Chapitre 6
Die zwei Steine
An sich, noch ehe sein ganzer Körper zur Ruhe kam.
Schwer hing er in ihren Armen, nicht wie ein Säugling, nicht wie der, den sie verloren hatte. Halb gegen ihre Brust, halb auf dem Fels kauerte ein Mann, nass von Schleim, Atem und Resten aus Kronos’ Leib. In ihrer Armbeuge ruhte sein Kopf. An Stirn und Wangen klebte sein Haar. Sie strich es ihm aus dem Gesicht, ohne zu merken, dass ihre Hand zitterte.
„Poseidon.“
Sie sagte es leise, dicht über ihm.
Seine Lider zuckten. Stockend und hart zog er Luft ein, und der nächste Atem kam flacher. Sein Mund öffnete sich, schloss sich wieder. Orientierungslos glitt sein Blick über ihren Hals, über ihre Schulter, an ihr vorbei. Erst als sie seine Wange mit den Fingern fasste und ihn fester hielt, blieb er an ihrem Gesicht hängen.
Hinter ihr würgte Kronos weiter.
Das Geräusch riss durch den Fels, roh und feucht, und hörte nicht auf. Rhea hob den Kopf. Zeus stand vor ihnen, breit gestellt, den Blick auf seinen Vater gerichtet. Ohne unnötige Bewegung hielt er die Schultern gespannt, die Hände leer. Die Sichel ruhte dort, wo Kronos sie verloren hatte, zu weit, um noch rasch erreicht zu werden.
Auf allen vieren kauerte Kronos und brach unter dem nächsten Krampf fast wieder zusammen. Sein Atem pfiff. Vom Mund hingen ihm Speichel und Galle. Er hob eine Hand, stützte sich ab, rutschte auf dem nassen Stein aus und schlug mit dem Unterarm hart auf. Trotzdem drängte er sich wieder vor, weder in Richtung der Sichel noch gegen Zeus, sondern tiefer über den Fels, den Kopf gesenkt, den Leib verkrampft.
Ein weiterer Stoß ging durch ihn, doch kein Körper folgte, nur ein harter, dumpfer Schlag auf Stein.
Etwas rollte aus Kronos’ Mund, stieß gegen eine Kante und blieb liegen.
Rhea erstarrte, als dort weder Leib noch Arm, Haar noch Gesicht erschien.
Der Stein lag nackt vor allen, Wickel trug er nicht mehr. Verhüllt war er von nichts. An manchen Stellen glänzte er glatt, an anderen liefen scharfe Kanten, beschmutzt von dem, was Kronos hervorgewürgt hatte. Er war groß genug, dass kein Auge ihn mit etwas anderem verwechseln konnte. Rhea kannte seine Form nicht erst von diesem Augenblick. Sein Gewicht in ihren Armen war ihr vertraut. Sie erinnerte sich an die Stunden, in denen sie ihn hatte tragen lassen, eingehüllt, gebunden, hingehalten. Sie kannte die Stelle, an der sie ihn statt eines Kindes übergeben hatte.
Ihre Finger schlossen sich fester um Poseidon.
Kronos hob den Kopf. Sein Blick fiel auf den Stein, und zum ersten Mal, seit er zusammengebrochen war, zeigte sich in seinem Gesicht etwas anderes als Schmerz. Es stand blank und wach darin. Scham war es nicht, Zorn auch nicht allein. Er starrte auf das, was da zwischen ihnen lag, und jeder, der hinsah, konnte verstehen, dass dies nicht erst jetzt in die Welt gekommen war.
Rhea nahm nichts von den Umstehenden wahr, keinen Atem, keinen Laut, nur Poseidons unregelmäßiges Atmen an ihrer Brust und das nasse Rasseln aus Kronos’ Kehle.
Sie dachte an die Felsmulde. An seine Hände, die die Wickel aufrissen. An den Augenblick, in dem er begriff, dass sie ihn betrogen hatte. An ihren Körper, leer von dem Kind, das sie fortgegeben hatte, und voll von der Gewissheit, dass sie das andere nicht hatte retten können. Jetzt ruhten beide auf dem Fels, der Sohn in ihren Armen, der Ersatz vor Kronos’ Händen.
Poseidon regte sich. Ein schwaches Zusammenziehen ging durch seinen Leib. Über den Stein unter ihm kratzten seine Finger, suchten Halt, fanden ihre Kleidung und blieben daran hängen. Sie beugte sich sofort tiefer.
„Du bist hier“, sagte sie, mehr sagte sie nicht. Er konnte die Worte nicht tragen. Noch nicht.
Zeus trat dazwischen.
Ohne Hast setzte er den Fuß so, dass Kronos’ Arm daran endete. Dann stand er still. Von unten her blickte Kronos zu ihm auf. Sein Gesicht war verschmiert, die Augen gerötet, der Atem riss in kurzen Stößen aus ihm. Für einen Herzschlag hielt er inne, und in diesem Halt lag noch immer Anspruch.
Rhea sah Zeus’ Kopf nur im Profil, ohne dass sich darin Zögern zeigte. Er sah nicht zu ihr zurück. Er sah auch nicht auf Poseidon.
Über den Titanen gebeugt, wartete er.
„Lass ihn liegen“, sagte Rhea.
Nicht laut gesprochen, und doch schnitt ihre Stimme durch das Rasseln aus Kronos’ Brust. Zeus’ Schulter spannte sich kaum merklich, ein Zeichen, dass er sie gehört hatte. Poseidon lag noch immer halb gegen sie gelehnt. Sein Gewicht zog an ihren Armen. Sie hielt ihren Sohn fester, ohne den Blick von Kronos zu nehmen.
Kronos’ Hand blieb gegen Zeus’ Bein gedrückt. Die Finger krümmten sich. Mit der anderen Hand stemmte er sich auf den Fels, als wollte er sich dennoch weiterziehen. Es gelang ihm nur um eine Handbreit. Seine Brust hob sich hart. Schleim und Galle hingen ihm noch am Kinn. Er reckte den Kopf weiter, bis die Sehnen an seinem Hals hervortraten.
„Gib ihn her“, brachte er hervor.
Niemand rührte sich.
Zeus antwortete nicht. Zwischen Kronos und dem Stein stand er breit genug, dass Kronos weder an ihm vorbei noch unter ihm hindurchkam. Der Stein ruhte offen neben seinem Fuß. Vor Rhea lagen die beschmutzte Kante, die blanken Stellen darunter, die Form, die sie mit Tüchern verborgen hatte. Kleiner als Poseidon war er, härter, lautlos. Und doch steckte in diesem Ding mehr von Kronos’ Schande als in jedem Wort, das hier gefallen war.
Rhea sah ihn nicht lange an.
Es genügte, dass er dort lag und noch immer forderte.
Sein Atem ging stoßweise. Speichel glänzte an seinem Kinn. Eine Hand krallte sich in den Fels, die andere zog sich leer an den eigenen Leib zurück, öffnete und schloss sich, suchte etwas, das nicht mehr unter ihr war. Unter Zeus’ Sandale klemmte der Stein fest. Nackt, schmutzig, unverkennbar.
„Mein Eigentum“, brachte Kronos hervor.
Heiser kamen die Worte, aber ohne Bitte. Er sagte sie mit dem alten Anspruch, der noch nicht begriffen hatte, dass niemand mehr davor zurückwich.
Poseidon hielt Rhea enger an sich. Nicht frei hielt er sich; sein Gewicht hing noch halb an ihr. Seine Finger hatten sich in ihren Ärmel gezogen, ohne Kraft, aber mit einer Hartnäckigkeit, die sie spürte. Fester legte sie die Hand an seinen Rücken. Unter dem Stoff hob und senkte er sich unregelmäßig. Da war er, und das genügte ihr für diesen Augenblick.
„Nein“, erwiderte sie.
Kronos hob den Kopf. Der Blick traf erst sie, dann Zeus. Er musste sich entscheiden, wohin er seinen Zorn richtete, und fand nirgends Gehorsam.
„Er gehört mir.“
„Du hast ihn genommen“, entgegnete Rhea. „Das ist nicht dasselbe.“
Ruhig sprach sie. Vor allen. Die Worte trafen ihn, weil sie ihm nichts ließen, worin er sich verstecken konnte. Weder das Recht noch die Gewohnheit noch den alten Ton, in dem ein Anspruch schon genügt hatte.
Kronos stemmte sich wieder hoch, diesmal nur auf einen Ellbogen. Es war ein kümmerlicher Versuch und gerade deshalb unerträglich hartnäckig. „Gib ihn mir“, sagte er zu Zeus.
Zeus antwortete nicht. Zwischen ihnen hielt er den Blick auf Kronos gerichtet, den Fuß noch immer auf dem Stein.
Kronos’ Mund zuckte. „Hast du mich gehört?“
Das alte Muster darin hörte Rhea. Befehl erst, dann die Erwartung, dass die Welt sich fügte. Selbst jetzt. Selbst auf dem Boden.
„Er hat dich gehört“, stellte sie fest. „Und er wird es nicht tun.“
Kronos fuhr zu ihr herum. In seinen Augen flackerte für einen Augenblick etwas, das nicht nur Wut war. Er maß sie neu, weil sie vor ihm stand und seine Sprache zurückwies und tat, als gehöre sie nie zu ihm.
„Du“, sagte er.
Weiter kam er nicht. Der Atem brach ihm wieder weg. Er hustete trocken, rang danach, die Schwäche niederzuzwingen, und scheiterte daran in aller Öffentlichkeit. Seine Hand scharrte über den Fels. Die Fingerspitzen hinterließen feuchte Spuren im ausgespienen Schmutz.
Kurz senkte Rhea den Blick zu Poseidon. Seine Stirn lehnte noch immer an ihrem Arm. Sie strich ihm einmal über das Haar, schlicht, ohne Hast. Er zuckte kaum merklich unter der Berührung und blieb an sie gedrückt.
„Sieh nicht auf ihn“, murmelte sie leise zu ihm.
Ob er die Worte aufnahm, wusste sie nicht. Aber sie sagte sie trotzdem, hob den Kopf wieder und sah in die Stille der anderen. Zusammen war es Antwort genug, und Kronos sah es ebenfalls.
Rauer wurde seine Stimme. „Rhea.“
Früher hatte in ihrem Namen noch Zugriff gelegen. Jetzt nur noch Versuch.
Sie antwortete nicht sofort. Sie ließ ihn warten, bis er gezwungen war, weiterzusprechen.
„Du wusstest es.“
„Ja“, bestätigte sie.
Mehr gab sie ihm nicht. Ohne Erklärung, ohne Trost, ohne Schonung.
Er schloss für einen Atemzug die Augen. Vielleicht sammelte er Kraft. Vielleicht suchte er noch eine Form, in der er nicht ganz verloren aussah. Als er sie wieder öffnete, war der Hass darin klarer geworden.
„Du hast mich betrogen.“
Rhea hielt still. Poseidon an ihrem Leib, Zeus vor ihnen, Kronos auf dem Fels.
„Ich habe mein Kind geschützt“, sagte sie.
Kronos’ Gesicht verhärtete sich.
„Du verschlangst ihn“, fuhr sie fort, „weil du mein Kind nicht erkannt hast.“
Durch den Raum ging etwas. Kein Laut, der sich ganz löste, eher ein kurzes Verhärten der Luft zwischen den Anwesenden. An den Rändern des Felses standen die Kureten noch immer mit gesenkten Schultern, aber nicht wehrlos. Während Amaltheia sich nicht rührte, trat niemand vor, um Kronos zu helfen. Niemand bückte sich nach dem Stein.
Poseidon hielt Rhea enger, nur einen Fingerbreit, mehr nicht. Gegen sich spürte sie sein Gewicht, das unruhige Heben seiner Brust, die Nachwirkung des Zwangs, mit dem er in die Luft und in den Raum zurückgeholt worden war. Seine Hand hatte sich in ihren Gewandstoff gekrallt, und sie ließ ihn.
„Das“, sagte sie, und ihr Blick glitt nicht zu Kronos, sondern auf den Stein am Boden, „lag an deiner Stelle in deinen Händen. Das nahmst du. Das behieltest du. Nicht ihn.“
Poseidon hob den Kopf ein wenig. Sofort legte Rhea ihm die Hand an den Nacken und drückte ihn sanft wieder gegen sich.
„Nicht hinsehen“, sagte sie leise.
Ob er die Worte ganz hörte, blieb offen; durch den Mund atmend, zuckten seine Lider, während seine Finger noch immer festhielten.
Auf einen Arm stemmte sich Kronos. Es kostete ihn sichtbar Kraft. Der Staub hatte sich an seiner Haut festgesetzt, und an seinem Mund stand noch die Feuchtigkeit des Würgens. Seine Brust hob und senkte sich schwer. Aber als er sprach, suchte seine Stimme noch immer den alten Platz.
„Der gehört mir.“
Bevor irgendwer sonst Luft holen konnte, antwortete Rhea.
„Nein.“
Das eine Wort fiel ohne Schärfe. Gerade deshalb blieb es stehen.
Kronos stieß die Luft hart aus. Er warf sich vor, nicht mit voller Kraft, dazu reichte es nicht mehr, aber mit dem ganzen Rest, den er noch in den Körper zwingen konnte. Früh genug bemerkte Rhea die Bewegung, um Poseidon noch fester an sich zu nehmen. Sie nahm nicht alles zugleich wahr: Zeus’ Stand, den Schritt nicht zurück, die Schulter, die den Anprall annahm, und Kronos, der den Halt verlor, bevor er ihn gewinnen konnte.
Kurz war es, ohne Ringen, ohne offenen Kampf.
Gegen den Sohn kam Kronos nicht durch, der Stoß brach an ihm ab. Er wich nicht. Kronos’ Arm schoss noch einmal nach vorn, an ihm vorbei, nach unten, suchend, greifend. Seine Finger erreichten nur leeren Raum. Im nächsten Augenblick sackte er zurück, erst auf ein Knie, dann mit der Hand auf den Fels, den Kopf gesenkt, den Atem hörbar.
Niemand rührte sich.
Schluckend verharrte Poseidon. Einmal strich Rhea ihm langsam über das Haar, bis seine Finger sich einen Hauch lockerten.
„Vor allen“, sagte sie dann.
Kein Ausruf war es. Sie sprach in denselben Raum, in dem Kronos eben befohlen hatte, und machte genau diesen Raum gegen ihn fest.
„Vor allen erkanntest du ihn nicht. Vor allen nahmst du ihn und verschlangst stattdessen den Stein. Vor allen liegt er da. Und vor allen bekommst du ihn nicht zurück.“
Kronos hob den Kopf. In seinem Gesicht stand etwas, das nicht Bitte war und nicht nur Hass. Offener Schock lag darin, dass die Worte nicht mehr von ihm ausgingen und dennoch galten.
„Du wagst—“
„Ja“, entgegnete Rhea.
Mehr brauchte sie nicht. Lange genug hatte sie geschwiegen, um zu wissen, wann ein Satz zu viel wurde.
Poseidons Finger hielten den Gewandstoff noch immer umklammert.
Er hob den Kopf ein wenig aus ihrer Schulter, nicht weit, nur genug, dass sein Blick nicht mehr an ihr hängen blieb. Sofort lief die Bewegung durch Rheas Arm. Sie legte ihm die Hand an den Nacken, nicht um ihn zurückzuziehen, sondern um ihn zu halten, falls er wieder einbrechen sollte.
Während seine Augen über den Fels glitten, folgte sie dem nicht.
Den Stein dort kannte sie. Den Titanen vor ihnen hatte sie vor sich. Auch der Raum war ihr vertraut, endlich still genug geworden, damit die Wahrheit nicht mehr übertönt werden konnte. Wichtiger als all das war für sie Poseidons Atem. Noch ungleichmäßig, noch vorsichtig, aber nicht mehr nur gegen den Schmerz. Sein Griff blieb fest. Sein Körper hing nicht mehr ganz so schlaff gegen sie.
Kronos drückte sich mit beiden Händen hoch, und der Versuch kostete ihn sichtbar Mühe. Der Atem ging hart durch ihn. Ganz auf die Beine kam er nicht. Halb erhoben blieb er, ein Knie noch am Boden, den Rücken gespannt, den Kopf vorgestreckt. Seine Augen gingen an Zeus vorbei zu Rhea.
„Gib ihn her.“
Nicht weit reichte seine Stimme. Dennoch lag darin noch immer derselbe Ton, mit dem er genommen hatte, was er beanspruchte: ein Befehl.
Rhea antwortete nicht sofort. Sie hielt Poseidon enger, während Kronos das Gewicht eines einzelnen Wortes gegen sie warf. Neben dem Fels stand Zeus unbewegt. Die Augen auf den Stein gerichtet, gab er den Weg nicht frei, Kronos nichts zurück, nicht einmal den Anschein von Gehorsam.
„Hast du mich nicht gehört?“, presste Kronos hervor.
Rhea hob den Blick. „Doch.“
Mehr sagte sie zunächst nicht. Sie ließ das Wort stehen. Sie sah, wie es ihn traf, nicht wegen seines Inhalts, sondern weil es nicht folgte, wohin er es haben wollte. Er war es gewohnt, dass ein Gehör sofort eine Regung nach sich zog. Dass ein Befehl eine Hand löste, die Augen senkte, einen Schritt brachte. Jetzt blieb alles still, während Poseidon sich in ihrem Arm regte.
Langsam, zögernd hob er den Kopf weiter. Sein Blick lag nun offen vor ihnen. Rhea sah nur, wie sein Gesicht sich veränderte. Die Stirn spannte sich, die Lippen gingen auseinander, der Atem stockte ein einziges Mal. Dann kam er wieder, flach und schnell.
Sie strich ihm sofort mit dem Daumen über die Schläfe. „Hier“, sagte sie leise.
Auf die kleinste Wendung gegen ihre Hand reagierte er. Aber seine Augen blieben vorne. Er hatte etwas gesehen, das sie ihm nicht nehmen konnte, auch wenn sie es gewollt hätte.
Auch Kronos sah es. Für einen Moment huschte etwas Unruhiges durch sein Gesicht, ehe es wieder dem alten Anspruch wich.
„Er gehört mir“, sagte er. „Beide gehören mir.“
Da hob Zeus leicht den Kopf, nur genug, dass Rhea es auffiel. Seine Aufmerksamkeit lag nicht mehr nur auf Kronos. Sein Blick ging kurz nach unten, dorthin, wo am Fels der erste Stein lag.
Rhea sah die Regung, nicht ihren ganzen Sinn. Doch sie sah, dass Zeus nun etwas klarer erkannte als im Augenblick davor.
Kronos setzte die Hand fester auf den Steinboden und wollte sich weiter aufrichten. Es misslang. Ein Ruck ging durch seinen Leib. Er hielt inne, den Mund offen, als müsse er den eigenen Atem erst bändigen. Seine Finger krallten sich in den Fels, und das Würgen kam zurück.
Diesmal war es kürzer, aber härter; sein ganzer Körper zog sich zusammen. Der Laut riss rau aus ihm heraus. Rhea nahm Poseidon sofort dichter an sich, legte ihm die Hand über den Hinterkopf und drückte ihn gegen ihre Brust. Doch Poseidon war nicht mehr blind in ihrem Halt; er verbarg sich nicht völlig, sondern hörte. Vor ihm geschah es.
Kronos würgte ein zweites Mal, dann ein drittes. Etwas Hartes schlug auf den Fels, ein kleines Geräusch, das reichte.
Niemand sprach.
Nicht weit von dem ersten entfernt lag der neue Stein, sauber und unversehrt, nur nass. Er rollte kurz gegen eine flache Kante und blieb liegen.
Rheas Blick ging hin. Ein einziger Schlag von Erkenntnis durchlief sie, nüchtern und kalt: noch ein Rest, noch ein Zeichen dafür, was in ihm gelegen hatte. Es bedeutete weder Poseidon noch das Kind, sondern Stein.
Poseidon versteifte sich in ihren Armen. Diesmal musste sie nicht erst raten, warum. Er sah es jetzt ganz. Vor aller Augen lagen zwei Steine, nicht nur der eine, den sie benannt hatte. Das Zeichen von Kronos’ Griff auf seinem Leben lag offen da, und keines davon war er.
Kronos hob den Kopf nur wenig, seine Lippen waren feucht. Er keuchte. Als er die beiden Steine sah, veränderte sich sein Gesicht für einen kurzen, rohen Augenblick. Darin stand kein Befehl und kein Zorn, der trug. Etwas anderes stand dort. Etwas, das nicht nach außen griff, sondern aus ihm selbst gegen ihn schlug.
Er streckte dennoch die Hand aus.
Doch Zeus trat einen halben Schritt vor, und Kronos’ Hand blieb in der Luft.
Wie weit der Abstand geworden war, begriff Kronos selbst, nicht wegen Kraft allein, dachte Rhea. Zwischen seinen Fingern und den Steinen lag nicht bloß Fels. Da stand nun ein Sohn, der nicht wich.
„Gib sie mir“, verlangte Kronos heiser. Nach Atem ringend, hielt er den Blick unten, als könne er die Dinge durch Benennung wieder ordnen. „Beide. Mein Eigentum.“
Rhea strich Poseidon einmal über das Haar. Seine Schläfe lag an ihrer Brust, aber sein Blick ging nicht mehr fort von dem Boden vor ihnen. Wach genug, um zu sehen, war er schon, stark noch nicht.
„Nein“, erwiderte sie.
Kronos hob den Kopf zu ihr. In seinem Gesicht lag Anstrengung, dazu der alte Trotz, der selbst jetzt nicht nachließ.
„Du hast kein Recht—“
„Der erste war für Poseidon“, entgegnete Rhea.
Sie sprach nicht laut. Der Ort lag still genug, dass jedes Wort stehen blieb.
Kronos’ Mund zuckte. „Er lag in meinen Händen.“
„Nein“, entgegnete Rhea. „Nur in deinem Leib.“
Bei den Worten hielt Poseidon den Atem an, diesmal ohne Furcht. Sein Kopf hob sich ein wenig gegen ihre Hand, gerade genug, dass sie sein Gesicht sehen konnte. Sein Blick ging erst zu dem ersten Stein, dem offenen, nackten, der einst eingewickelt gewesen war, dann zu dem zweiten, noch feuchten, und weiter zu ihr.
In seinen Augen lag kein Fragen mehr. Er sah sie an, und sie wusste, dass er den Weg nun selbst zusammensetzte, aus dem, was vor ihm lag, nicht aus Erzählung.
Kronos presste die Zähne aufeinander. „Beide gehören mir.“
„Der zweite“, erwiderte Rhea, ohne ihn aus den Augen zu lassen, „war gegen deine Gier.“
Jetzt kam endlich Bewegung in sein Gesicht, aber keine, die ihm half. Auf eine Antwort sann er vergeblich; der erste Satz kam nicht schnell genug. Es war deutlich: Sein Anspruch hielt sich noch, doch er trug nicht mehr von selbst. Er musste ihn festhalten, musste ihn mit Stimme, Atem und Willen stützen.
„Gegen mich?“, fragte er schließlich.
„Ja.“
Ihre Stimme zitterte nicht. Sie hielt Poseidon enger, weil sie es wollte, nicht weil sie Halt suchte. Seine Hand, die eben noch kraftlos an seinem eigenen Leib gelegen hatte, hob sich langsam und griff in ihr Gewand, nur so, dass sich der Stoff leicht spannte.
Auch das entging Kronos nicht.
Etwas verhärtete sich wieder in ihm. „Du gibst fort, was mein ist. Erst das Kind. Jetzt die Steine.“
Kaum merklich zuckte Poseidon zusammen. Rhea legte sofort die Finger an seinen Nacken und strich dort langsam entlang. Sie wollte nicht, dass Kronos’ Stimme ihn tiefer erreichte als nötig.
Und dieser Blick traf Kronos.
Kronos wandte den Kopf zu Zeus. Vielleicht weil er bei Rhea nichts mehr gewann. Vielleicht weil er noch immer glaubte, der Sohn vor ihm könne durch Befehl bewegt werden.
„Heb sie auf“, befahl er. „Sofort.“
Zeus antwortete nicht.
Kronos stemmte sich mit einem Arm höher. Der Versuch endete in einem schiefen, unsauberen Ruck. Sein Körper gehorchte ihm nicht mehr so, wie er es verlangte. Für einen Augenblick hing er halb erhoben, dann musste er sich wieder abfangen. Seine Hand schlug auf den Fels, und er verzog das Gesicht.
Rhea schwieg. Sie hätte ihm früher in einer solchen Lage vielleicht Wasser bringen lassen, vielleicht den Raum leer gemacht, vielleicht die Scham vor den anderen von ihm ferngehalten. Nichts davon stieg jetzt in ihr auf, nicht hier, nicht nach allem.
Kronos hob die Stimme, aber sie gewann keinen Raum zurück. „Sie.“
Es war kein Ruf nach Nähe. Es blieb die alte Form, in der er sie an ihren Platz setzen wollte.
Sie antwortete nicht.
„Sag ihm“, presste er hervor. „Sag ihm, dass er sie mir gibt.“
Da legte Poseidon den Kopf ganz frei von ihrer Brust weg und sah sie an, langsam, mit Mühe, aber aus eigenem Entschluss. Seine Lippen waren trocken. Er brauchte einen Moment, ehe ein Laut kam.
„Mich nicht“, flüsterte er leise.
Mehr nicht. Doch die Worte gingen durch die Stille.
Rhea merkte, wie ihr Atem stockte.
Als Rhea merkte, wie ihr Griff um ihn fester wurde, hielt sie ihn nicht aus Angst, sondern damit er die Kraft für den Satz nicht aus dem eigenen Halt nehmen musste. Mit dem Daumen strich sie einmal knapp über seinen Oberarm. Poseidon sah nicht mehr sie an. Sein Blick glitt an Zeus vorbei auf den Fels, auf die beiden harten Stücke, die offen zwischen ihnen lagen.
Sichtbar schmerzte es ihn. Er schluckte und hob das Kinn ein wenig.
„Keiner“, brachte er heiser und flach hervor. Abgehackt sog er Luft ein. „Keiner von beiden.“
Die Worte waren nicht laut. Es brauchte es nicht. Vor allen anderen Worten lagen sie im Raum und nahmen ihnen den Platz.
Kronos’ Gesicht veränderte sich nicht sofort. Für einen Moment blieb nur diese starre Anstrengung darin, mit der er seit geraumer Zeit gegen den eigenen Leib und gegen jede Antwort ansprach, die er nicht hören wollte. Als sich sein Mund hart zusammenzog, antwortete Poseidon nicht.
„Du weißt nicht, wovon du sprichst“, entgegnete er.
Er hatte gesagt, was gesagt werden musste. In Poseidons Körper ließ die Spannung nach, nicht weil er ruhiger geworden wäre, sondern weil er den Satz nicht mehr halten musste. Rhea zog ihn näher an sich, stützte seinen Rücken und hob den Kopf zu Kronos.
„Er weiß es gut genug“, erwiderte sie.
Langsam wandte Kronos sich zu ihr, mit einem Blick, der noch immer den alten Anspruch auf Widerspruch, auf Schweigen, auf Unterordnung trug. „Du hast ihn belogen“, warf er ihr vor. „Wie sie alle.“
Ihr Blick ging zu den Steinen hinunter und wieder zu ihm. Der erste lag nackt auf dem Fels, ohne Tuch, ohne jede Hülle. Der zweite lag dicht daneben, sauber und hart, eben erst aus ihm gekommen. Nichts daran ließ Raum für seine Fassung der Dinge. Er hielt trotzdem daran fest.
„Ich habe dir einen Stein gegeben“, erwiderte sie. „Und du hast ihn verschlungen.“
Wieder hob er sich an, dieses Mal wilder, aus dem Zorn heraus, der ihm mehr Kraft versprach, als er hatte. Sofort brach der Ruck in seinem Leib auseinander. Ein Husten fuhr ihm in die Brust, erst trocken, dann tief. Er presste die Zähne zusammen, wollte es niederhalten. Es gelang ihm nicht. Der nächste Krampf bog ihn nach vorn. Dunkles Blut spritzte auf den Fels, vermischt mit bitter riechenden Resten des Tranks. Ein raues Würgen folgte, lang, hässlich, ohne jede Würde, die ihm noch jemand hätte schützen können.
Gegen sie spannte Poseidon sich, nicht um zu ihm zu wollen, sondern aus dem Schreck des Geräuschs heraus. Rhea hielt ihn fest.
Kronos würgte erneut. Etwas Hartes schlug zwischen Blut und Schleim auf den Steinboden, klein zuerst, dann noch ein Stück, splitternd, trocken. Nichts Lebendiges kam. Kein Laut, der nach Atem klang, außer seinem eigenen. Nur diese letzten harten Reste, die aus ihm fielen und liegen blieben.
Hin blickte Rhea. Mehr brauchte sie nicht. Es bestätigte nur, was von Anfang an offen dalag.
„Siehst du?“ fragte sie mit ruhiger Stimme. „Nicht einmal jetzt gibt dein Leib dir recht.“
Kronos hob den Kopf. Blut stand ihm am Mund, doch er wischte es nicht fort. „Mein Besitz“, brachte er hervor. „Alles davon.“
„Nein“, sagte Rhea.
Eine kurze Stille ließ sie zu. Nicht für ihn, sondern für die anderen. Für den offenen Fels. Für Poseidon, vor dem die Steine nun lagen und der den Satz schon gesprochen hatte, den keiner mehr aus der Welt nehmen konnte.
„…nos.“
Mehr kam nicht aus ihm heraus. Der Rest brach in seinem Hals ab. Hart zog sich sein Leib zusammen. Er fuhr nach vorn, fing sich mit beiden Händen auf dem Fels und würgte. Es kam weder Schrei noch Name, kein Kind. Etwas Dunkles fiel zwischen seine Arme, zäh, blutig, klein. Ein hartes Stück schlug gegen den Fels und blieb liegen.
Unter Rheas Hand zuckte Poseidon, als der Klang aufsprang: Stein auf Stein, kurz, trocken, deutlich.
Rheas Finger hielten noch seinen Nacken, doch nicht mehr fest. Er spürte, dass sie ihn nicht zurückdrückte, als er den Kopf hob. Sein Atem ging flach. Er sah an dem Jüngeren vorbei. Der Vater hing über dem Fels, der Mund offen, Blut am Kinn, Speichelfäden über das Gestein gezogen. Vor ihm lagen die beiden offenen Steine, dazwischen die frischen, roten, harten Reste.
Nichts daran lebte.
Kronos hustete, würgte noch einmal und brachte nur Blut hoch. Seine Schultern bebten. Einen Augenblick lang stemmte er sich nur halb auf. Sein Blick glitt an den blutigen Stücken vorbei und suchte den offenen Steinraum vor dem Sohn.
„Zurück“, stieß er hervor.
Der Jüngere rührte sich nicht.
Mit einer alten Gebärde hob er den Arm. „Ich sagte—“
Er kam nicht weiter. Zeus trat einen Schritt vor, ruhig und ohne Zögern. Der Raum zwischen Kronos und den Steinen wurde kleiner, enger, unpassierbar.
Poseidon löste sich aus Rheas Halt. Erst nur mit den Schultern. Er zog den Kopf ganz aus ihrer Hand. Rhea ließ ihn. Ihre Hand verharrte an seinem Rücken, bereit, falls Poseidon fiel. Er setzte die Füße fester gegen den Fels und richtete sich so weit auf, wie sein Leib es zuließ.
Mit dem Blick blieb er bei Zeus, nicht bei Kronos.
„Gib ihm keinen“, bat Poseidon.
Die Worte waren leise. Trotzdem hörte Zeus sie. Nur um einen Atemzug weit wandte sich sein Kopf zurück.
Poseidon schluckte. Sein Hals schmerzte noch von allem, was hindurchgemusst hatte. Er zwang die Stimme ein zweites Mal heraus. „Keinen von beiden.“
Der Titan fuhr zu ihm herum. In seinem Gesicht stand etwas, das Besitz sein wollte und nur Wut war. „Du befiehlst nicht über mein—“
„Nein“, erwiderte Poseidon.
Es war nicht laut, doch es reichte. Er hielt Kronos’ Blick nicht lange fest. Es kostete ihn zu viel. Aber er wich ihm auch nicht aus. „Nicht dein.“
Neben ihm wurde Rheas Atem hörbar. Sie zog die Luft scharf ein.
Kronos drückte sich ganz hoch und stand für einen Moment wirklich da: breit, blutig, schwankend. Er warf sein Gewicht nach vorn.
Er ging nicht auf Poseidon los. Er ging auf Zeus. Die Schulter zuerst, beide Arme nachziehend, die Hände offen, um zu packen, zu reißen, zu stoßen, was noch vor ihm stand. Es war kein guter Angriff mehr. Es war der Rest von Kraft, der sich noch einmal ganz ausgab.
Zeus nahm ihn an der Brust und an der Schulter auf. Der Aufprall fuhr durch beide Körper. Der Fels unter ihren Füßen kratzte. Kronos schob, keuchend, mit allem, was ihm noch blieb. Zeus gab keinen Schritt auf den Steinraum nach. Sein Rücken spannte sich. Er setzte den Fuß anders, fing den Druck ab und stieß zurück.
Kronos geriet ins Rutschen. Er fing sich, riss nach Zeus’ Arm, verfehlte den Griff, traf nur Stoff und Haut. Zeus schlug die Hand weg, hart genug, dass Kronos’ Arm zur Seite fuhr. Noch einmal warf Kronos sich vor, diesmal tiefer, verbissener, mehr Fall als Stoß.
Wieder hielt Zeus stand.
„Genug“, rief Zeus.
Kronos antwortete mit einem heiseren Laut und drängte weiter. Zeus packte ihn jetzt mit beiden Händen, fest, sichtbar, ohne Eile. Einen Augenblick standen sie nah genug, dass Kronos ihm Blut auf den Unterarm strich. Zeus schob.
Nur so weit, dass es reichte.
Kronos’ Füße fanden den Halt nicht sofort. Er taumelte zurück, stolperte über eine Unebenheit im Fels und musste mit einer Hand nach unten fahren, um nicht ganz zu fallen. Der andere Arm hing einen Schlag lang nutzlos neben ihm. Sein Atem ging stoßweise. Wieder hob er den Kopf, wieder wollte sein Blick herrschen, und wieder stand Zeus noch dort, unverrückt, zwischen ihm und allem, was er beansprucht hatte.
Bevor Kronos einen neuen Befehl formen konnte, sprach Rhea.
„Alle haben es gesehen“, sagte Rhea.
Ihre Stimme ging nicht gegen den Lärm an. Sie legte sich darüber und hielt sich. Poseidon wandte den Blick ein wenig zu ihr. Sie saß noch immer auf dem Fels, nur anders als zuvor: aufrecht. Die Hand, die ihn gehalten hatte, lag jetzt offen zwischen ihnen.
Mit einem knappen Zeichen deutete sie auf den Stein, der näher bei Zeus lag. „Das ist der Stein,
„den du statt meines Kindes geschluckt hast.“
Niemand sprach dazwischen.
Der Satz hing im Raum. Er lag offen bei den zwei Steinen auf dem Fels, bei dem roten, harten Rest in ihrer Mitte, bei Kronos’ Atem, bei Zeus’ Leib, der den Weg versperrte.
Auf den Stein, auf den Rhea gezeigt hatte, fiel Poseidons Blick, nackt und hart, daneben der andere. Auch nicht er. Dazwischen das Frische, Rote, Starre. Nichts daran lebte. Nichts daran atmete. Nichts davon gehörte zu Bruder, Schwester, Kind.
Rheas Hand verharrte offen. Die andere hielt ihn noch immer am Rücken. Ihre Finger ruhten fest unter seinem Nacken, nicht drängend, nicht nachgebend. Sie ließ ihn sehen.
Ein Stück richtete sich Kronos wieder auf. Die Hand, mit der er den Fels gefasst hatte, rutschte über Blut und Staub. Sein Brustkorb ging hart. Rhea sah er nicht an. An Zeus vorbei fiel sein Blick auf den Felsbrocken.
„Lüge“, brachte er hervor.
Es kam nicht laut heraus, weil die Kraft nicht mehr dafür reichte, während der Anspruch darin blieb.
„Mein Sohn“, presste er dann hervor, rauer, mit einem Zug Luft, der ihm fast wegbrach. „Mein Stein.“
Poseidon spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog, aus dem alten Zwang in diesen Worten. Mein. Sohn. Stein. Beides sollte im selben Griff bleiben. Weiter hob er den Kopf aus Rheas Arm.
„Nein“, erwiderte er.
Nur ein Wort, das nicht fiel, sondern stand.
Zu ihm zuckte Kronos’ Blick hin. Für einen Schlag lang zeigte sich darin nicht nur Wut. Das Nichtbegreifen trat hinein, dass das Wort wieder kam, dass es blieb, obwohl es schon gehört worden war.
Poseidon hielt seinen Blick nicht lange, weil er es nicht musste. Dann glitt er zurück zu den Steinen.
„Nicht dein“, murmelte er leiser.
Rhea bewegte sich nicht. Nur ihr Daumen strich einmal kurz an seinem Rücken entlang, eine Bestätigung, mehr nicht.
Scharf zog Kronos Luft ein. „Alles hier ist mein“, stieß er aus. „Gebt ihn her.“
Er meinte den Stein, vielleicht beide. Poseidon wusste es nicht. Er wusste nur, dass Kronos wieder nahm, was offen vor ihm lag, schon mit Worten, noch bevor seine Hände es erreichten.
Zeus antwortete nicht.
Breit postierte er sich vor den Steinen, die Augen auf Kronos gerichtet. Blut von Kronos war auf seinem Unterarm verschmiert, dunkler jetzt. Mit schnellem, aber gleichmäßigem Atem rückte er nicht zur Seite.
Rhea hob das Kinn. „Wegen eines Kindes.“
Zu ihr herum fuhr Kronos, so schnell er noch konnte. „Schweig.“
„Nein“, entgegnete Rhea.
Sie sagte es ohne Lautstärke, ohne Hast. Es klang nicht wie Widerrede. Es klang wie etwas, das längst feststand.
Kronos wollte wieder sprechen. Was kam, war erst nur ein Hustenstoß, trocken und schmerzhaft, dann ein gepresstes Einziehen von Luft. Er drückte die Zähne aufeinander und machte sich los von dem Anfall, wieder vor, wieder auf Zeus zu.
Diesmal ging von Zeus nur eine Hand hoch.
Die flache Hand hielt sich zwischen ihnen, auf Brusthöhe, eindeutig: kein Schlag, kein Stoß, bis hier.
Kronos ging trotzdem hinein. Die Hand traf ihn nicht hart, aber sie hielt. Gegen Brustbein, gegen den Schwung, den Rest von Angriff. Er kam nicht weiter. Für einen Augenblick stand er gegen Zeus’ Arm gedrückt und hatte nicht genug Kraft, ihn wegzudrücken.
„Du wirst mir nicht befehlen“, erklärte Zeus.
Um Zeus’ Handgelenk schlossen sich Kronos’ Finger. Der Griff war schmutzig, blutig, nicht mehr sicher. Zeus löste ihn einfach wieder, drehte den Arm aus der Umklammerung und setzte den Fuß vor den Raum zwischen den Steinen.
Damit war klar, dass Kronos jetzt nicht mehr durchkam.
Er stand schwer atmend vor Zeus, das Blut an Kinn und Hand, die Schultern hochgezogen, der Blick immer wieder an Zeus vorbei auf den Fels gerichtet. Dort lagen die beiden Steine offen nebeneinander. Zwischen ihnen klebten frische, harte, rote Reste. Nichts daran bewegte sich, nichts daran antwortete. Poseidon hielt den Atem flach, weil schon der Anblick ihm den Magen zusammenzog.
Fest lag Rheas Hand an seinem Nacken. Der andere Arm hielt ihn über Brust und Rippen. Sie ließ ihn nicht los. Zum Schweigen drängte sie ihn nicht. Sie hielt ihn nur aufrecht, während Kronos noch einmal versuchte, den Raum mit Worten zurückzuholen.
„Beiseite“, stieß Kronos zu Zeus hervor. Seine Stimme brach auf dem letzten Wort. „Beide gehören mir.“
Unter Rheas Hand spannte sich Poseidons Rücken an. Die Worte trafen ihn sofort, nicht neu, aber jedes Mal roh. Sohn und Stein. Alles in einem Griff. Vor sich hatte er die beiden Brocken, den einen näher bei Zeus, den anderen daneben, und wusste wieder mit derselben Klarheit wie zuvor, dass keiner von beiden er war.
„Nein“, sagte er.
Als Kronos’ Kopf herumfuhr, fand der Blick ihn sofort. Besitz, Zorn, Unglaube. Nichts daran hielt inne.
„Du“, begann Kronos, und wieder lag darin kein Sohn. „Du bist—“
„Nein“, erwiderte Poseidon noch einmal. Die Stimme war nicht laut. Sie trug trotzdem. „Nicht dein.“
Rheas Arm zog sich fester um ihn, nicht um ihn zurückzuhalten, sondern damit er den Satz zu Ende sagen konnte, ohne wegzusacken. In Kronos’ Gesicht zuckte etwas, das weder Überraschung noch Schmerz allein war. Er wandte sich gegen sie.
„Das ist dein Werk“, presste er hervor. „Dein Betrug.“
Rhea antwortete nicht sofort. Ihr Halt blieb unverändert. Poseidon spürte ihren Atem dicht hinter sich, ruhig, gleichmäßig, gegen seine Schulter. Als sie sprach, tat sie es in demselben Ton, in dem sie eben Nein gesagt hatte.
„Ja“, sagte sie.
Kronos starrte sie an.
Rhea hob die Hand nicht, zeigte nicht, trat nicht vor. Sie brauchte es nicht. Ihr Blick ging an Zeus vorbei auf den Brocken, der ihm am nächsten lag.
„Das ist der Stein“, sagte sie, „den du an Poseidons Stelle geschluckt hast.“
Keiner sprach dazwischen, und der Satz lag offen vor allen. Keine Vermutung. Keine List, kein ausweichendes Wort. Poseidon blickte den benannten Stein an. Er lag nackt auf dem Fels, unversehrt, kalt, deutlich getrennt von dem, was zwischen den Steinen an harten, roten Resten klebte. Neben ihm lag der andere Stein, vor ihm Zeus, hinter ihm Rhea.
Nicht weit kam er, kaum mehr als ein Stoß seines Gewichts nach vorn. Zeus brauchte nur den Stand zu setzen, den Fuß noch fester vor den Felsraum, die Schultern gerade, die Arme nicht einmal weit ausgebreitet. Es reichte. Wieder lief Kronos in eine Grenze, die nicht wich.
Ein Husten riss ihn mitten in der Bewegung zurück. Er krümmte sich, eine Hand an den Mund gepresst, und etwas Dunkles tropfte zwischen seinen Fingern auf den Steinboden. Er würgte, erst trocken, dann mit Gewalt. Ein harter, roter Rest fiel aus ihm heraus und schlug dicht vor Zeus’ Fuß auf den Fels.
Als Poseidons Blick hinüberglitt, riss er ihn sofort wieder fort: wieder nur Blut, Härte, tote Masse. Darin kein Kind, kein Gott, kein Atem.
Schwankend richtete sich Kronos auf, die Lippen rot, die Zähne bloß. „Gib ihn mir“, brachte er heiser hervor.
Wen er meinte, blieb unklar: den Stein, den Sohn. Beides lag in seiner Stimme noch immer zusammen.
„Nein“, sagte Poseidon.
Wieder sprang Kronos’ Blick zu ihm. Poseidon hob das Kinn ein Stück, obwohl sein Körper noch gegen Rhea lehnte.
„Nicht ich“, sagte er und blickte auf den von Rhea benannten Stein. „Der Stein.“
Es war nicht mehr viel Stimme darin, aber genug. Rhea antwortete nicht für ihn. Sie hielt ihn nur, während seine Worte im Raum blieben. Die Trennung stand jetzt doppelt da: aus ihrem Mund, aus seinem.
An Kronos zeigte sich kein Verstehen. Nur ein kurzer, starrer Blick, ein Zucken an der Schläfe, der vergebliche Versuch, noch einmal an Zeus vorbei zu spähen, als könnte der benannte Stein sich wieder entziehen, wenn er nur nah genug herankam.
„Lügnerin“, stieß er zu Rhea aus.
„Nein“, sagte sie.
„Diebstahl“, warf Kronos zurück.
Zeus antwortete ihm nicht. Er sah ihn nicht einmal an. Sein Blick lag auf dem Fels vor sich, auf dem benannten Stein, auf Kronos’ Abstand dazu.
Kronos sammelte sich für einen weiteren Vorstoß. An den Schultern, am Kiefer, an der letzten Spannung, die er noch aus dem Leib presste, war es zu erkennen. Es kam nicht weit. Zeus fing ihn nicht mit Schlag oder Griff auf. Er stand nur da.
Gegen diese Ruhe verlor er den Schritt und musste den Fuß zurücksetzen, um nicht vornüber auf den Fels zu fallen.
Für einen Moment hing nur sein Atem im Raum. Rau, kurz, mit Blut darin.
Rhea hob den Kopf. Ihre Hand lag an Poseidons Brust, fest genug, dass er ihren Halt durch den Stoff und durch den Schmerz darunter spürte. Zu Kronos gewandt, sprach sie nicht leise.
„Ja“, erwiderte sie. „Ich habe dich betrogen.“
Kronos’ Blick fuhr zu ihr.
Die andere Hand löste Rhea nicht aus Poseidons Nacken. „Diesen Stein habe ich dir an seiner Stelle gegeben.“ Sie wies nicht auf Poseidon. Sie deutete auf den nackten Brocken auf dem Fels. „Ihn hast du verschlungen. Nicht ihn.“
Poseidon sah den Brocken, den sie meinte, offen auf dem Fels liegen, blank und kalt, daneben den anderen, unversehrt, davor und dazwischen das Frische, Rote, Harte. Alles lag da. Nichts daran atmete. Nichts daran sah zu ihnen zurück.
Kronos starrte auf das benannte Stück. In seinem Gesicht lag kein Erkennen, nur Besitz.
Etwas in ihm wurde still.
Gegen das Zittern in den Knien und gegen die Schwäche, die ihm den Leib schon nach unten zog, holte Kronos Luft und richtete sich ein Stück höher auf. Sein Blick wanderte zu Zeus hinauf, während er das Kinn hob. „In meinem Haus“, stieß er heiser hervor, „gegen deinen Vater.“
Zeus rührte sich nicht.
Noch klebte Blut Kronos am Mund. „Du stellst dich zwischen mich und das Meine.“
Nur kurz spannten sich Poseidons Finger gegen Rheas Arm. Vor ihm hielt der Göttervater, breit, gerade, ohne Hast, die Hände fern von jeder Waffe. Nur dieser Stand, der keinen Weg offenließ. Zwischen Kronos und den Steinen war kein Raum mehr, den er erreichen konnte.
„Dein Haus“, entgegnete Zeus.
Ruhig sagte er es, und nicht laut; trotzdem trug der Raum die Worte.
„Du hast es mit Verschlingen regiert. Mit Verbergen. Mit dem Anspruch, dass alles in dir endet.“ Erst jetzt hob er den Blick zu Kronos. „Damit ist es vorbei.“
Kronos’ Gesicht zuckte. Er setzte zu einem Schritt an; der Fuß kam nicht weit. Zeus wich keinen Fingerbreit.
„Aus dem Weg“, verlangte Kronos.
Zeus antwortete sofort. „Nein.“
Das Wort hing kurz und hart zwischen ihnen. Poseidon hörte darin sein eigenes Nein nicht wieder. Es war ein anderes, schwerer, endgültig.
Kronos’ Brust hob sich. Seine Schulter ging vor, er wollte sich mit dem ganzen Rest seines Gewichts noch einmal durchsetzen. Zeus musste ihn nicht berühren. Kronos stieß gegen die Grenze aus Fleisch und Stand, fand keinen Halt darin und fiel in sich zurück. Sein Atem brach. Für einen Moment hing sein Kopf nach vorn, während Blut vom Kinn auf den Steinboden tropfte.
Rhea sagte nichts mehr, ihre Hand blieb, wo sie war.
Kronos hob den Kopf wieder. In seinen Augen brannte jetzt Wut ohne Richtung. Sie sprang zu Rhea, zu Poseidon, zurück zu Zeus.
„Mein Sohn“, presste er hervor.
Poseidon sah ihn an.
Er hätte darauf antworten können. Das Nein lag ihm schon zu lange im Mund, um Mühe zu kosten. Du bist nicht mein Vater. Aber Kronos’ Blick war schon weitergerutscht. Er suchte nicht ihn.
Poseidon sagte nichts. Zeus schon; seine Stimme klang eben.
„Nichts von dem, was du verschlungen hast“, erklärte er, „kehrt in dich zurück.“
Kronos erstarrte. „Weder Stein noch Kind. Weder Gott noch Name. Nichts.“
Die Worte kamen nicht schnell. Jedes verharrte. Poseidon sah, wie sie Kronos trafen. Anders als ein Schlag. Das Gesicht verlor erst die letzte Spannung, dann die Farbe unter dem Blut. Der Versuch, sich noch aufrecht zu halten, löste sich aus Schultern und Rücken. Er stand noch, aber nur mit Mühe, als Kronos’ Mund sich öffnete.
„Du befiehlst mir nicht“, brachte Kronos hervor.
„Ich sperre dich nur aus“, entgegnete Zeus. Kein Wort kam sofort. Sein Blick glitt wieder auf den Fels. Auf das benannte Stück. Auf den zweiten. Auf das Frische, Harte, Rote davor. Dann zurück zu Poseidon.
Erst da sah Poseidon deutlich, dass Kronos in all dem nichts suchte, das ihn ansehen konnte. Kein Zeichen von Wiedererkennen, kein Zögern, kein Griff nach einem Sohn. Nur die Unruhe eines Besitzers vor offenem Verlust.
Etwas, das in ihm noch gewartet hatte, fiel weg.
Unter seinen Rippen wurde Rheas Arm fester, nicht drängend, nur haltend. Ihre andere Hand lag noch an seinem Nacken. Sie ließ ihn gerade so weit vor, wie er selbst ging. Er musste sich nicht aus ihr lösen, um aufrecht zu bleiben. In ihrer Kraft stand er und hörte Kronos atmen.
Das Blut tropfte weiter. Es traf den Fels in kleinen, unregelmäßigen Abständen, während Kronos’ Blick an dem nackten Brocken hing. Sonst bewegte sich niemand.
Rhea sprach zuerst.
„Ja“, erwiderte sie, und ihre Stimme klang ruhig. „Ich habe dich betrogen.“
Er zuckte nicht einmal mehr. Kurz sah er sie an, hart und leer zugleich.
Rhea hielt Poseidon weiter, während sie weitersprach. „Ich habe dir nicht Poseidon gegeben. Ich habe dir diesen Brocken gegeben.“ Sie hob die Hand nicht vom Körper ihres Sohnes, deutete nicht, und doch war kein Zweifel möglich, welcher gemeint war. „Nackt ist er jetzt. Offen liegt er da. Aber das ist derselbe Brocken, den ich an seine Stelle in deine Hände legte.“
Kronos’ Mund verzog sich. „Mein“, brachte er heiser hervor.
Rhea unterbrach ihn nicht. „Du hast ihn verschlungen. Dieses Kind nicht.“
Keines ihrer Worte brauchte Poseidon, um zu wissen, was auf dem Fels lag. Er hatte es längst erkannt. Und doch veränderte es etwas, dass sie es wieder sagte, vor allen, ohne Ausweichen, ohne Schutz. Jede Verdeckung war fort, und in ihrer Stimme lag keine Scham; sie nahm nichts zurück.
„Und ich habe ihn dir entzogen“, fuhr sie fort. „Ihn und den Brocken an seiner Stelle.“
Der Titan hob das Kinn. Es kostete ihn sichtbar Kraft. Seine Brust arbeitete gegen den Schmerz. „Diebisches Weib.“
Zeus rührte sich nicht.
Kronos machte einen Schritt.
Kaum mehr als ein Schieben des Fußes über den Steinboden, richtete er sich trotzdem eindeutig gegen Zeus. Noch ehe der Schritt ganz gesetzt war, stellte Zeus sich schon so, dass kein Weg offen blieb.
Kronos stieß an ihm an.
Verzweifelt traf seine Schulter Zeus’ Brustseite, mit dem Rest dessen, was ihm noch im Leib geblieben war. Sein Arm hob sich halb und wollte um ihn herumgreifen. Zeus wich nicht, griff aber auch nicht zu, sondern stand nur da, sodass Kronos nicht vorbeikam.
Der Versuch zerfiel direkt zwischen ihnen. Seine Hand sank. Seine Knie gaben fast nach. Erst im letzten Moment fing er sich, schwer atmend, den Blick wieder unten, immer unten.
„Gib“, brachte er hervor.
Niemand antwortete sofort.
Hinter sich war zu spüren, wie Rhea den Atem anhielt und langsam wieder ausstieß. Ihre Finger an seinem Nacken verschoben sich leicht, um ihm Halt zu geben, falls er ihn brauchte. Er verharrte und sah zu, wie Kronos nicht mehr zu ihm aufsah.
Das war der letzte Rest. In diesem Blick lag weder Sohn noch Frage, kein Erkennen, nur Forderung.
„Nein“, erwiderte Poseidon.
Leise war es nicht, schwach, aber deutlich.
Kronos reagierte diesmal sofort. Sein Kopf fuhr hoch; für einen Augenblick trafen sich ihre Blicke. In Kronos’ Augen brannten Wut, Schmerz und Zwang. Schon im nächsten Augenblick riss es sie wieder hinunter, zu dem Stein.
„Nicht dein“, brachte Poseidon hervor.
Über ihn hinweg sagte Rhea, ruhig und hörbar für alle: „Nie deins. Weder der Sohn noch der Stein, den ich an seiner Stelle gab.“
Kronos stand da und schwankte. Seine Lippen bewegten sich, aber erst kam kein Laut. Dann: „Alles aus mir.“
Zeus sah ihn an, lange genug, dass es Entscheidung war. Danach senkte er den Blick auf den Fels.
Er bückte sich.
Es geschah ohne Hast. Er ließ Kronos dabei nicht aus dem Raum seiner Aufmerksamkeit, aber seine Hand ging gerade hinunter zu dem nackten Stein, den Rhea benannt hatte. Zu dem Stein, der an Poseidons Stelle verschlungen worden war. Seine Finger schlossen sich darum. Das Gewicht lag stumpf und vertraut in seiner Hand, nicht nur Beweis, sondern die Last dessen, was ihnen genommen und vorenthalten worden war.
Kronos machte ein Geräusch, roh und