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    PANATHINAIA

    Alexia Michailidou · Band 1

    PANATHINAIA

    Chapitre 8 sur 14

    Chapitre 8

    Der Gang hinter den Matten

    sondern zu dem Kind.

    Die Wachen blickten einander an. Einer machte unwillkürlich einen Schritt zur Seite, obwohl niemand ihm befohlen hatte, Raum zu geben. Hinter Holz und Eisen folgte ein gepresster Atemzug; ein Laut brach ab, weil Rhea die Zähne aufeinanderpresste. Ihre Stimme kam wieder, heiser, nah an der Tür.

    „Still. Ich bin hier.“

    Kronos stand unbeweglich vor der Schwelle. Seine Hand lag offen am Griff seines Sichelschwerts, ohne es zu fassen. Da er nicht länger auf eine Nachricht wartete, horchte er.

    Ein weiterer Schmerzenslaut drang durch das Holz, danach ein nasses, kurzes Geräusch, dann Stille. Nicht die Stille des Hofes. Eine andere, dichte und gespannte.

    Sie hielt nur einen Atemzug lang,

    bevor der erste Laut des Kindes kam.

    Klein war er, doch im Hof hob sich jeder Kopf. Einer der Alten an der Seite der Tür presste die Lippen zusammen. Ein anderer schloss die Augen, nur für einen Moment. Hinter dem Holz sprach Rhea etwas, das man nicht ganz verstand. Deutlicher dann, mit einer Kraft, die nicht aus dem Leib kam, sondern aus dem Willen.

    „Hera.“

    Gaia richtete sich auf. Während Okeanos sofort zu Kronos blickte, schwieg dieser.

    Seine Kiefer arbeiteten einmal. Er hob die Stimme, hart und für alle hörbar.

    „Öffnet.“

    Keiner rührte sich.

    Kaum wandte er den Kopf. „Den Riegel.“

    Die Männer an der Tür zögerten nur so lange, dass jeder im Hof es bemerkte. Dann griffen zwei nach dem Holz. Ein Schaben von Eisen lief über den Hof. Der erste Riegel sprang zurück, der zweite schwerer. Von innen kam sofort Rheas Stimme.

    „Nein.“

    Mehr sagte sie nicht. Das eine Wort stand gegen das Eisen, die Hände und ihn.

    Noch ehe die Wachen ganz zurückgewichen waren, trat er vor und drückte die Tür mit der Schulter an. Das Holz gab nur eine Spanne nach, weil von innen Gewicht dagegenhielt. Von stummem Zorn getrieben, setzte er nach. Die Angeln stöhnten. Als der Spalt breit genug wurde, sah man Rheas Arm, blutig bis zum Ellbogen, und den dunklen Stoff an ihrer Schulter. An ihrer Brust lag das Kleine.

    „Zurück.“ Gegen die Tür gepresst, zitterte ihr der Atem hörbar in der Kehle.

    Doch er antwortete nicht und drückte stärker. Die Tür fuhr auf und riss ihr den Stand aus der Hüfte. Mit dem freien Arm fing sie sich am Rahmen. Bleich war ihr Gesicht, nass, die Haare an den Schläfen festgeklebt. In den Armen hielt sie das Kind eng unter dem Tuch.

    Dann sagte Kronos: „Du gibst sie mir.“

    „Nein.“

    „Jedes Kind aus deinem Leib gehört mir.“

    Heiser kam ihre Antwort: „Nichts gehört dir, was aus mir kam.“

    Die Wachen standen starr. Niemand überschritt die Schwelle. Er allein tat es.

    Gaia fuhr ihn scharf an: „Vor Zeugen.“

    Das Wort fiel hinter ihm, doch er ging weiter.

    Keinen Schritt wich Rhea zurück. Er griff nach dem Tuch. Sie drehte den Leib, um das Neugeborene abzuschirmen, und stieß mit dem Ellenbogen gegen seine Brust. Doch es reichte nicht, als sich seine Hand zwischen Stoff und Arm schob. Das Kind schrie auf. Rhea packte sein Handgelenk mit beiden Händen, obwohl ihre Kraft bereits sank.

    Keuchend sagte sie: „Nicht diese.“

    Er riss.

    Das Tuch spannte sich, glitt, und das Kind lag frei in seinen Händen. Rhea griff danach, traf nur den Stoffrand und dann seinen Unterarm. Sie machte einen Laut, der kein Wort mehr war. Er trat einen Schritt zurück über die Schwelle in den Hof, das Kind an sich gezogen, den kleinen Leib in einer Hand zu fest umfasst.

    „Kronos.“ Gaia sprach seinen Namen nicht laut, aber jeder im Hof vernahm ihn.

    Rhea stand im offenen Türrahmen. Blut lief ihr am Bein hinab auf das Pflaster. Ihre Hände waren leer. Sie sah nicht zu Gaia, nicht zu Okeanos, nicht zu den Wachen. Nur zu ihm.

    „Hera“, sagte sie noch einmal, jetzt vor allen.

    Das Kind schrie. Er hob es an, ohne Zögern, ohne Blick auf Rhea. Dann tat er, was alle erwarteten und doch keiner verhindern konnte.

    Der Schrei brach ab.

    Im selben Augenblick kam der Stoß aus der Tiefe.

    Er fuhr kurz und hart durch den Hof. Fels antwortete gegen Fels. Unter seinen Füßen sprang der Riss weiter. Vom Blut an der Schwelle lief er in einer gezackten Linie über den Hof und zurück unter die Sitze. Staub hob sich aus den Fugen. Einer der Wächter taumelte und fing sich mit der Hand an der Mauer. Ein weiterer dumpfer Laut lief unter allem her, nicht aus menschlicher Kehle.

    Okeanos trat einen halben Schritt vor und sah auf den Boden. „Der Stein geht weiter auf.“

    „Zurück“, befahl Kronos.

    Okeanos sah nicht zu ihm auf, als er sagte: „Du hörst es doch.“

    Gaia hob die Hand und deutete auf den Riss. „Nicht der Stein begann dies. Dein Wort. Deine Hand. Immer wieder hier.“

    Kronos wandte sich ihr zu. Sein Gesicht war leer bis auf die Augen. „Schweig.“

    „Nein.“

    Das kam von Rhea.

    Sie stand noch immer im Rahmen, eine Hand jetzt am Holz, damit sie nicht fiel. Ihr Atem ging flach. Trotzdem trug ihre Stimme durch den ganzen Hof.

    „Hör mich gut an, Kronos. Von dieser Stunde an gibt es zwischen dir und

    „Feindschaft.“

    Still blieb der Hof. Selbst die Wachen an der Schwelle rührten sich nicht. Rhea stand im offenen Rahmen, bleich, mit Blut an den Beinen, und hielt Kronos’ Blick, ohne ihn zu senken.

    „Du nennst mich nicht mehr Gemahl“, stellte Kronos fest.

    „Du bist es nicht.“

    Er antwortete nicht sofort. Sein Blick glitt über Gaia, Okeanos und den Riss im Stein, der zwischen seinem Sitz und ihrer Tür offenlag; Staub saß noch in den Fugen.

    Gaia trat nicht zurück. „Genommen hast du vier Kinder. Viermal hast du deinen Mund an das gesetzt, was aus ihrem Leib kam. Und viermal ist der Fluch nicht gewichen. In deinem Haus steht er tiefer als zuvor. Uranos wehrst du nicht ab. Du gibst ihm Bestand.“

    Dann glitt Kronos’ Blick zu ihr. „Du sprichst meinen Vater in meinem Hof an, und sein Name hat noch Macht über mich.“

    „Er hat Macht über dich, solange du sein Werk vollendest.“

    Ein leises Murmeln ging durch die, die im Hof standen. Es schwoll nicht an. Es blieb flach, gedrückt, rasch erstickt unter den Blicken der Wachen.

    Am Rand des Opferhofs stand Okeanos mit verschränkten Armen und schwieg. Er sah nur hin. Das genügte. Obwohl seine Gegenwart Kronos nichts aus der Hand nahm, ließ sie nichts im Verborgenen.

    Rhea stemmte sich fester gegen das Türholz. „Hör mich jetzt an. Aus meinem Leib gebe ich dir kein Kind. Keines, nicht heute, nicht bei der nächsten Niederkunft. Nie.“

    Kronos’ Gesicht blieb unverändert. Nur sein Kiefer trat hart hervor. Er wandte sich halb den Wachen zu, ohne Rhea ganz aus den Augen zu lassen.

    „Bei der nächsten Geburt“, sagte er, „geht niemand zu ihr außer den gerufenen alten Frauen.“

    Niemand sprach dazwischen.

    „Die Wachen an ihrer Tür werden verdoppelt. Tag und Nacht. Wer nicht auf meinen Ruf über ihre Schwelle geht, fällt.“

    Die Worte standen im Hof: hart, sachlich, frei von Zorn im Ton. Gerade das ließ einige den Blick senken.

    Rhea stieß einen kurzen Laut aus, nicht laut, nicht schwach. „Du stellst Männer an mein Lager und nennst dich Herr.“

    „Ich bin Herr.“

    „Du bist mein Feind.“

    Er sah sie noch einen Augenblick an. Dann hob er die Hand. Zwei der bisherigen Wächter traten ab. Vier weitere kamen aus dem Seitengang heran und nahmen Stellung an der Schwelle. Einer trug bereits den schweren Riegel aus dunklem Holz und blieb auf Kronos’ Zeichen stehen, als Gaia sagte: „Alle sollen es hören. Er fürchtet kein Heer. Er fürchtet, was eine Frau gebiert.“

    Kronos drehte den Kopf nur wenig. „Ich fürchte, was mir bestimmt ist.“

    „Und darum tust du es selbst“, entgegnete Gaia.

    Jetzt hob Okeanos den Blick zu ihm. „Du machst den Hof zu einem Geburtskerker.“

    Einige atmeten hörbar ein. Kronos sah Okeanos lange genug an, dass das Gewicht dieses Blicks auf allen lag.

    „Wähle deine Worte mit Vorsicht.“

    „Ich habe sie gewählt.“

    Kronos antwortete nicht. Er gab nur das Zeichen. Die alten Frauen wurden gerufen. Noch in derselben Stunde kamen zwei, gebeugt, schweigend, mit Tüchern und Schalen in den Händen. Sie sahen weder zu ihm noch zu Rhea, bis sie an der Schwelle standen. Dann neigten sie kurz den Kopf vor Rhea und traten ein.

    Danach schloss sich die Tür, und der Riegel fiel schwer ins Eisen.

    Als die Wehen kamen, war es dunkel. Eine der alten Frauen hatte neben der Wand geschlafen und war sofort wach. Die andere erhob sich schwerfällig, kniete bei Rhea nieder und legte ihr die Hände an den Bauch.

    „Jetzt“, sagte sie nur.

    Rhea biss die Zähne zusammen und nickte. Sie schrie nicht beim ersten Druck. Beim zweiten hielt sie sich am Rand des Lagers fest, bis die Knöchel weiß wurden. Schweiß stand auf ihrer Stirn, und ihr Haar klebte an ihrem Hals. Die Wehen kamen eng. Die alten Frauen arbeiteten ruhig. Sie hoben sie, stützten sie, redeten kurz, klar, ohne Trost.

    Draußen blieb es nicht still. Ein Wächter lief los. Seine Schritte entfernten sich rasch. Sie hallten den Gang hinab, und sie wusste, wohin er ging.

    „Schneller“, presste sie hervor.

    „Der Leib geht seinen Gang“, erwiderte die eine Alte.

    Rhea fluchte gegen die Tür, gegen ihn, gegen den Stein unter sich. Dann kam die letzte Wehe. Sie warf den Kopf zurück, griff blind nach dem Arm der Alten.

    Und drückte, bis der Schmerz ihr den Atem brach.

    Das Kind glitt in die Hände der Alten. Ein kurzer, nasser Laut stand im Raum, bevor es zu schreien begann.

    Rhea hob sofort den Kopf. „Gebt es mir.“

    Eine der Alten wickelte das Kind mit geübten Händen in ein Tuch. Während die andere die Nabelschnur abband, lag dunkles Blut zwischen Rheas Schenkeln. Ihre Brust hob und senkte sich hart. Erst als das Bündel in ihren Händen lag, streckte sie beide Arme aus und schloss die Finger darum.

    Sie sah auf das Gesicht hinab, auf den kleinen Mund, auf die geschlossenen Lider, auf die feuchte Stirn.

    Dann sagte sie: „Poseidon.“

    Sie sprach den Namen laut aus, nicht für den Neugeborenen, sondern für die Tür.

    Die Alten schwiegen. Eine hob nur den Blick zur verriegelten Schwelle. Draußen waren Schritte zu hören, doch niemand ging fort.

    Rhea zog das Kind an sich. Sein Schreien wurde schwächer, dann unruhig, dann still genug, dass man wieder das Atmen der Frauen hörte. Mühsam setzte sie sich höher und stützte den Rücken gegen die Wand. Noch immer lief Schmerz durch ihren Leib, doch sie achtete nicht darauf. Ihr Blick blieb auf die Tür gerichtet.

    Ohne die Alten anzusehen, sagte sie: „Hört mich. Ihr habt den Namen gehört.“

    Niemand antwortete.

    Inzwischen hatte sie auch dies zu hören gelernt. Sie strich mit der Hand über das Tuch, das das Kind umhüllte. „Er wird es nicht aus meinen Armen nehmen, wenn nicht mit Gewalt.“

    Bei diesen Worten senkte die ältere der beiden Frauen den Kopf tiefer. Die andere presste die Lippen zusammen und begann, blutige Tücher zusammenzulegen, obwohl ihre Hände dabei stockten.

    Draußen erging ein Befehl, und Metall schlug gegen Metall. Mit einem Schaben wurde der Riegel zurückgeschoben, doch die Tür öffnete sich nicht sofort ganz. Erst ein Spalt, dann weiter. Kälte trat herein. Zwei Wachen standen vor der Schwelle. Hinter ihnen kam Kronos.

    Er blieb einen Augenblick im Türrahmen stehen. Sein Blick ging erst zu Rhea, dann zu dem Bündel in ihren Armen. In seinem Gesicht lag kein Zweifel, nur der feste Wille, mit dem er seit dem Fluch jedes Kind an sich gerissen hatte.

    Rhea richtete sich weiter auf, obwohl ihr Leib zitterte. Das Kind lag dicht an ihrer Brust. Sie hielt es mit beiden Armen, so fest, dass die Gelenke ihrer Finger hervortraten.

    „Du bleibst dort stehen.“

    Kronos trat über die Schwelle.

    Die Tür stand nun weit offen. Die Wachen blieben draußen, aber sie sahen herein. Die Alten waren zwischen Bett und Wand gefangen. Keine von ihnen sprach.

    „Gib mir den Säugling“, sagte Kronos.

    „Nein.“

    Er ging weiter in den Raum, bis nur noch wenige Schritte zwischen ihnen lagen. „Du kennst meinen Befehl.“

    „Und du kennst meine Antwort.“

    Sein Blick glitt kurz zu den Alten. „Ihr habt gehört, was geboten ist.“

    Keine rührte sich.

    Rhea sprach lauter, damit die Männer vor der Tür es ebenso hörten. „Ihr seid Zeugen. Er bekommt keines aus meinem Leib aus meiner Hand. Wenn er es will, nimmt er es mit Gewalt.“

    Kronos sah sie an. Sein Gesicht blieb hart. „Nach Hades und Hera lasse ich keine Lücke mehr.“

    „Du hast es vor den Höfen begonnen. Nun sieh es hier zu Ende.“

    Der Kleine regte sich und stieß einen leisen Laut aus. Rhea legte die Hand an seinen Kopf. Ihr Arm war bis zum Ellenbogen voller Blut. Sie wich nicht zurück, obwohl Kronos nun direkt vor ihr stand.

    „Ein letztes Mal.“ Seine Stimme blieb hart. „Gib es her.“

    „Nimm deine Hände von meinem Lager.“

    Er griff zu.

    Rhea zog das Kind sofort an ihre Brust und drehte den Körper zur Wand. Kronos packte ihren Unterarm. Sie stieß einen Laut aus, in dem mehr Wut als Schmerz lag, und schlug mit der freien Hand nach ihm. Der Schlag traf seine Schulter. Er ließ nicht los. Seine zweite Hand fuhr zwischen Tuch und Leib, suchte Halt, fand das Bündel, riss daran.

    Die Alten wichen zurück, so weit die Wand es zuließ.

    „Nein“, stieß Rhea aus, dann lauter: „Nein.“

    Sie klammerte sich fest. Das Kind begann wieder zu schreien. Kronos setzte das Gewicht seines Körpers gegen ihren Griff. Das Lager knarrte unter ihnen. Rhea versuchte, das Bündel unter sich zu ziehen. Er riss ihren Arm fort. Schmerz schoss ihr durch den Leib; man sah ihn in ihrem Gesicht, doch sie hielt noch immer fest.

    Er brach ihren Griff, Finger um Finger.

    Dann hatte er das Kind.

    Rhea fiel nach vorn, fing sich mit der Hand auf dem Lager und fuhr sofort wieder hoch. Blut rann an ihrem Bein hinab. Ihr Haar hing ihr ins Gesicht. Sie streckte die Arme aus, leer jetzt, und griff nach dem Tuch, nach dem kleinen Fuß, nach irgendetwas.

    Kronos war schon einen Schritt zurückgetreten.

    „Poseidon“, rief sie scharf, laut, als könne der Name ihn festhalten. „Poseidon.“

    Kronos sah auf den Säugling hinab. Er schrie in seinen Händen. Einen Moment lang war nichts im Raum als dieses Schreien und Rheas Atem, der brach und wiederkam.

    Dann hob er den Säugling an den Mund und verschlang ihn.

    Die Alten standen reglos. Eine hatte die Hand vor die

    Mund gepresst, eine andere starrte auf den Boden, als könne sie dort etwas finden, das sie nicht ansehen musste.

    Dann brach das Schreien ab.

    Rhea verharrte auf den Knien. Ihr Oberkörper war nach vorn gerissen, die Arme noch ausgestreckt, die Hände offen. In ihren Fingern hing nur das Tuch, warm und feucht. Mehr war nicht geblieben.

    Kronos senkte die Hände. Sein Blick glitt zu ihr, dann zur Tür.

    Niemand sprach.

    Blut sammelte sich unter Rheas Bein und sickerte in das Lager. Sie zog das Tuch an sich, presste es erst gegen den Bauch, dann gegen die Brust, als könne ihr Leib nicht begreifen, dass er leer war. Als sie den Kopf hob, ging ihr Atem stoßweise. Haar klebte an ihrer Stirn. Ihr Gesicht war weiß unter Schweiß und Blut.

    „Poseidon“, rang sie sich das Wort mühsam ab, leise jetzt, nur für das Kind, das fort war, als eine der Alten zögernd einen Schritt auf sie zutrat. Kronos hob die Hand. Die Frau verharrte. Für einen Herzschlag zuckte ihr Blick zu ihm und gleich wieder weg.

    Rhea begriff es, während ihr Blick über die Alten glitt, zur Tür, zu dem Balken, zu dem Eisen. Hinter dem geöffneten Blatt stand, halb sichtbar im Spalt, der Wächter. Jetzt erkannte sie, wer alles da gewesen war: bei der Geburt, beim Nehmen, beim Verschlingen. Der Raum war offen bis auf die Schwelle; Bett, Wand, selbst die geschlossene Tür boten nichts mehr. Alles, was aus ihr kam, stand unter seinem Blick.

    Von bloßem Trotz getrieben, stemmte sie sich hoch. Der Leib gab nach. Sie schwankte, griff nach dem Pfosten des Lagers und kam dennoch auf die Füße. Wärme lief weiter an ihren Schenkeln herab. Das leere Tuch hielt sie in der Faust.

    Kronos wich nicht, während ihre raue Stimme durch den Raum trug.

    „Gehört hast du ihn.“

    „Vor ihnen allen. Poseidon.“

    Kronos antwortete nicht.

    „Du nahmst ihn.“ Sie machte einen Schritt auf ihn zu. Hörbar sog eine der Alten Luft ein. „Du hast ihn aus meinen Armen gerissen. Im Blut. Vor allen.“

    Er musterte sie. Kalt. Wach. Ohne Zögern.

    „Er war mein Sohn.“

    Rhea lachte nicht. Ihr Mund verzog sich nur kurz. Dann stand darin wieder nichts als Hass.

    „Nein.“ Sie hielt seinen Blick. „Er war mein Kind.“

    Die Worte fielen hart in den Raum. Die Alten rührten sich nicht. An der Tür stand der Wächter gerade, unbeweglich, und lauschte jedem Wort.

    Von einem Zittern im Arm getrieben, hob Rhea das Tuch.

    „Das ist es, was du mir lässt.“

    Kronos’ Blick glitt über den Stoff und blieb an ihrem Gesicht hängen.

    „Du wirst weitere gebären“, sagte er. „Und sie werden mir gehören.“

    Da richtete sie sich auf, so weit der geschundene Leib es zuließ; Schmerz lag in jeder Bewegung, und sie nahm ihn an. Sie trat noch einen Schritt vor. Zwischen ihnen lag kaum mehr als eine Armlänge.

    „Hör mich jetzt gut an, Kronos.“

    Zum ersten Mal in diesem Raum ging sein Name ohne Titel über ihre Lippen. Die Alten senkten die Augen. Der Wächter an der Tür rührte sich nicht.

    „Du bist mein Feind.“ Was sie vor dem Hof gesagt hatte, sagte sie hier wieder, im Blut, vor diesen Zeugen. Sie hob die Stimme. „Nie wieder wirst du mir ein lebendes Kind aus den Armen nehmen.“

    Die letzten Worte schlugen gegen Stein und Holz. Sie blieben nicht in dem kleinen Raum. Sie drangen hinaus durch die offene Tür zu den Wachen vor der Schwelle.

    Kronos’ Gesicht veränderte sich kaum. Doch etwas trat in seinen Blick, das nicht Sieg war. Es war dasselbe Misstrauen, das den Riegel an ihre Tür gebracht hatte, die Wächter, die Alten, den Schritt in diesen Raum. Er sah sie an, und in diesem Blick lag schon die nächste Überwachung.

    Dann ging ein Stoß durch den Stein, kein großer, kein langer, aber ein deutlicher. Der Türbalken knackte trocken. Staub rieselte aus einer Fuge über dem Herdplatz. Eine der Alten schrie kurz auf und schlug die Hand vor den Mund. Der Wächter an der Tür fuhr herum und griff nach dem Pfosten.

    Dann lag der Boden wieder still, und niemand sagte etwas. Das Haus hatte den Schwur gehört.

    Rhea schwankte. Diesmal griff die nächste Alte zu, trotz Kronos. Sie fasste Rheas Ellbogen vorsichtig und hielt sie. Rhea zog den Arm nicht weg. Ihre Augen blieben auf Kronos.

    In ihr arbeitete noch der Schmerz der Geburt: der Riss, das Nachbluten, die Leere in den Armen. Aber darunter richtete sich etwas auf. Jede Bitte war fort. Die Hoffnung, dass er sich erinnerte, seinen Schwur einhielt, von ihr abließ, trug sie nicht mehr in sich. Das war aus ihr herausgerissen worden mit Hestia, mit Hera, mit Demeter, jetzt mit Poseidon. Immer lag offen vor ihm, was geschah, jedes Mal nahm er, und jedes Mal hielten Worte nichts.

    Seine Hand hielt keinen Ruf auf. Kein Nein schloss die Tür. Kein Zeuge schützte das Kind.

    Sie wusste es nun bis auf den Grund.

    Wenn das Nächste lebte, durfte er es nicht sehen, nicht kennen, nicht in den Händen halten.

    Kronos wandte sich zur Tür. „Riegelt wieder zu“, befahl er.

    Der Geruch von Blut und kalter Asche hing schwer im Raum.

    Der Wächter zog die Tür zu, Holz strich über Stein. Der Riegel fiel von außen ein. Ein zweiter Schlag folgte, Metall gegen Halterung. Schritte blieben noch einen Moment vor der Schwelle stehen, während Kronos nichts mehr sagte.

    Dann entfernten sich seine Tritte. Die Alten lauschten ihnen nach, bis auch das verstummte.

    Dann war nur noch der Raum da.

    Noch einen Augenblick stand Rhea aufrecht da, den Rücken gerade, die Hände leer. Blut lief an ihrem Bein herab und sammelte sich am Rand der Tücher. Der Herd war fast erloschen. In der Asche glomm nur ein schwacher Rest. Eine der Alten trat hinzu, legte trockenes Reisig nach und blies hinein. Ein kleines Feuer kehrte zurück. Die andere hob die Schüssel mit Wasser auf, die beim Nehmen des Kindes umgestoßen worden war, und stellte sie wieder auf, während beide schwiegen.

    In ihren Händen lag das Tuch. Es war warm gewesen. Jetzt war es kalt. An einer Stelle klebte noch dunkles Blut in den Falten. Während Rhea es festhielt, senkte die Alte am Herd den Kopf.

    „Sein Name bleibt“, sagte sie.

    „Wir haben ihn gehört“, antwortete die Schmalmundige als Erste.

    „Ihr beide. Der Wächter auch.“ Nun hob Rhea den Blick. „Und er.“

    Keine Antwort kam. Die beiden Frauen wechselten einen kurzen Blick. Die ältere von ihnen, mit schmalem Mund und grauem Haar, das unter dem Tuch hervorsah, trat einen Schritt zurück, nicht aus Trotz, sondern aus Furcht.

    „Herrin“, sagte sie leise. „Sprich jetzt nicht laut.“

    Rhea hob das blutige Tuch ein wenig an. „Laut genug hat er schon gehört.“ Ihre Stimme war rau, aber fest. „Jetzt hört ihr.“

    Die Frau am Feuer legte das Reisig aus der Hand. Ihre Finger waren rot von der Geburt. Unwillkürlich rieb sie sie am Leinen ihrer Schürze ab und wandte den Blick zur Tür. Der Wächter draußen bewegte sich nicht. Im Raum waren nur der kurze Atem der Frauen und das leise Knistern am Herd.

    Als Rhea einen Schritt machte, ging Schmerz durch ihren Leib, doch sie hielt ihm stand. „Bei der nächsten Geburt seid ihr wieder hier.“

    „Wenn er uns ruft“, antwortete die Schmalmundige als Erste.

    „Er wird euch rufen.“

    Dann schwiegen sie wieder. Das Schweigen war nicht leer. Es arbeitete.

    Über dem Herdplatz hing der Staubstreif; dorthin blickte Rhea, wo eben die Fuge gerieselt hatte. Dann sah sie zum Boden, wo der Stoß im Stein klein gewesen war. Doch die eine Alte folgte ihrem Blick. Ihre Lider verengten sich zu schmalen Schlitzen.

    „Was ist dort?“, fragte Rhea.

    Die Frau verstand nicht, oder tat so. „Stein.“

    „Nein.“

    Nun hob die zweite Alte, die bisher geschwiegen hatte, langsam den Kopf. Sie war breiter, mit harten Händen und einem Rücken, der sich nur noch wenig streckte. In ihrem Gesicht stand Müdigkeit, alte Müdigkeit, die viele Geburten und viele Tote gesehen hatte. „Unter den Frauengemächern verläuft ein alter Gang“, sagte sie.

    Als die andere zu ihr herumfuhr, sah Rhea die breite Alte an. „Schweig.“

    Aber das Wort war gefallen.

    „Wohin?“

    „Zu den unteren Vorräten. Früher wurden Öl und Korn dort hindurchgebracht. Bevor er die neuen Wege bauen ließ.“

    „Wo ist der Zugang?“

    Die Schmalmundige schüttelte heftig den Kopf. „Herrin, nein. Wenn man uns mit solchen Worten hört—“

    Rhea schnitt ihr mit einem Blick das Weitere ab. „Wird er mich töten? Er nimmt mir schon alles, was ich trage. Wird er euch bestrafen? Das tut er auch ohne Grund, wenn sein Misstrauen es verlangt.“ Sie trat näher an die beiden heran. „Hört mich gut. Das nächste Kind bekommt er nicht.“

    Die Frau am Herd presste die Lippen zusammen. „So spricht eine Mutter im Blut.“

    „So spricht eine Mutter nach vier Kindern.“ Rhea sagte es ohne Lautstärke. Gerade deshalb standen die Worte hart im Raum. „Hestia, Hera und Demeter, Poseidon, dessen Hände ihr gesehen habt. Ihr habt meinen Leib gesehen. Sagt mir jetzt nicht, ich solle warten.“

    Die breite Alte sah auf das Tuch. „Ich sage es nicht.“

    Die andere schloss die Augen. Nur für einen Atemzug. Dann öffnete sie sie wieder und sah an Rhea vorbei zur Tür. „Der Gang ist alt. Ein Teil ist eingebrochen, ein Teil hält noch. Ein Riss hier im hinteren Stein führt hinab. Er ist hinter der Lagertruhe, unter den Matten.“

    Rhea wandte sich um. In der hinteren Ecke standen eine Truhe und zwei zusammengerollte Matten, die seit Wochen nicht bewegt worden waren. Staub lag an den Kanten. Nichts daran hatte je ihre Aufmerksamkeit verlangt. Jetzt ging sie hin, langsam, weil jeder Schritt zog.

    Die breite Alte war vor ihr dort und schob die Truhe mit beiden Händen ein Stück vom Stein weg. Holz schabte über den Boden. Die andere hielt den Atem an und lauschte zur Tür. Draußen kam keine Reaktion.

    Unter den Matten war der Boden nicht glatt. Ein feiner, dunkler Spalt lief schräg in den Stein und verlor sich unter dem Mauerfuß.

    Als Rhea sich mühsam hinkniete, fuhr Schmerz ihr in den Rücken. Sie legte die Finger an den Riss, aus dem Kühle aufstieg. Es reichte.

    „Wie weit?“

    „Bis unter die äußeren Vorräte“, sagte die Alte leise. „Nicht offen bis hinaus. Nur darunter. Früher war dort eine Fallplatte. Ob sie sich noch heben lässt, weiß ich nicht.“

    Rhea ließ die Finger im Spalt. Kühle strich über ihre Knöchel, kaum spürbar, aber genug. Über ihr trat jemand vor der Tür auf und ab. Holz knarrte. Ein Speerende oder ein Schaft stieß kurz gegen den Stein. Danach lag wieder Stille über allem.

    Sie zog die Hand zurück, blickte auf den Riss und befahl: „Hebt die Matten ganz fort.“

    Während die Schmalmundige einen Schritt zurückwich, sagte sie: „Herrin, Ihr solltet liegen.“

    Ohne sich aufzurichten, erwiderte Rhea: „Hebt sie fort.“

    Die Alte gehorchte. Zuerst rollte sie die obere Matte weg, dann die zweite. Staub lag darunter, alter, festgetretener Dreck, und der Stein war an einer Stelle abgesunken. Dort lief der Spalt breiter. Er reichte nicht für einen Fuß, doch er war mehr als nur ein Bruch.

    Rhea legte beide Hände auf den Boden und verlagerte ihr Gewicht. Ihr Leib war schwer und leer zugleich. An ihren Schenkeln klebte noch Blut. Der Schmerz saß tief und blieb bei jeder Bewegung. Sie schob die Finger in die breitere Stelle, tastete nach einer Kante und fand sie: ein loses Stück. Kein Deckel, sondern ein Stein, der einst gesetzt und später wieder herausgenommen worden war.

    „Hilf mir.“ Ihre Hand blieb an der Kante.

    Die Alte sank neben ihr in die Knie. Gemeinsam hoben sie den Stein an. Zunächst rührte er sich nicht. Rhea biss die Zähne zusammen, stemmte sich noch einmal dagegen, und diesmal löste er sich mit einem dumpfen Ruck. Darunter tat sich Dunkel auf. Aus der Öffnung stieg kalte Luft herauf, trocken und alt.

    Die Schmalmundige schlug die Hand vor den Mund. „Bei der Erde da unten.“

    Rhea ließ den Stein zur Seite kippen und stützte sich mit einer Hand ab, damit sie nicht nach vorn fiel. Das Loch war schmal, aber tief genug, dass der Boden darunter nicht sofort zu erkennen war. In der rechten Wand zeichneten sich alte Trittkerben ab, nicht sauber gehauen, aber brauchbar. Jemand hatte diesen Weg oft benutzt. Sie verharrte und lauschte. Von unten kam nichts. Von oben Schritte. Vor der Tür hielt einer inne, ging jedoch weiter. Ein anderer trat an seine Stelle: Wachwechsel. Immer an der Schwelle. Nie hier.

    Dann hob Rhea den Kopf. „Ihr habt gesagt, ein Teil ist eingebrochen.“

    „Weiter unten.“ Die Alte strich sich Staub von den Handballen. „Nicht gleich am Einstieg. Ich bin vor vielen Jahren einmal mit meiner Mutter dort hinabgestiegen, um Ölkrüge zu holen. Später wurde der Weg gesperrt. Man vergaß ihn. Als die neuen Vorräte gebaut wurden, brauchte ihn keiner mehr.“

    „Vergessen hat den Gang nicht jeder“, erwiderte die Schmalmundige. Ihr Blick glitt zur Tür und zurück zum Loch. „Nur gesprochen hat niemand mehr davon.“

    Dann schob Rhea die Füße unter sich und kam langsam hoch. Es kostete Zeit. Als sie endlich aufrecht stand, rang sie kurz nach Luft, bis der Schmerz wieder nachließ. „Leuchtet.“

    Der Blick der Alten blieb am Herd hängen. „Mit offener Flamme merkt man den Rauch.“

    „Dann Glut.“ Rhea zeigte auf die Schale am Herd. „Ein Tuch darum. Nur so viel, dass ich den ersten Abschnitt sehe.“

    Die beiden Frauen wechselten einen Blick. Trotzdem machte sich die Schmalmundige an die Glutschale. Sie griff nach einem kleinen Scherbengefäß, legte ein Stück Kohle hinein und deckte es mit einem Lappen halb ab. Die Glut glomm matt, kaum hell genug, um Stein von Leere zu unterscheiden.

    Rhea nahm ihr das Gefäß aus der Hand.

    „Herrin.“ Die Alte fasste nach ihrem Ärmel. „Nicht Ihr.“

    „Ich sehe den Gang selbst.“

    „Ihr habt eben geboren.“

    Rhea blickte sie an. „Und eben hat er mir das Kind genommen. Ich steige.“

    Niemand widersprach.

    Bevor sie hinabstieg, kehrte Rhea in ihr Gemach zurück und befahl leise, Leinen, Wolle und Windelstreifen unauffällig beiseitezuschaffen.

    Sie setzte ein Bein in die Öffnung und suchte mit dem Fuß die erste Kerbe. Sie fand sie. Dann die nächste. Mit der einen Hand trug sie das Gefäß, mit der anderen presste sie sich gegen den Stein. Ihr Atem ging flach. Nach der dritten Kerbe wurde ihr schwarz vor Augen, doch sie hielt still, bis es vorüberging. Die Luft unten war kalt und roch nach trockenem Stein und altem Kornstaub.

    „Wenn Ihr fallt …“, begann die Schmalmundige.

    „Dann zieht ihr mich hoch“, sagte Rhea.

    Sie stieg weiter, nur wenige Tritte, bis ihr Fuß festen Grund erreichte. Der Gang war niedrig. Sie musste den Kopf senken. Die Glut zeigte eine enge Röhre aus altem Mauerwerk und rohem Fels. Rechts war der Weg frei, links lag Schutt. Die Decke hielt. Der Boden war trocken.

    Sie kniete sich hin und setzte die Fingerspitzen in den Staub. Es gab keine frischen Spuren, keinen Schuhabdruck, kein Schleifen von Lasten. Vergessen, ja. Offen, aber unbenutzt.

    Dumpf regte sich über ihr etwas. Eine der Alten am Rand der Öffnung. Sonst nichts.

    Rhea hob die Glut etwas höher und kroch drei Ellen weit vor. Dort senkte sich der Gang leicht. Die rechte Wand war eingerissen, aber nicht durchbrochen. Man konnte passieren, wenn man wusste, wie man den Körper halten musste. Weiter vorn verlor sich das matte Licht in der Schwärze.

    Rhea stellte das Gefäß ab und schob sich weiter vor. Kälte zog in ihre Handflächen, wo sie das Gestein berührten. Das Tuch zwischen ihren Beinen war schwer geworden, doch sie achtete nicht darauf. Um ihren Körper gefügig zu halten, zählte sie die Atemzüge und die Stöße ihres Herzens.

    Während es über ihr still blieb, warteten die Alten an der Öffnung.

    Kaum merklich bog sich der Gang nach rechts. Nach wenigen Ellen wurde der Boden fester, die Wände enger. Einmal blieb ihr Leinen an einer rauen Kante hängen. Ohne zu zögern, riss sie es frei. Die Glut fraß sich klein durch die Dunkelheit und zeigte nur, was unmittelbar vor ihr lag: Kerben im Stein, alte Arbeit, oft gesetzt und dann lange verlassen. Kein frischer Bruch, keine Spur von Fett an Händen, kein Ruß von jüngstem Licht. Sie hielt an und lauschte.

    Inzwischen drang von oben nichts herab. Die Stille blieb ungebrochen, ohne Rufen. Der Wächter verharrte an der Tür, wo Kronos ihn hingestellt hatte. Er bewachte Holz und Riegel. Nicht das Gestein unter seinen Füßen.

    Sie kroch weiter.

    Nach einer Weile hob sich die Decke, sodass sie auf ein Knie kommen konnte. Vor ihr zeichnete sich etwas Helles im Staub ab, rund, glatt, aus dem Schutt gerollt. Sie hob die Glut näher heran und legte die Hand darauf: ein Stein, schwer, in ihren Händen nicht groß, von ihren Fingern ohne Zögern vermessen. Kopf. Rücken. Last eines eben geborenen Leibes.

    Sie hob ihn auf.

    Das Gewicht sank ihr sofort in die Arme — nicht gleich, nicht genau, aber nah genug, wenn Leinen darum lag. Mit Wolle darunter. Wenn niemand Zeit bekam, genau hinzusehen.

    Sie verharrte auf den Fersen und hielt den Fund in beiden Händen. Ihr Gesicht blieb leer. Die Entscheidung kam ohne Hast.

    Beim nächsten Kind würde er keinen Leib aus ihrem Arm nehmen.

    Dann legte sie ihn in das Gefäß und kroch weiter, jetzt langsamer. Der Gang fiel noch einmal ab. Kälte strich ihr gegen Stirn und Mund. Vor ihr zeichnete sich ein anderes Schwarz ab, dünner, nicht so dicht. Ein Ausgang.

    Dann stellte Rhea die Glut ab und tastete sich die letzten Ellen vor. Eine schmale Öffnung, mit losem Geröll und alten Brettern verdeckt, führte nach draußen. Zwischen zwei Brettern stand fahles Licht, und sie schob eines mit der Schulter an. Mit einem leisen Knarren gab es nach. Dahinter lag der Rand der unteren Vorräte, der äußere Teil, wo Körbe, leere Krüge und altes Gerät standen. Dort stand kein Wächter, und kein Ruf kam auf. In der Öffnung nur Wind und der dumpfe Geruch von Korn.

    Sie sah genug.

    Ein Bündel konnte hier hinaus. Stand unten einer, der schwieg: ein Kind in Armen. Der Weg war eng, aber offen. Das genügte.

    Danach zog sie das Brett wieder an seinen Platz und verharrte einen Augenblick reglos. Dann hob sie das Gefäß an sich und kroch zurück.

    Der Rückweg fraß mehr Kraft. Einmal musste sie den Kopf gegen die Wand lehnen und die Augen schließen. Sie zitterte jetzt, nicht aus Furcht. Ihr Leib forderte das Lager, Wärme, Wasser, Ruhe. Doch in ihren Armen ruhte die Last. Das Gewicht hielt sie wach.

    Als die Öffnung über ihr sichtbar wurde, beugte sich eine der Alten hinunter. „Herrin?“

    „Kein Seil. Hände.“ Rhea reichte zuerst das Gefäß hinauf. „Fest.“

    Die Alte nahm es. Die zweite kniete sich an den Rand. Rhea stemmte einen Fuß in die Kerbe, dann den nächsten. Ihre Arme waren schwach. Die Alten packten sie unter den Schultern und zogen. Sie kam hart auf dem Boden des Gemachs auf, blieb einen Atemzug lang auf allen vieren und drückte die Stirn gegen die Matte.

    Kein Laut.

    Dann richtete sie sich auf. „Macht zu.“

    Während die Schmalmundige den Verschlussstein vor die Öffnung setzte, schoben sie ihn gemeinsam zurück an seinen Platz. Matten darüber. Die Lagertruhe davor. Dann wieder Fels. Wieder Boden. Nichts war zu sehen.

    Erst jetzt, das Gefäß an sich genommen, trug Rhea es zum Lager. Die beiden Alten folgten ihr, und ihr Blick hing am Rand des Gefäßes. Sie hatten das Gewicht beim Weiterreichen gespürt. Sie wussten, dass darin kein Korn lag.

    Rhea setzte sich auf die Kante des Lagers und hob den Stein heraus. Im Lampenlicht zeigte sich seine Form klarer: glatt, geschlossen, ohne scharfe Bruchkante. Er füllte ihre beiden Hände.

    Die Schmalmundige wich einen Schritt zurück. „Herrin.“

    Rhea sah sie an. „Sprich.“

    Die Alte presste die Lippen zusammen und strich mit dem Daumen über den Handballen. „Wenn das entdeckt wird, sterben wir.“

    „Wenn es nicht geschieht“, sagte Rhea, „sterben sie.“

    Keine der Alten fragte, wen sie meinte.

    Rhea legte den Stein auf das ausgebreitete Leinen. Neben ihr lagen Wolle und Windelstreifen, schon bereitgelegt. Sie zog die Wolle auseinander und begann, sie um den Stein zu legen, dicht, Schicht um Schicht. Ihre Hände arbeiteten langsam, sicher. Blut war an ihren Fingern getrocknet. Sie rieb es an der Wolle ab, ohne hinzusehen.

    Die ältere der beiden Alten stand still. „Ihr wollt ihm das geben.“

    „Ja.“

    „Beim nächsten Mal.“

    „Ja.“

    Das Wort blieb im Raum und schloss die Tür fester als der Riegel.

    Nahe am Lager blieb die ältere Alte stehen. Ihr Blick ruhte auf dem Leinen, auf der Wolle, auf dem Stein in Rheas Händen. Die andere Alte stand noch bei der Tür und lauschte auf jedes Geräusch draußen.

    Dann legte Rhea den kalten Stein mittig auf das Tuch und zog die ersten Streifen darüber. Sie arbeitete mit festen Griffen, und keine Bewegung war unnütz.

    „Ihr beide bleibt“, sagte sie, ohne aufzusehen. „Wenn die Wehen kommen, bleibt ihr in dieser Kammer. Keine andere Frau fasst mich an. Keine andere Frau sieht, was geschieht.“

    Die Frau an der Tür wandte den Kopf. „Wenn man uns befiehlt zu gehen?“

    „Dann geht ihr nicht.“

    „Das ist ein Befehl gegen den seinen.“

    Ohne zu zögern hob Rhea den Blick. „Gut.“

    Mit gesenkten Augen hielt die andere stand. Ihre Hände hatten sich ineinander verschränkt, die Finger traten weiß hervor.

    Die ältere Alte war inzwischen an das Lager getreten, doch sie beugte sich nicht vor und streckte die Hand nicht nach dem Stein aus. Sie sah nur hin und rechnete: Größe, Form, Gewicht.

    „Das trägt sich nicht wie ein Kind“, sagte sie.

    Dennoch zog Rhea den nächsten Streifen darum. „In Tüchern trägt es sich genug.“

    „Nicht für Hände, die eines kennen.“

    „Er wird es nicht selbst fühlen, wenn es gutgeht.“

    Nach einem Augenblick Schweigen sagte die ältere Alte: „Ich kenne das Gewicht. Das da wiegt schwerer.“

    Mit ruhigen Fingern band Rhea einen Knoten, zog ihn fest und nahm den nächsten Streifen. „So ist es.“

    Die Frau an der Tür stand mit flachem Atem da. „Dann merkt man es.“

    „Nicht, wenn das lebende Kind fort ist, bevor einer die Tücher öffnet“, sagte Rhea.

    Nun sahen beide Alten sie an.

    Rheas Hände ruhten nicht. „Ihr sagt nichts von dem Gang. Von der Öffnung unter den Matten kein Wort. Von den unteren Vorräten schweigt ihr. Kein Wort von dem Stein.“ Erst beim letzten Satz hob sie den Kopf. „Nicht zueinander und nicht zu den anderen Frauen, nicht im Schlaf, nicht im Fieber, nicht im Sterben.“

    Die ältere Alte fragte: „Wohin soll das Kind?“

    Sofort antwortete Rhea. „Aus dieser Kammer. Durch den Gang. Weg von dieser Tür.“

    Dann machte die Frau an der Tür einen kleinen Schritt zurück, bis ihre Ferse an die kalte Wand stieß. „Der Gang geht weit.“

    „Weit genug.“

    „Ihr wart dort.“

    Rhea nickte. „Dort.“

    Langsam nickte die ältere Alte. Sie erkannte eine Tatsache an. „Unter die Vorräte.“

    Rhea hielt nur einen Atemzug lang inne, dann zog sie den Stoff weiter über den Stein. „So.“

    Die ältere Alte blieb stehen, ohne sich zu setzen, den Rücken gerade, das Gesicht eingefallen und hart. „Es gibt unten eine Öffnung. Hinter dem alten Schacht. Hindurch kommt man, sobald man sich flach macht. Dahinter liegt der äußere Hang.“

    Die andere Alte fuhr zu ihr herum. „Schweig.“

    „Nein“, sagte sie. „Jetzt nicht mehr.“

    Einen Herzschlag lang sah Rhea sie an. In dem alten Gesicht lag nichts Weiches, nur Entschluss.

    „Bis an den äußeren Hang des Othrys?“, fragte sie.

    „Dorthin.“

    „Sicher?“

    „Sicher genug, falls niemand sucht.“

    „Und wenn gesucht wird?“

    Die ältere Alte antwortete nicht gleich. „Dann muss das Kind schon weiter sein.“

    Rhea nickte. Das war Maß.

    Dann kam von draußen das dumpfe Schaben eines Schrittes an der Schwelle. Alle drei verstummten. Die Frau an der Tür fuhr herum und blieb daneben stehen. Als ein Knöchel gegen das Holz schlug, zuckte sie.

    „Herrin“, rief eine Männerstimme.

    Rhea antwortete nicht sofort. Die Stille dehnte sich. Dann sagte sie: „Sprich.“

    „Befehl des Herrn.“

    Rhea legte den Stoff glatt über den Stein. „Ich höre.“

    Die Stimme hinter dem Holz blieb tonlos. „Bei der nächsten Geburt wird geöffnet, sobald die Alten rufen. Sofort nach dem Reinigen und Wickeln. Das Kind wird an der Schwelle genommen.“

    Die Frau an der Tür schloss die Augen. Die ältere Alte bewegte den Kopf nicht.

    Rhea fragte: „Wer befiehlt das?“

    „Der Herr selbst.“

    „Seit wann?“

    „Seit heute.“

    Ohne aufzusehen, nahm Rhea den nächsten Streifen und führte ihn unter dem Bündel hindurch. „Gut. Geh.“

    Der Mann draußen zögerte. „Ich soll hören, dass Ihr den Befehl vernommen habt.“

    Rhea zog den Streifen fest. „Du hast es gehört.“

    Einen Augenblick blieb alles still. Dann entfernten sich die Schritte auf dem Steinboden.

    Die Frau an der Tür blieb stehen, bis nichts mehr zu hören war. Erst dann drehte sie sich um, das Gesicht grau. „An der Schwelle.“

    „So“, sagte Rhea.

    „Dann nützt das hier nichts mehr.“ Ihr Blick fiel auf den Stein. „Nicht, wenn sie gleich hereinbrechen.“

    „Doch“, erwiderte Rhea. „Aber nicht so, wie ich zuerst dachte.“

    Dann trat die ältere Alte einen Schritt näher. „Das Kind muss fort, bevor wir rufen.“

    Rhea sah sie an. „So.“

    Die Frau hob beide Hände an den Mund und drückte sie dagegen, bis die Finger zitterten. „Aber wie? Direkt nach der Geburt? Ihr werdet bluten. Das“

    „Ja“, sagte sie.

    Dann ließ die Alte die Hände sinken. „Dann sterbt Ihr uns unter den Händen weg, wenn eine von uns die Kammer verlässt.“

    Rhea ging an ihr vorbei zu dem niedrigen Tisch, auf dem das Bündel lag, und legte die flache Hand darauf. Der Stoff spannte sich über der harten Rundung. „Hört zu.“

    Die Jüngere stand noch immer nahe an der Wand. Seit dem Ruf an der Tür hatte sie kein Wort gesagt. Ihre Augen wanderten von Rhea zum Bündel und wieder zurück.

    „Vor dem ersten Ruf“, begann Rhea. „Nicht danach. Nicht sobald er an der Schwelle steht. Nicht wenn die Riegel gehen. Das Neugeborene darf diese Kammer nicht mehr sehen, sobald es gewaschen und gewickelt ist.“

    „Gewaschen“, wiederholte die Ältere scharf. „Gewickelt. Abgenabelt. Und in derselben Zeit soll ich Euch halten, das Blut stillen, die Nachgeburt lösen und sie noch durch den Gang schicken? Seht her, Herrin.“

    Rhea sah sie an.

    „Falls es schwer kommt oder reißt, braucht Ihr zwei Hände an Euch. Zwei, nicht eine. Wenn die Wehen Euch brechen und die Blutung läuft, kann ich nicht zugleich bei Euch knien und an der Schwelle stehen“, sagte die Alte.

    Einen Atemzug lang schwieg Rhea. Dann nahm sie das Bündel auf und prüfte noch einmal sein Gewicht. Ihre Finger zogen den Stoff fester. „Ihr werdet nicht zugleich dort und hier sein. Darum trenne ich eure Wege.“

    Die Jüngere hob den Kopf. „Herrin—“

    „Du gehst mit ihm.“

    Der Satz fiel lautlos in den Raum. Die Jüngere wich einen halben Schritt zurück, nicht aus Ungehorsam, sondern weil er sie traf. „Ich?“

    „Du kennst den Gang besser mit den Knien als sie. Du bist schmaler. Du kommst schneller durch die Engstelle hinter dem ersten Stein. Du nimmst das Kleine, sobald es in Tücher gelegt ist, und gehst, ohne zu zögern oder zurückzublicken. Unten an den Vorräten den linken Zug, von dort weiter, bis der Luftzug kommt. Dahinter ist die Öffnung.“

    Die Jüngere presste die Lippen zusammen. „Wenn dort etwas vorliegt? Wenn der Ausgang enger geworden ist?“

    „Dann räumst du mit den Händen, was sich räumen lässt.“

    „Mit einem Neugeborenen im Arm?“

    „Ja.“

    Die Ältere stieß den Atem aus. „Und ich bleibe hier. Mit einer Gebärenden allein.“

    Rhea legte das Bündel zurück. „Du bleibst bei mir. Du schneidest die Nabelschnur. Du reinigst es nur so weit, dass es leben kann. Du wickelst es. Du gibst es ihr. Dann nimmst du dies.“ Sie berührte den Stein. „Und hältst es an der Schwelle bereit.“

    Die Ältere starrte auf das Bündel, als sähe sie es erst jetzt wirklich. „Ihr wollt ihm den Stein geben.“

    „Ja.“

    „Er wird das Gewicht kennen.“

    „Also soll das Gewicht stimmen.“ Rhea drückte den Stoff an zwei Stellen nach, bis die Form unter dem Leinen enger wurde. „Darum liegt er hier.“

    Die Jüngere trat näher. Ihre Stimme war leise. „Falls er gleich öffnet, sobald wir rufen? Wenn er nicht wartet?“

    „Dann rufen wir erst, wenn du fort bist.“

    „Und falls Ihr in der Zeit fallt?“

    Rhea drehte sich zu ihr um. „Dann falle ich.“

    Sofort schüttelte die Ältere den Kopf. „Nein.“

    Rhea antwortete nicht. Sie griff das Bündel wieder, hob es ein wenig an und ließ es in ihre Hand zurücksinken. Im selben Augenblick kam ein kurzer, harter Stoß aus dem Stein unter ihren Fingern, nicht laut, sondern wie ein trockenes Schlagen aus der Tiefe. Der Tisch vibrierte. Die Jüngere fuhr zusammen. Die Ältere machte einen Schritt zur Tür.

    Niemand sprach, während Rhea das Bündel festhielt und wartete. Es kam kein zweiter Stoß. Nur die Stille darunter war verschwunden. Sie sah zur Bodenkante der Kammer, zu den Fugen, die unter dem Wandputz hervorliefen. „Der Weg ist nicht tot“, sagte sie.

    Die Ältere blickte zu ihr zurück. „Habt Ihr das gewusst?“

    „Nein.“

    „Dann wissen andere dort unten vielleicht mehr als wir.“

    „Vielleicht.“ Rhea setzte den Stein langsam ab. „Das ändert nichts.“

    Dennoch hielt die Ältere ihrem Blick stand, die Schultern hart. „Es ändert alles. Falls unter diesem Haus noch etwas geht, wenn man dort hört, wenn ein Stein sich stößt, dann schickt Ihr es in einen Gang, den Ihr selbst nicht kennt.“

    Rhea trat auf sie zu, bis nur eine Armlänge zwischen ihnen blieb. „Und wenn ich es nicht schicke, gebe ich es ihm in die Hand.“

    „Ich sage nicht, dass Ihr es ihm geben sollt“, erwiderte sie. „Ich sage, dass Ihr vielleicht sterbt, bevor es den ersten Stein hinter sich hat.“

    „Dann sterbe ich.“

    Die Ältere atmete flach. „Und falls Ihr nicht sofort sterbt? Wenn Ihr blutend hier liegt und ruft und ich mit dem Stein an der Schwelle stehen muss? Ich höre Euch dann und tue nichts.“

    „Ja.“

    Die Ältere schloss die Augen. Das Gesicht spannte sich, dann öffnete sie sie wieder. Rhea rührte sich nicht.

    „Sagt es“, sagte sie.

    Einen Atemzug lang blieb die Ältere noch stehen, dann nickte sie einmal. „Wenn die Wehen kommen, bleibe ich in der Kammer. Sie bleibt in der Kammer. Niemand sonst kommt herein, ehe Ihr es befehlt.“

    Mit gesenkten Händen stand die Jüngere neben dem Tisch. Der Stoß aus dem Boden hing noch in ihr, und man sah es an ihrem Hals, doch sie sagte nichts dazwischen.

    Rhea wartete.

    Ohne den Blick von ihr zu nehmen, fuhr die Ältere fort. „Wenn das Kind aus Euch ist, wird es gereinigt und gewickelt. Vor dem ersten Ruf nehme nicht ich es, sondern sie.“ Sie hob die Hand zur Jüngeren. „Sie öffnet den Stein, nimmt das Kind und geht in den Gang. Ohne Zögern. Ohne zurückzusehen.“

    „Wohin?“, fragte Rhea.

    Diesmal antwortete die Jüngere selbst, rasch, als würde jede Silbe auf ihr Gewicht geprüft. „Zu den unteren Vorräten und weiter zum Ausgang am Hang, falls ich muss.“

    „Falls du musst?“

    „Wenn jemand im Haus ist. Wenn ich Stimmen höre. Wenn der erste Platz nicht frei ist.“

    Rhea nickte nicht. „Und du wartest nicht im Gang.“

    Die Jüngere schüttelte den Kopf.

    „Du bleibst nicht stehen, wenn hinter dir gerufen wird.“

    Mit aufeinandergepressten Lippen erwiderte sie: „Ich gehe weiter.“

    Rhea wandte sich wieder der Älteren zu. „Und du?“

    Die alte Frau schluckte. „Ich nehme den gewickelten Stein und stelle mich an die Schwelle. Fordert er das Öffnen, öffne ich. Ruft Ihr, bleibe ich dort. Wenn Ihr schreit, bleibe ich dort. Fragt er, sage ich nichts, was über das Bündel hinausgeht.“

    „Und wenn er es aus deinen Armen reißt?“

    „Dann reißt er es.“

    „Und du versuchst nicht, Zeit zu gewinnen mit Jammern, mit Bitten, mit falschen Händen?“

    „Ich nicht.“ Das Wort kam schwer, aber es stand. „Nur der Weg muss Zeit gewinnen. Nicht ich.“

    Rhea sah von einer zur anderen. Mit flacher Stimme sagte sie: „Noch einmal. Von Anfang an.“

    Die Ältere schloss kurz die Finger. Sie begann von vorn. Diesmal stockte sie nirgends. Die Reihenfolge stand nun hart im Raum, ohne Bitte, ohne Frage. Die andere ergänzte die Stellen des Ganges, des Hebens, des Schließens. Rhea ließ sie bis zum Ende sprechen. Danach ließ sie sie dasselbe ein drittes Mal sagen.

    Während die Worte fielen, nahm sie das Leinen vom Tisch, legte es auseinander, prüfte die Breite, strich die Falten glatt. Neben ihrer Hand lag der Stein, schwer und kalt, zu schwer, wenn man ihn offen in die Arme nahm. Nah genug, wenn Wolle und Tücher ihn trugen. Sie griff in den Korb, zog die Wolle heraus; der dumpfe Geruch von Lanolin stieg auf, und sie verteilte sie auf dem Leinen. Nicht zu dick. Nicht zu gleichmäßig. An einer Seite ließ sie mehr, dort, wo der Kopf liegen musste.

    Unter dem Boden blieb es still. Gerade diese Stille hielt die Kammer eng.

    „Öffne den Stein“, sagte Rhea, ohne aufzusehen.

    Einen Augenblick brauchte die Jüngere, dann ging sie zu den Matten, kniete sich nieder und schob sie beiseite. Ihre Bewegungen waren diesmal schneller als zuvor, aber vorsichtiger. Sie setzte die Finger in die Kante des Bodensteins und zog. Das Gewicht hob sich mit einem dumpfen Reiben, und kalte, erdige Luft stieg herauf.

    Alle drei hörten hin.

    Nichts.

    „Weiter“, sagte Rhea.

    Die Jüngere schob den Stein weit genug, dass ein Leib hindurchkam. Sie blickte in die Öffnung, nicht lang, nur prüfend. Dann stemmte sie den Stein wieder zurück. Das Schließen klang leiser. Sie legte die Matten darüber und stand auf.

    „Wie lange?“, fragte Rhea.

    „Sind die Matten schon fort, nur wenige Atemzüge.“

    „Und wenn deine Hände nass sind?“

    Sie sah auf ihre Finger. „Dann länger.“

    „Wie viel länger?“

    „Einen Atemzug. Vielleicht zwei.“

    „Dann trocknest du sie vorher an deinem Gewand.“

    „Ja.“

    Rhea nahm den Stein vom Tisch und legte ihn mitten auf das Leinen. Die Wolle schob sie zu den Seiten hinauf. Sie hob das Tuch darüber, prüfte die Form, löste es wieder. Noch zu kantig. Sie nahm mehr Wolle, stopfte sie unter die Rundung, wo ein Rücken sein musste, und wickelte neu, während die Ältere einen halben Schritt näher trat.

    „Gebt mir den letzten Streifen. Meine Hände—“

    Rhea hob nicht einmal den Blick. „Lass es.“

    Die alte Frau verstummte.

    Rhea zog die Enden fest, hob das Bündel an, wog es in den Armen und drehte es gegen das Licht der Lampe. Der Stoff saß enger. Die Last lag nun mehr im Kern, nicht in den Rändern. So musste es sein. Kronos nahm, ohne zu halten. Er prüfte Gewicht und Form in einem Zug. Er fragte nicht nach Gesicht oder Laut. Er verlangte Öffnen nach Reinigen und Wickeln. Genau in dieser Spanne musste sie ihn verlieren.

    „Wenn es zu früh schreit“, sagte sie leise, „hört man es vielleicht an der Tür.“

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