Chapitre 4
Nachtpfad nach Kreta
Sofort kam der Bruch: nicht mehr der offene Opferplatz, nicht mehr Kronos’ Blick, nicht mehr das Bündel in seinen Händen. Hinter dem Altar, im engen Gang des Felses, stand Gaia mit dem Kind unter den Tüchern und wartete auf den Augenblick, in dem Rhea zu ihr zurückfand. Zwischen dem Beben des Bodens und diesem dunklen Durchgang lag nur wenig Weg, aber alles hatte den Zustand gewechselt. Getan war der Betrug. Wenn Kronos den Stein genommen hatte, gab es keine zweite Handlung mehr. Das Kind musste fort, unwiderruflich fort.
Noch bevor Gaia Rhea sah, kamen Schritte durch den Gang. In gehaltenem Maß trafen sie auf den Stein. Gut war das. Sie lief nicht und tastete nicht an der Wand. Kein Laut verriet den Weg. Gaia trat aus dem Schatten des engeren Knicks, so weit, dass Rhea sie im Dämmer des Ganges erkennen konnte, und nicht weiter.
Hoch an ihrer Brust lag das Kind. Sie hielt den Kopf mit einer Hand unter den Fellen gestützt. Zeus regte sich kaum. Die Wärme seines kleinen Körpers stand gegen ihre Haut, und weil sein Atem dünn und gleichmäßig ging, genügte das.
Zwei Schritte vor ihr stand Rhea still. Ihr Gesicht war leer vor Anspannung. Staub klebte an ihrem Hals. Ihre Hände hingen offen an den Seiten, noch immer in der Haltung, in der sie Kronos das Bündel übergeben hatte.
Leise hauchte Gaia: „Er hat ihn genommen.“
Rheas Mund öffnete sich, doch zuerst kam kein Ton. Ihr Brustkorb hob sich einmal hart.
„Den Stein?“
„Ja.“
Mit geschlossenen Augen stand Rhea nur so lange da, wie ein Körper brauchte, um nicht nachzugeben. Als sie sie wieder öffnete, sah sie nicht Gaia an, sondern auf die Tücher.
„Dann ist es jetzt.“
„Jetzt“, erwiderte Gaia. „Noch in dieser Nacht. Du wartest nicht bis zum Morgen. Es gibt keinen Rückweg in dein Lager, kein zweites Sehen auf offenem Boden. Was wir fortbringen, bleibt fort.“
Rhea nickte. Sie nickte noch einmal, weil das erste Nicken nur den Verstand erreicht hatte. Sie trat näher.
Ein wenig verschob Gaia das Bündel, damit Rhea das Gesicht des Kindes sehen konnte. Nur ein Streifen Stirn, die geschlossenen Lider, der kleine Mund wurden sichtbar. Mehr war nicht nötig. Mehr war gefährlich.
Rheas Hand hob sich und blieb in der Luft stehen. Gaia sah, wie der Wille durch sie ging, das Kind zu nehmen, es an sich zu drücken, sein Gewicht noch einmal in den Armen zu haben. Genau hier lag die Gefahr. Für den Weg ebenso wie für die Trennung, die danach kommen musste.
„Nein“, entgegnete Gaia, bevor Rhea sprach.
Als Rhea aufsah, lag der Schmerz offen in ihrem Gesicht.
„Wenn du ihn jetzt nimmst, trägst du ihn weiter und gibst ihn schwerer ab.“
„Er ist mein Sohn.“
„Darum.“
Sie atmete durch den Mund, kurz, flach. Sie senkte die Hand.
„Ich weiß.“
Gaia wartete. Sie drängte nicht. Die Entscheidung musste bei Rhea liegen, sonst würde sie später gegen sie stehen. Der Gang war eng, und doch blieb zwischen ihnen Raum genug für diesen einen Schritt.
Wieder glitt Rheas Blick auf das Kind, und fest sagte sie: „Dann trägst du ihn.“
„Ja.“
Rhea zog die Schultern zurück. „Dann trägst du ihn.“
Sie nickte einmal. Das genügte. Sie wandte sich im Gang um und ging voran. Rhea folgte dicht hinter ihr.
Der Fels zwang sie in eine schmale Reihe. An manchen Stellen musste Gaia den Kopf senken, an anderen die Hüfte drehen, damit die Tücher nicht am Stein striffen. Sie kannte den Weg. Zu unsicher für Ruhe, aber gut genug für Eile ohne Hast. Hinter ihr ging Rheas Atem, und gelegentlich strich ihre Hand an der Wand entlang. Als Gaia einmal anhielt, fiel kein Wort.
Zeus hatte sich unter den Fellen bewegt, erst leicht, dann mit der kleinen Unruhe eines Kindes, das Kälte oder Leere spürte. Gaia legte die Hand fester über seinen Rücken und beugte den Kopf zu ihm hinab.
„Still“, murmelte sie, kaum hörbar.
Dicht hinter ihr stand Rhea. Gaia musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Rhea die Finger in die eigenen Handflächen drückte, damit sie nicht nach dem Kind griff. Nach einem Moment beruhigte sich das Bündel wieder. Sie gingen weiter.
Als sie den Ausgang des Felses erreichten, lag die Nacht offen vor ihnen. Der Hang fiel ab, fern lag das dunkle Land ohne Feuer. Kein Ruf kam herauf, und kein Licht bewegte sich. Dennoch prüfte Gaia die Finsternis lange, bevor sie hinaustrat. Wo Kronos stand, wusste sie nicht. Ob er den Platz schon verlassen hatte oder ob sein Blick noch in die Finsternis ging, wusste sie nicht. Nur eines war sicher: Jede Richtung ging von ihm aus.
„Tief halten“, wies sie an.
Den Mantel enger um sich gezogen, folgte Rhea ihr über den schmalen Steig. Sie stiegen erst ab, dann querten sie unterhalb der Höhe, wo der Fels sie deckte. Der Weg nach Kreta war nicht ein
… Ort für Zögern.
Voran ging Gaia, den Leib leicht gegen den Hang gedreht, damit das Bündel nicht nach außen geriet. Unter ihren Sohlen lösten sich kleine Steine und sprangen in die Dunkelheit. Jeder Laut war zu groß. Sie hörte hin, nicht auf den Steig allein, sondern auf das, was über ihnen lag. Der Othrys schwieg nicht. Tief im Gestein stand noch immer das, was von oben herabdrückte und alles darunter hielt: kein Laut, keine Regung, nur Druck.
Dicht hinter ihr kam ihre Begleiterin, und einmal streifte ihr Mantel Gaias Arm. Mehr Nähe ließ der Weg nicht zu. Mehr Abstand auch nicht.
„Wenn sie fragen“, sagte Rhea leise, „sag es sofort.“
Den Kopf wandte Gaia nicht. „Ich sage es.“
„Nicht erst unten.“
„Nein.“
Nach wenigen Schritten sprach Rhea wieder. Knapp, sauber, ohne Zittern kamen die Worte. „Sie dürfen nicht glauben, wir tragen nur irgendein Kind.“
Erst als der Steig etwas breiter wurde, antwortete Gaia. „Sie werden den Namen hören.“
Für einen halben Schritt blieb die Tochter hinter ihr zurück, fing sich wieder und ging weiter. „Ja.“
Unter den Tüchern regte sich Zeus. Ein kurzer Laut, noch kein Weinen. Gaia schob die Hand tiefer unter die Felle und hob ihn näher gegen ihre Brust. Seine Wärme blieb gering, doch er war da, und das genügte. Mehr durfte sie jetzt nicht verlangen.
Der Steig bog um eine vorspringende Wand. Von dort aus fiel der Blick tiefer den Hang hinab. Nichts war offen zu sehen, und doch wusste Gaia, wo der verborgene Abstieg lag. Die Männer warteten nicht auf einem Platz, sondern in einer Kerbe des Felses, die von oben nicht einzusehen war. Sie hatte den Ort gewählt, weil dort drei Wege zusammenliefen: einer weiter hinab, einer unter die Kante und einer zurück ins Geröll, falls alles brach. Von dort ging es nicht wieder hinauf, sondern fort.
Am Hang blieb sie stehen und hob den Kopf.
Aus der Höhe kam ein ferner Schlag, kein Ruf, kein Name. Ein dumpfer Stoß im Stein, dann ein Nachhall, der nicht weit lief und doch bis in ihren Leib ging. Hörbar zog Rhea Luft ein, während Gaia einen Atemzug lang wartete. Noch einen, doch ein zweiter Laut folgte nicht.
„Er weiß es noch nicht“, sagte sie.
Rhea schwieg.
Wieder setzte Gaia sich in Bewegung. „Wenn er es wüsste, kämen Stimmen.“
„Oder Läufer.“
„Ja.“
Damit war es gesagt. Mehr Gewissheit gab es nicht.
Nun senkte sich der Steig schärfer. Hier musste sie den Fuß seitlich setzen. Zeus bewegte sich wieder. Diesmal öffnete er den Mund und stieß den kleinen, suchenden Ton aus, der schnell größer werden konnte. Sie verharrte nicht. Sie legte nur die Finger fester über ihn und sprach dicht in die Tücher hinein.
„Jetzt nicht.“
Hinter ihr hörte sie, wie Rhea den Atem anhielt. Sehr leise sagte sie: „Gib ihn mir.“
Weiter ging Gaia. „Nein.“
„Nur bis unten.“
„Nein.“
Wieder Schweigen. Hart gegen sich selbst presste Rhea hervor: „Trag ihn fort.“
Sie erreichten die Stelle, an der der Fels auseinandertrat. Von außen war es nur ein dunkler Einschnitt zwischen zwei Kanten. Gaia trat hinein, und sofort nahm die Nacht einen Teil des Windes zurück. Unten im Schatten standen drei Männer. Einer hatte den Kopf gehoben, noch ehe sie den ersten Schritt in die Kerbe setzte. Die anderen drehten sich erst bei ihrem Kommen um.
Zuerst wanderten ihre Blicke zu Gaia, dann auf das Bündel, dann zu Rhea. Keiner sprach sofort. Einer machte einen Schritt vor, blieb aber in der Deckung des Felses.
„Ihr seid spät“, sagte er.
„Nicht spät genug“, erwiderte Gaia.
Die letzten Tritte stieg sie hinab. Nun standen sie einander nahe genug, dass sie ihre Gesichter erkennen konnte. Dieselben Männer, die den Weg kannten, die Boote an der Küste hielten, die schwiegen, wenn Schweigen nötig war. Verlässlichkeit war wenig wert, wenn ein Name fiel, der gegen Kronos stand. Das würde sich jetzt zeigen.
Der Älteste von ihnen sah auf das Bündel. „Ist es—“
Gaia schnitt ihm die Frage ab. „Es ist Rheas Sohn.“
Keiner rührte sich.
Ein wenig hob Gaia das Bündel, nicht hoch, nur so weit, dass sie alle verstanden, dass sie nichts verbarg außer dem Leib des Kindes selbst. „Sein Name ist Zeus.“
Der Wind strich durch die Kerbe. Sonst nichts.
Einen Fingerbreit wich der Jüngste der Männer mit dem Fuß zurück. Mehr nicht. Sein Blick hob sich zu Rhea. Still stand sie, die Hände leer an den Seiten, den Mantel geschlossen, das Gesicht offen. Sie hielt dem Blick stand. „Ihr bringt ihn bis nach Kreta. Ihr bringt ihn fort von hier, und ihr bringt ihn nicht zurück.“
Der Älteste fragte: „Hat Kronos genommen?“
„Ja.“ Gaia hielt seinem Blick stand. „Den Stein.“
Diesmal ging der Blick durch alle drei. Die Schultern spannten sich. Der zweite Mann, breit in den Schultern, sah hinauf zur Höhe, wo man nichts sehen konnte. „Wie lange?“
„Kurz genug für Eile“, sagte Gaia. „Nicht lang genug für Rat.“
„Der untere Weg?“
„Ja. Zur Küste. Über das Wasser.“
„Kreta?“
„Kreta.“
In die Ellenbeugen des Ältesten legte Gaia das Bündel und trat einen Schritt vor, fest, damit er das Gewicht sofort verstand und nicht erst suchen musste, wie er es halten sollte. Das Kind nahm er nicht unbeholfen. Er zog die Tücher dichter an den kleinen Kopf, prüfte mit dem Daumen den Sitz des Fells und drückte Zeus an seine Brust, ohne ihn freizulegen.
„Nein“, sagte der Jüngere.
Zuerst sah niemand zu ihm. Das Wort stand in der Kerbe und blieb dort.
Der breite Mann drehte den Kopf. Der Älteste hob nur den Blick.
Hart in den Knien stand er, die Hände offen, leer, dicht am Leib. „Nein“, wiederholte er. „Nicht den Sohn des Kronos. Nicht über den Berg. Nicht bis ans Wasser.“
Ohne Zögern antwortete Gaia. „Du trägst nicht Kronos. Du trägst das Kind, das er nicht bekam.“
„Und wenn er es merkt?“ Nicht sie sah er an, sondern das Bündel. „Wenn sein Haus den Verlust spürt, hängt er jeden von uns an den Fels.“
„Dann wird Stehenbleiben euch sicher retten?“ Gaias Stimme blieb flach. „Ist das dein Rat?“
Den Mund presste er zusammen. „Mein Rat ist, dass ihr Frauen weitergeht. Ohne uns. Wer das beschlossen hat, soll es auch tragen.“
Langsam hob Rhea den Kopf. Für einen Augenblick dachte Gaia, sie werde sprechen. Aber Rhea schwieg. Nur ihre Hand zuckte einmal gegen den Mantel, als suche sie dort etwas, das nicht mehr da war.
„Wir warteten hier nicht auf leere Arme“, meinte der breite Mann.
„Wir warteten auf eine Last, die wir kannten“, entgegnete der andere.
Unter den Tüchern änderte der Älteste den Griff. Zeus regte sich kaum. Nur ein kleines, dumpfes Lauten kam aus dem Fell und verstummte wieder. Der Mann blickte auf das Bündel hinab, dann auf den Jüngsten. „Jetzt kennst du sie.“
Der Mann schüttelte den Kopf. „Ich kenne Kronos.“
„Dann kennst du auch, was er tut.“
„Gerade deshalb.“
Noch bevor der Boden sich unter ihren Füßen meldete, hörte sie es. Tief im Stein lief ein fernes Rollen durch den Berg. Es hob sie nicht aus dem Stand. Eher drängte etwas aus der Höhe, ging durch die Kerbe und zog im Fels unter ihnen weiter. Kleine Splitter lösten sich aus einer Wand und sprangen zu Boden.
Mit einem Ruck fuhr Rhea herum und griff mit einer Hand nach dem Fels.
Zur Höhe musste sie den Blick nicht heben. Der Laut reichte. Der Ort antwortete wieder. Nicht hier, nicht vor ihren Augen: nah genug. Kronos’ Haus würde nicht lange blind bleiben.
„Jetzt“, sagte sie.
Schon bei Rhea war der breite Mann. Er fasste sie unter dem Arm, nicht grob, aber entschieden. „Wir müssen los.“
Rhea riss sich nicht frei. Doch ihr Blick hing am Kind. Erst am Kind, dann an dem Mann, der es hielt. Ihre Lippen öffneten sich trocken. „Ich nehme ihn noch einmal.“
Zwischen sie und den Ältesten trat die Mutter der Erde. „Nein.“
Sofort gingen Rheas Augen zu ihr. Darin lag keine Wut. Nur Hunger und Müdigkeit und etwas, das Gaia schlimmer fand als beides. „Nur einmal.“
„Nein.“
„Gaia.“
„Wenn du ihn nimmst, gehen wir nicht.“ Gaia hielt die Worte kurz. „Wenn du ihn ansiehst, bleibst du stehen. Wenn du stehen bleibst, stirbt er. Wir bringen ihn fort.“
Hörbar brach ihr Atem. Der breite Mann festigte den Griff an ihrem Arm. Sie stand aufrecht, aber nur noch, weil sie es wollte. Gaia sah, wie ihre Schultern zitterten, einmal, dann wieder still wurden.
„Siehst du? Schon hier zerfällt es“, stieß der Jüngste aus.
Der Älteste hob den Kopf. Seine Stimme war niedrig, und gerade deshalb hörten alle sie. „Wähl jetzt.“
Der Jüngste blinzelte. „Was?“
„Nicht später. Jetzt.“ Der Älteste machte keinen Schritt auf ihn zu. Er stand nur da, das Kind in den Armen. „Du gehst mit uns zur Küste, über das Wasser, und bindest deine Hände an diese Rettung. Oder du gehst hinauf und sprichst mit niemandem mehr von dem, was du sahst. Aber wenn du bleibst, bleibst du nicht zum Reden, nicht zum Zögern und nicht zum Fürchten in unserer Mitte.“
Durch die Nase atmete er scharf ein. „Du befiehlst mir?“
„Ich halte den Sohn, um den es geht.“ Der Älteste sah ihn fest an. „Ja.“
Wieder lief ein Laut durch den Stein, schwächer, aber näher an Erinnerung als an Zufall. Gaia dachte an den Altar, an den Schlag der Sichel, an den Riss, der damals nicht im Gestein, sondern in allem anderen gelegen hatte. Keinen Blick verschwendete sie daran. „Entscheide.“
Er fuhr sich mit der Hand über den Mund. Sein Blick sprang von Gaia zu Rhea, von Rhea zum Bündel. Weil Rhea nichts sagte, wurde es schwerer.
Sie hätte ihn vielleicht abgewiesen oder festgehalten. So stand sie nur da, mit leeren Händen und einem Gesicht, das jeder sehen konnte.
Nun ließ der Jüngste die Hand sinken. „Wenn ich hinaufgehe, bin ich auch nicht frei.“
„Nein“, entgegnete Gaia.
Er nickte einmal, kurz, nicht in Zustimmung, eher in Anerkennung einer Last, die schon auf ihm lag. Dann trat er an den Ältesten heran. Er blieb auf Abstand, nah genug, dass sein Entschluss von allen gesehen wurde. „Dann bringe ich ihn hinunter.“
Vom Ältesten kam keine Antwort darauf. Er verlagerte nur das Bündel in den Armen, prüfte die Tücher mit einem Blick und wandte sich halb zum schmalen Ausgang der Kerbe, dorthin, wo der untere Pfad zum Wasser führte.
Zögernd machte Rhea einen Schritt.
Die Mutter war vor ihr, ehe der zweite folgte. Sie legte die Hand flach gegen Rheas Brust, nicht hart, aber so, dass die Bewegung endete. „Nein.“
Rheas Blick glitt an ihr vorbei zum Kind. „Ich nehme ihn nicht. Ich sehe nur.“
„Nein.“
„Nur sein Gesicht.“
„Nein.“
Dann hob Rhea die Augen zu ihr, und zum ersten Mal seit dem Abstieg lag etwas Scharfes darin. „Du hast ihn gehalten.“
„Ja.“
„Du hast ihn getragen.“
„Ja.“
„Und ich darf nicht einmal—“
„Nicht.“ Gaia nahm die Hand nicht fort. Hinter sich hörte sie das Knirschen einer Sandale auf losem Stein. Der Älteste wartete noch, schon zu lang. „Gerade deshalb nicht.“
Rheas Mund öffnete sich. Sie brachte kein Wort heraus, und ihr Atem ging unruhig. Die Müdigkeit saß ihr tiefer im Leib als in den Gliedern. Die Mutter sah, wie sehr sie sich an dem festhielt, was noch nicht ganz verloren war: an einem Blick, einer Berührung, einem Zug am Tuch. Genau das durfte sie ihr nicht lassen.
„Hör mich an“, erwiderte Gaia. „Wenn du jetzt zu ihm gehst, gehst du nicht mehr weg. Wenn du bei ihm bleibst, sehen sie dich. Wenn sie dich sehen, suchen sie den Weg. Wenn sie den Weg suchen, holen sie ihn. Unten am Wasser verliert sich seine Spur. Dort kommt er fort.“
Da schloss Rhea die Augen. Für einen Atemzug glaubte Gaia, sie würde dennoch an ihr vorbeidrängen. Stattdessen verlagerte sich ihr Gewicht nach vorn und fing sich wieder. Der breite Mann an ihrem Arm zog sie nicht, hielt sie nur aufrecht.
„Mutter“, brachte Rhea heiser hervor. Das Wort galt ihr nicht als Anrede, sondern war Bitte und Vorwurf zugleich.
„Darum tue ich es.“
Nun sah der Jüngste weg. Der Breite tat, als höre er nichts. Der Älteste stand noch immer bereit, und das Kind blieb still unter den Tüchern.
Der Stoß lief durch den Stein. Der Boden hob sich kurz unter den Sohlen und setzte hart zurück. Aus einer Spalte über der Kerbe sprang Geröll, erst klein, dann ein faustgroßes Stück, das zwischen dem Ältesten und der Wand aufschlug und zersprang. Staub fiel herab.
„Los“, rief Gaia sofort.
Schon war der Älteste in Bewegung. Er duckte den Kopf, schützte das Bündel mit dem Körper und ging zum Ausgang. Der Jüngste folgte einen Schritt dahinter. Widerwillen bremste ihn nicht mehr. Für Gaias Wunsch ging er nicht schnell genug, aber ohne neues Zögern.
„Zum Wasser“, rief sie ihnen nach. „Nicht am offenen Grat. Nehmt den unteren Pfad. Wechselt den Träger, bevor einer ermüdet. Und sprecht seinen Namen nicht. Gebt ihn nicht mehr aus der Hand, bis ihr unten seid.“
Kurz hob der Älteste die Schulter zum Zeichen, dass er gehört hatte. Dann waren sie aus der Kerbe hinaus.
Mit einem Ruck riss sich Rhea gegen ihre Hand vor. Nur einen halben Schritt. „Zeus—“
„Still.“ Gaia packte nun ihren Oberarm. Fest. „Nicht hier.“
Der Name hing noch zwischen den Felsen. Gaia hasste ihn in diesem Augenblick nicht, aber sie duldete ihn nicht. Jeder Laut blieb an den Wänden hängen. Jeder Laut machte den Ort länger zu einem Ort, an dem man stehen blieb.
Der breite Mann sah ihr ins Gesicht. „Was jetzt?“
„Sie geht nicht mit ihnen.“
Dann drehte sich Rhea zu Gaia. „Ich weiß.“
„Du wirst umkehren“, sagte sie.
„Wohin?“
„Hinauf.“
Rhea lachte einmal auf, ohne Klang und ohne Freude. „Zu ihm?“
„In seinen Bereich, wenn es sein muss, aber nicht in dein Lager. Du musst noch gesehen werden, bevor du fehlst.“
Rhea starrte.
Für einen Augenblick zeigte sich in Rheas Blick, wie das Wort in ihr arbeitete. Widerstand kam zuerst. Der Mund blieb offen, dann schloss er sich wieder. Scharf hob sich ihre Brust unter dem Gewand.
„Er wird mich sehen“, sagte sie.
„Ja.“
„Und du willst das.“
„Ich brauche es.“
Den Kopf gesenkt, ließ sie die Hände leer neben sich hängen, die eben noch getragen, gehalten, Halt gesucht hatten. Jetzt griffen sie nach nichts. Gaia blieb dicht vor ihr stehen und ließ ihren Oberarm los.
„Wenn er fragt?“
„Du gehst. Du atmest. Du sagst wenig.“
„Und wenn er mehr will?“
„Du gibst ihm nicht mehr.“
Als Rhea die Augen schloss, wartete Gaia nicht auf eine Einwilligung. Sie griff wieder nach ihr, diesmal tiefer, nahm sie am Handgelenk und zog sie an den Rand der Kerbe, wo der Pfad wieder sichtbar wurde. Von dort führte der Weg hinauf, schmal, hart, offen gegen den Hang. Nicht zurück in Schutz, nur fort von hier.
An der Kante der Kerbe blieb sie stehen.
Aus dem Fels unter ihren Füßen kam der Stoß.
Ein kurzer, trockener Ruck lief durch den Boden. Über ihnen löste sich Geröll. Kleine Steine schlugen gegen den Rand der Kerbe, einer fuhr an Gaias Schulter vorbei, mehrere rollten über den Pfad und stürzten weiter hinab. Rhea fuhr zusammen und hob den Arm vor den Kopf. Gaia riss sie näher an die Wand.
Es wurde sofort wieder still. Nur das Nachrollen blieb noch einen Atemzug lang hörbar.
Den Blick nach oben gerichtet, erkannte Gaia dort, wo der Hang sich über den Weg schob, Bewegung. Erst nur ein Schatten zwischen den Steinen, dann ein Mann, der sich aus der Höhe löste und den schmalen Tritt hinabkam. Breit in den Schultern, schnell trotz des Geländes. Die Arme hingen leer an seinen Seiten, der Speer locker in der Rechten.
Im selben Augenblick erstarrte sie.
Kronos kam nicht blind herunter. Sein Kopf ging von der Kerbe zum Weg, von Gaia zu Rhea und wieder zurück.
Noch einige Schritte entfernt, rief er: „Rhea.“
Leise war es, kein Rufen, eher ein Finden.
Rhea antwortete nicht. Gaia hielt ihren Arm noch immer und ließ ihn los.
„Sie geht“, entgegnete Gaia.
Auf Rhea blieb Kronos’ Blick. „Zu spät für einen Gang im Fels.“
„Sie lebt noch“, erwiderte Gaia. „Das reicht dir für diesen Augenblick.“
Kurz nur traf sein Blick sie, aber offen genug. Das Misstrauen lag unverdeckt in seinem Gesicht. Sein Mund verzog sich nicht, seine Stirn blieb ruhig. Gerade das kannte Gaia an ihm. Wenn er still wurde, zog er sich nicht zurück. Er schloss.
„Ich habe nicht mit dir gesprochen“, erwiderte er.
„Nein.“
Den letzten Abschnitt kam er herunter und blieb auf dem Weg stehen, etwas höher als sie beide. Auf seinem Kragen lag noch der Staub des Altars. Sein Hals war nass von Schweiß, der Mund fest geschlossen.
Auf seinem Hals hingen Rheas Augen, kurz, fast nicht zu sehen, als Gaia einen halben Schritt vor sie trat, was reichte, um zuerst gesehen zu werden.
„Warum ist sie hier?“, fragte Kronos.
„Weil sie gegangen ist.“
„Wohin?“
„Fort von dir.“
An Gaia vorbei glitt sein Blick zu Rhea. „Und jetzt?“
Rhea rang einmal sichtbar nach Atem. Sie hob den Kopf. „Jetzt gehe ich hinauf.“
Gaia schwieg. Genau so musste es klingen. Von Rhea selbst gesagt.
Kronos prüfte sie. Er musterte ihr Gesicht, ihre leeren Hände, den Staub am Saum ihres Gewands, den Weg hinter ihr, der tiefer in den Fels führte. Während sein Blick auf ihr ruhte, schwieg Rhea einen Herzschlag zu lang.
„Allein?“, fragte er.
Gaia hörte es.
„Sie war mit mir“, sagte Gaia.
„Natürlich.“
„Sie ist mit mir nicht fortgegangen.“
„Natürlich nicht.“
Flach lag das Wort zwischen ihnen. Kronos verlagerte das Gewicht und setzte einen Fuß tiefer auf den Pfad. Auf dieselbe Höhe.
„Gib mir einen Grund, dich hier zu dulden“, verlangte er von Gaia.
„Ich dulde dich auch nicht“, gab Gaia zurück.
Rhea machte ein kleines Geräusch, kaum mehr als Luft. Gaia wusste nicht, ob es Furcht war oder Warnung. Es war gleich. Kronos’ Augen blieben auf ihr.
„Du führst sie fort aus meinem Haus“, warf er ihr vor.
„Ich führe sie nicht fort. Ich bringe sie über deine Schwelle, und wenn sie oben ist, holst du sie nicht wieder hierher.“
Sein Kiefer spannte sich. Das genügte. Gaia blickte kurz auf seinen Mund und dann zurück in seine Augen.
„Du hast, was du wolltest.“
Seine Hand schloss sich um nichts.
Niemand sprach. Der Wind fuhr trocken über den Hang. Weiter unten löste sich noch ein Stein und sprang zwischen den Felsen fort.
Kronos wandte sich endlich an Rhea. „Komm.“
Rhea bewegte sich.
Einen Augenblick lang regte Rhea sich nicht.
Ihre Finger krampften sich am Rand des Umhangs fest. So wenig, dass der Stoff an den Knöcheln spannte. Den Blick hielt sie gesenkt, weder auf Kronos noch auf die Mutter. Zwischen ihnen verharrte sie einen Schlag zu lange.
„Geh“, wies Gaia an.
Kurz hob Rhea den Kopf, und ihr Blick traf Gaia nur einen Moment. Darin lag nichts Offenes, keine Bitte, keine Frage. Die Erdmutter hatte ihr gesagt, was sie tun musste: wenig sagen, sich sehen lassen, nichts zurückholen wollen, was schon fort war. Nicht den Weg zum Versteck verraten, den sie aus dem verschlossenen Ort und dem Opferplatz gelernt hatte.
An der Erdmutter vorbei trat Rhea auf den Pfad.
Keinen Schritt wich Kronos zurück, um ihr Platz zu machen. Er wartete, bis sie dicht vor ihm stand. Erst dann drehte er sich halb zur Seite. Das graue Bündel lag in seinem Arm, hoch getragen, nicht verborgen. Der Stoff hatte sich an einer Kante gespannt. Unter dem Tuch zeichnete sich nicht die Ruhe eines schlafenden Kindes ab. Darunter lag Härte.
Wo sie stand, harrte sie.
„Wohin?“, fragte Rhea leise.
Kronos hielt den Blick auf den Weg nach oben gerichtet. „Nach Kreta.“
Rheas Hand zuckte. Sie fing die Bewegung sofort ab und legte die Finger an den eigenen Unterarm. „Heute Nacht?“
„Jetzt.“
Gaia sagte nichts. Das Wort saß fest in ihr. Er nahm den Ort, den Weg, die Stunde. Er sprach es aus, als hätte er ihn gesetzt. Und Rhea sollte zurückbleiben mit dem Preis.
Zu ihm hob Rhea den Blick. „Warum?“
Er antwortete ohne Eile. „Weil es nicht bei dir bleibt, nicht im Lager, nicht in irgendeinem Tuch zwischen fremden Händen.“ Nun blickte er doch auf sie herab. „Und nicht bei ihr.“
Das „ihr“ traf Gaia, und sie schwieg. Er wollte, dass der Anspruch offen lag, vor ihr, offen zwischen ihnen, auf dem Pfad, den jeder sehen konnte, der von oben kam.
Nicht weiter fragte Rhea, und Gaia zählte ihren Atem: einmal tief, dann flacher. Jedes Wort konnte zu viel werden.
Kronos setzte den ersten Schritt bergauf.
Hinter ihm folgte Rhea.
Gaia trat aus der Kerbe an den Rand des Pfads. „Du nennst ihn noch immer nicht.“
Beide hielten an. Rhea nur, weil Kronos stehen blieb.
Den Kopf drehte er nur ein Stück zu Gaia zurück; sein Gesicht verhärtete sich im Profil. „Ich habe ihn genommen.“
„Das ist nicht, was ich gesagt habe.“
Nun wandte er sich ihr zu, nur so weit, dass sein Gesicht im Profil hart wurde. „Du benennst nicht, was in meinem Arm liegt.“
Zum Bündel glitt Gaias Blick. Dann hob sie die Augen wieder zu ihm. „Ich benenne, was du nicht benennen kannst.“
Zwischen ihnen verharrte Rhea reglos.
Kronos’ Hand zog das Tuch enger an den Stein. Das Geräusch des Stoffes war kurz und trocken. „Genug.“
„Nein“, entgegnete Gaia.
Er wartete.
„Du hast nie einen Namen gesagt. Weder am ersten Altar noch am zweiten, nicht heute.“ Gaia machte keinen Schritt auf ihn zu. „Du nimmst, verschließt und trägst fort. Mehr nicht.“
Rhea schloss die Augen. Nur für einen Atemzug.
Kronos bemerkte es, und Gaia erkannte es an seinem Gesicht. Seine Stimme wurde nicht lauter. Gerade dadurch schnitt sie klar über den Pfad. „Mein Haus braucht weder deinen Mund noch dein Urteil.“
„Dein Haus frisst seine Kinder“, erwiderte Gaia.
Rhea zog den Kopf ein, nur ein wenig; ein kleiner Zug ging durch Schultern und Nacken. Sie sagte nichts.
Kronos hob das Bündel ein wenig höher, nicht zärtlich, nicht prüfend, sondern zeigend. „Meine Ordnung hält, was ich trage.“
Gaias Blick folgte dem Zug des Stoffes über der Kante. Er hielt einen Stein und sprach von Ordnung. Er hielt Täuschung und nannte sie Besitz. Ein trockenes Lachen saß ihr im Hals und kam nicht heraus. Stattdessen blieb ihr Gesicht still.
„Deine Ordnung hört nur auf sich selbst“, sagte sie.
Etwas ging durch den Hang. Kein lauter Stoß, eher ein kurzes Arbeiten im Fels unter dem Weg. Staub rieselte aus einer Ritze neben Gaias Fuß. Weiter oben schlug ein loses Geröllstück gegen den Hang und kam wieder zur Ruhe.
Kronos hob das Kinn. Gaia erkannte sofort, wie er es nahm: weder als Warnung noch als Störung, sondern als Antwort.
„Selbst hier“, murmelte er. „Selbst jetzt.“
Darauf gab Gaia ihm nichts. Sie würde ihm nicht auch das überlassen.
Für einen Moment blickte Rhea zur Seite, in den dunkleren Einschnitt unterhalb des Pfades. Zu kurz, um aufzufallen. Zu deutlich für Gaia. Der Blick ging dorthin, wo der Weg verschwand, den niemand nennen durfte. Dann stand ihr Gesicht wieder leer.
Kronos bemerkte es nicht oder las etwas anderes darin.
„Sag es“, forderte er sie auf.
Rhea wurde bleich. „Wie denn?“
„Wohin du gegangen wärst.“
Gaia spannte den Rücken, verharrte aber.
Rhea antwortete nicht sofort. Kronos wartete. Er brauchte keine Hast. Er hatte sie auf dem Pfad, unter seinem Blick, mit dem Bündel in den Armen. Jeder Schlag
Jeder Schlag ihres Herzens saß ihr im Hals.
„Nach Westen“, sagte Rhea.
Ohne den Kopf zu wenden, sah Kronos sie an. „Wohin?“
„Zum Wasser.“ Ihren Blick hielt sie nicht lange, nur so lange, wie eine Antwort brauchte. „Unterhalb der schwarzen Kante. Dort, wo der Hang flacher wird. Von dort führt der Weg fort.“
Gaia sagte nichts. Hinter ihr ging nur Gaias Atem, ruhig, kurz, bereit.
Eine Hand lag auf seiner Brust, gerade unter dem Brustbein, als drücke er etwas hinunter, das sich nicht recht setzen wollte. Über Rhea hinweg musterte er den Pfad hinunter, dorthin, wo der Hang offen lag und jeder falsche Tritt Geröll löste. Dann wieder zu ihr.
„Allein?“
„Ja.“
„Warum dort?“
„Weil man von dort unten den Weg zum Lager nicht sieht.“ Ihre Stimme blieb niedrig. „Und weil ich nicht zurück wollte, bevor es still war.“
Kronos’ Gesicht veränderte sich nicht. Nur seine Hand drückte sich fester gegen die Brust. „Still?“
Einmal nickte sie. „Nach dem Opferplatz. Nach allem.“
Es war nah genug an der Wahrheit, dass sie es sagen konnte.
Als ein Rieselgeräusch über den Hang ging, blieb es klein und nah. Keiner von ihnen sah hin. Der Ort war eng genug, dass jedes Ausweichen schon ein Zeichen gewesen wäre.
„Wie lange warst du im Fels?“, fragte Kronos.
„Ich habe nicht gezählt.“
„Doch.“
Einen Atemzug zu lang schwieg sie. „Lang genug, dass man mich sieht, wenn ich zurückgehe.“
Gaia hob nun doch die Stimme. „Das war der Sinn.“
Kronos wandte sich ihr zu, nur so weit, dass sie in seinem Blick stand. „Ich habe nicht dich gefragt.“
„Du hast sie geschickt bekommen.“ Gaia trat einen Schritt vor, bis der Weg zwischen ihnen fast keinen Raum mehr ließ. „Ich tat, was ich gesagt hatte.“
„Du tust sehr oft, was du sagst“, sagte er mit flacher Stimme. „Und noch öfter, was du nicht sagst.“
Am Rand des Pfades blieb Rhea stehen, weder zwischen ihnen noch dahinter. Der schmale Saum drückte gegen ihre Ferse, der Fels stand nah an ihrer Schulter. Kronos stand offen, ohne Hast, ohne Vorhang. Er trug nichts in den Händen außer dem Speer, den er locker hielt. Sein Gesicht war das eines Mannes, der wartete, dass sich etwas in ihm setzte.
„Sie kommt mit mir“, entschied er.
„Nein“, antwortete Gaia sofort.
Rhea bemerkte, wie sich Kronos’ Mund schloss, härter als zuvor. „Sie geht ins Lager.“
„Sie wird gesehen.“ Gaia blieb, wo sie war. „Dann geht sie weiter.“
„Wohin?“, fragte Kronos.
„Dorthin, wo sie nicht unter deiner Hand steht.“
Wieder richtete er den Blick auf Rhea. „Ist das dein Wort?“
Nie hatte sie Gaia gebeten, für sie zu sprechen. Jetzt tat sie es auch nicht. Sie sagte nur: „Ich gehe nicht ins Lager.“
Der Satz stand kurz und ohne Zittern auf dem Weg.
Kronos machte einen Schritt auf sie zu. Gaia stellte sich ganz in die Linie zwischen ihn und Rhea. Der Pfad reichte nicht für drei nebeneinander. Der Fels nahm die eine Seite, der Hang die andere. Wer weiterwollte, musste schieben oder weichen.
Rhea setzte den Fuß fester an den Fels, als hielte sie den schmalen Grund selbst.
„Geh zur Seite“, sagte Kronos.
Gaia bewegte sich nicht. „Nein.“
Das lose Geröll unterhalb des Pfads arbeitete noch einmal. Ein dumpfer Zug ging durch den Boden, kurz und tief. Er drückte gegen Rheas Knie. Ein Stein sprang aus dem Hang und schlug zweimal gegen den Weg.
Kronos’ Blick zuckte hinab und sofort wieder hoch. „Genug.“
„Ja“, sagte Gaia. „Genug.“
Während Kronos das Kinn hob, standen sie offen gegeneinander, ohne Ausweichen und ohne halbe Worte. „Du stellst dich gegen mein Haus.“
„Ich stelle mich gegen dein Nehmen.“
„Mein Haus steht durch mein Nehmen.“
„Dann fällt es daran.“
Den Moment, in dem er die Worte aufnahm und nicht zurückgab, sah Rhea. Sie trafen ihn nicht; er merkte sie sich.
Er hob die Hand, die er an der Brust gehalten hatte, hob sie wie zum Vorzeigen und ließ sie wieder fallen. „Nach Hause“, wies er Rhea an, ohne Gaia aus dem Blick zu lassen. „Jetzt. Du gehst zurück.“
Ihr Blick glitt auf seine Hand, auf die Stelle zwischen Brust und Bauch, an der sie ruhte. Nach Hause. Das Wort stand zwischen den dreien und meinte nicht dasselbe. Sein Blick blieb einen Schlag zu lang an seiner eigenen Hand hängen, als prüfte er zum ersten Mal, was er trug.
Sie hob den Blick. „Nein.“
Zum ersten Mal in diesem Gespräch kam sofort nichts von ihm zurück.
Gaia nutzte die Stille. „Du hörst sie.“
Langsam drehte Kronos den Kopf zu Rhea. „Du widersprichst mir wegen ihr?“
Rhea antwortete nicht auf die Frage. „Ich gehe.“
„Wohin? Nach Westen?“ Er sprach das Wort jetzt mit scharfem Druck. „Zum Wasser? Unter die schwarze Kante? Willst du, dass ich dir glaube, dass du dort allein gesessen hast, während hier—“
Er brach ab, aus Zorn, der noch Form suchte.
Rhea verstand, dass dies der letzte Augenblick war, in dem er noch fragte.
Sie wartete nicht, bis er die Form fand.
Als sie vortrat, hob Kronos die freie Hand.
Nicht hastig, sicher. Er wollte sie am Arm nehmen und wenden, hinauf, zurück auf den Weg, den er bestimmt hatte. Gaia bewegte sich im selben Augenblick zwischen sie, hart, ohne Wort, mit Schulter und Hüfte gegen ihn, damit seine Hand nicht an Rhea kam.
Der Pfad ließ ihnen keinen Raum. Stoff striff Stoff, ein Fuß suchte Halt, Stein schabte unter Sohlen. Kronos stieß Gaia von sich, nicht weit, nur genug, um wieder an sie zu kommen.
Nach dem grauen Bündel griff Rhea.
Sein Blick sprang erst auf ihre Hand, dann in ihr Gesicht. In diesem einen Zug zeigte sich sein Begreifen nicht ganz, aber genug. Nach ihm griff sie nicht, weder nach seiner Hand noch nach seinem Wort. Sie griff nach dem, was er trug und beanspruchte.
An sich zurück riss er das Bündel.
Das Gewicht zog zwischen ihnen. Rhea spürte den harten Kern sofort unter dem Tuch. Darunter wich nichts, keine Wärme, kein Leben. Sie hielt Stein in den Armen und wusste es, und eben darum ließ sie nicht los. Sie zog mit beiden Händen daran, mit dem ganzen Leib, und setzte den Schritt bergab.
„Rhea.“
Ihr Name schnitt kurz und scharf. Befehl, Warnung, Anspruch zugleich.
Sie antwortete nicht. Sie stemmte den Fuß tiefer auf den schmalen Rand des Pfads und zog noch einmal. Das Tuch spannte sich. Gaia war schon wieder an ihm, von der Seite, mit beiden Armen gegen seinen Oberkörper, damit er den Stand verlor oder die Hand öffnen musste.
„Lass sie“, sagte Gaia.
Kronos fuhr sie an, ohne den Blick von Rhea zu nehmen. „Weg.“
Er stieß den Ellbogen zurück. Gaia traf es an der Schulter; sie wich einen halben Schritt und kam sofort wieder. Rhea sah es aus dem Rand des Blicks. Mehr brauchte sie nicht. Sie zog das Bündel zu sich, nicht hoch, sondern tief und bergab, dorthin, wo der Pfad abfiel.
Der Stoff glitt in seiner Hand.
Für einen Moment hatte keiner von ihnen festen Stand. Dann kam von unten ein Stoß durch den Hang.
Zu schwach, um den Fels zu brechen, stark genug, dass lockere Steine sprangen und unter den Sohlen wegrannten. Es knirschte scharf. Ein Stück Geröll schoss an ihrem Bein vorbei in die Tiefe. Kronos setzte den Fuß neu, aber der Tritt war nicht mehr dort, wo er ihn nahm. Als Gaia ihr Gewicht gegen ihn warf, öffnete sich seine Hand.
Das Bündel war frei.
Rhea taumelte mit dem Ruck ihres eigenen Zugs nach hinten und fing sich mit einem harten Schritt bergab. Das graue Tuch lag jetzt in ihren Armen: schwer und kalt, nutzlos und notwendig.
„Rhea, lauf“, sagte Gaia.
Kronos fluchte. Er griff nach Rheas Schulter und bekam nur den Rand ihres Mantels. Der Stoff spannte sich kurz und riss aus seiner Hand. Schon war Rhea unter ihm auf dem Pfad, das Bündel eng an den Leib gepresst, den Kopf tief, den Blick auf die nächsten Tritte gerichtet.
Sie hörte, dass Gaia ihn nicht mehr nur aufhielt. Zwischen ihnen schlug Körper gegen Körper. Ein Schuh kratzte über Stein. Ein kurzer, harter Laut von ihm, nicht Schmerz, eher Wut darüber, dass man ihn anfassen konnte.
„Zurück!“, rief er ihr nach. „Zurück, Rhea!“
Sie lief.
Steiler, als er von oben gewirkt hatte, fiel der Weg. Rechts ging der Hang hart auf, links fiel er ab. Sie musste das Bündel mit einem Arm halten und mit der freien Hand den Fels streifen, um nicht zu schnell zu werden. Unter dem Tuch drückte der Stein stumpf gegen ihre Rippen. Bei jedem Schritt erinnerte das Gewicht sie daran, dass es kein Zurück mehr gab.
Hinter ihr drang Lärm den Pfad herunter. Erst Gaia, dann Kronos, oder beide zugleich; sie drehte sich nicht um. Ein weiterer Stoß ging durch den Boden, kürzer diesmal. Staub löste sich von der Wand und traf ihre Wange. Weiter unten bog der Pfad unter eine dunklere Kante des Hangs. Dahinter lag die Kerbe. Dort warteten Hände, die nicht mehr an ihn zurückgaben.
„Nicht stehen bleiben“, hörte sie Gaia.
Die Stimme war näher, als Rhea erwartet hatte. Gaia hatte sich gelöst, oder Kronos hatte sie abgeschüttelt. Beides bedeutete dasselbe: Er war hinter ihnen.
Zu eng nahm Rhea die Biegung. Ihre Sohle rutschte auf losem Schiefer, das Knie schlug gegen Fels, das Bündel stieß hart zwischen Arm und Brust. Sie fing sich mit der Hand, schmeckte Staub und stand wieder. Für Schmerz blieb keine Zeit. Sie hastete weiter, schnell, Schritt um Schritt.
Unter sich sah sie Bewegung.
Männer lösten sich aus dem Schatten der Felskerbe, in der sie zuvor gewartet hatten. Einer hob den Kopf, erkannte sie und stieg sofort den letzten Anstieg herauf. Der Älteste zuerst, zwei weitere hinter ihm. Sie trugen nichts Sichtbares in den Händen. Sie fragten nicht.
Rhea erreichte die kleine Ausweitung des Pfads und reichte das Bündel nicht her. Noch nicht, als der Alte die Arme ausstreckte. Gaia kam hinter ihr.
Sie erreichte die kleine Ausweitung des Pfads und reichte das Bündel nicht her. Noch nicht, als er die Arme ausstreckte. Hinter ihr kam Gaia aus der Biegung, einen Schritt zu schnell, fing sich hart auf dem Ballen und stellte sich sofort quer zum Weg. Während ihr Atem offen ging, lag Staub auf ihrem Gesicht.
„Gib es her“, sagte er.
Das Bündel presste Rhea fester an sich. „Zeus?“
„Unten“, erwiderte er. „Schon beim Wasser.“
Über ihnen schlugen Kronos’ Schritte auf den Stein.
Nach oben in die Biegung sah Gaia, nicht zu Rhea. „Jetzt.“
Rhea schüttelte den Kopf. „Nur einen Blick.“
„Nein.“
„Gaia—“
„Nein.“ Gaia trat einen halben Schritt zurück, bis ihre Schulter Rheas Arm streifte. „Nur du gehst weiter. Wenn du fehlst, ist alles verloren.“
Er griff nicht nach dem Bündel. Er wartete nur mit ausgestreckten Armen, bereit, falls sie es doch hergeben wollte. Die zwei Männer hinter ihm standen schon so, dass der schmale Abstieg frei blieb.
In der Biegung erschien Kronos.
Schnell kam er, zu schnell für den engen Weg, und bremste erst, als Gaia ihm schon den Platz nahm. Sein Blick ging sofort an ihr vorbei auf Rhea und auf das graue Tuch in ihren Armen. Schweiß glänzte an seiner Schläfe, sein Gesicht war hart und leer vor Zorn.
„Her damit“, sagte er.
Als niemand antwortete, setzte er den Fuß vor. Gaia stellte sich ihm ganz entgegen.
„Geh zur Seite“, forderte er.
„Nein.“
Er hob den Arm, nicht weit, nur kurz. Rhea spannte den Griff um das Bündel. Der Alte neben ihr sagte leise: „Jetzt.“
Unten lagen Stimmen, gedämpft durch den Fels. Ein Kind schrie nicht, und sie wusste nicht, ob das gut war.
Noch einen Schritt machte Kronos. Seine Hand fuhr an Gaia vorbei, schneller als zuvor, und schloss sich um das graue Gewebe. Rhea hielt dagegen. Für einen Augenblick hing das Bündel zwischen ihnen, sein Griff von vorn, ihrer von unten. Dann riss der Stoff.
Das Geräusch war klein. Ein trockenes Aufspringen der Naht, dann ein dumpfer Schlag im Stoff, weil der Stein gegen die gelöste Wicklung stieß.
Die harte Kante trat heraus.
Kronos erstarrte nicht. Im selben Augenblick wusste er Bescheid. Seine Hand fuhr zurück, packte tiefer in das aufgerissene Tuch, traf auf Stein und nicht auf Fleisch. Er stieß einen Laut aus, kurz und roh, und riss das Bündel ganz an sich.
Das Tuch fiel auf. Grau, Staub, der nackte Stein in seinen Händen.
Rhea bewegte sich nicht, und alles stand offen zwischen ihnen.
Kronos ließ den Stein fallen. Er sprang einmal auf dem Pfad auf, schlug gegen die Wand und blieb liegen. Kronos’ Blick traf Rhea so unmittelbar, dass sie den Atem anhielt.
„Wo ist er?“
Sie antwortete nicht.
Er kam.
Gaia stieß ihn mit beiden Händen gegen Brust und Schulter. Nicht weit, aber genug, dass er den ersten Zugriff verfehlte. Einer der Männer trat vor, dann der zweite. Der Platz wurde eng von Körpern. Kronos schlug den ersten beiseite, stieß den zweiten mit dem Unterarm gegen den Fels und griff wieder nach Rhea.
„Lauf“, rief Gaia.
Diesmal wartete Rhea nicht. Sie wandte sich nach unten und sprang die ersten Tritte hinab. Hinter ihr ging der Kampf sofort weiter, ohne Worte. Ein Körper prallte gegen Stein. Jemand schnappte nach Luft.
Der verborgene Platz lag offen vor ihnen, kaum mehr als ein Einschnitt zwischen Fels und Hang. Von dort führte der untere Weg zur Küste. Zwei Männer warteten schon am Ausgang des Einschnitts. Als sie Rhea sahen, machten sie sofort Platz und wiesen nach unten, ohne stehen zu bleiben. Einer rannte voraus.
„Das Kind?“, fragte Rhea.
„Beim Wasser“, antwortete er.
„Lebt er?“
Er drehte den Kopf nicht. „Ja.“
Mehr bekam sie nicht. Sie nahm es und lief weiter.
Der Pfad fiel jetzt nicht mehr in Stufen, sondern zog sie auf die Küste zu. Endlich verlor er etwas von seiner Steile, dafür wurde er lose. Schiefer rutschte unter den Sohlen weg. Einmal glitt ihr Fuß seitlich ab, und sie fiel auf die Hand. Die Haut riss an der scharfen Kante des Gesteins auf, warm lief Blut über die Finger. Er zog sie hoch, noch ehe sie den Schmerz ganz spürte.
Hinter ihnen kam wieder
Hinter ihnen kam wieder Kronos’ Stimme, jetzt ohne Abstand. Sie schlug gegen den Fels, hart und klar.
„Rhea.“
Sie drehte sich nicht um. Der Weg gab unter ihren Schritten nach. Kleine Steine lösten sich und sprangen den Hang hinunter. Mit Salz in der Luft öffnete sich vor ihnen der Pfad weiter. Das Gestein trat zurück. Wasser lag tief unter ihnen, dunkel und unruhig. Am schmalen Ufer schob ein Mann ein kleines Boot tiefer in die Brandung, während ein zweiter es festhielt und der Älteste danebenstand.
Und bei ihm lag das Kind.
Erst erkannte Rhea nur Tücher, dann die kleine Bewegung darunter. Ein Arm drückte sich gegen das Wickelzeug. Ein Laut, kurz und dünn, vom Wind fast fortgetragen. Als sie stehen blieb, stieß Gaia sie zwischen den Schulterblättern an.
„Lauf.“
Wieder setzte sich Rhea in Bewegung. Jeder Schritt abwärts zog an ihr. Unten wartete nicht mehr der nächste Halt. Unten verschwand Zeus aus ihren Armen und aus Kronos’ Reich. Sie hörte ihn noch einmal, diesmal deutlicher. Im nächsten Augenblick wurde das kleine Gesicht sichtbar, als der Älteste das Tuch höher fasste, um es vor Spritzwasser zu schützen. Der Mund öffnete sich, die Augen blieben geschlossen.
„Zeus“, hauchte Rhea.
Leise genug, dass der Wind es fast trug, und doch hob der alte Mann den Kopf. Auch der Mann am Boot blickte zu ihr hinüber. Für einen Augenblick stockte alles, nur das Wasser lief weiter an den Steinen auf und zurück.
Gaia ging an ihr vorbei, schnell und gerade. „Her zu mir.“
Der alte Mann wartete nicht auf eine zweite Aufforderung. Er trat ihr entgegen und legte ihr das Kind in die Arme. Sie nahm es fest, prüfte mit einem Blick das Tuch, zog eine Ecke höher, schob den kleinen Kopf tiefer in die Wärme ihres Gewandes. Ihre Hände arbeiteten sicher, und sie warf Rhea einen Blick zu.
Einen Schritt ging sie auf sie zu.
Die Titanin hob sofort den freien Arm. „Nein.“
Sie blieb stehen. „Ich will ihn nur—“
„Nein.“
Die Antwort kam ohne Zögern. Sie hatte Zeus schon an die Brust gezogen. „Du gehst nicht näher.“
Sie blickte auf das Kind. So klein wirkte er. So leicht musste er sein. Sie wusste es noch von vor wenigen Stunden. Ihre Arme erinnerten sich an das Gewicht. Ihr Körper erinnerte sich an ihn, stärker als an den Schmerz in der aufgerissenen Hand, stärker als an den Weg, stärker als an die Stimme hinter ihr, die wieder näher kam.
„Nur einmal“, bat sie.
Gaia schüttelte den Kopf. „Du bleibst hier.“
Der Mann im Wasser hielt das Boot gegen die Wellen. „Jetzt“, rief er. „Wenn wir noch warten, verlieren wir die Strömung.“
„Ihr wartet nicht auf mich?“, fragte Rhea.
Als Gaia den Kopf schüttelte, antwortete niemand sofort. Der Älteste sah zu ihr. Gaia hielt den Blick auf Rhea.
Ihre Antwort kam knapp: „Nein.“
Das Wort traf ohne Umweg. Rhea stand still, während hinter ihr Geröll rutschte. Ein Schritt. Noch einer. Kronos kam den letzten Abschnitt des Weges herab. Sein Atem ging bis zu ihr herüber. Er war nicht mehr fern, nicht mehr oben am Fels. Hier.
„Du kannst nicht mit dem Kind gesehen werden“, erklärte Gaia. „Wenn du ins Boot steigst, folgt er. Wenn er dich am Wasser verliert, sucht er dich auf dem Wasser. Wenn er dich hier behält, sucht er dich hier. Nur wenn du leer zurückbleibst, bringt dieses Boot ihn fort. Das ist die einzige Trennung, die hält.“
Sie sah Gaia an. Gaia sprach schnell, aber nicht hastig, jeder Satz stand bereits fest.
„Er ist mein Sohn.“
„Eben deshalb.“
Kronos trat aus dem Pfad auf den offenen Saum. Staub hing an seinem Gewand. Eine Hand drückte er noch immer auf seinen Leib, dort, wo das Gewicht sich nicht recht hatte setzen wollen. Sein Blick fand zuerst Rhea, dann Gaia, dann das Kind.
Er blieb stehen, und sofort begriff Rhea, was er verstand.
„Nein“, knurrte er.
Niemand bewegte sich.
Er kam einen Schritt näher. „Gib ihn her.“
Gaia ging rückwärts zum Boot, Zeus fest in den Armen. „Nein.“
Kronos’ Blick sprang zu Rhea. „Du stellst dich gegen mich und gibst ihn ihr?“
Rhea antwortete nicht gleich. Das Wasser lief ihr über die Füße, kalt durch die Sandalen, weil sie unbemerkt bis an den Rand der Brandung gegangen war. Erst mit der zweiten Welle zog die Kälte höher.
Kronos hob die Hand vom Leib weg, deutete auf seinen eigenen Bauch und dann auf das Kind in Gaias Arm. „Dafür? Was hast du mir gegeben?“
„Einen Stein“, sagte Rhea.
Er starrte sie an. „Du weißt, was du tust?“
Sie blickte nicht mehr auf ihn, sondern auf Zeus. Gaia stand schon beim Boot. Der Mann im Wasser streckte die Arme aus, um sie beim Einsteigen zu halten. Zeus regte sich. Ein kleines Geräusch kam aus den Tüchern. Rhea nahm es in sich auf und hielt es fest.
„Ja“, sagte sie.
Kronos machte einen Satz nach vorn. Der Älteste trat ihm in den Weg. Einer der Männer kam von der Bootsseite zurück und stellte sich daneben. Es war keine breite Front. Es reichte. Kronos blieb nicht aus Furcht stehen, sondern weil er rechnen musste. Ein Schritt gegen den ersten, ein Stoß gegen den zweiten.