Kapitel 3
Die Gebundenen im Fels
Über ihnen knackte der Fels.
Staub rieselte aus einer schwarzen Ritze und legte sich auf Schultern, Haare und offene Münder. Das Beben lief durch den Gang: kurz, tief, nicht stark genug, um etwas zum Einsturz zu bringen, aber heftig genug, um jeden Schritt unsicher zu machen. Kronos spürte es in den Beinen. Unter seinen Sohlen arbeitete die Erde gegen seinen Stand.
Diesen Stoß nutzte er.
Er riss Arges hart nach vorn und zur Seite, zwang den gebundenen Leib zwischen sich und die beiden anderen. Brontes wich nicht zurück. Stattdessen griff er erneut an, diesmal tiefer, nach dem Seil um Arges’ Mitte. Kronos gab das erste Ende frei, nur einen Fingerbreit, gerade weit genug, dass Brontes glaubte, etwas gewonnen zu haben. Dann zog er es scharf an. Das Seil schnitt ihm in die offene Hand. Brontes’ Finger klappten ins Leere.
Inzwischen kam Steropes von rechts. Kronos sah nur den Ansatz der Schulter, den Ruck im Oberkörper, dann war er da. Im Ausweichen riss er Arges quer herüber und stieß dem Angreifer den Ellbogen gegen Kiefer und Hals. Der Schlag saß schief, aber er genügte. Gegen die Wand stolpernd, rutschte Steropes mit dem Unterarm daran entlang, Stein auf Haut, Haut auf Stein.
„Runter“, sagte er.
Niemand gehorchte.
Stattdessen warf Arges sich zurück, blind vor Schmerz und Wut. Die Seile spannten sich über seinem Leib. Kronos ging mit, einen Schritt, noch einen, um nicht aus dem Griff gerissen zu werden. Nun packte Brontes nicht mehr nach Arges, sondern nach ihm selbst. Die Hand schoss an seinem Arm vorbei, striff die Schulter, bekam Stoff und verlor ihn wieder. Kronos drehte sich ein und rammte ihm die Stirn gegen das Gesicht.
Brontes taumelte nicht weit. Blut lief ihm sofort aus der Nase über den Mund. Wortlos setzte er erneut an.
Kronos stand jetzt mitten zwischen allen dreien, zu eng, ohne genug Abstand. Er roch Schweiß, Staub, das Eisen des Blutes. Hinter ihm lag der innere Schacht. Vor ihm waren die beiden Brüder noch frei. Arges hing halb im Zug, halb aus eigener Gegenwehr in den Seilen. So würde es nicht bleiben, als die Erde wieder bebte.
Diesmal stärker. Ein Schlag ging durch den Boden und ließ Steine aufspringen. Steropes verlor den Stand und fiel mit einem Knie auf das Geröll. Brontes fing sich an der Wand ab. Kronos brauchte den Augenblick nicht erst zu suchen. Er war da.
Er zog Arges herum und warf das lose Ende des zweiten Seils Steropes über Nacken und Schulter. Der Wurf saß schief, ungeplant. Aber das Ende fiel tief genug. Kronos fasste nach, packte es, trat zurück und zog.
Steropes wurde nach vorn gerissen. Das eine Knie brach ganz weg. Seine Hand fuhr zum Seil, doch Arges’ Gewicht und die Spannung hielten ihn unten. Kronos stemmte den Fuß zwischen Steropes’ Schulterblätter und zog noch einmal.
„Runter.“
Diesmal war es kein Befehl mehr. Es war Arbeit, denn Brontes kam schon wieder. Das Blut lief ihm bis ans Kinn. Er nahm den Kopf tief, wollte in den Leib hinein, den Griff eng machen, alles mit Masse brechen. Kronos lockerte das zweite Seil gerade so weit und griff nach einem losen Stein am Rand des Gangs. Kantig und schwer genug traf der Stein Brontes nicht an der Stirn, sondern seitlich über dem Ohr.
Brontes hielt den ersten Schritt noch durch, im zweiten verlor er die Richtung. Im nächsten trat sein Fuß auf eine rollende Kante. Er schlug mit Schulter und beiden Händen gegen die Wand. Kronos war bei dem Riesen, bevor er sich wieder stellen konnte. Ohne zu zögern, riss er ihm den Arm auf den Rücken, drückte sein Gesicht gegen den Fels und schlug das frei gewordene Seil um Handgelenk und Unterarm.
Brontes bäumte sich auf. Kronos hing sich mit dem ganzen Gewicht hinein. Unter ihren Füßen schabte Stein. Der gebundene Arm kam eine Handbreit hoch und sank wieder. Kronos zog das Ende herum, zweimal, dann klemmte er es in die Spannung und riss fest.
Jetzt brüllte Brontes laut vor Zorn, doch Kronos gab ihm keinen Raum dafür. Er trat ihm in die Kniekehle. Mit einem Ruck sackte der Riese auf ein Bein. Kronos zog weiter, bis auch das zweite nachgab.
Inzwischen war Steropes fast frei gekommen. Er hatte das Seil am Hals nach oben geschoben. Arges lag halb auf der Seite und riss noch immer an seiner Fessel. Kronos hörte das Reiben der Stränge über Haut und Schweiß. Wenn einer hochkam, standen bald alle wieder.
Er ließ Brontes los, sprang zurück zu Arges und Steropes und nahm das erste Seil erneut in beide Hände. Ein Zug an Arges, ein Tritt gegen Steropes’ Arm, dann war der Abstand wieder klein genug, um sie gemeinsam unten zu halten. Als Steropes nach seinem Bein schlug, trat Kronos ihm auf das Handgelenk. Knochen knackten nicht, aber der Griff öffnete sich.
„Gesicht auf den Boden.”
Steropes hob den Blick. Sein einzelnes Auge stand weit offen. Staub klebte ihm an den Zähnen. Er tat, was man ihm gesagt hatte, aber nicht schnell genug für Kronos. Der trat ihm zwischen Nacken und Schulter, bis Brust und Stirn auf dem Stein lagen. Dann zog er das Seil wieder an, sodass der andere und Steropes fest gegeneinander saßen und keiner den ersten Ruck frei bekam, der den Rest gelöst hätte.
Während Brontes noch auf einem Knie war, arbeitete sein gefesselter Arm gegen die Wicklung. Die Adern traten ihm am Hals hervor. Kronos sah, wie weit die Spannung noch hielt und wie wenig Zeit ihm blieb. Noch ein Erdstoß, noch ein falscher Tritt, dann brach ihm die Lage wieder auf.
Da kam hinter ihm ein dumpfer Schlag aus dem inneren Gang.
Diesmal nicht aus dem offenen Tiefraum, sondern weiter hinten, aus Stein, der dem Druck nachgab.
Der Gefesselte hörte es auch. Nur einen Fingerbreit hob er den Blick. „Da.“
Kronos zog das Seil hart an. Die Wange des anderen schlug gegen den Boden.
„Sprich.“
Arges spuckte Staub aus. „Der Schacht ihres Vaters.“
Wieder kam ein Stoß, kürzer, härter. Hinter Kronos lief ein Reißen durch den Fels, lose Stücke sprangen aus der Wand, und dann fiel etwas Schweres im Innern um.
Als der schmale Zugang hinter ihm nicht mehr still blieb, wandte er sich um. Kalte Luft drang jetzt in härteren Stößen heraus. Trocken strich sie aus der Tiefe. Sie roch nicht nach offener Erde. Sie roch nach etwas, das lange verschlossen gewesen war.
Mit dem freien Arm stieß sich der Dritte hoch.
Kronos war sofort bei ihm und trat ihm mit der Ferse gegen den Kiefer. Der Kniende kippte zurück auf beide Knie. Bevor er sich wieder aufrichten konnte, packte Kronos das lose Seilende, führte es hinter seinem Hals herum und zog es zu Arges’ Fessel zurück. Nicht sauber, nicht fest genug auf Dauer. Aber genug, um alle drei in dieselbe Richtung zu zwingen, wenn einer loswollte.
Unter dem Druck am Hals würgte Steropes und versuchte, sich auf die Seite zu drehen. Kronos schlug ihn mit dem Handrücken zurück auf den Bauch.
„Ihr bleibt unten.“
Dann hob der Gefesselte den Blick. Blut lief ihm aus dem Ohr den Hals hinab. „Mach auf.“
Kronos sah ihn an. „Wofür?“
Für dich nicht.
Ein dritter Schlag kam aus dem Innern. Diesmal brach der Stein wirklich. Durch den Gang lief der Laut und endete in einem kurzen Nachrollen. Staub stob aus dem Riss hinter Kronos. Ein Stück des alten Verschlusses, das bisher noch gehalten hatte, sprang aus der Fassung und zerschellte zwischen den Steinen.
Jetzt erkannte er es deutlich.
Hinter dem zuerst gesprengten Bruch lag nicht bloß Fels. Dort war Mauerwerk gesetzt worden. Tiefer im Gang: alte Steinplatten, Kante gegen Kante, bewusst gefügt und mit Sperrsteinen verkeilt. Dahinter: ein verrammelter Schacht.
Direkt unter seinem Sitz.
Unter dem Ort, an dem er oben richtete und nahm.
Hier hatte Uranos nicht nur drei Söhne weggesperrt. Er hatte darunter weiter verschlossen. Tiefer. Näher am Kern des Berges. Kronos verharrte einen Augenblick reglos und begriff das Maß nicht ganz, wohl aber die Absicht. Der Vater hatte unter den Fels gelegt, was kein Blick erreichen sollte. Und er hatte den Zugang dort verborgen, wo später Herrschaft saß.
Arges lachte heiser, kurz, ohne Freude. „Ich sagte es.“
Kronos kehrte zu ihm zurück, packte ihn am Haar und hob ihm das Gesicht an. „Was ist dahinter?“
Arges verzog keine Miene. „Was er schloss.“
„Was?“
„Nicht für deinen Mund.“
Kronos drückte sein Gesicht wieder auf den Stein, bis die Zähne hart aufschlugen. Als er losließ, kam nichts mehr. Vielleicht wusste Arges es nicht. Vielleicht wusste er genug und wollte es ihm nicht sagen. Beides änderte nichts.
Der Zugang hinter ihm brach weiter auf. Ein Spalt wurde sichtbar, noch schmal, aber tief genug, dass Luft daraus drängte. Im Dunkel dahinter stand keine lose Felswand; der Gang lief weiter.
Kronos prüfte die Seile. Arges bildete den Mittelpunkt der Spannung. Steropes hing mit Hals und Schulter im Zug, Brontes mit einem Arm und dem schlecht geführten Umschlag hinter dem Nacken. Wenn einer allein Kraft ansetzte, hielt es nicht lange. Wenn zwei zugleich arbeiteten, riss es, aber nicht sofort, nicht in den nächsten Atemzügen.
Das reichte.
Er zog Brontes noch weiter nach unten, setzte ihm den Fuß zwischen die Schulterblätter und legte das freie Ende einmal um einen aus dem Boden stehenden Felszahn. Das Seil hemmte nur. Er spannte nach, bis Brontes flach lag und der gefesselte Arm ihm wieder hart auf den Rücken gezogen wurde. Dann trat er zwei Schritte zurück, ohne …
Ohne den Druck vom Seil zu nehmen, stieß Brontes die Luft aus und blieb liegen.
Während der Gang unter ihnen zitterte, rann Staub aus den Ritzen. Von oben drang dumpf ein Schlag durch das Gestein, dann noch einer, tiefer, näher im Fels. Nur kurz hielt Kronos still und lauschte. Sein Blick glitt zur Verspannung, zu Arges’ Hals in der Schlinge, zu Steropes’ verdrehtem Arm, zu Brontes’ Rücken unter seinem Fuß.
„Rührt euch“, sagte er, „und ich trete euch die Gelenke aus den Pfannen.“
Über die Stirn lief Steropes Blut ins Auge, als er den Kopf einen Fingerbreit vom Stein hob. „Geh nicht hinein.“
Den Blick auf den Zugang gerichtet, sagte Kronos: „Du hältst mir keinen Weg zu.“
„Nicht ich.“
Mit der Wange auf dem Fels lag Arges. Rau und flach kam seine Stimme. „Er hat ihn nicht für uns verrammelt. Dahinter liegt nicht Gefangenschaft. Dahinter hat unser Vater bewahrt, was er nicht preisgeben wollte.“
Dann nahm Kronos den Fuß von Brontes’ Rücken und trat an den aufgebrochenen inneren Zugang. Der Spalt war nun breit genug für Schultern und Hüfte. Dahinter begann ein Gang, niedriger als der äußere, enger geführt, mit glatten Kanten im Fels. Der Verschluss war gesetzt worden, nicht einfach geborsten. Hier hatte Werk gesessen. Hier hatte eine Hand gemessen. Hier hatte ein Wille geschlossen.
Mit beiden Händen am Rand des Bruchs drückte er. Doch der Fels hielt. Er setzte die Schulter an, trieb den Körper vor; Stein rieb auf Stein, und im Inneren knackte es kurz und hart. Ein Stück löste sich unter seinem Gewicht und kippte nach innen. Kühle Luft schlug ihm entgegen, alt und trocken, mit einem Hauch von Metall auf der Zunge.
Hinter ihm spannte sich ein Seil. Brontes hatte gezogen. Kronos fuhr herum, griff das lose Ende, riss einmal scharf daran und zog den Kyklopen über den Fels. Brontes’ Kopf schlug gegen die Wand, das Geräusch kurz und fest. Danach rührte er sich nicht mehr.
„Noch einmal“, sagte Kronos, „und ich lasse euch hier mit gebrochenen Rücken.“
Arges antwortete nicht. Steropes atmete hörbar durch die Zähne. Beim nächsten Stoß des Berges hob und senkte sich der Boden unter ihren Körpern. Der Zug in den Seilen veränderte sich. Ein Knoten knirschte am Felszahn. Deshalb kehrte Kronos zurück, prüfte ihn, legte eine halbe Windung nach und zog sie fest, bis die Fasern sich setzten. Er zog an Arges’ Schlinge, nicht hart genug zum Würgen, aber hart genug, dass der Kopf des Kyklopen gegen den Boden gedrückt blieb.
Dann wandte er sich wieder dem inneren Gang zu.
Er duckte sich und stieg hinein.
Schon nach wenigen Schritten verschluckte der Seitenschacht den Lärm des Kampfes hinter ihm. Der Gang zwang ihn tief hinab. An manchen Stellen streiften seine Schultern beide Wände. Die Luft stand abgestanden, doch darunter lief ein anderer Zug, schwach, weiter vorn. Der Boden fiel leicht ab.
Weiter vorn endete die Dunkelheit nicht, aber sie wurde dichter. Kronos verharrte. Vor ihm lag kein freier Fortgang mehr. Quer im Gang saß eine zweite Sperre, tiefer gesetzt als die erste, nicht hoch, doch breit in die Wände gearbeitet. Drei Steinblöcke, ineinander verkeilt. Dazwischen dunkle Fugen, zu schmal für einen Arm. Der Verschluss stand wie ein Riegel.
Er trat heran und legte die Finger in eine Fuge. Kalter Staub, alter Abrieb. Er drückte gegen den mittleren Block. Nichts. Er trat dagegen, erst prüfend, dann mit voller Ferse. Der Schlag lief ihm durchs Bein. Der Riegel hielt.
Danach setzte er noch einmal an, diesmal tiefer, härter, mit beiden Händen gegen die seitlichen Kanten, das ganze Gewicht nach vorn. Etwas knirschte, und der Riegel verschob sich um vielleicht eine Fingerbreite. Genug, dass
Genug, dass kalte Luft durch die neue Spalte fuhr und ihm trocken ins Gesicht schlug.
Kronos wich nicht zurück. Stattdessen schob er die Finger tiefer in die Fuge, suchte Halt an rauen Kanten, stemmte die Füße gegen den Boden und zog den mittleren Block mit kurzen, harten Rucken weiter aus seiner Lage. Stein schabte über Stein. Das Geräusch fraß sich durch den engen Schacht und kam dumpf zurück. Beim dritten Zug sprang der Block ein Stück nach vorn. Sein Gewicht riss ihm die Arme nach unten. Er fing ihn mit dem Oberschenkel ab, ließ ihn kippen und drückte ihn mit der Schulter aus dem Verband. Als er fiel, traf er den Boden mit einem Schlag, der bis in die Decke lief.
Sofort antwortete der Berg. Ein Zittern ging durch den Gang. Aus den Fugen löste sich Staub und legte sich auf Kronos’ nackte Unterarme. Irgendwo hinter ihm geriet loses Gestein kurz ins Rollen und kam wieder zur Ruhe.
Er wartete nicht. Da die beiden übrigen Blöcke ohne den mittleren Halt nicht mehr fest saßen, trat er gegen den rechten, genau auf die innere Kante. Der Stein kippte erst kaum merklich, dann brach er aus seiner Stellung und sank schräg nach innen. Um sich nicht Fuß und Schienbein einzuklemmen, sprang Kronos zur Seite. Der linke Block saß noch fest. Er rammte beide Hände in den schmalen Zwischenraum, drückte, trat nach, spürte Widerstand, dann das Nachgeben. Danach löste sich auch dieser Stein und sackte in den offenen Raum dahinter.
Als der Durchlass gerade eben reichte, ging Kronos in die Knie und schob den Oberkörper hindurch, eine Hand voran, die andere flach auf dem feuchten Boden. Unter der Staubschicht lag glatterer Stein, sauber bearbeitet statt natürlich gebrochen.
Dann kroch er ganz durch die Sperre und richtete sich erst auf, als der Raum es zuließ.
Hinter der Sperre weitete sich der Schacht so weit, dass er gerade stehen konnte. Im Innern waren die Wände sauberer gearbeitet als draußen. Fugen liefen in klaren Linien. An mehreren Stellen saß Metall im Stein, dunkel, stumpf, fest eingefasst. An den Flächen befanden sich Halterungen, kein offenes Zierwerk: Ösen und Ringe, tief in die Wand getrieben. Einige waren leer. Andere trugen noch Reste von etwas, das unter seinen Fingern hart und spröde war und bei Druck zerfiel.
Kronos hob die Hand zur Nase. Staub klebte an seiner Haut: altes Mineral, darunter ein flacher, kalter Hauch von Metall. Sonst nichts.
Dann blieb er still und lauschte.
Weder Atem noch Schleifen oder Kettenzug erreichten ihn. Als er weiter horchte, blieben nur das ferne Dröhnen des Othrys und darunter ein Laut, den der Raum selbst hielt: ein schwaches Nachklingen, nicht frisch und doch nicht ganz tot. Er drehte den Kopf langsam. Der Boden in der Mitte war abgesenkt, nur wenig, aber klar gegen den Rand gesetzt. Dort hatte lange Gewicht gelegen, oder etwas war dort befestigt gewesen. Um die Senke herum zogen sich Schrammen durch den Stein. Es waren wenige, und Spuren von Kampf fehlten. Nirgends waren Knochen, Stoff oder Werkzeuge zu sehen, nichts, was man vergessen hätte.
Leer.
Dann traf der nächste Stoß des Berges härter als die vorigen.
Als der Boden unter ihm sprang, fuhr ein Schlag durch die Wände. Aus der Decke platzte Gestein. Ein Brocken streifte seinen Rücken, ein zweiter traf den Rand der Vertiefung und zerbarst. Kronos warf sich instinktiv zur Seite, fing sich an einer Metallöse und spürte, wie sie in der Wand arbeitete, aber hielt. Staub füllte ihm den Mund. Im selben Augenblick kam von draußen ein dumpfes Krachen, erst fern, dann näher, dann das rollende Nachbrechen loser Stücke.
Der Rückweg.
Trotzdem ließ er die Öse los, stieß sich ab und war mit zwei Schritten wieder an der geöffneten Sperre. Durch die schmale Öffnung drang Staub in dichten Schwaden herein. Der Gang davor war noch da, aber enger als zuvor. Hinter ihm knackte es erneut im inneren Raum. Eine weitere Stelle der Decke gab nach und schickte ...
…ihm Steinsplitter in den Nacken.
Kronos duckte sich unter der Öffnung hindurch und zwang Schultern und Brust durch den aufgebrochenen Durchlass. Scharfkantiger Stein riss ihm die Haut am Arm auf. Für einen Augenblick klemmte ihn nachgerutschtes Gestein an den Hüften fest. Er stemmte beide Hände in den Boden, drückte sich vor, trat gegen einen Block, bis er nachgab, und zog den Leib in den engen Seitenschacht zurück.
Hier war die Luft dichter. Der Staub stand nicht nur in Schwaden, sondern blieb zwischen den Wänden hängen und machte jeden Atemzug kurz. Hinter ihm knackte der bearbeitete Raum weiter. Vor ihm lag der Gang, den er eben noch ohne Zögern genommen hatte. Jetzt hing ein neuer Bruch von der Decke in den Weg. Gestein hatte sich gelöst und den Schacht an einer Stelle halb verschlossen. Noch kam, obwohl der Durchlass enger geworden war, ein Mann hindurch. Vielleicht.
Dennoch hielt Kronos nicht inne. Er ging tief geduckt weiter, eine Hand an der Wand, die andere vor dem Gesicht. Unter seinen Sohlen rollten kleine Steine weg. Zweimal stieß er mit dem Rücken gegen überhängenden Fels. Beim dritten Schritt bebte der Berg erneut, kürzer diesmal, hart und nah. Von irgendwo weiter draußen drang ein Laut herüber, dumpf und schwer, dann das Geräusch von Stein auf Stein.
Während er weiterging, dachte er nicht mehr an den Halteraum, nicht an die Ringe, nicht an das, was dort gefehlt hatte. Der Befund war klar. Arges hatte recht gehabt. Uranos hatte dort unten etwas verwahrt, nicht die drei Brüder. Was immer dort festgesessen hatte, war fort. Mehr gewann er hier nicht. Noch ein Stoß, und der Berg nahm ihm den Rückweg ganz.
Am engeren Bruch sank er auf ein Knie. Ein Block hatte sich schräg verkantet und ließ nur unten einen niedrigen Spalt frei. Kronos legte die Schulter gegen die Kante und drückte. Der Fels rührte sich nicht. Er setzte beide Hände an, spürte das Zittern des Steins, den Widerstand des Gewichts, und drückte erneut, diesmal mit dem ganzen Leib. Der Block schabte ein Stück zur Seite. Inzwischen reichte der Spalt, um Schädel und Arm hindurchzubringen.
Von draußen drang ein Laut herein. Eine Stimme kam dumpf durch Staub und Stein, dann noch eine. Er verstand die Worte nicht, nur den Ton: angespannt, wach, nicht gebrochen.
Die Kyklopen standen noch.
Dann zog Kronos den Arm zurück, griff nach dem losen Schutt unter sich und riss ihn nach hinten. Kleinere Stücke polterten zwischen seine Beine. Wieder drang eine Stimme heran, jetzt näher, diesmal deutlich genug, dass er Arges erkannte. Der eine Name, den er hörte, war nicht seiner.
Brontes.
Kronos schob den Kopf in den Spalt und brüllte in den Gang hinaus: „Still.“
Das Echo nahm die Stimme auf und warf sie ihm kurz zurück. Dann wurde es draußen wirklich still, und nur das ferne Rieseln von Staub blieb.
Er arbeitete weiter, ohne Hast, aber ohne Unterlass. Ein weiterer Stein klemmte ihm den Unterarm ein; er riss ihn los und ließ Haut am Fels. Dann zwang er sich durch den Bruch, erst Kopf und Schulter, dann Brust, Hüfte, Beine. Als er endlich auf der anderen Seite lag, drückte der Stein noch einmal gegen seinen Rücken, ehe er frei kam. Auf die Knie gerollt, hob er sofort den Blick in den Hauptgang.
Staub hing dort bis auf Brusthöhe. Durch die Trübe traten die drei Gestalten nur stückweise hervor: ein Arm, eine Schulter, ein Auge, Licht auf Schweiß, dunkler Fels hinter nackten Fersen. Doch sie standen nicht dort, wo er sie zuletzt gehalten hatte. Nah genug, um die Umrisse zu erkennen, und doch weit genug.
Der Hauptgang weitete sich hinter ihnen nur um eine Armlänge, ehe er wieder in Schatten zurückfiel; der Schacht lag tiefer, der Hof dahinter nur als matter, aschiger Schein zu ahnen. Zwischen den Umstehenden und der Öffnung spannte sich der Raum in harten Stufen aus Fels, Staub und abgebrochenem Licht.
Arges stand dem Seitenschacht am nächsten. Noch lag die Schlinge um ihn, tiefer gerutscht, mit Steinmehl bedeckt. Sein Brustkorb hob und senkte sich schwer. Brontes hatte sich halb vor Steropes gestellt, breit im Gang, die Knie gebeugt. Näher an der Wand hielt sich Steropes, den Kopf schräg, den Blick fest auf die Öffnung gerichtet, aus der Kronos kroch.
Keiner von ihnen sprach.
Langsam richtete Kronos sich auf. Aus seinen Haaren lief ihm Staub ins Gesicht. Sein linker Arm blutete an mehreren Stellen. Er hob das Ende des Seils auf, das im Schutt lag, prüfte die Spannung zur Schlinge um Arges’ Leib und wickelte die lose Länge einmal hart um die Hand.
„Auf den Boden“, sagte er.
Brontes rührte sich nicht. „Der Gang fällt.“
„Dann leg dich, bevor er dich nimmt.“
Brontes verharrte. Durch den Staub sah Kronos, wie sich dessen Brust hob. Einen halben Schritt wich Steropes zurück. Arges wandte den Kopf nur wenig, gerade genug, um Kronos mit dem einen Auge anzusehen.
„Du warst drin“, sagte Arges.
Kronos antwortete nicht.
Arges’ Blick glitt an ihm vorbei zur verrammelten Öffnung, dann zurück. „Nicht für uns.“
Kronos zog am Seil.
Die Schlinge schnitt Arges den Satz ab. Sein Leib wurde nach vorn gerissen. Er fing sich nicht schnell genug und schlug mit einem Knie auf den Fels. Im selben Zug setzte Kronos einen Schritt aus dem Seitenschacht.
Brontes fuhr vor, doch nicht weit. Nur so weit, dass er den Bruder nicht fallen ließ, ohne selbst zu stürzen. Kronos bemerkte es und hob sofort den rechten Arm, die Sichel noch voller Staub, die Schneide matt im trüben Licht des Schachts.
„Noch einen Schritt.“
Reglos verharrte Brontes. Sein Atem ging hart. Steropes lehnte jetzt fast mit dem Rücken an der Wand, duckte den Kopf nicht und sagte nur: „Du ziehst einen nieder und drohst dreien.“
„Ich brauche nicht zu drohen.“ Dabei hielt Kronos die Sichel still. „Ich entscheide.“
Dann trat er weiter aus der Öffnung, bis beide Füße fest auf dem ebenen Fels standen. Hinter ihm gähnte der Seitenschacht, vor ihm zog sich der breite Gang zum äußeren Erdschacht. Staub rieselte von der Decke. Arges rang unter der Schlinge nach Luft und hielt sich mit beiden Händen am Seil, ohne es lösen zu können.
Kronos maß die drei nacheinander: Brontes zuerst, wegen der Schultern und des Zorns. Dann Steropes, wegen der Stille. Zuletzt den Dritten, weil er schon am Boden gelegen hatte und noch immer nicht bat.
„Hoch“, befahl Kronos.
Arges stemmte sich auf ein Knie.
Kronos zog wieder an. „Ganz.“
Arges kam hoch. Langsam, mit dem Kopf zuerst, dann mit dem Rücken, bis er auf den Beinen stand, breit und schwankend. Die Schlinge schnitt tief unter den Armen in Fleisch und Atem. Brontes’ Hände öffneten und schlossen sich, während Steropes nicht auf das Seil sah, sondern auf Kronos’ Gesicht.
„Geht voran.“ Er deutete mit der Sichel in den Gang. „Zum äußeren Schacht.“
Dann setzte er sie in Bewegung. Mit einem Zug am Seil trieb er Arges voran, mit einer knappen Bewegung der Sichel die beiden anderen. So gingen sie durch den Felsgang zurück. Vor ihnen lag das Staublicht dünn auf dem Boden. Hinter ihnen klaffte der Seitenschacht offen, dunkel und ohne Stimme.
Am äußeren Erdschacht warteten die Brüder.
Okeanos hielt inzwischen den größten Abstand vom Rand, aber so, dass er alles überblickte. Koios hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Iapetos stand mit gesenktem Kinn, die Füße fest, unbewegt. Hyperion näherte sich als Einziger dem Rand des Schachts weit genug, um in die Tiefe zu blicken, ohne den Blick lange dort zu lassen.
Sie sahen zuerst die Kyklopen, dann das Seil und erst danach Kronos.
Keiner fragte, was geschehen war. Die Blutspuren an seinem Arm, der Staub in seinem Haar, der harte Zug in seiner Hand genügten. Sie alle verstanden, dass hier nicht die Rückkehr aus einem Kampf vor ihnen stand, sondern eine Entscheidung.
Kronos führte Arges bis an den Rand des Schachts und hielt ihn dort an. Brontes und Steropes verharrten zwei Schritte dahinter. Der Wind aus der Tiefe kam kalt herauf und trug den Geruch von nassem Stein. Unter ihnen fiel der Schacht in die Gaia-Tiefen, schwarz und still.
Dann wandte er sich nicht sofort zu seinen Brüdern um. Er ließ sie warten. Ein Fuß scharrte über Stein, ein kurzes Räuspern verging wieder. Dann sprach er.
„Von heute an hat jeder an seinem Ort zu stehen.“
Niemand unterbrach ihn.
„Okeanos hält die äußeren Ströme und die Ränder. Iapetos ist das Feste bestimmt, die Arbeit, das, was getragen und gehalten werden muss. Koios steht mir im Rat. Hyperion erhält den Aufgang und das Licht des Tags.“
Ohne Wärme sprach er die Namen aus, gab nicht nach und bestimmte.
Mit kaum merklicher Bewegung neigte Hyperion den Kopf. Nicht tief. Gerade genug. „Du ordnest weit.“
Kronos sah ihn an. Das Lob saß sauber. Darin lag Maß. Darin lag auch Prüfung. Beides hing in der Luft.
„Ich ordne, was gehalten werden soll.“ Seine Finger blieben fest um das Seil geschlossen.
Okeanos sagte: „Und wer steht dir am nächsten?“
Einige Herzschläge lang schwieg Kronos. Er ließ die Frage wirken, während der kalte Luftzug am Schachtrand zerrte. Nähe war kein Trost, sondern Blick. Unmittelbarkeit war Zugriff. Er ließ den Blick über sie gehen, einen nach dem anderen, und jeder wusste, dass die Antwort nicht nur Rang meinte.
„Der, der seinen Ort nicht vergisst.“
Koios senkte die Arme, nicht aus Entspannung. „Dann ist der Ort beweglich.“
„Nur für den, der mich dazu zwingt.“
Wieder rieselte Staub in die Stille. Iapetos hob den Blick zu den Kyklopen. Arges stand schwer atmend am Rand. Brontes hielt sich aufrecht, den Zorn offen im Gesicht. Steropes war blasser geworden, doch sein Blick blieb fest.
„Und sie?“, fragte Iapetos.
Jetzt drehte Kronos sich ganz zu ihnen um. Das Seil blieb hart in seiner Hand.
„Sie gehen hinab.“
Brontes stieß Luft durch die Zähne. „Wir waren schon unten.“
„Darum kennt ihr den Weg.“
Steropes sagte: „Du hast den Vater gestürzt.“
Kronos’ Gesicht veränderte sich nicht.
„Ich habe getan, was nötig war.“
Der Wind fuhr aus der Tiefe herauf und strich kalt über die Felskante.
Niemand antwortete sofort.
Der Wind hob den losen Staub am Rand des Bruchs. Aus der Tiefe kam ein dumpfer Laut, kurz und fern, dann wieder Stille. Unter ihren Füßen lief ein feines Knacken durch den kalten Stein.
Brontes setzte einen Schritt zurück, nicht aus Gehorsam, sondern um festen Halt zu finden. „Nötig für wen?“
Kronos ging auf ihn zu. Das Seil straffte sich in seiner Faust. Die Sichel hing niedrig in seiner anderen Hand. „Für den Ort. Für alle, die auf ihm stehen.“
„Für deinen Sitz“, entgegnete Brontes.
Kronos blieb dicht vor ihm stehen, ohne etwas zu sagen. „Jetzt ist das dasselbe.“
Hyperions Blick ging erst hinab auf den aufgerissenen Rand, auf die lose Kante, auf die Spalten, die vom Schacht aus unter den Hof liefen. Er schwieg. Okeanos tat es für ihn.
„Er hat recht“, sagte Okeanos, ohne den Blick vom Bruch zu nehmen. „Wenn das offen ist, reißt es weiter. Der Fels hält das nicht lange.“
Koios wandte den Kopf zu ihm. „Du forderst ihren Einschluss?“
Inzwischen forderte Okeanos vor allem, dass der Berg stehen blieb. „Was unten liegt, was unten war, ist nicht unser Griff. Aber das hier bricht unter uns weg. Wenn der Zugang offen ist, hält nichts mehr.“
Iapetos sah von einem zum anderen. Ihm wurde das Ausmaß erst jetzt klar: nicht bloß ein Loch im Fels, nicht bloß Lärm aus der Tiefe. Der Anspruch, den Koios erzwungen hatte, stand am Rand eines Einsturzes. Und er stand davor mit Seil und Sichel, nicht mit einem Wort, das jemanden gewann.
Arges hob den Kopf, wobei Schmutz an seiner Stirn klebte. Blut war an seiner Schläfe getrocknet. „Du willst tun, was er tat.“
Kronos blickte ihn an. Er widersprach nicht. Für einen kurzen Augenblick blieb sein Blick an der Öffnung hängen, an dem dunklen Zug nach unten, an dem gebrochenen Stein, aus dem kalte Luft heraufzog und metallisch auf der Zunge lag. Arges hatte recht. Derselbe Weg. Derselbe Zugriff. Nur der Herr stand oben an anderer Stelle.
Schließlich sagte er: „Ich will, dass ihr unten bleibt.“
Brontes lachte hart, ohne Freude. „Dann zwing uns.“
Kronos tat es ohne ein weiteres Wort.
Er riss am Seil und brachte Arges aus dem Stand aus dem Gleichgewicht. Im selben Zug trat er Brontes gegen das Knie. Der Kyklop brach nicht zusammen, aber der Schritt nach vorn misslang ihm. Kronos schlug mit dem Schaft der Sichel auf Brontes’ Schulter und drängte ihn zur Kante. Steropes fuhr dazwischen, schnell trotz seiner Blässe, packte Kronos am Unterarm. Kronos drehte sich in die Bewegung, stieß ihm den Ellenbogen gegen den Hals und warf ihn gegen den gespaltenen Randstein.
Sofort antwortete der Bruch. Stein splitterte. Ein Stück der Kante brach weg und stürzte in den Schacht.
Während Hyperion einen Schritt nach vorn machte, hielt er schon wieder an. Koios spannte sich, griff aber nicht ein. Okeanos fluchte leise, nicht über die Männer, sondern über den Stein.
„Zurück von der Kante.“ Seine Stimme schnitt scharf durch den Hof. „Wenn sie ganz nachgibt, reißt sie euch mit.“
Kronos hörte ihn und handelte doch weiter am Rand. Mit einem harten Ruck zog er Arges vor sich, benutzte die Spannung des Seils, um Brontes fernzuhalten, und hob die Waffe gegen Steropes, der sich wieder hochstemmte.
„Hinab“, befahl er.
Brontes stand schwer atmend vor ihm, die Hände offen, der Rücken gespannt. Er blickte nicht auf die Klinge. „Nein.“
Dann trat Kronos noch näher. „Noch einmal.“
„Nein.“
Der Schlag kam mit der flachen Seite der Sichel in Brontes’ Gesicht. Nicht tief, aber hart genug, dass Blut aus der aufgeplatzten Haut lief. Brontes taumelte einen Schritt, fing sich und wollte sich auf Kronos werfen. Iapetos sah es kommen. Diesmal ging er vor, packte Brontes von der Seite unter dem Arm und stemmte sein Gewicht gegen ihn.
„Genug“, stieß Iapetos hervor.
Brontes riss an ihm, ohne dass es Trost oder Schutz gewesen wäre. Es war nur die nackte Lage. „Weg.“
„Wenn du jetzt springst, zieht er euch alle mit hinunter“, warnte Iapetos.
Brontes rang noch einen Atemzug gegen den Griff, dann stand er still, bebend vor Wut.
Arges sah zu Steropes hinüber, und zwischen ihnen ging etwas wortlos hin und her. Dann wandte Arges sich an Kronos. „Und wenn wir unten sind?“
„Dann bleibt ihr unten.“
„Bis der Stein wieder bricht.“
„Bis ich es anders bestimme.“
Steropes spuckte Blut auf den Boden. Der rostige Geschmack musste ihm noch im Mund liegen. „Du klingst schon nach ihm.“
Kronos’ Mund wurde hart. „Hinab.“
Okeanos trat jetzt endlich näher an die anderen heran, aber nicht an die Kante. „Wenn ihr es tut, dann sofort“, sagte er zu Kronos. „Nicht im Streit bis zum Abend. Schafft sie hinein. Dann den Block davor.“
Koios blickte kurz zu ihm. Kein Widerspruch kam. Nur ein knappes Nicken, das weniger Zustimmung als Anerkennung war.
Ein trockenes Knacken lief am Rand der Öffnung entlang.
So leise, dass es alle erreichte.
Staub rieselte in den Schacht. Ein Stück Geröll löste sich, sprang an der Kante vorbei und fiel in die Tiefe. Unten blieb es stumm.
Gaia kam über den Hof, ohne Eile, ohne Hast. Wer sie erblickte, trat ihr aus dem Weg. Sie blieb nicht bei den Titanen stehen, sondern ging bis an den geborstenen Rand, weit genug, um den aufgerissenen Stein zu sehen, doch nicht so nah, um ihn zu reizen. Ihr Blick glitt über die Bruchlinie, über den offenen Zugang, über die feinen Erschütterungen im Fels.
Als sie den Kopf hob, wandte Kronos sich zu ihr.
„Nicht länger.“
Sein Atem ging schwer, während Blut an seinem Arm trocknete. Seine Hand lag noch an der Sichel.
Gaia sah nicht zuerst ihn an, sondern den Berg. „Ich ahnte, dass tief unten etwas verschlossen lag. Ich wusste vom alten Verschluss unter dem Hof. Ich sah, dass der Sturz ihn gebrochen hat. Aber das hier …“ Sie schwieg, als erneut ein Zittern durch den Boden ging. „Das ist kein bloßes Loch. Ein Kerker war es nicht mehr.“
Okeanos’ Blick folgte ihrem. Er sagte nichts.
Gaia sprach nun lauter, sodass es alle erreichte. „Der Druck sucht den Weg, den er schon geöffnet hat. Dieser Weg steht frei, und ihr habt ihm Luft gegeben. Raum. Einen Riss. Wenn ihr ihn so lasst, arbeitet der Berg weiter. Stein auf Stein, tiefer und breiter.“
Steropes lachte heiser aus dem Schachtmund. Blut klebte ihm noch an den Zähnen. „Dann hör auf, Mutter. Sag ihm, er soll uns herauslassen.“
Während sie hinabsah, verhärteten sich ihre Züge gegen das, was unter ihnen lag. „Ich sage, was ist.“
Nah am Einstieg stand Brontes. Die Fesseln hingen nicht mehr straff, doch die Striemen zeichneten sich an seinen Armen ab. Er hielt den Blick auf Kronos. „Hörst du? Nicht nur wir stehen unter dir. Auch dein Sitz.“
Einen Atemzug lang antwortete Kronos nicht. Er sah in die Öffnung, in das Dunkel unter dem Hof, auf das, was er selbst aufgerissen hatte. Er kannte den engen Gang, das rohe Gestein, den bearbeiteten Schacht dahinter: die Metallringe und die alten Halterungen, die gesprengte innere Sperre, den leeren Raum, der nicht für diese drei gemacht worden war. Er ahnte nicht, was dort gelegen hatte. Er wusste nur, dass es fort war und der Weg nun offenstand.
Ein schärferes Knirschen brach vom Rand. Koios wich einen Schritt zurück.
Von jäher Entschlossenheit getrieben hob Gaia die Hand und legte sie flach auf den Fels neben der Öffnung. „Er hält das nicht offen.“ Ihre Hand blieb auf dem Stein. „Nicht hier, nicht unter diesem Hof. Das ist ein Mund der Tiefe, und offen frisst er weiter.“
Das Wort stand zwischen ihnen.
Iapetos sah von Gaia zu Kronos. Sein Griff an Brontes lockerte sich für einen Moment, nicht aus Nachsicht, sondern aus Staunen über diesen Satz. Er packte wieder fester, als Brontes den Kopf zu Gaia hochriss. „Und darum wieder zu? Stein über Fleisch. Wieder Vaterhand?“
„Schweig“, fauchte Kronos.
„Nein.“ Brontes machte einen Schritt nach vorn, obwohl Iapetos ihn hielt. „Sag es vor allen. Sag, dass du den Berg schließt und uns darin. Sag, dass du es tust, weil du herrschst. Nicht weil du musst.“
Arges stand still, doch seine Stimme schnitt klar in die Stille. „Er muss nicht wissen, was dieser Ort war. Es reicht ihm, dass wir darunter stehen.“
Kronos trat an die Kante, gerade so weit, dass seine Stimme in den Schacht fiel. „Es reicht, dass der Berg hält.“
„Dein Berg“, sagte Brontes.
„Mein Sitz“, sagte Kronos.
Nun sahen die Titanen ihn an, Koios zuerst, Krios danach, Iapetos ebenfalls, ohne den Griff zu lösen. Okeanos’ Gesicht veränderte sich nicht, doch sein Blick wurde schmaler.
Gaia nahm die Hand vom Stein. „Wenn du schließt, dann jetzt. Halb getan reißt schlimmer auf.“
Okeanos nickte einmal. „Sie hat recht. Der Block davor. Sofort.“
Kronos’ Blick glitt über die drei hinabgedrängten Brüder. Keiner bat, keiner kniete. Selbst jetzt nicht. Gerade jetzt nicht. In ihm war keine Regung, die sich hätte lösen lassen.
Als Kronos die Hand hob, brach das Murmeln im Hof ab.
Staub lag noch auf den Steinen. Der Riss unter dem Sitz stand offen. Kalte Luft stieg daraus auf. Das Seil hing über die Kante, dunkel von Erde und von den Händen, die es gezogen hatten.
„Hört mich“, sagte Kronos.
Er stand am Rand des aufgebrochenen Schachts, den Blick nicht auf Gaia, nicht auf Okeanos, sondern auf die Versammelten gerichtet. Seine Stimme trug über den Hof.
„Der Othrys bleibt geschlossen. Der erste Sitz wird gehalten. Nichts unter diesem Hof wird offenstehen, was den Berg schwächt.“
Koios verschränkte die Arme. „Dann sprich aus, was du tust.“
Kronos wandte den Kopf nur wenig. „Ich spreche es aus.“
Brontes lachte kurz, hart und ohne Freude. Blut lag mit metallischem Geschmack in der Luft. Iapetos hielt ihn noch immer am Oberarm, doch der Griff wirkte nicht mehr wie Schutz. Eher wie Ordnung vor dem Vollzug.
Gaia sagte nichts. Sie stand mit gesenktem Blick am aufgerissenen Stein, und in ihrem Gesicht lag Maß.
Kronos zeigte in den Schacht und nannte die drei: „Brontes, Steropes und Arges. Ihr geht hinab. Der Zugang wird verschlossen. Ihr bleibt dort, bis ich anders bestimme.“
Stille folgte, und sie hielt einen Augenblick zu lang.
Rhea trat vor, erst einen Schritt, dann noch einen. Ihre Stimme war klar. „Genug.“ Sie musterte nicht die Brüder, sondern die Titanen. „Der Berg ist aufgerissen. Gaia hat geredet. Okeanos hat gesprochen. Wer jetzt den Verschluss hindert, stellt sich gegen den Bestand dieses Ortes.“
Brontes wandte sich zu ihr. „Und wofür stellst du dich hin? Für den Verschluss? Für den Mann, der ihn an seinen Willen bindet?“
Rhea hielt seinen Blick aus. „Für den Sitz, der gesetzt wurde. Gegen den offenen Bruch unter ihm.“
„Dasselbe“, knurrte Brontes.
„Nicht heute“, erwiderte Rhea.
Koios trat nun selbst näher an den Riss. Er blickte in die Tiefe und dann zu Kronos. „Wenn du urteilst, dann vollziehe. Schluss mit dem Reden. Jeder Augenblick offen kostet den Berg.“
Okeanos nickte einmal. „Der Block.“
Mehr kam von ihm nicht. Nicht Brüder, nicht Strafe, nicht Recht. Nur der Block.
Kronos griff nach dem Tau und zog es aus dem Schacht; Steinstaub rieselte nach. Danach warf er es Steropes vor die Füße.
„Nehmt es“, befahl er. „Steigt.“
Nicht einer von ihnen bückte sich.
Kronos sprang die kurze Strecke zur Kante hinab, packte Arges am Nacken und drückte ihn vor. Es ging schnell und ohne Warnung. Mit der Schulter stieß Arges gegen den Fels. Steropes fuhr herum. Brontes machte einen Schritt auf ihn zu, doch Iapetos und Krios waren jetzt bei ihm und hielten ihn an beiden Armen.
„Lass ihn los“, rief Brontes.
Kronos drückte Arges weiter zur Öffnung. „Hinab.“
Arges stemmte die Füße gegen den Boden. Einen Moment lang standen beide fest, während Kronos ihn weiter zur Öffnung drückte. Dann trat er ihm das Bein weg. Arges fing sich an der Kante, griff ins Seil und sprang selbst in den Schacht, ehe Kronos ihn stoßen konnte. Das Tau straffte sich, und von unten kam ein dumpfer Aufschlag.
Unten im Schacht schlug Stein gegen Stein. Steropes blickte hinab, dann auf Kronos. Er schwieg. Er nahm das Tau, legte es um den Unterarm und stieg rückwärts in die Dunkelheit.
Brontes riss an den Armen, die ihn hielten. „Nehmt die Hände weg.“
Iapetos lockerte zuerst. Vielleicht aus Unwillen, vielleicht weil Widerstand jetzt nichts mehr änderte. Krios folgte. Brontes blieb stehen, atmete einmal tief und wischte das Blut nicht fort.
Er ging selbst zur Kante.