Kapitel 2
Das Haus über der Tiefe
und zog sie an seine Seite.
Schweigen fiel über den Raum. Unten ließ die Reihe der Titanen noch immer die Stelle offen, aus der sie hervorgetreten war. Niemand schloss die Lücke. Einen Augenblick länger umklammerte Kronos ihren Arm, bis alle gesehen hatten, wo sie stand. Er ließ los, ohne sich ihr zuzuwenden.
„Dies ist mein Haus“, erklärte er.
Zu ihr sprach er nicht. Über sie hinweg sprach er in die Tiefe. In seiner linken Hand hing die Sichel. Das Blut an ihrer Schneide war dunkel geworden.
Gaia hörte den Satz und nahm die Ordnung darin wahr. Indem er den Raum an sich riss, setzte er nun einen Anfang. Weder mit Bitte noch mit Bund, sondern mit Anspruch.
Still verharrte Rhea. Ihr Atem ging ruhig. Sie beließ die Hände erst vor sich, dann neben dem Körper. Unten blieben die anderen, wo er sie hingewiesen hatte. Dort bleibt ihr, und der Satz lastete noch auf ihnen. Unten regte sich niemand.
So begann seine Herrschaft.
Als sie das erste Kind trug, veränderte sich der offene Raum nicht. Kronos leitete die Versammlung, ließ Namen nennen, hörte Streit an, entschied mit kurzen Sätzen. Die Sichel ruhte in seiner Reichweite oder lehnte gegen den Boden, immer sichtbar. Wenn Blicke zu Rheas Leib gingen, folgten sie sofort weiter zu ihm.
Es entging ihm nicht, und er duldete es nur, wenn es kurz blieb.
Beide trug Gaia. Das Gewicht wuchs, und darunter verhärtete sich noch etwas. Es saß nicht in ihr. Es saß in Kronos. Seit dem Schlag gegen Uranos trennte er in allem: hier oben und dort unten, neben ihm und fern von ihm, bleiben und weichen. Nun wuchs in ihr etwas, das sich seiner Ordnung entzog. Es kam aus seinem Haus und entzog sich doch seiner Hand, solange es noch in ihr lag.
Bei der Geburt blieb er nahe.
Sie kniete auf Gaia, die Hände in den Boden gedrückt, den Rücken gespannt. Sie rief nicht nach ihm. Sie rang den Schmerz in kurzen Atemzügen nieder. Die Titaninnen standen tiefer, nicht weit, aber nicht bei ihr. Kronos hatte keinen Kreis um sie erlaubt. Über ihr verharrte er aufrecht, wach, die Schultern hart.
Als das Kind kam, hob sie es mit beiden Händen an sich. Ein feuchter Laut, leise und scharf, schnitt in den Raum.
Sichtbar zuckte Kronos nicht zusammen. Doch sein Kopf fuhr hoch, und in seinem Blick lag auf einmal dieselbe Härte, mit der er einst nach oben zur Enge zwischen Gaia und Uranos gesehen hatte. Der Laut lag nicht offen vor ihm, er kam auf ihn zu.
Das Kind schrie noch einmal.
Heran trat Kronos. Sie zog das Neugeborene dichter an die Brust. Zum ersten Mal seit sie an seiner Seite stand, wich sie vor ihm zurück.
„Gib es her“, sagte er.
Sie blickte zu ihm auf. Schweiß stand auf ihrer Stirn. Das Neugeborene bewegte sich zwischen ihren Armen, blind, offen, lebendig.
„Es ist dein Kind“, erwiderte sie.
„Darum.“
Mehr sprach er nicht. Er griff hinunter. Rhea drehte den Körper, um das Neugeborene zu decken, doch sie war erschöpft, und er war schneller. Seine Hand schloss sich um das kleine Gliedmaß, dann unter den Rücken. Er riss es ihr nicht mit Wucht weg. Er nahm es mit der Sicherheit dessen, der keinen Widerstand anerkennt.
Rhea stieß einen Laut aus, tiefer als zuvor. Unten regte sich die Reihe der Titanen, doch niemand trat vor.
Gaia begriff vor ihnen allen, was geschah, als Uranos den Kindern Vergeltung zugerufen hatte. Kronos hatte den Vater gestürzt. Nun umschloss er den Sohn mit der Hand und sah keinen Sohn. Vor sich sah er die Stelle, an der eines Tages einer gegen ihn stehen könnte.
Kronos betrachtete das Kind nicht lange. Sein Mund öffnete sich. Für einen Schlag lang herrschte Stille über dem Raum. Er hob das Neugeborene an und schob es sich zwischen die Kiefer.
Als Rhea hoch auf die Knie fuhr, rang seine Kehle schon. „Nein.“
Zu spät. Einmal, dann noch einmal. Das Neugeborene war fort.
Niemand sprach seinen Namen. Keiner war ihm gegeben worden.
Kronos atmete durch den Mund aus und verharrte still, als hätte er nur eine notwendige Handlung vollzogen. Zu Rhea sah er nicht. Sein Blick ging in die Tiefe, zu den Titanen, und was sie in seinem Gesicht fanden, bannte sie unten.
Es blieb nicht bei einem Mal. Wenn Rhea wieder trug, wurde sie stiller. Nicht aus Einverständnis, sondern aus Wissen. Ihre Hände ruhten oft auf dem Leib, und jedes Mal, wenn Kronos es sah, verhärtete sich sein Blick kurz und scharf. Nach dem Werden im Inneren fragte er nicht. Er fragte nach dem Zeitpunkt.
Bei der zweiten Geburt wartete er nicht, bis das Kind schrie. Er trat vor, sobald es sichtbar wurde. Rhea wandte sich mit dem Körper ab, den Rücken gekrümmt, den Arm um das Neugeborene gezogen. Kronos ging um sie herum, kniete zum ersten Mal nieder und nahm es ihr aus dem Arm, noch bevor sie den Kopf heben konnte.
Während sie seinen Unterarm festhielt, löste er ihre Finger einzeln.
Er verschlang auch dieses.
Weil er es ihnen nicht neu befohlen hatte, hing der alte Satz noch über ihnen: Dort bleibt ihr. Er musste ihn nicht wiederholen. Sie kannten die Grenze seines Hauses und die Hand, die sie setzte.
Rhea kauerte auf der Erde, den Atem kurz, das Haar am Nacken fest. Schon stand Kronos nahe genug, dass ein Schritt genügte. Nicht auf einen Laut des Neugeborenen wartete er, sondern auf den Augenblick, in dem es da war.
Gaia rief seinen Namen.
Den Kopf wandte er nicht zu ihr. Sie stand, wo sie immer stand, ohne zu weichen, ohne vorzutreten. Hart und ruhig lag ihr Blick auf ihm.
Rhea hob das Neugeborene nicht hoch. Sie zog es sofort an die Brust und presste den Ellbogen an den Körper. Diesmal kam nichts über ihre Lippen. Sie hielt nur fest.
Kronos trat heran und streckte die Hand aus.
Er griff nach ihrem Arm. Sie stemmte sich dagegen, doch ihre Kraft war verbraucht. Er löste den Arm vom Leib, dann die andere Hand. Das Neugeborene wand sich feucht und klein in seinem Griff. Es regte sich. Für einen Moment zuckte die Bewegung gegen seine Handfläche, leicht und schnell.
Gaia sagte: „Du fürchtest, was noch nicht aufrecht stehen kann.“
Nun richtete sich sein Blick auf sie.
„Ich sichere mein Haus“, erwiderte Kronos.
Gaia schwieg nicht. „Du füllst es mit dem, was du fernhalten willst.“
Er hob das Neugeborene höher. Es war zu früh, einen Namen zu denken. Er band. Er gab Bestand. In seiner Hand drohte zuerst Gefahr. Alles Weitere kam danach, wenn es überhaupt kommen durfte.
Auf einen Ellenbogen gestützt, erhob sich Rhea ein wenig, ohne zu flehen oder ein Wort zu sagen. Sie sah ihn an, und in ihrem Blick lag nichts, das ihn aufhielt. Das störte ihn mehr als ihre früheren Bitten. Ein Wort konnte man zurückweisen. Schweigen blieb stehen.
Er führte das Neugeborene an den Mund und schluckte es hinab.
Der Zug in seiner Kehle war härter als zuvor. Mit dem zweiten Schluck zwang er es tiefer. Dann stand er wieder aufrecht und atmete langsam aus.
Unten an der Grenze des Raums schoben sich einige Titanen gegeneinander. Die Stimmen blieben unten, keiner stieg herauf. Kronos blickte über sie hin, und die Bewegung erstarb.
Gaia sagte: „Nicht sie bringen dir den Fluch. Du tust es.“
Kronos wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. „Der Fluch liegt auf denen, die gegen mich kommen.“
„Er ist schon in deiner Hand“, entgegnete Gaia.
Er trat einen Schritt auf sie zu, nur so weit, dass jeder unten sehen konnte, wem dieser Raum gehörte. „Ich habe den Vater gestürzt. Ich halte die Brüder unten und halte offen, was aufbrach. Das ist Herrschaft.“
Gaia antwortete nicht sofort. Hinter ihm richtete Rhea sich langsam auf und setzte sich. Sie nahm das Tuch, das neben ihr lag, und legte es über die Beine. Ihre Hände arbeiteten ruhig. Ihr Gesicht war bleich. Sie sah weder Gaia noch die Titanen an.
Gaia sagte: „Herrschaft, die ihr Morgen frisst, frisst schon sich selbst.“
Kronos lachte nicht. Für Spott war ihr Ton zu fest. Den Fluch des Uranos kannte er. Den Satz, der von Vergeltung gesprochen hatte, kannte er auch. Er dachte nicht, dass Gaia ihn besser kannte als er. Doch auch jetzt duldete er nicht, dass man aus seiner Vorsicht Schuld machte.
„Morgen bleibt, wenn ich bleibe“, sagte er.
Gaia senkte den Blick nicht und sagte: „Dann sieh zu, was aus dir wird, wenn du nur noch bleibst.“
Er ließ sie stehen. Ihre Worte hielten ihn nicht auf. Sie änderten nichts. Der Raum war sein Raum. Unten harrten die Titanen. Rhea lebte unter seinem Schutz, ob sie das erkannte oder nicht. Alles, was sie gebar, kam in sein Haus. Was in sein Haus kam, durfte nicht gegen ihn wachsen.
Die Zeit wurde enger, nicht in den Tagen, sondern in seinem Warten. Wenn Rhea ging, glitt sein Blick zu ihren Hüften. Wenn sie saß, zu ihren Händen. Rundete ihr Leib sich, wusste er es, bevor sie sprach. Später sprach sie gar nicht mehr davon und trug das vierte Kind in Schweigen.
Kronos fragte nicht nach ihrem Schmerz. Er fragte nicht nach der Bewegung im Leib. Er fragte nur: „Wann?“
Rhea antwortete, wenn sie antwortete, knapp. Manchmal hob sie nur den Blick. Manchmal gar nicht. Sie entzog ihm nichts, was er nehmen konnte. Aber sie gab ihm nichts mehr im Voraus.
Das Haus blieb stiller in diesen Monaten. Die Titanen kamen nicht näher. Wenn sie an der Grenze standen, hielten sie die Augen gesenkt oder sahen zu Rhea hinüber und gleich wieder fort. Kronos bemerkte es und ließ es gelten. Die Scham der anderen war ihm nützlich.
weil sie die Ordnung hielt, ohne dass er sie aussprechen musste.
Als die Wehen einsetzten, war es Nacht. Rhea schwieg. Vom Lager richtete sie sich auf, hielt kurz die Hand an die Wand und verharrte, bis der Schmerz nachließ. Sie trat weiter in den hinteren Teil des Hauses, dorthin, wo man sie bei den letzten Geburten hatte liegen sehen. Ihre Schritte waren klein. Das Tuch, das sie um sich geschlagen hatte, hing locker und wurde an den Beinen dunkel.
Schlaf hatte Kronos nicht gefunden, und als sie ging, folgte er ihr. Er rief niemanden, weil er niemanden brauchte. Dies war sein Haus. Was hier geschah, fiel unter seine Hand.
Rhea kniete nieder, stützte sich mit beiden Armen ab und beugte den Kopf. Stoßweise ging ihr Atem, ohne dass sie einen Blick suchte. Sie presste die Lippen zusammen.
Nahe genug, um zuzugreifen, verharrte Kronos.
Draußen regte sich etwas. Vor der Grenze des Hauses hielten Schritte an. Er brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, wer dort stand. Die Brüder und Schwestern hielten Abstand, wie sie es inzwischen gelernt hatten. Sie kamen, wenn eine Geburt bevorstand, und griffen nicht ein.
Tiefer griffen die Wehen. Rhea legte sich auf die Seite, zog die Knie an, stemmte die Fersen gegen den Boden. Dunkel lief es an ihren Schenkeln herab und sammelte sich unter ihr. Sie machte keinen Versuch, es zu verbergen, denn es gab nichts zu verbergen. Alles lag offen, und doch schwieg sie.
Einen halben Schritt trat Kronos vor, als ihr Leib sich spannte. Vor ihm kam das Kind, klein, glitschig, noch halb vom Blut der Mutter bedeckt. Rhea hob die Hand, nicht zu ihm, sondern blind nach unten, zu dem Körper, der eben aus ihr glitt. Die Finger erreichten ihn nicht.
Er bückte sich und nahm das Neugeborene aus Rheas Blut.
Am Eingang wurde es enger. Dort hoben sich Köpfe, doch niemand trat herein. Kronos erkannte Hyperion, Iapetos, Koios, während weiter hinten Themis unbewegt stand. Mnemosyne hielt die Hände ineinander. Okeanos blieb außerhalb der Linie, die das Haus vom übrigen Boden schied. Schweigend trat Gaia an die Schwelle, ohne Eile. Sie drängte niemanden beiseite. Dort fiel ihr Blick zuerst auf Rhea am Boden, auf das Blut unter ihren Beinen, dann auf das Kind in Kronos’ Händen.
„Wieder“, sagte sie.
Kronos wandte sich ihr zu, das Neugeborene noch immer fest vor der Brust. „Tritt nicht weiter.“
Gaia blieb an der Schwelle. „Ich muss nicht weiter treten. Du zeigst es selbst.“
Lauter schrie das Kind. Seine Beine stießen gegen Kronos’ Unterarm. Er presste fester zu.
„Es kommt gegen mich in mein Haus“, sagte er. „Es bleibt nicht.“
Sofort antwortete Gaia. „Es kommt aus ihr. Du machst daraus dein Gegenüber.“
Kronos’ Blick glitt kurz zu den Titanen hinter ihr. Ihr Schweigen hielt an, niemand widersprach. Dieses Schweigen gehörte ihm, solange niemand es brach. „Wer hier steht, steht in meinem Raum. Was in meinem Raum geboren wird, untersteht mir.“
Gaia hob die Hand nicht. Sie sprach ohne Drohung, und gerade das reizte ihn. „Du nennst Besitz, was Furcht ist.“
Sein Kiefer spannte sich. „Ich halte, was ich gewonnen habe.“
„Du hältst nichts“, entgegnete Gaia. „Du nimmst und stößt hinab. Du trennst und nennst es Ordnung. Du frisst und nennst es Schutz.“
Hinter ihr rührte sich niemand. Kronos vernahm nur den Schrei des Kindes und Rheas unregelmäßigen Atem. Als das Blut auf seinen Händen kühlte, wich Gaia nicht zurück.
„Genug“, sagte er.
„Nein“, sagte Gaia. „Hör es vor ihnen allen. Der Fluch kommt nicht von diesem Kind. Er liegt in deiner Hand. Jede Geburt legt ihn offener hin.“
Einen Schritt machte Kronos auf die Schwelle zu. Das Kind zuckte in seinem Griff. „Du stellst dich gegen meinen Beschluss.“
„Ich stelle mich gegen deine Wiederholung.“
Das Wort blieb stehen. Die Titanen hörten es. Rhea hörte es auch; er sah, wie ihre Finger sich in den Boden drückten.
Rhea hob den Kopf.
An ihren Schenkeln, an den Steinen unter ihr, an der Schwelle, die Kronos zu seinem Haus erklärt hatte, lag Blut. Ihr Atem brach noch immer. Ihre Arme waren leer. Einen Augenblick blieb sie auf den Händen, dann stemmte sie sich hoch. Ihre Schultern zitterten. Sie stand trotzdem.
Kronos hielt das Kind fest vor der Brust. Ohne Unterlass schrie es. Sein kleiner Leib wand sich in seinem Griff.
Gaia trat nicht zurück. „Du hörst es“, erwiderte sie. „Wie er tust du, was er tat. Du nimmst den geöffneten Raum und machst ihn wieder eng. Du nennst dich Herr, und alles unter dir soll klein bleiben.“
Kronos sah sie an, dann die Titanen hinter ihr. Keiner trat vor, niemand sprach, während sie jenseits der Schwelle Abstand hielten. Das genügte, niemand griff in seinen Beschluss.
„Ich bin nicht er“, gab Kronos zurück.
„Du bist sein Wiederholer“, entgegnete Gaia.
Das Kind schrie. Einen Schritt machte Rhea. Ihre Knie gaben kurz nach, doch sie fing sich ab. Sie richtete sich ganz auf, obwohl ihr Leib noch arbeitete, obwohl das Blut weiter an ihr hinablief. Ihr Blick ging nicht zu Gaia. Er blieb auf dem Kind.
„Gib es mir zurück“, verlangte sie.
Zum ersten Mal seit den Wehen eingesetzt hatten, war ihre Stimme klar, leise und ohne Bitten. Zwischen ihnen stand sie und blieb fest, als Kronos den Kopf zu ihr wandte. In ihrem Gesicht lag kein Flehen mehr. Er kannte es. Er kannte den Blick, der auswich. Beides war fort.
„Es bleibt nicht bei dir“, erwiderte er.
Noch einen Schritt kam Rhea näher an die Schwelle. „Gib es mir.“
„Es ist aus mir geboren.“
Die Worte fielen hart zwischen sie. Hinter Rhea stand das Haus offen. Vor ihr standen Gaia und die Titanen. Kronos spürte den Zug beider Seiten und wich keiner.
„Was in meinem Raum zur Welt kommt, untersteht meinem Willen“, erklärte er.
Sofort antwortete Gaia. „Dein Wille macht kein Recht daraus.“
Er hob das Kinn. „Ich brauche euer Recht nicht.“
„Nein“, entgegnete Gaia. „Nur euren Abstand.“
Ein kurzes Rühren ging durch die Titanen. Vor trat niemand. Mehrere wichen weiter zurück, einer nach dem anderen, nicht hastig, nicht laut. Der Kreis vor der Schwelle wurde größer. Kronos sah es. Sie hielten die Grenze, die er gesetzt hatte. Sie kamen ihm nicht nahe, auch das war Gehorsam.
Rhea streckte beide Arme aus, an deren Handgelenken Blut glänzte. „Kronos.“
Er antwortete nicht.
„Gib mir mein Kind.“
Es war nicht mehr das Wort einer Frau, die um Schonung bat. Es war eine Forderung. Vor Gaia. Vor den Titanen. Vor seinem Haus.
Seine Finger schlossen sich fester um den Leib des Neugeborenen. Das Kind stieß wieder gegen seinen Unterarm. Der Schrei wurde heiser und brach dann neu hervor.
Ohne Bewegung sah Gaia ihn an. „Du fürchtest, was nach dir kommt. Darum nimmst du es fort, weder aus Not noch aus Schutz. Nur damit nichts neben dir groß wird.“
Kronos trat ganz auf die Schwelle. Dunkel vom Blut war der Stein unter seinen Füßen. „Ich halte mein Haus. Ich halte meine Herrschaft. Wer daraus etwas gegen mich macht, wird aus ihr genommen.“
„Ein Neugeborenes?“, fragte Gaia. „Davor hältst du dich geschützt?“
Sein Blick fuhr scharf zu ihr. „Vor dem, was daraus wird.“
„Dann fürchtest du dein eigenes Kind“, sagte Rhea.
Er sah wieder sie an. Sie stand mit leeren Händen vor ihm und ließ die Arme nicht sinken. In ihrem Gesicht lag Schmerz. Aber der Schmerz trieb sie nicht mehr zu ihm hin. Er hielt sie aufrecht.
„Ich entscheide, was bleibt“, erklärte Kronos.
„Nein“, erwiderte Rhea. „Du nimmst nur.“
Für einen Moment schwieg alles. Wieder schrie das Kind. Dann röchelte es kurz, rang nach Luft und schrie wieder. Kronos hörte nur dieses Geräusch und den Schlag seines eigenen Atems. Vor den Titanen stand Gaia, an seiner Schwelle Rhea. Beide widersprachen. Doch noch immer war er es, der das Kind hielt. Noch immer war er es, den keiner berührte.
„Sieh sie an“, forderte Gaia. „Deine Mutter, deine Frau und deine Zeugen. Und tu es vor ihnen. Dann nenn dich noch einmal nicht seinen Wiederholer.“
Kronos’ Gesicht verhärtete sich. „Genug.“
Rhea ging bis dicht vor ihn. So nah, dass ihr Blut seine Füße erreichte. „Gib es mir zurück.“
Er hätte sie mit einem Arm zurückstoßen können. Schwach war sie, ihr Leib noch offen von der Geburt. Doch sie wich nicht. Sie hob das Kinn zu ihm und blieb.
„Zurück“, befahl er.
„Nein.“
Das Wort kam sofort. Ohne Zögern. Hinter ihr regte sich Gaia nicht. Die Titanen hielten den Atem an und sagten nichts.
Kronos senkte den Blick auf das Kind.
Es bewegte den Mund, schloss die Augen, riss sie wieder auf und schrie in kurzen, harten Stößen. Seine Hände lagen klein und offen gegen Kronos’ Unterarm, sein warmer Leib hob und senkte sich schnell.
Rhea sah auf den Mund des Kindes und auf die Stirn. Auf die nasse Haut am Hals. Nichts von ihm durfte sie abwenden, nichts an Kronos ansehen, das größer war als das, was er hielt.
„Poseidon“, sagte sie.
Klar ging das Wort über die Schwelle und in den Hof hinaus. Kein Zittern lag darin. Noch einmal sprach sie es, lauter, damit nicht einer von denen draußen später sagen konnte, er habe es nicht gehört.
„Sein Name ist Poseidon.“
Kronos hob den Kopf. Sein Griff änderte sich nicht. Erst glitt sein Blick zu Rhea, dann über sie hinweg zu den Titanen vor der Schwelle. Manche hatten den Blick auf das Kind gerichtet, manche auf ihn, keiner aufeinander. Keiner trat vor.
„Namen ändern nichts.“ Er sah sie an.
Sofort antwortete Rhea. „Sie ändern, dass er nicht nur in deiner Hand war.“
„In meinem Haus“, sagte Kronos, „steht nichts gegen meinen Willen.“
„Nein“, erwiderte Gaia. „Du willst, dass alles, was aus ihr kommt, nur durch dich zählt. Du hörst einen Namen und antwortest mit Besitz. Du hörst Leben und antwortest mit deinem Dach.“
Sein Kiefer spannte sich. „Alles, was hier geboren wird, gehört meiner Ordnung.“
„Deiner Furcht“, erwiderte sie.
Rhea nahm den Blick nicht von dem Kind. Poseidon. Das Wort stand jetzt zwischen ihnen. Noch einmal klang es in ihr, nicht leiser, nicht anders. Sie hatte ihn vor der Erdmutter benannt, vor den Titanen, vor Kronos. Niemand konnte es zurücknehmen.
„Gib mir meinen Sohn“, verlangte sie.
Wieder richteten sich Kronos’ Augen auf sie. „Du forderst in meinem Haus.“
„Dein Sohn“, wiederholte er, und zum ersten Mal lag in seiner Stimme etwas Scharfes, das nicht nur Zorn war. „Was hier geboren wird, kommt nicht gegen mich zur Welt.“
Gaia stieß den Atem aus. „Da ist es.“
Draußen sprach niemand. Nur das Kind war zu hören, der Wind im offenen Zugang und das Blut, das noch aus ihr rann und den Stein unter ihren Füßen feucht machte. Ihre Knie wollten nachgeben. Sie stellte die Füße fester. Langsam hob sie die Hand, damit keiner es für ein Flehen hielt.
„Poseidon“, sprach sie zum dritten Mal.
Bei ihrer Stimme zuckte das Kind, und der Mund öffnete sich weiter. Ein Schrei kam, brach ab, kam wieder. Kronos hielt es höher, nicht weit, nur aus ihrer Reichweite. Die Bewegung war klein, doch sie genügte.
Sie wusste, was jetzt kam. Das Wissen half nicht. Ihr Körper ging vor, bevor der Gedanke zu Ende war. Ihre Finger trafen seinen warmen Unterarm, fest packte sie zu.
„Nein.“
Es war kein Bitten. Kein Ruf um Mitleid. Ein Wort gegen seine Hand. Gegen seinen Mund. Gegen den Stein, gegen das Haus, gegen die Zeugen, die sich selbst zurückhielten.
Kronos’ Arm spannte sich unter ihren Händen. Mit der freien Hand fasste er sie hart an der Schulter und hielt sie, ohne Mühe, an ihrem Platz. Sie riss sich nicht los, sondern zog gegen ihn.
„Lass ihn“, brachte sie hervor.
Er öffnete den Mund.
Gaia trat bis an die Schwelle.
„Rhea.“
Gaias Stimme schnitt in den Hof. An der Schwelle stand sie, einen Schritt hinter ihnen, und ihre Augen lagen nicht auf dem Kind, sondern auf Kronos.
„Tu es nicht.“
Kronos wandte den Kopf nicht zu ihr. Seine Hand blieb fest um den kleinen Leib geschlossen. Rhea spürte jede Bewegung seines Unterarms unter ihren Fingern. Er drückte stärker, bis ihre Hand schmerzte, und sie spürte Poseidons Atem wieder stocken. Der kleine Mund öffnete sich. Ein kurzer Laut kam heraus, schwach und dünn.
„Gib ihn her.“ Rheas Stimme war scharf.
Kronos antwortete nicht. Rhea zog an seinem Arm. Ihr Leib brannte. Die Schwäche in ihren Beinen drohte sie zu Boden zu ziehen, aber sie setzte ihr Gewicht gegen ihn, so weit sie es noch konnte. Die Hand an ihrer Schulter hielt sie zurück. Seine Finger gruben sich in ihr Fleisch. Er bewegte sich kaum. Nur sein Kiefer stand offen, bereit, und in dieser Ruhe lag seine Entscheidung schon fest.
„Poseidon“, rief Rhea laut in sein Gesicht. „Du hörst seinen Namen. Gib mir meinen Sohn.“
Jetzt sah Kronos sie an. Sein Blick blieb fest. Sie stand vor ihm wie ein Hindernis.
„Alles, was hier geboren wird“, erwiderte er, „steht unter mir.“
„Nicht dieses Kind.“
„Auch dieses.“
Gaia hob die Stimme, damit alle im Hof sie hören mussten. „Nicht das Kind ist die Gefahr. Du bist es, deine Hand, deine Tat. Wieder tust du, was vor dir getan wurde, und nennst es Ordnung.“
Ein Zittern lief durch Rheas Arm. Die Kraft ließ nach. Sie riss noch einmal an Kronos’ Unterarm und hörte zugleich das Schweigen draußen. Kein Schritt auf Stein, kein Ruf, keine Hand schob sich zwischen sie und ihn.
Ohne zu den Titanen hinüberzusehen, brauchte sie es nicht. Das Ausbleiben stand um sie herum. Es lag im freien Raum vor der Schwelle, in der offenen Sicht auf die Reihen draußen, in der Tatsache, dass niemand kam. Früher hatten sie den Weg freigegeben, jetzt taten sie es wieder. Sie schwiegen und standen still.
Kronos’ Griff an Rheas Schulter verschob sich. Er drückte sie zurück, nur um den Raum vor sich frei zu haben. Rhea stemmte sich dagegen und kam ihm doch nicht näher. Ihre Finger glitten einen Augenblick auf seinem Arm, fanden Halt, klammerten sich wieder fest. In seiner Hand lag Poseidons Kopf, während der kleine Mund nach Luft suchte. Die Lider zuckten. Der kleine Leib war zu neu für den Druck, in dem er gehalten wurde.
Als er das Neugeborene höher hob, stieß Rhea sich vor. Schmerz fuhr durch ihren Unterleib. Ihre Beine sackten weg und trugen sie gleich wieder. Sie griff nicht mehr nur nach seinem Unterarm. Die andere Hand schnellte nach dem Kind. Ihre Finger streiften die nackte Seite, warm, glatt, lebendig. Für einen Atemzug hatte sie ihn.
Kronos zog an.
Der kleine Leib glitt aus ihrer Hand.
Ein Laut brach aus ihr heraus, tief und heiser, kein Wort mehr. Sie riss an ihm, jetzt mit beiden Händen, zuerst am Arm, dann am Handgelenk. Er hielt stand. Seine Schulter bewegte sich, sonst nichts. Er war stärker, und alle sahen es.
Kronos hob das Kinn.
Rhea sah seinen Mund über Poseidon. Sie sah die Zunge, den dunklen Rachen dahinter, die Hand, die ihr Kind führte. Sie warf ihr Gewicht noch einmal gegen ihn, mit dem ganzen Rest ihres Körpers. Seine Hand an ihrer Schulter hielt sie fest genug, dass sie nicht an ihn herankam. Sie fühlte ihre eigene Kraft schwinden, Atemzug für Atemzug.
„Nein“, rief sie wieder. „Nein.“
Er schob das Kind tiefer in seinen Griff.
Poseidon gab einen letzten, kurzen Laut.
Kronos stieß ihn in seinen Rachen.
Rhea schlug mit beiden Händen gegen seinen Arm, gegen seine Brust, gegen die Hand an ihrer Schulter. Hart. Nutzlos. Sie sah den kleinen Leib verschwinden, Stück für Stück, und ihr Körper begriff es schneller als ihr Denken. Der Laut, der aus ihr kam, riss ihr den Hals auf. Sie hielt nicht inne. Sie griff nach, wo nichts mehr zu greifen war. Unter ihrer Hand arbeitete Kronos’ Kehle.
Gaia schwieg. Der Hof blieb still.
Kronos schloss den Mund.
Rhea stand noch immer an ihm, die Finger gekrümmt, als könne sie den Augenblick zurückreißen. Seine Hand lag weiter auf ihrer Schulter, nun nicht mehr, um sie aufzuhalten, sondern weil er sie dort hielt.
Unter seiner Hand rang Rhea nach Luft. Ihr Mund klaffte offen, doch kein Laut kam mehr. Ihr Blick glitt zu seinem Hals, zu der Stelle, an der Poseidon eben noch gewesen war. Nichts an Kronos gab ihn zurück.
Er hob die Hand von ihrer Schulter.
Mit dieser kleinen Bewegung entstand Raum im Hof. Rhea spürte ihn sofort, nur als Leere.
Kronos trat nicht von ihr weg. Den Kopf wandte er zu den Titanen an der Tiefe, zu Gaia an der Schwelle, zu allen, die gesehen hatten, was er getan hatte.
„So bleibt auch Poseidon in mir“, erklärte er.
Der Name traf sie. Er nahm ihn in den Mund, den Namen, den sie ihrem Kind gegeben hatte, und stellte ihn vor allen in seine Rede. Sie hob den Kopf, noch mit zitternden Händen. An den Knöcheln saß sein Fleischgeruch, den sie nicht abwischte.
Niemand antwortete ihm.
Jenseits der gesetzten Grenze harrten die Titanen, wo sie immer harrten. Keiner trat vor oder sprach. Niemand hob die Hand. Rhea musterte Gesichter, die sie kannte, Münder, die geschlossen blieben, Schultern, die sich nicht rührten. Diesmal wussten sie es. Sie hatten alles gesehen: die Geburt, den Griff, ihren Kampf, das Schlucken. Und sie standen.
An der Schwelle blieb Gaia.
„Du nennst es vor allen“, entgegnete sie. „Höre es auch vor allen. Was kommen wird, bringst du selbst auf dich.“
Ohne Eile sah Kronos sie an.
„Ich tue, was getan werden muss.“
„So sprach schon einer vor dir.“
Ein Zug ging durch den Hof, ohne Schritt, ohne Laut, nur mit einem kurzen Wissen zwischen den Anwesenden. Kronos’ Blick blieb auf Gaia.
„Achte auf deine Zunge.“
„Hüte deine Hand“, warnte Gaia. „Du wiederholst, was du gestürzt hast.“
Zwischen ihren Stimmen verharrte Rhea und spürte jeden Blick auf ihrem Leib. Keiner galt ihrer Stütze. Sie stand dort, wo er sie festgehalten hatte, wo er ihr Kind genommen hatte, und alle sahen, dass niemand ihn hinderte. Hof und Haus lagen offen, sodass vor aller Augen Poseidon verloren war.
Nun wandte sich Kronos ihr zu.
„Hör zu, Rhea.“
Sie antwortete nicht.
„Was in meinem Haus geboren wird, entgeht mir nicht.“
Seine Stimme blieb ruhig. Gerade darin lag der Griff. Er musste sie nicht mehr anfassen.
„Das hast du gesagt“, erwiderte Rhea.
Ihre Stimme klang rau. Im Hals lag ihr Blut. Zum ersten Mal seit dem Schlucken blickte sie ihm nicht auf den Mund, nicht auf den Hals, sondern direkt ins Gesicht.
„Und du hast es wieder getan.“
Kronos’ Blick ging kurz über ihr Gesicht, über die Spuren der Geburt, über Schweiß, Haar, Tränen, ohne irgendwo zu halten.
„Du widersprichst mir vor Zeugen. Du nennst sie vor Zeugen. Du forderst zurück, was nicht gegen mich aufstehen wird.“
Rhea machte einen Schritt auf ihn zu. Nur einen, und diesmal hielt niemand sie. „Mein Sohn.“
„Mein Haus“, entgegnete Kronos, und es war kein lautes Wort. Gerade deshalb lag es hart im Hof.
An ihm vorbei blickte Rhea zu den Titanen, zu den Älteren, zu denen, die ihn hätten zurückrufen können, wenn ihr Widerspruch etwas gegolten hätte. Niemand kam. Zustimmung musste es nicht sein. Vielleicht war es Furcht, vielleicht Unterwerfung, vielleicht beides. Es änderte nichts. Ihre Augen gingen von einem Gesicht zum anderen. Überall dieselbe Grenze. Dort bleibt ihr. Er hatte sie gesetzt, und sie hielten sie ein, auch jetzt.
In ihr zog sich etwas zusammen. Nicht die Trauer. Die letzte Erwartung, dass Offenheit ein Kind schützen könnte.
Wohin sie blickte, sah sie Kronos.
„Lern es jetzt“, erklärte er. „Bei jeder kommenden Geburt werde ich selbst an deinem Leib wachen. Ich werde da sein, wenn es aus dir kommt. Ich nehme es aus deinen Händen, ehe du wieder einen Namen in den Hof rufst.“
Rhea bewegte sich nicht.
Jetzt wusste sie, dass er nicht warten würde: weder auf Nachricht noch auf Rufe noch auf Frauenhände. Er sprach es vor allen aus und machte auch das zur Ordnung. Wenn der nächste Sohn leben sollte, würde er nicht vor aller Augen geboren werden.
Gaia erwiderte: „Du sprichst von Wachen. Du meinst Nehmen.“
Kronos gab ihr keinen Blick mehr. „Ich meine Herrschaft.“
Er trat an Rhea vorbei. So nah, dass ihr Mantel seinen Arm streifte. Sie wich nicht. Er ging durch den Hof, ohne Eile, und die Blicke gingen mit ihm. Niemand hielt ihn auf oder stellte sich ihm in den Weg. Erst als er die Schwelle des Hauses hinter sich ließ, löste sich der Druck seiner Gegenwart aus dem Raum. Die Stille blieb.
Rhea verharrte noch immer dort, wo Poseidon verschwunden war.
Gaia kam zu ihr. Erst jetzt überschritt sie die Grenze. Sie blieb dicht vor ihr stehen und legte keine Hand an sie. Rhea war dankbar dafür. Ihr Körper duldete nichts mehr.
„Komm“, sagte Gaia.
Rhea hob die Augen zu ihr.
„Woh“