PANATHINAIA

    Alexia Michailidou · Band 1

    PANATHINAIA

    Chapitre 6 sur 13

    Chapitre 6

    Der Name des Verborgenen

    In jener Nacht am Höhlenspalt und bei diesem Wiedersehen lagen Monde. Derselbe Hang auf Kreta war der Ort, doch Rhea kam nicht geführt und nicht gerufen. Allein war sie heraufgestiegen, im Dunkel, mit Pausen, in denen sie horchte und wartete, ehe sie den letzten Anstieg nahm. Diesmal blieb sie oberhalb des Eingangs, im Schatten einer harten Felskante, weit genug entfernt, um niemanden zu zwingen, sich ihretwegen zu entscheiden.

    Unten am Spalt wachten Männer. Nicht nur einer. Zwei Männer hielten den Zugang, Schilde am Arm, Speere aufrecht, den Blick nicht in die Nacht verloren, sondern auf Wege, Kanten und Senken verteilt. Vor der Höhle war der Boden freier geräumt als damals. Lose Steine lagen an den Rand geschoben, Tritte hatten Staub festgetreten. Hier wurde nicht nur verborgen, sondern täglich gestanden, gewendet und geübt.

    Aus der Höhle kam der erste Schlag.

    Dann folgte der zweite.

    Ein Takt setzte ein, hart, gleichmäßig, ohne Hast, Schild auf Schild, Holz auf Bronze. Ein Schritt dazu, dann wieder der Schlag. Die Männer am Eingang bewegten sich nicht mit, aber ihre Schultern nahmen den Rhythmus auf. Rhea kannte den Lärm. Damals hatte er den Schrei ihres Kindes verschlucken sollen. Jetzt lag kein Schrei darunter.

    Stattdessen eine Stimme.

    Hell noch, nicht mehr die eines Säuglings, nicht ganz die eines Mannes. Ein Ruf, kurz, dann ein zweiter, ohne Weinen, nur Antwort.

    Rhea legte die Hand an den Fels neben sich und verharrte.

    Im Inneren verschob sich der Schlag. Ein schnelleres Muster, drei harte Töne, dann Stille, dann wieder. Auf die Stille folgte ein Lachen, mehrere Männer lachten kurz, knapp, ohne Nachsicht. Einer rief etwas hinein. Ein anderer antwortete. Dieselbe helle Stimme kam wieder, näher jetzt, ungeduldig.

    Einer der Wächter drehte den Kopf und sah nach innen. „Noch einmal.“

    Drinnen sagte der Junge etwas, das Rhea nicht verstand.

    In den Ausschnitt des Eingangs trat er.

    Im ersten Augenblick erkannte sie ihn nicht. Nur dass das Kind fort war, das sie zurückgelassen hatte, stand vor ihr. Der Körper wirkte schmal und schon gespannt auf Bewegung. Die Beine trugen ihn sicher auf dem unebenen Boden. Das Haar fiel ihm in den Nacken. Die Stirn war frei. Keinen Halt suchte er, keinen Arm, keine Brust, keinen Schoß. Er stand zwischen den Männern und hielt ihren Blick aus, als sei es sein Platz.

    Einer der Kureten hob den Schild und schlug mit dem Schaft seines Speers dagegen.

    Nicht einmal zuckte der Junge.

    Er hob den Kopf, nahm den Takt auf, trat einen Schritt vor und schlug mit der flachen Hand gegen den Felsrand des Eingangs. Es reichte nicht, um Lärm gegen den Schild zu setzen. Es reichte, um zu zeigen, dass er nicht zurückwich.

    Ein Murmeln ging durch die Männer.

    Erst jetzt merkte Rhea, dass sie den Atem angehalten hatte.

    Hinter ihm trat Gaia aus der Höhle. Sie war älter geworden, ohne weicher zu sein. Ihr Blick ging zuerst über die Männer, dann in die Nacht, dann den Hang hinauf. Für einen Augenblick ruhte er dort, wo Rhea stand. Sie rief sie nicht an. Sie verriet sie nicht. Sie nahm ihr Dasein zur Kenntnis und ließ es stehen.

    „Genug“, sagte Gaia.

    Dann endeten die Schläge.

    Die Stille danach war kurz. Sie hielt nur bis zu dem Moment, in dem der Junge den Kopf zu einem der Schilde drehte und mit offener Forderung verlangte: „Noch einmal.“

    Einige der Männer grinsten. Der Älteste trat aus dem Inneren nach vorn. Rhea kannte ihn noch. Das Haar war dünner geworden, der Rücken nicht. Er musterte den Jungen lange genug, dass aus dem Grinsen der anderen Aufmerksamkeit wurde.

    „Wozu?“, fragte er.

    „Damit ich es treffe.“

    Er sagte es ohne Scham, weder bittend noch trotzig, einfach so, dass alle es hören sollten, worauf der Älteste eine Braue hob. „Was?“

    Der Junge sah an ihm vorbei auf einen flachen Stein, der am Rand des freien Platzes lag. „Den.“

    Einer der Männer lachte wieder. „Mit der Hand?“

    Der Junge wandte den Kopf zu ihm. „Gib mir etwas.“

    Rheas Rücken drückte sich gegen den Fels. Der Satz traf sie. Er bat nicht um Schutz. Er verlangte eine Waffe.

    Gaia trat einen halben Schritt vor, bis sie dicht hinter ihm stand. Ihre Hand lag nicht auf ihm. Sie sprach über seinen Kopf hinweg zu den Männern.

    „Ihr habt lange für das Kind geschlagen“, sagte sie. „Ihr habt seinen Mund verdeckt, damit Kronos ihn nicht hört. Seht hin. Das Kind ist nicht mehr der, den ihr verdecken müsst.“

    Niemand antwortete sofort.

    Der Junge verharrte. Auch jetzt drehte er sich nicht zu Gaia um. Ihre Worte nahm er auf, ohne sich an sie zu lehnen. Jahre hatten ihn im Verborgenen gehalten, unter Schilden, in kurzen Sätzen über Herkunft, Auftrag und Gefahr.

    Gaia hob die Stimme nicht. „Er gehört hierher. Das habe ich gesagt, als er noch schreien musste. Und ich nenne ihn vor euch, damit keiner mehr von dem Kind spricht, wenn er ihn meint.“ Sie sah

    sie der Reihe nach an. „Zeus.“

    Auf dem Platz stand der Name, und keiner tat, als hätte er ihn überhört.

    Den Atem hielt Rhea an. Vor vielen Monden hatte sie ihn in einem anderen Ton gesprochen, dicht an einem kleinen Kopf, den sie abgab. Jetzt trug sich der Name über Waffen und Schilde hinweg. Nicht mehr ihr allein gehörte er. Diesem Ort gehörte er.

    Erst Gaia, dann den Jungen musterte der Älteste. „Zeus“, wiederholte er, feststellend.

    Ein wenig hob der Knabe das Kinn. Er nahm den Namen an, ohne zu fragen, was er bedeutete. Jahre lang hatte man ihn im Verborgenen gehalten, knapp in Worten, streng in Handgriffen: woher die Gefahr kam, wem er nicht gehören durfte, dass Warten nicht dasselbe war wie Knien.

    Einer der jüngeren Kureten verlagerte das Gewicht. Ein anderer blickte kurz zum Höhleneingang und dann wieder zurück. Gaia widersprach niemandem, und auch das Lachen verstummte.

    Der Älteste streckte die Hand aus, worauf einer neben ihm ihm einen Speer reichte. Das Holz war glatt vom Gebrauch. Die Spitze war schmal und hell im Morgenlicht. Er trat näher an Zeus heran.

    Rhea grub die Finger in den Fels.

    Den Speer hielt der Älteste waagrecht, als er sagte: „Wenn du etwas willst, musst du wissen, wie es in der Hand liegt.“

    Auf den Schaft sah der Knabe. Er nahm ihn.

    Mit ruhigem Griff. Für einen kurzen Augenblick kippte die Spitze ab. Der Junge fing das Gewicht auf und stellte die Balance wieder her. Einer der Männer schnaubte leise durch die Nase, doch Spott war es nicht mehr.

    „Dort“, wies der Älteste an und deutete mit zwei Fingern auf den flachen Stein am Rand.

    Der Junge nickte nicht. Er setzte nur die Finger fester um das Holz. „Wenn ich ihn trage, werfe ich nicht auf Befehl ins Leere.“

    Gaia ließ ihn nicht sofort gewähren. „Du wirfst dort, wo wir es sagen.“

    Der Blick des Jungen ging zu ihr, kurz und gerade. „Und wenn ihr nicht mehr da seid?“

    Keiner antwortete gleich.

    Gaia hielt seinem Blick stand. „Darum lernst du erst, bevor du verlangst.“

    Er schwieg einen Herzschlag lang. Dann stellte er die Füße auseinander, hob den Arm und warf.

    Tief flog der Speer. Er schlug einen Schritt vor dem Stein auf, sprang schräg hoch, streifte die Kante und fiel seitlich ins Geröll.

    Auf dem Platz rief keiner dazwischen, und der Fehlwurf lag offen.

    Rhea hatte den Mund geöffnet. Sie schloss ihn wieder.

    Der Junge sah dem Wurfspieß nach. Er stand still. Der Zorn blieb aus, und sein Kopf sank nicht. Nur ein kurzer Blick glitt zum Stein, dann zu dem Ort, wo der Speer lag.

    „Noch einmal“, verlangte er.

    Lange ruhte der Blick des Ältesten auf ihm.

    „Warum?“

    „Weil ich ihn noch nicht getroffen habe.“

    Niemand grinste. Der Satz fiel schlicht auf den Platz und blieb dort.

    Zum Speer ging der Älteste, hob ihn auf und kam zurück. Er gab ihn nicht sofort heraus. „Und wenn du ihn zehnmal nicht triffst?“

    „Ich werfe elfmal.“

    Rhea schloss für einen Moment die Augen. Aus mehr als Erleichterung und nicht nur aus Schmerz. Der Junge stand dort und sprach vor Männern, die sie einmal von der Höhle fortgeführt hatten. Er gehörte nicht mehr dem Schweigen, und Gaia sagte nichts. Ihre Stille stand hinter seinen Worten.

    Der Älteste reichte ihm den Speer wieder. „Dann wirf.“

    Diesmal nahm der Junge ihn sicherer. Er richtete sich aus, hob den Arm und warf schneller. Der Speer fuhr näher am Stein vorbei, zu weit rechts, und bohrte sich in die Erde dahinter.

    Ein Murmeln lief durch die Männer, doch niemand spottete; einer nickte sogar knapp, unbewusst.

    Der Junge lief los, um den Speer zu holen.

    Ein Stein kam unter Rheas Fuß ins Rutschen.

    Es war nur ein kurzes Geräusch. Ein Schaben, dann ein hartes Klacken am Hang. Für den Platz war es genug.

    Vier Köpfe fuhren hoch. Zwei Kureten drehten sich sofort halb zum Hang und hoben die Schilde. Der Älteste wich keinen Schritt zurück. Gaia hatte den Kopf schon oben.

    Der Junge blieb stehen und sah ebenfalls hinauf.

    Rhea wusste, dass Verbergen jetzt nur noch armselig gewesen wäre. Sie trat aus dem Dunkel an den Rand, während der Wind an ihrem Gewand zog und unter ihr Schilde, Speere, Männer standen. In ihrer Mitte Zeus.

    Zuerst sprach keiner.

    Dann fuhr einer der jüngeren Kureten scharf auf: „Sie war schon die ganze Zeit hier?“

    „Ja“, sagte Gaia.

    Nur dieses eine Wort. Ohne Bedauern, ohne Entschuldigung.

    Zwischen beiden Frauen sahen die Männer hin und her. Rhea stieg den ersten Abschnitt des Hanges hinunter, langsam genug, dass jeder ihre leeren Hände sehen konnte. Nach wenigen Schritten blieb sie stehen. Sie wusste noch, wo die Grenze einmal gelegen hatte. Ihr Körper erinnerte sich daran.

    Der Junge blickte zu ihr auf. Er

    Er stand nicht mehr dort, wo sie ihn zuletzt gesehen hatte. Auf dem offenen Platz stand er, vor Männern mit Schilden, vor der Höhle, die sie ihm überlassen hatte.

    Niemand senkte die Waffen.

    Der jüngere Kuret, der zuerst gesprochen hatte, verzog den Mund. „Schon die ganze Zeit“, sagte er noch einmal, jetzt zu den anderen. „Über uns.“

    „Ich habe sie gesehen“, gab Gaia zurück.

    Scharf wandte der Mann sich zu ihr. „Und du hast nichts gesagt.“

    „Ich sage es jetzt.“

    Das genügte. Keiner fragte weiter. Die Männer nahmen es hin, weil sie es gesagt hatte, und weil die Frau am Hang jetzt nicht mehr verborgen war.

    Noch einen Schritt tiefer ging Rhea und blieb wieder stehen. Der Älteste stand vor ihr. Auch er musterte sie, trat aber nicht vor, um ihr den Weg zu öffnen. Er wartete.

    Von der Höhlenwand löste sich Gaia und trat ein Stück auf den Platz. „Du kannst nicht dort oben stehen bleiben“, wandte sie sich an die Mutter. „Nicht, wenn er dich sieht.“

    Rhea antwortete nicht sofort. Ihr Blick lag auf dem Jungen. Er hielt sie fest, ohne ein Wort, ohne Regung, und wartete auf etwas Bestimmtes.

    „Du hast ihn geboren“, sagte die Frau. Ihre Stimme trug über den Platz. „Und du hast ihn fortgegeben.“

    Mehrere Männer schwiegen noch härter, als sie es schon getan hatten. Einer senkte den Blick. Ein anderer stellte den Schild anders an die Hüfte. Widerspruch kam nicht.

    Rhea nahm den Satz an. Man sah es ihr nicht an, aber sie wich ihm nicht aus. „Ja“, erwiderte sie.

    Jetzt rührte der Junge sich. Einen Schritt machte er nach vorn, in den freien Raum zwischen ihnen. „Wer bin ich?“, fragte er.

    Seine Stimme war noch jung, aber der Ton war es nicht. Statt Gaia oder den Ältesten fragte er nur sie.

    Wie sich die Gesichter der Männer veränderten, blieb Rhea nicht verborgen. Obwohl sie längst wussten, was ausgesprochen werden musste, warteten sie. Keiner sprach an ihrer Stelle.

    „Sag es“, drängte der jüngere Kuret leise, fast gegen sich selbst.

    Mit einer gehobenen Hand brachte der Älteste den Mann wieder zum Schweigen.

    Rhea atmete einmal. Klar, für den ganzen Platz hörbar, sprach sie aus: „Du bist Zeus.“

    Der Name stand offen zwischen ihnen.

    Die Kureten zuckten nicht zurück. Keiner tat, als sei etwas Verbotenes geschehen. Einer nach dem anderen blieben sie einfach stehen und nahmen den Namen hin, der Älteste zuerst, der Mann zu seiner Rechten nach ihm, zuletzt die übrigen.

    Der Junge ließ den Blick nicht von ihr. „Noch einmal“, verlangte er.

    Ein kurzer Zug ging über das Gesicht des Ältesten, aber er unterbrach ihn nicht. Gaia ebenfalls nicht.

    „Du bist Zeus“, sagte Rhea noch einmal.

    Jetzt nickte der Junge einmal, knapp, nur fest. Er wandte den Blick zum Ältesten. „Meinen Speer.“

    Der Älteste nahm den Speer auf und reichte ihn ihm, den Schaft voran. „Nimm ihn, Zeus“, forderte er.

    Rhea hörte es: nicht nur den Namen, sondern auch, wem dieser Mann damit den Platz gab.

    Der Junge griff zu und schloss die Hand um das Holz. Wieder drehte er sich zu Rhea.

    „Wusstest du, dass er mich sucht?“, fragte er.

    Die Frage traf den Platz anders als der Name. Einige Männer wurden stiller. Einer blickte sofort zum Rand des Hanges, als könne dort noch ein weiterer Hörer stehen. Gaia blieb unbewegt.

    Rhea gab die Wahrheit zurück, weil jede andere Antwort hier nichts getragen hätte. „Ja.“

    „Und du bist trotzdem gegangen.“

    Sie hörte den Satz aus seinem Mund und nicht aus Gaias, und gerade darum stand er anders im Raum. Härter stand er dort.

    „Ja“, sagte sie wieder.

    Der jüngere Kuret atmete durch die Nase aus. Während ein anderer das Gewicht verlagerte, sprach niemand. Das Schweigen gehörte jetzt dem Jungen.

    „Warum?“

    Rhea wusste, dass kein Wort genügen würde. Nicht vor den Männern. Nicht vor Gaia. Nicht vor ihm. Aber er hatte gefragt, und sie durfte ihm nicht wieder etwas vorenthalten.

    „Damit du lebst“, erwiderte sie.

    Er musterte sie mit einer Ruhe, die sie nicht erwartet hatte. Tränen blieben aus, auch vorschneller Zorn. Er nahm den Satz auf und legte ihn nicht beiseite. Man sah, dass er weiterdachte.

    Ohne den Blick von Rhea zu nehmen, sprach Gaia. „Sie ist gegen Kronos gegangen, bevor du sprechen konntest. Gegen ihr Haus. Gegen ihr Wort. Sonst wärst du tot.“

    Rhea sah zu ihr. Gaia hatte ihr nichts geschenkt, weder Schutz noch Nachsicht, nur die Wahrheit, hart und offen.

    Der Junge wandte den Kopf zu Gaia und dann zurück zu Rhea. „Und jetzt?“

    Es war die einfachste Frage auf diesem Platz. Deshalb war sie die schwerste.

    Er setzte den Speer mit dem unteren Ende auf den Stein. Das Holz stand ruhig in seiner Hand. „Jetzt verstecke ich mich nicht mehr“, sagte er.

    Rhea trat noch einen Schritt tiefer.

    Rhea trat noch einen Schritt den Hang hinab, bis der lose Schotter unter ihrer Sohle still wurde, und blieb stehen, sodass der Abstand für alle sichtbar blieb.

    „Jetzt stehe ich hier“, sagte sie. „Offen.“

    Der Älteste hob das Kinn kaum merklich. Er widersprach nicht. Auch darin lag eine Ordnung, die jeder verstand.

    In der rechten Hand hielt Zeus den Speer, nicht locker, nicht drohend. Er sah sie an, und in seinem Blick lag nichts von der Frage, ob sie müde war, ob sie ihn vermisst hatte, ob sie Reue trug. Er wartete auf etwas, das vor allen Bestand hatte.

    „Willst du bleiben?“, fragte er.

    Die Frage kam schnell, doch nicht unbedacht. Er stellte sie, damit jeder sie hörte.

    Ohne sofort zu antworten, sah Rhea den Ältesten an, die Kureten, Gaia, dann wieder Zeus.

    „Wenn ich bleiben darf.“

    „Das entscheide nicht ich allein“, sagte der Älteste.

    Ruhig sprach er in den Platz hinein, nicht nur zu ihr. „Du bist ihretwegen hier gesucht. Du bist seinetwegen hier geduldet oder fortgeschickt.“ Er richtete den Blick auf Zeus. „Er hört es. Er entscheidet, ob dein Anblick hier Last ist oder Nutzen.“

    Der jüngere Kuret bewegte den Kopf, sagte aber nichts. Keiner der Männer trat vor oder nahm dem Ältesten das Wort ab.

    Rhea nahm den Satz auf. Es ging nicht mehr um Gaia und nicht mehr um den Ältesten. Zeus.

    „Warum willst du bleiben?“, fragte Zeus.

    Es ging nicht darum, weshalb sie hier war oder weshalb sie gekommen war, sondern darum, weshalb sie bleiben wollte. Rhea presste die Lippen kurz aufeinander. „Nicht, um dich mitzunehmen.“

    Die Männer blieben stumm, Gaia stand unbewegt.

    „Das habe ich nicht gefragt“, erwiderte Zeus.

    Er sagte es ohne Schärfe. Gerade deshalb traf es.

    Rhea nickte einmal. „Ich weiß.“

    Sie atmete ein. Der Wind strich über den Hang und rührte am Stoff ihres Gewands. Unten blieb alles still, während Gaia den Kopf nicht wandte.

    „Ich will bleiben, wenn du Worte von mir hören willst, die dir keiner sonst sagen kann. Und wenn Kronos mich hier sucht, führe ich seine Augen von diesem Ort fort, nicht zu ihm.“

    Zeus’ Finger schlossen sich enger um den Schaft. „Sag sie.“

    Ein Kuret zog den Blick zum Ältesten, der reglos blieb. Niemand hielt sie an.

    „Kronos sucht dich“, begann sie.

    Der Name lag nun offen auf dem Platz, weder fernes Gerücht noch halber Satz.

    Zeus stand still, während der Älteste nicht zu ihm hinübersah.

    „Das weiß ich“, sagte er.

    „Dann sollst du auch dies offen hören.“ Rhea hob die Stimme nicht, aber sie machte keinen Versuch, ein Wort zu dämpfen. „Er hat deine Geschwister gefressen.“

    Ein kurzes Geräusch ging durch einen der jüngeren Männer, mehr Atem als Laut.

    Zeus’ Gesicht blieb unbeweglich. Nur die Hand am Speer arbeitete einmal nach.

    Sie fuhr fort: „Eins nach dem anderen, kaum geboren. In seinem Haus. Vor ihren Eltern. Vor mir.“

    Jetzt sah Zeus sie anders an, fester.

    „Und mich nicht.“

    „Dich nicht.“ Rhea schüttelte den Kopf. „Ich gab ihm einen Stein im Tuch. Er nahm ihn und verschlang ihn wie die anderen. Aber er hat im Bauch gespürt, dass nichts mehr trat, nichts atmete, nichts weinte. Er weiß, dass du lebst.“

    Der jüngere Kuret fluchte leise in seinen Bart. Ein anderer verlagerte das Gewicht und griff an den Rand seines Schildes. Gaia ließ sie gewähren.

    „Er fragte nach dir“, sagte Rhea. „Er fragte nach dem Ort. Ich habe ihm nichts gesagt.“

    „Und wenn er wieder fragt?“

    „Dann bekommt er keine andere Antwort.“

    Zeus’ Blick glitt nicht weg. „Auch wenn er dich zwingt?“

    Die Blicke der Männer lagen auf ihr, nicht mitleidig, sondern prüfend. Sie kannte das Maß, das in dieser Frage lag: keine Bitte, sondern Belastbarkeit.

    „Ich habe ihm schon widersprochen“, entgegnete sie. „Vor seinem Sitz. Vor seinem Zorn. Ich tue es wieder.“

    „Das ist nicht meine Frage.“

    Rhea ließ die Pause zu. Sie musste nicht rasch sprechen, hier nicht.

    „Auch dann“, sagte sie.

    Zeus sah sie noch einen Moment an. Dann fragte er: „Kann man ihn verstecken? Vor ihm. Lange.“

    Dass jede Ausflucht jetzt Feigheit wäre, wusste Rhea.

    „Nein.“

    Einer der Kureten hob den Kopf, Zeus tat es nicht.

    „Gar nicht?“

    „Nicht für immer.“ Rhea hielt seinem Blick stand. „Vor Kronos rettet dich kein Versteck bis ans Ende. Kein Hang. Keine Höhle. Kein Schweigen. Nur, dass du ihm entgegentrittst, wenn die Zeit da ist.“

    Zum ersten Mal seit ihrem Hervortreten war der Platz nicht nur still, sondern gespannt. Die Männer standen nicht mehr bloß als Zeugen da. Sie hörten einen Satz, der sie band, während Zeus den Blick auf den Speer senkte. Dann hob er ihn wieder. „Darum bist du gekommen? Um mir das zu sagen?“

    „Ich bin gekommen, weil du nicht im Dunkel hören sollst, wessen Sohn du bist und was dein Vater tut“, sagte sie. „Und weil ich nicht noch“

    „einmal fortgehen will und dich im Unwissen lassen.“

    Keiner sprach, während der Wind über den Hang strich. Unten lag der Platz offen vor der Höhle. Der Speer lag noch in Zeus’ Hand. Gaia saß auf ihrem Stein, die Hände auf den Knien, und rührte sich nicht. Die Kureten standen in einem Halbkreis, weder locker noch feindselig. An ihren Gesichtern sah Rhea, dass nichts von dem, was jetzt geschah, leicht genommen wurde.

    Einen Schritt vor trat der Älteste. Er sah nicht Zeus an, sondern Rhea.

    „Wenn du bleibst“, erwiderte er, „bleibst du nicht bei einem Kind, das nichts weiß. Und nicht bei Männern, die für dich schweigen, wenn du selbst schweigst.“

    Rhea antwortete nicht sofort.

    „Sprich es“, forderte er. „Vor ihm, vor ihr, vor uns allen. Ganz.“

    Sie wusste, was er verlangte: keine Reue, keine Tränen, Wahrheit mit Namen.

    „Was soll ich sprechen?“, fragte sie dennoch.

    Der Älteste hob die Hand nicht, er zeigte auf niemanden. Seine Stimme blieb fest.

    „Was Kronos getan hat. Und was daraus für diesen hier folgt.“

    Zeus stand still. Nur seine Finger schlossen sich fester um den Schaft des Speers. Er wich ihrem Blick nicht aus, verlangte keine Schonung, was ihr die Worte nicht leichter machte, als Rhea einmal einatmete.

    „Kronos nimmt seine Kinder“, begann sie.

    Der Älteste schwieg. Es genügte ihm nicht, und das wusste sie selbst.

    Zu Zeus hinüber durfte sie jetzt nicht mehr an dem Rand der Wahrheit stehen bleiben, an dem sie so lange ausgeharrt hatte.

    „Er nimmt sie nicht nur“, fuhr sie fort. „Er frisst sie.“

    Auf dem Platz lag der Satz. Niemand regte sich, auch Gaia nicht.

    Sie musste weitergehen, sonst blieb sie wieder in dem stehen, was zu wenig war.

    „Hestia“, begann sie. „Demeter. Hera und Hades. Poseidon.“

    Sie nannte jeden Namen einzeln, langsam und mit unveränderter Stimme.

    „Deine Geschwister.“

    Zeus’ Gesicht veränderte sich nicht. Er stand nur da, während ihre Hände offen an ihren Seiten hingen. Sie presste die Finger nicht zusammen. Sie hielt sich aufrecht.

    „Dein Vater frisst die Kinder des eigenen Hauses“, sagte sie. „Er hat fünf schon genommen. Und wenn er dich findet, wird er dich nicht anders behandeln.“

    Ein kurzer Laut ging durch einen der jüngeren Kureten. Kein Widerspruch, eher Atem, der hart aus dem Brustkorb wich. Der schmale Mann links von der Höhle senkte den Kopf. Der breit gebaute mit der Narbe am Kinn sah Zeus an, dann den Ältesten, dann wieder Zeus.

    Der Älteste fragte: „Und was weiß Kronos?“

    Für einen Augenblick schloss sie die Augen nicht, senkte auch nicht den Blick. „Er weiß, dass ich ihn getäuscht habe. Er hat den Stein im Tuch gesehen. Er weiß, dass das Kind, das ich ihm entzog, lebt.“

    „Sprich nicht von einem Kind“, mahnte der Älteste.

    Rhea verstand. Er zwang sie auch darin zur Genauigkeit.

    „Er weiß, dass Zeus lebt“, erwiderte sie.

    Jetzt fiel der Name noch einmal offen auf den Platz, nicht zufällig und nicht im Vorübergehen, vor allen.

    Zeus hob das Kinn.

    „Und was folgt daraus?“, fragte der Älteste.

    Sofort antwortete sie, weil kein Zögern mehr erlaubt war. „Dass Kronos sucht. Dass sein Weg hierher führen kann. Dass jeder, der mich und Zeus an diesem Ort duldet, die Gefahr mitträgt.“

    Ihre eigene Stimme klang klar und nüchtern. Gerade darin lag das Gewicht. Es war nichts mehr, das sich zurücknehmen ließ.

    Der Älteste wandte sich nicht ab. „Und du?“

    „Ich trage sie auch“, entgegnete Rhea. „Nicht hinter euch. Mit euch. Wenn Kronos mich fordert, gehe ich ihm selbst entgegen, bevor ich ihn an diese Schwelle führe.“

    Noch stand das letzte Wort zwischen ihnen, da bewegte Zeus sich.

    Er trat an dem Ältesten vorbei, ohne Hast, ohne um Erlaubnis zu bitten. Die Männer machten ihm Platz, gerade genug. Er kam bis an den Rand der Höhle, wo der Boden von vielen Schritten festgetreten war. Dort blieb er stehen.

    Er drehte den Speer in der Hand, fasste ihn tiefer.

    Niemand hielt ihn an, als sich alles auf diese eine Bewegung sammelte.

    Zeus stieß den Speer in den Boden der Höhle.

    Hart fuhr der Schaft ein, Stein scharrte unter der Spitze. Erde gab nach, der Stoß war kurz, trocken, endgültig. Der Speer blieb stehen.

    Zeus nahm die Hand nicht sofort weg. Erst als der Schaft fest saß, ließ er los. Dann sprach er, ohne sich umzusehen:

    „Dann werde ich nicht versteckt.“

    Es war kein Ruf, kein Schwur. Er stellte es hin.

    Rhea sah den Speer vor dem Höhleneingang stehen und wusste, dass der Ort nicht mehr derselbe war wie in dem Augenblick, in dem sie ihn zum ersten Mal vom Hang aus gesehen hatte. Nicht nur Schutz. Nicht

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