Kapitel 12
Wachen am Ida
Rhea ging am Stein des Eides vorbei. Getrieben von Eile nahm sie zwischen den Bäumen den schmalen Zug hinab, der zur Felswand führte. Gaia folgte. Die Kureten kamen hinter ihnen in stiller Reihe. Nur das trockene Reiben von Holz an den Speeren und das Leder der Schilde war zu hören.
Vor dem letzten Abschnitt hielt Rhea an.
Hier war der Boden weicher. Zwischen den Wurzeln lag feiner Staub, der den Tritt dämpfte und ihn zugleich festhielt. Im feuchten Erdreich zeichneten sich die Spuren der Nacht ab: ihre eigenen, die von Gaia, die tiefen Abdrücke eines Mannes, der beim Tragen des Kindes kurz mehr Gewicht auf einen Fuß gesetzt hatte. Am Rand lag ein abgerutschter Stein. Weiter oben hing an einem Strauch ein Faden heller Wolle.
Dann hob sie den Blick.
Der Hang über der Höhle war nicht dicht genug. Zwischen den Kiefern taten sich offene Stellen auf. Wer von höher kam und suchte, konnte den Zug lesen. Aus der Ferne kaum, aus der Nähe zu leicht. Der Weg war verborgen, solange niemand wusste, wo er sehen musste. Sobald gesucht wurde, war er nur noch ein Weg.
„Hier nicht mehr“, sagte sie.
Niemand antwortete sofort.
Dann trat der Älteste der Kureten an ihre Seite; sein Blick ging dorthin, wohin ihrer fiel. „Der Eingang liegt tief.“
„Während du auf den Eingang siehst.“ Rhea deutete mit dem Kinn nach oben zu den offenen Stellen im Hang. „Der Berg nicht. Nicht der Weg davor. Nicht die Hänge daneben.“
Sie ging einige Schritte weiter, bis der Zug sich öffnete und der Felsring über der Höhle sichtbar wurde. Inzwischen trat grauer Stein hart aus der Erde, gebrochen, gestuft, mit schmalen Absätzen und scharfen Kanten. Von dort aus führte kein leichter Gang hinab. Über den beiden schmalen Anläufen aber lag der verborgene Zugang offen für jeden, der oben stand; auch der Hang darunter lag vor ihm, den man queren musste, wenn man aus dem Hain herüberwollte.
Rhea blieb stehen und atmete einmal gegen den Schmerz an.
„Sie werden nicht nur unter Dächern suchen“, sagte sie. „Nicht nur in Kammern. Während Frauen sich dort verbergen, werden sie Hänge lesen. Tritte lesen. Gebrochene Zweige sehen. Wer führt, lässt die Männer nicht im Hain stehen. Er schickt sie weiter.“
Gaia sagte nichts dagegen.
Dann wandte Rhea sich zu den Männern. „Bisher trug ich ihn. Bisher reichte Schweigen. Das reicht nicht mehr.“
Ihre Stimme war nicht laut. Doch alle hielten still und nahmen jedes Wort auf.
Der Jüngste blickte an ihr vorbei zum Felsring. „Du willst Wache stellen.“
„Ich will, dass keiner an diese Höhle kommt, ohne dass ihr ihn vorher seht.“
Der Älteste nickte langsam. „Dann nicht unten.“
„Nicht unten. Nein.“ Sie zeigte auf den ersten Absatz rechts über dem Zugang. „Hier oben einer. Er sieht den Quergang vom Hain. Jeder lose Stein verrät sich dort sofort.“
Dann nach links, höher hinauf. „Dort einer. Dahinter. Wenn einer von oben herunterkommt, darf er ihn nicht zuerst sehen.“
Die Männer folgten ihren Blicken. Einer nach dem anderen hob den Kopf, maß mit den Augen die Breite der Tritte, die Entfernung, die Deckung, den Weg für einen Wurf.
Rhea ging weiter, obwohl jeder Schritt sie langsamer machte. Über dem eigentlichen Eingang zog sich der Fels in einem Halbbogen. Zwei Stellen darin waren schmal, aber begehbar. Von der einen aus überblickte man den unteren Hang. Von der anderen lag der schroffe Rücken oberhalb offen, wo jemand unbemerkt hätte liegen können.
„Hier zwei“, sagte sie. „Nicht nebeneinander. Einer hier. Einer weiter hinten. Wenn einer fällt, bleibt der andere.“
Der Kuret mit den zwei Schilden legte einen davon ab und stieg probeweise den rechten Tritt hinauf. Er trat fest auf, prüfte mit dem Fuß den Rand, wandte sich dann halb zurück. „Von hier aus sehe ich den Einschnitt bis zu den ersten Bäumen.“
„Und wer sieht dich?“
Er duckte sich tiefer, suchte mit den Augen den Gegenhang und schüttelte den Kopf. „Nur, wer schon fast da ist.“
„Dann bleibst du dort.“
Er nahm den Schild wieder auf und stellte sich an die bezeichnete Stelle, noch nicht in voller Ruhe, aber schon mit der Haltung eines Mannes, der seinen Platz annimmt.
Gaia stand unter den Bäumen und beobachtete, wie Rhea den Raum ordnete. Ihr Gesicht blieb still. Nur einmal trat sie näher, als Rhea beim Aufstieg auf einem flachen Stein kurz nachgab. Rhea fing sich selbst und ging weiter. Gaia hielt an und ließ die Hand wieder sinken.
„Wenn sie mit vielen kommen?“, fragte einer der Männer.
Rhea sah ihn an. „Dann dürft ihr nicht warten, bis sie am Eingang stehen.“
Sie zeigte auf eine Engstelle im Anstieg, wo der Pfad zwischen Fels und abgestorbenem Wacholder hart nach innen zog. „Dort haltet ihr sie zuerst. Kurz. Nur so lang, dass es oben gehört wird.“
„Und das Kind?“, fragte der Jüngste, leiser als nötig.
Zum ersten Mal seit dem Hain fiel sein Blick nicht auf Gaia, sondern direkt auf Rhea.
„Das Kind bleibt“
„Das Kind bleibt hinter euch“, sagte Rhea.
Niemand antwortete sofort. Der Satz stand zwischen ihnen und dem Hang. Der Wind strich über die offene Stelle, fuhr trocken durch die Zweige und ließ wieder nach.
Dann ging Rhea noch ein Stück höher, bis der Felsring sich klarer abzeichnete. Von hier aus lag der Mund der Höhle nicht ganz frei, nur der Ansatz des dunklen Einschnitts und der Stein darüber. Niemand durfte zu nah stehen. Nicht zu tief. Sie blieb stehen und wartete, bis die Männer nachkamen.
„Ihr schützt nicht den Stein“, sagte sie. „Ihr schützt Zeus. Wer bis dort hinaufkommt, ist schon zu weit.“
Einer der Älteren nickte knapp. Der Blick eines anderen glitt zum Höhlenmund hinüber, dann den Hang hinab, als rechne er die Wege ab. Der Jüngste schwieg mit zusammengepressten Lippen.
Gaia trat aus dem Schatten der Bäume. Ohne den Arm zu heben oder mit der Hand zu zeigen, ließ sie den Blick über die Schräge gehen, über die losen Tritte, über die schmalen Rinnen im Gestein.
„Der Berg hält, was geordnet wird“, sagte Gaia. „Er verrät, was achtlos liegt.“
Rhea wandte sich nicht zu ihr um. Sie folgte nur ihrem Blick. Dort, wo beim Aufstieg einige Zweige abgestreift worden waren, lag die Bruchstelle hell. Ein Stein war aus seiner Mulde gekippt und stand schräg. Unten an der offenen Stelle zeichnete sich Erde ab, wo mehrere Füße dieselbe Fläche betreten hatten.
„Das wird beseitigt.“ Rhea trat einen halben Schritt näher. „Jeder Tritt, den ihr nicht braucht, verschwindet. Jeder abgebrochene Zweig kommt fort. Frisch gewendet bleibt kein loser Stein liegen.“
Die Männer nickten ernster als zuvor. Das war keine Mahnung mehr. Es war Dienst.
Dann ging sie zur Engstelle zurück, legte die Hand an den Fels und blickte hinunter in den Zug des Hangs. Wer von unten kam, musste hier langsamer werden. Der Weg zog sich zusammen. Rechts drückte der Fels heran, links brach die Schräge ab, nicht tief, aber hart genug, um einen Mann aus dem Tritt zu bringen.
„Hier steht einer“, sagte sie. „Nicht um standzuhalten. Um aufzuhalten. Du gibst das Zeichen und weichst nach oben. Wenn du unten fällst, nützt du Zeus nichts.“
Der Mann mit dem breiten Nacken, an den sie das Wort gerichtet hatte, legte die Finger an seinen Speer und fragte: „Welches Zeichen?“
Rhea sah ihn an. „Nicht schreien. Stattdessen mit dem Schaft gegen den Fels schlagen. Dreimal. Hart. Weitergegeben wird es von dem, der über dir steht.“
Der Kuret mit dem zweiten Schild hob den Kopf. „Das hört man bis oben.“
„Dann hört man es.“ Halb gedreht maß Rhea den Abstand zwischen Engstelle und dem verborgenen Platz, den sie eben bestimmt hatte. „Und wenn der erste Laut fällt, bewegt sich keiner abwärts, um zu sehen. Danach geht ihr nur nach den Stellen, die ich euch gebe. Wer den Platz verlässt, öffnet einen anderen.“
Gaia trat an die Engstelle, blickte in die Rinne neben dem Hauptanstieg und sagte ruhig: „Nicht nur diesen Zug.“
Rhea folgte dem Satz, nicht dem Gesicht. Links oberhalb des engeren Pfades zog sich zwischen zwei Steinrücken eine zweite Rinne hinauf, schmaler, schlechter zu gehen, aber nicht ungangbar. Von unten lag sie erst spät offen. Bei sorgfältiger Suche konnte man sie finden. Wer einen Mann hinaufschickte, konnte oben herauskommen, ohne den Hauptanstieg ganz zu nehmen.
„Dort also auch ein Posten“, entschied sie.
Der Jüngste sah hinüber. „Allein?“
„Allein“, erwiderte sie. „Er steht nicht offen. Er meldet zuerst. Er kämpft nur, wenn jemand schon an ihm vorbei will.“
Der Jüngste schluckte, sagte aber nichts. Sein Blick hing weiter an der Rinne, und Rhea entschied, noch ehe er fragte.
„Nicht du.“
Der Mann neben ihm stieß nur kurz den Atem aus, während der Jüngste den Kopf senkte. Es war keine Kränkung, die blieb. Es war Erleichterung, die niemand ansprach.
Dann ging sie weiter aufwärts, bis sie den Rand des Felsrings erreichte. Hier schloss sich der Hang enger um den Zugang. Der Standplatz lag so, dass ein Mann über den Einschnitt wachen konnte, ohne selbst gegen den Himmel zu stehen. Von unten war er kaum zu sehen. Doch wer dort stand, war nicht unmittelbar am Mund. Wenn mehrere zugleich durchbrachen, blieb zwischen Posten und Höhle ein kurzer leerer Raum.
Während sie lange still blieb, warteten die Männer.
Gaia kam nicht ganz herauf. Sie blieb tiefer am Rand der offenen Stelle stehen und sagte: „Der Berg hat mehr als einen Mund, wenn ihr ihn zwingt. Haltet ihn in seiner Ordnung.“
Rhea blickte auf den Standplatz, dann auf die Stelle unmittelbar vor der Höhle, wo bisher die dichteste Wache gestanden hatte. Dort zwei zu lassen hieß, weiter unten einen zu verlieren. Weiter unten einen zu halten hieß, am Mund nur noch wenig Fleisch zwischen Zeus und einem Durchbruch zu haben. Dennoch entschied sie gegen die alte Nähe, während kalte Luft aus dem Einschnitt strich.
„Am Mund bleibt ein Mann“, sagte sie. „Nur einer. Kein Feuer. Keine Stimme.“ Der Wind fuhr ihr kühl über die Hand am Fels, und unter ihnen blieb der Hang still.
Keiner der Kureten antwortete sofort.
Sie standen noch in der alten Ordnung, dicht genug beieinander, dass jeder den anderen sah. Ihre Blicke gingen zum Höhlenmund und wieder zurück zu Rhea. Dort unten war das Kind. Dort hatte bis eben der Schutz gestanden. Nun nahm sie ihnen genau das fort, woran sie sich gehalten hatten.
Der Älteste hob das Kinn. „Wenn jemand durchkommt, steht er dann fast schon am Stein.“
„Am Kind“, sagte Rhea.
Er schwieg einen Schlag lang. Dann fragte er härter: „Und wir lassen das zu?“
Rhea wandte sich ganz zu ihm um. „Nein. Wir verhindern, dass er so weit kommt.“
Sie hob den Arm und wies nicht auf den Mund, sondern tiefer in den Hang: auf den Hauptanstieg, auf die offene Stelle darunter, auf die Rinne links oberhalb. „Dort wird entschieden. Nicht erst hier.“
Der Älteste musterte sie, prüfend, nicht widerspenstig. Ein anderer, breitschultrig, mit einer Narbe unter dem Ohr, schüttelte den Kopf. „Wenn der Ruf von der Höhle kommt, sind wir zu spät.“
„Darum kommt er nicht erst von dort.“ Rhea trat einen Schritt an den Rand des Standplatzes; Geröll knirschte unter ihrer Sohle. „Der Mann am Höhleneingang ruft nicht. Er hält. Still. Wenn ein Fremder ihn sieht, ist schon zu viel verloren. Die Warnung erfolgt vorher.“
Gaia sagte nichts. Sie stand tiefer am Stein, und die Kälte zog vom Fels in ihre Beine.
Rhea suchte mit dem Blick die Linien im Hang ab. Jetzt, da Gaia die zweite Rinne benannt hatte, war die Schwäche des Ortes nicht mehr zu übersehen. Der Anstieg war kein einzelner, denn der Hang bot mehr als eine Hand. Tritte blieben im lockeren Boden stehen, und abgeriebene Kanten verrieten, wo Gewicht gegangen war. Wer suchte, fand nicht zuerst den Mund. Er fand die Wege zu ihm.
„Hört mich genau an“, sagte sie.
Die Männer richteten sich stiller auf.
„Wer Zeus schützt, bewacht nicht den Eingang. Er sichert den Weg zum Eingang. Wer sich am Zugang festbeißt, schützt Stein. Wer den Hang hält, schützt das Kind.“
Das Wort stand kurz zwischen ihnen: Kind, weder Name noch Zeichen noch Schwur. Der Jüngste schlug die Augen nieder. Der Mann mit der Narbe blickte zur Höhle und presste die Lippen zusammen.
Rhea fuhr fort, ohne ihnen Zeit zu geben. „Zwei oben im Ring. Einer hier.“ Sie zeigte auf den Platz, den sie eben geprüft hatte. „Einer weiter rechts, hinter dem ausgebrochenen Rücken. Er sieht tiefer in den Anstieg, und niemand steht frei gegen den Himmel. Er ruft nicht, wenn er es vermeiden kann. Stein gegen Stein, bis der andere antwortet.“
Der Älteste nickte knapp. Er begriff bereits die Abstände.
„Einer links in die obere Senke“, sagte Rhea. „Nicht am Ausgang. Tiefer darunter, wo er beides sieht: wer einsteigt und wer schon fast oben ist. Er meldet zuerst nach rechts, nicht nach oben.“
„Warum nach rechts?“, fragte der Jüngste, ehe er sich bremsen konnte.
Rhea maß ihn einen Augenblick. „Weil die Höhle der letzte Ort ist, der etwas erfahren muss.“
Der Satz traf. Er legte fest, was galt.
Der Stumme am Rand des Höhlenmundes hob den Blick zu ihr. Er hatte bisher nichts gesagt und sagte auch jetzt nichts. Sein Platz blieb. Aber er war nicht mehr der Mittelpunkt. Rhea trat zu ihm hinüber, bis nur noch ein Schritt zwischen ihnen lag.
„Du bleibst hier“, sagte sie.
Er nickte einmal.
„Keine Stimme. Kein Schritt aus dem Schatten, solange niemand den Eingang selbst erreicht.“
Wieder dieses knappe Nicken.
Der Mann mit der Narbe verlagerte das Gewicht. „Wenn einer fällt?“
„Dann fällt er.“ Rhea ließ den Blick über die Gesichter gehen. „Und der Nächste hält tiefer. Nicht jeder läuft nach oben, nur weil dort Blut liegt.“
Das brachte Unruhe in die Gruppe. Atem ging hörbar, Sohlen scharrten über den kalten Boden, kurze Blicke sprangen von einem zum anderen. Einer der mittleren Brüder fuhr sich über den Bart und sagte: „Dann lassen wir einen Mann allein sterben.“
Sie antwortete sofort. „Wenn drei zu ihm laufen, lassen sie Zeus sterben.“
Keiner sprach.
Unter ihnen lag der Hang offen, gebrochen von Steinrücken und schmalen Zügen. Von hier oben war zu sehen, was unten verborgen blieb. Gerade das machte den Ort gefährlich, denn wer ihn las, konnte ihn öffnen.
Gaia hob den Kopf. „Wenn Sucher kommen, kommen sie nicht in einer Reihe.“
Rhea wandte ihr nur kurz das Gesicht zu, und das genügte. Mehr brauchte es nicht.
Der Älteste trat neben sie und folgte mit den Augen ihrer Linie. „Wer nimmt welchen Stand?“
Jetzt erst setzte sie die Männer in die Ordnung, die sie schon im Kopf trug.
„Du nach rechts oben“, sagte sie zum Ältesten. „Nicht zu hoch. Du hältst den Blick auf den Hauptanstieg und den unteren Einschnitt. Wenn links etwas steigt und nicht früh genug gemeldet wird, fängst du es quer.“
Er nickte.
„Du“, sagte sie zu dem Mann mit der Narbe. „Links unterhalb des Rückens. Im Schutz des Felsens. Du bleibst hinter dem Stein. Ich will deine Stimme nach oben und nach unten hören.“
Der Narbige hob kurz das Kinn. Er stellte keine Frage.
Danach drehte sich Rhea zu einem jüngeren Kureten, schmal im Gesicht, unruhig in den Händen. „Du gehst tiefer an die offene Stelle. Neben den Pfad. Wenn jemand dort liest, was im Boden steht, meldest du es, bevor er den Zug nimmt.“
Der Jüngere schluckte, nickte und sah sofort den Hang hinab, als müsse er sich den Platz schon einprägen.
Inzwischen stand Gaia still. Ihr Blick lag nicht dort, wo Rhea die Männer gerade stellte. Er glitt höher, dann weiter nach links. Er blieb an einer schmalen Senke hängen, die auf den ersten Blick nur Teil des Hangs war. Sie sagte noch nichts.
Dann wies Rhea auf einen flachen Vorsprung unterhalb des verborgenen Zugangs. „Du dorthin. Seitlich vom Mund. Wer durchkommt, soll dich erst sehen, wenn er schon zu nah ist.“
Der Mann, den sie meinte, verzog den Mund. „So sieht mich auch keiner von uns.“
„Das ist der Sinn“, sagte sie.
Ein kurzes, hartes Lachen brach aus einem anderen heraus und verstummte sofort, als sie ihn ansah.
Danach sagte sie zu ihm: „Du gehst an den Knick über dem losen Geröll.“ Kies knirschte unter ihrem Stiefel. „Du hältst nicht lang. Du hältst nur, bis der unter dir weiß, wohin der Stoß geht.“
Der Kuret nickte langsamer als die anderen. Er verstand, was sie ihm gab. Keinen festen Stand, sondern einen Punkt, an dem man zuerst getroffen wurde.
Dann setzte sie den Nächsten auf die rechte Seite, einen breitschultrigen Mann mit schwerem Gang. Danach noch einen tiefer, dort, wo das Gelände kurz aufriss und sich wieder schloss. Mit jedem Namen, mit jeder Handbewegung wurde aus dem losen Kreis eine Linie aus Abständen und Blicken.
Schließlich sagte Gaia: „Links oberhalb des Hauptanstiegs ist noch ein Zug.“
Rhea sah hin. Zuerst nur kurz. Dann länger.
Dort lag die Senke schräg über dem bekannten Anstieg. Kein Pfad führte hinein. Aber der Boden war dort nicht geschlossen, und zwischen den Steinen führte ein begehbarer Zug nach unten. Er war schmal und langsam, aber möglich. Kalte Luft strich daraus herauf.
„Von dort kommt keiner in Masse“, sagte einer der Kureten.
Gaia antwortete vor Rhea. „Einer reicht.“
Darauf trat Stille ein. Der Wind ging über den Hang und nahm lose Körner mit. Unten schlug irgendwo Stein gegen Stein.
Rhea ging einige Schritte zur Kante und prüfte den linken Oberhang mit schmalen Augen. Von unten war die Rinne kaum zu sehen. Von oben lag sie offen. Wer suchte, konnte sie nehmen, wenn er die erste Spur am Hang verloren hatte und weiter nach einer zweiten suchte.
„Warum sagtest du das nicht gleich?“, fragte der Narbige.
Gaia wandte ihm den Kopf zu. „Weil sie erst die erste Ordnung setzen musste.“
Der Mann presste die Lippen zusammen und schwieg.
Darauf zeigte Rhea auf die Rinne. „Dort steht auch jemand.“
„Dann wird der Mund nackt“, sagte der mittlere Bruder mit dem Bart. Diesmal sprach er nicht gegen sie an, sondern in die Ordnung hinein. „Wenn wir noch weiter ausziehen, bleibt oben einer allein und unten einer allein. Und der am Mund steht zuletzt auch allein.“
„Ja“, sagte Rhea.
Er runzelte die Stirn. „Dann ist es so.“
„Es ist schon so“, sagte sie. „Ob ich es ausspreche oder nicht.“
Der Bartträger hielt ihrem Blick stand. „Und wenn sie unten binden und oben durch einen Mann nachsetzen? Wer hält dann den Mund?“
„Der, den ich dort hinstelle.“
„Und wenn er fällt?“
„Dann fällt er.“
Trotzdem regte sich wieder Unruhe durch die Schar, diesmal kleiner, enger. Es war kein Zweifel an ihr mehr, sondern Widerstand gegen das, was ihre Worte festlegten.
Der Bartträger sagte: „Der Mann am Mund hat dann keine Hilfe.“
Rhea trat einen Schritt auf ihn zu. „Hilfe wofür? Für den Eingang?“ Ihre Stimme blieb flach wie kaltes Metall.
Er antwortete nicht.
„Sagt es“, forderte sie.
Die Männer schwiegen.
Sie wartete nur einen Atemzug. „Ihr schützt Zeus.“
Gaia sagte kalt: „Nicht den Rand vor ihm.“
Rhea nahm den Satz auf, ohne den Blick vom Bartträger zu lösen. „Wenn unten Lärm ist, bleibt unten, wer unten steht. Wenn rechts Blut liegt, bricht links keiner heraus. Wenn der Mann am Mund fällt und Zeus nicht berührt ist, läuft niemand zurück, um den Stand zu retten.“
Der Jüngere an der offenen Stelle hob den Kopf. Angst stand deutlich in seinem Gesicht. „Dann kann der Letzte nur halten, bis er stirbt.“
„So hält er“, sagte Rhea.
Niemand sprach. Sie sah, wie die Worte in sie gingen. Nicht alle fassten sie gleich schnell. Der Älteste rechts oben hatte es schon angenommen. Der Narbige hatte es begriffen, bevor sie es ganz sagte. Beim Jüngeren kämpfte noch der Leib gegen den Eid. Beim Bartträger saß der Stolz tief, während Gaia sie alle beobachtete.
Ihr Gesicht blieb hart und still.
Rhea hob die Hand auf die linke obere R…
Rhea legte die Hand an die linke obere Rinne.
„Dort.“
Alle sahen hin. Der Zug lag nicht offen vor ihnen. Erst weiter oben brach er aus dem Hang und lief schmal nach unten. Zwischen Geröll und dunklen Felsplatten war er nur zu erkennen, wenn man wusste, wonach man suchen musste.
Gaia deutete mit dem Kinn nach oben. „Links oberhalb des Hauptanstiegs ist noch ein Zug.“
Daraufhin drehte der Bartträger den Kopf scharf zu ihr. „Ein Mann kommt da nicht schnell voran.“
„Er tut es“, entgegnete Gaia. „Und wer sucht, sieht die offene Stelle.“
Rhea ließ den Hang nicht aus den Augen, während sie die Entfernung mit einem einzigen Blick maß, dann den Weg zurück zum Mund der Höhle, dann den höheren Stand und den rechten Platz. Sie sprach sofort.
„Der Narbige geht hinauf, nicht in die Rinne, sondern darüber. Du liegst flach über dem Einschnitt und wartest, bis einer unter dir eintritt. Der erste fällt. Kommt ein zweiter, stößt du ihn zurück. Nicht früher.“
Der Narbige nickte nur, während Rhea auf den Ältesten rechts oben zeigte. „Du hältst deinen Stand. Aber du gibst ihm deinen nächsten Wurfstein. Jetzt.“
Kalter Fels rieb am Stein, als der Älteste sich bückte, einen faustgroßen Brocken aufhob und ihn dem Narbigen zuwarf. Der fing ihn mit beiden Händen und schob ihn in die Mulde seines Arms.
Inzwischen kniff der Bartträger die Augen zusammen. „Dann fehlt jemand weiter innen.“
„Ja.“
Er wartete auf mehr. Als nichts kam, trat er einen halben Schritt vor. „Wenn sie am Hauptanstieg kommen und jemand über links drückt, ist der Stand zu dünn.“
Rhea sah ihn nur an. „Der Stand war immer dünn. Du hast nur auf den sichtbaren Weg gesehen.“
Sein Kiefer arbeitete. „Dort unten kommen mehrere.“
„Dort oben reicht einer.“
Gaia stand unbeweglich, und feuchte Kühle zog aus der Höhle an ihren Beinen vorbei. „Der Berg verrät, was achtlos liegt.“
Ohne den Blick vom Bartträger zu lösen, nahm Rhea den Satz auf. „Darum wird dort niemand fehlen.“
Der Jüngere schluckte. Er sah zum linken Zug, dann zum Mund der Höhle. Sein Atem ging schneller, aber er sagte nichts.
Dann wandte Rhea sich ihm zu. „Du bleibst an der offenen Stelle unterhalb des Munds. Nicht einen Schritt tiefer. Wenn unten Bewegung kommt, gibst du Ruf nach oben. Einmal für Sicht. Zweimal für einen Mann im Anstieg. Dreimal nur, wenn einer schon am Fels vor dir ist.“
Der Jüngere nickte.
„Laut.“
„Ich bleibe dort“, brachte er hervor, und nun trug seine Stimme.
Schließlich zeigte Rhea auf den Bartträger. „Du gehst weiter hinein. Zwei Schritte höher als eben. So siehst du Hauptanstieg und den Bruch nach links. Du weichst weder dem einen noch dem anderen nach. Es ist nicht deine Aufgabe zu jagen. Deine Aufgabe ist, den nachfolgenden Mann zu töten, der durchkommt.“
Der Bartträger starrte sie an. „Den zweiten.“
„Der erste fällt am Rand oder am Zug. Wenn nicht, fällt er am Mund. Bricht auch das, bist du zu spät gewesen. Dann tötest du den Nächsten.“
Für einen Augenblick war nur der Wind zu hören, der trocken über den Stein strich.
Mit hartem Blick sagte der Bartträger: „Du gibst jedem nur einen Tod.“
„Ich gebe jedem einen Stand“, erwiderte Rhea.
Sie wartete nicht auf Antwort. Dann ging sie den Hang einige Schritte abwärts, bis sie die Linie vom Hauptanstieg zum linken oberen Zug in einem Blick hatte. Mit ausgestrecktem Arm zeigte sie die neue Ordnung.
„Ältester rechts oben. Über der linken Rinne der Narbige, weiter innen und höher der Bartträger. Jüngerer unter dem Mund. Der Letzte am Mund selbst. Niemand verlässt den Stand wegen Geschreis. Niemand läuft auf einen alten Platz zurück. Wer seinen Platz aufgibt, öffnet Zeus.“
Jetzt kam Bewegung in die Männer. Keine Widerrede, sondern nur das kurze, harte Rechnen mit den eigenen Füßen. Der Älteste ging zuerst. Er setzte die Sohlen vorsichtig, ohne unnötigen Lärm, und nahm wieder Stellung auf dem rechten oberen Stein. Der Narbige kletterte links hinauf, suchte mit den Fingern den rauen Fels, fand Halt und verschwand dann fast aus dem Blick, so eng legte er sich an die Kante über dem Einschnitt. Der Jüngere ging an seine offene Stelle und blieb dort stehen, die Schultern steif, die Hände leer und bereit.
Nur der Bartträger blieb noch, wo er war.
Rhea trat zu ihm. Nicht nah genug, um ihn zu drängen. Nah genug, damit alle sahen, an wem der nächste Entschluss hing.
„Du hast etwas zu sagen“, stellte sie fest.
Er hob den Blick. In seinem Gesicht lag nicht mehr nur Trotz. Jetzt lag dort die Rechnung eines Mannes, der den Preis kannte. „Wenn ich weiter innen stehe, kann ich keinem helfen, der fällt.“
„Nein.“
„Wenn der Jüngere bricht, sehe ich es.“
„Ja.“
„Und verharre.“
„Ja.“
Er atmete durch die Nase aus. Hinter ihm schwieg Gaia. Weiter oben wartete der Narbige bereits in seiner neuen Position, ohne den Kopf zu heben.
Dann sagte der Bartträger leise: „Dann weißt du, was du verlangst.“
„Ja.“
Noch einen Herzschlag lang hielt er dagegen. Dann ging er ohne ein weiteres Wort auf seinen Platz zu.
Den schmalen Platz über dem Mund der Höhle maß sie mit einem Blick und trat hinein.
Kalter Wind strich über den Platz, der kaum mehr war als ein harter Tritt im Fels. Rechts fiel der Hang steil ab, links rückte die Wand nahe heran. Von unten sah man ihn erst, wenn man fast schon vor dem Höhlenmund stand. Von oben kam niemand rechtzeitig zu ihm.
Die Luft roch nach angeriebenem Harz und nach feuchtem Stein, der den Schatten festhielt. Unter den Sohlen knirschte lose Nadelstreu zwischen Splittern von Schiefer, und aus dem Wald tiefer unten stieg ein fernes, unaufhörliches Rauschen herauf.
Rhea wartete, bis der Mann festen Stand gefunden hatte und nicht mehr nach seinen Tritten suchte. Dann wandte sie sich den übrigen zu.
Gaia stand etwas höher am Hang. Ihr Blick galt nicht den Männern, sondern wieder der linken Seite, dorthin, wo die Steine lockerer lagen und feuchte Erde unter dem Bewuchs dunkel blieb. Sie hob die Hand und deutete in die Schräge oberhalb des Hauptanstiegs.
„Links oberhalb des Hauptanstiegs ist noch ein Zug.“
Mehrere Köpfe drehten sich. Von unten war zunächst nur gebrochenes Gestein zu erkennen. Dann trat die Linie hervor: ein schmaler Lauf, der quer in den Hang biss und weiter oben in eine zweite begehbare Rinne überging, die nach unten führte.
Als Rhea ihn nun ebenfalls erkannte, maß sie den Zug mit einem Blick ab: schmal und schlecht, aber breit genug für einen Mann, der suchte. Und wenn dort jemand suchte, sah er die offenen Stellen vor der Höhle. Den Rest würden Spuren verraten.
Dann schwieg sie einen Moment. Ihr Blick ging den Weg ab, Stück für Stück, bis zum oberen Einschnitt, dann wieder zurück zum Höhlenmund, zu den bisherigen Posten, zu den Abständen dazwischen. Der Ring, den sie eben erst gelegt hatte, reichte nicht mehr. Was Verlust ihr gelassen hatte, war dies: kein Zögern mehr für den, der fallen musste.
„Der Narbige.“ Sie hob nur das Kinn.
Der Mann oben hob den Kopf, als sie auf den neuen Zug wies. „Du gehst hinauf. Über die Rinne. Flach über den Einschnitt. Du wartest, bis jemand unter dir eintritt.“
Der Narbige nickte nur.
„Der Erste fällt“, bestimmte Rhea. „Kommt ein zweiter, stößt du ihn in die Rinne. Musst du dafür aufstehen, stehst du nur einmal auf.“
Der Mann antwortete nicht. Er drehte sich und nahm den Quergang nach oben, sparsam, ohne Hast.
Mit jedem Schritt löste sich feiner Staub aus der trockenen Haut des Hangs und legte sich grau auf seine Knöchel. Wo sein Gewicht in die Erde drückte, stieg der dumpfe Geruch nasser Wurzeln auf, kalt und dunkel unter der sonnenlosen Kante.
Rhea wies auf einen anderen, einen schmalen Kureten mit dunklem Haar. „Du gehst tiefer nach links, an den unteren Ansatz. Nicht sichtbar vom Hauptanstieg. Wenn jemand von dort heraufzieht, hältst du ihn, bis er laut wird oder still ist.“
Der Mann zog die Stirn zusammen. „Allein?“
„Ja.“
„Und wenn oben schon Kampf ist?“
„Dann bleibst du.“
Stille folgte, und die kalte Luft lag zwischen ihnen, lange genug, dass sie keinem unbemerkt blieb.
Ein Windstoß fuhr den Hang hinauf, kühlte den Schweiß an den Schläfen und brachte das feine Sirren unsichtbarer Insekten aus dem tieferen Gehölz mit sich. Über ihnen wechselte die Luft in kurzen Zügen zwischen dem rohen Atem des Felses und dem würzigen Duft von Kiefernsaft.
Der Bartträger stand nun über dem Höhlenmund und sah nicht herüber. Er hatte den Blick nach vorn in den Hang gesetzt. Seine Hände lagen offen an den Seiten, noch ohne Waffe im Anschlag. Er hatte begriffen, was sein Platz bedeutete.
Einer der Kureten, breit in den Schultern, trat einen halben Schritt vor. „Wenn sie durch den linken Zug kommen und zugleich unten ansetzen, bleibt der Mann am Mund ohne Hilfe.“
Rhea sah ihn an. „Ja.“
„Dann fällt er dort allein.“
„Wenn es so kommt, ja.“
Der Mann presste den Kiefer zusammen. „Wir hören ihn und rühren uns nicht.“
„Ihr hört ihn“, erwiderte Rhea. „Und ihr rührt euch nicht.“
Niemand sprach. Weiter oben lösten sich kleine Steine unter dem Schritt des Narbigen und liefen mit trockenem Klicken den Hang hinab.
Der breite Kuret hielt stand. „Dann verlangst du, dass einer stirbt, während die anderen zusehen.“
„Ich verlange, dass keiner seinen Stand verlässt.“
„Auch nicht bei Geschrei.“
„Nicht einmal dann.“
„Auch nicht, wenn einer von uns noch lebt und ruft.“
Ohne einen Schritt auf ihn zu zu machen, hielt Rhea den Abstand. Ihre Stimme blieb eben. „Auch dann nicht.“
Er sah an ihr vorbei zum Höhlenmund. Dann zu Gaia. In seinem Gesicht lag nicht nur Widerspruch. Es lag Abscheu vor dem Satz, den er schon verstanden hatte, ehe sie ihn aussprach.
Rhea sprach ihn dennoch aus, laut genug für alle. „Wenn der Mann am Mund fällt und ihr ihretwegen lauft, führt ihr die Suchenden zum Kind. Dann ist sein Tod umsonst, und eurer dazu. Ich schütze nicht euch. Ich schütze Zeus.“
Der Name stand im Hang. Keiner wich ihm aus.
Dann trat Gaia einen Schritt tiefer, bis sie auf gleicher Höhe mit den vorderen Männern stand. Der Wind trug den Geruch nasser Erde herauf. „Hört gut auf sie“, sagte sie. „Kronos hat Männer und Wächter ausgesandt. Sie suchen nicht euch. Sie suchen das Kind. Wer hier steht, gehorcht nicht dem Ruf eines anderen Mannes. Er gehorcht dem Kind.“
Der breite Kuret atmete schwer. „Und wenn dort der eigene Bruder steht?“
Gaia antwortete vor Rhea. „Dann stirbt dein Bruder dort, wenn es sein muss. Und du bleibst.“
Die Härte des Satzes ließ keinen Raum. Er stellte nur noch Ordnung her.
Rhea nutzte den Augenblick. Sie wies nacheinander die Plätze an, setzte die Abstände neu, riss Lücken auf, wo zuvor noch gegenseitige Hilfe möglich gewesen war. „Du an den Knick des Hauptanstiegs. Tief genug, dass man dich vom oberen Zug aus nicht sieht. Du darüber, hinter die offenen Steine. Nicht werfen, bevor einer den nächsten Schritt setzt. Du weiter rechts, nur …“
„…nur den unteren Hang. Wenn einer links heraufkommt, ist er nicht dein Mann.“
Sie drehte den Kopf zur anderen Seite. „Du an die schmale Rinne über dem Mund. Flach stehen. Schweig.“ Dann zeigte sie nach links hinauf, dorthin, wo der zweite Zug zwischen den offenen Stellen des Hangs verlief. „Und du dort hinüber. Geh nur so weit, dass du den Einschnitt siehst.“
Die Männer folgten ihrem Finger mit den Augen. Inzwischen erkannten manche die Linie erst jetzt, die sich links oberhalb des Hauptanstiegs ziehen ließ: ein schmaler Tritt, der gerade genug Boden für vorsichtige Füße bot.
Während Gaia schwieg, stand sie seitlich, den Blick auf dem Hang, auf den offenen Stellen, auf den Zweigen, die nicht mehr lagen wie zuvor.
Rhea ging die Staffelung noch einmal mit den Augen ab. Tiefer stand einer, darüber ein weiterer, weiter rechts noch einer. Links oberhalb noch jemand. Dazwischen Leere.
Nur der Platz am Höhlenmund blieb noch offen.
Der breite Kuret sah ihn ebenfalls. „Also dort.“
„Dort“, sagte Rhea.
Er verzog nicht das Gesicht, doch in seiner Haltung lag erneut derselbe Widerstand. „Wer dort steht, vernimmt alles zuerst.“
„Ja.“
„Er bekommt das Kind zuerst mit. Er nimmt jeden Ruf von draußen wahr. Er hört den Mann über sich fallen, wenn es so weit ist.“
Rhea antwortete nicht sofort. Aus der Höhle kam in diesem Augenblick nichts. Weder Laut noch Schaben, kein Atem, den man von hier hätte fassen können. Nur das Dunkel des Mundes, der schmale Schatten davor, der feuchte Stein am Rand.
Dann kam es doch: ein kurzer, hoher Schrei aus der Tiefe.
Kurz war er, klar, und er brach aus dem Mund der Höhle heraus und lief über den Hang.
Keiner sprach. Keiner musste den anderen ansehen. Jeder hatte gehört, wie weit der Laut trug.
Rhea blieb stehen. Nur ihre Augen gingen den Hang hinab, den Hauptanstieg entlang, dann nach links hinauf zu dem zweiten Zug. Wieder der Schrei, jetzt dünner, dann noch einmal, zerrissen von Atem.
Der Anführer der Kureten wandte den Kopf nicht zur Höhle, sondern zu ihr. „Jetzt zeigt es sich.“
„Ja.“
„Dann genügt dein Stellungsspiel nicht.“
Ein Murmeln ging durch die Männer, nicht laut, nicht offen gegen sie, aber nicht mehr zurückgenommen. Darin lag kein Aufbegehren gegen den Befehl, sondern das Eingeständnis einer Lücke, die nun jeder hören konnte.
Rhea ging zum Mund der Höhle, blieb aber vor dem Rand des Schattens stehen und hörte. Das Kind schrie wieder, diesmal länger. Der Laut stieg an der Steinwand hoch, traf den Ausgang und ging frei hinaus. Kein Posten am Hang hielt das auf. Kein Mann in einer Rinne, keiner hinter Steinen.
Sie sah in die Dunkelheit, aber sie sprach nach außen. „Wenn er schreit, zeigt er ihnen nicht den Weg. Er zeigt ihnen den Ort.“
Der breite Kuret trat einen halben Schritt vor, bis Kies unter seinem Fuß nachgab. „Dann muss der am Mund den Schrei ersticken.“
Mehrere Köpfe fuhren zu ihm. Das Wort blieb im Raum.
Rheas Blick ging nicht zu ihm zurück. „Niemand rührt das Kind an.“
„Dann soll jemand in der Höhle sitzen und ihn tragen, wenn es kommt.“
„Und wenn Männer am Hang sind, braucht ihr den draußen. Nicht drinnen.“
Der Anführer strich sich mit der Hand über den Mund. Das war keine Ratlosigkeit, sondern Zorn auf eine Ordnung, die an jeder Stelle kostete. „Du forderst Halten, du verlangst Schweigen und dass keiner dem anderen hilft. Nun soll der Laut auch noch verschwinden. Womit?“
Gaia hob leicht den Kopf. Ihr Blick glitt zu den Schilden, die zwei der Männer am Rand bei sich trugen. Bronze, dunkel vom Gebrauch, stumpf vom Staub des Weges.
Rhea sah in dieselbe Richtung. Der Schrei des Kindes kam wieder, und diesmal war er nicht allein. Ein Echo lief kurz an den Steinen entlang und brach erst tiefer unten ab.
Da drehte sie sich zu den Männern um. Ihre Stimme blieb niedrig, aber jeder hörte sie. „Nicht verschwinden. Verdecken.“
Der Anführer folgte ihrem Blick zu dem Rundschild. „Mit Lärm.“
„Mit Bronze.“
Er schwieg.
Rhea trat auf den Mann mit dem Schild zu. Er hob ihn nicht an. Er wartete, bis sie vor ihm stand. Dann erst löste er den Armriemen und reichte ihn ihr. Sie nahm den Bronzeschild mit beiden Händen, prüfte das Gewicht und trug ihn ein Stück bis vor den Höhlenmund.
Die Männer beobachteten sie ohne Bewegung. Gaia auch. Nur der Wind strich über den Hang und hob trockenen Staub von einer offenen Stelle.
Rhea stellte den Bronzeschild nicht auf den Boden. Sie hielt ihn schräg vor sich und hob die Hand. „Wenn er schre—“
„Wenn er schreit, trägt sein Laut bis an den Hang vor uns.“
Niemand antwortete sofort. Die Männer standen Schulter an Schulter, doch der Satz raubte ihnen die letzte Ausrede. Hinter Rhea lag der Höhlenmund offen und schwarz. Aus dem Inneren drang das dünne, unruhige Atemgeräusch des Kindes zwischen zwei Lauten, die sich noch nicht zum nächsten Schrei gesammelt hatten.
Dann trat Gaia einen Schritt vor; nicht weit, nur so weit, dass auch der Anführer sie ansehen musste. „Nicht nur bis an den Hang. Solange der Wind ihn trägt, gibt der Fels ihn weiter. Unten verlaufen Hirtenpfade. Wer dort geht, hört mehr, als ihr hier oben hören wollt.“
Verärgert verzog der Anführer den Mund. „Und wenn wir selbst den ganzen Berg wecken?“
„Der Berg ist nicht taub.“ Gaia ließ den Blick über den Hang gleiten. „Er hört es schon jetzt.“
Rhea verlagerte den Schild leicht in den Händen. Das Metall zog an ihren Armen. Die Kälte des Griffes kroch ihr durch die Haut. Der Rand war von alten Schlägen eingedrückt. Nicht neu, nicht makellos, nicht eigens für einen Kult geholt. Gut. Es war ein Schild, der bereits gedient hatte.
Da kam der Schrei aus der Höhle: scharf, kurz, dann noch einmal, länger, und lief am Stein entlang. Sein Ende verlor sich nicht dort, wo er begonnen hatte.
Ein Geräusch oben links ließ einen Mann auf dem oberen Posten den Kopf zu der schmalen Rinne drehen, die Gaia ihnen gezeigt hatte. Nun sah auch jeder andere wieder dorthin, selbst ohne Befehl. Der zweite Zugang lag außerhalb des Blicks aus der Höhle. Wer dort hinabkam, war erst spät zu sehen. Zu spät, wenn er bereits lauschte.
Der Anführer deutete mit dem Kinn auf den Mann direkt neben dem Höhlenmund. „Wenn wir schlagen, verliert er jedes Gehör. Er steht dort zuerst und stirbt zuerst.“
„Wenn wir nicht schlagen, stirbt er wegen eines Lauts aus der Höhle“, erwiderte Rhea.
„Und die Männer weiter oben? Wie sollen sie Zeichen geben, wenn alles Bronze ist?“
Rhea sah an ihm vorbei den Hang hinauf: die Staffel ihrer Posten, den schmalen Platz über dem Mund, die Kante links, die Rinne, den tieferen Zugang. Als sie die Männer verteilt hatte, stand einer im Blickfeld des anderen. Jetzt genügte das nicht mehr. Das Kind nahm der Stellung ihren Wert, sobald jeder Laut den Ort verriet.
Dann blickte sie zum Anführer zurück. „Nicht alle zugleich. Einer beginnt am Mund, mit Maß. Oben links antwortet nur, wenn dort Bewegung ist oder der Schrei weiter trägt. Der Hauptanstieg hält den Takt.“
Trotzdem blieb sein Gesicht hart, während er zuhörte. „Dann hören Suchende nicht nur Bronze. Sie hören Ordnung.“
„Sie hören Wachen.“ Rhea hob das Kinn kaum merklich. „Männer am Hang sind kein Geheimnis. Ein Kind in der Höhle ist eines.“
Gaia nickte einmal. „Wer unten geht und Bronze hört, denkt an Wache, an Übung, an Drohung. Er bleibt stehen oder geht weiter. Wer einen Säugling hört, merkt sich den Ort.“
Wieder schrie das Kind. Diesmal war der Laut erst gepresst, dann brach er auf. Einer der jüngeren Kureten zuckte zusammen, weil der Schrei weit über den Hang trug. Nun stand es in allen Gesichtern. Sie hatten es selbst gehört.
Der Anführer hob die Hand, rieb mit dem Daumen über die Kante seines Bartes und sah auf den Schild in Rheas Armen. „Und wenn Kronos’ Männer kommen, die Bronze von Hunger unterscheiden können?“
Rhea trat einen Schritt auf ihn zu. „Dann führt sie nicht dieser Laut hierher. Dann finden sie uns nur, wenn einer von euch schläft, weicht oder redet.“
Der Satz stand zwischen ihnen. Die Blicke blieben gesenkt, als Gaia in die kurze Stille hineinsagte:
„Ihr habt den linken Zugang gesehen. Ihr kennt den Platz über dem Mund. Das ist kein Ort, den Schweigen rettet. Schweigen hilft nur dem, der unten lauscht.“
Der Wind kam vom Rücken des Hanges herab und fuhr in die Öffnung der Höhle. Das Kind verstummte für einen Atemzug, dann setzte es wieder an, leiser diesmal, fast tastend; doch es reichte. Der Laut traf jeden.
Rhea hob den Schild ein wenig höher und drehte ihn so, dass die Wölbung nach außen stand. „Wer trägt den zweiten?“
Der Mann am Rand, der bisher geschwiegen hatte, hob wortlos seinen Schild. Ein Dritter schlug mit den Fingern gegen die Bronzekante seines eigenen, prüfte den Klang und ließ die Hand wieder sinken. Der Anführer sah die Bewegung. Er sah auch, dass der Widerstand bereits zu bröckeln begann.
„Du machst daraus einen Brauch“, sagte er.
„Ich mache daraus Wache.“
„Und wenn das Kind schweigt?“
„Dann schweigt ihr mit ihm.“
Der Anführer atmete einmal tief durch. „Und wenn er in der Nacht die Stimme hebt, bis unten die Feuer stehen bleiben?“
Rhea nickte nur.
Sie wandte sich halb zu den anderen und sprach nun so, dass jeder am Fels sie hören musste.
„Ihr merkt euch die Folge. Erst der Schild hier am Mund, dann der Mann im Mund. Danach der Posten am Hauptanstieg. Der obere Stein über dem Anstieg antwortet zuletzt. Während links oberhalb einer allein hält, schlägt er nicht mit, wenn er nichts hat. Er schlägt nur auf Zeichen oder wenn Schritte im Geröll knirschen. Versäumt einer seinen Schlag, öffnet er den Hang.“
Niemand redete. Die Männer standen an ihren Stellen oder knapp davor, die Schilde am Bein, die Hände noch nicht fest darum. Einige Blicke glitten zu Rhea, andere zu dem Mann, der vor ihnen stand. Einer drehte den Kopf nach links, zu dem dunklen Einschnitt oberhalb des sichtbaren Weges.
Als der Anführer einen halben Schritt vortrat, sagte er: „Das hört man weit.“
Rhea sah ihn an. „Den Jungen auch.“
„Bronze trägt tiefer.“ Er sprach ruhig, nicht laut, damit keiner seinen Ton mit Trotz verwechseln konnte. „Ein Kinderschrei lässt Hirten stehen bleiben. Während Schildklang sie den Hang hinauftreibt, kommen auch Sucher. Unten will, wer nichts weiß, wissen, warum Männer nachts Bronze schlagen.“
Inzwischen stand Gaia dicht beim Fels. Sie hob den Blick nicht zum Himmel, nicht zum Weg. Vor ihr erstreckten sich der raue Hang, die Brüche, die Rinnen, die Kanten, die den Laut hielten und weitergaben.
Der Stein neben ihr gab Kühle ab, die selbst durch Stoff und Haut kroch, und aus den Ritzen roch es staubig nach trockenem Eisen und altem Splittergestein. Von weiter unten stieg mit jeder wechselnden Bö ein Hauch von zerdrückter Nadelstreu und herber Harzluft herauf.
„Unten hört man schon jetzt genug, wenn man nichts weiß.“ Ihre Stimme blieb flach.
Dann schwieg der Anführer.
Gaia fuhr fort. „Links oberhalb des Hauptanstiegs geht ein zweiter Zug hinunter. Nicht steil genug, um einen Mann zu halten. Nicht offen genug, dass ihr ihn von hier ganz seht.“
Ein Murmeln lief kurz durch die Männer und brach gleich wieder ab.
Rhea wandte den Kopf. „Wer von euch ist links oben gegangen?“
Zwei hoben die Hand. Einer von ihnen antwortete: „Bis zur schmalen Stelle. Danach zurück.“
„Und weiter?“
Er senkte die Hand. „Heute nicht.“
Gaia nickte knapp. „Weiter öffnet sich die Rinne wieder. Von dort hält kein Blick auf den Mund.“
Darauf straffte der Anführer die Schultern. „Dann setzen wir dort einen Zweiten.“
„Setzt ihr drei, hört man ihn trotzdem.“ Gaia blieb unbeweglich. „Der Fels trägt, was er trägt. Schweigen deckt den Ort nicht mehr. Damit nimmt es euch nur die Hand, mit der ihr antworten könnt.“
Wieder schrie Zeus aus der Höhle.
Diesmal war der Laut nicht lang. Er brach scharf aus dem Dunkel, wurde vom Stein zurückgeworfen und lag danach noch einen Augenblick über dem Hang. Keiner bewegte sich sofort, und gerade darin lag das Gewicht des Schreis. Der Laut stand so weit über dem Geröll, dass ihn jeder im Hals sitzen hatte.
Aus dem Höhlenmund drang dumpfe Feuchte mit heraus, kühl und schwer, darunter der süßliche Zug von Milch und Tierhaut, als habe der Fels beides lange festgehalten. Der Schrei rührte daran wie an nassem Stein und machte selbst die Luft vor dem Eingang dichter.
Rhea wartete das Ende nicht ab. Sie hob den Bronzeschild ganz an, stellte sich breit vor den Höhlenmund und fasste den Rand mit der linken Hand fester. Mit der rechten schlug sie kurz und hart.
Bronze stand in der Luft.
Der Ton fuhr nicht nur über den Hang, sondern schlug gegen Brustbein und Zähne, als hätte der Fels ihn noch einmal gehärtet. Von den gegenüberliegenden Wänden kam ein kurzer Nachhall zurück, dünner und kälter, und legte sich wie ein zweites, ferneres Metall über den ersten Schlag.
Nicht wild, nicht lang, nicht mehrfach. Ein gesetzter Ton, der sich vom Schrei abhob. Er lief über den Anstieg, traf den Fels und ging weiter.
Der Mann im Höhlenmund zuckte erst nur mit dem Arm, dann verstand er. Er hob seinen Schild und gab Antwort. Ein Schlag.
Unten am Hauptanstieg kam nach einem Atemzug der dritte Ton.
Danach der obere Stein.
Die Folge stand. Noch nicht sauber, noch nicht gleich stark, aber erkennbar. Jeder Schlag kam aus seiner Stelle. Jeder wies auf einen Mann. Der Hang, der eben nur Laut getragen hatte, trug nun Ordnung.
Links blieb es still.
Rhea senkte den Arm nicht ganz. Sie horchte in die Stille nach dem letzten Ton. Weder kam sofort ein weiterer Schrei noch ein Ruf vom Pfad. Auch im Geröll setzte kein Laufen ein.
In der Pause danach summte irgendwo tiefer im Hang ein einzelnes Insekt, so klein, dass das Geräusch kaum gegen die Kühle der Nacht ankam. Über den dunklen Bäumen lag fernes Rauschen, als striche Wind durch höhere Kronen, die von hier nicht zu sehen waren.
Der Anführer sah den Hang hinauf und wieder herab. Dann musterte er den Mann links oben, der noch nicht auf seinem Posten war. „Du gehst jetzt. Nicht tiefer. Wenn du dort etwas hörst, gib einen Schlag. Bei sicheren Schritten zwei.“
Rhea widersprach nicht. Sie nahm den Zusatz auf und machte ihn zur Ordnung. „Zwei nur dort. Sonst nirgends. Ein Schlag bleibt Wache. Zwei Schläge links heißen Schritte.“
Der Mann nickte und lief an, geduckt, mit dem Schild dicht am Rücken, bis er aus dem Blick des Höhlenmundes geriet.
Unter seinen Schritten lösten sich kleine Steine und liefen trocken die Rinne hinab, bis ein niedriger Strauch sie fing und zitternd wieder stillstand. Wo er höher kam, wechselte die Luft; sie wurde freier, schärfer und trug den Geruch von Harz und blankem, abgekühltem Fels.
Der Anführer hob die Hand, als wolle er noch einmal ansetzen. „Wenn unten wirklich Hirten stehen bleiben —“
„Dann hören sie Männer auf Wache“, erwiderte Rhea.
„Und fragen, was bewacht wird.“
„Nichts hier ist unbewacht.“ Sie hielt still. „Das sollen sie hören.“
Er hielt ihrem Blick stand. „Das ist Antwort auf Mut. Nicht auf Suche.“
„Es ist Antwort auf beides.“
Gaia trat nun einen Schritt vor, nicht zwischen sie, aber so, dass beide sie hören mussten, ohne den Blick ganz voneinander zu nehmen.
„Wer sucht, lauscht auf das, was verborgen werden soll“, sagte sie. „Bronze in fester Folge ist ein Verbot, gegen das nicht jeder ansteigt.“ Der Wind strich kalt am Fels entlang und ließ für einen Moment nur das Knacken des Gerölls unter dem steigenden Mann hören.