Kapitel 9
Die Namen, die nicht gesprochen werden dürfen
Rhea hielt das Bündel noch einen Augenblick in den Armen. Dann legte sie es auf das Leinen zurück und strich mit beiden Händen über den Stoff, bis keine Falte mehr zu sehen war.
„Dann verdirbt es alles“, warnte die Ältere.
Niemand im Raum antwortete. Das Lampenlicht stand still, und von jenseits der Tür drang kein Laut herein. Dann richtete sich Rhea auf. „Der Plan endet nicht am Stein.“
Darauf hob die Schmalmundige den Kopf.
„Nicht am Gang“, sagte sie. „Dort glaubt ihr, dass ihr seinem Griff entkommen seid. Ich will wissen, wohin er führt. Ganz.“
Die Ältere maß sie lange mit dem Blick. Rhea wich ihm unbeirrt nicht aus. „Heute Nacht.“
Sie nickte.
Als später das Gemach still geworden war und nur noch das Öl in der Lampe tief stand, kniete Rhea auf den Matten. Die Schmalmundige hatte den Rand bereits gelöst. Mit trockenen Fingern griff sie unter den Saum, hob das Gewebe zurück und legte den Stein frei. Bei einem Blick auf ihre Hände verharrte Rhea. Sie rieb sie an ihrem Gewand, bis kein Schweiß mehr an den Innenflächen stand.
„Noch einmal.“ Kaum hob sie das Kinn.
Die Schmalmundige setzte die Finger in die Fuge, drehte, zog. Der Stein gab nach. Aus dem Dunkel stieg kalte Luft mit einem metallischen Hauch auf.
In der Hocke maß Rhea mit den Augen die Öffnung, den Rand, die Tiefe des ersten Abstiegs. Dann ließ sie sich hinab. Über ihr blieb der Stein offen. Restlicht fiel in den Schacht und verlor sich an der Wand.
Der Gang war so eng, dass ihre Schultern den Fels fast berührten. Die Luft roch nach kaltem Stein. Unter ihren Füßen lagen Trittkerben, ausgetreten von längst vergangenen Schritten. Sie zählte sie nicht, aber sie prägte sich die Folge von flachem Grund, scharfer Senkung und enger Biegung ein, während hinter ihr Gaia kam und vor ihr nur Schwärze lag.
Langsam mussten sie gehen. An einer Stelle zwang der Stein sie, sich seitlich zu drehen. An einer anderen fiel der Boden scharf ab, und sie tastete erst mit dem Fuß, ehe sie ihr Gewicht verlagerte. Sie prägte sich jede Hemmung ein, jeden Griff, jede Stelle, an der ein Körper mit einem Kind im Arm kostbare Zeit verlieren würde.
„Hier“, sagte sie leise. „Hier darf niemand stolpern.“
Gaia antwortete nicht. Ihre Hand lag kurz an Rheas Rücken und zog sich gleich wieder zurück.
Der Gang führte weiter, länger, als sie erwartet hatte. Er endete nicht im Blinden und nicht in einer verborgenen Kammer unter dem Haus. Die Luft wurde schärfer. Von vorn kam ein Luftzug, nicht stark, aber sicher. Als sie den Kopf hob, beschleunigte sie den Schritt.
Kalte Nachtluft traf ihr Gesicht. Der Gang öffnete sich in eine schmale, von Dornen und losem Stein verdeckte Mündung am äußeren Hang. Sie trat hinaus und verharrte.
Die Nacht lag kalt auf dem Othrys. Unter ihr fiel der Hang in hartem Dunkel ab. Hinter ihr lag das Haus unsichtbar im Berg, doch sie wusste nun, wo seine Masse saß und was sich unter ihm fortsetzte. Sie drehte sich um, musterte die verborgene Öffnung, trat zwei Schritte zurück, dann wieder vor. Sie prüfte, wie weit man den Ausgang sehen konnte, wenn man den Hang entlangkam. Zu nah von oben. Sicherer von unten. Mit einem Bündel im Arm wäre der Tritt schwer, aber nicht unmöglich.
„Vor dem ersten Laut“, sagte sie.
Gaia trat neben sie. „Ja.“
Statt zu ihr hinüberzusehen, maß Rhea weiter den Hang. „Wenn sie unten ist, wenn das Kind durch ist, darf niemand zögern. Nicht im Gang. Hier erst recht nicht.“
„Darum habe ich dich geführt.“
Statt zum Schacht zurückzugehen, wandte Gaia sich am Hang seitwärts und stieg über nackten Stein zu einer schmalen Erdspalte, die im Dunkel kaum zu erkennen war. Rhea folgte ihr. Die Spalte war kein Weg. Sie schnitt nur in den Boden ein, schmal und tief genug, dass Schatten darin stand. Gaia hob die Hand und hielt sie an.
„Hör.“
Rhea wartete.
Zuerst vernahm sie nur den Wind in der Höhe. Aus der Tiefe kam ein dumpfer Stoß gegen Stein. Nicht einmalig. Nicht vom Hang. Ein zweiter folgte, weiter rechts, schwerer, tiefer sitzend. Wieder antwortete es links, aus einem zweiten Ort im Berg.
Sie ging in die Knie und legte die Hand an den Rand der Spalte. Als das Schlagen wiederkam, kroch Kälte in ihre Finger. Kein loses Geröll, kein Wasser. Nicht tot.
Sie hob den Kopf. „Was ist dort unten?“
Gaia sah in die Finsternis, nicht zu ihr. „Zwei Tiefenkerker.“
Sie schwieg.
„Getrennt“, sagte Gaia. „Nicht einer. Zwei. Unter seinem Haus. Tief genug, dass die meisten nur den Stein hören und meinen, der Berg setze sich.“
Das Schlagen kam wieder und vibrierte in ihren Fingern.
„Wen hält er dort?“
„Die Kyklopen. Und die Hekatoncheiren.“
Dann stand Rhea auf. Der Name blieb hart in ihrem Gesicht. Sie kannte die Furcht, die an diesen Namen hing. Nun lag sie unter Kronos’.
Haus.
Sie sagte nichts. Der Stoß aus der Tiefe kam noch einmal, erst von links, dann von rechts. Zwei Antworten aus zwei Orten. Gaia wartete, bis das Nachhallen im Stein verging.
„Er darf diese Namen nie aus deinem Mund hören“, mahnte sie.
Den Blick auf die Spalte gerichtet, erwiderte Rhea: „Das hatte ich nicht vor.“
„Nicht jetzt, nicht später, nicht im Zorn, nicht im Fieber, nicht im Schlaf.“ Gaia trat näher an den Rand. „Wenn du das Kind verbirgst und glaubst, damit sei es getan, dann irrst du. Der Stein an seiner statt rettet nur eine Stunde. Vielleicht eine Nacht. Vielleicht mehr. Aber nicht die Zukunft.“
Darauf wandte sie den Kopf. „Darum bin ich mit dir hinabgestiegen.“
Gaia nickte knapp. „Dann hör gut zu.“
Sie ging in die Hocke, legte beide Hände an den Rand der Spalte und tastete zwischen den Kanten, bis ihre Finger einen festen Grat fanden. Mit einem kurzen Ruck brach sie ein Stück Stein heraus. Das Knacken schnitt in die Stille. Darin lag ein scharfkantiger Splitter, nicht groß, aber hart genug, um Haut zu ritzen und Leder zu schneiden.
Dann hielt sie ihn Rhea hin, die ihn nicht sofort nahm. „Wozu?“
„Damit die Erde nicht nur spricht, sondern bleibt.“ Sie schloss Rheas Finger um den Splitter und drückte ihn ihr in die Hand. „Du wirst die Zeichen tragen. Nicht offen. Nicht auf einer Tafel. Nicht an einer Wand. Dort, wo nur du sie findest, wenn alles andere dir genommen wird.“
Rhea sah auf den Stein in ihrer Hand. Die Kante war scharf. Sie zog den Daumen darüber und spürte, wie die Haut sich spannte.
„Sag sie mir.“
Gaia schüttelte den Kopf. „Nein.“
Rheas Gesicht verhärtete sich. „Du willst, dass ich sie trage, aber nicht, dass ich sie kenne?“
„Ich will, dass du sie kennst, ohne sie zu sprechen.“ Gaia hob den Arm und zeigte auf die Spalte. „Namen laufen weiter. Durch die Luft, über Schwellen, an Wachen vorbei, zu jedem, der lauscht. Zeichen bleiben bei dem, der sie verbirgt. Es reicht, wenn du weißt, wofür sie stehen.“
Einen Moment schwieg Rhea. Dann löste sie ihren Gürtel. Das Leder war vom Tragen warm und an den Kanten hart. Sie drehte ihn in den Händen, fand den Innensaum und strich ihn glatt.
„Zeig sie mir.“
Gaia kniete sich in den Staub und zog mit dem Finger zwei einfache Folgen in die Erde, getrennt durch eine schmale Linie. Keine Zier, keine Weiheformel. Nur knappe Schnitte, die sich einprägten, wenn man sie bewusst sah. Der erste stand für den einen Kerker, der zweite für den anderen. Dann wischte sie sie mit der Handfläche wieder fort.
„Noch einmal“, bat Rhea.
Gaia zeichnete sie erneut, und Rhea sah genau hin. Ihre Lippen bewegten sich nicht. Sie nahm den Splitter fester und setzte die Spitze an das Leder. Beim ersten Druck glitt der Stein ab, sodass sie langsamer und tiefer neu ansetzte. Der Splitter fraß sich in den Innensaum. Bei jeder Kerbe entstand ein kurzer, harter Laut.
Der Wind strich über den Hang. Unten im Berg antwortete wieder das dumpfe Schlagen.
Als das Echo verklang, hielt Rhea inne, horchte und ritzte weiter, zuerst den linken Kerker, dann die Trennung, dann den rechten.
Gaia sah auf ihre Hände. „Nicht zu breit. Wenn er den Gürtel in die Hand nimmt, darf er nichts fühlen, was ihn stutzig macht.“
Rhea zog die Schnitte enger zusammen. Ihre Finger arbeiteten ruhig, aber ihr Atem ging flach. Sie musste das Leder mit beiden Daumen spannen, damit die Kante des Steins griff. Einmal schnitt der Splitter zu tief. Die Spitze fuhr durch das Leder und traf die Haut ihres Zeigefingers. Blut trat aus. Sie drückte den Finger gegen die Innenseite des Gürtels, bis der Tropfen verschmiert war, und ritzte weiter.
Gaia schwieg.
Als Rhea fertig war, hob sie den Gürtel gegen das matte Nachtlicht. Von außen war nichts zu sehen. Innen liefen die beiden Zeichen dicht am Rand entlang, dort, wo die Falte sie brach und verbarg. Sie fuhr mit der Fingerkuppe darüber, einmal, dann ein zweites Mal, bis sie sicher war, dass sie jede Kerbe wiederfand.
„Noch einmal in die Erde“, verlangte sie.
Gaia zeichnete sie ein drittes Mal. Rhea verglich sie mit dem Gürtel und nickte. Danach strich Gaia auch diese Spuren aus, gründlicher als zuvor, bis nur noch verschobener Staub blieb.
„Gut.“
Rhea band den Gürtel nicht sofort wieder um. Sie hielt ihn in beiden Händen. „Wenn das Kind lebt, wenn es fortkommt, wenn es verborgen bleibt – was dann?“
Schließlich stand Gaia auf. „Dann bleibt dies.“
Rhea blickte zu ihr auf. „Das ist keine Antwort.“
„Doch.“ Gaia blickte nicht zur Spalte, sondern hinauf, dorthin, wo über ihnen Kronos’ Haus lag. Der Wind fuhr kühl über den Hang und strich durch den verschobenen Staub.
„Zeig es mir“, sagte Rhea.
Gaia wandte sich vom Hang ab und ging weiter, ohne noch einmal zum Haus auf dem Othrys hinaufzusehen. Sie schob den Gürtel unter ihr Gewand und folgte ihr. Der Boden gab unter ihren Schritten ungleich nach. Loses Geröll rutschte fort, fing sich wieder und glitt ein zweites Mal. Der Wind kam vom Meer herauf und trug Kälte mit sich. Hinter ihnen blieb der verborgene Ausgang des Schachts dunkel und still.
Während sie lange schwiegen, blieb Rhea dicht hinter Gaia. Sie fragte nicht, wohin der Weg führte. Gaia hatte sie aus dem Haus geführt, unter Stein und Wurzel hindurch, durch den engen Gang bis an den äußeren Hang. Sie hatte ihr die Zeichen der Tiefe gezeigt und ihr den Mund verschlossen, wo Namen Gefahr bargen. Nun ging sie weiter. Das genügte Rhea.
Erst als der Hang sich senkte und der Geruch von Salz stärker wurde, hob Rhea den Blick. Vor ihnen lag dunkles Land, hart und leer. Weiter unten schlug Wasser gegen Fels, und nirgends flackerte ein Feuer. Aus der Nacht kam kein Ruf. Gaia ging, als kenne sie jede Stufe des Weges.
Leise sagte Rhea: „Kreta“, worauf Gaia nur nickte.
Der Pfad wurde schmal. Zu ihrer Rechten brach der Hang steil ab, zur Linken stand Fels, rau und geschlossen. Gaia blieb erst stehen, als vor ihnen nichts mehr war, das noch wie ein Weg aussah. Rhea trat neben sie. Vor ihnen lag nur eine Wand aus Stein, unregelmäßig, rissig, ohne Öffnung.
Die Hand gegen den Fels gelegt, wartete Gaia.
Eine Weile geschah nichts. Dann löste sich im Dunkel eine Gestalt vom Stein. Rhea hatte sie nicht kommen hören. Klein und schmal stand sie da, barfuß, das Haar offen, die Schultern nackt im Wind. Ihre Augen gingen zuerst zu Gaia, dann zu Rhea, schließlich wieder zurück.
„Ich habe deine Stimme gehört“, sagte sie. „Im Fels. In den Wurzeln über mir. Im Wasser unten an der Küste.“
Gaia nahm die Hand nicht vom Stein. „Darum bist du hier.“
Die Wächterin nickte langsam. Sie sprach nicht weiter. Rhea sah, wie ihr Blick an ihr hängen blieb: kurz auf ihrem Leib, dann auf ihren Händen, dann wieder in ihrem Gesicht. Sie senkte die Augen nicht, denn sie wusste genug.
„Dies liegt hier“, sagte Gaia.
Die Wächterin antwortete nicht.
Dann trat Gaia einen Schritt zurück, und vor Rhea hob sich aus dem dunklen Gestein eine allzu gerade Kante. Unten verlief ein schmaler Spalt, so eng, dass erst beim genauen Hinsehen auffiel, dass er nicht natürlich war: ein Türstein, dahinter Raum.
Rhea trat näher und legte die Hand auf ihren Unterleib. Noch zeichnete sich nichts ab, doch die Geste war deutlich. Keine Bitte, sondern eine Festlegung.
Darauf wich die Wächterin einen halben Schritt zurück.
„Vor wem?“, fragte sie.
Gaia hielt ihrem Blick stand. „Du kennst die Antwort.“
Die Wächterin presste die Lippen aufeinander. Der Wind drückte ihr das Haar ins Gesicht. Sie strich es nicht fort. „Seine Hand reicht weit.“
„Ich weiß“, erwiderte Gaia.
„Er ist Herr über Himmel und Land.“
„Für jetzt.“
Sie blickte wieder zu Rhea. „Sucht er, bricht er auf. Fragt er, zwingt er Antwort. Zürnt er, bleibt nichts unberührt.“ Ihre Stimme wurde härter. „Du verlangst nicht, dass ich einen Ort hüte. Du verlangst, dass ich ihn gegen Kronos selbst halte.“
Rhea stockte der Atem. Sie hatte es offen gesagt: Es ging um mehr als Stein und Höhle, nicht um bloße Zuflucht. Um ein Kind, ihr Kind. Das nächste. Das, welches Kronos nehmen würde, wenn sie es in seinen Händen ließ.
Gaia nickte. „Ja.“
Die Wächterin schüttelte den Kopf. „Das ist zu viel.“
Gaia schwieg einen Augenblick und fragte dann: „Zu viel für wen? Für dich? Für diesen Stein? Für diese Insel?“
Die Wächterin gab keine Antwort.
„Hör gut zu“, sagte Gaia. Ihre Stimme blieb ruhig. „Ich bin nicht hier, um dir eine Last aufzulegen, die nicht schon auf diesem Ort liegt. Kronos hat seine Hand längst weiter ausgestreckt, als ihm zukommt. Wenn dieses Kind fällt, bleibt nichts davon fern. Weder dein Fels noch dein Meer noch Kreta.“
Ihr Gegenüber hob den Kopf.
Dann trat Gaia wieder an den Türstein. „Dies hier ist kein unberührter Rand. Von jetzt an hängt auch dieser Ort an der Geburt, die kommen wird, ob du es annimmst oder nicht. Der Unterschied ist nur, ob er blind getroffen wird oder gebunden steht.“
Rhea sah sie an. Sie sah Furcht in ihrem Gesicht, aber nicht nur Furcht. Da war auch Zorn darüber, dass Gaia recht hatte. Kronos’ Reichweite musste man ihr nicht erklären. Sie lebte unter ihr.
„Wenn ich binde“, sagte die Wächterin langsam, „gibt es kein Zurück.“
„Nein“, sagte Gaia.
„Wenn ich spreche, gehört der Eid nicht mehr mir.“
„Nein.“
„Und“
„Und wenn ich spreche“, erwiderte die Frau, „dann spreche ich gegen den, der oben herrscht.“
Niemand antwortete sofort.
Vor dem kalten Türstein stand Rhea und sah die Frau an. Sie kannte ihren Namen nicht. Sie wusste nicht, wie lange sie schon hier lebte, wie viele Winter sie an diesem Fels verbracht, wie viele Stimmen sie gemieden und welche sie in ihre Nähe gelassen hatte. Sie wusste nur: Dies war der Ort, an den Gaia sie geführt hatte, und jede weitere Stunde ohne Bund war verlorene Zeit.
„Ja“, sagte sie.
Mit unbewegtem Gesicht wandte die Frau den Blick zu ihr, und ihre Stimme blieb fest. „Gegen ihn. Gegen Kronos. Ich will, dass du das weißt, ehe du dich bindest. Ich suche keinen Schutz vor Räubern oder fremden Händen, nicht vor einem namenlosen Unheil. Ich suche Schutz vor meinem Gemahl, vor dem König, der an Schwellen wacht und Kinder nimmt.“ Sie trat einen Schritt näher an den Stein und spürte die Kühle, die von ihm ausging. „Das nächste Kind aus meinem Leib soll hierhergebracht werden, wenn es ihm entgehen kann. Vor seinem ersten Ruf. Und wenn es hier ist, soll kein Wort und kein Weg es an ihn verraten.“
Reglos hielt die Frau inne. Ihr Gesicht veränderte sich nicht, doch ihre Hand hob sich langsam und blieb dicht vor dem rauen Stein in der Luft stehen.
Gaia sah sie nicht an, als sie sprach. „Nun weißt du alles, was du wissen musst.“
„Nein.“ Ihr Gegenüber ließ das Wort ohne Eile fallen.
Gaia drehte den Kopf.
„Ich muss noch eines wissen.“ Die Frau blickte sie weiterhin an. „Willst du Schutz nur für die Nacht der Geburt, für die ersten Tage, für die Zeit, bis seine Suche weiterzieht? Oder verlangst du das Ganze?“
Rhea brauchte keinen Augenblick.
„Das Ganze.“
Die Frau wartete.
„Bis zu seiner Reife“, antwortete sie. „Bis er nicht mehr genommen werden kann wie die anderen.“
Der letzte Satz blieb zwischen ihnen stehen. Gaia sagte nichts dazu. Auch die andere Frau nicht. Es gab keinen Grund, die Toten zu benennen.
Darauf legte die Frau die Hand auf den Türstein. „So höre auch du mich an, Rhea, Tochter des Hauses. Wenn ich dieses Kind nehme, ist es kein Bündel und kein Auftrag. Ich hole mir einen Feind in meinen Fels. Ich nehme deine Furcht in mein Haus und seinen Zorn an meine Schwelle. Ich kann das tun. Aber dann gilt mein Wort für alle drei.“
Gaia nickte knapp. „Sprich.“
„Nur wir drei kennen den wahren Zweck dieses Ortes“, erklärte sie. „Die Alten, die bei der Geburt helfen werden, erfahren ihn nicht. Die, die tragen, wissen nichts davon, und auch die Münder, die beruhigen, bleiben ahnungslos. Nicht Boten, nicht Dienerinnen, nicht Brüder, nicht Schwestern, niemand, der später fragt, wer hier lebt und wofür dieser Stein gesetzt wurde. Nur wir drei. Wer hilft, hilft blind. Wer trägt, trägt ohne Wissen. Wer schweigt, schweigt ohne Namen.“
Rhea hörte jedes Wort. Es war härter, als sie gehofft hatte, und richtiger, als sie zugeben wollte. Für einen Augenblick dachte sie an die alten Frauen, die sie würde rufen lassen müssen. An den Gang. An den gewickelten Stein, der an der Schwelle bleiben sollte. An den ersten Ruf, der nicht fallen durfte.
„Ja“, sagte sie.
Als sie Gaia ansah, fragte sie: „Und falls er mich holt? Falls er seine Stimme hierherschickt? Falls Männer kommen? Falls sie drohen, fordern, mir den Eid aus dem Leib schlagen wollen?“
Gaia trat an den Stein, bis ihre Schulter fast die der anderen berührte. „Dann schweigst du.“
„Auch vor dem König?“
„Vor allem vor dem König.“
„Auch wenn er sich auf seinen Rang beruft?“
„Ja.“
„Auch wenn er bei Erde, Meer und Blut fordert?“
Gaia antwortete ohne Zögern. „Ja.“
Die Hand noch immer auf dem kühlen Stein, sagte die Frau: „Nun will ich es aus deinem Mund ganz hören.“
Jetzt erst sah Gaia sie direkt an. „Kein Name“, sagte sie. „Kein Weg. Kein Kind. Nichts von diesem Ort, nichts von seiner Schwelle, nichts von seinem Gebrauch. Weder auf Bitte noch durch List, weder unter Drohung noch unter Schmerz, auch nicht auf königlichen Ruf. Wenn du dich bindest, bleibt alles verschlossen, bis das Kind reif ist oder tot. Und wenn du brichst, trägst du den Bruch allein.“
Rheas Atem stockte kurz. Die Schwere drückte ihr gegen die Rippen. Der Bund lag nun offen vor ihnen. Er war nicht mehr Plan, nicht mehr Gedanke, nicht mehr Flucht im Kopf. Er bekam Kontur.
„Ich nehme das an“, erwiderte sie.
Gaia schwieg.
„Und du?“, fragte sie an ihr Gegenüber gerichtet.
Rhea trat an den Stein. Sie legte ihre eigene Hand darauf, unterhalb der Hand der Wächterin. Der Fels war kalt.
„Ich nehme es an. Das Kind, das noch in meinen Leib kommen wird, soll hier verborgen werden, wenn es Kronos entgehen kann. Kein Name dieses Ortes soll aus meinem Mund zu ihm gelangen. Kein Weg zu dieser Schwelle. Kein Wort, das ihn hierher lenkt. Wenn ich Helfer brauche, sollen sie nur das Nötige wissen. Nicht mehr.“
Gaia nickte nicht. Sie nahm die Hand vom Stein. „Dann hör zu.“
Im geöffneten Spalt stand die Wächterin noch immer unbewegt. Hinter ihr lag Dunkel, aus dem kein Wind kam und kein Laut. Rhea hielt die Hand weiter auf den kalten Fels, bis die Finger taub wurden.
„Drei.“ Sie hob den Blick nicht. „Mehr nicht.“
Rhea sah sie an.
„Drei dürfen den Zweck wissen. Die, die hier stehen. Es bleibt bei dreien. Der Träger, die Führende, wer wäscht, wer deckt, wer die Täuschung hält, darf nur den Teil kennen, den er tun muss. Nicht den ganzen Weg.“
„Ich habe alte Frauen an meiner Schwelle“, sagte Rhea ruhig. „Sie hüten den Stein in Tüchern, den ersten Griff und den Gang. Mehr nicht.“
Die Wächterin antwortete nicht sofort. Dann nickte sie leicht. „Gut. So bleibt es.“
Gaia trat einen Schritt näher an den Spalt. „Sprich die Bedingung der Zeit.“
Mit den Fingern am Rand des Türsteins sah die Wächterin Rhea an. „Falls die Wehen zu früh laut werden, kommst du nicht. Sieht man dich, kommst du nicht. Sind Schritte hinter dir, gehst du nicht weiter. Zeichnet Blut den Weg und könnten Wachen ihn finden, bleibst du fern. Du bringst keine Spur hierher.“
Rhea hörte jedes Wort einzeln. Dennoch ließ sich keines beiseiteschieben.
„Dann stirbt es draußen.“
„Vielleicht“, entgegnete die Wächterin. Ihr Blick wich nicht aus. „Anders verbirgst du es vielleicht. Aber nicht hier. Nicht um diesen Preis.“
Mit einer knappen Bewegung zog Rhea die Hand vom Stein. In der Kälte blieb ein dumpfer Schmerz zurück. „Ich soll also den Weg nur nehmen, wenn alles gelingt.“
„Ja“, sagte Gaia.
„Und andernfalls soll ich in der Stunde selbst noch einen anderen Ort finden.“
„Ja.“
Rhea presste die Lippen aufeinander. Kronos’ Wachen standen ihr vor Augen, ebenso die alten Frauen an ihrer Tür, der Gang und vor ihr der verhüllte Stein. Der erste Ruf, der nicht kommen durfte. Alles hing an Augenblicken, die sich nicht festhalten ließen.
Mit Mühe löste sie die Finger vom Stein. „Weiter.“
Die Frau im Spalt trat einen halben Schritt zurück. „Wenn du kommst und nicht verfolgt wirst, gehst du bis zur inneren Schwelle. Dort endet dein Teil.“
Rheas Blick ging in den Spalt. Sie sah nichts. „Wessen Hände nehmen es?“
„Hände, die dafür gesetzt sind.“
„Ich will wissen, in wessen Armen mein Kind liegt.“
„Nein.“
Es war kein hartes Wort, und gerade darum blieb es stehen.
Rhea wandte sich an Gaia. „Du verlangst meinen Eid. Du verlangst mein Schweigen. Du verlangst, dass ich es aus den Armen gebe. Und ich soll nicht einmal wissen, wem.“
„Du sollst erfahren, was nötig ist“, erwiderte Gaia. „Nicht mehr.“
„Es ist mein Kind.“
„Eben deshalb.“ Gaia wich ihrem Blick nicht aus.
Rhea schwieg. In ihr stieg Widerstand auf, rasch und heiß. Er fand keinen Halt. Denn alles, was sie dagegen setzen wollte, führte zurück zu Kronos. Zu seinen Händen. Zu seinem Befehl. Zu dem Mund, der sich über jedes Neugeborene schloss, das ihr genommen worden war.
„Auch für mich.“
Niemand widersprach ihr.
Gaia nahm die Hand von der Steinkante und sagte: „Auch für dich. Geh jetzt.“
Rhea nickte nicht. Sie wandte sich nur ab. Der Weg zurück fraß Zeit, die sie nicht hatte. Blut klebte an ihren Schenkeln. Ihre Schritte wurden kürzer. Der Leib zog sich wieder zusammen, tief und hart. Sie presste die Zähne aufeinander und ging weiter.
Als sie den verborgenen Zugang zu ihren Gemächern erreichte, warteten die zwei alten Frauen bereits im Dunkel. Eine hielt die Lampe tief, die andere die Tücher. Beide sahen zuerst auf das Blut, dann in ihr Gesicht. Kein Wort.
Sie ging an ihnen vorbei in den Raum. Hinter der verriegelten Tür zur Schwelle stand die Wache. Von draußen hörte sie nichts, während das Schweigen sich spannte. Und wartete.
„Jetzt“, sagte sie.
Die Ältere der beiden stellte die Lampe ab und trat zu ihr. „Leg dich.“
Sie legte sich auf das niedrige Lager. Sie griff nach dem Rand des Fells, hielt ihn fest und ließ ihn wieder los. Unter ihr zitterten die Beine. Ein Schmerz lief durch sie, riss ihr den Atem ab, ließ ihren Rücken hart werden. Sie machte keinen Laut, während die zweite Alte zwischen ihren Knien kniete.
Ihre Hände waren bereit. Die erste wischte Blut fort, so wenig wie möglich, nur um sehen zu können. Im Raum hing der Geruch nach Schweiß, nasser Wolle und Eisen.
Wieder kam der Schmerz. Diesmal länger. Langsam hob sie den Kopf, fiel zurück, starrte gegen die Decke. Die Adern an ihrem Hals standen hervor, und ihre Finger krallten sich in das Fell.
„Noch einmal“, murmelte die Alte zwischen ihren Beinen. „Noch.“
Rhea drückte, bis ihr Blick schwarz wurde. Schließlich kam der Sohn.
Für einen Schlag lang war es still. Gleich darauf hörte sie den dünnen ersten Atem und dann den Schrei.
Der Laut traf sie mit voller Wucht.
Rasch und sicher hob die Alte den Säugling an. „Ein Sohn.“
Sie drehte den Kopf zur Seite. Nur flüchtig sah sie ihn, nass vom Blut, klein, lebendig, den Mund offen. Das genügte. Ihre Hand fuhr hoch. „Gib ihn.“
„Die Schnur erst.“
„Jetzt.“
Ohne zu zögern schnitt die erste Alte die Nabelschnur durch. Die zweite rieb den Kleinen hastig ab, nicht sauber, nur genug. Blut blieb an ihm. Obwohl ihr Leib noch nachzuckte, richtete sie sich halb auf. Sie nahm ihn an ihre Brust. Seine Haut war warm. Er schrie wieder, dann suchte er blind mit dem Mund.
Rhea beugte sich tief über ihn. Ihre Lippen berührten seine Stirn. „Du lebst“, sagte sie.
Die Alte mit den Tüchern stand schon am verborgenen Gang. Die andere griff nach dem vorbereiteten Bündel, das seit Stunden neben dem Lager gelegen hatte: ein in Tücher gewickelter Stein, mit Gewicht, Form und Wickel. Ihre Hände zitterten einmal, danach lagen sie wieder still.
Sie gab den Säugling nicht sofort her. Sie hielt ihn einen Atemzug zu lang. Die erste Alte trat näher. „Herrin.“
Sie hob den Blick. Sie wusste, wer an der Tür stand. Sie wusste, was geschah, wenn sie zögerte. Sie legte den Sohn in die Arme der Alten. „Nimm ihn. Geh.“
Die Frau wandte sich sofort ab und verschwand in der dunklen Öffnung des Ganges, das Neugeborene eng an sich gedrückt. Die zweite Alte schob den Stein in die leeren Tücher, wickelte fest, formte den Kopf, zog den Stoff über das Gewicht und legte das Bündel ihr in den Arm.
Sie legte es an sich, presste Blut und Stoff zusammen und schloss die Augen.
Dann schrie sie.
Der Ruf ging durch den Raum, an die Tür, an die Schwelle. Draußen brach sofort Lärm los: Schritte, ein Schlag gegen Holz. Eine Männerstimme rief nach den Alten. Noch ein Schlag. Dann Kronos’ Stimme, dumpf durch die Tür, aber nah.
„Ist es da?“
Sie antwortete nicht.
Die zweite Alte lief zur Verriegelung, doch ihre Finger brauchten zwei Versuche. Eisen schabte, dann sprang das Holz zurück. Die Tür ging einen Spalt auf. Wachen standen dahinter. Kronos drängte sie mit einer Bewegung auseinander und trat bis an die Schwelle. Er kam nicht weiter. Blut auf den Steinen, die Alte vor ihm, sie auf dem Lager. Sein Blick fiel sofort auf das Bündel in ihren Armen.
„Gib es her“, sagte er.
Langsam hob sie den Kopf. Das Gesicht grau, Schweiß auf der Stirn, hielt sie das Bündel noch einen Herzschlag lang fest. Nicht aus Zögern, sondern aus Hass. Dann streckte sie die Arme aus.
Die Alte nahm es ihr ab und trug es zur Schwelle.
Kronos ergriff das Bündel selbst. Er prüfte das Gewicht nicht lange. Er zog den Stoff am Rand etwas auf, sah nur Wickel und die runde Form darunter. Das genügte ihm, und seine Hand schloss sich fest darum.
Ihr Blick blieb auf seinem Gesicht. Keine Regung ging über ihres.
„Jedes Kind aus deinem Leib gehört mir“, sagte Kronos.
Sie schwieg.
Vor der offenen Tür, vor Wachen und Dienern, hob er das Bündel und verschlang es.
Das Geräusch des Steins gegen seine Zähne war kurz und hart.
Wachen zuckten zusammen. Der andere sah auf, dann schnell wieder zu Boden.
Als Rhea den Laut hörte, wusste sie Bescheid.
Kronos schluckte; sein Hals arbeitete einmal, dann noch einmal. Er ließ den Stoff fallen. Eine der Alten hob ihn sofort auf und drückte ihn an sich, damit niemand die Leere sah.
„Verriegelt“, befahl Kronos.
Er trat von der Schwelle zurück. „Keiner hinein. Niemand hinaus.“
Die Wachen nickten, während Eisen wieder auf Holz schlug, die Tür sich schloss und der Riegel vorschoss. Schritte entfernten sich: erst Kronos, dann die Wachen. Schließlich blieb nur noch das schwere Schweigen des Raums.
Während Rhea flach atmete, zog sich ihr Leib zusammen. Warm lief Blut an ihrem Schenkel hinab. Die ältere der beiden Frauen kniete sofort bei ihr.
„Jetzt“, drängte sie.
Die andere war inzwischen schon bei den Matten. Sie riss sie zur Seite. Darunter lag der Stein im Boden, dunkel von altem Staub, an den Rändern blank vom früheren Greifen. In die Fugen setzten die Frauen die Finger. Erst bewegte er sich nicht, schließlich gab er nach.
Aus der Öffnung stieg kalte Luft herauf, als Rhea sich hochstemmte. Ihre Arme zitterten. Für einen Augenblick wurde alles eng und taub in ihr. Sie biss die Zähne zusammen und setzte die Füße unter sich. Die ältere Frau trat an sie heran und legte ihr das Neugeborene in die Arme.
Es war warm und klein, lebendig.
Rhea senkte den Blick. Das Gesicht des Neugeborenen lag halb im Tuch. Der Mund bewegte sich suchend. Ein leiser Laut kam aus ihm, kaum mehr als ein Atemzug.
„Du bleibst still“, murmelte sie, mehr zu sich als zu ihm.
Inzwischen war die zweite Frau bereits im Schacht verschwunden und prüfte die ersten Tritte. „Es geht“, rief sie gedämpft hinauf.
Die ältere Helferin stützte Rhea bis an die Öffnung. „Wenn sie wiederkommen —“
Rhea zog das Bündel enger an sich. „Dann wissen sie es.“
Die Frau nickte. Sie nahm ihr das blutige Tuch ab, drückte ihr ein anderes zwischen die Beine und band es mit harten, geübten Griffen fest. „Du gehst nicht schnell genug.“
„Ich gehe.“
Die Alte sah sie an, strich dem Säugling mit dem Daumen über die Stirn und küsste ihn darauf. „Geh.“
Als sie den Fuß auf den ersten Tritt setzte, schoss ihr Schmerz durch den Unterleib. Sie hielt das Kind fester und stieg hinab; kalter Stein lag unter ihren Händen, feuchte Luft schlug ihr entgegen. Unter ihr wich die Dunkelheit erst zurück, als die andere eine kleine Lampe hob. Der Gang war schmal. Man musste sich drehen, um an einer Biegung vorbeizukommen. Abgenutzte Kerben im Stein boten dem Fuß kaum Halt.
Der Fels roch nach nasser Erde und etwas Altem, Tierwarmem, als hätte der Berg selbst Atem in diesen Schacht gesenkt. Feuchtigkeit stand auf den Wänden; wo ihre Finger Halt suchten, blieb kühler Schlamm in den Linien ihrer Hand zurück.
Hinter ihr wurde der Bodenstein wieder geschlossen. Das dumpfe Schleifen über ihrem Kopf war das letzte Geräusch aus dem Gemach.
„Weiter“, rief die Alte vor ihr.
Rhea ging: einen Schritt, noch einen, wieder einen. Der Schmerz blieb. Er ging nicht fort. Ihr Rücken war nass, ihr Mund trocken. Das Bündel rührte sich. Sie zog das Tuch dichter um seinen Kopf.
Der Gang stieg erst leicht an, später steiler. Mehrmals musste sie stehen bleiben, nicht aus Furcht, sondern weil ihr Leib nachgab. Jedes Mal drängte die Frau sie weiter, ohne Trost, ohne Schonung.
Als sie endlich das Ende erreichten, wartete ihre Mutter schon dort.
Sie stand im schmalen Ausgang des Schachts, einen Mantel um die Schultern, das Gesicht hart. Ihr Blick ging zuerst auf das Neugeborene, dann auf das Blut an Rheas Beinen, dann zurück in die Dunkelheit hinter ihr.
„Er hat genommen?“
Rhea hob nur kurz den Kopf. „Was seine Furcht greifen konnte“, sagte sie.
Die Titanin nickte nur. Kein Wort des Triumphes. „Wenn das so ist, ist der Othrys verloren. Wir gehen.“
Die Frau übergab die Lampe. Mit ihr in der Hand trat Gaia beiseite und führte sie hinaus auf den Hang. Nacht lag über dem Berg. Wind fuhr über den Stein. Vom Wind getrieben, schwankte Rhea, fing sich und zog das Kind enger an den Leib.
Die Luft biss ihr durch das verschwitzte Gewand bis auf die Haut, und der Wind trug den trockenen Geruch von nacktem Fels und fernem Schnee heran. Tief unten schlug Wasser gegen Stein, erst fern, dann wieder näher, als trüge die Dunkelheit den Laut den Hang hinauf.
Der Abstieg war lang. Der Pfad war schmal und voller loser Steine. Gaia ging voran, ohne sich umzudrehen. Sie kannte jeden Absatz, jede Stufe, jede Stelle, an der der Fels nachgab. Zweimal griff sie zurück, wenn Rhea zu langsam wurde. Als über ihnen Stimmen auffuhren, fern, aber nicht fern genug, packte sie sie einmal am Ellbogen und riss sie weiter.
„Schneller“, rief Gaia über die Schulter.
„Ich verliere Blut.“
„Dann verliere es im Gehen.“
Rhea antwortete nicht. Sie sparte den Atem. Das Neugeborene blieb still. Nur einmal öffnete es den Mund zu einem kurzen, dünnen Laut. Rhea legte ihm die Hand darüber, vorsichtig, und wiegte es im Schritt.
Unten am Wasser wartete ein schmales Boot, halb zwischen Felsen verborgen. Zwei Frauen saßen darin, schweigend, die Gesichter unter Tüchern. Sie erhoben sich, als Gaia näher kam, und hielten das Boot fest.
Rhea stieg ein und knickte fast ein. Eine der Frauen fing sie ab. Gaia sprang nach, gab ein kurzes Zeichen, und das Boot stieß sich vom Ufer.
Das Meer war schwarz. Kalte Spritzer trafen Rheas Gesicht.
Wind strich flach über die Wasserhaut und fuhr in jede Naht ihres Mantels; das Salz brannte ihr auf den Lippen, und das Holz unter ihr knackte bei jedem Schlag gegen die kurze Dünung. Hinter ihnen sog und schmatzte das Ufer zwischen den Felsen, dann blieb nur noch das regelmäßige Eintauchen der Ruder und der kalte Atem der offenen See.
Hände, den Mantel, das Tuch um das Kind. Rhea saß tief zwischen den Bordwänden, den Rücken gegen nasses Holz gedrückt, die Knie angezogen, damit das Neugeborene nicht vom Wind getroffen wurde. Jeder Schlag der Ruder ging durch das Boot in ihren Leib. Sie hielt den Mund geschlossen. Wenn sie die Zähne lockerte, kam ein Laut heraus.
Salz stand auf ihren Lippen, und feiner Sprühregen legte sich kalt auf ihre Stirn und in die Wimpern. Unter dem Kiel klang das Wasser hohl gegen Fels und dann wieder dumpf und breit, je nachdem, wie die Strömung das Boot drehte.
Am Bug kniete Gaia und blickte nicht zurück. Während die beiden Frauen ohne Wort ruderten, gleichmäßig, hart, mit der Ruhe von Menschen, die den Weg oft gefahren hatten und nicht wissen wollten, wen sie trugen, lag hinter ihnen der Othrys als dunkle Masse. Rhea wandte den Blick nicht dorthin. Den Berg musste sie nicht mehr sehen. Er steckte noch in ihrem Körper.
Der Wind kam stoßweise vom offenen Wasser und fuhr unter den Mantel, als suche er jede Wärme, die sie um das Kind gesammelt hatte. Die feuchten Planken atmeten Kälte durch ihren Rücken.
Einmal hob sie das Tuch vom Gesicht des Kindes. Auf seiner Haut lag Wärme, während der kleine Mund sich bewegte. Die Augen blieben geschlossen. Sie legte zwei Finger an die Wange, dann an die Brust, wo es schwach, schnell, unbestreitbar schlug. Es lebte.
Sie zog die Hand zurück und presste sie einen Augenblick gegen den eigenen Mund.
Als das Wasser flacher wurde und das Boot zwischen Felszähne glitt, sprach Gaia zum ersten Mal. „Von hier an zu Fuß.“
Im Schutz der Felsen verlor der Wind seine Weite und wurde zu kalten Zügen, die zwischen den Steinen pfiffen. Das Wasser strich nun mit kurzem, scharfem Laut über Kies und zurück, als zöge es an tausend kleinen Scherben.
Rhea nickte. Keine Zustimmung. Mehr brachte sie nicht hervor.
Dann sprangen die Frauen zuerst hinaus, zogen das Boot auf den Kies und hielten es fest. Gaia stieg ans Ufer, wandte sich um und streckte die Arme aus. Rhea gab ihr das Kind nicht. Sie packte den Rand des Bootes, stemmte sich hoch und trat selbst hinaus. Erkaltetes Blut lief ihr an den Beinen herab, schwer im Stoff. Beim ersten Schritt knickte ihr das rechte Knie ein, und Gaia packte sie unter dem Arm.
Der Kies war nass und bisskalt unter ihren Sohlen, selbst durch das Material hindurch. Aus den Spalten im Uferfels stieg ein dumpfer Geruch nach Tang, Salz und altem, eingeschlossenem Wasser.
„Steh.“
Ohne ein Wort stand Rhea.
Die Insel war still. Weder Feuer noch Hund, kein Ruf. Zu hören waren nur der Wind im trockenen Gras und das Knirschen von Stein unter ihren Sohlen. Sie gingen von der Küste fort, in dunkles Gelände, zwischen niedrigen Büschen und nacktem Fels, dann höher, immer höher. Der Pfad war kaum einer. Oft war er nur eine Folge von Tritten, die Gaia kannte. Die Frauen vom Boot blieben zurück. Noch eine Weile knirschten Schritte hinter ihnen, dann verstummten sie.
Mit jedem Schritt wich der Salzgeruch zurück und machte trockenem Staub, bitteren Kräutern und dem kalten Atem des Gesteins Platz. Die Luft wurde dünner und beweglicher; mal stand sie still, mal strich sie plötzlich kühl an ihren verschwitzten Schläfen vorbei.
Als die Schritte hinter ihnen verklungen waren, fragte Rhea: „Sie kommen nicht mit?“
„Nein.“
Mehr sagte Gaia nicht. Rhea fragte nicht noch einmal. Sie erkannte nur, dass Gaia von da an langsamer ging. Nicht aus Rücksicht. Weil der Weg enger wurde und weil von hier an jede Biegung zählte.
Der Aufstieg fraß die Nacht. Mehr als einmal musste Rhea stehen bleiben, die Stirn gegen kalten Stein drücken und atmen, bis die Schwärze vor ihren Augen zurückwich. Milch spannte in ihren Brüsten. Blut zog weiter an ihren Schenkeln hinab. Das Kind regte sich, suchte blind mit dem Mund, fand Stoff, ihre Haut, nichts, und schlief wieder ein. Jedes Mal, wenn es sich bewegte, fuhr es durch sie hindurch.
Der Fels war feuchtkalt an ihrer Haut, und aus den Ritzen roch es mineralisch, als läge tief im Berg stehendes Wasser. Wenn der Wind um eine Kante griff, trug er den Staub des Weges gegen ihre Waden.
Gaia wartete nun meist einen Schritt voraus und sagte nur: „Geh.“
Weder Erinnerung noch Hoffnung.
So sehr Rhea das Wort hasste, sie brauchte es.
Vor einer Felswand blieb Gaia stehen. Auf den ersten Blick war dort nichts als Stein, rau, dunkel, geschlossen. Dann erkannte Rhea die Linie, die nicht zu einem natürlichen Bruch gehörte. Einen Rand. Einen eingesetzten Block. Sie hob die Hand und legte die Finger an den Fels.
Unter ihren Fingerspitzen war der Stein nicht nur rau, sondern kaltfeucht, als sammle sich die Nacht in ihm tiefer als draußen. Aus der reglosen Wand kam ein dumpfer Geruch nach nasser Erde und etwas Tierischem, warm und milchig, das nicht zu bloßem Fels gehörte.
„Hier trennen wir uns.“
Rhea hob den Kopf. Ihr Atem ging offen. „Du kennst den Weg danach.“
„Ja.“
„Dann geh nicht.“
Als Gaia sie ansah, lag in ihrem Gesicht keine Härte mehr, nur Entschiedenheit. „Eben darum.“ Sie trat näher, bis ihre Stimme nur noch für Rhea war. „Wenn ich weitergehe, trage ich ihn mit mir zurück. In meiner Stimme und in meinem Wissen, in meinem Rang. Was Kronos an mir brechen kann, darf nicht bis zu deinem Sohn reichen.“
Rhea blickte auf das Kind. Der Stoff an seinem Gesicht hob und senkte sich kaum sichtbar. Ihr Arm zitterte vom Halten.
„Ich weiß nicht, wer hinter diesem Stein auf uns wartet“, sagte sie.
„Du musst nur wissen, dass ich dich nicht hierher geführt hätte, wenn dieser Ort ihm keinen Schutz geben könnte.“
Rhea schwieg.
Dann hob Gaia die Hand und legte sie kurz an Rheas Wange. „Und höre mich noch einmal. Kein Name aus deinem Mund, den Kronos je gegen ihn wenden könnte. Nicht zu ihm oder zu denen, die ihm dienen. Nicht im Zorn. Nicht im Schmerz.“
Rhea nickte. Sie hatte das schon gehört. Jetzt ging es tiefer.
Darauf wandte Gaia sich dem Stein zu und sprach ein einziges Wort, leise, in einer Sprache, die Rhea nicht kannte. Nichts geschah. Dann öffnete sich im Dunkel eine schmale Fuge, und kühle Luft schlug ihnen entgegen.
Sie roch nach feuchtem Gestein, nach eingesperrter Milch und nach Tierwärme, gedämpft und alt. Die Kühle legte sich sofort auf Rheas verschwitzte Haut und zog ihr die Hitze aus dem Gesicht.
Eine Frau trat heraus. Weder alt noch jung, schmal von Gestalt, in schlichtem Gewand, mit bloßen Füßen auf dem Fels. Ihr Blick ging zuerst zu Gaia, dann zu Rhea, dann auf das Bündel in ihren Armen. Dabei veränderte sich nichts in ihrem Gesicht.
„Du bringst es bis hierher“, sagte sie zu Gaia.
„Nur bis hier.“
Die Frau nickte. Ihre Augen ruhten nun auf Rhea. Dann sagte sie: „Dann komm.“
Rhea rührte sich nicht.
Gaia