Kapitel 9
Mira Krüger
Als Mira wieder zu sich fand, war der Rastplatz verschwunden. Der Geruch von Diesel fehlte, ebenso nasser Beton und die Lastwagenwand dicht vor dem Gesicht. Zwischen dort und hier lag etwas Ausgelassenes, ein schwarzer Schnitt in der Zeit. Auf einer schmalen Liege in einem hellen Zimmer wusste sie im ersten Atemzug, dass sie nicht gerettet worden war.
Über ihr spannte sich eine glatte, weiße Decke. Das Licht fiel nicht nur von oben. Es lag auch in den Wänden, in den Flächen, auf dem Boden. Rechts zog sich ein hohes Fenster fast über die ganze Wand. Dahinter lag Wasser. Breit, ruhig, grau im Vormittag oder Nachmittag, sie konnte es nicht sagen. Der See war nah genug, dass er den Raum bestimmte, und weit genug, dass er ihr nichts nützte.
Noch einen Moment blieb sie liegen und prüfte den eigenen Körper. Der Kopf war schwer, aber klarer, als er sein durfte. Im Hals saß Trockenheit. An der linken Seite, dort, wo die Nadel gesteckt hatte, spannte die Haut. Arme und Beine gehorchten, Fesseln sah sie keine.
Gerade das machte den Raum falsch.
Neben der Liege stand ein Stuhl mit gerader Lehne. Ein Tisch ohne Gegenstände. An der Wand gegenüber eine Tür, lackiert, ohne Klinke auf ihrer Seite. Nur eine glatte, matte Fläche mit schmalem Rahmen. Ein Schlüsselloch sah sie nicht, einen sichtbaren Riegel auch nicht. Über der Tür ein Lautsprecherfeld, klein und sauber eingelassen.
Langsam richtete Mira sich auf. Das Blut sackte kurz weg und kehrte zurück. Sie wartete, bis das Zittern in den Händen nachließ. An ihrem rechten Handgelenk sah sie das Band.
Durchsichtiges Plastik mit weißem Einleger und schwarzer Druckschrift.
Mira Krüger.
Sie starrte die Buchstaben so lange an, bis sie scharf wurden und scharf blieben. Hartmann stand dort nicht. Auch keine Zimmernummer oder Fallnummer, nur Vor- und Nachname. Fertig.
Näher an ihr Gesicht hob sie das Handgelenk. Das Plastik schnitt nicht ein, es saß so, dass es bleiben sollte.
Krüger, und Kälte lief ihr den Rücken hinunter. Der Name allein war es nicht. Die Ruhe war es, mit der er gedruckt worden war. Jemand hatte ihn eingetragen. Jemand hatte ihn bestätigt. Jemand hatte entschieden, dass sie auf diesem Band so hieß.
Sie schob die Beine von der Liege und stellte die Füße auf den Boden. Das Linoleum war fest, sauber, leicht federnd, und Schuhe trug sie nicht, nur graue Socken. Andere Kleidung als vorhin. Eine helle Hose, ein weites Oberteil, beides ohne Taschen. Sie sah an sich herunter und presste die Lippen zusammen.
Vor der Tür ging jemand vorbei, Schritte ohne Hasten und ohne Stehenbleiben. Leise knackte der Lautsprecher.
„Mira Krüger, bitte bleiben Sie im Zimmer. Eine Mitarbeiterin kommt in Kürze zu Ihnen.“
Sie hob den Kopf. Der Satz klang sachlich, ohne Druck, ohne Schärfe. Gerade deshalb lag er hart im Raum.
Sie sagte nichts.
Ein Teil in ihr wartete auf den zweiten Versuch, auf eine Korrektur, auf Hartmann. Es kam nichts. Nur wieder Schritte auf dem Flur, gedämpft, dann Stille.
Damit war es geklärt, und sie trat zur Tür. Nicht schnell. Der Kopf war noch nicht ganz sicher, und sie wollte den ersten Weg im Zimmer nicht mit einem Stolpern beginnen. Vor der lackierten Fläche blieb sie stehen und legte die Finger an den Rand. Einen Griff fand sie nicht, keine Mulde, nur die glatte, kühl lackierte Tür und einen kaum sichtbaren Spalt im Rahmen.
Sie drückte mit der flachen Hand dagegen, doch nichts geschah.
Mehr Druck. Das Holz oder Metall darunter gab nicht nach. Sie stemmte die Schulter dagegen, spürte den Rest der Schwäche im Oberkörper und ließ wieder los.
Nicht rufen, dachte sie. Nicht klopfen. Nicht fragen.
Sie wandte sich ab und ging zum Fenster. Auch hier fand sie keinen Griff. Das Glas war dick, klar, sauber bis zur Kälte. Dahinter der See. Unten ein schmaler Streifen Kies oder Beton, dann Geländer, dann Wasser. Menschen sah sie keine. Eine Straße auch nicht. Keinen Steg, den sie von hier aus hätte erreichen können. Nur Aussicht. Verabreichte Aussicht.
Sie legte zwei Finger an das Plastikband und zog daran, bis es in die Haut schnitt. Es hielt. Einen Verschluss, den man schnell öffnen konnte, gab es nicht. Sie drehte das Handgelenk, suchte die Stelle, an der der Streifen ineinandergeschoben war, fest verschweißt: Mira Krüger.
Sie trat zurück zur Tür. Der Name hing jetzt nicht mehr nur an ihrem Arm. Er saß auch im Lautsprecher, im Flur, in Akten, in Bildschirmen. Wenn sie die Tür aufmachten, würden sie ihn wieder benutzen. Vielleicht freundlich. Vielleicht routiniert. Vielleicht mit dem Ton, in dem man etwas als längst geklärt behandelte.
Sie hob die rechte Hand und setzte den Daumennagel an den Lack.
Es ergab keinen Plan. Mehr eine bewusste Antwort. Der Nagel war zu kurz, an der Kante stumpf. Früher hätte er auf so einer Fläche nur einen matten Bogen hinterlassen, den man im schrägen Licht sah und sofort wieder vergaß.
Sie zog ihn nach unten, und ein feiner, heller Strich blieb stehen.
M
Als die Tür wenig später aufging und man sie nicht mehr in dem hellen Zimmer ließ, sondern in einen anderen Raum brachte, war der Bruch vollständig. Hinter Glas lag kein See, ein Bett fehlte ebenso, und auch der Flur draußen war nicht mehr still. Stattdessen roch es nach trockenem Holz und abgestandenem Wasser: ein Tisch, zwei Stühle, eine Wand ohne Bild, eine Karaffe Wasser, ein Holzblock mit Schreibzeug. Die Frau mit dem Tablet war nicht dabei. Der Mann, der schon am Rasthof in Sätzen gesprochen hatte, die klangen, als stünden sie längst in einer Akte, saß bereits auf der anderen Seite. Voss.
Stehen blieb sie.
„Setzen Sie sich.“
Ohne sich sofort zu setzen, ließ sie den Blick über den Tisch wandern, über die Kanten, über die blanke Fläche. Dort lag nichts offen herum, keine Handschellen, keine Kamera, kein Ordner, und gerade deshalb wirkte alles vorbereitet.
Mit einem Griff schlug Voss eine Mappe auf. „Sie sind seit heute Nacht in Präventionsschutz übernommen. Der Vorgang läuft regulär. Ihre Unterbringung ist gesichert.“
Den Stuhl zog Mira zurück und setzte sich. „Unter welchem Namen?“
Er sah kurz in die Mappe. „Das wissen Sie bereits.“
„Ich will es von Ihnen hören.“
„Mira Krüger.“
Ein knappes Nicken. „Wer hat das festgelegt?“
„Darum geht es jetzt nicht.“
„Doch.“
„Nein.“ Er blätterte eine Seite weiter. „Es geht jetzt um Ihre Mitarbeit.“
Sie sagte nichts.
Voss legte zwei Finger auf das Papier vor sich. „Je früher wir klären, was in den letzten Wochen tatsächlich gelaufen ist, desto sauberer können wir Ihren Status einordnen.“
„Meinen Status.“
„Ja.“
„Nicht meine Rechte.“
Er hob den Blick. „Die bleiben unberührt.“
Ihr Blick traf seinen nur kurz, gerade lang genug, damit er merkte, dass sie den Satz gehört hatte und ihm nicht glaubte.
Ohne weiterzublättern, sagte er: „Sie sind mehrfach ohne Angabe des tatsächlichen Zwecks zur JVA Stadelheim gefahren.“
Ihr Nacken zog sich zusammen.
Den Blick weiter auf sein Gesicht gerichtet, sagte sie: „Und?“
„Sie haben Bernd Krüger besucht.“
Nicht zurück lehnte sich Mira. Sie blieb genau so sitzen. „Wenn Sie es schon wissen, brauchen Sie mich nicht.“
„Ich brauche Ihre Einordnung.“
„Nein. Sie brauchen mein Einverständnis zu Ihrer Version.“
Er nahm ein Blatt aus der Mappe und legte es zwischen sie. Darauf standen nur Daten und Besuchsnummern: Datum, Uhrzeit, Dauer, Vermerke in einer schmalen Spalte.
Zuerst erkannte sie nur die Anordnung, dann die zweite Zeile. Dann die dritte. Da stand nichts Ungefähres, kein Name ohne Beleg. Jeder Besuch. Auch der, bei dem sie noch gedacht hatte, niemand habe sie gesehen. Auch der spätere, den sie unter einem anderen Vorwand eingeschoben hatte.
Angehoben wurde das Blatt von ihr nicht.
„Woher?“
„Aus den üblichen Schnittstellen.“
„Das ist keine Antwort.“
„Es ist die einzige, die Sie dazu bekommen.“
Sie las weiter, und auf einer Zeile stand ihr Name, auf einer anderen nicht: Besuchererfassung, Nachtrag, Zuordnung, wobei jemand die Lücken geschlossen hatte. Sauber. Nachträglich oder sofort, das war nicht zu sehen. Nur dass es geschehen war.
Sie dachte an die Besuchskarte in der Wohnung ihrer Eltern. An den Stream. An Hände, die Schubladen aufzogen. An Stimmen, die schon damals mehr wussten, als sie gezeigt hatten. An den Tisch im Besucherraum. An ihren eigenen Druck im Holz. Damals war es noch ein Reflex gegen die Enge gewesen. Jetzt saß sie hier und hielt den Rücken gerade, weil sie ihnen nichts geben wollte, das sie wieder in ihre Sprache drehen konnten.
Voss schob ein zweites Blatt nach.
Jetzt sah sie ihn an. „Ist das der Teil, in dem Sie bluffen?“
„Nein.“
Er drehte das Blatt zu ihr, auf dem handschriftlich ergänzte Notizen formalisiert übertragen waren. Besucherraum. Auffälligkeit an rechter Hand. Tischoberfläche beschädigt. Meldung an Leitung. Weitergabe geprüft.
Einzeln las Mira die Wörter. Nicht weil sie sie nicht verstand. Weil sie Zeit brauchte, um nicht sofort das Blatt vom Tisch zu fegen.
Die Tischoberfläche war beschädigt, keine Kerbe. Keine Linie. Nicht das, was Bernd gesehen hatte, und nicht das, was sie selbst gesehen hatte. Aber genug. Genug, damit es nicht in ihr blieb. Genug, damit jemand entschieden hatte, dass es aktenfähig war.
„Wer hat das geschrieben?“
„Das ist im Vorgang vermerkt.“
„Dann sagen Sie es.“
„Warum?“
„Weil ich erfahren will, wer da drin gesessen und entschieden hat, was real ist.“
Voss schloss die Mappe nicht. „Für Sie wäre wichtiger zu verstehen, dass wir an diesem Punkt nicht mehr mit Einzelbeobachtungen arbeiten.“
Ihr rechter Daumen drückte sich in die Fingerkuppe. „Wir.“
„Ja.“
„Sie haben also nicht nur meine Besuche erfasst. Sie haben ausgewertet.“
„Selbstverständlich.“
Das Wort stand kurz im Raum und blieb dort.
Wieder glitt Miras Blick auf die Seiten mit ihren heimlichen Fahrten, dem Vorwand, dem Warten im Besucherraum. Bernds Ruhe. Seine Aufforderung, die Hand auf den Tisch zu legen. Damals hatte sie ihm nicht vertraut. Jetzt lag vor ihr, dass er vielleicht auf mehr vorbereitet gewesen war als nur auf sie.
„Was steht über ihn drin?“
„Mehr, als ich Ihnen jetzt geben werde.“
„Dann geben Sie gar nichts.“
„Das hängt von Ihnen ab.“
Jetzt war Jonas im Raum, noch bevor Voss seinen Namen sagte. Nicht körperlich. Nur als Druck in ihrer Brust.
Bevor Voss den Blick hob, sagte Mira nichts.
„Jonas Reiter“, sagte sie.
Voss schob keinen neuen Bogen nach vorn. Sie ließ die Mappe offen liegen, zwei Finger auf dem Rand. „Er wird in der vorläufigen Einordnung als unterstützende Drittperson geführt.“
Den Blick auf das Papier geheftet, wollte sie nicht fragen, tat es aber trotzdem. „Was heißt das?“
„Das heißt, dass seine weitere Behandlung davon abhängt, wie sich seine Rolle konkretisiert.“
„Behandlung.“
„Einordnung. Vernehmung. Unterbringung. Empfehlung an die zuständigen Stellen.“ Voss sprach ruhig weiter. „Den Begriff können Sie wählen, der Ihnen angenehmer ist.“
Sie hob den Kopf. „Er hat mir geholfen.“
„Genau das ist erfasst.“
„Ich habe ihn nicht darum gebeten.“
„Das ist für eine erste Bewertung nicht entscheidend.“
Die Tür hinter ihr blieb geschlossen, vom Flur kam kein Geräusch.
„Was wollen Sie denn?“, fragte Mira.
„Kooperation.“
„Wobei?“
„Bei einer belastbaren Erfassung dessen, was bei Ihnen auftritt, wann und unter welchen Bedingungen, mit welchen Folgen.“
Ihre Lippen bewegten sich nur kurz. „Sie reden über mich wie über Aktenmaterial.“
„Ich rede über ein Gefährdungsbild.“
„Nennen Sie es doch wenigstens ehrlich.“
Voss neigte den Kopf kaum merklich. „Ehrlich ist, dass auf einem Rastplatz mehrere Personen verletzt wurden. Ehrlich ist, dass eine mobile Einheit ausfiel. Ehrlich ist, dass Sie trotz Sicherung den Ort verlassen konnten. Ehrlich ist auch, dass schon Monate zuvor in der JVA Stadelheim ein dokumentierter Vorfall mit Materialbeschädigung stattgefunden hat.“
Sie zog ein Blatt aus der Mappe und legte es quer vor Mira. Keine Originalakte, nur eine Kopie. Graues Papier, schwarzer Druck, ein Stempel am Rand.
Zuerst sah sie nur einzelne Wörter: Besucherraum, Tischoberfläche, lineare Vertiefung, Zusammenhang mit Handkontakt nicht auszuschließen.
Ein harter Zug ging ihr durch den Bauch.
„Das führen Sie wirklich so“, murmelte sie leise.
„Natürlich.“
„Nicht auszuschließen.“
„Das ist die Formulierung des damaligen Vermerks.“
„Und die reicht Ihnen?“
„In Verbindung mit allem Weiteren: ja.“
Sie las weiter, obwohl sie es nicht wollte. Beschädigung nachträglich festgestellt. Eine plausible mechanische Ursache durch regulären Gebrauch war nicht erkennbar. Besucherin Mira Krüger.
Sofort sah sie das Wort, nicht den Vermerk, nicht die Zeile darüber, nur den Namen.
„Ich heiße nicht so.“
„Hier doch.“
Ihr Blick fiel auf das Plastikband an ihrem Handgelenk, eng auf der Haut. Den weißen Streifen darunter, die schwarze Schrift. Mira Krüger. Sie hatte schon im Zimmer daran gezogen. Es hatte nichts gebracht.
„Warum?“
Voss schwieg einen Moment. Kurz. Berechnet, lang genug. „Weil es in Ihrem Fall operative Gründe für eine zusammengefasste Zuordnung gibt.“
„Das ist keine Antwort.“
„Das ist die Antwort, die Sie im Moment erhalten.“
Sie legte beide Hände unter den Tisch. Sie wollte das Band nicht mehr sehen. „Und wenn ich nicht mitspiele?“
„Dann entscheiden andere Stellen auf Grundlage dessen, was bereits vorliegt.“
„Und Jonas?“
„Herr Reiter profitiert nicht davon, dass Sie Informationen zurückhalten.“
Das war der erste Satz, den Voss mit spürbarem Druck äußerte. Nicht lauter, nur ohne jede Bewegung im Gesicht.
Sie hielt den Atem an und zwang ihn wieder hinaus. „Sie wissen nicht einmal, warum er da war.“
„Dann sagen Sie es mir.“
„Nein.“
Voss faltete die Hände. „Sie verkennen Ihre Position.“
Wieder sah sie auf den Vermerk. Auf das Wort Besucherin. Auf den Namen darunter. Auf die saubere Sprache, die aus einem Moment mit Bernd einen Tatbestand machte. Bernds Stimme kam kurz zurück, mit den Worten: Leg die Hand hin. Nur kurz. Ich muss sehen, ob es bei dir auch so ist. Damals hatte sie wissen wollen, ob sie verrückt wurde. Jetzt saß eine Frau vor ihr, die daraus ein System gemacht hatte.
„Was steht über ihn drin?“, fragte Mira noch einmal.
„Nicht das, worüber wir jetzt sprechen.“
„Doch. Genau das.“ Sie hob den Blick. „Sie haben mich zu ihm gelassen, mehrfach. Sie haben gesehen, dass ich hinfahre. Sie haben gewartet. Sie haben den Tisch fotografiert und abgeheftet. Wenn Sie alles auswerten, war das nicht nur Beobachtung.“
„Das ist eine Interpretation.“
„Widersprechen Sie.“
Voss tat ihr den Gefallen nicht. „Ich sage Ihnen, was relevant ist. Relevanz ist, dass sich Ihr Muster nicht mehr auf subjektive Wahrnehmung beschränken lässt.“
„Mein Muster.“
„Ja.“
„Sie reden die ganze Zeit, als hätte ich mich dafür entschieden.“
Voss’ Blick ging kurz auf Miras rechte Hand. Die dunkle Linie war im ersten Moment nicht zu sehen. Dann
Sie drehte die Hand langsam nach oben.
Die Linie lag wieder in der Mitte der Handfläche. Dunkel, scharf, nicht mehr nur ein Schatten, den man im falschen Licht sehen konnte. Von unterhalb des kleinen Fingers lief sie quer nach innen und endete kurz vor dem Ballen des Daumens. Darauf starrte Mira, bis ihr Blick unscharf wurde. Sie kannte jede normale Falte ihrer Hand, und diese hier gehörte nicht dazu.
Voss sagte nichts, was es nur noch schlimmer machte.
Den Kopf hob Mira. „Sagen Sie wenigstens, dass Sie das jetzt zum ersten Mal sehen.“
„Ich sehe einen Befund.“
„Das habe ich nicht gefragt.“
Voss zog die Akte ein Stück näher zu sich, schlug sie aber nicht zu. Der Name Bernd Krüger blieb sichtbar. Darüber lag eine Kopie mit engem Textsatz, darunter ein Foto, das nur am Rand zu erkennen war. Auf der Holzoberfläche lag ein heller Kratzer.
„Sie waren in der JVA Stadelheim“, sagte Voss. „Mehrfach. Im Rahmen dieser Besuche kam es zu einem materiellen Vorfall. Das ist vermerkt. Sie haben soeben selbst deutlich gemacht, dass der damalige Kontext erinnert wird.“
„Ich habe Ihnen gar nichts deutlich gemacht.“
„Doch.“
Mira presste die Finger zusammen. Die Linie blieb. Sie wollte die Hand schließen, sie verstecken, aber das hätte nur noch mehr nach Einverständnis ausgesehen. Voss saß da, ruhig, mit diesem Ton, in dem jeder Satz schon an die nächste Stelle weitergegeben wurde.
Auf der Tischplatte zwischen ihnen saß ein rundes Metallgitter in einem quadratischen Holzblock. Klein, sauber eingelassen. Mira sah nur kurz hin.
Das bemerkte Voss. „Die Aufzeichnung läuft.“
„Natürlich.“
„Ich frage Sie erneut: Hat Bernd Krüger Sie im Besucherraum aufgefordert, die rechte Hand auf die Tischplatte zu legen?“
Sie sagte nichts.
Mira sah auf die Akte. Bernd Krüger. Schwarz auf weiß.
„War der Schaden an der Tischoberfläche durch Ihre Berührung verursacht?“
Den Blick hob Mira. „Wenn Sie das alles schon haben, warum fragen Sie dann?“
„Weil Ihre Einordnung relevant ist.“
„Für wen?“
„Für die Abschlussbewertung.“
Da war es wieder: Bewertung, kein Schutz, keine Hilfe.
„Und für Jonas“, entgegnete Mira.
Nicht sofort antwortete Voss. „Herr Reiter wird derzeit als unterstützende Drittperson geführt.“
„Derzeit.“
„Bis zur abschließenden Klärung.“
„Sie sagen das jedes Mal, als wäre das neutral.“
„Es ist eine vorläufige Einstufung.“
„Und wenn ich nicht so antworte, wie Sie es brauchen?“
Voss legte die Fingerspitzen auf den Rand der Akte. „Dann bleibt seine Rolle ungeklärt, obwohl er Sie aktiv begleitet, unterstützt und aus einer laufenden Maßnahme herausgeführt hat.“
In ihrem Nacken zog sich alles zusammen. Vor sich sah sie Jonas, nicht deutlich, nur in Stücken: seine Hände an den weißen Fesseln, sein kurzer Atem zwischen den Lastwagen, wie er sie vom Wagen wegzog, ohne zu fragen, ob sie mitkam. Er hatte sie nicht stehen lassen. Er hatte sie nicht benutzt. Und diese Frau sprach über ihn, als wäre er eine nachträgliche Kategorie.
„Er hat mir geholfen, weil ich festgesetzt war.“
„Das ist eine mögliche Lesart.“
„Es ist die Wahrheit.“
„Dann sagen Sie sie verwertbar.“
Voss starrte Mira an.
Der Satz blieb zwischen ihnen liegen, kalt, glatt, fertig.
Verwertbar.
„Sie wollen keine Wahrheit“, sagte Mira leise.
Voss’ Blick blieb fest. „Ich will eine belastbare Aussage.“
„Nein. Sie wollen, dass ich mich in Ihr Formular eintrage.“
„Wenn Sie den Vorgang weiter emotionalisieren, hilft das niemandem.“
Mira senkte die Augen wieder auf ihre Hand. Die Linie wirkte dunkler als vor einer Minute. Vielleicht lag das nur daran, dass sie nicht mehr wegsehen konnte. Vielleicht nicht. Der Tisch in Stadelheim kam ihr wieder vor Augen. Bernds Blick wich zum ersten Mal nicht aus. Das Geräusch danach war leise, aber echt. Die kleine Kerbe im Holz. Er hatte sie gesehen, die Linie und auch die Spur.
Hier lag wieder Holz vor ihr. Wieder eine Frau, die sehen wollte.
„Wissen Sie, was das Kranke daran ist?“, fragte Mira.
„Ich höre.“
„Dass Sie so tun, als wäre Ihr Mitschreiben etwas Sauberes.“ Sie nickte auf die Akte. „Sie haben mich fahren lassen. Sie haben es nicht verhindert. Sie haben gewartet, bis etwas passiert, das Sie abheften können. Und jetzt sitzen Sie hier und tun, als wäre ich das Problem, weil ich endlich merke, was Sie sind.“
Voss blieb unbewegt. „Ich habe Ihren Vorwurf zur Kenntnis genommen.“
„Das ist kein“
„Vorwurf“, sagte Mira. „Das ist eine Arbeitsweise.“
Mit den Fingerspitzen auf der offenen Akte sagte Voss ohne Zucken im Gesicht und ohne Schärfe in der Stimme: „Dann halten wir fest, dass Sie die Mitwirkung verweigern und stattdessen Unterstellungen formulieren.“
Auf dem Papier stand oben auf der Seite ihr Name falsch: Mira Krüger, darunter Datum, Uhrzeit, Besuchsraum, JVA Stadelheim. Sachbeschädigung an Tischoberfläche. Der Satz stand sauber in der Mitte des Blatts, als wäre er wichtiger als alles andere. Ihre Frage damals nicht. Auch nicht das Blut. Nicht der Moment, in dem Bernd sie angesehen und zum ersten Mal nicht so getan hatte, als wäre sie allein damit.
„Sie halten schon die ganze Zeit fest, was Ihnen passt“, erwiderte sie.
„Ich halte fest, was belastbar ist.“
„Belastbar für wen?“
„Für die Einstufung des Vorgangs. Für Folgemaßnahmen. Für die beteiligten Personen.“
Beteiligte Personen. Das Wort ließ sie an Jonas am Rasthof denken, an seine Hand an ihrem Arm, an den Moment, in dem er sich vor sie gestellt hatte, ohne zu wissen, was das für ihn bedeutete. Als Voss das Wort Drittperson benutzt hatte, vorläufig und unterstützend, blieb an dieser Sprache alles offen, wie schnell aus einem Begriff ein anderer werden konnte.
Den Blick hob Mira. „Und wenn ich Ihnen jetzt gebe, was Sie wollen, schreiben Sie daraus, dass ich zurechnungsfähig genug bin, um Ihre Version zu bestätigen. Wenn ich es nicht tue, bin ich unkooperativ. Beides ist schon fertig.“
„Sie überschätzen meinen Spielraum“, entgegnete Voss.
„Nein. Ich verstehe ihn.“
Voss schlug eine Seite um, leise, während die dunkle Linie in ihrer Handfläche lag. „Dann verstehen Sie auch, dass Herr Reiter im Moment nur deshalb als unterstützende Drittperson geführt wird, weil Ihre Angaben seine Rolle bislang nicht anders einordnen.“
Ihre rechte Hand spannte sich gegen die Tischkante.
„Sagen Sie seinen Namen nicht so“, sagte sie leise.
Er sah sie an. „Wie soll ich ihn sonst sagen?“
Keine Antwort. Ihr Blick ging über die Tischplatte. Holzblock in der Mitte. Sauber eingelassen. Ein rundes schwarzes Gitter.
Ihrem Blick folgte Voss. „Das dient der Dokumentation.“
„Natürlich.“
„Es ist Standard.“
„Nein“, sagte Mira. „Es ist dafür da, dass Sie reden und ich nur Material bin.“
Er schwieg.
Langsam streckte Mira die rechte Hand aus und legte den Daumen an den Lack neben dem Gitter. Kühl und glatt. Der Nagel setzte an einer feinen Kante an, dort, wo Holz und Einsatz nicht ganz eben aufeinanderlagen. Sie drückte fester.
„Nehmen Sie die Hand vom Tisch“, wies Voss sie an.
Das Knacken kam, bevor der Widerstand ganz in den Daumen stieg. Leise, nur ein kurzes Nachgeben im Lack. Unter ihrem Nagel hob sich ein schmaler Span. Sie schob ihn hoch. Das Holz riss weiter auf.
„Frau Hartmann.“
Ohne Hast arbeitete Mira jetzt. Der rechte Daumen grub sich tiefer in die aufgeplatzte Stelle. Mit dem Zeigefinger zog sie nach, stemmte den Lack hoch, bis die Kante des Einsatzes frei lag. Das Gitter saß in einer dunklen Fassung. Sie fuhr darunter, suchte Halt, fand ihn, zog.
Als Voss aufstand, schob der Stuhl hart über den Boden. „Nehmen Sie sofort die Hände weg.“
Weiter zog Mira. Als Holz unter dem Nagel splitterte, tat es weh. Das half. Es hielt die Gedanken scharf. Für diesen Raum gab es keine Wahrheit. Keine verwertbare Version. Keinen Satz, den sie Jonas umhängen konnten und ihn dabei noch nach Schutzmaßnahme klingen ließen.
Der Einsatz löste sich an einer Seite. Ein kurzes metallisches Kratzen. Darunter kamen Kabel zum Vorschein.
Um den Tisch trat Voss. „Lassen Sie das.“
Jetzt griff Mira mit zwei Fingern in die Öffnung und riss. Das Kabel hielt erst, spannte sich, dann gab die Verankerung nach. Das kleine Teil sprang aus dem Holzblock und schlug gegen die Tischplatte. Ein trockenes Geräusch. Einer der Splitter blieb an ihrer Hand kleben. An einem Rest Draht hing das Mikrofon.
Dann ging die Tür auf.
Mira drehte den Kopf nicht ganz, nur weit genug, um Bewegung im Rahmen zu sehen: zwei Leute in dunkler Kleidung. Sie sagten nichts. Einer blieb an der Tür, der andere machte einen Schritt in den Raum.
Voss hob die Hand, ohne Mira anzusehen. „Noch nicht.“
Die beiden blieben stehen.
Mira ließ das herausgerissene Teil auf die Akte fallen. Es traf den Rand des Blatts, auf dem ihr falscher Name stand, und rollte auf den Tisch zurück.
„Schreiben Sie jetzt ohne das“, sagte sie. „Oder hören Sie einmal zu.“
Voss atmete einmal durch. Als sie wieder sprach,