Die Kinder der Schuld – Band 1

    Alexia Michailidou ·

    Die Kinder der Schuld – Band 1

    Chapitre 7 sur 10

    Chapitre 7

    Sendling unter Rotlicht

    Am Bildschirm brach es auf. Im Keller blieb Mira vor dem Monitor stehen, den Finger noch blutig, das Summen noch da, und auf einmal war nicht mehr der enge Raum vor ihr das Zentrum, sondern das Wohnzimmer in Sendling. Eine Einblendung lief unten durch das Bild, sachlich, ruhig, bereits formuliert: Fortlaufender Präventionsschutzfall im Angehörigenumfeld, Sicherungsmaßnahme. So stand die Kamera, dass man das Sofa sah, den niedrigen Tisch, den Durchgang zum Flur. Ihr Fingerabdruck klebte noch auf dem Schulfoto, und im Stream lag schon die Antwort darauf. Ihre Eltern wussten noch nicht, dass der Raum schon nicht mehr ihnen gehörte.

    Da klingelte es. Im Bild zuckte niemand sofort. Aus dem Flur kam Eva, blieb stehen und blickte nicht in die Kamera, sondern zur Tür. Sie hatte das Telefon in der Hand. Konrad erschien hinter ihr, murmelte etwas, das im Tonbrei des Streams unterging, und hob kurz die Hand, flach, beruhigend. Eva rührte sich nicht.

    Mira sah ihre Mutter nur von der Seite. Kinn fest. Schultern hoch. Dieselbe Starre, die sie früher in der Küche gesehen hatte, wenn Eva schon entschieden hatte, was gesagt wurde und was nicht. Dieselbe Frau, die den Umschlag geöffnet hatte, ohne sie. Dieselbe Stimme am Telefon: Du gehst jetzt nicht einfach irgendwohin. Für Mira machte es keinen Unterschied, ob vor der Tür Beamte standen oder ob Eva im Flur stand und den Weg vorgab, als es ein zweites Mal klingelte.

    Länger.

    An ihr vorbei ging Konrad, näher an die Tür. Eva stellte den Arm aus, nicht grob, nur quer. Er blieb stehen. Jetzt erwiderte sie etwas, klar genug, dass einzelne Worte ankamen.

    „… richterlich … erst sehen …“

    Konrad antwortete schneller. „Eva.“

    Sie schüttelte den Kopf. Kurz. Ein einmaliges Nein.

    Im Keller murmelte Lina hinter Mira leise: „Sie streamen das schon mit Vorlauf. Scheiße.“

    Mira drehte sich nicht um. Längst wusste sie das. Die Bauchbinden, die Sprache, der Schnitt zeigten es. Das Bild am Monitor war keine hastige Suche mehr. Es war die Folge dessen, was sie vorhin zugelassen hatte.

    An der Wohnungstür wurde geklopft, hart und ohne Zögern. Der Ton lief unten blechern und zu laut aus den Lautsprechern. Konrad rief jetzt etwas in Richtung Tür, vermutlich, dass geöffnet werde. Eva blieb einen Moment länger stehen, dann zog sie die Kette nicht mit einer schnellen Bewegung ab, sondern langsam, als müsse sie jede Stufe des Vorgangs noch einmal prüfen. Als die Tür aufging, schoben sich zwei Beamte in den Flur, dunkel, glatt, mit Westen und neutralen Gesichtern. Hinter ihnen eine Frau in Zivil mit Tablet. Ohne die Stimme zu heben, zeigte einer etwas vor.

    Ausweis, Beschluss – Konrad nahm das Blatt. Eva nicht. Ihre Hände blieben leer.

    „Wir haben bereits kooperiert“, sagte Konrad. Diesmal verstand Mira den Satz. „Sie ist nicht hier.“

    Der Beamte nickte, ohne zuzustimmen. „Es geht nicht nur um Antreffen. Es geht um Sicherung relevanter Gegenstände und Unterlagen.“

    Eva sagte sofort: „In wessen Zimmer?“

    „Im Haushalt.“

    „Sie gehen nicht an ihre Sachen.“

    Konrad drehte den Kopf zu ihr. „Wenn wir jetzt—“

    „Nein.“

    Das Nein traf ihn offen, vor den Beamten und vor der Kamera. Mira hielt den Atem an. Nicht, weil Eva sie schützte. Das Wort stand ihr nicht mehr zur Verfügung. Aber weil Eva wenigstens einmal nicht so tat, als sei der Zugriff vernünftig.

    Einen halben Schritt weiter in die Wohnung machte der Beamte im Flur. „Frau Hartmann, behindern Sie die Maßnahme nicht.“

    „Sagen Sie mir, wonach Sie suchen.“

    Die Frau mit dem Tablet antwortete. „Digitale Endgeräte, Schriftstücke mit Bezug zu Herrn Krüger, Kommunikationsmittel, Datenträger, Hinweise auf Kontaktpersonen.“

    Bei Herrn Krüger wurde es in Mira sofort kalt. Der Name war nicht neu, nur präzise, sie wussten ihn. Nicht nur die Suche nach ihr. Mehr.

    Irgendwo hinter ihr im Keller stand Jonas. „Mira.“

    Sie hörte ihn und blieb trotzdem am Monitor. Der Magen zog sich zusammen, nicht wegen der Beamten allein. Ihr Bild hing noch vor ihr nach, und jetzt gingen sie durch die Wohnung ihrer Eltern, als hätte sie die Tür selbst geöffnet.

    Aus dem Türbereich trat Konrad zurück. „Bitte“, sagte er zu Eva, diesmal so leise, dass der Stream die Hälfte fraß. „Mach es nicht schlimmer.“

    Eva lachte nicht. Sie gab keinen Laut von sich, der wie Lachen klang. Kurz und hart sah sie ihn an. „Schlimmer für wen?“

    Der Beamte nahm das als Öffnung und ging vorbei. Die Frau mit dem Tablet folgte. Ein zweiter Beamter blieb im Flur bei den Eltern. Das Bild wechselte nicht. Es blieb im Wohnzimmer, und Schritte, Schranktüren, das kurze dumpfe Geräusch verrückter Dinge kamen aus den Lautsprechern. Mira kannte die Wege auch ohne Bild: erst Arbeitszimmer, dann Flurkommode, dann ihr Zimmer.

    Eva machte einen Schritt in die Richtung. Der Beamte im Flur stellte sich ihr in den Weg. Nur mit seinem Körper.

    Konrad fuhr sich über den Mund. Sein Blick ging zur Kamera, ohne dass er es merkte. Ein schneller Blick, der sofort wieder wegging. Mira fragte sich, ob er das rote Licht erst jetzt sah oder gar nicht begriff, was es bedeutete.

    Aus dem Nebenraum kam das Rutschen einer Schublade, dann Papier, das schnell durchgeblättert wurde. Jemand sagte etwas, zu weit weg für das Mikrofon. Die Frau mit dem Tablet antwortete sofort, knapp, in demselben Ton, in dem sie vorher die Liste verlesen hatte.

    So nah saß Mira vor dem Monitor, dass ihre Knie gegen die Tischkante drückten. Das Bild blieb im Wohnzimmer. Der Flur schnitt rechts an. Man sah nur den Rand der Kommode und die offene Wohnungstür dahinter, während alles Wichtige außerhalb des Bildes geschah und nur die Geräusche ankamen.

    Neben sie trat Jonas. Nicht zu nah. „Du musst da nicht weiter—“

    „Doch.“

    Er sagte nichts mehr.

    Sobald Schritte näher kamen, hob Eva im Stream den Kopf. Die Frau mit dem Tablet erschien zuerst wieder im Flur, dann ein Mann in Zivil hinter ihr. In seiner Hand hielt er ein kleines weißes Kärtchen zwischen Daumen und Zeigefinger. Er sah darauf, nicht auf Eva.

    „Frau Hartmann“, fragte er. „Können Sie angeben, woher dieses Dokument stammt?“

    Eva antwortete nicht sofort. Sie machte nur einen Schritt nach vorn, um besser sehen zu können. Der Beamte hielt die Karte höher, aber nicht weit genug, um sie zu erreichen.

    Ebenfalls hin sah Konrad. „Was ist das?“

    Der Mann drehte die Karte zu ihnen. Die Kamera war zu weit weg, um die Schrift lesen zu können. Aber Mira kannte das Format: weiß, glatt, zu klein für einen Brief, zu steif für einen Zettel. Oben der Druck, unten die Felder: Name, Datum, Besuchsbereich, Vermerk.

    Miras Bauch wurde hart, als Eva die Hand ausstreckte. „Geben Sie mir das.“

    Die Frau mit dem Tablet stellte klar: „Es handelt sich mutmaßlich um eine Besuchskarte der JVA Stadelheim.“

    Konrad drehte den Kopf zu Eva, dann zurück zur Karte. Er sagte nichts.

    Im Stream knisterte Stoff, als Eva noch einen Schritt vortrat. Mira hielt die Luft an. Sie zwang sich auszuatmen, aber es gelang nicht richtig. Das weiße Kärtchen auf dem Bildschirm war weit weg und sofort da. Wieder lag der Tisch im Besucherraum vor ihr, die Platte, seine Hand, der Aufseher an der Tür. Von Bernd kam kein Wort. Nur das Kratzen des Stuhls vom damaligen Aufstehen. Das Blut auf dem Taschentuch. Die Frage, ob es schon wieder angefangen hatte. Während der Beamte auf die Karte blickte, presste sie die Finger gegeneinander.

    „Name: Mira Hartmann.“ Er nannte das Datum. „Besuchsbereich B. Kontrollvermerk vorhanden.“

    Eva stand still.

    In ihrem Gesicht blieb etwas zurück, während ringsum alles weiterlief. Mira kannte diesen Ausdruck nicht, denn zuerst war da kein Zorn, keine Abwehr. Ein kurzes, blankes Nichtverstehen.

    „Nein“, sagte Eva.

    Die Frau mit dem Tablet tippte etwas ein.

    „Es wurde in der Flurkommode sichergestellt“, erklärte der Mann. „Zwischen privaten Unterlagen. Haben Sie Kenntnis von einem Besuch Ihrer Tochter bei Herrn Krüger in der JVA Stadelheim?“

    Eva sah den Beamten nicht an. Ihr Blick blieb an der Karte hängen.

    Einen halben Schritt auf sie zu machte Konrad. „Eva.“

    Sie fuhr zu ihm herum. „Was?“

    Er hob die Hände, sofort wieder runter. „Wenn es da steht—“

    „Wenn was da steht?“ Ihre Stimme brach nicht. Sie wurde nur lauter. „Dass meine Tochter—“ Sie brach ab und sah wieder zur Karte.

    Hinter Mira fluchte Jonas. Leise, nur ein Wort. Sie drehte sich nicht um.

    Eva griff auf dem Bildschirm nach der Karte. Der Mann zog sie zuerst zurück, nur ein Stück, aus Reflex. Konrad sagte hastig: „Eva, hör auf. Bitte. Hör einfach auf.“

    Für einen Moment hielten beide das Kärtchen. Der Beamte gab nach, vielleicht, weil es klein war, vielleicht, weil zwei Kollegen direkt daneben standen, vielleicht, weil er glaubte, es sei schon egal. Eva hatte es in der Hand und sah sofort darauf hinunter.

    Mira wusste, was sie las, zuerst nicht die Überschrift, nicht die Anstaltsbezeichnung. Ihren Namen. Das Datum. Einen Tag, an dem sie morgens gesagt hatte, sie müsse in die Bibliothek. Oder zu einer Freundin oder in die Schule wegen eines Gesprächs. Sie wusste es nicht mehr genau. Eva offenbar auch nicht. Aber

    Am Gesicht ihrer Mutter erkannte sie, dass es nicht darauf ankam.

    Eva las nicht lange. Ihr Blick sprang einmal über die Zeile, dann zurück. Ihr Mund blieb offen. Nicht weit, nur einen Spalt. Die Frau mit dem Tablet sagte etwas über Protokollierung und Sicherstellung. Eva hob die freie Hand, ohne hinzusehen.

    „Wann?“

    Der Beamte antwortete nicht sofort. „Das Datum steht auf dem Beleg.“

    „Ich kann lesen.“ Eva blickte weiter hinunter. „Ich frage, wann Sie das gefunden haben.“

    „Soeben. In der Flurkommode.“

    Konrad stand einen Schritt hinter ihr. Er hielt die Hände halb oben, ohne zu wissen, wohin damit. „Eva. Gib ihm die Karte. Wir klären das—“

    „Was klärst du?“ Sie drehte den Kopf nicht zu ihm. „Was genau willst du klären?“

    Niemand sagte etwas.

    Mira saß vor dem Stream, die Knie dicht an den Körper gezogen. Das Bild war scharf genug, um die kleine weiße Karte zu erkennen, nicht scharf genug, um jede Zeile zu lesen. Sie musste es nicht. Sie kannte die Schrift, die Anordnung, den Stempel am Rand. Sie hatte das Ding nach dem Besuch in die Jackentasche geschoben und später aus Gewohnheit in die Kommode gelegt, zwischen alte Schlüssel, Batterien und einen Kuli, der nie schrieb. Nur für kurz, hatte sie gedacht. Nur bis sie wusste, wohin damit.

    „Mira Hartmann“, rief Eva jetzt laut, zum ersten Mal klang der Name nicht nach Ruf, sondern nach Vorhalt. „Besuchsbereich. Kontrollvermerk.“ Sie atmete einmal hart durch die Nase. „Stadelheim.“

    Hinter ihr regte sich Jonas, und das Holz knarrte leise. „Scheiße“, murmelte er.

    Lina schwieg, während der Beamte im Flur sein Gewicht verlagerte. Die Frau mit dem Tablet trat näher.

    Eva hob den Blick. „Meine Tochter war dort?“

    „Ja, nach jetzigem Stand.“

    „Nach jetzigem Stand.“ Sie wiederholte die Worte langsam. „Sie sprechen über sie, als wäre sie eine Akte.“

    „Frau Hartmann“, sagte die Tablet-Frau, „wir suchen nach Gegenständen und Unterlagen mit Bezug zu Herrn Krüger. Dazu gehören auch Nachweise über Besuche und Kommunikation. Ich fordere Sie auf, die Maßnahme nicht zu behindern.“

    Eva blickte sie an, dann wieder auf die Karte. „Sie haben also nicht nur nach ihm gesucht.“

    „Das wurde Ihnen mitgeteilt.“

    „Sie haben meine Wohnung durchsucht, mein Schlafzimmer, die Sachen meines Mannes, und jetzt gehen Sie an die Sachen meiner Tochter, weil sie—“ Sie stockte. Es wirkte nicht, als fände sie das Wort nicht. Eher, als wolle sie es nicht vor ihnen aussprechen.

    Als Konrad einen Schritt auf sie zuging, blieb der Raum still. „Eva.“

    „Nicht jetzt.“

    „Wir müssen ruhig bleiben.“

    Diesmal drehte sie sich doch zu ihm um. „Still?“, fragte sie. Ihre Stimme hob sich nicht viel. „Seit wann genau bringt still bleiben etwas? Seit dem Brief? Seit der Schule? Seit sie uns Dinge verschweigt, von denen jeder außer uns weiß?“

    Konrad presste die Lippen aufeinander. Mira bemerkte, wie sein Blick kurz zur Karte ging und sofort wieder weg. Er wusste jetzt auch das Datum. Vielleicht suchte er schon in Gedanken den Tag ab, an dem sie zu spät nach Hause gekommen war oder ohne Hunger am Tisch gesessen oder gesagt hatte, sie habe Kopfschmerzen.

    Mira starrte weiter auf den Bildschirm. In ihrem Kopf stand derselbe Tag offen, aber nicht sauber. Im frühen Zug lag die Tasche zwischen ihren Knien. Sicherheitsglas, Bernds Hand auf dem Tisch. Die Linie in ihrer Hand. Der Druck im Finger. Das kurze Geräusch, als Holz nachgab. Sie merkte, dass sie die rechte Faust wieder fest um das linke Handgelenk gelegt hatte.

    Die Frau mit dem Tablet sprach in das Gerät. „Fundstück eins-null-sieben. Besuchskarte JVA Stadelheim auf den Namen Mira Hartmann. Sichtvermerk und Datumsangabe vorhanden. Erweiterung des Suchfokus auf persönliche Unterlagen im Zimmer der Betroffenen, digitale Endgeräte, Korrespondenz, Datenträger.“

    „Nein“, sagte Eva.

    Sie nahm die Karte fester zwischen die Finger. Der Druck ließ die Kante leicht nachgeben.

    Sie ignorierte die ausgestreckte Hand des Beamten. „Wussten Sie das?“, fragte sie Konrad.

    „Nein.“

    „Gar nichts?“

    „Nein.“

    „Und ich soll dir das glauben.“

    „Eva, bitte.“

    Sie lachte nicht. Sie schnaubte nur kurz. Dann blickte sie wieder auf die Karte, sehr lange, obwohl dort nichts Neues mehr stand. Mira merkte, wie sie selbst den Atem anhielt. Es war nicht nur die Entdeckung. Es war der Moment danach. Der Punkt, an dem aus einer Ausrede ein Datum wurde, aus einem Verdacht ein Eintrag, aus Schweigen ein Gegenstand in einer fremden Hand.

    „Sie ist also zu ihm gefahren“, sagte Eva leise.

    Keiner der Beamten antwortete.

    „Heimlich.“ Jetzt lauter. „Mitten in allem. Während wir hier—“

    „Während wir hier Formulare gesucht und Termine verpasst haben.“

    Mit angezogenen Knien saß Mira im Keller auf der Matratze, das Handy in beiden Händen, während das Bild kurz sprang und sich wieder fing. Körniges Licht lag im Flur. Die weiße Karte in Evas Hand. An der Wand stand Konrad mit einer offenen Hand, ohne zu wissen, wohin damit. Einen halben Schritt vor den anderen wartete die Frau mit dem Tablet.

    „Frau Hartmann“, forderte sie auf. „Ich fordere Sie ein letztes Mal auf, das Beweisstück auszuhändigen.“

    Den Kopf hob Eva. „Beweisstück.“

    „Ja.“

    „Das ist eine Besuchskarte meiner Tochter.“

    „Es handelt sich mutmaßlich um eine Besuchskarte der JVA Stadelheim auf den Namen Ihrer Tochter. Mit Datum und Kontrollvermerk. Damit ist ein persönlicher Kontakt zu Bernd Krüger belegt. Die Maßnahme wird auf weitere Kommunikations- und Besuchsnachweise erweitert.“

    An Miras Fingern sammelte sich Feuchtigkeit am Rand des Handys. Sie legte den Daumen fester dagegen, damit das Gerät nicht rutschte. Im Bild bewegte sich niemand. Nur Konrad schluckte.

    Eva sah die Frau mit dem Tablet an, dann den Beamten mit der ausgestreckten Hand. „Mutmaßlich.“

    „Sie können die rechtliche Einordnung später prüfen lassen.“

    „Später.“ Einmal nickte Eva. „Natürlich später.“

    Der Beamte an der Kommode streckte die Hand nicht weiter aus. „Geben Sie die Karte jetzt heraus.“

    Eva las wieder darauf, diesmal laut, stockend, Wort für Wort: „JVA Stadelheim.“ Beim Ort hielt sie kurz inne, und Miras Magen wurde hart. Mit dem Blick fuhr Eva weiter, während sie stockend las: „Mira Hartmann. Besuchsbereich. Datum.“ Zu Konrad sah sie auf. „Ein Datum.“

    Er schwieg.

    „An dem Tag“, fragte Eva, „hast du sie morgens gesehen? Ist sie von hier aus los? Hast du überhaupt gemerkt, dass sie weg war?“

    „Ich wusste es nicht.“

    „Ja.“ Sie presste die Lippen zusammen. „Das sagst du die ganze Zeit.“

    Miras Atem ging im Kellerraum rau, lauter als die Stimmen aus dem Stream. Hinter dem Bild rauschte etwas, vielleicht die Leitung, vielleicht das Blut in ihren Ohren. Auf dem Display blieb unten noch immer die Leiste eingeblendet, die nicht dort sein sollte: ein behördliches Fenster mit Zeitstempel, Zugriffsdaten. Nichts daran wirkte mehr intern.

    Halb zu Konrad gedreht, sagte Eva leise: „Und du lässt zu, dass sie das hier vor allen aufmachen.“

    Er hob die Hände. „Was soll ich denn jetzt machen?“

    Konrad hob die Hände ein wenig höher, als würde die Geste ihn aus der Schusslinie nehmen.

    „Etwas.“

    „Wenn wir kooperieren, geht es schneller.“

    „Schneller wohin? In ihr Zimmer?“ Ihre Stimme kippte hoch und fing sich sofort wieder. „Vor Zuschauern durch ihre Sachen?“

    Ein Stück weit zog Eva die Karte an sich. Nicht hastig. Fest. Mira registrierte die Bewegung, und im selben Moment war es zu spät, obwohl noch nichts passiert war. Eva stand nicht mehr da, um zu fragen. Als Konrad einen Schritt auf sie zuging, hielt sie etwas zurück.

    „Eva“, mahnte Konrad.

    Sie sah ihn nicht an. „Hast du gewusst, dass die Schule sofort mit ihr sprechen wollte?“

    Er blinzelte. „Was?“

    „Hast du das gewusst? Vor Unterrichtsbeginn. Sofort. Weil wieder irgendetwas gemeldet werden musste. Weil wieder alle etwas wussten, nur wir nicht oder ich nicht oder du nicht, je nachdem, wer gerade lügt.“

    „Jetzt nicht“, murmelte er.

    „Doch. Jetzt.“ Sie hielt die Karte noch immer in der Faust, aber noch flach. „Immer später, immer nachher, immer wenn schon jemand in der Wohnung steht und alle zusehen.“

    Die Frau mit dem Tablet nickte dem Beamten an der Kommode zu. „Beginnen Sie.“

    Eva fuhr herum. „Nein.“

    Der Beamte trat vor. Konrad stellte sich nicht dazwischen. Zu niemand Bestimmtem sagte er nur: „Die Flurkommode können Sie ansehen.“ Einmal atmete er durch, zu kurz. „Und ihr Zimmer auch.“

    Mira starrte auf den Bildschirm. Einen Moment verstand sie die Worte nicht, dann waren sie da und blieben. Ihr Zimmer auch, während Eva ihn ganz still anblickte. Das war das Schlimmste daran. Kein Schrei, kein Wort zuerst. Nur dieser Blick. Mira konnte nicht sicher sagen, ob darin Überraschung lag. Vielleicht war da längst nichts mehr zu überraschen.

    Vielleicht war da längst nichts mehr, das noch überraschen konnte.

    Ein wenig hob Eva die Hand mit der Karte an, als müsse sie prüfen, ob sie sie noch hielt, und sah auf das weiße Stück Papier hinunter. Mira kannte die Karte. Sie hatte sie damals nach dem Besuch nicht weggeworfen, obwohl sie es gewollt hatte. Zu auffällig, zu wichtig, zu gefährlich. Jetzt lag alles daran offen im Flur ihrer Eltern, zwischen Kommode, Garderobe und den Händen von Leuten, die ihren Namen schon benutzten, bevor sie ihn gelesen hatten.

    „Ihr Zimmer links?“, fragte der Beamte.

    Konrad nickte, ohne Eva anzusehen, und sagte: „Ja.“

    Die Frau mit dem Tablet sprach in einem Ton, der keine Schärfe brauchte. „Gesucht werden schriftliche Unterlagen, Notizen, Briefe, Korrespondenz jeder Art, außerdem Datenträger und Endgeräte mit möglichem Bezug zu Bernd Krüger oder zur JVA Stadelheim.“

    Bei dem Namen hob Eva den Kopf.

    Nicht schnell, nicht erschrocken. Es war schlimmer. Der Satz traf sie und blieb hängen: Bernd Krüger, kein Amt, kein Formular, ein Mann an einem Ort, ein Datum auf einer Karte. Genug, um die Lücke zu schließen.

    „Zu wem?“, sagte Eva.

    Die Frau hob kurz den Blick vom Display. „Zu ihm.“

    „Nein.“ Eva sagte es leise. Noch einmal, härter: „Nein.“

    Der Beamte ging bereits den Flur entlang in Richtung Zimmer. Man sah nur seinen Rücken. Einen Augenblick später verschwand er aus dem Bild.

    Auf dem kalten Beton rückte Mira ein Stück vor, näher an das Gerät, obwohl es nichts änderte. Das Bild blieb dieselbe starre Perspektive, dieselbe offene Wohnung, derselbe Flur, in dem niemand mehr so tat, als ließe sich noch etwas retten.

    „Mira war in Stadelheim?“, sagte Eva.

    Konrad fuhr sich über den Mund, als keiner sofort antwortete. „Eva—“

    „War sie dort?“ Sie sah jetzt ihn an. Die Beamten standen neben ihr; gemeint war er. „Antworte mir.“

    „Der Zettel—“ begann er.

    „Ich sehe die Karte.“

    Die Frau mit dem Tablet sagte: „Nach derzeitigem Stand ist von einem dokumentierten Besuch auszugehen.“

    „Von einem dokumentierten Besuch.“ Eva lachte nicht. Sie wiederholte nur die Worte, stumpf und ohne jeden Klang. Wieder glitt ihr Blick auf die Karte. Miras Atem stockte bei der kleinen Bewegung in ihrer Hand. Die Finger zogen sich enger zusammen.

    Im Hintergrund hörte man ein Schieben, dann das dumpfe Knarren einer geöffneten Schublade aus Miras Zimmer. Mira wusste sofort, welche zuerst, weil der Schreibtisch rechts unten klemmte und man etwas fester ziehen musste, während man im Stream den Flur sah. Nur den Flur. Aber das Geräusch reichte.

    Ihr Nacken spannte sich. Sie dachte an Hefte, lose Zettel, das Ladekabel in der Kiste unter dem Bett, den alten USB-Stick in der Blechdose, den sie schon vor Monaten hatte mitnehmen wollen. Alles bekam durch die Worte der Frau einen anderen Namen. Es waren nicht mehr ihre Sachen, nur noch Unterlagen, Datenträger, Korrespondenz.

    Auch Eva hörte das Geräusch. In ihrem Gesicht stand für einen Moment keine Wut. Nur etwas Starres, Rechenhaftes. Ihr Blick ging wieder auf die Karte, auf den Aufdruck, auf Miras Namen.

    Sichtbar schluckte er. „Ich wusste es nicht.“

    „Frau Hartmann“, sagte die Frau mit dem Tablet wieder. „Ich weise Sie ein letztes Mal darauf hin, dass—“

    „Ein letztes Mal“, wiederholte Eva.

    Konrad streckte die Hand aus. Nicht weit genug, um sie wirklich zu erreichen. „Eva. Gib sie her.“

    Sie sah an ihm vorbei, geradeaus in den Flurspiegel, in dem man nur einen Teil von ihr erkannte: Schulter, Kinn, die Hand mit der Karte. Mira hatte diesen Spiegel immer gehasst.

    Mira hatte diesen Spiegel immer gehasst. Zu hoch hing er, zeigte nie ein ganzes Gesicht, nur Stücke. Wer davorstand, sah nicht sich, sondern einen Ausschnitt. Im Stream war es noch schlimmer. Kurz stockte das Bild, fing sich wieder, und in dem schmalen Glas erschien Miras Mutter in Teilen: die harte Linie des Kiefers, die gespannte Schulter, die Faust an der Brust.

    „Eva“, bat Konrad noch einmal, leiser diesmal, mürbe. „Mach das nicht.“

    Eva drehte den Kopf. „Was genau soll ich nicht machen?“

    Niemand antwortete sofort. Im Hintergrund bewegte einer der Männer sich aus Miras Zimmer zurück in den Flur, eine durchsichtige Beweismitteltasche in der Hand. Darin lag etwas Dunkles, flach, vielleicht ein altes Ladekabel oder ein kleines Gerät. Kurz hob die Beamtin mit dem Tablet die Augen, registrierte es, schwieg aber dazu. Bei Evas Hand blieb ihr Blick.

    „Die Karte bitte“, forderte sie. „Unversehrt.“

    Eva lachte nicht. Sie stieß nur Luft durch die Nase aus. „Unversehrt. Jetzt.“

    Konrad sagte: „Eva, bitte. Das macht es nur schlimmer.“

    „Für wen?“, fragte sie sofort.

    Er schwieg, als sie nachsetzte: „Für sie? Für Mira? Ist es das, was du meinst? Dass es schlimmer für sie wird? Oder meinst du, es wird schlimmer für dich, weil du jetzt danebenstehst und so tust, als wäre das alles vernünftig?“

    „Ich tue nicht so.“

    „Doch.“ Jetzt sah sie ihn direkt an. „Du tust genau das. Seit die hier drin sind, tust du so, als gäbe es nur noch die richtige Reihenfolge von Handgriffen. Die Tür aufmachen, Fragen beantworten, Zimmer zeigen, nicken, zustimmen. Und wenn man nur still genug mitmacht, bleibt irgendetwas heil.“

    Einer der Beamten im Hintergrund sagte in ein Funkgerät etwas, das Mira nicht verstand. Die Frau mit dem Tablet wartete, bis es wieder still war.

    Miras Finger wurden kalt. Eva hielt die Karte nicht mehr nur fest. Sie bearbeitete sie. Der Daumen schob die obere Ecke nach innen. Der Zeigefinger drückte dagegen. Ein feiner Knick entstand, erst kaum sichtbar, dann deutlich. Weiß auf Weiß. Sauber zog sich die Bruchlinie.

    „Frau Hartmann“, sagte Konrad scharf. Es war das erste Mal in dieser ganzen Sache, dass seine Stimme einen Rand bekam. „Hör auf.“

    Eva blickte auf die Karte hinunter. „Womit denn? Mit Anfassen? Das konnte ich offenbar mein ganzes Leben lang nicht richtig.“

    Mira schloss kurz die Augen. Eva blieb trotzdem vor ihr, weil die Worte blieben. Solange du hier lebst und solange ich für dich unterschreibe. Neben dem Stream stand die Stimme von damals. Gegenwärtig, dieselbe Frau. Derselbe Anspruch. Nur dass Eva jetzt nicht über Formulare entschied, sondern an einem Beweis festhielt, der Mira gehörte und doch nicht mehr ihr gehörte.

    Die Frau mit dem Tablet hob die Hand nicht, trat nicht vor; sie setzte nur die Stimme an die Stelle, an der Eva die Karte hielt.

    „Ich fordere Sie ein letztes Mal auf, mir das Dokument zu übergeben.“

    Nur kurz sah Eva sie an, dann wieder auf die Karte. Der neue Knick stand in dem weißen Feld, in dem Miras Name gedruckt war. Ihre Finger arbeiteten weiter, klein, hartnäckig, und statt die Karte glatt zu streichen, drückte sie die Falz tiefer.

    „Sie haben es doch schon gesehen“, entgegnete Eva. „Sie haben es doch schon erfasst. Auf Ihrem Tablet. In Ihrem Verfahren. Was genau fehlt Ihnen noch? Die Haptik?“

    „Die Sicherstellung.“

    „Natürlich.“

    Aus dem Zimmer links war ein kurzes Geräusch zu hören. Holz auf Holz. Eine Schublade lief gegen den Anschlag. Jemand sagte leise etwas, das Mira nicht verstand. Dann ein zweites Geräusch, dumpfer, kontrolliert. Die Kamera im Flur zeigte nur den Türrahmen und die Rücken der beiden Männer, die dort arbeiteten. Einer trat einen halben Schritt zurück. In seiner Hand lag ein dunkler, flacher Gegenstand in einer transparenten Hülle.

    Näher zum Bildschirm beugte sich Mira. Sie sah nur die Kante, schwarz oder sehr dunkelgrau, ohne Etikett, ohne erkennbares Format. Der Mann gab die Hülle an den Kollegen neben der Tür weiter. Der nahm sie, blickte kurz zur Frau mit dem Tablet und meldete: „Aus dem Zimmer. Schreibtischbereich.“

    Die Frau nickte. „Mit aufnehmen. Vorläufig als persönlicher Datenträger beziehungsweise Unterlage unbekannter Art.“

    Eva drehte sich in die Richtung und vergaß für einen Moment die Karte. „Was ist das?“

    „Das prüfen wir.“

    „Sie prüfen hier gerade das ganze Leben meiner Tochter.“

    „Wir sichern Beweismittel.“

    Eva lachte einmal. Kurz und ohne Wärme. „Jetzt gibt es also eines.“

    Noch immer stand Konrad dort, wo er stehen geblieben war. Mit Abstand zu Eva und den Beamten. Mira sah sein Gesicht nur seitlich, aber selbst im flachen Licht des Flurs wirkte es leer. Er fuhr sich mit der Hand über den Mund und ließ sie sofort wieder sinken.

    „Was suchen Sie noch?“, fragte er.

    Die Frau mit dem Tablet sah auf den Bildschirm in ihrer Hand. Sie las nicht ab. Sie ordnete. „Unterlagen, Notizen, Briefe, Korrespondenz, Endgeräte, Speichermedien. Alles mit Bezug zu Bernd Krüger oder zur JVA Stadelheim. Ebenso Kalendervermerke, Terminbestätigungen, Quittungen, Zugangsnachweise.“

    Eva fuhr zu ihm herum. „Hörst du das?“

    Konrad schwieg.

    „Briefe“, zischte Eva. „Korrespondenz. Endgeräte. Das fällt denen nicht wegen einer Karte ein. Was ist das hier noch?“

    „Frau Hartmann“, erwiderte die Frau, „ich diskutiere mit Ihnen nicht über den Umfang der Anordnung im Hausflur. Ich erläutere Ihnen nur, was jetzt sichergestellt wird.“

    „Im Hausflur“, wiederholte Eva. „Ja. An der Schlafzimmertür. Vor dem Zimmer meiner Tochter. Bei meinem Mann.“

    Sie hob die Karte etwas höher, direkt zwischen sich und die Beamtin, als müsse sie prüfen, ob der Knick das Gedruckte unlesbar gemacht hatte. Hatte er nicht. MIRA HARTMANN stand noch deutlich auf dem Papier. Das Datum ebenfalls. Der Kontrollvermerk war am Rand verformt, aber sichtbar.

    Mira merkte, dass sie die Luft anhielt. Sie zwang sich auszuatmen. Ihre Hand lag auf dem Betonboden neben dem Laptop, die Finger gespreizt, kalt und feucht. Im Stream blieb alles hell und nüchtern. Der Flur ihrer Eltern sah aus wie immer: Garderobe und Schuhbank, der kleine Spiegel. Nur dass Menschen darin standen, auf Gegenstände zeigten und sie benannten, bis nichts mehr privat klang.

    Konrad sagte schließlich: „Gib die Karte her.“

    Eva sah ihn an, diesmal länger. „Du willst mir jetzt Anweisungen geben?“

    „Nein. Ich will nicht, dass das noch weiter eskaliert.“

    „Es eskaliert nicht wegen mir.“

    „Eva.“

    „Nein, sag es ruhig sauber. Es eskaliert, weil unsere Tochter Kontakt zu einem Gefangenen hatte und weil wir es aus dem Flur einer Durchsuchung erfahren.“

    Der Satz blieb stehen. Im Flur widersprach ihm niemand. Einer der Männer an Miras Zimmertür blickte kurz herüber, dann wieder auf die Hülle in seiner Hand. Die Frau mit dem Tablet erklärte: „Es ist ein dokumentierter Besuchskontakt. Mehr stelle ich im Moment nicht fest.“

    „Dokumentiert“, wiederholte Eva. „Dieses Wort mögen Sie sehr.“

    „Es ist mein Arbeitsfeld.“

    „Und meins war offenbar Blindheit.“

    Konrad schloss kurz die Augen. „Das hilft jetzt nicht.“

    Eva machte eine kleine Bewegung mit der Karte in Richtung der Beamtin.

    „Wenn Unterlagen vernichtet oder entfernt werden, erschwert das die Prüfung“, stellte die Frau klar.

    „Entfernt? Sie glauben, ich renne gleich damit weg“

    „Ich glaube, Sie verweigern gerade die Herausgabe eines relevanten Dokuments“, erklärte die Frau mit dem Tablet.

    Im Keller drang das leichte Knacken aus den Lautsprechern, das bei dem Stream immer dann kam, wenn mehrere Stimmen durcheinanderlagen. Das Bild zeigte den Flur schräg von oben. Eva stand halb zur Kamera, halb zu der Beamtin mit dem Tablet. Zwischen ihren Fingern lag die weiße Karte, zu weit weg, um das Datum zu lesen. Name und Ort waren nicht mehr zu sehen. Mira wusste trotzdem, was darauf stand.

    „Ich verweigere gar nichts“, erwiderte Eva. „Ich halte etwas in der Hand, das Sie meiner Tochter zuordnen. Das ist ein Unterschied.“

    Nicht zu Eva, sondern auf ihr Gerät blickte die Beamtin. „Ich protokolliere: Herausgabe nach Aufforderung bislang nicht erfolgt.“

    „Protokollieren Sie doch alles“, erwiderte Eva. „Mehr können Sie ja nicht.“

    Ein Stück hinter ihr stand Konrad, nicht mehr neben ihr. Mira hatte das schon die letzten Minuten gesehen. Er trat nicht heran, er nahm ihr die Karte nicht ab, aber er stellte sich auch nicht zwischen Eva und die Beamten. Sein Blick hing an Evas Fingern. Leiser als zuvor sagte er: „Gib sie her.“

    Zu ihm drehte Eva den Kopf. „Wie bitte?“

    „Ja.“

    „Jetzt.“

    „Eva, das bringt nichts.“

    „Doch“, entgegnete sie. „Es bringt mir wenigstens noch mit, dass ich nicht einfach zusehe.“

    Aus Miras Türrahmen bewegte sich im Bild einer der Männer in den Flur. In der linken Hand trug er einen flachen dunklen Gegenstand in einer durchsichtigen Hülle. Er blieb stehen, sobald die Beamtin kurz die Hand hob. Alles wartete auf Evas nächste Bewegung.

    Näher über den Laptop gebeugt, blieb Mira am Rand des Tisches hängen, obwohl das Bild sich nicht veränderte. Warme Luft blies der Lüfter. Auf dem unteren Bildrand liefen Zahlen und eine Uhr mit.

    Konrad machte einen Schritt vor. „Eva.“

    Sie wich nicht zurück. „Sag meinen Namen nicht so.“

    Im Stream dehnte sich jedes Schweigen. Mira verfolgte, wie Eva ihn zwei, drei Sekunden lang anstarrte.

    Bei dem Wort schloss Mira kurz die Augen. Als sie wieder zum Bildschirm blickte, packte Eva die Karte fester.

    Die Beamtin wandte den Kopf zu einem der Männer. „Sicherung.“

    Der Mann, der näher an Eva stand, setzte sich in Bewegung. Nicht schnell, nicht grob. Zuerst kam sein Arm, dann der Blick, der Evas Hand fixierte. Eva reagierte sofort und schloss die Finger.

    Konrad sagte scharf: „Eva. Nicht.“

    Zu spät.

    Selbst über den Stream kam das trockene Geräusch an. Kurz, dünn, Papier unter Druck. Eva hatte die Karte in der Mitte geknickt. Einmal. Sie drückte nach, härter, bis aus dem Knick ein zerdrücktes Stück wurde, das nicht mehr flach war.

    Der Beamte griff zu. Eva zog die Hand an die Brust. Für einen Moment hielt jeder nur an seiner eigenen Bewegung fest. Da sagte die Beamtin: „Nicht weiter beschädigen. Sofortige Sicherung.“

    Der Mann fasste Evas Handgelenk, nicht hart, aber fest genug. Mit der anderen Hand arbeitete er ihre Finger auseinander. Konrad stand daneben, das Gesicht grau und leer. Hinter ihm wich keiner der anderen Beamten aus, keiner sagte etwas; sie sahen zu, wie Evas Hand geöffnet wurde. Mira wartete darauf,

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