Κεφάλαιο 10
Das eherne Tor
Noch einen Schlag lang stand er am Rand und hörte hinunter. Unter dem harten Ton lag Bewegung. Auf Fels antwortete Fels. Etwas schlug in der Tiefe an, rutschte weiter, fand keinen Halt.
Neben ihm trat Gaia bis an die Kante. Sie sah nicht hinab. Über den aufgerissenen Fels hinweg ging ihr Blick dorthin, wo der Grat sich in dunklere Stufen verlor.
„Das ist nicht das Ende“, sagte sie.
Zeus wandte den Kopf zu ihr.
Hinter ihnen brach der Lärm wieder auf. Titanen, die bis eben um Kronos gestanden hatten, wichen nicht auseinander. Sie sammelten sich. Schulter an Schulter zogen sie sich von der zerstörten Kante zurück und hielten den Weg nach unten.
Poseidon war der Erste, der die Wendung nahm. Seinen Gegner riss er aus der Linie, trat über einen gespaltenen Rücken im Fels und kam auf Zeus’ Flanke. Hades folgte von der anderen Seite, niedrig, dicht am Boden, mit Blut an Stirn und Mundwinkel. Hinter ihnen kamen Briareos, Kottos und Gyges. An Gyges’ Handgelenk hingen noch die gebrochenen Ringe. Bei jedem Stoß gegen den Fels gaben sie einen kurzen Klang.
Gaia hob den Arm und wies hinunter.
„Der Schacht ist offen“, sagte sie. „Gebunden sind sie erst, wenn das eherne Tor hinter ihnen schließt.“
Zeus sah dorthin, wohin ihre Hand zeigte. Unter dem Rand fiel der Fels nicht einfach ab. Tiefer unten öffnete sich ein breiterer Absatz, und zwischen den schwarzen Wänden lag eine Linie, die nicht natürlich war: tief gesetztes Metall. Zwischen den Flanken des Schachtes stand das Tor offen.
Damit begriff Zeus die Stellung der Titanen, die nicht den Rand hielten, sondern den Weg.
Noch einmal kam der Ton aus der Tiefe. Diesmal war er ferner und schwerer. Zeus riss den Blick los, hob den Arm und zeigte vorwärts.
„Nicht hier“, sagte er. „Runter. Zum Tor.“
Er musste nicht mehr sagen. Poseidon nickte nur einmal und stieß sofort an. Hades setzte im selben Augenblick mit ihm an. Briareos brach ohne Ruf los, breit und gerade, Kottos dicht daneben. Gyges folgte mit kurzem Atem, die Kettenreste schlugen hart gegen seinen Unterarm.
Die letzte Front traf sie auf dem ersten Absatz unterhalb des Grats. Unter den Füßen gab der Fels nach, doch nicht genug, um den Stand zu nehmen. Zeus ging in die Mitte. Vor ihm hob ein Titan beide Arme und kam mit gesenktem Kopf. Zeus fing die Hände an den Unterarmen ab, drehte den Leib aus der Bahn und trieb die Schulter in dessen Brust. Links brach Poseidon zwei Gegner voneinander ab. Wo einer zurückwich, stand schon Kottos, der packte und drückte. Rechts ging Briareos durch die Stöße hindurch, und Gyges hielt die Öffnung geschlossen, die sich auftat. Der Weg senkte sich. Der Schacht zog sich zu ihrer Linken tief und offen hinab. Die Titanen wichen nur noch zurück, immer in dieselbe Richtung.
„Da“, sagte Gaia hinter ihnen, ohne Hast. „Nimm ihnen den Ausgang.“
Das Tor sah Zeus jetzt klar.
Es war hoch, aus Erz, in den Fels eingelassen, die Flügel nach innen offen. Vor der Schwelle lag eine breite Platte aus Stein, an den Seiten von senkrechten Wänden gefasst. Wer dort stand, beherrschte den Zugang.
Den Stoß nahm Zeus, gab einen halben Schritt nach, setzte den Fuß wieder fest und riss den Mann am Nacken herunter. Das Kinn schlug hart gegen seinen Unterarm. Seitlich stieß Zeus ihn in den Fels. Der zweite kam schon vorbei: ein Arm, ein Rücken, ein Griff nach freiem Raum. Hades fing ihn an der Hüfte, zog ihn zurück und warf ihn gegen die Wand, sodass beide für einen Augenblick den Gang verlegten.
„Lasst die Mitte frei“, rief Gaia.
Den Kopf drehte Zeus nur so weit, dass er sie sah. Oberhalb stand sie im Staub des Abstiegs, ruhig zwischen den Bewegungen der anderen, und ihr Blick lag nicht auf den Körpern, sondern auf der Schwelle.
„Nicht vor dem Tor“, mahnte sie. „Hindurch.“
Er verstand sofort: Sie durften nicht halten, nicht verkeilen, nicht hier beenden.
„Poseidon, links halten“, rief er. „Hades, rechts. Keine Mauer an der Schwelle.“ Er zeigte mit dem Arm auf die Seiten. „Treibt sie in die Mitte.“
Die Antwort kam nicht mit Worten. Poseidon nahm einen Gegner, der auf die Platte drängte, nicht frontal, sondern mit einem Stoß von unten gegen den Rippenbogen und einem Tritt gegen das Knie. Der Titan kippte nach innen statt nach vorn. Hades tat rechts dasselbe, hart und knapp, sodass zwischen ihnen ein schmaler Korridor frei blieb.
Briareos sah es und änderte seinen Lauf, noch ehe Zeus ein zweites Mal hätte rufen müssen. Er drückte nicht mehr gerade auf die Schwelle, sondern schob von rechts nach innen. Kottos kam daneben, schwer und niedrig, packte einen Titanen am Oberarm und am Gürtel und schleuderte ihn quer in die eigene Reihe. Gyges folgte dicht dahinter. Die gebrochenen Ringe an seinem Handgelenk schlugen bei jeder Bewegung gegen den Knochen.
Die Öffnung merkten die Titanen und lasen sie falsch.
Einer schrie etwas nach hinten. Zwei weitere drängten sofort auf den freigelassenen Streifen zu. Sie wollten nicht in das Tor. Sie wollten durch die Lücke, vorbei an der Enge, hinaus auf den weiteren Weg. Der erste bekam Poseidons Schulter in die Brust und verlor den Schritt. Der zweite stieß gegen den Rücken des ersten. Hinter beiden drängten andere nach, doch der Zug brach nicht nach außen aus, sondern bog nach innen ab.
Aus der Tiefe herauf kam Kronos’ Stimme.
Fern drang sie herauf. Sie griff nicht mehr durch den ganzen Raum. Doch jene, die auf ihn hörten, gehorchten noch immer. Ein Laut, dann Worte, nicht ganz zu fassen im Lärm, doch der Sinn traf sie: sammeln, vor, durchbrechen.
Die Titanen hoben die Köpfe. Selbst die, die schon zurückwichen, stemmten die Füße noch einmal gegen den Stein. Die Reihe auf der Schwelle zog sich zusammen. Schultern schlossen an Schultern. Einer trat vor und hob beide Arme, um die anderen hinter sich zu decken. Zwei gingen links und rechts an ihn, bereit, die Flanken aufzureißen. Keine Flucht mehr. Der letzte Stoß.
„Jetzt“, rief Gaia.
Mit einem Fuß stand Zeus auf der Platte, mit dem anderen noch im Gang. Er sah die enge Front, die geschlossene Reihe, den einzigen Punkt, an dem sie zu brechen war. Er durfte sie nicht töten, er musste sie zurückwerfen.
Dann hob er den Arm.
Aus seiner Hand sprang das Licht auf die Schwelle. Es legte sich nicht breit über den ganzen Zugang und schnitt nicht tief in das Tor hinein. Es traf die vorderste Reihe dort, wo ihre Schritte schon keinen Raum mehr hatten. Erz klang. Stein platzte. Der Schlag fuhr durch Arme und Brustkörbe und riss die Ordnung aus ihnen. Der Vordere wurde nicht nach vorn geworfen, sondern nach hinten. Der linke knickte ein und stieß gegen die hinter ihm. Rechts verlor einer den Stand und griff ins Leere.
Schon setzte er nach.
„Jetzt“, rief er, und diesmal galt es den Seinen.
Briareos ging zuerst. Er setzte keinen Sprung, keine Wucht auf einen Einzelnen. Er trat in die gebrochene Front hinein und schob. Zwei Arme gegen zwei Körper, dann gegen drei. Die Fersen der Titanen fanden keinen Halt mehr auf der Platte. Kottos war links von ihm und arbeitete kurz, brutal, ohne jeden unnützen Hieb. Wer querstand, wurde gedreht. Wer fiel, wurde weitergestoßen. Gyges nahm rechts einen am Nacken und einen zweiten am Arm und drückte beide über die Schwelle. Die Ringe an seinem Handgelenk rieben über fremde Haut und Erz.
Frei hielt Poseidon die linke Wand. Ein Titan versuchte noch einmal, aus der brechenden Reihe heraus zur Seite zu gehen. Poseidon fing ihn mit beiden Händen an den Schultern, rammte ihn gegen den Fels und drehte ihn zurück in die anderen.
Er drängte ihn hart nach innen, dorthin, wo kein Ausweg mehr blieb.
Rechts von Zeus hielt Hades dicht die Linie. Keinem ließ er Raum, sich an der Kante festzusetzen. Einer wollte mit dem Unterarm über den Türpfosten greifen. Hades schlug ihm den Arm herunter, trat ihm gegen das Knie und warf ihn mit der Schulter zurück in die drängenden Leiber hinter ihm. Zeus hielt die Mitte. Wieder drängten sie nicht mehr Stand gegen Stand, sondern an den Rändern vorbei. Einer nach dem anderen, dann zwei zugleich. Wenn einer durchkam, zog er die anderen hinter sich her. Genau das durfte nicht geschehen. Einen stieß er mit dem Unterarm zurück, den nächsten packte er am Kiefer und drehte ihm den Kopf zur Seite, damit Kottos ihn im Vorbeigehen treffen und weiterstoßen konnte. Aus der Finsternis unter ihnen stieg Kronos’ Stimme wieder herauf.
Diesmal klang sie klarer, näher an den Ohren derer, die noch auf sie warteten. Halten, offenhalten. Vor.
Ein Titan, schon halb zurückgedrängt, schrie auf und stemmte beide Füße gegen den Stein. Er riss den Oberkörper nach vorn und warf sich Zeus entgegen, nicht um ihn zu schlagen, sondern um ihn zu binden. Zeus fing den Stoß mit der Schulter ab, wich nicht aus und schlug ihm zweimal kurz in die Rippen. Der Mann verlor den Atem, doch er ließ nicht sofort los. Briareos griff über Zeus hinweg, fasste den Titanen unter beiden Armen und hob ihn fort, ohne Zeit an ihm zu verlieren. Im selben Zug warf er ihn rückwärts in die eigenen Leute.
„Nicht halten“, rief Zeus.
Den Sinn verstand Briareos im selben Augenblick und tat es. Seine nächsten Schritte gingen nicht gegen die Brust des Nächsten, sondern schräg in die Lücke hinter ihm. Er nahm ihnen die Möglichkeit, sich quer in die Öffnung zu stellen. Kottos sah es und zog links nach. Gyges drängte rechts tiefer, die gebrochenen Fesselreste an seinem Handgelenk schlugen gegen Erz, als er einen Titanen am Hals packte und vollständig durch den Rahmen drückte. Kein Körper blieb mehr an der Schwelle liegen.
Poseidon rang an der Wand mit einem breitschultrigen Titanen, der beide Hände gegen den Fels stemmte und den Leib querstellte. Er weigerte sich hinauszugehen. Er wollte den Durchgang verstopfen. Poseidon schlug ihm einmal mit der Stirn ins Gesicht, riss die Hände des Mannes von der Wand und drängte ihn nach hinten. Hinter ihm knickten zwei weitere mit ein. Für einen Atemzug ging Poseidons Blick über die Rücken der Kämpfenden in das Dunkel jenseits des Tores, dann auf den freien Streifen in ihrer Mitte. Zeus ließ keinen Gefallenen liegen, setzte keinen Verwundeten fest, machte keinen Schritt zu weit. Es ging nicht mehr um Kronos. Der Sturz hatte nichts gebunden. Erst dieses Tor würde es tun.
Sein Blick schnellte sofort zurück in den Kampf.
Von unten stieg ein heiserer Ruf herauf, Kronos, doch kein Name war zu verstehen, nur ein Befehl. Die Titanen antworteten nicht mit Worten. Sie taten, was von ihnen übrig war. Einer warf sich zwischen die Türflügel und spreizte Arme und Beine. Zwei hinter ihm drückten gegen seine Schultern, um ihn fest in den Rahmen zu setzen. Ein dritter duckte sich an der linken Seite nach vorn, wo Poseidon stand. Noch einer drängte rechts auf Hades zu, den Arm schon nach dem Pfosten ausgestreckt.
„Links zu“, rief Zeus.
Schon war Poseidon dran. Er trat dem Duckenden auf die Hand, ehe sie den Stein fasste, und riss ihn am Nacken hoch. Rechts hatte Hades den anderen bereits am Handgelenk erwischt. Er drehte es nach außen, bis der Arm nachgab, und stieß den Mann mit voller Kraft zurück. In der Mitte stemmte sich der breite Titan noch immer quer gegen das Tor.
Auf ihn trat Briareos zu.
Den ersten Griff an den Unterarmen des Mannes nahm er hin. Der Titan riss sich los und stieß den Kopf nach vorn. Der Schlag traf Briareos an der Brust. Er wich nicht. Er setzte den Fuß auf die Schwelle, dann den zweiten, drückte beide Arme des Titanen nach innen und schob. Hinter dem Titanen wankten die zwei, die ihn gehalten hatten. Kottos fuhr links hinein und schlug einem die Beine weg. Gyges stieß den zweiten mit beiden Händen zwischen die Schulterblätter. Zeus war einen halben Schritt hinter Briareos und hielt jedem den Weg ab, der noch nach außen wollte.
„Weiter“, sagte Zeus, knapp, hart.
Briareos drückte.
Der Titan im Rahmen gab erst im Rücken nach. Dann verloren seine Füße den Stand.
…glitt rückwärts über die Schwelle und riss die beiden hinter sich mit. Erz schlug gegen Stein. Für einen Schlag lang lag ihr Gewicht noch im Rahmen, dann kippte alles nach innen.
Sofort setzte Zeus nach, aber nur bis an die Linie. Jenseits des Tores brach die Front der Titanen. Nicht in Ordnung, nicht zu einem neuen Stand. Sie wichen, weil ihnen an der Öffnung der Halt genommen war. Wo eben noch Schultern gegeneinander gedrückt hatten, tat sich Raum auf. Gyges traf einen von der Seite und stieß ihn weg. Kottos trieb zwei weitere zurück. Briareos ging mitten hinein und nahm ihnen den letzten Schritt nach vorn.
„Nicht stehen bleiben“, sagte Zeus.
Aus der Tiefe trug es Kronos’ raue Stimme herauf. Zeus brauchte die Worte nicht zu verstehen. Es genügte, dass die Stimme noch durch das offene Tor kam. Solange es offen stand, war nichts entschieden.
Links hielt Poseidon den Rand frei. Rechts hielt Hades sich eng am Stein und schlug jedem Arm die Finger weg, der nach dem Rahmen tastete. Vor ihnen brach der letzte Widerstand diesseits ganz zusammen. Auf ihrer Seite der Schwelle blieb kein Titan mehr. Jetzt wollten sie nur noch den Zugang halten.
In einem einzigen Blick erfasste Zeus es und hob die Hand.
„Bis hier.“
Poseidon war im nächsten Schritt schon über die Linie gewesen, hielt aber an, als Zeus ihn zurückhielt. Hades zog den Fuß zurück, den er eben noch hatte nachsetzen wollen. Kottos hörte es nicht sofort oder wollte es nicht hören; Briareos stieß ihn mit einer kurzen Bewegung an der Schulter, und Kottos nahm den Druck heraus. Gyges drängte noch einen Titanen zwei Schritte tiefer und ließ ihn dann los.
Das war der Punkt. Noch ein Vorstoß, und sie würden sich im Tartaros verlieren. Noch ein Zögern, und die Titanen würden sich wieder an den Flügeln sammeln.
„Zurück“, sagte Zeus, schärfer. „Schwelle halten.“
Als Erster war Hades wieder ganz an der Kante. Poseidon kam links neben ihn, beide zum Inneren gewandt. Zeus selbst blieb in der Mitte. Kottos und Gyges zogen sich aus dem Durchgang zurück, Schritt um Schritt, ohne den Blick von den Titanen zu nehmen. Drinnen wich die Front weiter. Sie hatten begriffen, was Zeus ihnen genommen hatte. Sie würden nicht hinauskommen, wenn der Flügel fiel.
Briareos hielt noch hinter der Linie, allein.
„Briareos“, sagte Zeus.
Briareos wandte den Kopf sofort.
Mehr brauchte es nicht. Zeus deutete nur kurz mit der Hand nach außen. Der Hundertarmige nahm den Rückruf an, ohne zu prüfen, ohne noch einen Gegner zu suchen. Er ging rückwärts zur Schwelle, den Blick weiter nach innen gerichtet, bereit, jeden letzten Stoß zu brechen. Niemand kam. Die Titanen hielten Abstand. Hinter ihnen stieg wieder die Stimme aus der Tiefe auf.
Als Briareos die Linie erreichte,
„Jetzt“, sagte Zeus.
Poseidon fasste sofort den linken Flügel. Hades stellte sich an den rechten Pfosten und drückte mit der Schulter gegen das Erz. Der rechte Flügel hatte sich im Kampf verzogen. Gyges war bei ihm, ehe Zeus den Blick ganz dorthin gewendet hatte. Mit beiden Händen griff er unter die Kante und hob. Kottos stieß von innen gegen den linken Flügel, damit Poseidon ihn in Schwung bekam.
Briareos drehte sich um und legte beide Hände an den rechten Flügel.
Zeus trat aus der Mitte zurück, gerade weit genug, damit die Bahn frei war. Er ließ den Blick noch einmal in das Innere gehen.
Die Titanen harrten jenseits des Spalts, nicht in einer Linie, nicht mehr zum Ausbruch geordnet, sondern dicht genug beieinander, um den letzten Zugang offen zu halten. Hinter ihnen drang Kronos’ Stimme aus der Tiefe herauf. Sie kam durch das offene Tor und lag über allem, was noch an Geräusch blieb. Nicht einer von ihnen wandte sich ihr ab.
„Drücken“, sagte Zeus.
Poseidon stemmte sich in den linken Flügel. Kottos setzte von der Innenseite nach. Das Erz gab erst nur einen Fingerbreit nach, dann mehr. Der Flügel schabte über den Boden und riss Funken aus dem Stein. Auf der rechten Seite hob Gyges unter der verzogenen Kante, die Sehnen an seinen Armen traten hervor, die gebrochenen Fesselreste schlugen gegen das Metall. Hades hielt den Pfosten frei und drückte mit der Schulter gegen den Rahmen, damit der Flügel nicht wieder festfraß. Nicht mit einem Ruck bewegte Briareos den rechten Flügel. Er nahm erst das Gewicht auf, prüfte den Widerstand im Gelenk und schob dann mit wachsendem Druck an. Das Erz antwortete schwer. Der Flügel kam in Gang.
Im selben Augenblick begriffen die Titanen, was geschah.
Der vorderste sprang nach vorn und stieß die beiden neben sich zur Seite. Zwei andere folgten ihm sofort. Weiter hinten hob einer beide Arme und schrie etwas in die Tiefe zurück, doch er lief ebenfalls. Sie kamen nicht mehr, um die Schwelle zu nehmen. Sie kamen nur auf den Spalt zu.
„Nicht binden“, rief Zeus.
In der Mitte stand er schon wieder, den Schritt vor dem sich schließenden Tor, und fing den ersten ab, bevor der den rechten Flügel erreichte. Er traf ihn hart an Brust und Kehle und warf ihn zurück in die Laufenden hinter ihm. Hades löste sich vom Pfosten, nur so weit, wie er musste, und stieß den zweiten quer weg, fort vom Spalt. Poseidon ließ den linken Flügel nicht los; nur ein Arm fuhr vor, traf einen Titanen im Gesicht und schickte ihn taumelnd nach innen zurück, während Kottos weiterdrückte. Flach dazwischen warf sich ein Titan, die Arme vorgestreckt, um den rechten Flügel zu packen. Gyges trat ihm auf den Unterarm, Knochen brach hörbar. Der Titan schrie auf, hielt aber fest. Briareos nahm eine Hand vom Erz, griff den Kämpfenden am Bein und riss ihn ohne Zögern aus der Bahn. Der Leib schlug gegen den Stein, rollte zurück durch den enger werdenden Durchlass und blieb einem anderen im Weg.
„Weiter“, sagte Zeus.
Von links drängte der Flügel fast heran. Poseidon arbeitete ohne Blick nach innen, Schritt für Schritt, den Rücken hart gegen das Metall. Kottos schob von der anderen Seite nach und hielt zugleich jeden ab, der sich durch die schmale Lücke dort werfen wollte. Einer schaffte es bis an die Kante. Kottos fasste ihn an Hals und Gürtel und schleuderte ihn zurück in die Tiefe des Torraums.
Jetzt blieb nur noch ein enger Spalt zwischen beiden Flügeln.
Genau davor stand Zeus. Hinter ihm arbeitete Erz kreischend gegen Erz. Vor ihm drängte noch einer heran, ein älterer Titan mit Blut über Stirn und Mund. Er hörte Kronos’ Stimme und gehorchte ihr noch. Das zeigte sein Gesicht. Er wich nicht. Er warf sich vor, beide Hände zum Spalt.
Zeus trat ihm entgegen und rammte ihn mit voller Wucht zurück, nur weit genug.
„Briareos.“
Nicht antwortete der Hundertarmige. Er brauchte es nicht. Er setzte den rechten Fuß fester gegen den Boden, nahm den ganzen Leib in den Stoß und trieb den Flügel vor. Auf der linken Seite kam Poseidon zugleich nach. Kottos hielt den Lauf. Gyges hob bis zuletzt gegen die verzogene Kante. Hades stand dicht am Pfosten und gab dem Erz den letzten Weg frei.
Noch einmal sprang der ältere Titan. Seine Fingerspitzen erreichten den Rand des Spalts.
Mit einer freien Hand packte Briareos ihn am Nacken, zog ihn einen halben Schritt zurück und stieß ihn nach innen, gerade aus der Bahn. Dann legte er die Hand sofort wieder an.
Er legte die Hand sofort wieder an das Erz.
„Weiter“, sagte Zeus.
Nicht dem alten Titanen ging er nach; sein Blick hing nur an der Öffnung. Sie war kaum mehr als eine Handbreite, und doch kam durch sie noch Kronos’ Stimme. Noch einmal stieg sie aus der Tiefe durch den Restspalt auf. Unten war er gestürzt, aber seine Stimme trieb noch immer nach oben und fand die, die übrig waren. Zeus hörte, wie sie den letzten Widerstand sammelte, gegen die Männer an seiner Seite, gegen den Spalt.
„Nicht halten“, rief er. „Nur weg vom Tor.“
Links stemmte Poseidon den Rücken fester gegen den Flügel und trieb ihn Schritt um Schritt vor. Kottos blieb tief in den Knien und arbeitete dicht an der Kante. Wo sich noch einer vorwarf, nahm er ihn mit kurzer Bewegung aus der Bahn und gab dem Erz wieder Raum. Rechts stand Hades so nah am Pfosten, dass kaum ein Arm dazwischenkam. Gyges hatte beide Hände unter der verzogenen Kante. An seinem Handgelenk schlugen die gebrochenen Fesselreste gegen das Erz, während er anhob und hielt. Briareos drückte ohne Zögern weiter, als der alte Titan noch einmal kam.
Dann kam der letzte Stoß.
Noch bevor die Titanen wirklich anliefen, erkannte Zeus ihn. Es war kein einzelner Sprung mehr. Mehrere drängten von hinten, blind gegen die Vorderen, und schoben einen vor, der größer war als die anderen, breit in Brust und Hüfte, schwer genug, um den Spalt mit dem ganzen Leib zu nehmen. Noch einmal hob sich darunter Kronos’ Stimme, während der Titan keinen Laut von sich gab. Er kam nur.
„Briareos“, sagte Zeus scharf. „Wenn er sitzt, reiß ihn raus.“
Der große Titan traf die Öffnung mit Schulter und Seite zugleich. Für einen Atemzug hielt das Tor. Dann fraß sich sein Leib zwischen die Flügel. Das Erz stoppte gegen Fleisch und Knochen. Der Spalt sprang wieder auseinander, erst um eine Fingerbreite, dann weiter. Hinter ihm drängten die anderen nach und pressten ihn tiefer hinein. Seine Hände fanden innen Halt, während seine Beine draußen gegen den Boden stemmten.
Kronos’ Stimme schlug voll durch die Öffnung.
„Nein“, stieß Zeus hervor und fuhr nach vorn.
Nicht den Titanen griff er an; er schlug den Unterarm weg, mit dem dieser am inneren Rand zog, und trat einem zweiten, der hinter ihn wollte, das Knie aus der Bahn. „Nicht halten. Freimachen. Weiter drücken.“
Poseidon warf das ganze Gewicht in den linken Flügel. Kottos schlug einen der Nachdrängenden zurück und packte gleich den nächsten. Hades hielt den Pfosten frei und stieß jeden Arm weg, der zwischen Erz und Rahmen kam. Gyges hob die verzogene Kante noch einmal an, das Gesicht
…hart vor Anstrengung geschlossen, während das gebrochene Eisen tiefer in sein Handgelenk drückte.
Mit zwei Schritten war Zeus am Spalt. Halb im Lauf des Tores, halb noch draußen hing der verkeilte Titan, von den Nachdrängenden gegen das Erz gepresst. Während die Schulter festsaß und die Hüfte quer stand, klemmte dort der Flügel. Oben stand die rechte Kante noch offen. Unten schabte Metall über Bein und Ferse, kam aber nicht weiter.
„Jetzt“, rief Zeus.
Sofort griff Briareos zu. Dem Titanen fuhr eine Hand an den Nacken, eine zweite unter den Arm, die dritte tief an die verkeilte Hüfte. Ohne erst anzuziehen, riss er.
Der Leib sprang nicht frei. Er gab nur ein Stück nach, dann hielten Knochen, Gelenk und der Druck der anderen dagegen. Der Titan brüllte auf. Von unten schlug wieder Kronos’ Stimme herauf, hart, fordernd, dicht unter dem Erz, und metallischer Geschmack lag in der Luft. Die Titanen antworteten nicht mit Worten. Sie drängten nur wilder.
„Nochmal“, stieß Zeus aus.
Seitlich gegen die Vordersten gestemmt, trieb Poseidon sie vom Spalt weg, nur einen halben Schritt, aber es reichte. Kottos fuhr dazwischen, packte einen am Hals, einen zweiten an der Rippe und riss beide auseinander, damit hinter dem verkeilten Leib der Druck brach. Hades schlug eine Hand vom Pfosten, dann einen Unterarm, dann den Kopf eines Titanen gegen den Rahmen, bis dieser zurücktaumelte. Oben hielt Gyges weiter die verzogene Kante hoch. Blut lief von seinem Handgelenk über die Handwurzel und machte das Erz dunkel.
Die Füße tiefer gesetzt, riss Briareos noch einmal.
Diesmal kam der Titan mit einem trockenen Stoß aus der Engstelle. Nicht ganz, nur weit genug, dass die Schulter frei wurde und die Hüfte aus dem Lauf sprang. Im selben Augenblick warf Zeus sich mit aller Kraft gegen den Flügel.
„Drücken.“
Gemeinsam drückten sie. Das Erz lief an. Erst eine Handbreit, dann weniger. Der herausgerissene Titan fiel schräg zurück in die Vorderen. Zwei stürzten mit ihm. Einer kam noch auf Knie und Ellenbogen wieder hoch und wollte sich sofort vorwerfen, aber Poseidon trat ihn an der Brust zurück. Kottos packte ihn am Bein und schleifte ihn vom Tor fort.
Kronos’ Stimme kam noch einmal durch den Spalt, jetzt schmaler, schärfer, von unten gegen den letzten offenen Streifen geschlagen. Sie hielt die Titanen noch in Bewegung. Einer nach dem anderen griff nicht mehr nach Zeus oder Hades oder Poseidon. Alle griffen nur noch nach Erz, suchten den Rand, schoben Hände in den Lauf und drängten Schultern zwischen Flügel und Pfosten.
Nicht breit schlug Zeus. Er traf nur, was das Schließen hinderte. Einen Daumen brach er vom Rand. Einen Ellenbogen trat er aus der Linie. Einer bekam den Handrücken gegen den Pfosten, dass die Finger aufsprangen und zurückfuhren. „Vom Tor weg“, rief Zeus. „Nur weg vom Tor.“
Hades hielt den Rahmen leer. Dicht am Pfosten stand er, die Schulter fast am Erz, und arbeitete ohne Blick für etwas anderes. Jeder Arm, der kam, wurde gefasst, verdreht, weggestoßen. Weiterhin hob Gyges. Seine Arme zitterten jetzt offen. Das Eisen an seinem Handgelenk hatte die Haut weit aufgeschnitten. Er ließ trotzdem nicht los. Briareos merkte es, verlagerte den Druck höher, nahm Last von der verzogenen Kante und gab Gyges den Moment, den er brauchte.
Jetzt war der Spalt nur noch oben offen, ein schiefer Schlitz, unten fast zu. Dort stieß noch ein Titan den Unterarm hinein, blind und hastig, nur um wieder Raum zu gewinnen. Zeus erkannte die Bewegung, aber der Flügel lief schon. Hades griff nach dem Arm, bekam ihn nicht mehr ganz zu fassen. Der Titan versuchte zurückzuziehen.
Zu spät.
Ein kurzer Ruck ging durch den Arm, als das Erz die Hand zwischen Flügel und Pfosten nahm. Der Flügel schlug weiter. Die Hand blieb nicht am Arm. Der Titan schrie auf und fiel zurück aus dem Zugriff, den verstümmelten Stumpf an die Brust gezogen. Niemand hielt inne, weder drinnen noch draußen.
„Weiter“, sagte Zeus, heiser und hart.
Es war kaum noch ein Befehl nötig. Poseidon drückte mit gesenktem Kopf gegen den Flügel. Kottos räumte unten den letzten freien Raum. Hades hielt den Pfosten leer. Gyges hob die rechte Kante noch immer eine Fingerbreit über den Widerstand. Briareos stand mittig am Erz und zwang den Lauf voran, Schritt um Schritt, ohne einen Blick zur Front.
Kronos’ Stimme kam noch einmal.
Diesmal trug sie nicht mehr durch. Gegen den schmalen Rest stieß sie, verlor sich am Erz und kam nur dumpf herauf. Sofort zeigte sich der Unterschied. Die Titanen zuckten zusammen; ihr nächster Stoß kam noch, aber er war nicht mehr derselbe. Er traf das Tor ungleich, ohne gemeinsamen Takt, mehr aus Wut als aus Führung. Drei warfen sich vor, nicht fünf. Einer prallte am schon fast geschlossenen Flügel ab.
Ein anderer bekam den Unterarm in den schmalen Schlitz und riss ihn sofort wieder zurück, noch ehe das Erz ihn fassen konnte. Der dritte kam gegen Poseidons Schulter, verlor den Tritt und fiel seitlich in die Vorderen. Kein Stoß öffnete noch etwas; es blieb nur Drängen, während Zeus auf den Restspalt sah.
Oben blieb ein schiefer Streifen. Daraus kam Kronos’ Stimme noch einmal herauf, tief unten, gegen Metall gedrückt, zerrissen vom enger werdenden Raum. Unten am Flügel arbeiteten nur noch Hände und Schultern gegen das Erz. Sie arbeiteten gegen das Tor.
„Nicht vor“, rief Zeus sofort, ohne den Blick vom Spalt zu nehmen. „Hier halten. Nur den Lauf frei.“
Kurz hob Poseidon den Kopf. Schweiß lief ihm über Stirn und Nase. Dann stemmte er sich wieder tiefer in den Flügel. Hades stand weiter dicht am Pfosten, beide Hände offen, den Körper schräg zum Rahmen. Kottos ging unten auf ein Knie, packte den Nächsten, der sich mit beiden Armen zum Spalt schob, am Hals und an der Hüfte und warf ihn quer aus der Schwelle. Gyges hielt noch immer die verzogene rechte Kante angehoben. Das gebrochene Eisen am Handgelenk stand vom Fleisch ab. Blut lief über Hand und Unterarm und machte das Erz dunkel, wo er es berührte.
Der Flügel schob sich weiter, dann stockte er.
So wenig war es, dass Zeus den Widerstand sofort spürte. Ein hartes Zerren lief durch das Erz, als Briareos und Poseidon nachdrückten. Der Flügel gab eine Fingerbreite nach und blieb wieder hängen.
„Im Lauf“, sagte Zeus.
Schon unten, ehe das Wort ganz heraus war, schlug Kottos einen Arm weg, der nach dem Rand griff, trat einen Fuß von der Schwelle und beugte sich in den engen Raum zwischen Körpern und Erz. Dort, wo der Spalt fast geschlossen war, hatte sich noch einer hineingeworfen. Nicht mehr mit dem ganzen Leib. Die Schulter saß draußen, die Seite schräg gegen den Flügel gepresst, das Bein unter anderen Leibern eingeklemmt. Aber die Hüfte hatte den Lauf noch einmal getroffen. Genug, um das Schließen zu hemmen.
„Briareos“, rief er, scharf und ohne sich umzuwenden. „Den da. Raus.“
Sofort trat Briareos heran. Er verlagerte die Hände vom Erz, trat breit an den Flügel und griff in den engen Raum, wo kein anderer Arm mehr Platz hatte. Zwei seiner Hände fassten unter die verkeilte Schulter, zwei an die Hüfte, eine an den Nacken. Der Titan schlug blind nach ihm. Briareos nahm den Schlag hin, setzte die Fersen gegen die Schwelle und riss.
Nichts.
Der Körper zuckte nur und verkeilte sich tiefer. Zeus sah, wie Kottos schon herankam.
„Unten frei“, befahl Zeus.
Kottos verstand im selben Atemzug. Er warf sich zwischen die Beine der Vordrängenden, riss zwei fort, die gegen den eingeklemmten Körper drückten, und schlug einem Dritten den Arm aus dem Spalt. Hades stieß einen weiteren von der Rahmenkante weg. Poseidon hielt den Flügel auf Spannung. Gyges hob die rechte Seite noch immer, die Zähne fest aufeinander, das verletzte Handgelenk offen am Erz.
„Jetzt“, sagte Zeus.
Briareos riss ein zweites Mal.
Mit einem kurzen, nassen Stoß kam der Titan diesmal aus dem Lauf, erst mit der Hüfte, dann mit dem Bein, während die Schulter am Pfosten entlangschrammte. Ein Stück Haut blieb am Erz. Der Leib flog rückwärts in die Vorderen und riss zwei mit um. Kottos trat sofort in die Lücke, breitbeinig, die Arme offen, und hielt jeden zurück, der sich wieder vorwerfen wollte.
„Drücken“, rief Zeus.
Er stieß selbst gegen den Flügel. Poseidon stand schon im Stoß. Briareos legte die Hände wieder mittig ans Erz und gab das Gewicht hinein. Hades hielt den Pfosten frei, ohne einen Schritt zu weichen. Gyges hob die Kante noch eine letzte Fingerbreite, damit nichts mehr schliff.
Der Flügel lief langsam an.
Langsam zuerst, dann glatter. Das Erz kam an den Pfosten heran. Oben blieb nur noch ein Schnitt, nicht breiter als eine Hand. Daraus drang Kronos’ Stimme noch einmal, gedämpft und nur über wenige Schritt tragend. Zeus hörte sie und hörte zugleich, dass sie draußen nichts mehr ordnete. Vor dem Tor gingen die Titanen nicht gemeinsam. Einer hob die Hand, ein anderer warf die Schulter vor, ein Dritter schrie nur. Keiner traf im selben Takt.
„Halten“, sagte Zeus, jetzt für die Seinen. „Nicht lösen.“
Niemand löste.
Poseidons Rücken spannte sich unter dem Druck. Hades stand so dicht am Rahmen, dass das Erz seinen Oberarm streifte. Kottos hielt unten die Schwelle frei und trat alles weg, was in den letzten offenen Raum wollte.
Gyges hob die Kante weiter, obwohl sein Arm schon zitterte. Das gebrochene Eisen an seinem Handgelenk lag offen auf der Haut. Blut lief über seinen Unterarm und schmierte sich dunkel auf das Erz.
An der Mitte des Flügels stand Zeus und sah nur den Restspalt. Kronos’ Stimme drang noch daraus. Durch den schmalen oberen Schnitt kam sie dumpf und gedrückt. Sie rief noch, aber sie erreichte die Titanen davor nicht mehr gemeinsam. Einer stieß vor, blieb hängen und wich zurück. Ein anderer drängte gegen dessen Rücken, zu spät, zu schief. Während zwei durcheinanderschrien, wartete keiner auf den anderen.
„Schwelle frei“, sagte Zeus.
Kottos antwortete nicht. Schon tief unten stand er mit gesetzten Beinen und schlug mit der flachen Hand einen Fuß vom Stein, der sich noch in die Linie schieben wollte. Sofort trat Hades nach und warf den Körper zur Seite, ohne den Rahmen freizugeben. Poseidon hielt den Druck am Flügel. Briareos blieb mit beiden Händen am Erz und wartete auf den nächsten Befehl.
Der Flügel lief weiter. Kurz schabte das Erz an der rechten Seite. Gyges zog die Kante höher, nur um ein Maß, das eben noch reichte. Sein Mund stand offen. Er holte den Atem stoßweise. Vor Zeus wurde die Linie wieder frei.
Aus dem Spalt kam ein Arm. Blind griff die Hand nach außen, fuhr über den Pfosten und krallte sich an die Kante. Im selben Augenblick kam eine Schulter nach. Der Körper dahinter drückte hart gegen die letzte Öffnung und brachte den Flügel zum Stocken.
„Briareos“, sagte Zeus.
Mehr brauchte er nicht.
Briareos ließ das Erz los, trat an den Spalt und packte den hervorkommenden Arm oberhalb des Ellenbogens. Mit der anderen Hand griff er in das Haar des Titanen, der sich zwischen Flügel und Pfosten schob. Der Gegner brüllte auf und warf noch mehr Gewicht nach vorn. Hinter ihm drängten andere nach, jetzt nicht mehr geordnet, sondern in einem dumpfen Schub aus Leibern, die alle durch dieselbe Lücke wollten.
Als der Druck auf einmal kam, stoppte der Flügel ganz. Das Erz vibrierte unter den Händen. Poseidon stemmte sich tiefer hinein. Gyges hielt die rechte Kante oben, obwohl sein verletztes Handgelenk nachgab und das Eisen daran sich weiter in die Haut schnitt. Gegen den unteren Teil des Flügels setzte Kottos die Schulter, damit nichts von unten hineinrutschte. Hades blieb am Pfosten und schlug jeden Finger weg, der nach dem Rahmen griff.
„Nicht vor“, sagte Zeus scharf, ohne den Blick vom Spalt zu nehmen. „Zurück hinter die Linie mit ihm.“
Briareos riss. Kaum bewegte der Titan sich. Die Hand krampfte sich fester an die Kante. Hinter dem Körper drückten die anderen weiter und verkeilten ihn noch härter. „Noch einmal“, sagte Zeus. Briareos setzte den Fuß an den Pfosten und zog mit dem ganzen Leib zurück. Das Gelenk knackte. Hart gegen das Erz riss der Kopf seitlich aus dem Spalt. Briareos zog weiter, Schritt um Schritt rückwärts, bis auch die Schulter frei kam. Als zwei weitere Titanen mit ihm zurückkippten, brach ihr Schub auseinander.
„Jetzt drücken“, befahl Zeus.
Er selbst stieß wieder gegen den Flügel. Poseidon war sofort mit ihm im Stoß. Kottos verließ die Schwelle nicht; er hielt sie frei und trat nach jedem, der noch unten in den Lauf wollte. Mit einer Hand schob Hades gegen das Erz und hieb mit der anderen auf einen letzten Arm, der zwischen Rahmen und Flügel nach außen tastete. Gyges hob die Kante ein letztes Mal. Höher ging sie nicht.
Der Flügel sprang ein kurzes Stück vor.
Das genügte. Der Spalt wurde so schmal, dass kein Kopf mehr hindurchkam, dann so schmal, dass nur noch Stimmen und Atem durchgingen. Kronos sprach weiter. Jedes Wort war nicht mehr zu verstehen, nur noch der Druck seiner Stimme gegen das fast geschlossene Erz. Vor dem Tor brach das letzte gemeinsame Drängen vollends auseinander. Einer im Inneren schlug mit der Faust gegen das Metall. Ein anderer wich schon zurück. Ein dritter warf sich noch einmal gegen den Schnitt und traf nur den Flügel.
Briareos hatte den herausgerissenen Titanen noch immer am Arm und im Haar. Mit einem einzigen Zug schleuderte er ihn zurück über die Schwelle. Der Leib schlug hart auf den Stein des Tartaros, rutschte ein Stück und stieß gegen zwei andere, die schon zurückwichen. Keiner von Zeus’ Seite setzte nach. Diesseits der Linie hielt Zeus den Fuß fest.
„Jetzt“, sagte er.
Gyges ließ die Kante frei.
Einen Schlag lang stand der Flügel nicht. Das verzogene Erz sackte, fraß sich tiefer in den Lauf und sprang dann mit einem harten Ruck vor.
Schon wieder war Zeus dagegen. Mit der Schulter am Metall und beiden Händen flach auf dem kalten Rand drückte er den Stoß durch den letzten Widerstand. Neben ihm stemmte Poseidon sich mit eingedrehtem Leib dagegen. Am Pfosten blieb Hades und schlug noch im selben Moment nach einer Hand, die blind aus dem Spalt fuhr. Knochen trafen auf Erz. Die Finger klappten weg. Unten an der Schwelle trat Kottos einen Fuß zurück, riss einen Knöchel aus dem Lauf und warf den Mann dahinter.
„Schwelle frei“, rief Zeus.
„Briareos.“
Mehr brauchte er nicht zu sagen.
Briareos war schon da. Der eben noch freie Arm fuhr über Zeus’ Schulter hinweg an den Flügel, dann noch einer, dann zwei weitere tiefer am Rand. Er griff nicht suchend. Er setzte an, wo der Stoß greifen musste. Sein Gewicht legte sich in das Metall, und mit ihm lief der Flügel wieder.
Das Tor schob sich eine Handbreit.
Im selben Augenblick schoss aus dem Restspalt noch ein Unterarm hervor, bis zum Ellenbogen, tastend, krampfhaft, dann mit Gewalt nach dem Rahmen hakend. Hades traf ihn einmal, zweimal. Beim zweiten Schlag löste sich die Hand nicht. Zeus löste eine Hand vom Flügel, packte das Handgelenk, drehte es nach außen und stieß den ganzen Arm zurück in den Spalt. Das Metall riss ihn mit. Ein kurzer Schrei blieb stecken, dann war nur noch das Reiben des Metalls zu hören.
An der rechten Kante stand Gyges, halb unter dem Gewicht des Flügels. Seit er losgelassen hatte, hing der Arm einen Schlag lang leer, dann fing er den Rand noch einmal, nur um das Sacken zu führen. Sein Handgelenk war offen. Dunkles Blut lief über die Finger und tropfte warm auf den Stein. Der Arm zitterte. Er hielt trotzdem, bis das verzogene Stück sauber im Lauf lag.
„Weg da“, sagte Zeus scharf.
Einen Moment brauchte Gyges, bis der Befehl bei ihm ankam. Dann taumelte er einen halben Schritt zurück und nahm die Hand vom Metall. Briareos fing die Kante in derselben Bewegung höher, ohne dass der Flügel wieder sprang.
Von drinnen kam kein gemeinsamer Druck mehr. Versetzt, blind, zu spät trafen einzelne Schläge das Metall. Einer hämmerte hoch gegen den Flügel. Einer traf tief an die Kante. Einer stieß gegen den Pfosten, wo schon nichts mehr offen war. Zeus hörte, wie die Schläge sich nicht mehr fanden. Dazwischen war Kronos wieder, weiter hinten, abgeschnitten von der Öffnung. Die Stimme lag nur noch stumpf im Metall.
„Jetzt zu“, sagte Zeus.
Briareos setzte beide Füße breit und zog den Flügel nicht, er warf ihn. Alle Arme arbeiteten zugleich. Das Erz ging vor mit einem Sprung, der die Luft aus den Lungen riss. Im letzten Augenblick nahm Zeus die Schulter weg, damit der Schlag nicht an ihm brach, und drückte mit beiden Händen nach.
Der Restspalt schloss sich zu einem Schnitt aus Licht und dann zu nichts.
Mit einem harten Schlag traf das Tor den Rahmen.
Der Schlag fuhr durch den Stein unter ihren Füßen. Erz auf Erz. Ein Ton, hart und kurz. Danach ein zweiter, tiefer, vom Sitz des Flügels im Lauf. Staub fiel aus dem Rahmen. Die letzten Finger, die eben noch aus dem Spalt hatten greifen wollen, waren verschwunden. Diesseits der Schwelle lag niemand mehr.
Niemand setzte nach. Sofort hob Zeus den Arm quer vor die Brust und hielt seine Seite zurück, obwohl keiner von ihnen vorstieß. Dicht am Tor blieb er, die Brust noch gegen das kalte Erz gedrückt, und schmeckte Staub im Mund.
Drinnen schlug etwas Schweres einmal gegen den Flügel, dann noch einmal, weiter unten. Durch keinen Spalt gab die Kraft mehr nach. Das Tor nahm die Schläge und gab sie tot zurück. Während Kronos noch sprach oder schrie, konnte Zeus es nicht unterscheiden; nur dumpf lag die Stimme hinter dem Erz.
Einen halben Schritt trat er zurück und sah zum Lauf hinunter.
Die Schwelle war frei. Kein Fuß, kein Arm, kein Leib lag mehr darunter. Kottos stand noch tief und atmete offen durch den Mund. Hades hielt den Pfosten, die Waffe halb gehoben, und blickte auf die Naht zwischen Rahmen und Flügel. Poseidon hatte die Hand noch gegen das Metall gelegt, fest, nicht aus Notwendigkeit, sondern weil der Druck seines Körpers noch nicht nachgelassen hatte.
… der Haltung heraus war. Gyges stand an der rechten Kante, den verletzten Arm dicht an den Leib gezogen. An seinem Handgelenk klebte Blut unter dem gebrochenen Eisen. Briareos verharrte vor dem Tor, noch breit gestellt, alle Schultern gespannt.
Als Zeus die Naht musterte, stand kein Licht mehr darin. Nicht ein Atemzug aus der Tiefe drang hindurch. Der Flügel saß noch nicht ruhig; das Metall arbeitete nach dem Schlag in seinem Sitz, ein kurzes Knacken im Rahmen, dann Stille. Hinter dem Erz ging wieder etwas dagegen, erst hoch, dann versetzt tiefer. Die Schläge fielen auseinander und fanden kein Ziel mehr. Dazwischen lag Kronos’ Stimme. Sie kam an, aber sie erreichte nichts. Durch das Erz drang kein Wort, nur Druck, nur dumpfer Laut.
Über die Stufe hinaus hob Zeus den Kopf.
Die Titanen vor dem Tor standen nicht mehr in einer Front. Einer war bis nahe an die Stufen gekommen und wich jetzt schon zurück. Zwei andere hielten sich seitlich, die Schultern quer, einander aus dem Weg. Weiter hinten drehte einer den Kopf auf den Laut im Tor, doch er rückte nicht vor. Keiner nahm den anderen mit oder setzte den Fuß an die Stufe.
Zeus löste die Hand vom Flügel.
„Linie halten“, befahl er, ohne den Blick von den Titanen zu nehmen. „Niemand darüber.“
Poseidon löste endlich die Hand vom Metall und trat einen halben Schritt zurück, seitlich zu Zeus. Hades hielt den Pfosten. Kottos richtete sich nur so weit auf, dass er wieder stoßen konnte, wenn unten doch noch etwas kam. Gyges machte Anstalt, die rechte Kante wieder zu fassen.
„Weg da“, fuhr Zeus ihn an.
Gyges hielt inne. Für einen Moment blieb der Blick des Riesen an der Kante hängen, an der Stelle, wo das Erz ihm eben noch die Haut weiter aufgerissen hatte. Dann zog er die Hand zurück und trat aus der Last. Über den Unterarm lief ihm Blut. Er stellte sich in die Reihe, atmete schwer und sagte nichts.
Zu Briareos wandte Zeus den Blick.
Ohne zweiten Befehl trat der Hekatoncheire dicht an den Flügel, legte erst zwei, dann vier, dann mehr Hände an Kante und Fläche, prüfte den Sitz mit kurzem Druck und senkte den Kopf. Zeus kannte die Bewegung: keine Hast, keine Wut. Arbeit.
„Alle anderen frei vom Tor“, rief Zeus.
Sie wichen von der Fläche zurück. Nur Zeus blieb nah genug, um die Naht zu erkennen und den Lauf im Auge zu behalten. Wieder drang Kronos hinter dem Erz an sein Ohr, weiter hinten jetzt oder tiefer. Es machte keinen Unterschied, weil die Stimme keinen Takt mehr vorgab. Draußen antwortete ihr niemand.
Einer der Titanen vor ihnen machte noch einen Versuch. Er kam drei Schritte heran, hob beide Arme und schlug gegen das geschlossene Erz. Der Ton sprang kurz über die Fläche. Der Titan blieb stehen, wartete auf den Spalt, auf ein Nachgeben, auf irgendeinen Griff von innen. Nichts kam. Er schlug ein zweites Mal, schwächer, blickte nach links, nach rechts und trat dann zurück. Nur wenig. Aber genug.
Neben ihm atmete Poseidon durch die Zähne aus. Hades’ Blick blieb auf der Fuge. Kottos schob den Fuß gegen den unteren Lauf und prüfte, ob dort noch etwas klemmte. Nichts klemmte, als Zeus rief: „Briareos.“ Der Name genügte.
Briareos setzte um. Am Erz wechselten die Hände. Zwei zogen an der Kante, andere pressten flach dagegen, wieder andere griffen tiefer an den Sitz. Er arbeitete den Flügel in den Rahmen hinein. Einmal, kurz und hart. Mit einem dumpfen Satz gab das Tor nach, nur um Fingerbreite, aber an der Naht zeigte es sich ihm. Wo eben noch ein schwarzer Strich gestanden hatte, blieb nur Metall auf Metall.
Staub rieselte aus dem oberen Rahmen. Unten fuhr ein tiefer Laut durch den Sockel, da, wo der Lauf den Flügel endlich voll trug.
„Noch einmal“, sagte Zeus.
Wieder setzte Briareos an. Er packte den Flügel an mehreren Punkten zugleich und zwang die Verzerrung aus ihm heraus. Erst widersprach das Erz, dann fügte es sich. Ein scharfes Schaben lief die Höhe des Tores hinab. Unten antwortete der Sitz mit einem harten Einrasten.
Als der Laut in den Fels ging, blieb alles stiller als zuvor.
Kronos war noch da; noch ehe die dumpfe Stimme wieder gegen das Erz kam, stand es fest. Eingeschlossen hinter dem Tor. Hinter Erz, Rahmen, Lauf, Schwelle. Ohne Hand im Spalt. Ohne Stimme draußen.
Zeus trat ganz an die Naht heran und legte zwei Finger an die Fuge. Kalt und glatt. Ohne Luftzug dazwischen. Die Linie fuhr er ein Stück hinab, bis zum unteren Sitz. Nichts offen, keinen Haarbreit.
Aufgerichtet stand er da.
Vor dem Tor hatten die Titanen weiter Raum gelassen.