PANATHINAIA

    Alexia Michailidou · Band 1

    PANATHINAIA

    Kapitel 9 von 11

    Kapitel 9

    Am Rand des Tartaros

    …zu Gyges, dann über ihre Schultern hinweg den Hang hinab, dorthin, wo seine Reihe stand und zerfiel.

    Das Stocken nutzte Poseidon sofort. Er setzte die Schulter tiefer in Kronos’ Brust und drückte ihn einen Schritt quer über den Grat, weg von der Linie zum Schacht, weg von der Stelle, an der die Sichel verschwunden war. Im selben Augenblick war Hades da, dicht an Kronos’ linker Seite, eine Hand am Oberarm, die andere tiefer, damit er sich nicht drehen konnte. Von rechts kam Briareos heran und nahm Raum, ohne zu sprechen. Den höheren Rand zum Hang hielten Kottos und Gyges besetzt und ließen keinen Spalt offen.

    Kronos fuhr herum, nicht ganz, nur weit genug, um zu sehen.

    Weiter wichen die Titanen hinter ihm. Einer half dem Gestürzten nicht auf, sondern zog sich selbst zurück. Zwei andere standen nebeneinander, den Blick zum Grat erhoben, und gingen beide rückwärts, erst langsam, dann schneller, bis lose Steine unter ihren Fersen den Hang hinabrollten. Ohne eine Waffe zu heben oder zu ihm heraufzurufen, wichen sie weiter. Die Reihe brach nicht an einem Punkt. Sie löste sich Stück um Stück auf und ließ zwischen den Leibern leeren Hang.

    „Stehen“, stieß Kronos hinunter.

    Weit trug seine Stimme, aber sie hielt niemanden.

    Briareos lachte nicht. Hart durch die Nase atmend, sagte er, für alle hörbar: „Sie lassen dich.“

    Am aufgerissenen Stein hob Zeus die Hand wieder.

    Diesmal ging sie nicht gegen den Hang. In seiner Faust sammelte sich die Glut und blieb dort. Zwischen den Fingern stand sie hart und hell. Der Riss im kahlen Fels hinter ihm brannte im selben Licht. Kein zweiter Schlag fuhr in die Menge. Zeus bündelte die Gewalt in sich und richtete sie auf einen Mann.

    Kronos sah es auch.

    „Du bist allein“, sagte Hades.

    Kronos gab ihm keine Antwort. An ihnen vorbei ging sein Blick, erst zu Zeus, dann zu Gaia.

    Unbewegt stand sie am gesprungenen Stein, höher als sie alle, und sah nicht auf die Titanen hinab, sondern nur auf Kronos. Ihre Stimme kam ohne Mühe über den Grat.

    „Der Weg ist offen.“

    Kronos riss die Augen zu ihr.

    Einen Schritt trat Gaia vor, bis das Licht aus dem Riss auf ihrem Gewand lag. „Hier hält nichts mehr dein Wort auf, nicht dein Thron und nicht dein Heer.“ Sie hob die Hand nicht. Sie musste es nicht. „Solange du stehst, forderst du noch Herrschaft. Solange du auf dieser Erde stehst, ist sie nicht beendet.“

    Kurz stockte Briareos’ Atem. Auch Hades schwieg. Selbst unten am Hang kam kein Ruf mehr herauf.

    Klar, laut, vor allen sprach Gaia weiter: „Nur der Sturz in den Tartaros beendet dich.“

    Kronos’ Gesicht wurde hart, ohne Überraschung, ohne Bitte. Er zog den Leib nochmals gegen ihren Griff, jetzt nicht mehr mit dem Versuch, die Reihe zu durchbrechen, sondern gegen den einen Punkt hinter sich, den er nicht sehen musste, um ihn zu kennen. Sofort warf Poseidon sein Gewicht nach. Hades tat dasselbe. Briareos griff zu. Vier Körper hielten einen fest, während Kottos und Gyges den letzten offenen Halbkreis schlossen.

    Am Hang unten blieb niemand mehr stehen.

    Wo sich eben noch einzelne Titanen zögernd umgewandt hatten, liefen sie jetzt wirklich. Nicht alle schnell, nicht alle zugleich, aber keiner kam herauf. Einer verlor im Schutt den Halt und fing sich an beiden Händen.

    Niemand sah zurück.

    Im Hang schabte der Schritt der anderen. Es schabte, und es blieb klar, dass kein Ruf mehr kam, kein Name, kein Wort, das noch durchging. Hinter den Gesichtern vor ihm blieb nur noch Flucht. Vor ihm hielten ihn die anderen. Neben Zeus blieb Gaia und wich keinen Schritt.

    Mit dem Fuß stemmte er sich in den Grat und fuhr mit der Schulter hart gegen Poseidon. Der Stoß kam tief und jäh. Poseidon wurde seitlich mitgerissen, sein verletzter Arm fuhr hoch, und für einen Schlag lang öffnete sich zwischen Rippe und Rücken ein schmaler Raum. Sofort drehte Kronos hinein, riss den Leib nach, wollte aus der Enge brechen, schräg, dorthin, wo kein Griff fest genug lag.

    Briareos warf sich ihm von rechts in den Weg, eine Hand wieder am Oberarm, die andere mitten zwischen Hals und Schulter. Hades war schon da, wo der Ausbruch enden musste. Er setzte den Unterarm quer gegen seine Brust, fing den Schwung ab und drückte ihn zurück in die Linie. Kottos trat von der höheren Seite herab, schwer, nah, ohne ein Wort. Gyges schob sich von der offenen Seite zu und nahm ihm den letzten Schritt.

    Zwischen den Zähnen stieß er Luft aus. Er drehte den Kopf, suchte im Stein den Lauf zur Sichel, den Rand, den Riss, irgendeinen Weg, der nicht aus Fleisch bestand. Nichts war offen. Der helle Sprung im Fels lief zu seiner Linken. Aus ihm kam das Licht, das schon seit Stunden nicht mehr wich. Dahinter blieb Gaia und riss Kronos den Arm an.

    „Zurück“, sagte Briareos dicht an seinem Ohr.

    Briareos hielt. Der Herr der Unterwelt fing den Ellbogen. Poseidon war schon wieder an ihm, Schulter gegen Schulter, das Gesicht nah, die Wut offen. Blut zog sich dunkel über Poseidons Oberarm, doch der Druck ließ nicht nach.

    „Es ist aus“, sagte Poseidon.

    Mit einem Ruck fuhr Kronos herum und traf ihn mit der Stirn an der Schläfe. Poseidon schwankte, blieb aber stehen. Im selben Zug versuchte Kronos, Hades’ Sperre zu unterlaufen. Der setzte das Knie vor, blockte den Schritt und drängte ihn höher auf den schmalen Stein, weg von jedem festen Stand. Fels brach unter einer Ferse weg und sprang in den Schacht.

    Zeus sprach so, dass jeder es hörte, nicht laut und ohne über sie hinwegzureden.

    „Lasst ihn zu mir.“

    Niemand antwortete. Für einen Moment blieben alle im Druck. In Kronos lief diese kurze, harte Unsicherheit im Ring an, nicht aus Zweifel, sondern aus Übergabe. Er nutzte sie sofort. Er warf die Schulter rückwärts gegen Briareos, trat Poseidon auf den Fuß, rammte den Unterarm gegen Hades’ Rippen und gewann einen halben Schritt.

    Doch mehr nicht.

    Gyges packte ihn von der Seite am Handgelenk. Das zerbrochene Fesselstück schlug dabei gegen Kronos’ Arm. Kottos legte beide Hände an seinen Rücken und schob. Poseidon fing sich wieder und ging sofort hinein. Hades drückte den Arm hinab. Briareos blieb an der Schulter.

    So brachten sie ihn nicht fort, nicht schnell, nicht sauber. Sie brachten ihn einen Schritt und noch einen. Stein knirschte unter den Sohlen. Hinter Kronos lag jetzt offen der Rand.

    Bevor er ihn sah, wusste er es. Die Luft änderte sich. Der Zug aus der Tiefe strich kalt an seinem Nacken. Aus dem Schacht kam ein Ton, tief unten, weder Stimme noch Wind. Kronos spannte den ganzen Leib und stemmte sich mit allem, was noch blieb, gegen die fünf, die ihn hielten.

    Vom Riss weg trat Zeus vor und schloss den letzten Abstand.

    Das Licht glomm offen in seiner Hand und saß darin fest, der Stein unter seinen Füßen hielt es mit. Sein Gesicht war rußig, der Atem schwer. Er trat direkt vor Kronos, so nah, dass zwischen ihnen kein Raum mehr für Anlauf war.

    Er hob das Kinn. Zum ersten Mal in diesem langen Ringen ging sein Blick nicht an einem vorbei, nicht zur Flanke, nicht zum Hang. Er sah Zeus gerade an und sagte: „Du.“

    Zeus sagte nichts.

    Gaia blieb hinter ihm, aufrecht, mit dem offenen Schacht im Rücken des Grats und dem Riss zu ihren Füßen. Rhea harrte weiter unten am Stein, bleich, reglos, die Hände dicht am Leib. Auch sie sah nur hinauf.

    Zeus trat noch näher. Er legte beide Hände an ihn, eine an die Brust, die andere hoch an die Schulter, wo Briareos eben noch gedrückt hatte.

    und nahm ihm damit den Platz vor sich ganz.

    Den Kopf riss Kronos zurück und stieß mit der Stirn nach vorn. Zeus zog die Schläfe weg. Die Bewegung striff ihn nur. Im selben Augenblick drückte Poseidon wieder hinein, noch auf dem verletzten Fuß, die Schulter tief, den Leib hart gegen Kronos’ Seite. Hades zog am Oberarm nach innen und stellte das Bein vor. Briareos blieb dicht am Rücken. Kottos schob vom Hang herab. Gyges hielt das Handgelenk und nahm ihm nicht den Tritt zum offenen Rand, sondern den Schritt von ihm weg.

    Kronos stemmte beide Beine in den Stein. Die Muskeln in seinem Hals traten hervor. Mit dem freien Arm fuhr er zwischen ihnen und Poseidon, traf Fleisch, fand aber keinen Halt. Dann warf er die Schulter gegen Zeus’ Arm, nur einmal, mit allem, was noch in ihm war.

    Zeus gab einen halben Schritt nach, weiter nicht.

    Sofort spürte Kronos nicht das Schwanken, sondern die Grenze. Vor ihm stand ein Leib, der blieb. Zeus hielt die Glut in der Hand, doch er hob sie nicht. Er verbrannte ihn nicht. Er zerschlug ihn nicht von außen. Er stand vor allen auf dem Grat und drückte selbst.

    „Lass los“, keuchte Kronos, nicht zu Zeus, sondern in den Ring, an die Männer in seinem Leibraum, an die, die ihn hielten, obwohl sie ihn einmal getragen hatten oder vor ihm gewichen waren. „Ihr wisst nicht, was ihr tut.“

    Dicht an seinem Ohr antwortete Briareos, ohne den Griff zu lösen: „Doch.“

    „Jetzt“, sagte Gaia hinter Zeus.

    Durch das Keuchen und das Scharren auf dem Stein schnitt ihre Stimme. Sie sprach nicht laut, und doch hörten sie alle.

    „Unter diesem Rand liegt der Tartaros offen.“

    Nur kurz drehte Kronos den Kopf zu ihr, mit einem Blick, der sie treffen wollte und an ihr vorbeiging. Gaia wich nicht.

    „Wenn er auf den Fels zurückkehrt“, sagte sie, „geht seine Herrschaft weiter.“

    Es war kein Ruf, kein Flehen. Sie stellte es auf den Grat vor alle, auf diesen Stein, an diesen Rand. Während Rhea unten reglos blieb, hob Poseidon den Kopf nicht. Hades sah nicht auf, während Briareos den Mund zusammenpresste. Kottos’ Hände blieben an Kronos’ Rücken. Gyges stand am Rand mit dem gebrochenen Eisen am Handgelenk und hielt fest.

    Von der Schulter nahm er die Hand nicht fort. Höher schob er sie, an den Halsansatz, fest, nicht würgend, nur führend. Die andere drückte tief unter Kronos’ Brustbein. Mit dem rechten Fuß trat er zwischen Kronos’ Schritte, nahm ihm die Stellung und legte den ganzen Körper in den Stoß.

    Sichtbar, weder schnell noch blind.

    Kronos stieß gegen ihn an und traf doch nur auf Gegendruck. An seinem Hals traten die Adern hervor, und seine Fersen suchten Halt. Poseidon kam mit der Schulter wieder hinein. Hades zog den Arm nach innen und hielt die Hüfte geschlossen. Briareos drückte von hinten auf dieselbe Linie, auf die Zeus vorn arbeitete. Am Rücken schob Kottos nach, und Gyges ließ das Handgelenk nicht frei.

    Der Grat gab Ton unter ihnen. Von unten antwortete es dumpf aus dem Schacht.

    Kronos’ Kopf fuhr hoch. Für den ersten Moment sah er nicht Zeus an, nicht Gaia, nicht die Brüder. Er sah über sie hinweg auf den Fels, der schon nicht mehr unter ihm lag. Dann kam die Wut zurück, rein und nackt, und er riss den Arm gegen Gyges’ Griff, sodass das gebrochene Fesselstück hart gegeneinanderschlug.

    Gyges hielt.

    Das Eisen an seinem Handgelenk schlug noch einmal gegen Kronos’ Arm, dann verhakte sich der Griff wieder fest. Kronos riss den Körper zur Seite, suchte die kleine Öffnung zwischen Zeus und Poseidon, stemmte die Ferse auf den Grat und fand nur schabenden Stein. Hades zog ihn am Oberarm nach innen. Sein Knie blockierte schon wieder den Schritt und nahm ihm die Richtung. Kottos legte von oben Gewicht in Kronos’ Rücken. Der Hekatoncheire war dicht hinter ihm, Schulter an Schulter, Atem an seinem Ohr.

    „Nicht zurück“, warnte Briareos, leise und hart.

    Kronos warf den Kopf nach hinten, traf ihn nicht, traf nur Brust und Arm. Er fuhr mit dem Ellbogen in Briareos’ Seite, bekam Raum für einen Atemzug und nutzte ihn sofort. Mit einem Ruck drückte er gegen den Sohn, schob zugleich gegen Poseidon, wollte den Ring noch einmal aufbrechen. Die Männer am Grat gerieten ins Arbeiten, nicht ins Weichen. Poseidon setzte den Fuß tiefer und nahm den Stoß in der Hüfte auf. Der Göttersohn blieb vorn. Seine Hand am Halsansatz hielt die Linie. Die andere presste unter dem Brustbein und drückte ohne Zucken weiter.

    Kronos’ Blick sprang über sie hinweg.

    Die Titanen harrten nicht mehr in dichter Front. Einer nach dem anderen hatte Abstand genommen; niemand kam vor. Der Raum hinter Zeus blieb frei, und hinter Kronos war offen bis an den Schacht. Kronos sah es und sah zugleich, dass sie es alle sahen.

    „So also“, murmelte er.

    Seine Stimme trug über den Grat. Er hob sie nicht. Gerade darum war sie überall.

    „Ihr drängt euren Vater an den Rand und nennt es Recht.“

    Zeus antwortete nicht.

    Kurz lachte Kronos, ohne Freude, nur mit offenem Mund und hartem Atem. Er wandte den Kopf, so weit Briareos und Hades es zuließen, und suchte Zeus’ Gesicht wieder.

    „Sieh ihn an“, rief er, diesmal für alle. „Sieh genau hin. Das ist nicht neu. Das ist nur wieder dieselbe Hand.“

    Gaia stand unten und schwieg.

    Kronos warf den Satz gegen Zeus zurück. „Du stößt, weil du fürchtest. Du nimmst den Platz und nennst den Stoß Notwendigkeit. So hat es begonnen. So beginnt es wieder.“

    Zeus’ Mund blieb geschlossen. Nur in seinem Kiefer arbeitete etwas. Er setzte den Fuß fester zwischen Kronos’ Schritte. Der Stein gab mit einem trockenen Laut nach. Poseidon schob die Schulter tiefer hinein. Hades zog Kronos’ Arm noch enger an den Leib. Gyges drehte das Handgelenk aus der Richtung, in die es noch einmal hätte frei werden können.

    Briareos sprach direkt an Kronos’ Ohr. „Es endet hier.“

    Kronos stieß den Kopf zurück. „Mit dir hinter meinem Rücken?“

    Briareos antwortete nicht. Sein Griff stieg höher an die Schulter und drückte nach.

    Kronos arbeitete gegen die geschlossene Linie. Gegen jeden Druck kam ein anderer. Gegen jede Wendung stand schon ein Körper bereit. Die Kraft war noch in ihm, sichtbar in Hals, Armen, Rücken. Sie brachte keinen freien Schritt mehr hervor. Sie verriet nur, wie vollständig der Weg zu war.

    Wieder drang unter ihnen der dumpfe Ton aus dem Schacht.

    Nicht tief. Nah genug, dass der Grat ihn spürte. Der Stein unter ihren Füßen gab die Antwort weiter. Einige der Titanen hoben den Kopf, andere nicht. Rhea blieb unten, ohne Bewegung. Gaia hielt den Blick auf Kronos.

    Kronos hatte den Rand jetzt hinter den Fersen. Hinter dem letzten Halt lag nur Leere. Er verlagerte das Gewicht sofort wieder nach vorn und stemmte sich auf Zeus. Für einen Atemzug hielt die Reihe. Seine rechte Ferse rutschte an der Kante halb ab und kam hart wieder auf. Gyges trat näher an den Rand und besetzte den Winkel ganz.

    geschlossen.

    Soweit die Griffe es zuließen, fuhr Kronos herum. Sein Atem ging offen und hart. Er trat zurück, fand keinen Halt, riss das Bein wieder vor und schlug mit dem Unterarm gegen Hades’ Brust. Hades fing den Stoß ab, packte den Oberarm und zog ihn wieder nach innen. Poseidon stand schon wieder vorn, das verletzte Bein gesetzt, die Schulter tief, während Zeus keinen Schritt wich.

    Hinter ihnen war Raum geworden.

    Die Titanen standen nicht mehr dicht. Wo eben noch Körper an Körper gedrängt hatten, lag nun ein freier Saum aus Stein um den Ring. Keiner trat vor, keiner hob die Hand für ihn. Er sah es. Erst zu seiner Rechten, dann über Zeus hinweg. Die Reihe, die ihm gehört hatte, hielt Abstand.

    „Vor“, stieß er ihnen zu. „Vor, ihr Feiglinge.“

    Niemand kam.

    Nur das Knirschen der Sohlen auf dem Grat war zu hören, das kurze Schaben, wenn wieder ein Fuß Halt suchte. Kottos drückte tiefer in seinen Rücken. Briareos stand so nah, dass sein Atem Kronos’ Ohr streifte.

    „Es ist aus“, sagte Briareos leise.

    Kronos riss den Kopf zurück und traf ihn fast an der Stirn. „Du sprichst zu mir?“

    Briareos hielt ihn fest. „Ja.“

    Nach links warf Kronos das Gewicht. Poseidon fing ihn mit der Schulter auf. Der Stoß lief durch Poseidons Körper, ließ ihn kurz im verletzten Fuß nachsetzen, aber er wich nicht. Hades stellte das Knie vor seinen Schritt. Gyges blieb am Rand, die Hand an Kronos’ Handgelenk, das gebrochene Eisen offen sichtbar zwischen Haut und Stein.

    Wieder fiel sein Blick darauf.

    Er sah den Rest des Metalls, den offenen Bruch, die Spur dessen, was er selbst hatte schließen lassen. Seine Finger spannten sich gegen Gyges’ Griff, doch er bekam das Handgelenk nicht frei.

    Gaias Stimme durchschnitt den Grat.

    „Halten beendet ihn nicht.“

    Niemand antwortete. Selbst Kronos stand für einen Schlag still in den fremden Händen.

    Ohne näher zu treten, trug Gaia ihre Stimme über den Stein. „Hört mich alle. Nur sein Sturz in den Tartaros beendet ihn. Kehrt er auf diesen Fels zurück, dauert seine Herrschaft fort.“

    Das ging durch die Reihe der Titanen. Einige wichen noch weiter zurück, andere blickten auf ihn. Rhea hob den Blick, sagte aber nichts.

    Kronos’ Blick sprang zu Gaia und gleich wieder zu Zeus. Er arbeitete sofort wieder gegen die Arme an ihm, gegen Schulter, Brust, Rücken, gegen jeden, der ihn festhielt.

    „Tut es“, sagte er heiser. „Oder weicht.“

    Zeus schwieg.

    Die Kante lag jetzt offen hinter Kronos. Der schwarze Schacht stand dicht hinter seinen Fersen.

    Wieder kam von unten der dumpfe Ton, und diesmal hoben sich mehr Köpfe. Es war kein fernes Grollen. Es saß unter dem Stein. Kronos spürte, wie der Grat den Laut durch die Sohlen gab. Sein Rücken spannte sich gegen Briareos und Kottos, und für einen Moment stand er nur da und atmete.

    Kurz lachte er. Rau, ohne Kraft.

    „Das also“, stieß er hervor. Sein Blick ging von Zeus zu Poseidon, zu Hades, zu den Brüdern am Rand. „Ihr braucht sechs Hände, zehn Hände, mehr noch. Und am Ende die Mutter, damit sie euch das Wort gibt.“

    Gaia antwortete sofort. „Ich nehme dir kein Wort ab. Ich setze nur das Ende fest.“

    Kronos drehte den Kopf zu ihr, so weit es ging. „Du setzt gar nichts fest.“

    „Doch“, erwiderte Gaia. „Vor allen.“

    Ein Zug lief durch Kronos’ Kiefer. Er wandte sich wieder Zeus zu. Jetzt war nur noch dieser Blick da, fest und offen, ohne Suche nach einem anderen Gegner.

    „Du hörst sie“, sagte Kronos.

    Dicht vor ihm stand Zeus, die Hand noch am Brustbein, den Stand klar gegen den Rand gesetzt. Er sah Kronos an und nicht an Gaia vorbei, nicht auf die Titanen, nicht in den Schacht.

    Einmal zog Kronos Luft und spuckte das Blut aus dem Mundwinkel auf den Stein zwischen ihnen.

    „Wenn du stößt, tust du, was ich tat“, sagte er.

    ging zu ihm, dann zu Zeus, und blieb dort.

    Niemand sprach sofort. Der Ton unter dem Stein war noch da, tief und gedrängt. Er drang in Abständen herauf, jedes Mal näher an den Atem derer am Grat. Hinter sich hatte Kronos den offenen Rand, ohne sich umzusehen. Die Fersen standen zu nah. Der Boden gab ihm nichts mehr, woran er sich halten konnte.

    Poseidon schob die Schulter fester gegen ihn, und Kronos verzog den Mund.

    „Nein“, sagte er.

    „Du widersprichst noch immer.“

    „Nicht deiner Lüge.“ Poseidons Stimme war heiser, aber fest. „Der Spur.“

    Er drehte den Kopf ein Stück zu ihm. „Stoß bleibt Stoß.“

    „Nein.“ Poseidon hielt ihn, obwohl der verletzte Fuß nachgab und wieder stand. „Sie begann nicht hier. Sie war der offene Mund. Sie war der Stein im Tuch. Sie war der Griff nach uns, nach allem, was nicht dir gehörte. Einschluss. Besitz. Verschlingen.“

    Das Wort hing kurz hart in der Luft.

    Mehrere Titanen weiter hinten wichen noch einen Schritt zurück. Es war kein Befehl, keine geordnete Bewegung. Sie taten es einzeln. Einer blickte zur Kante, einer zu Gaia, einer zu den Hekatoncheiren; niemand trat vor, und er bemerkte es nur mit den Augen, kaum merklich. Seine Leute standen noch da, aber nicht mehr für ihn, zu weit auseinander und nicht mehr geschlossen, während er wieder knapp und trocken lachte. „Und du meinst, das macht ihn frei?“

    Poseidon antwortete nicht Zeus zuliebe. Er sprach gegen Kronos.

    „Es macht dich nicht zum Maß.“

    Gaia trat nicht näher an den Ring aus Körpern. Sie musste es nicht. Ihre Stimme erreichte den Grat ohne Mühe.

    „Der Schacht ist älter als dein Sturz“, entgegnete sie. „Älter als dein Griff nach der Macht. Du bist nicht der Erste, der Herrschaft bindet und im Gebundenen hält. Uranos band. Du bandest. Du hast nur fortgesetzt, was vor dir stand.“

    Sein Blick sprang zu ihr.

    „Sprich seinen Namen nicht zu meinem Ende.“

    „Er gehört hierher“, sagte Gaia. „Dies war sein Ort, ehe es dein Rand wurde. Gebundene Herrschaft fiel nicht mit dir vom Himmel. Sie ging durch ihn. Durch dich. Und sie endet nicht schon dadurch, dass einer den anderen stößt.“

    Ein kurzes Schweigen folgte. Es war nicht leer. Der Laut aus der Tiefe kam wieder. Der Grat gab ihn in die Beine aller zurück.

    Er hob das Kinn zu Zeus. Blut glänzte dunkel an seinem Mund. „Du hörst sie doch. Sie sagt dir selbst, was du bist, wenn du es tust.“

    Zeus schwieg.

    Das traf ihn am härtesten. Weder Widerspruch noch Zorn, keine hastige Reinwaschung. Nur dieser Blick, der ihn hielt und nicht verließ.

    „Dann hör mich gut“, sagte er.

    Seine Stimme war tiefer geworden. Nicht lauter, aber sie trug.

    „Wenn du mich stößt, nimmst du meinen Platz in der Reihe. Du kannst meinen Stein brechen, meine Hand lösen, meinen Leib hinabwerfen.

    „…Du löst damit nicht, was dich trägt. Du trittst nur hinein.“

    Zeus schwieg.

    Dicht vor ihm verharrte Kronos, die Füße breit auf dem schmalen Stand am Grat, den Oberkörper fest und ruhig. Wärme lag noch an seiner rechten Hand, nicht mehr hell, nur noch da. Darauf sah Kronos, dann wieder in sein Gesicht.

    „Sprich“, sagte Kronos.

    Ohne zu antworten, blieb Zeus stumm.

    Ohne Anlauf rammte Kronos den ersten Stoß hinein. Schulter vor, Stirn nach, der Leib tief. Der Stoß traf hart und kurz. Zeus fing ihn ab, einen Schritt nur im Bein, nicht im Stand. Seine linke Hand fuhr an Kronos’ Halsansatz, die rechte unter das Brustbein. Er stemmte sich dagegen und drückte.

    An der Kante rutschte Kronos’ Ferse über Stein. Sofort löste sich ein Stück und fiel fort. Weiter unten im Fels hing der Ton aus dem Schacht.

    Von der Seite setzte Poseidon nach, um die Öffnung zu schließen. Hades blieb dicht dahinter. Briareos sperrte breit. Gyges und Kottos drängten mit Gewicht nach vorn, schwer noch von Kette und Fels.

    Der Alte merkte es, drehte nicht gegen Zeus zurück und fuhr zur Seite.

    Sein Arm schoss heraus und packte Poseidon hoch am Oberarm und am Nacken, mit dem alten Griff, schnell, roh, ohne Zögern. Der Meergott wurde aus dem Stand gerissen. Sein Fuß verlor den Tritt am Grat. Der Ring riss auf, nur für einen Augenblick, aber weit genug.

    Mit der Schulter schlug Poseidon gegen Kronos’ Brust und stemmte sich sofort zurück. „Lass mich los.“

    Kronos hielt ihn noch einen Schlag lang fest. Sein Gesicht blieb Zeus zugewandt, nicht dem, den er gepackt hatte.

    „Siehst du es?“, sagte er.

    Schon in Bewegung, griff Zeus nicht nach Poseidon. Er ging direkt auf Kronos. Ein Schritt, dann der zweite, hart gesetzt. Er stieß mit beiden Händen in Kronos’ Mitte, voll hinein, bevor der Griff neu saß. Der Stoß traf tief genug, dass der Leib zurückmusste. Kronos’ Hand glitt von Poseidons Nacken ab. Poseidon kam frei, fing sich seitlich und schloss den Schritt wieder zum Ring.

    Kronos taumelte nicht weit; der Rand war zu nah.

    Hinter Zeus sprach Gaia, knapp und ohne die Lautstärke zu heben.

    „Jetzt endet er.“

    Zeus stieß, nicht weit und nur einmal, kurz, gerade, endgültig.

    Die Hand an Kronos’ Hals drückte den Kopf zurück. Aus dem Rest des Standes schob die andere den Leib. Der linke Fuß verlor den Halt. Einen Moment hing das Gewicht noch an den Händen. Seine Finger zogen sich so hart um Zeus’ Arm, dass die Knöchel hell wurden.

    Der Griff riss auf. Kronos fiel.

    Kein Schrei zuerst. Nur das abrupte Wegsein des Leibes vor ihnen, das Freisein des Raums am Rand, die Bewegung nach unten, schnell und sofort vom Schwarz genommen. Dann kam der Laut aus der Tiefe, nicht wie eine Antwort, mehr ein einzelner harter Ton, der am Schacht entlang aufstieg und brach.

    Zeus blieb stehen, wo er stand, den Arm noch halb vorgestreckt. Die Finger waren offen, leer. Unter seinen Füßen arbeitete die Wärme im Fels. Aus dem offenen Schacht stieg sie an seinen Beinen hoch. Hinter ihm sagte niemand etwas. Der Rand lag frei. Über dem Grat stand nur der Himmel. Der Ton aus der Tiefe hielt.

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