PANATHINAIA

    Alexia Michailidou · Band 1

    PANATHINAIA

    Chapitre 12 sur 13

    Chapitre 12

    An der Kante des Tartaros

    Mit einem Schlag brach der Bruch offen herein. Wo eben noch Kampf um Arm, Wurf und Werkstück gewesen war, hing jetzt der erste Schlag der neuen Waffe über dem offenen Schacht, und der Ort war nicht mehr derselbe.

    Mit Gewalt brach der Laut herein, traf nicht nur Ohren, sondern Stein, Brust und Knie. Der Feuerkreis barst auseinander. Funken, Kohlen, Erzstücke und glühende Splitter fuhren über den Platz. Der Amboss sprang aus seiner Lage, kippte, schlug gegen den Rand und riss ein Stück der ohnehin gebrochenen Kante mit sich. Männer stürzten. Titanen rissen die Arme hoch. Einer bekam ein Eisenstück an die Schläfe und fiel ohne Ruf. Offen lag der Himmel über dem Schacht im Licht, und der Schacht darunter antwortete mit einem dumpfen, langen Grollen, das aus der Tiefe heraufdrang.

    Auf den Beinen blieb Zeus.

    Leer war die Hand, die geworfen hatte. Sie brannte bis in den Unterarm. Dicht hing der Geruch von geschlagenem Stein und verbranntem Metall über dem Platz. Vor ihm wich alles einen Schritt zurück, nicht aus Ordnung, sondern aus Schreck. Selbst die, die weiterdrängen wollten, verloren für einen Augenblick den Tritt.

    Kronos jedoch nicht.

    Den ersten Schlag hatte er gesehen. Gesehen hatte er, dass nicht Feuer geantwortet hatte, nicht Schmiedekunst allein, sondern etwas, das ihm nicht mehr gehorchte. In seinem Gesicht lag bloßes Staunen nicht mehr; er begriff den Verlust. Der Ort war ihm entzogen. Die Waffe war ihm entzogen. Die Furcht, auf der seine Stimme gestanden hatte, hielt die anderen nicht mehr fest.

    Wieder fuhr er vor.

    Tief fuhr die Sichel, nicht weit ausgeholt, dicht am Leib geführt, auf Zeus’ Mitte. Zeus riss einen geborstenen Schaft vom Boden, fing den Hieb daran ab und warf das Stück gleich wieder fort, weil das Holz in seiner Hand brach. Schon war Kronos an ihm, Schulter gegen Schulter, Brust gegen Brust. Zwischen ihnen fiel kein Wort. Er griff nicht nach der Kehle. Seine Hand suchte den rechten Arm, dieselbe Bewegung, dieselbe Absicht. Er wollte den zweiten Einsatz brechen, noch ehe er Gestalt gewann.

    Nicht fern vom Rand lag es nach dem Schlag, halb zwischen zerrissenem Feuer, halb auf schwarzem Stein. Seitlich erhaschte Zeus nur einen Zug davon, und das genügte.

    Sie lösten sich nicht voneinander. Darum rangen beide, wer den einen Schritt zuerst bekam. Mit dem Gewicht der Hüfte trieb Kronos. Zeus nahm den Druck an, gab einen halben Schritt nach, spürte unter der Ferse, dass dort nichts Sicheres mehr war, und drehte sich aus der Linie. Der Stein unter beiden riss weiter auf. Ein schmaler Sprung lief vom gekippten Amboss bis an den Rand des Schachts. Aus der Tiefe zog kalte Luft herauf.

    Neben ihnen schrien Titanen und Hekatoncheiren durcheinander. Gegen einen anstürmenden Mann schleuderte ein Kyklop einen Hammer und traf ihn an der Brust. Hera hielt einen zweiten mit beiden Händen an einem Speer fest, während einer der Hundertarmigen ihn von der Seite umstieß. Aber all das blieb am Rand ihres Kampfes. Verengt hatte sich der Platz. Es gab nur noch die brüchige Kante, den dunklen Schacht, den schwarzen Stein des Werkstücks und diese beiden Leiber, die einander keinen Raum lassen wollten.

    Kronos stieß Zeus mit der Stirn gegen die Wange. Im eigenen Kopf hörte Zeus das Knacken, und warmes Blut lief ihm über den Mund. Kronos packte ihn am Nacken und drückte. Zeus sank nicht. Er fuhr mit dem Knie hoch, traf den Vater am Oberschenkel, noch einmal, dann rammte er ihm den Ellenbogen unter die Rippen. Kronos hielt stand, sein Atem rang jetzt hörbar. Seine Finger arbeiteten härter, nicht schwächer.

    Kronos setzte den Fuß falsch.

    Nur eine Handbreit. Dort, wo der Schlag den Rand gelöst hatte, brach die Platte unter seinem Gewicht weg. Stein kippte in den Schacht. Kronos sackte mit einem Bein nach, fing sich sofort wieder und geriet doch aus der engen Stellung. Zeus riss sich frei.

    Nicht auf die Waffe warf er sich. Im Vorübergehen nahm er sie vom Boden, schnell, tief, ohne den Blick vom Vater zu lösen. Schwer und richtig ruhte das Stück in seiner Hand. Es blieb nicht kalt. Es schlug in seiner Faust nach.

    „Leg es weg“, sagte Kronos.

    Seine Stimme trug noch. Nicht gebrochen war sie. Sie verlangte Gehorsam, obwohl schon jeder sehen konnte, dass er ihn nicht mehr durchsetzen konnte.

    Zeus erhielt keine Antwort. Blut klebte an seinem Kinn. Tief an der Seite umklammerte er das dunkle Stück, nicht erhoben, nicht gezeigt. Hart stieß er den Atem aus, während unter den Sohlen der Stein nachgab.

    Als Kronos die Sichel hob, folgte sofort der Angriff.

    Ohne Drohung, ohne Zögern. Mit einem Schritt über geborstenen Boden fuhr der Schnitt von links, schnell genug, dass Zeus die Waffe nur mit einer kurzen Wendung dazwischen brachte. Graues Erz traf auf den schwarzen Rand des neuen Stücks. Der Schlag fuhr ihm bis in die Schulter. Die Finger seiner rechten Hand öffneten sich fast. Das Werkstück rutschte in der Faust, fing sich wieder.

    Kronos setzte nach. Der zweite Hieb zielte tiefer, gegen Handgelenk und Bauch zugleich. Zeus sprang nicht zurück. Mit einer Hüftdrehung ließ er den Schnitt dicht am Leib vorbeigehen und stieß mit der Schulter gegen den Vater. Beide glitten auf losem Stein. Splitter fielen in den Schacht.

    „Jetzt“, rief Kronos über Zeus hinweg. „Zu mir.“

    Weit trugen die Worte. Sie trafen den Platz, die Kämpfenden, den zerborstenen Feuerkreis, den offenen Rand.

    Niemand trat zu ihm.

    Links hinter Zeus stand Hera, den Speer quer vor sich, und zwang zwei Titanen auf Abstand, die sich an der gebrochenen Kante vorbei drängen wollten. Einer stieß gegen den Schaft, der andere suchte Raum daneben, aber sie ließ keinen durch. Mit tiefem Stand und festen Armen sah sie nicht zu Zeus hinüber. Sie wehrte ab.

    Rechts hatte Poseidon einen Mann am Hals gepackt und zurückgerissen, noch ehe der zwischen die Brüderlinie kam. Gegen einen anderen Titanen stieß er ihn, trat vor und schob mit offener Hand beide zurück. Hinter ihm lag der Weg zu Kronos leer.

    Und Hades sagte nichts. Dort, wo der Platz schmal wurde, versperrte er mit dem langen Schaft seiner Waffe den Durchgang. Wer vorwollte, musste erst an ihm vorbei, und Kronos hörte, dass niemand kam.

    Hinter ihnen drängten die Befreiten dicht an die unversehrte Wand. Einer hielt den Arm einer Frau fest, damit sie auf dem losen Stein nicht fiel. Ein anderer zog ein Kind hinter seine Hüfte, als der Rand erneut knackte. Niemand von ihnen griff ein. Sie wichen nur nicht auseinander.

    Keine Stimmen, keine Zustimmung, nur das Ausbleiben.

    Nur einmal sprang sein Blick zur Seite. Das genügte Zeus.

    Er trat hinein und schlug.

    Tief gegen den Boden zwischen ihnen, nicht nach dem Kopf, nicht nach der Brust.

    In den aufgerissenen Rand fuhr das dunkle Stück. Ein harter Laut schnitt durch den Platz. Der Stoß lief Zeus den Arm hinauf und in den Rücken. Der Boden antwortete sofort. Die gesprungene Platte vor Kronos riss ganz auf. Vom zerstörten Feuerkreis lief der Bruch weiter, unter den gekippten Amboss, durch schwarzen Stein bis an den Schachtrand. Ein ganzer Saum brach weg und stürzte hinab.

    Kronos riss sich zurück. Der Rand, auf dem er eben noch gestanden hatte, war fort.

    Nicht traf ihn der Schlag, nahm ihm aber den Stand.

    Breider lag der Schacht jetzt offen, und kalte Luft fuhr hoch. Lose Steine trommelten lange nach unten.

    Zeus fing sich auf dem vorderen Fuß. In seiner Hand blieb das Werkstück. Es sprang ihm nicht aus den Fingern. Schwer lag es darin, und erneut lief ein Stoß durch das dunkle Material, kurz, hart, nicht von seinem Griff gelöst.

    Gaia sprach jetzt laut, so dass selbst die Kämpfenden an den Flanken es hören mussten.

    „Es antwortet ihm.“

    Kronos drehte den Kopf zu ihr.

    Nicht weit hinter dem zerrissenen Platz, den Blick auf das Werkstück gerichtet, nicht auf Kronos, nicht auf die Sichel, wartete sie. Ihr Gesicht blieb hart.

    „Du hast den Splitter aus meinem Grund gerissen“, sagte sie. „Du hast ihn gegen den Verschluss gehalten. Nun trägt ihn der, dem er antwortet.“

    Für einen Atem lag alles offen da.

    Nicht mehr das graue Erz in Kronos’ Hand bestimmte den Platz. Der alte Schnitt, mit dem er Ordnung behauptet hatte, trug nicht mehr. Jeder am Schacht konnte sehen, was blieb und was nicht. Zeus hielt das dunkle Stück, das bei ihm blieb. Es kehrte nicht zu Kronos zurück, wie Gaia selbst aussprach.

    Kronos’ Mund verzog sich. „Es gehört hier nicht hin.“

    „Hierher sollte es zurück“, erwiderte Gaia. „Nicht zu dir.“

    Er machte einen Schritt auf sie zu.

    In die Linie trat Zeus.

    Die Sichel fuhr hoch, zu schnell für Worte. Kronos schlug nicht nach Gaia. Er schlug durch Zeus hindurch auf die Hand, die das neue Stück hielt. Zeus riss den Arm hoch, fing den Hieb schlecht und spürte, wie das graue Erz über den Rücken seiner Finger strich. Schmerz schoss durch die Knöchel. Die Waffe kippte ihm fast aus der Hand.

    Kronos sah es und drängte sofort nach. Wieder fuhr die Sichel, diesmal eng und brutal geführt, nicht weit ausgeholt, nur aus dem Ellenbogen, damit kein Raum für einen Gegenschlag blieb. Zeus musste weichen, einen halben Schritt, noch einen. Hinter seiner Ferse brach die Kante weg.

    Hera war in derselben Bewegung da, ohne zwischen die beiden zu treten. „Rechts“, rief sie nur.

    Das Wort nahm er. Er verlagerte das Gewicht, zog den rechten Fuß aus dem brechenden Stein und stieß mit dem linken gegen Kronos’ Knie. Nicht hart genug, um es zu brechen. Genug, um den Vater im Vorwärtsdrang zu verschieben.

    Kronos fing sich nicht ab. Der Stoß nahm ihm nur die Gerade aus dem Schritt. Die Sichel blieb oben. Quer riss er sie zurück und traf nicht ihn, sondern den dunklen Rand des Werkstücks. Das graue Erz kreischte am schwarzen Stück entlang. Sein Arm fuhr bis in die Schulter zurück. Er hielt.

    Unter ihnen knackte der Stein.

    Nicht nur die Kante, an der Zeus eben gestanden hatte. Ein Riss lief unter beiden Füßen weiter, durch den aufgerissenen Boden des alten Arbeitsplatzes, unter den gekippten Amboss, bis an den schmalen Rest des Übergangs. Der Amboss rutschte ein Stück und blieb schief hängen.

    „Nicht stehen bleiben“, rief Hera.

    Tief im Stand hielt sie zwei Titanen von der Seite fern, den Speer kurz gefasst. Einer wollte an ihr vorbei auf ihn zu. Sie stieß ihn zurück, drehte den Schaft und schlug dem zweiten gegen die Schläfe. Hinter ihr stand einer der Hekatoncheiren breit am Zugang, drei Arme mit Steinen, zwei mit Eisen, einer leer zum Greifen, und Kronos sah nicht zu ihnen.

    Wieder ging er hinein, eng, ohne Abstand, und arbeitete die Sichel von unten hoch, um ihm die Finger zu öffnen. Zeus riss das Werkstück herunter, fing den Haken an der Innenkante und spürte den Schlag bis in den Ellenbogen. Kronos drückte nach, weil er kein Duell wollte und nur diese Hand brechen wollte, als Zeus den rechten Fuß zurücksetzte. Nichts war da. Nur eine schmale Platte hielt noch. Er zog den Fuß wieder vor, noch ehe das Gewicht ganz weg war. Stein brach ab und fiel.

    Der Fall dauerte nicht lang genug, um ihn zu sehen. Nur das Lösen schlug zu ihm herauf, und auch Kronos wich trotzdem nicht.

    „Zurück“, sagte Gaia.

    Sie sagte es nicht laut. Trotzdem trug das Wort über den zerrissenen Platz. Selbst die, die kämpften, hörten es, doch er antwortete ihr nicht.

    Er schlug erneut. Diesmal nicht auf die Hand. Auf Zeus’ Kopf, steil von oben, mit beiden Händen an der Sichel. Zeus hob das Werkstück quer über sich. Das graue Erz traf hart. Funken sprangen an der Kante auf und verloschen sofort. Zeus’ Knie gaben nach. Er sank einen halben Schritt tiefer. Die brüchige Platte unter ihm senkte sich mit.

    Der Riss sprang weiter.

    Einen Schritt machte Gaia vor, bis an den Rand des zerstörten Feuerkreises. „Der Grund hält nur, wenn du weichst.“

    Nur kurz drehte Kronos den Kopf zu ihr, gerade lang genug, dass Zeus die Öffnung sah.

    Er stieß vor, kein großer, kein voller Schlag. Er trieb das dunkle Stück mit beiden Händen gegen Kronos’ Brust und gegen den Arm, der die Sichel führte. Das Werkstück antwortete sofort, stumm und ohne Licht. Der Boden unter Kronos’ hinterem Fuß brach nach unten weg.

    Kronos verlor den Halt und riss die Sichel herum, um im Fallen noch zu schneiden. Die Klinge fuhr Zeus über den Oberarm und riss Stoff und Haut auf. Zeus spürte Wärme, aber keinen Verlust an Kraft. Er packte nach, bekam Kronos am Handgelenk, glitt auf Schweiß und Staub ab und griff noch einmal tiefer.

    Für einen Schlag hingen sie dicht aneinander am brechenden Rand.

    Kronos trat nach vorn, suchte wieder Boden, fand nur die kippende Platte und stemmte sich mit der Sichel gegen Zeus’ Schulter, um ihn mitzunehmen.

    Im Druck, in der Stellung des Arms, im festen Zug auf den Hals lag es offen: Kronos wollte nicht zurück, sondern den Rand mit beiden brechen.

    „Zeus“, rief Hera.

    Sie konnte nicht zu ihm. Zwei weitere waren auf sie gegangen, und der Hekatoncheir am Zugang hatte beide Arme voll, weil jetzt auch von der anderen Seite einer durchbrechen wollte. Ein Kyklop hob den Hammer und warf. Das Eisen traf einen Titanen am Rücken und schickte ihn gegen die Steine. Keiner kam an den Steg, keiner zu ihm.

    Das sah Zeus erst jetzt.

    Halb über dem Schacht stand Kronos, der Riss offen unter ihm, Gaia vor ihm, Hera seitlich, die Kyklopen und Hekatoncheiren auf der Linie. Niemand sprang vor, um ihn zu fassen. Niemand schrie seinen Namen mit einer Bewegung im Körper, die Hilfe schon begonnen hatte. Selbst die, die noch kämpften, hielten ihre Schritte auf Zeus’ Seite des Randes.

    Auch Kronos merkte es, und etwas zog sich in seinem Gesicht fest. Nur Härte.

    Er ließ Zeus’ Schulter los, nahm die Sichel zurück in beide Hände und schlug noch einmal nach dem Werkstück.

    Zeus drehte den Griff ein, fing die Klinge flach ab und schlug mit der anderen Hand auf Kronos’ Unterarm, sodass die Sichel kippte und ein Finger sich löste. Dann noch einer. Das graue Erz rutschte aus Kronos’ Griff, schlug gegen die gebrochene Kante und blieb nicht liegen. Es verschwand über dem Rand.

    Kronos fuhr sofort hinterher, nicht dem Fall nach, sondern der Bewegung.

    Er fuhr sofort hinterher, der Bewegung des dunklen Stücks in Zeus’ Händen nach. Er griff nicht ins Leere. Er warf sich mit dem ganzen Gewicht gegen Zeus, hart, ohne Maß, die Hände offen, um das Werkstück zu fassen oder beide mit ihm über die Kante zu reißen.

    Weil es keinen Raum dafür gab, wich er nicht zurück. Hinter seiner Ferse arbeitete der gebrochene Rand. Unter Kronos löste sich weiter Stein. Zeus mied den offenen Schacht. Er hielt nur die Stelle im Blick, an der Kronos’ Griff kommen musste.

    Kronos bekam das Handgelenk statt des Stücks. Seine Finger schlossen sich über Zeus’ rechter Hand, drückten, zogen, suchten den Hebel. Die andere Hand schlug gegen das dunkle Werkstück, tastete daran entlang, fand keine Kante, an der sie halten konnte, und fuhr zu Zeus’ Hals. Zeus riss den Kopf zur Seite, bekam den Unterarm quer gegen die Kehle und stieß das Werkstück zwischen ihre Körper.

    Es antwortete wieder in der Hand. Lautlos. Ein Widerstand, der nicht aus Zeus’ Armen kam.

    Er spürte es, und sein Blick strich kurz über das Stück, dann über Zeus. In seinem Gesicht lag nichts von Vater, nichts von Rückzug.

    „Gib es her“, sagte er.

    Zeus schwieg, während Kronos härter nachdrückte. Sein Knie rammte gegen Zeus’ Oberschenkel. Der Rand unter beiden knackte trocken und sank eine Handbreit. Staub stieg auf, rollte in den Schacht und verging. Sein linker Fuß rutschte seitlich weg. Er fing sich auf dem Ballen, zog Kronos näher an sich heran und nahm ihm den Raum für den nächsten Stoß.

    Von der Seite rief jemand seinen Namen, fern von seiner Hand. Man konnte es hören, und er ließ es liegen.

    Am Griff änderte er nichts. Er blieb nicht am Hals, sondern ging tiefer zum Unterarm, dorthin, wo das Werkstück geführt wurde. Er arbeitete mit beiden Händen gegen eine einzige Bewegung: gegen das Hinabbringen. Zeus begriff es noch einmal im Körper, nicht im Gedanken.

    Er ließ sich mit der verletzten Schulter nach vorn fallen und gewährte Kronos einen halben Schritt, den es nicht gab. Kronos nahm ihn. Der Fuß setzte auf gebrochenen Rand, suchte Halt, traf nur eine Platte, die sich schon gelöst hatte. Sie kippte unter seinem Gewicht nach außen.

    Kronos riss sich zurück, schnell genug, um nicht sofort zu fallen. Aber dabei musste er eine Hand lösen. Für einen Schlag lang lag seine Brust offen gegen das dunkle Stück.

    Zeus setzte nach.

    Er trieb das Werkstück mit beiden Händen tief unter Kronos’ Rippen und schob mit Beinen, Rücken und Schulter durch. Kronos’ Mund klappte auf. Kein Ruf kam heraus. Seine Hände schlugen noch einmal gegen Zeus’ Arme, griffen vorbei, krallten sich dann in Stoff und Haut.

    Der Rand gab nach, nicht viel. Genug.

    Ein Stück der Kante brach unter Kronos’ Ferse weg. Der Körper kippte nach hinten. Zeus hielt den Druck. Kronos hing nicht mehr auf seinen Füßen, sondern in Zeus’ Armen und gegen das Werkstück gepresst. Die Last zog an Zeus’ Schultern. Die Wunde am Oberarm brannte jetzt offen. Er setzte den linken Fuß weiter ein, fand Stein, der noch trug, und drückte noch einmal.

    Kronos’ Griff schloss sich ein letztes Mal um Zeus’ Arm, fest und absichtsvoll. Es war keine Bitte, kein Halt um des Lebens willen. Er zog, um Zeus mitzunehmen.

    Zeus riss den Arm nicht frei. Er ging einen Schritt vor, in den Zug hinein, verkürzte die Strecke und brach damit den Hebel. Kronos’ Finger verloren den Sitz, einer löste sich, dann die ganze Hand.

    Nicht sofort fiel Kronos senkrecht. Er schlug mit der Hüfte gegen die Kante, blieb einen Atemzug quer daran hängen und fuhr mit beiden Armen nach oben. Seine Hände griffen nach dem Rand, nach Zeus, nach Stein. Die rechte bekam eine Kante zu fassen. Die linke glitt an Staub und Schutt ab.

    Zeus stand über ihm, das dunkle Werkstück noch in beiden Händen.

    Kronos hing jetzt am Rand des Tartaros und sah hinauf. In seinem Gesicht lag zum ersten Mal etwas, das nicht Angriff war. Kein Flehen, eher Zorn darüber, dass der Körper nicht mehr tat, was er wollte.

    „Zeus.“

    Nur der Name.

    Zeus blickte weder zu Gaia noch zu Rhea oder Hera. Er hörte keine Stimme, die sagte, er solle ihn halten. Keine Bewegung kam von den Linien am Steg. Keiner sprang an seine Seite. Keiner rief Kronos zurück. Hinter ihm tobte der Kampf noch in Resten weiter, aber dort, wo Kronos hing, blieb es offen.

    Auch das merkte Kronos. Sein Blick sprang an Zeus vorbei, suchte die anderen, fand sie und fand nichts, das ihm half. Weder Gaia noch Rhea, weder die Kinder, die er gehalten hatte, noch die, die für ihn gekommen waren. Niemand trat vor.

    Sein Mund verzog sich. „Und dafür“, sagte er stockend, weil die Hand arbeitete und rutschte, „reißt du alles auf.“

    Ze

    us antwortete nicht.

    Das dunkle Werkstück tiefer in die rechte Faust gesetzt, ging Zeus so nah an die Kante, dass loser Stein unter seiner Sohle nachgab und in die Tiefe fiel. Der Zug aus dem Schacht strich ihm an den Beinen hoch. Kronos hing mit einer Hand am Rand, der Arm hart gespannt, der Körper schräg gegen die Wand unterhalb der Bruchkante gepresst. Während die Finger im Staub arbeiteten, rieselten Körner über den Handrücken und verschwanden.

    „Du weißt nicht, was dort unten wartet“, warnte er. Seine Stimme riss bei den letzten Wörtern auf. Die freie Hand hob er, bekam keinen Halt, schlug gegen den Stein und fing sich wieder am Körper ab. „Du trägst es hinab, und du öffnest ihnen.“

    Zeus sah auf die Hand am Rand. Auf den Daumen, der keinen Sitz mehr fand. Auf die weißen Stellen an den Knöcheln. Auf den Stein an der Kante, der bereits gesplittert war, wo das Gewicht hing.

    Hinter ihm blieb es still an der Stelle, an der Hilfe hätte kommen können.

    „Du hast sie eingeschlossen“, sagte Zeus.

    Als Kronos den Kopf hob, stand der Hals unter Spannung. „Ich habe bewahrt, was gehalten werden musste.“

    „Du hast gehalten, was dir diente.“

    Kronos stieß den Atem aus, kurz, scharf, fast ein Laut des Hohnes, aber ihm fehlte die Kraft, ihn auszutragen. „Du sprichst von Dienst.“ Die Finger rutschten einen halben Zoll. Der Arm fuhr hart nach. Stein brach unter den Nägeln. „Du kennst weder Maß noch Grenze. Du trägst eine Sache in der Hand, die du nicht verstehst, und nennst das Recht.“

    Sein Oberarm pochte. Blut lief bis zum Ellbogen und machte den Griff glitschig. Mit der linken Hand fasste Zeus das Werkstück fester an sich. Kronos’ Blick ging sofort darauf, statt zu seinem Gesicht oder seiner Wunde.

    Zeus merkte es.

    „Darum geht es dir noch immer“, stellte er fest.

    Kronos’ Mund wurde hart. „Gib es her.“

    Stehen blieb Zeus.

    „Gib es her“, sagte Kronos noch einmal, jetzt tiefer, gedrängt gegen den Schmerz in der Seite und den Zug im Arm. „Du bist zu spät geboren für das, was dort unten liegt. Zu wenig geprüft. Zu schnell im Urteil. Zu sicher in deinem Zorn.“ Er presste die Worte zwischen zwei Atemzügen hervor. „Wenn du es hinabbringst, trägst nicht du die Folgen allein.“

    Zeus senkte das Werkstück nicht. Die dunkle Fläche lag stumpf im fahlen Licht, ohne Glut und ohne Laut. Nur Gewicht. In den Handballen und im Unterarm spürte er es, dicht und still.

    Kronos bewegte die Schulter, suchte Entlastung, fand keine. Wieder rutschten die Finger. Diesmal weiter. Der Handballen hing schon halb über leerem Raum. Für einen Schlag lang baumelte sein Körper tiefer, dann fing der Arm ihn noch einmal.

    „Vater“, stieß Zeus hervor, und das Wort kam hart und ohne Annahme, „du rufst nach Maß, nachdem du Kinder in Finsternis gelegt hast.“

    Kronos’ Augen gingen eng. „Ich habe es verhindert.“

    „Ja.“

    „Du weißt nicht, was ich verhindert habe.“

    Zeus schwieg.

    Noch weiter hob Kronos den Kopf, obwohl es ihn sichtbar Kraft kostete. „Sie haben dich vorgeschickt. Sie stehen oben und lassen dich tun, was sie selbst nicht tun wollen.“ Sein Blick zuckte kurz an Zeus vorbei, in die Höhe, dorthin, wo Gaia und Rhea standen, dann zurück. „Wenn du mich stößt, trägst du es. Nicht sie.“

    Aus dem Schacht kam Druck aus der Tiefe, der am gebrochenen Rand arbeitete. Unter Kronos’ Hand knackte es leise. Ein neues Stück Stein löste sich und fiel.

    Zeus brauchte nicht zurückzusehen, um das Schweigen hinter sich zu kennen. Es lag schon die ganze Zeit offen da. Hinter ihm kamen weder Schritte noch ein Ruf, weder Befehl noch Widerruf.

    Kronos merkte, dass Zeus nicht antworten würde. Für einen Moment stand in seinem Gesicht nackte Anstrengung, nichts sonst. Dann kam der Zorn wieder, klar und alt.

    „Wenn du glaubst, danach frei zu sein, bist du töricht.“

    Leicht beugte sich Zeus vor. „Frei war keiner unter dir.“

    Kronos’ Hand zuckte. Er versuchte, sich höher zu ziehen. Der Arm gab einen Ruck. Die Brust kam an die Kante, nicht weiter. Die Wunde unter den Rippen öffnete sich bei der Bewegung erneut; dunkles Nass stand am zerrissenen Stoff. Kronos stöhnte nicht. Mit zusammengebissenen Zähnen zog er ein zweites Mal. Diesmal brach der Rand unter seiner Hand.

    Nicht viel. Genug, dass die Finger den vollen Sitz verloren.

    Der Körper sackte ab. Jetzt hing er nur noch an den Spitzen der Finger. Die freie Hand schlug hoch, bekam Zeus’ Knöchel zu fassen, nicht fest, aber spürbar. Der Griff zog sofort wieder nach unten.

    Zeus trat nicht zurück. Er riss die Hand nicht fort. Er setzte den

    Quer gegen Kronos’ Hand setzte Zeus den dunklen Körper des Werkstücks.

    Fest und sicher.

    Die Finger, die eben noch seinen Knöchel gesucht hatten, fanden kaltes Material statt Haut. Kronos’ Griff rutschte daran ab. Für einen Augenblick blieb seine Hand trotzdem dort, gespreizt, suchend, die Nägel schabend über der dunklen Kante des Stücks. Dann verstand er.

    Den Blick hob er.

    Sein Gesicht musterte Zeus und ließ das Werkstück, wo es war.

    Zwischen ihnen fiel kein Wort. Nur das Arbeiten des gebrochenen Randes war zu hören, ein trockenes Knacken, das von unten heraufkam und durch den Stein lief.

    Schwer hob sich Kronos’ Brust. Schweiß stand auf Stirn und Schläfen, Staub klebte daran. Blut lief aus der Wunde unter den Rippen weiter nach und verschwand am Rand in der Tiefe. Seine Finger krampften an der Kante, der linke Arm zitterte jetzt ungeschützt.

    „Du“, brachte er heiser hervor. Es blieb unklar, wen er meinte, mit Zeus vor sich und Gaia hinter ihm. Vielleicht beide. „Ihr wisst nicht, was offen ist.“

    Unbeweglich blieb Zeus.

    Hinter ihm kam endlich eine Stimme. Gaia sprach ruhig, so ruhig, dass selbst das Brechen des Gesteins darunter schärfer klang.

    „Offen ist es schon lange.“

    An Zeus vorbei fuhr Kronos’ Blick hoch, dorthin, wo sie stand. Er zog die Stirn zusammen. In seinem Gesicht lag für einen Schlag bloßes Nichtbegreifen, dann Abwehr.

    „Schweig.“

    Doch Gaia schwieg nicht.

    „Du hast den Splitter aus dem Grund gerissen. Du hast den Bruch geöffnet. Du hieltest ihn, solange du konntest. Mehr gab es nicht.“

    Noch einmal zog Kronos sich an der Kante hoch, aus Trotz, nicht aus Kraft. Seine Schultern kamen höher, der Kopf über den Rand, der Mund verzogen vor Anstrengung. In Hals und Kiefer stand die Spannung, die Hände fanden keinen festen Sitz mehr. Der Stein gab unter dem Gewicht nach. Kleine Stücke sprangen ab und fielen zwischen seinen Armen hinunter.

    „Lüge“, presste Kronos hervor.

    Gaia antwortete sofort. „Nein.“

    Jetzt war nichts anderes mehr in Kronos’ Gesicht als Zorn. Er suchte Zeus’ Augen wieder, als könne er dort noch etwas erreichen, das er an den anderen verloren hatte.

    „Hör nicht auf sie.“

    Zeus’ Hand schloss sich fester um das Werkstück. Der Rand unter seinen Füßen war brüchig; das feine Nachgeben lief durch den Stein, wenn Kronos unten riss. Der Druck aus dem Schacht stand beständig gegen die Kante. Staub, heißes Eisen und Blut lagen in der Luft.

    Weiter sprach Gaia, ohne lauter zu werden.

    „Der Tartaros ist offen. Er nimmt keinen zweiten Verschluss mehr an.“

    Der Satz stand kurz über dem Platz und ging dann nirgends hin. Er blieb zwischen Rand, Feuerkreis und Schacht, während Kronos unten den Atem anhielt.

    Es war kein langes Innehalten, nur ein Riss im Kampf des Körpers. Die Finger packten nicht sofort neu zu. Die Schultern verloren einen Augenblick ihre Spannung. In diesem einen Moment veränderte sich sein Gesicht stärker als durch die Wunde und stärker als durch den drohenden Sturz.

    Dass sie die Wahrheit sagte, stand in seinem Gesicht.

    Weil Kronos aufhörte, gegen Worte zu kämpfen, und anfing, gegen etwas zu fallen, das nicht mehr verhandelbar war, erkannte Zeus es.

    „Nein“, stieß Kronos aus.

    Diesmal klang es nicht nach Befehl, als er noch einmal versuchte, sich hochzuwerfen. Die Kraft kam zu spät. Der rechte Ellbogen schlug auf die Kante, rutschte über losen Stein und fand keinen Halt. Die linke Hand griff blind nach vorn und traf wieder auf das Werkstück. Zeus hielt es ihm entgegen, dicht vor dem Körper, eine schmale Bewegung nur, aber eindeutig, ohne Zug nach oben und ohne freie Hand, ohne Entgegenkommen.

    Erst das Werkstück, dann Zeus starrte Kronos an.

    Da war Hass. Da war Schmerz. Und darunter etwas, das Zeus an ihm nie gesehen hatte: die klare Erkenntnis, dass ihm niemand den Rand zurückgab, niemand den Verschluss, niemand die Ordnung, in der seine Hand am Ende doch geschlossen blieb.

    Hinter Zeus schwieg Gaia weiter.

    Auch von den anderen kam nichts, kein Schritt, kein Widerspruch, kein Name.

    Ein letztes Mal krallten sich Kronos’ Finger in den bröckelnden Rand. Die Kuppen wurden weiß unter Staub und Blut. Dann brach das Stück Stein, an dem die rechte Hand hing, in der Mitte weg.

    Der Arm fuhr nach unten.

    Nur noch links hing jetzt Kronos.

    Gegen die Wand unter dem Rand schlug sein Körper. Ein dumpfer Laut. Er riss den Mund auf, aber was herauskam, war mehr Atem als Stimme. Die linke Schulter stand hart und hoch, Sehnen traten im Unterarm hervor. Die Finger hielten immer noch.

    Einen halben Schritt näher an die Kante trat Zeus.

    Er sah hinab auf Kronos, der jetzt tief genug hing, dass sein Kopf schon unter Randhöhe lag. Nur die Hand war noch zu sehen, gespannt bis ins Letzte. Der Arm z

    ...itterte.

    Dort, wo der Stein noch trug, setzte Zeus den Fuß auf. Vor seiner Brust hielt er das dunkle Werkstück, nicht hoch, nicht drohend, nur fest in der Hand. Unter ihm hing Kronos an einer einzigen Hand. Die Finger waren gespreizt, krumm vor Anspannung, eingestaubt, blutig an den Gelenken. Der Arm bebte. An der Wand rieselte Stein in die Tiefe.

    „Halt“, brachte Kronos hervor.

    Es war kein Ruf an die anderen. Er hob den Kopf nicht. Sein Blick hing an der Hand, die ihn noch hielt, und an dem Werkstück, das Zeus nicht zurücknahm.

    Während hinter ihm Gaia den Fuß umsetzte, blieb sie auf Abstand und griff nicht ein. Ihre Stimme kam klar über den Rand.

    „Du hast ihn geöffnet, Kronos.“

    Kronos’ Finger zuckten.

    „Du hast den Splitter aus dem Grund gerissen“, sagte Gaia. „Du hast den Bruch aufgerissen. Sieh hin, wenn du noch sehen kannst. Der Tartaros nimmt keinen zweiten Verschluss an.“

    Noch während sie sprach, arbeitete der Rand weiter. Ein Riss lief von seiner rechten Seite weg, zuerst schmal, dann hörbar tiefer. Gestein knackte trocken. Ein Stück der Kante, zwei Armlängen links von ihm, gab nach und stürzte hinab. Staub schlug hoch und wurde vom Zug des Schachts gleich wieder nach unten gerissen.

    Kronos hob jetzt doch den Blick, doch er glitt weder zu Gaia noch zu den Titanen hinter ihr. Er blieb an Zeus’ Hand hängen. An dem dunklen Werkstück.

    „Nimm es weg“, presste er hervor.

    Hinter Zeus schliffen Sohlen über den Boden, doch kein Schritt kam an ihn heran. Als Zeus den Blick kurz anhob, streifte ihn aus den Augenwinkeln Bewegung am Feuerkreis und weiter zurück. Titanen wichen und traten auseinander. Einer wich vor dem Rand zurück, ein anderer drehte den Kopf weg, als müsste schon der Anblick geordnet werden, ehe er ihm standhielt. Niemand trat vor, während Kronos noch hing, und niemand sprach.

    Die Sehnen an seinem Unterarm traten scharf hervor. Die Schulter sprang einmal nach oben, als er den Körper heben wollte. Es gelang nicht. Sein Leib schlug wieder gegen die Wand unter dem Rand. Der Griff rutschte ein Stück. Staub brach unter seinen Fingern aus der Kante.

    „Zeus.“ Jetzt war der Name da, rau und kurz, ohne Bitten, ohne Herrschaft. „Das da darf nicht hinab.“

    Zeus blickte auf ihn hinunter. Blut war an Kronos’ Seite unter den Rippen dunkel geworden. Bei jeder Bewegung drückte es neu durch, und die Sichel war fort. Die Hand am Rand war leer. Alles an ihm hing an dieser einen Hand und an dem Satz, den Zeus nicht annahm.

    „Du wolltest mich töten, um es aufzuhalten“, erwiderte Zeus.

    Kronos’ Mund verzog sich. „Ich habe Schlimmeres aufgehalten als dich.“

    „Mit unseren Leibern“, fuhr Zeus fort.

    Während Kronos nicht sofort antwortete, verlor sein Griff wieder eine Fingerbreite. Jetzt hingen fast nur noch Zeige- und Mittelfinger auf der Kante, der Daumen suchte vergeblich etwas, das standhielt.

    Gaia sprach wieder, und diesmal trug ihre Stimme weiter. Sie galt nicht Kronos allein, sondern allen.

    „Hört ihn. Noch hier unten am Rand redet er von dem, was er verhindert habe. Immer Tat. Immer Furcht. Immer dieselbe Hand über demselben Abgrund.“

    Kronos stieß Luft aus, hart, schmerzhaft. „Schweig.“

    „Nein“, entgegnete Gaia.

    Mehr brauchte sie nicht. Das Wort blieb stehen.

    Wieder gab unter Zeus’ Sohle der Stein nach, kein großer Bruch, nur ein Mahnen, während er das Gewicht verlagerte, ohne zurückzuweichen. Das Werkstück blieb vor ihm. Kronos sah es und sah nicht daran vorbei.

    „Siehst du es jetzt?“, rief Gaia. „Dein Vater sprach es über dich. Der Sohn stürzt den Vater. Der Fluch des Uranos ist erfüllt.“

    Durch die Titanen ging ein Laut. Weder Ruf noch Widerspruch. Eher das kurze Aufreißen von Atem, wenn etwas ausgesprochen wurde, das lange mitging und nun vor aller Augen stand.

    Kronos’ Hand schloss sich noch einmal krampfhaft und hielt für einen Augenblick wieder. Der Arm zog an. Die Schulter hob sich. Zeus erkannte, wie Kronos alles, was noch in ihm war, in diesen einen Versuch legte. Die Stirn schlug gegen den Rand, während die Finger höher griffen.

    Genau unter ihnen brach die Kante weg.

    Nicht das ganze Stück. Nur so viel, wie eine Hand brauchte.

    Stein splitterte unter den Nägeln. Kronos’ Finger klappten ins Leere. Der Arm fuhr nach unten. Für den Bruchteil eines Schlags erschien sein Gesicht noch einmal über der Randhöhe, offen vor Schmerz und Wut, auf Zeus gerichtet.

    „Zeus—“

    Mehr kam nicht.

    Er fiel.

    Er stürzte nicht tief genug, um sofort zu verschwinden. An der Wand entlang schlug er hinab, hart anschlagend, einmal, noch einmal. Dann riss unter ihm weiteres Gestein los. Der Schacht antwortete auf den Fall. Von innen brach etwas nach, näher an der Kante, und ein ganzer Streifen des Randes sackte krachend ab,

    Riss Kronos noch einmal mit sich.

    Einen halben Schritt sprang Zeus zurück, noch bevor der Staub ihn traf. Der Boden unter seinem rechten Fuß vibrierte. Fels brach nach und schlitterte in den Schacht. Auf der tragenden Kante blieb er stehen, das dunkle Werkstück quer vor dem Leib, und blickte hinunter.

    Kronos war nicht mehr auf Randhöhe. Zwischen den nachstürzenden Brocken tauchte sein Körper tiefer auf, verschwand wieder, wurde von einer hervorstehenden Wand hart herumgeworfen und fiel weiter. Sein verletzter Arm hing nicht mehr an der Kante. Die freie Hand griff einmal in die Luft, leer, gegen nichts. Zeus sah seinen Mund aufgehen. Oben kam nichts an. Nur das dumpfe Schlagen des Körpers an die Wand und der Lärm des brechenden Randes stiegen hoch.

    „Nicht nach vorn“, mahnte Gaia hinter ihm. Ihre Stimme stand fest gegen den Krach. „Die Kante trägt nur hier.“

    Nicht näher ging Zeus. Er streckte den Arm mit dem Werkstück aus, nicht mehr gegen eine Hand, die zugriff, sondern in derselben Haltung, in der er dem Titanen die Nähe verweigert hatte. Dann senkte er es langsam, ohne den Blick vom Schacht zu nehmen.

    Unten brach wieder etwas aus der Wand. Ein dunkler Zug öffnete sich weiter in dem bereits gerissenen Fels. Staub drängte herauf. Zwischen den Schwaden erkannte Zeus ihn ein letztes Mal klar genug. Der Titan hatte sich an einem Vorsprung gefangen, tiefer als zuvor, weit unter der Kante. Nur für Augenblicke hielt er dort. Der eine Arm lag seltsam verdreht an der Seite. Mit der anderen Hand klammerte er sich fest. Der Kopf hob sich.

    Nicht zuerst Zeus’ Gesicht galt diesmal dem Blick des Titanen. Sofort ging er auf das dunkle Werkstück in Zeus’ Hand.

    Ein wenig hob Zeus es, gerade so weit, dass Kronos es sehen musste.

    Während Kronos’ Finger an der Kante arbeiteten, zog er sich ein Stück höher, kaum mehr als den Raum eines Atems. Staub lief ihm über Stirn und Mund. Blut stand dunkel an seinem Leib unter den Rippen, dort, wo das Stück ihn getroffen hatte. Sein Blick sprang kurz zur Kante auf beide Seiten, suchte, maß, verwarf. Niemand trat an den Rand; weder Titanen noch Söhne traten vor.

    Auch keine Hand streckte sich herab.

    Der Titan erkannte es. Zeus brauchte es nicht auszusprechen.

    „Du hältst nicht den Sohn auf“, erklärte Gaia. „Du hast den Bruch geöffnet. Du hast den Splitter aus dem Grund gerissen. Der Tartaros nimmt keinen zweiten Verschluss.“

    Höher hob Kronos das Gesicht. Jetzt richtete er die Worte nicht an Gaia. Er sprach zu Zeus, rau und kurz, gezwungen zwischen den Zähnen.

    „Du weißt nicht, was dort ist.“

    Zeus antwortete nicht. Der Satz stand zwischen ihnen, aber er griff ihn nicht auf. Kronos hatte dieses Wort schon in den Kampf geworfen, erst als Drohung, dann als Rechtfertigung. Jetzt klang es dünner. Die Stimme blieb fest. Nur das, was sie noch tragen konnte, war schwächer geworden.

    Unter Kronos’ Hand löste sich Stein in kleinen Stücken. An ihm vorbei fielen sie weg, und Zeus verfolgte jede Bewegung. Die Schulter zitterte. Die Finger setzten neu an. Kronos versuchte wieder, Höhe zu gewinnen, nicht hinauf zu Zeus, sondern hin zum Werkstück. Das blieb das Erste, worauf er blickte.

    Da wusste Zeus endgültig, dass Kronos bis zuletzt nicht von ihm selbst Rettung wollte. Er wollte Zugang. Er wollte das Stück. Er wollte verhindern, was mit ihm geschehen konnte.

    „Es weicht nicht zurück“, warnte Gaia.

    Auf Gaias Worte hin schloss Zeus die Hand fester um das dunkle Stück.

    Nun verstand auch Kronos es, und es stand offen in seinem Gesicht. Weder Bitte noch Reue. Zorn, der keinen Weg mehr fand. Und darunter etwas Härteres, Kälteres: das Erkennen einer Grenze, die ihm niemand mehr verschob.

    Mit einem letzten Ruck stemmte er sich hoch. Für einen Augenblick kam sein Kopf wieder näher an die Kante. Genug, dass Zeus die Augen klar sah. Genug, dass Kronos auch ihn wirklich ansah und nicht nur das Werkstück.

    „Vollstrecker“, presste Kronos hervor.

    Das Wort traf nicht laut, sondern fiel schwer.

    Still stand Zeus. An Antwort dachte er nicht. Hinter sich hörte er die Titanen nicht mehr einzeln, nur ihre Unruhe als ein einziges Scharren, Atmen, verhaltenes Zurückweichen. Näher kam keiner, und Gaia sagte nichts. Der Schacht arbeitete unter allem weiter.

    Kronos’ Hand rutschte ab und fing sich noch einmal an der Kante eines Vorsprungs. Zu tief für Rettung von oben ohne einen Schritt ins Nachbrechen. Zu nah, um ihn einfach aus dem Blick zu verlieren. Zeus sah, wie der Stein dort schon arbeitete, wie feine Linien unter der Last liefen.

    Wenn er wartete, würde der Rand weiter brechen.

    Wenn er das Werkstück zurücknahm, änderte er nichts an der Tiefe unter Kronos.

    Wenn er sich vorbeugte, gab er dem Bruch mehr Gewicht.

    Gaia hatte den Grund genannt, den Kronos aufgerissen hatte. Der Tartaros stand offen. Das Stück durfte nicht weichen.

    Prüfend setzte Zeus den linken Fuß vor, dorthin

    Prüfend setzte er den linken Fuß vor, dorthin, wo unter der gerissenen Schicht noch fester Grund lag. Der Rand gab unter der Verlagerung nach, nicht weit, aber hörbar. Ein trockenes Brechen lief unter seinen Sohlen durch. Gaia stand dicht hinter ihm.

    „Nicht länger“, sagte sie laut. „Jeder Augenblick reißt tiefer. Und es weicht nicht zurück.“

    Er beugte sich nicht. Er ging in die Knie, hielt den Oberkörper knapp zurück und senkte die Hand mit dem dunklen Werkstück. Unten zog Kronos sich vom Vorsprung herauf, mit dem ganzen Rest seiner Kraft. Die Finger seiner freien Hand suchten erst Halt, dann schossen sie hoch und fanden nicht den Rand, sondern Zeus’ Bein.

    Der Griff traf den Knöchel.

    Sofort zog es ihn nach vorn. Sein rechter Fuß rutschte eine Handbreit über Schutt. Splitter lösten sich und fielen in den Schacht. Hinter ihm sog Gaia scharf Luft ein.

    „Zeus.“

    Er hörte es. Er riss das Bein nicht blind zurück. Er stellte erst den rechten Fuß fester, presste die Zehen in den bröckelnden Grund und hielt gegen den Zug. Kronos klammerte sich nun nicht mehr nach oben, sondern an ihn, hart, roh, ohne jede Form. Der Kopf des Gefallenen stieß noch einmal an die Kante. Material brach unter seiner Schulter aus und schlug nach unten weg.

    Kronos hob das Gesicht. Der Blick ging an ihm vorbei, kurz, rasch, und kehrte sofort zum Werkstück zurück.

    „Gib es her“, presste er heiser hervor.

    Zeus schwieg, während Kronos wieder zog. Nicht, um gerettet zu werden. Er wollte ihn aus dem Stand reißen oder an das Stück kommen. Es lag in jeder Bewegung offen. Seine Finger krampften um Zeus’ Knöchel, rutschten höher, suchten Halt am Schienbein. Der ganze Rand antwortete darauf. Ein neuer Riss sprang von der Kante schräg nach hinten. Erde sackte nach. Zeus spürte, wie der Boden unter dem linken Fuß weich wurde.

    Gaia trat nicht an ihm vorbei. Ihre Stimme ging über ihn hinweg, für alle hörbar.

    „Seht ihn“, sagte sie. „Noch hier greift er nicht nach einer Hand, sondern nach dem Stück. Noch hier zieht er den Bruch mit sich.“

    Hinter ihnen stockte das Scharren der Titanen. Niemand kam vor.

    Kronos hörte es auch. Für einen Schlag lang ging etwas durch sein Gesicht, das weder Bitte noch Furcht war. Dann verhärtete es sich wieder. Er stemmte sich aus der Tiefe hoch, brachte eine Schulter über den gebrochenen Fels und riss zugleich an Zeus’ Bein. Der Zug ging diesmal tiefer in den Körper. Zeus musste den Oberkörper nach hinten nehmen, um nicht mitzugehen. Schotter brach unter seiner Ferse aus und verschwand.

    Für Warten blieb jetzt kein Raum mehr.

    Zeus hob die Hand mit dem schwarzen Splitter ein Stück an, nur genug, um frei ausholen zu können. Kronos sah die Bewegung. Seine linke Hand löste sich einen Augenblick von Zeus’ Bein und griff danach.

    Mit diesem Griff bot sich die letzte offene Lücke.

    Zeus stieß zu.

    Nicht weit. Nicht mit Schwung aus dem ganzen Arm. Kurz, hart, von oben nach unten, genau dorthin, wo schon die Wunde unter den Rippen saß. Das dunkle Werkstück traf auf dumpfen Widerstand. Kronos’ Atem brach ab. Seine Finger verloren für einen Schlag jede Ordnung. Zeus zog das Stück nicht tief hinein, sondern riss es sofort zurück und setzte den zweiten Stoß quer gegen Schulter und Brust.

    Der Stoß genügte.

    Kronos’ Körper kippte vom Rand weg. Eine Hand schlug noch einmal gegen Zeus’ Wade, glitt ab und riss Stoff mit. Oben blieb nichts mehr von ihm. Er fiel nicht sauber. Erst stieß ihn der brechende Vorsprung seitlich, dann sackte der ganze Block unter ihm weg und nahm ihn mit. Für einen Moment sah man ihn noch im offenen Schacht, im Absturz zwischen Fels und Staub.

    „Zeus—“, rief eine Stimme weiter hinten.

    Die Stimme kam nicht von Kronos.

    Kronos selbst sagte nichts mehr. Nur einmal schlug sein Körper gegen herausstehendes Gestein. Dann verschwand er tiefer, außer Reichweite, kleiner mit jedem Schlag des nachstürzenden Falls.

    Im selben Augenblick gab der Rand nach und riss nicht nur dort auf, wo Kronos gehangen hatte. Die tragende Kante brach auf ganzer Breite. Vor Zeus brach der Boden weg, sprang in Platten auseinander und zog die Stelle mit sich, an der er eben noch gestanden hatte. Gaia packte ihn hart am Oberarm und riss ihn rückwärts. Er wich mit ihr zurück, zwei schnelle Schritte, dann noch einen, während vor ihnen Erde, Schutt und Staub in den Tartaros fielen.

    Das Geräusch hielt an. Erst das Brechen, dann das Schlagen der größeren Stücke in der Tiefe, dann ein langes Nachrieseln.

    Wo eben noch der schmale Zugang am Rand gewesen war, stand jetzt ein offener Abriss. Der Rückweg über dieselbe Kante war fort. Zwischen ihrem Stand und der frischen Bruchlinie lag nur noch loser Schutt, der bei jedem kleinen Lösen nachrutschte.

    Breit stand Zeus da, das Werkstück noch in der Hand, Staub auf Armen und Brust. Er sah in den offenen Riss, sah den weggebrochenen Rand, das Werkstück in seiner Faust und die Titanen dahinter, die nicht jubelten. Für einen Schlag stand alles still. Der Bruch trug seinen Willen, und doch lag darin derselbe Zwang, der eben mit Kronos gefallen war. Zeus schloss die Finger fester um den Splitter und hob den Blick.

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