde, drückten mit Gewicht, mit Beinen, mit Flüchen, die im Tosen verschwanden. Der linke Wächter geriet aus dem Stand. Sein Schild kippte eine Handbreit. Ein zweiter Speer aus dem Inneren schoss zwischen den Schilden hindurch und traf einen Angreifer in die Seite. Er sackte gegen den Zugang, riss aber im Fallen den Schildrand mit sich, sodass für einen Atemzug die Schwelle offen stand.
Vor ihren Augen gab Amaltheia das Kind weiter. Hinter ihr trat aus der Dunkelheit ein anderer hervor, nahm Zeus mit beiden Armen und verschwand wieder seitwärts, tiefer hinein. Rhea erkannte nur den Wechsel der Hände und den leeren Zug, den Amaltheias Körper danach machte. Dann stand Amaltheia wieder vor dem Gang, die Arme frei, und drehte sich zur Schwelle zurück.
Rhea presste die Zähne zusammen. Wieder entzog er sich ihr, noch während sie ihn ansah.
Den Stand bekam der linke Wächter nicht zurück. Kronos fuhr ihm mit der Schulter unter den Schild, rammte ihn gegen den Felsrand des Eingangs und schlug ihm den Waffenarm herunter. Einer von Kronos’ Männern stieß nach. Die Speerspitze ging tief unter dem Schild durch. Der Wächter knickte ein. Er fiel nicht nach hinten in den Gang, sondern auf die Schwelle selbst. Als sein Schild zur Seite rutschte, brach die Reihe sofort auf.
„Vorwärts!“, schrie Kronos, jetzt wieder hörbar zwischen zwei Wellen des Lärms.
Über den Gefallenen traten seine Männer. Die übrigen Wächter wichen nicht weit. Sie gaben den Eingang preis, nur um dahinter neu zu stehen, Schritt um Schritt zurück, den Schildwall enger ziehend. Kronos nutzte den Moment. Er fuhr herum, packte Rhea am Arm und riss sie an sich, so hart, dass sie fast fiel.
„Du zuerst.“
Er stieß sie in den geöffneten Gang.
Der Boden senkte sich kurz und wurde dann uneben. Feuchte Kälte lag im Stein. Hinter ihr kamen Stiefel, Waffen, Atem. Vor ihr wichen Schilde zurück, nicht fliehend, sondern ordnend. Zwischen den Helmen erkannte sie Amaltheia nicht mehr. Nur Rücken, Schildränder, kurze Ausschnitte von Fels. Rechts an der Wand lagen die ersten gesetzten Steine.
Kronos’ Griff blieb an ihrem Oberarm. „Wohin?“
Sie antwortete nicht sofort. Von vorn kam wieder das Schlagen der Schilde, aber jetzt sprang es an den Wänden zurück. Dazu traten andere Töne, weiter innen, seitlich, aus Gängen, die sie noch nicht sah. Ein Schlag links, Antwort rechts, dann wieder vorn. Die Höhle führte, was auch Kronos hörte. Sein Griff wurde härter. „Sprich.“
Rhea hob die Hand nach vorn, auf den nächsten Knick des Gangs. „Dort teilt es sich.“
„Und das Kind?“
Sie zwang sich, ihn anzusehen. „Wenn sie es schnell fortbringen wollten, nicht den breiten Weg.“
Er suchte in ihrem Gesicht nach dem Bruch, nach dem Zögern. Sie gab ihm beides nicht. Hinter ihnen drängten seine Männer nach. Einer trat auf den Arm des Gefallenen an der Schwelle und fluchte, weil der Körper unter dem Fuß nachgab.
Am Knick lagen weitere Steine. Zwei dicht an der Wand, einer etwas weiter im Weg. Gaia. Rhea bemerkte sie und wusste zugleich, dass Kronos sie bemerkte. Wenn sie jetzt auf den gesetzten Zug deutete, führte sie ihn. Wenn sie es mied, würde er den Verdacht sofort gegen sie wenden. Einen Atemzug später wies sie nach rechts, wo sich der Gang enger zog. Der Boden stieg leicht an. Von dort kam Lärm, hastig, nah genug, um nach Bewegung zu klingen. Links zog der breitere Ast weiter in die Dunkelheit, und aus ihm kam fast nichts.
„Hier“, sagte sie. „Sie werden Deckung suchen, nicht Raum.“
Kronos riss sie nach rechts mit sich. „Wenn du lügst—“
Sie sagte nichts. Es war besser so.
Der