Die Kinder der Schuld – Band 1

    Alexia Michailidou ·

    Die Kinder der Schuld – Band 1

    Kapitel 5 von 10

    Kapitel 5

    Dampf und Feuertüren

    Ein Schlag ging durch den Boden, kurz darauf ein tiefes Rollen, dann das Aufheulen eines Motors, das sich in den Beton fraß. Strecke 8 begann für Mira in diesem engen Vorraum, tiefer im Parkhaus, ohne Ausgang, mit neuen Fahrzeugen unter sich und Stimmen hinter Türen. Mira hob den Kopf von der grauen Stahltür, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und bemerkte erst dabei wieder das Blut an ihren Fingern. Ihr Atem stockte, als der Schmerz in der Seite wieder hochzog. Ihre Hand zitterte noch. Als sie zur roten Tür sah, wich sie einen halben Schritt zurück. Niemand durfte noch näher an sie heran.

    An der rechten Hand war es angetrocknet, ein dunkler Rand in den Linien der Haut. Im Gesicht blieb es noch feucht genug, dass der Ärmel etwas davon mitnahm. Sie rieb härter, bis die Haut brannte, doch es brachte nichts. Die Tür blieb zu. Der Kartenleser daneben zeigte kein Licht, keine Reaktion, nichts, worauf man einwirken konnte. Nur die flache Metallplatte, kalt und tot.

    Unten fuhr noch etwas ein. Sie hörte das langsame Quietschen von Reifen in der Kurve, dann ein kurzes Hupen, dann Stimmen, verzerrt und zu weit weg, um Worte zu tragen. Es war keine Straße, kein Zufall. Sie standen schon im Bau.

    Mira trat vom Notausgang weg und drehte sich in dem kleinen Vorraum einmal um die eigene Achse. Graue Tür, Betonwand. Die rote Feuertür zurück zur Versorgungsebene. Darüber eine Notleuchte, die flach gegen die Decke schien. Es gab kein Fenster, keinen zweiten Abzweig. Nur diesen Kasten zwischen Ebenen, gebaut, um zu leiten und zu sperren.

    Hinter der roten Tür kam wieder ein Schlag. Näher jetzt rief jemand etwas, worauf weiter entfernt jemand antwortete. Sie bekam die Richtung nicht sauber sortiert. Treppenraum. Versorgungsgang. Unten die Fahrzeuge. Alles lag übereinander.

    Aus der Jackentasche zog sie das Handy und hielt es einen Moment in der Hand. Der Bildschirm blieb schwarz, tot. Sie drückte nicht auf den Knopf. Wenn sie es einschaltete, gab es keine Hilfe. Nur wieder eine Leitung, über die andere sie fanden oder festhielten. Sie steckte es zurück.

    Ein kurzes Knacken kam aus der Decke, dann ein Zischen, erst fein, dann kräftiger. Mira sah hoch. Über der roten Tür lief eine Leitung entlang, gedämmt, mit einem Ventil und einem kleinen Manometer daneben. Das Zischen brach ab. Für zwei Sekunden blieb wieder nur das Summen der Leuchte.

    „Nicht bewegen.“

    Von links kam die Stimme, aus der schmalen Nische neben der roten Tür, dort, wo der Vorraum einen halben Meter tiefer in die Wand sprang. Mira fuhr herum, presste den Rücken gegen die graue Stahltür und riss die rechte Hand hoch, ohne zu wissen, was sie damit abwehren wollte.

    Aus dem toten Winkel trat Jonas Reiter, eine Hand offen vor sich, die andere dicht am Körper. Ohne Jacke stand er da, nur im dunklen Pullover, am Ärmel Staub, am Hals ein Streifen Schweiß. Sein Atem ging schnell, aber seine Stimme nicht.

    „Wenn du die aufmachst, läufst du unten direkt rein.“

    Mira starrte ihn an. Für einen Schlag lang blieb nur der Satz. Nicht sein Gesicht, nicht die Frage, wie er hierherkam. Nur die Gewissheit, die mit seiner Stimme kam: Er war im Gebäude, nicht draußen, nicht irgendwo am Telefon. Hier.

    „Woher weißt du das?“

    „Weil sie die Zufahrt unten schon dichtmachen.“ Er zeigte nicht auf die graue Tür, sondern schräg nach unten, durch Beton, durch Ebenen. „Zwei Fahrzeuge sind drin, vielleicht drei, ich habe die Lichter gesehen. Der untere Zugang ist in Minuten zu.“

    „Und du?“ Ihre Stimme war rau. „Wie lange schon?“

    „Später.“ Er sah kurz zur roten Feuertür. Als es wieder in der Leitung knackte, sagte er: „Wir müssen ins Treppenhaus.“

    Mira schüttelte einmal den Kopf. „Da kommen sie her.“

    „Von unten auch.“

    Sie zog die Schultern an, hielt den Stoff fester gegen die Seite und sah zur roten Tür. Abstand halten. Nur weg von jeder Hand an ihrem Arm, jedem Griff. Noch ein Schlag ließ das Metall beben. Wenn sie allein durch die graue Tür ging, lief sie den Fahrzeugen unten entgegen. Wenn sie blieb, saß sie zwischen beiden Seiten fest. Sie hasste, dass nur er hier einen Weg kannte.

    Nicht sofort antwortete er. Das war schlimmer als eine schnelle Lüge. Seine Augen gingen über ihr Gesicht, die verschmierte Hand, die Jacke am Bauch. Er sah die Stelle, an der sie den Stoff gegen die Wunde drückte. Dann wieder zur Tür.

    „Weil du hier sonst feststehst.“

    Noch ein Schlag gegen die rote Feuertür. Dieses Mal folgte Metall auf Metall, hart und kurz. Es waren nicht nur Hände. Mira spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Sie dachte an den inneren Treppenraum, an die Schritte von vorhin, an die Stimmen, die sich in Schächten und Fluren vervielfachten. Und an unten, an das Rollen der neuen Fahrzeuge, die nicht zufällig denselben Bau anfuhren, in dem sie festsaß.

    „Welche Seite?“, fragte sie.

    Jonas verstand sofort. „Treppenhaus Nord. Hinter dem Servicegang. Eine Schleuse, dann hoch.“

    Sie glaubte ihm nicht. Nicht ganz. Aber er stand nicht mit gezogener Waffe vor ihr, rief niemanden her und hielt Abstand, obwohl er ihr Zittern sah. Draußen drückten sie nur alles zu. Das zählte mehr, als wieder das Zischen kam. Diesmal schärfer. Jonas drehte den Kopf nach oben. Mira tat es auch. Das Ventil an der Leitung vibrierte.

    Als ein harter Ruck durch das Rohr ging, schoss Dampf heraus.

    Er traf erst die Decke, brach nach unten und füllte den schmalen Vorraum in Sekunden. Mira riss den Kopf weg und presste den Ärmel vor Mund und Nase, als die Luft sofort heiß und nass wurde und ihre Augen brannten. Vor ihr verschwand die graue Stahltür. Jonas war nur noch eine dunkle Form, einen Schritt links von ihr, dann auch nicht mehr.

    „Scheiße“, stieß sie aus.

    „Runter“, sagte er, irgendwo im Weiß. „Nicht stehen bleiben.“

    Sie ging nicht runter. An der Wand blieb sie stehen, die verletzte Hand gegen den Bauch gedrückt, die andere ausgestreckt. Feuchte Wärme lag auf ihrem Gesicht. Das Zischen fraß jedes andere Geräusch, aber nicht ganz. Hinter der roten Feuertür schlug wieder Metall gegen Metall. Kürzer jetzt. Gezielter. Von unten kamen Stimmen hoch, gedämpft, mehrere zugleich. Einer rief etwas, das sie nicht verstand.

    „Was hast du gemacht?“ Ihre Stimme kratzte sofort.

    „Ventil gelöst.“

    „Absichtlich?“

    „Ja.“

    Er hustete. Hart, tief, zwei Mal. Mira blinzelte gegen das Wasser in den Augen. Der Dampf nahm ihr die Richtung. Nur die Wand blieb.

    „Bist du irre?“

    „Sonst wären sie schon hier.“

    Wieder Metall am Schloss der Feuertür. Ein kurzer Schlag folgte, dann Stille, die nur vom Zischen des Dampfes gefressen wurde. Mira stellte sich die Männer dahinter vor, dicht an der Tür, Werkzeug in den Händen. Unten Stimmen, vor ihr die verriegelte Stahltür, während der Notausgang mit Kartenleser keine Option war. Der Alarm war mit dem Auslösen der Feuertür losgegangen. Der untere Zugang war zugestellt. Nichts davon machte Jonas vertrauenswürdig. Aber er hatte die Tür zwischen sie und die Männer gebracht. Und er stand noch immer im Dampf. Der Vorraum blieb ein Loch ohne zweiten Ausgang.

    „Wo ist der Gang?“, fragte sie.

    „Rechts von dir. Drei Schritte. Die Kante.“

    Mit der flachen Hand tastete sie an der Wand entlang. Ein Schritt, noch einer. Dichter wurde der Dampf. Das Zischen zog an und ab, nicht mehr gleichmäßig. Ihr Schuh stieß gegen etwas Metallisches am Boden. Ihre Hand fand eine Ecke, kalten Putz, eine Kante.

    „Hier“, sagte Jonas, näher, als sie gedacht hatte. „Die Öffnung.“

    Sie fuhr herum. „Nicht anfassen.“

    „Beweg dich.“

    Gegen die rote Tür kam ein neuer Schlag. Diesmal gab das Schloss nach, nicht ganz, aber hörbar. Ein scharfes Knacken. Mira stand schon in der Öffnung und spürte die veränderte Luft im schmalen Servicegang, kühler, aber ebenfalls feucht. Halb drehte sie sich zurück. Jonas war jetzt nur eine Armbewegung im Dampf. Er hatte die linke Hand an das Rohr gesetzt, nicht fest, eher suchend. Während die rechte eng am Körper hing, versuchte er einen Schritt und blieb stehen.

    „Komm“, sagte sie.

    Er antwortete nicht sofort. Als er sprach, klang es gepresst. „Geh. Ich halte noch.“

    „Womit?“

    Wieder keine schnelle Antwort. „So lange es geht.“

    In den Worten lag ein Zittern. Mira blinzelte und erkannte endlich mehr von ihm. Er stand schief zum Rohr, die Schultern hochgezogen, die Hände unnatürlich steif. Selbst im Dampf sah sie, wie verkrampft seine Finger waren. Er versuchte, die linke Hand zu schließen, und bekam sie nicht richtig zu.

    „Deine Hände“, sagte sie.

    „Geht schon.“

    Es ging nicht. Er setzte noch einmal an, wollte sich am Rohr vorbei in den Gang drücken, zuckte aber zurück, weil schon die Berührung reichte. Ein kurzes Geräusch entkam ihm, erstickt und wütend. Hinter der Feuertür setzte wieder Werkzeug an, direkt im Schloss, ein Drehen, ein Hebeln.

    Klarer wurden die Stimmen von unten. Einer war schon auf der Treppe oder im angrenzenden Bereich. Schritte auf Beton.

    Da war wieder dieses Wegschieben. Diese Entscheidung für sie, ohne sie. Mira spürte das Blut an ihren Fingern, warm und klebrig unter dem Stoff. Sie dachte an das ausgeschaltete Handy in ihrer Tasche, nutzloses Gewicht. An die Ansage auf der Versorgungsebene. An den Wagen mit BEA, der unten eingefahren war. An die blockierten Wege, die sie schon gesehen hatte, bevor er in dieser Nische aufgetaucht war. Er hatte sie nicht festgehalten, nicht nach ihr gegriffen, nur Zeit gekauft. Es blieb nicht mehr viel zu rechnen.

    „Du hast den Dampf nur für dich gebraucht?“, fragte sie scharf.

    „Für das Zeitfenster.“

    „Für wen?“

    „Für uns beide, verdammt.“

    Das letzte Wort brach ihm weg, und seine linke Hand rutschte am Rohr ab. Er fing sich an der Wand, traf sie aber nur mit dem Unterarm. Die Finger blieben offen, nutzlos. Jetzt sah Mira es klar. Kälte oder Schmerz oder etwas, das sie nicht benennen konnte. Jedenfalls nichts, womit er weiterkam.

    Sie blieb in der Öffnung stehen. Einen Schlag lang zog der Gang an ihr, weg von ihm, weg von der Tür. Sie setzte den Fuß zurück in den Dampf.

    … den schmalen Gang schnell genug allein schaffen würde.

    Ein Schlag krachte gegen die rote Feuertür. Metall fuhr kurz in Metall. Jemand rief etwas, dumpf durch den Dampf und die Wand. Von unten antwortete eine andere Stimme. Schritte liefen an, blieben stehen, liefen wieder. Im Parkhaus heulte ein Motor auf und verstummte abrupt.

    Von der Wand stieß sich Jonas ab. „Geh.“

    Durch die weiße Wand aus Dampf sah Mira ihn nur noch als dunkle Nähe. „Nein.“

    „Mira.“

    Wieder ein Schlag gegen die Tür. Diesmal gab das Schloss hörbar nach. Es sprang nicht auf; nur dieses kurze, harte Springen im Material sagte, dass es nicht mehr lange hielt.

    Sie drehte den Kopf zum Servicegang. Die Öffnung lag eher in ihrem Körper als in ihrem Blick. Rechts war es schmal, dahinter das Treppenhaus Nord. Vor ihnen lag ein Vorraum, der keiner mehr war, mit der Tür im Rücken und den Stimmen unten. Wenn sie ihn hier ließ, blieb nur die Wahl, ihn den anderen zu überlassen oder mit ihnen zusammen stecken zu bleiben.

    Jonas machte einen Schritt zur Seite, nicht in den Gang, sondern von ihr weg, um für sie Platz zu schaffen.

    „Lass den Mist“, fauchte sie.

    „Du verlierst Sekunden.“

    „Halt den Mund.“

    Scharf sog er Luft ein; etwas lag ihm schon auf der Zunge, als ein neues Zischen durchs Rohr fuhr. Der Dampf schoss härter nach. Die Wärme traf ihr Gesicht und drückte ihr die Luft aus der Brust. Für einen Augenblick sah sie gar nichts mehr. Nur Weiß, Hitze, Nässe auf der Stirn, Wasser auf den Wimpern.

    Hinter der Feuertür splitterte etwas.

    Jetzt.

    Mira packte seinen Oberarm. Er zuckte, wollte sich lösen, nicht aus Abwehr, eher aus Reflex, und sie griff fester. Die Bewegung war keine Panik mehr. Wenn sie ihn losließ, verlor sie ihn.

    „Beweg dich.“

    „Ich halte dich auf.“

    „Ich entscheide das.“

    Sie zog. Erst kam nichts. Dann setzte er nach, stolperte einen halben Schritt und prallte mit der Schulter gegen sie. Mira fing den Stoß ab, drehte sich mit ihm nach rechts und zog weiter auf die Öffnung zu.

    Der Boden war nass. Ihre Schuhe rutschten auf Beton und fanden wieder Halt. Mit der freien Hand tastete sie die Wand entlang, bis ihre Finger an die Kante des Durchgangs stießen. Da war der Servicegang. So eng, wie sie ihn in Erinnerung hatte, eng genug, dass kein Platz für Zögern blieb.

    „Seitlich“, brachte Jonas heiser hervor. „So geht es.“

    „Seitlich.“

    Sie schob sich zuerst in die Öffnung, ohne ihn loszulassen. Hinter ihnen rief jemand klarer, näher, kein einzelnes Wort, nur Befehlston. Die Feuertür bekam einen weiteren Schlag. Es folgte ein dumpfes Knacken, tiefer als zuvor.

    Mira stemmte die Füße gegen den Boden und riss stärker. „Jonas.“

    „Ich komme.“

    „Jetzt.“

    Endlich drehte er sich. Ein Ellbogen schob sich an ihr vorbei, dann Schulter, Rippen, Hüfte. Für einen Moment klemmten sie beide im Zugang, mit Beton links, dem Rohr rechts und dem Dampf im Rücken, während von unten schnelle Schritte herandrangen.

    Mira ließ los, nur um höher zu greifen, näher an die Schulter. „Runter mit dem Kopf.“

    Er duckte sich. Sie drückte ihn vorwärts. Sein Rücken streifte die Wand, ihrer das Rohr. Das Metall war heiß genug, dass sie sofort wieder wegzuckte. Sie schlug mit der Hand gegen den Putz, fing sich und schob weiter.

    Der Servicegang verschluckte einen Teil des Lärms, aber nicht genug. Hinter ihnen kam die Bewegung jetzt von zwei Seiten. Von der Feuertür. Aus dem Parkhaus. Der Vorraum war von beiden Enden offen, auch wenn der Dampf noch dazwischenhing. Sie würden im Weiß nicht wissen, ob sie rechts oder links waren, und genau diese Sekunden brauchte sie.

    Jonas’ Schuh blieb irgendwo hängen, und er geriet ins Stocken.

    „Nicht stehen bleiben.“

    „Ich steh nicht.“

    Es klang wütend, auf sich selbst gerichtet. Sein Atem ging kurz und hart. Mit jedem Schritt wurde er teurer.

    Vor ihnen zeichnete sich dunkel etwas Gerades durch den Dampf ab: ein Türrahmen, das Treppenhaus.

    „Noch zwei Meter“, keuchte Jonas.

    „Geh sie.“

    „Rechts ist—“

    „Ich sehe es.“

    Sie sah fast nichts. Nur Kanten. Schatten. Den Wechsel von engem Gang zu einem etwas offeneren Schwarz. Es reichte. Sie zog wieder an seinem Ärmel, tiefer diesmal, wo der Stoff vom Dampf schwer geworden war. Er gab endlich nach, nicht freiwillig, nicht sauber, aber genug: ein Schritt, noch einer.

    Hinter ihnen krachte die Feuertür auf, und das Geräusch schnitt durch alles andere. Stimmen sofort dahinter. Einer hustete, einer fluchte über den Dampf. Ein

    Der Wechsel kam hart. Hinter ihnen lagen noch der Dampf, das Hämmern gegen Metall, die Stimmen im Vorraum. Vor ihnen fiel das Treppenhaus Nord kalt und leer nach unten ab. An der ersten Biegung brach der Lärm ab und wurde dumpf, aber nicht fern genug. Mira hatte Jonas’ Ärmel noch in der Hand, nass, schwer, und sie ließ ihn nicht los, bis sie die erste Stufe genommen hatten.

    „Rechts“, meinte Jonas.

    Trotzdem zog sie ihn erst geradeaus auf den Absatz, nur weit genug, um die Tür hinter sich ins Schloss zu drücken. Das Schloss schnappte nicht richtig ein. Jemand stieß von der anderen Seite dagegen. Die Tür sprang einen Fingerbreit auf, fing sich wieder.

    Zu ihm gedreht sagte Mira: „Vor dem unteren Zugang hast du mich gewarnt.“

    Er stand schief zum Geländer, die Schultern hochgezogen, den Kopf kurz gesenkt. Seine Hände hingen vor ihm, nicht locker, eher festgehalten vom eigenen Körper. „Vor dem offenen Zugang.“

    Wieder ein Schlag gegen die Tür.

    „Was ist der Unterschied?“

    „Der hier ist nicht offen.“

    Das war keine Antwort, nur eine Grenze. Vor ihr glänzte Schweiß an seinen Schläfen, über der Stirn lag Spannung, und den Blick hob er nicht einmal ganz zu ihr.

    „Wenn du mich da runterführst“, begann sie, „und unten wartet schon jemand—“

    „Dann wäre ich nicht mit dir hier stehen geblieben.“

    „Du hast auch das Ventil gelöst, ohne mir etwas zu sagen.“

    „Ja.“

    Noch ein Stoß. Diesmal krachte Metall gegen Metall, und die Tür hielt, aber der Rahmen arbeitete.

    Jonas stieß den Atem aus. „Nach oben sind sie schneller. Unten nicht. Mehr Zeit hab ich nicht.“

    Seitlich zuerst setzte er sich in Bewegung, dann die Treppe hinunter, nicht schnell, sondern mit Stufen, die vorbereitet, gesetzt, kontrolliert wirkten. Mira blieb dicht hinter ihm. An ihm vorbei hätte sie nach oben laufen können. Vielleicht auch direkt in die anderen hinein. Sie dachte an seinen Satz im Vorraum. Wenn du die aufmachst, läufst du unten direkt rein. Jetzt lief sie mit ihm genau dorthin.

    Je tiefer sie kamen, desto enger wurde das Treppenhaus. Graue Wände, nackter Beton, eine einzelne Leuchte über dem Zwischenpodest, die nicht ganz ruhig brannte. Unten roch es trocken nach Staub und kaltem Stein. Von oben kam der dumpfe Schlag der Tür wieder, dann Stimmen, diesmal klarer, weil jemand die Treppe betreten hatte.

    „Schneller“, drängte Mira.

    „Ich weiß.“

    Er wusste es und wurde trotzdem nicht schneller. Sein rechter Fuß zog leicht nach. An der nächsten Biegung griff er nicht sauber nach dem Geländer, sondern stieß mit dem Unterarm dagegen und fing sich daran ab. Am Rücken schob Mira ihn an.

    „Noch weit?“

    „Eine Etage.“

    „Und dann?“

    „Tür.“

    „Und dahinter?“

    Er sagte nichts.

    Wieder packte sie nach seinem Ärmel, härter diesmal. „Jonas.“

    „Sicherer als hier.“

    „Für wen?“

    Den Kopf halb zu ihr gedreht, zeigte der kurze Blick keine Bitte. Nur Müdigkeit und etwas Entschiedenes. „Für dich, wenn sie aufmacht.“

    Sie.

    Die Stufen endeten in einem schmalen Vorraum unter dem Treppenlauf. Keine Beschilderung, kein Fenster, nur eine Metalltür in der Seitenwand, grau gestrichen, ohne Klinke. Daneben ein kleines Feld mit Leser und Druckriegel. Über der Tür brannte kein Licht.

    Davor blieb Jonas stehen, atmete einmal scharf ein und hob die Hände. Es dauerte zu lange, bis seine Finger dort waren, wo sie hinmussten. Oben klangen Schritte auf Metall. Mehr als einer.

    „Mach“, sagte sie.

    „Ich versuch’s.“

    „Versuch schneller.“

    Sein Kiefer spannte sich an. Er zog eine Karte aus der Innentasche seiner Jacke, nicht mit einer glatten Bewegung, sondern Stück für Stück, weil die Finger nicht wollten. Als sie ihm fast wegkippte, fing Mira sie in der Luft auf.

    Er hob den Blick zu ihr.

    „Wo?“

    Er nickte auf das Lesefeld. „Da.“

    Vor das Lesefeld gehalten, zeigte die Karte erst Rot. Nach einem kurzen Piepen sprang es auf Grün. Im selben Moment summte etwas in der Tür.

    Jonas drückte mit dem Handballen gegen das Metall. Es gab nur einen Spalt nach und blieb dann hängen.

    Von innen kam ein Ruck, und die Tür wurde aufgezogen.

    Die Frau dahinter war kleiner, als Mira erwartet hatte, und stand so dicht im Rahmen, dass kaum Platz blieb. Dunkle Jacke, glattes Haar, kein Schmuck, nichts Weiches im Gesicht. Ihr Blick ging erst auf Jonas, dann auf Mira, erstarrte kurz und wurde sofort kühl.

    „Was hast du getan?“

    Jonas sagte nichts.

    „Ich habe dir eine Person genannt.“ Ihre Stimme war leise, flach, ohne Eile. „Eine.“

    Die Karte ließ Mira nicht los. Die Frau bemerkte es und streckte die Hand aus, ohne zu drängen, nur wartend. Mira gab sie ihr nicht.

    Oben schlug eine Tür gegen die Wand. Schritte kamen in den unteren Lauf.

    „Wir klären das später“, erwiderte Jonas.

    „Nein. Jetzt.“ Die Frau sah Mira direkt an. „Name.“

    Mira antwortete.

    „Mira Hartmann.“

    Knapp nickte sie. Ob sie den Namen schon gekannt hatte oder nur prüfte, war nicht zu erkennen.

    Während die Schritte im Treppenhaus lauter wurden, schlugen sie hart gegen Metall, schnell, ohne Zögern.

    „Wenn ihr hier stehen bleibt, fliegt der Zugang in Sekunden auf“, stieß sie aus. „Rein. Jetzt.“

    Ohne sich zu bewegen, fragte sie: „Wer sind Sie?“

    „Später.“

    „Wo führt das hin?“

    „Weg von hier.“

    „Das ist keine Antwort.“

    Mit einem Blick auf sie, dann an Jonas vorbei ins Treppenhaus, entgegnete sie: „Du kannst die Fragen jetzt stellen und hier sterben oder du kannst mitkommen und sie später stellen. Mehr Auswahl gibt es nicht.“

    Jonas atmete scharf durch. „Mira.“

    Er stand schief gegen den Türrahmen gelehnt. Seine rechte Hand war halb geschlossen, die Finger steif, die linke zupfte unruhig an der Jacke, ohne richtig greifen zu können. Feuchtigkeit glänzte auf seiner Stirn.

    Als sie oben eine Stimme hörte, verstand sie die Worte nicht, nur den Ton. Nah genug.

    Sie trat einen Schritt zurück und gab den Durchgang frei. Hinter ihr lag ein schmaler Gang, niedriger als das Treppenhaus, Beton, Leitungen an der Wand, kaltes Deckenlicht in großen Abständen. Während sie den Blick zu Jonas schob, verlangte sie: „Er zuerst. Wenn er noch diskutiert, nicht.“

    „Ich diskutiere nicht“, erwiderte Jonas. Seine Stimme klang rau. „Geh.“

    Sie packte seinen Unterarm. „Zusammen.“

    Er wollte sich abstoßen, zu schnell, zu viel. Seine Schulter traf die Kante der Tür. Er fing sich erst nach einem Schritt. Hinter ihnen schlug oben erneut etwas gegen Metall.

    Endlich griff sie nach der Karte in Miras Hand. Diesmal zog Mira sie nicht weg. Dann nahm sie sie, ließ sie in einer Innentasche verschwinden und drückte mit dem Fuß gegen die Tür, damit Jonas durchkam.

    Kaum waren sie im Gang, zog sie die Tür zu. Das Schloss summte kurz, dann war nur noch der dumpfe Lärm von draußen zu hören.

    Mira setzte sich in Bewegung und blieb dicht bei Jonas. „Wie lange hält die?“

    „Nicht lang genug für langsames Gehen“, erwiderte sie.

    Sie ging voran, ohne zu warten oder sich umzusehen. Mira zog Jonas am Arm mit.

    Der Gang roch nach Staub und kalter Luft. Unter ihren Schritten lag nackter Beton. Links verliefen dicke Rohre auf Halterungen, rechts wechselten glatte Wände mit schmalen Metalltüren ohne Beschriftung.

    „Sie kennen meinen Namen“, rief Mira nach vorn.

    „Ja.“

    „Woher?“

    „Nicht jetzt.“

    „Dann doch später?“ Miras Atem ging kurz. „Wenn wir da sind, sagen Sie mir wieder, was gerade wichtiger ist?“

    Sie reagierte nicht sofort. An einer engen Ecke bog sie nach links, ohne langsamer zu werden. „Wenn du Antworten willst, bleib am Leben.“

    „Hören Sie auf, mir Befehle zu geben.“

    „Dann zwing mich nicht dazu.“

    Mira biss die Zähne zusammen. Genau das war es: Sie erklärte nichts, verlangte Tempo, kannte den Weg. Über sie verfügte sie, weil gerade keine Zeit blieb, sich zu widersetzen.

    Neben ihr stolperte Jonas über seinen eigenen Schritt. Mira fing ihn an der Jacke.

    „Langsamer“, mahnte sie.

    „Geht nicht“, kam es von vorn.

    „Er kann kaum greifen.“

    „Das sehe ich.“

    „Dann benehmen Sie sich nicht, als wäre er Ballast.“

    So abrupt blieb sie stehen, dass Mira fast in Jonas hineinlief. Sie drehte sich um. Im harten Licht wirkte ihr Gesicht glatt und müde, aber nicht überrascht.

    „Wenn ich ihn für Ballast halten würde, hätte ich nur dich reingelassen.“

    Für einen Moment sprach niemand.

    Hinter der geschlossenen Zugangstür kam ein fernes, hartes Geräusch: Metall auf Metall, ein Schlag, noch einer.

    Wieder setzte sie sich in Bewegung. „Weiter.“

    Jonas zog die verkrampfte Hand an die Brust. „Sie haben sie also doch nicht aufgehalten.“

    „Ich wollte Zeit. Keine Wunder.“

    Sie erreichten das Ende des Gangs. Dort führte eine kurze Stufe nach unten in einen breiteren Kellerabschnitt. Die Luft war kälter. Rechts standen alte Rollcontainer, links verlief ein Kabelkanal an der Wand entlang. Vor ihnen saß eine schwere Kellertür aus lackiertem Stahl in einem Betonrahmen.

    Direkt darauf ging sie zu und hielt an. Ihre Hand glitt in die Jacke, in eine zweite Tasche, dann zurück. Mit kurzen, präzisen Bewegungen suchte sie vergeblich, ohne Mira anzusehen.

    „Nein“, sagte sie leise.

    „Was?“ Mira ließ Jonas los und trat näher. „Öffner ist nicht da.“

    „Was heißt das?“

    „Dass ich ihn vorhin noch hatte.“

    Jonas lehnte sich schwer gegen die Wand. „Lina.“

    Es war das erste Mal, dass Mira einen Namen für sie hörte. Lina fuhr herum. Nicht wütend.

    „Ich hab ihn nicht mehr“, sagte Lina.

    Ihre Stimme blieb niedrig, aber sie stand zu dicht an der Tür, die Schultern zu hoch, um ruhig zu wirken.

    Hinter ihnen kam wieder ein Schlag, nicht mehr fern. Der Ton lief den Gang entlang, hart und kurz. Gedämpfte Stimmen folgten durch Beton und Metall. Keine Worte verstand Mira, nur Richtung und Nähe.

    Jonas hob den Kopf von der Wand, das Gesicht grau. „Du hattest ihn oben noch.“

    Lina sah ihn an, dann kurz an Mira vorbei in den Gang zurück. „Ja.“

    „Beim Wechsel ist er weg.“

    „Möglich.“

    „Vielleicht?“ Jonas stieß das Wort aus und presste sofort die Lippen zusammen, weil selbst das ihn Kraft kostete. „Dann liegt er da draußen. Oder sie haben ihn.“

    Lina antwortete nicht. Mira hörte nur ihren Atem, kurz und flach.

    Mira trat näher an die Tür. Das Lesefeld neben dem Stahl blieb schwarz. Hinter ihr kratzte etwas, dann kam ein dumpfes Schaben, als würde etwas über Boden oder Metall gezogen.

    „Geht die Karte?“ fragte sie.

    Scharf zog Jonas Luft ein. „Nein, nicht hier.“

    „Sicher?“

    „Ja.“

    Einmal nickte Lina. „Anderes System.“

    Noch ein Schlag hinter ihnen, diesmal näher, worauf zwei schnelle Schläge unmittelbar hintereinander folgten.

    Den Hinterkopf gegen den Beton gedrückt, sagte Jonas: „Zurück geht nicht.“

    Mira wandte sich zu ihm. „Woher weißt du das?“

    Er hob die gesunde Hand, ließ sie wieder sinken. „Wenn sie den Öffner haben oder finden, nehmen sie den Zugang. Wenn nicht, kommen sie trotzdem über oben. Wir laufen ihnen entgegen.“

    „Er hat recht“, sagte Lina.

    Zum ersten Mal hielt sie Miras Blick, ohne auszuweichen. Ihr Gesicht war schmal, die Haut gespannt, der Atem zu schnell. Keine Entschuldigung, keine Beschwichtigung, nur eine Entscheidung.

    „Dann sag mir, was jetzt“, forderte Mira.

    Zum Riegel hob sie das Kinn. „Du.“

    Mira rührte sich nicht.

    „Mach das Schloss kaputt.“

    Ein kurzes Schweigen stand zwischen ihnen. Dahinter wieder Stimmen. Jetzt näher, eindeutiger, mit einem harten, kurzen Befehlston. Metall fuhr gegen Metall, und Mira blickte auf ihre eigene Hand hinunter.

    „Das ist kein Draht“, warnte sie.

    „Ich weiß.“

    „Wenn ich die Tür beschädige und sie nicht aufgeht, sitzen wir fest.“

    „Wenn du nichts tust, auch.“

    Jonas stieß sich von der Wand ab und kam einen halben Schritt vor, bevor sein Bein nachgab. Mira griff sofort nach seinem Arm. Er fluchte leise und fing sich am Kabelkanal.

    „Mira“, murmelte er, leiser als Lina, aber dringender. „Sie hat uns bis hier gebracht. Mehr haben wir nicht.“

    Den Satz mochte sie nicht. Nicht den Inhalt, nicht die Art, wie er nach Einverständnis klang, das sie nicht geben wollte. Lina hatte sie hierher geführt, ja. Sie wusste mehr, als sie sagte. Außerdem hatte sie etwas verloren, das sie hätten brauchen können. Und jetzt stand sie da und verlangte von Mira, etwas zu tun, das nicht zurückzunehmen war.

    Noch ein Schlag. Diesmal vibrierte die Tür hinter ihnen, die zum versteckten Zugang zurückführte, leicht, aber spürbar.

    Lina zuckte. „Keine Zeit mehr.“

    Einen Schritt näher am Lesefeld fragte Mira: „Was genau verriegelt hier?“

    Neben sie tretend, erklärte Lina: „Innen sitzt ein Magnetriegel. Wenn das Feld freigibt, zieht er auf.“

    „Und wenn ich das Feld zerstöre?“

    Lina zeigte auf den dunklen Riegel unterhalb des Feldes. „Triff nicht nur das Feld. Da sitzt die Einheit.“

    „Warum da?“

    „Weil dort alles zusammenläuft.“

    Jonas lehnte wieder an der Wand, die Augen geschlossen, nur für einen Moment. „Du musst nicht die Tür aufschneiden“, sagte er. „Nur tief genug.“

    „Das habe ich noch nie versucht“, entgegnete Mira.

    Er öffnete die Augen. „Dann jetzt.“

    Sie hätte gern etwas darauf gesagt, etwas Hartes, das die Verantwortung zurückgab. Stattdessen drehte sie die Handfläche nach oben. Ihre Finger zitterten leicht. Vor Müdigkeit, vor Kälte, vor dem Druck in ihrem Brustkorb, sie wusste es nicht.

    Lina trat einen halben Schritt zurück und zog Jonas mit sich an der Jacke aus der unmittelbaren Linie vor der Tür. „Konzentrier dich auf den Riegel.“

    Mira hörte wieder das

    Mira hörte wieder das Schlagen von hinten. Nicht mehr fern. Ein dumpfer Stoß, dann Metall auf Metall, dann eine Stimme, die den Gang schnitt und gleich wieder brach.

    Mit einer kleinen Bewegung hob sie die Hand höher und zwang ihren Blick auf die Stelle unter dem Lesefeld. Das schwarze Gehäuse mit den Schrauben, ein schmaler Spalt an der Kante. Darüber die glatte Fläche des Lesers, tot und dunkel.

    Ihr Atem ging zu schnell. Sie presste die Zähne aufeinander. In ihrem Kopf saß noch die andere Tür, die rote, der breite Bügel, die feste Bewegung nach unten, die nichts gegeben hatte. Verfolgung im Rücken, Stahl vor ihr, kein Weg. Ihr Magen krampfte.

    „Mira.“ Linas Stimme, kurz.

    Ohne zu nicken, blieb sie bei dem einen Punkt. Sie wollte weder Jonas' Atem noch Linas Ton an sich heranlassen. Nur diese Stelle vor ihr. Wenn sie jetzt hochsah, sah sie ihre Gesichter.

    Sie schob den Arm vor, bis ihre Fingerspitzen fast das Gehäuse erreichten, ohne es zu berühren. Wärme stieg in ihre Hand, erst schwach, dann scharf. Ein Ziehen lief in den Unterarm, Druck pochte hinter den Augen. Hinter ihr rief jemand etwas. Schritte. Mehr als einer.

    Mira setzte an.

    Das Gehäuse knackte erst nur an einer Ecke. Ein hartes, trockenes Geräusch. Ein Funke sprang unter dem Lesefeld auf und starb sofort. Mira zuckte zusammen, fing sich wieder und drückte nach.

    „Weiter“, drängte Jonas hinter ihr, heiser.

    Sie hörte ihn kaum. Das schwarze Kunststoffteil brach an der Vorderkante auf. Etwas darin gab nach, erst widerständig, dann auf einmal. Ein scharfer Geruch stieg hoch, doch der Leser blieb dunkel, ohne dass sich etwas an der Tür bewegte.

    Scheiße.

    Sie nahm die Hand nicht weg. Schmerz schoss ihr bis in die Schulter. Ihr Blick verschwamm kurz. Sie blinzelte hart. Es reichte nicht.

    „Nochmal“, rief Lina.

    Hinter ihnen krachte es. Diesmal direkt am Zugang zum Kellerabschnitt. Stimmen, klarer jetzt. Ein Fluch. Schnelle Schritte.

    Mira stieß Luft aus und griff tiefer in die aufgerissene Einheit. Das graue Bauteil sprang aus seiner Halterung. Ein zweiter Funke zuckte. Dann ein kurzes, hartes Knirschen aus der Tür.

    Nichts.

    Für einen halben Schlag stand alles still. Mira hörte nur ihr Blut in den Ohren.

    Von innen kam ein hartes Klacken.

    Ruckartig riss Mira den Kopf hoch.

    Ein tieferes Geräusch folgte, kurz und schwer, direkt aus dem Rahmen. Der Magnetriegel fiel ab.

    Die Tür sprang einen Spalt auf.

    Lina war sofort da, ohne eine Sekunde zu warten. Sie packte Jonas am Oberarm, riss die Tür weiter auf und schob ihn durch den Spalt. Jonas stolperte, fing sich an der Kante und verschwand dahinter.

    „Los“, rief Lina und stieß Mira an der Schulter.

    Noch immer stand Mira mit erhobener Hand vor dem zerstörten Feld. Ihr Körper hing eine Spur hinterher, bis der nächste Lärm aus dem Gang kam, jetzt offen, jetzt ohne Entfernung. Ein Schatten zuckte an der Ecke.

    Lina drängte sie hart durch die Öffnung. Mira setzte einen Schritt nach vorn, über die Schwelle, und wurde an der Hüfte von der Tür gestreift. Kalte Luft schlug ihr entgegen. Beton unter den Sohlen. Ein schmaler Raum oder Gang, sie erfasste ihn nicht ganz. Nur: weg von der Linie, weg von den Blicken.

    Lina zog die Tür von innen zu. Für einen Moment blieb sie auf halber Strecke hängen. Mira sah ihren eigenen Abdruck aus Staub und Schmutz auf dem Metall. Von außen kam ein Ruf, dicht und scharf.

    „Zu“, rief Jonas.

    Die Tür fiel ins Schloss.

    Im selben Augenblick traf etwas von der anderen Seite dagegen. Nicht mit voller Wucht, eher ein erster Aufprall in Bewegung. Das Blatt bebte unter dem Schlag, und Mira fuhr herum.

    Rechts neben der Tür, auf ihrer Seite, saß die innere Einheit. Ein schlichter Kasten, ein mechanischer Hebel darunter.

    Noch ein Schlag traf die Tür, und Mira drückte den Hebel nach unten.

    Ein hartes Klicken lief durch das Metall. Danach ein tieferes Einrasten. Sie spürte die Bewegung bis in die Finger. Für einen kurzen Moment hielt sie den Hebel fest, nur um sicher zu sein, dass er unten verharrte. Nicht wegen des Hebels. Weil sie Jonas hinter sich hatte und die Tür zu bleiben musste.

    Auf der anderen Seite wurde sofort gegen das Blatt gearbeitet. Auf Schläge folgten kurze Stöße, dann ein Kratzen, dann wieder Stimmen. Gedämpft durch Stahl und Beton, aber nah genug, dass kein Irrtum blieb. Sie standen direkt hinter ihnen.

    „Weg da“, rief Lina.

    Mira ließ los und trat einen halben Schritt zurück, ohne den Blick von der Tür zu nehmen. Die innere Einheit saß fest in der Wand. Anders als draußen stand hier nichts offen, nichts war beschädigt. Ein sauberer Kasten, ein Hebel, mehr nicht. Diesmal hatte sie nichts aufgerissen. Sie hatte nur verschlossen.

    Der Korridor maß kaum mehr als die Breite der Tür. Betonwände, nackte Decke, ein Streifen kaltes Licht aus einer Leuchte weiter hinten. Über den glatten, staubigen Boden führte der Weg nach links ein paar Meter geradeaus und dann in eine Biegung, die sie von hier nicht einsehen konnte. Ohne Fenster oder Nische bot sich kein Ort zum Bleiben.

    Jonas lehnte mit dem Rücken an der Wand, eine Hand auf den Bauch gepresst, die andere flach auf den Beton. Er versuchte, leise zu atmen, schaffte es aber nicht. Jeder Zug kam zu schnell, zu flach. Schweiß stand ihm auf Stirn und Oberlippe. Seine Karte hing noch an der Jacke, schief eingeklemmt, als hätte sie jetzt irgendeinen Wert.

    „Kannst du gehen?“, fragte Mira.

    Er hob den Kopf. Seine Augen brauchten einen Moment, bis sie sie fanden. „Ja.“

    Zu schnell gesagt.

    Lina hörte es auch. „Nicht diskutieren. Wir gehen jetzt.“

    Schon am Anfang des Gangs stand sie, den Körper zur Biegung gedreht, den Kopf noch halb zu ihnen zurückgenommen. Wirklich warten tat sie nicht. Sie kontrollierte nur, ob sie folgten.

    Hinter der Tür kam ein dumpfer Schlag, dann noch einer, tiefer gesetzt.

    „Wohin?“, fragte sie.

    Lina sah sie an. Nicht lang. „Runter und weiter.“

    „Das ist keine Antwort.“

    „Das ist die, die du kriegst.“

    Wieder ein Schlag. Jonas zuckte zusammen. Seine Hand rutschte von der Wand ab und fing sich erst im zweiten Versuch.

    Sie trat zu ihm. „Zeig.“

    „Geht schon.“

    „Zeig.“

    Er presste den Mund zusammen, nahm die Hand vom Bauch und richtete sich etwas auf. Eine offene Wunde war nicht zu sehen, nur der Stoff seiner Jacke, dunkel an einer Stelle, die im schlechten Licht nicht eindeutig war. Seine Knie gaben kurz nach, noch bevor sie genauer hinsehen konnte.

    Sie griff nach seinem Arm und bekam sein Gewicht sofort zu spüren. Genug, obwohl er noch auf den Beinen war und ihr schon zu entgleiten drohte.

    „Er schafft das nicht allein“, sagte sie.

    „Dann nimm ihn“, erwiderte Lina.

    Mira sah auf. „Und du?“

    „Ich führe.“

    Lina trug den Öffner nicht mehr bei sich. Jonas’ Karte hatte an dieser Tür nichts gebracht. Jetzt stand sie da, als hätte beides nichts an ihrer Position geändert. Hinter ihr arbeitete jemand an der Tür.

    Sie zog Jonas’ Arm über ihre Schulter. Er stieß scharf Luft aus, versuchte, sein Gewicht wegzunehmen, und schaffte es nur teilweise. Mira setzte die Füße neu. Der Gang wurde dadurch noch enger. Der Stoff seiner Jacke war kalt und feucht. Er war langsamer als Lina, aber nicht die hinter der Tür.

    „Wenn du wegkippst, kündigst du es vorher an“, sagte sie.

    Jonas nickte, ohne sie anzusehen.

    „Nicht nicken. Sagen.“

    „Ja.“

    Noch immer wartete Lina an der Biegung. Ihr Blick ging kurz zur Tür, dann zurück. „Jetzt.“

    Einen letzten Blick warf Mira auf den Hebel. Unten. Eingerastet. Sie wandte sich ab.

    Der erste Schritt mit Jonas war schlecht. Er zog nach rechts, sie musste ihn hart zurückholen, damit sie nicht beide an die Wand gerieten. Beim zweiten ging es besser. Sie fanden ein ungleiches Tempo, nicht sauber, aber vorwärts. Hinter ihnen dröhnte wieder ein Stoß gegen die Tür, diesmal länger, mit Nachdruck. Jemand hatte sich gesammelt.

    An der Biegung blieb Lina nicht stehen. Sie lief sofort weiter, nach links in einen zweiten Gang, noch schmaler, mit freiliegenden Leitungen unter der Decke. Das Licht flackerte einmal, dann blieb es konstant. Im Vorbeigehen registrierte Mira Türen, graue Metallblätter ohne Fenster, teils offen, teils geschlossen.

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