Κεφάλαιο 14
An der Schwelle des Verborgenen
Der Bronzerhythmus hing schon im Gang, dumpf und regelmäßig, als Rhea vor Melia stehen blieb. Sie maß weder den Weg hinter sich noch die Gesichter am Ring. Ihr Blick ruhte auf der Frau, die nun innerhalb des Kreises stand und damit nicht mehr draußen war.
„Du kommst mit mir.“
Die Hüterin der Schwelle antwortete sofort, ohne dem Satz etwas von seinem Gewicht zu nehmen: „Dann ist es auch dein Name, wenn sie fällt.“
Rhea wandte den Kopf nur wenig. „Das war er schon, seit ich sie rufen ließ.“
Ein kurzes Schweigen folgte.
Die Hüterin sah sie an, ohne auszuweichen. „Gut. Hört es nun ein zweites Mal.“ Ihre Stimme trug bis zu den Kureten am Rand. „Von jetzt an entscheidet Rhea über jede weitere Person an diesem Ring. Und sie trägt die Schuld für Melias Aufnahme.“
Keiner der Kureten sprach. Einer verlagerte das Gewicht auf den hinteren Fuß. Ein anderer umklammerte die Bronze fester unter dem Arm. Sie standen in ihrer Ordnung und hörten, während Melia sich nicht rührte.
Nur ihre Hände sanken langsam wieder herab. Dicht am Körper hielt sie sie.
Rhea machte eine knappe Handbewegung zum Gang. „Geh.“
Melia setzte sich in Bewegung.
Im selben Augenblick kam der Schrei aus der Höhle.
Er war nicht lang, aber offen, hoch und nah genug, dass niemand am Ring ihn überhören konnte. Er traf den Fels, lief über den Eingang hinaus und hing einen Schlag lang ungeschützt in der Luft.
Die Bronze setzte ein.
Zu spät.
Der erste Schlag war hart und kurz, der zweite folgte von links. Dann griff die Folge, die Rhea selbst festgelegt hatte. Wieder links. Dann rechts. Beide Seiten gegeneinander, bis der Gang und der Ring davon erfüllt waren.
Die Hüterin der Schwelle riss den Blick zum Eingang. Ihre Hand fuhr weder zum Messer noch zu ihr. Sie trat zum Stein, hob den Korb auf und machte einen Schritt zurück an die Schwelle, dorthin, wo ihr Platz war, wenn sie die Grenze hielt und nichts darüber hinaus.
Scharf stieß sie hervor: „Hinein mit ihr. Wenn drinnen Hände fehlen, steht sie nicht hier.“
Darauf brauchte Rhea nichts zu erwidern. Mit dem Schrei war es bereits entschieden.
Beim Lärm der Bronze zuckte Melia nur einmal zusammen. Danach ging sie weiter, rascher jetzt. Dicht hinter ihr folgte Rhea. Am Rand des Gangs hielt sie noch einmal inne und drehte sich halb zurück.
„Die Schlagfolge bleibt.“ Gegen den Lärm an musste sie die Stimme heben. „Nicht unterbrechen. Weder für Stimmen noch für Schritte oder Bitten.“
Links vom Anstieg hob ein Kuret das Kinn. „Auch wenn jemand fällt?“
Als Rhea ihn ansah, schnitt der nächste Schlag der Bronze zwischen ihnen durch.
„Für Zeus gilt Vorrang vor jedem einzelnen Wächterleben.“
Der Mann schwieg. Er senkte nur das Kinn wieder und hob die Bronze an. Inzwischen lief der Rhythmus weiter, fester nun, mit dem Zwang dessen, was keiner mehr bestreiten konnte. Schweigen schützte die Höhle nicht. Das Kind verriet den Hang selbst.
Mit dem Korb an ihrem Bein trat die Hüterin noch einen halben Schritt zurück. „Ich halte die Schwelle“, erklärte sie. „Nicht sie.“
Dann nickte sie einmal. Es war keine Danksagung und kein Einverständnis, sondern nahm die Trennung nur hin.
Rhea ging in den Gang.
Voraus, nur zwei Schritte vor ihr, war Melia. Noch fiel das Licht vom Eingang auf ihren Rücken, auf das lose Haar im Nacken, auf den Stoff, der am staubigen Weg streifte. Weiter innen brach das Licht bereits weg. Der Bronzerhythmus drang hinter ihnen her, dumpfer jetzt, aber noch immer hart genug, um die Luft im Gang zu füllen.
Das Innere roch nach Milch, altem Rauch und feuchtem Stein. Vor ihnen bewegten sich Schatten von Frauen, die der Schrei bereits aus ihrer Arbeit gerissen hatte. Eine kniete am Lager, eine andere stand halb aufgerichtet mit einem Tuch in den Händen, beide den Blick auf das Kind gerichtet.
Zeus schrie wieder.
Diesmal fing die Bronze den Laut an der Schwelle des Gangs auf; sie riss ihn nicht fort, aber drückte ihn nieder. Das genügte nicht für Sicherheit. Es genügte nur, damit nicht jedes offene Stück des Hangs ihn weitertrug.
Mit zwei raschen Schritten war Rhea am Lager. Das Kind wand sich unter dem Tuch. Sein Gesicht war rot vor Anstrengung, der Mund weit offen. Die Frau am Lager versuchte, ihn zu halten, unsicher, zu langsam.
„Warum ist er noch nicht an der Brust?“, fragte Rhea.
„Er trank nicht“, sagte die Frau. „Dann wieder, dann nicht. Er wirft sich zurück.“
Rhea griff nach dem Tuch, prüfte mit einer kurzen Bewegung, wie fest es lag, und zog es anders unter den kleinen Körper. Sicherer und tiefer arbeiteten ihre Hände, ohne zu zögern.
Dann sah sie zu Melia.
Melia war am Rand des Platzes stehen geblieben, gerade innerhalb des inneren Kreises der Arbeit. Hier gab es keinen Felsring mehr, keine ausgesprochene Grenze. Nur Nähe zum Kind und damit Nähe zu allem, was entdeckt werden durfte.
„Komm her“, rief Rhea.
Melia kam.
Rhea musterte sie jetzt anders als draußen: nicht mehr auf Waffen, nicht mehr auf Lüge.
sondern auf Haltbarkeit.
Sie nahm Zeus hoch. Er schrie gegen ihre Brust, schlug mit den Armen, trat blind gegen das Tuch. Rhea setzte sich auf den niedrigen Stein am Rand des Lagers, löste mit einer Hand ihr Gewand und legte das Kind an. Als er die Brust nicht sofort fand, ruckte sein Kopf, sein Mund glitt ab. Rhea hielt ihn fester, drehte ihn ein wenig und drückte ihn näher an sich.
„Nicht reden.“ Ihre Stimme schnitt durch den Raum.
Niemand antwortete.
Melia stand nah genug, um jede Bewegung zu sehen. Jetzt erst sah sie das Kind wirklich: mehr als ein Bündel im Arm, mehr als den Anlass eines Aufruhrs. Einen Säugling. Nackt unter dem Tuch, klein, heiß, mit verkrampften Händen. Seine Schreie gingen durch den Raum, von der Bronze draußen niedergehalten. Der Schlag kam zu spät und nicht durchgehend. Doch in den Lücken zwischen den Stößen trank Zeus.
Der Laut brach ab. Sein Körper zuckte noch einmal, dann arbeitete nur noch der Mund. Statt auf ihn hinabzusehen, richtete Rhea sich nach draußen; von dort stolperte der Klang der Bronze herein.
Ein Schlag, dann zwei, danach eine Lücke.
Im Raum hob niemand den Kopf, und doch änderte sich alles. Die Frau mit dem Tuch stand reglos. Eine andere griff nach einem Korb und hielt ihn fest, ohne zu wissen, warum. Sie hielt den Atem an.
Dann fand die Bronze draußen ihren Takt. Schlag auf Schlag lief den Hang hinab, gleichmäßig genug, um den Raum zu füllen. Zeus trank. Niemand sprach. Für ein paar Atemzüge hielt das Schutzsystem.
Rhea fragte in den Raum: „Wer ist am Hauptanstieg?“
„Zwei von den Kureten“, antwortete die Frau mit dem Korb und umklammerte den Rand. „Und noch einer weiter unten.“
„Einer reicht nicht weiter unten.“
Niemand widersprach.
Wieder kam nur ein einzelner Schlag von draußen; inzwischen blieb auch der aus.
Rhea hob den Blick zu Melia. „Hast du dir den Pfad gemerkt?“
Sie nickte.
„Welchen?“
Zuletzt nannte sie den schmalen Gang am Wasser. „Den Hauptanstieg, den Einschnitt darunter und den schmalen Gang am Wasser. Links oberhalb ist noch ein Zug.“
Rheas Gesicht blieb hart. „Gut. Du gehst jetzt zum linken Zug.“
Melia sagte nicht sofort etwas. Sie sah sie nur an.
Rhea wartete nicht. „Du gehst allein. Wenn oben jemand sucht, sieht er zuerst diesen Pfad. Du hältst ihn auf. Wenn du ihn nicht halten kannst, ziehst du ihn in die falsche Richtung. Fort vom Hauptanstieg. Fort von hier.“
Die Worte fielen nacheinander, ohne Hast. Gerade deshalb begriff Melia jedes einzelne.
„Wenn sie mich fassen?“, fragte sie.
„Dann sagst du nichts.“
Melia blickte auf das Kind an Rheas Brust, das jetzt ruhig trank, während nur noch seine Finger arbeiteten.
„Und wenn ich nicht zurückkomme?“
„Dann kommst du nicht zurück.“
Die Frau mit dem Tuch senkte den Blick. Eine andere drehte sich halb ab. Niemand im Raum tat, als sei in diesen Worten noch Platz für Trost.
Melia fragte: „Wusste ich das schon, als ich hereinging?“
Rhea erwiderte: „Seit ich vor allen meinen Namen dafür gegeben habe, gehörst du hierher oder du stirbst draußen. Etwas Drittes gibt es nicht.“
Melia stand still. Das Licht vom Eingang reichte nicht mehr bis zu ihr. Nur vom Gang her lag ein matter Schein auf dem Rand ihres Gesichts. Sie schluckte einmal.
„Warum ich?“
„Weil du den Pfad kennst. Weil du den Mund halten kannst. Und weil du nicht zuerst nach dir selbst greifst.“
„Das weißt du nicht.“
„Genug.“
Draußen sprang die Bronze wieder an. Diesmal schneller, härter, nicht im vollen Takt, sondern in kurzen Folgen. Wie ein Zeichen, nicht wie ein Schutzschlag, lag der Klang im Raum und in allen Gesichtern.
Rhea hob den Kopf. Auch Melia verstand jetzt, dass es nicht mehr nur darum ging, Laute niederzuhalten. Jemand war im Anstieg.
Jetzt kam das einzelne Warnzeichen.
Nur ein Schlag, sauber gesetzt, abgetrennt von allem anderen.
Die Frau mit dem Korb fluchte leise.
Rhea stand sofort auf. Zeus blieb an ihrer Brust, protestierte beim Trinken, verlor die Brustwarze, suchte wieder. Sie drückte ihn an sich und gab ihn nicht frei. „Du“, sagte sie zu der Frau mit dem Tuch, „alles hier, was nach Kind aussieht, fort. Tücher, Schalen, warme Steine. Nichts im vorderen Raum lassen.“
„Ja.“
„Du“, sagte sie zur Frau mit dem Korb, „Asche über die Milchreste. Danach den Boden. Sofort.“
Die Frau setzte sich in Bewegung.
Rheas Blick ging zurück zu Melia. „Du gehst jetzt.“
Melia fragte nicht mehr. „Woran erkenne ich, ob es einer von uns ist?“
„An nichts. Wenn du nicht sicher bist, ist es keiner von uns.“
„Und wenn ich Stimmen höre?“
„Glaub ihnen nicht.“
Wieder das einzelne Warnzeichen. Näher.
Sie zog das lose Haar aus dem Nacken und band es mit einem schmalen Stoffstreifen zusammen, den sie aus dem Saum riss. Während ihre Hände ruhig arbeiteten, glitt ihr Blick noch einmal zu Rhea. „Wenn ich sie wegziehe, wie lange?“
„Bis wir nicht mehr hier sind.“
Zum ersten Mal veränderte sich etwas in Melias Blick. Kein Widerstand. Nur das volle Maß dessen, was dieser Auftrag war: nicht Wache, nicht Botengang. Ein Verschluss, der mit
Dem eigenen Leib halten musste, ohne dass in dem Wort ein Schwur lag; es war knapper, fester.
„Ja“, erwiderte Melia.
Rhea sah es und nickte nur einmal. „Wenn sie dich fassen, kennst du den Weg nicht. Du hast nie ein Kind gesehen. Du bist zum Sammeln hier gewesen und hast dich verirrt.“
Statt auszuweichen, hielt sie ihrem Blick stand. „Und falls sie mir nicht glauben?“
„Dann schweigst du.“
Die Hüterin stand noch immer am inneren Rand der Schwelle; ihr Gesicht blieb hart, weil sie den Streit nicht vergessen hatte und ihn auch jetzt nicht vergaß. „Sprich es ganz“, forderte sie Melia auf.
Während Melia sich zu ihr wandte, nahm sie den Korb auf und stellte ihn wieder ab, als müsse sie die Hände frei haben. „Ich gehe ohne Rückweg“, sagte sie. „Was ich hier höre, bleibt hier. Wenn sie mich nehmen, sage ich nichts. Wenn ich ihren Blick vom Eingang löse, tue ich es nicht für mich.“ Damit band sie ihr Leben an das Verbergen des Kindes.
Die Hüterin antwortete nicht sofort. Aus dem Gang kam das kurze, scharfe Zeichen ein drittes Mal. Danach setzte Bronze ein. Zu spät: nicht in dem dichten Schlag, der den Hang deckte und Geräusch fraß, sondern in abgerissenen Stößen, ungleich, hastig, zu nah.
Als Rhea den Kopf hob, war es eindeutig: Der äußere Kreis war nicht mehr geschlossen. Die Kureten hielten nichts mehr verborgen, sondern nur noch auf.
„Hörst du es?“, fragte sie.
Mit einem knappen Nicken antwortete Melia.
„Sie sind schon im Aufstieg. Vielleicht höher.“
Dann riss die Frau mit dem Tuch die letzte Decke von der Steinbank und stopfte sie in einen Sack. Die andere kniete am Boden und fuhr mit beiden Händen Asche in die dunklen Flecken neben der Schale. Der Geruch von Milch und altem Dreck hing noch in der Luft. Bis eben hatte der Fels den Laut noch gehalten und den Eingang gedeckt. Jetzt blieb dafür nicht mehr viel Zeit.
„Ich trage keine Dritte“, sagte sie. Es war kein Einwand, sondern eine Feststellung. „Wenn sie hieran gebunden wird, nimmst du es auf deinen Namen.“
„Ich nehme es auf meinen Namen“, sagte Rhea.
„Auf deine Schuld.“
„Auch das.“
Dann sah die Hüterin sie an, dann Melia. „Du bist nicht im Kreis, nicht im Namen und nicht im Recht dieses Ortes. Du gehst auf ihren Ruf. Nicht auf meinen.“
Mit gesenktem Kopf sagte Melia: „Ich weiß.“
„Wenn du zurückkehrst und wir noch stehen, wirst du nicht mehr draußen sein.“
Ein Muskel zuckte in Melias Kiefer. „Ich weiß.“
Rhea wartete keine weitere Formel ab. Sie löste Zeus von der Brust. Er fuhr sofort mit dem Mund suchend nach, begann zu schreien, erst roh, dann mit Kraft. Der Laut fuhr durch den Raum, schlug gegen den Stein und blieb nicht klein.
Draußen antwortete Bronze mit einem harten, wilden Takt.
Rheas Blick wurde kalt, und als ihr der Gedanke kam, war es zu spät. Wieder zu spät.
Dann drückte sie Zeus der Hüterin in die Arme. „Nimm ihn.“
Die Hüterin nahm das Kind ohne Zögern. Fest in den Armen, sicher im Stand, stellte sich ihr Körper sofort auf sein Gewicht und seine Bewegung ein. Zeus wand sich, suchte weiter, fand nichts, schrie wieder.
Rhea zog scharf die Luft ein. „Nicht vorn. Nie wieder vorn.“
Die Hüterin nickte einmal. „Dann jetzt.“
Nur einen Augenblick sah Melia zum Kind. Dann nahm sie den Korb, zog das Tuch über ihr Haar und wickelte es tiefer ins Gesicht. „Was soll ich ihnen zeigen?“
Inzwischen ging Rhea schon auf den hinteren Fels zu, auf die unscheinbare Wandstelle zwischen zwei dunklen Vorsprüngen. „Spuren von einer Frau. Von Nahrung und Hast. Nicht von einem Lager, nicht von einem Kind.“
Bis zur Hälfte des Raums folgte Melia ihr. „Blut?“
„Nein. Blut macht sie gründlich.“
„Feuer?“
„Nur, wenn du es weit genug ziehst.“
Die Hüterin stellte sich mit Zeus dicht an den Fels. Das Kind schrie jetzt ohne Unterbrechung. Seine Hände schlugen gegen ihr Gewand. Sie gab ihm keinen Finger, kein Murmeln, nichts, was den Laut trug. Ihre freie Hand tastete im Gestein nach einer Fuge, tief, knapp über dem Boden, dann höher; kalter Staub blieb an ihren Fingern.
Rhea trat zurück zur Schwelle und stellte sich Melia noch einmal nahe gegenüber. „Du gehst nicht den direkten Steig.“
Einmal schüttelte Melia den Kopf. „Nein.“
„Du kreuzt ihn zweimal. Lässt sie glauben, du fürchtest dich und kennst den Hang nicht.“
„Ja.“
„Wenn du einen unserer Männer siehst und er ruft dich beim Namen, geh weiter.“
Melias Stirn zog sich zusammen. „Auch dann?“
„Auch dann.“
Draußen schlug Bronze jetzt in dichtem, stumpfem Zorn. Unter dem Schlag lag noch etwas anderes: Stein unter vielen Füßen, Bewegung in die Breite, nicht mehr in Reihe. Rhea brauchte keinen weiteren Beweis.
Sie fasste Melia kurz am Unterarm, und der Griff saß. „Du schuldest mir nichts“, sagte sie.
Sofort kam die Antwort: „Nein. Dem Kind.“ Rheas Hand löste sich. Sie nickte. „Geh.“
Dann drehte Melia sich um und lief. Schnell, tief, den Korb eng an die Seite gedrückt. Im vorderen
Am Bereich des Felses riss der Wind ihr den Mantel an den Beinen zurück. Unter ihren Sohlen sprang Kies. Sie nahm nicht den direkten Steig. Sie zog nach links, dorthin, wo der Boden kurz offen lag und jeder, der von unten heraufsah, einen Körper gegen das helle Gestein erkennen konnte.
Bis Melia den ersten Knick des Hangs erreicht hatte, blieb Rhea an der Schwelle stehen. Hinter ihr hielt der Stein die Kälte. Die Hüterin stand im Eingang, Zeus an der Brust, die freie Hand bereits dort im Fels, wo der verborgene Durchlass lag. Solange sie beide ihre Plätze hielten, blieb der Zugang gedeckt.
Dann wandte Rhea sich um. „Gib ihn her.“
Darauf antwortete die Hüterin nicht. Zeus warf den Kopf zurück und schrie mit einer Heftigkeit, die den engen Raum verhärtete. Seine Fäuste öffneten und schlossen sich. Dann streckte Rhea die Arme aus. Für einen Augenblick sah es aus, als würde die Hüterin das Kind nicht hergeben. Doch schließlich legte sie Zeus in Rheas Hände, nur damit Rhea ihn ihr sofort wieder zurückschob.
„Nein“, sagte Rhea. „Bei dir. Und nie wieder vorn am Fels. Nicht einen Atemzug lang.“
Die Hüterin nahm das Kind fester an sich. Ihre Augen glitten an Rhea vorbei zum Ausgang, dahin, wo das Bronze-Signal nun ohne Ordnung fiel. „Das hättest du früher hören müssen.“
„Ich habe es gehört.“
„Und trotzdem blieb sie noch hier stehen.“
Rhea trat einen Schritt näher. „Sie stand hier, weil du jedes Wort noch einmal aus ihrem Mund haben wolltest.“
„Ja.“ Die Hüterin wich nicht zurück. „Jetzt trägt sie es. Nicht nur du.“
Draußen setzte ein neuer Schlag ein, näher als zuvor, kein Takt mehr, nur kurze Folgen, abgerissen und wieder aufgenommen. Für einen Moment lag dazwischen eine Männerstimme, fern, nicht zu verstehen. Wieder klang Melias Stimme von eben in Rhea nach, fest trotz des Atems: Ich gehe ohne Rückweg. Nichts verraten und schweigen, das stand fest. Vor der Schwelle. Vor der Wächterin. Vor ihr selbst. Keine Zustimmung. Sie erkannte nur eine Lage an, die sich nicht mehr biegen ließ.
„Bring ihn hinein“, sagte sie.
„Und du?“
„Ich bleibe an der Schwelle.“
„Wenn sie den Hang falsch lesen, kommen sie hierher zurück.“
„Dann bin ich hier.“
Zeus an ihre Schulter gedreht, hielt die Hüterin ihn fester. Er schrie gegen ihren Hals, bis der Laut brach und neu ansetzte. Wieder tastete ihre freie Hand im Stein, tiefer diesmal, suchend, sicher. Unter ihren Fingern lag die Kante des verborgenen Durchlasses. Ein schmaler Zug kalter Luft kam aus dem Dunkel.
Rhea sah noch einmal hinaus.
Inzwischen war Melia weit genug, um sichtbar zu sein, und noch nicht so weit, dass man sie nicht mehr stellen konnte. Sie tat, was ihr gesagt worden war. Sie brach den Lauf am Hang, geriet auf loses Geröll, fing sich mit dem freien Arm, zog den Korb höher und wechselte dann scharf die Richtung. Ungleichmäßig und nicht schnell. So, dass ein Auge darin Angst las und Eile ohne Wegkenntnis.
Gut, dachte Rhea, und der Gedanke tat ihr nicht gut.
Unten am ersten Anstieg zeigten sich nun Männer zwischen den Steinen. Es waren nicht viele, aber genug, denn einer hob bereits den Arm und deutete. Ein anderer löste sich aus der Linie. Melia bog in den Westhang.
Hinter ihr sprach die Hüterin, niedrig und knapp. „Wenn sie fällt und lebt, wird man sie nehmen.“
„Ich weiß.“
„Bricht sie unter Worten, trifft es zuerst deinen Namen.“
Rhea antwortete nicht. Wieder klang Melias Stimme von eben in ihr nach, fest trotz des Atems: Ich gehe ohne Rückweg. Nichts verraten und schweigen, das stand fest. Vor der Schwelle. Vor der Hüterin. Vor ihr selbst. Mehr gab es nicht.
„Du hättest eine von den Unsrigen schicken müssen“, sagte die Hüterin.
Jetzt drehte Rhea sich um. „Nein.“
„Nein?“
„Eine von den Unsrigen kennt den Weg zu gut. Man sieht es jedem Schritt an. Man sieht, ob jemand wirklich irrt.“ Ihre Stimme blieb flach. „Melia ist wahr genug für diese Spur.“
Die Hüterin sah sie hart an. „Du machst aus ihrer Wahrheit ein Werkzeug.“
„Ja.“
Das Wort blieb zwischen ihnen stehen. Zeus stieß einen rauen Laut aus, der kleiner war als das vorige Schreien und schlimmer wirkte, weil ihm die Kraft ausging. Rhea hob eine Hand, berührte ihn aber nicht. „Bring ihn hinein.“
„Komm mit.“
„Noch nicht.“
Wieder schlug Bronze. Dann gar nicht mehr. Das abrupte Ende war schwerer zu ertragen als der Lärm. Es riss jede Schätzung auseinander. Rhea trat bis an den Rand des Ausgangs und presste die Finger gegen den Stein. Von draußen kam nur noch das Scharren vieler Tritte und einmal ein kurzes Rufen. Weiter westlich antwortete jemand, und sie hatten Melia gesehen.
Rhea schloss für einen Atemzug die Augen, um den nächsten Befehl nicht zu spät zu geben. Als sie sie wieder öffnete, sagte sie: „Sobald du drin bist, wird niemandem mehr geöffnet, wenn ich nicht selbst rufe.“
„Wenn du nicht rufst?“
„Dann bleibt es zu.“
Die Hüterin verzog keine Miene. „Auch für dich.“
„Auch für mich.“
Zeus bäumte sich noch einmal auf. Die Hüterin veränderte ihren Griff, nicht tröstend, nur fest genug, dass er ihr nicht aus den Armen glitt.
Die Hüterin hielt Zeus enger, wandte sich zum Durchlass und verharrte doch noch einen Schlag lang. Sie sah Rhea nicht an. „Dein Wort gilt.“
„Mein Wort gilt.“
„Und ihre Schuld?“
Rhea nahm die Hand vom Stein. „Steht auf meinem Namen.“
Jetzt erst drehte die Hüterin den Kopf. In ihrem Gesicht zeigte sich keine Zustimmung. Nur die Annahme einer Ordnung, die sie nicht gebilligt hatte. „Dann trägst du auch das, was von draußen an ihren Fersen hängt.“
„Ja.“
Zeus gab ein dünnes, heiseres Wimmern von sich. Die Hüterin glitt in den Spalt, seitwärts, mit eingezogenem Körper, damit kein Stoff am Fels streifte. Einen Moment lang blieb nur ihr Fuß sichtbar, dann war auch er verschwunden. Drinnen wurde Stein auf Stein gesetzt, dumpf und feucht riechend, nicht geschlossen, nur bereit.
Aus dem Inneren zog der Geruch nassen Kalks und alten Tierlagers, vermischt mit einem süßen Rest von Milch, der in der kühlen Luft stumpf stehen blieb. Feuchte sammelte sich auf dem Fels wie Atem auf Haut.
Rhea trat aus dem Schatten des Mundes.
Der Hang lag offen. Weiter unten zogen sich drei Linien von Bewegung zwischen den Steinen hinauf, durch den feuchten Erdgeruch. Nicht geschlossen, nicht mehr tastend. Männer kamen breit auseinander, damit keiner den anderen deckte. Weiter westlich stand Staub über einer Rinne; dort war Melia gelaufen. Dort hatten sie den Kopf gehoben. Zwei Stimmen riefen einander kurz etwas zu, und die Richtung stimmte jetzt nicht mehr nur ungefähr. Sie kamen auf diesen Bereich zu.
Mit dem ersten Schritt in das Freie schlug ihr trockenere Luft entgegen, über warmem Stein bewegt und doch aus den Rinnen noch kühl vom letzten Wasser. Über dem Hang hing der bittere Geruch zerstoßener Kräuter, dort, wo Sohlen und loses Geröll die niedrigen Pflanzen aufgerissen hatten.
Rhea hob den Blick zum Rand. Der höchste Grenzblock saß noch fest auf seinem Lager, schwarz gegen das matte Licht. Unter ihm stürzte das Geröll in einer steilen Bahn ab. Wenn er ging, nahm er den Hang mit. Nicht tief genug, um den Berg zu öffnen. Tief genug, um jeden alten Tritt zu brechen, jeden sauberen Ansatz zu verschieben, jede Lesbarkeit des Mundes zu zerstören.
Sie ging an der Kante entlang, niedrig, schnell, ohne mehr auf das Rufen von Westen zu hören. Unter ihrer Sandale brach feiner Schiefer, als sie einmal anhielt und lauschte. Näher jetzt. Nicht mehr viele Atemzüge, bis der Erste den letzten Abschnitt des Hangs erreichte und nach oben sah.
Staub hob sich bei jedem Schritt nur kurz und sank dann wieder in die Ritzen, als warte der Hang selbst auf den Stoß. Zwischen den Steinen zitterten graugrüne Büsche im Luftzug und legten sich sofort wieder an den Boden.
Sie stieg die schmale Spur zum Block hinauf. Die Hände mussten an den Fels. Er fühlte sich kalt, rau und feucht an. An einer Stelle hatte Regen Erde aus einer Fuge gewaschen. Dort setzte sie den Fuß. Der Hang gab unter ihrem Gewicht nach und rieselte ab. Unten wurde sofort ein Ruf laut.
Gut, dachte sie. Dann zog sie sich höher.
Am Block angekommen, legte sie beide Hände an die Seite und prüfte das Lager. Er saß schwer, aber nicht tot. An der unteren Kante: loses Gestein. Wenn sie es brach, wenn sie den Druck auf einen Punkt brachte, konnte er kippen.
Von unten kam ein scharfes Kommando, und ein Mann antwortete näher, zu nahe. Rhea sah nicht hinab. Sie ging in die Knie und begann, mit den Fingern Steine unter der Kante hervorzureißen. Die Nägel schlugen auf Fels, Haut platzte auf, und feuchter Erdgeruch stieg ihr ins Gesicht, während sie weiterarbeitete. Ein Brocken löste sich, dann noch einer. Kaum merklich setzte sich der Block.
Kleine Steine liefen an ihr vorbei in die Tiefe, erst einzeln, dann in kurzen, nervösen Ketten, und verloren sich mit trockenem Klacken weit unter ihr. Wo sie den Hang löste, zuckte niedrige Wurzelarbeit aus dem Schutt, und ein Strauch am Rand schüttelte Staub aus seinen Blättern.
Hinter ihr, im Fels, schob sich Gestein gegen Gestein, und kalte Feuchte stand in der Luft, als die Hüterin schloss.
Einen Herzschlag lang hielt Rhea inne, nicht aus Zögern, sondern um zu hören, ob der Verschluss sauber lag. Als das dumpfe Reiben endete und Stille eintrat, war der Durchlass zu.
Die Stille war nur innen. Draußen blieb das ferne Rutschen gelöster Körner, dazu das kurze Anschlagen von Stein an Stein, das den Hang hinabwanderte.
Sie stemmte die Schulter gegen den feuchten Block.
Nichts.
Noch einmal, tiefer, mit beiden Füßen gegen den Hang gesetzt. Die Muskeln in ihrem Rücken zogen hart an. Der Stein antwortete erst mit einem dumpfen, feuchten Knacken unter sich. Dann mit einer Bewegung, die eher gefühlt als gesehen wurde.
Unter ihren Sohlen kam das Lager für einen Augenblick lebendig, ein tiefes Zittern, das durch Schienbein und Hüfte stieg. Aus der Fuge quoll grauer Staub und legte sich kalt auf ihre nassen Finger.
Unten rief jemand: „Da!“
Jetzt sah sie doch hinab. Ein Mann hatte sie entdeckt und zeigte mit dem Arm nach oben. Zwei andere zogen auf seine Linie. Den Speer hob er noch nicht zum Wurf; er hielt ihn nur bereit. Sie waren zu weit. Aber der Schweißgeruch trug schon zu ihr hinauf.
Auf dem schmalen Stand richtete sich Rhea auf, damit sie gut zu sehen war und ihr Körper den Blick festhielt. Inzwischen hielt einer der Männer inne. Ein anderer begann schneller zu steigen.
„Hierher“, sagte sie laut, nicht schreiend, nur weit genug in den Hang gesetzt, dass es tragen musste. „Von Westen nicht.“
Der Mann unten antwortete nicht. Er lief.
Vom Zug des Hangs getrieben, ging Rhea wieder an den Block. Diesmal nicht mit der Schulter allein. Sie schob mit Hüfte und Rücken, beide Hände flach am feuchten Stein, die Beine tief gesetzt, während der Block über das Lager rieb und ein dumpfer Stoß durch den Fels ging. Schutt sprang unter der Kante hervor.
Der Laut lief den Hang hinab und kam von den gegenüberliegenden Rippen stumpf zurück, kleiner, aber noch immer hart genug, dass er in den Zähnen stand. Unterhalb des Blocks brach eine ganze Zunge Geröll los und fuhr mit rasselnder Geschwindigkeit in die Tiefe, bis nur noch Staub zwischen den Steinen hing.
Noch ein weiterer Ruck ging durch den Block.
Der erste Speer kam zu kurz und schlug unterhalb des Blocks in den Hang. Feuchte Splitter und Erdgeruch fuhren hoch. Dennoch duckte sich Rhea nicht. Sie verlagerte nur das Gewicht und drückte weiter; das Leder an ihrer Schulter riss, und der Stoff unter dem Arm gab nach. Sie hörte ihren Atem jetzt offen. Kurz. Hart.
Wieder ein Rufen. Näher. Einer suchte den Aufstieg zu ihr. Wenn er die schmale Zunge unter dem Grenzblock erreichte, musste sie ihn mit der Hand zurückhalten. Dafür reichte die Zeit nicht.
Der Hang antwortete auf jeden Tritt mit kurzem Nachgeben; Staub legte sich auf ihre Lippen, und zwischen den losen Steinen roch es scharf nach aufgerissenem Wurzelwerk. Tief unter ihr sprang das Geräusch fallender Brocken noch einmal gegen den Fels und verging erst dann.
Sie ließ den Druck los, griff tiefer an die Unterkante und riss die letzten verkeilten Stücke heraus.
Ein scharfes Stück fuhr ihr in die Handfläche. Den Schnitt spürte sie nur an der Wärme. Sie warf den Splitter beiseite, setzte den Fuß gegen den Boden und stieß.
Als der Block nachgab, erst um die Breite einer Hand, kippte er vor, hielt noch einmal und zog sie zurück. Rhea presste den Unterarm gegen den kalten Stein, stemmte die Schulter darunter und trieb ihn mit ihrem ganzen Gewicht weiter. Der Rand unter ihm brach. Ein trockenes Reißen lief durch den Stand.
Unter ihr kam ein Mann auf die schmale Zunge. Als er den Speer hob, drückte Rhea nicht schneller. Sie drückte härter.
Der Wurf kam in demselben Augenblick, in dem der Felsblock endgültig aus seinem Lager sprang. Der Speer strich an ihr vorbei, schlug gegen den Stein und glitt klirrend ab. Dann verlor sie jeden Halt.
Über die Kante kippte der höchste Grenzblock des Ida.
Rhea sprang zurück, nur einen Schritt, mehr gab der Stand nicht her. Der Stein riss Erde, kleinere Brocken und nasse Wurzeln mit sich. Einen Augenblick lang hing er frei vor dem Hang. Dann stürzte er.
Mit ihm fuhr ein graubrauner Schwall den Abhang hinab, trocken im ersten Stoß und darunter schwer von feuchter Erde. Zwischen den aufgerissenen Wurzelballen zitterten flachgedrückte Halme und niedrige Sträucher, als habe der Hang selbst erschrocken Luft geholt.
Weiter unten schrie der Mann auf der Zunge etwas, das schon im ersten Aufschlag unterging. Der Felsblock traf unterhalb der Kante auf, sprang, drehte sich und riss den schmalen Aufstieg in einem einzigen Zug auf. Fels splitterte. Erdreich brach weg. Zwei der Männer unten warfen sich seitlich in den Hang. Der, der am höchsten gestiegen war, verlor den Tritt und verschwand hinter einer Wolke aus Staub, feuchter Erde und Steinschlag.
Die Staubwolke quoll nach oben und schmeckte selbst hier rau zwischen den Zähnen. Wo der Blick einen Herzschlag zuvor noch Tritte gefunden hatte, fiel nun nur Tiefe weg, hart und schief bis in das zerrissene Grau darunter.
Der Lärm lief den Berg hinab und wieder hinauf. Er ging in die Flanken. Er schlug gegen den Eingang und kam dumpf zurück.
Rhea hielt sich breit auf dem rutschenden Stand und wartete, ob noch etwas nachkam. Es kam. Erst kleine Stücke, dann ein weiterer Brocken, dann eine ganze Last losen Gesteins, die der große Felsblock aus seinem Bett gerissen hatte. Sie raste hinterher und fraß die Spur, auf der man eben noch hatte steigen können. Wo der direkte Aufstieg gewesen war, brach eine scharfkantige Rinne auf und füllte sich sofort mit verkeilten Steinen.
Lose Kiefernnadeln und zerfetzte Wurzeln wurden mitgerissen und schlugen gegen den Fels, ehe sie mit dem Geröll verschwanden. Aus dem aufgerissenen Hang stieg ein dumpfer, kalter Erdgeruch, frisch und dunkel wie aus einem eben geöffneten Grab.
Ein zweiter Speer flog. Zu hoch. Er streifte die Kante über ihr und verschwand.
Jetzt duckte sie sich doch, um den Stand nicht zu verlieren. Der Boden unter ihren Füßen trug sich anders. Wo der Block gelegen hatte, klaffte eine rohe, offene Mulde. Feuchte Erde trat aus. Schotter rollte darunter weg. Vom Rutschen getrieben, ging sie auf ein Knie in den Fels und hielt sich fest, bis das Nachrutschen abnahm.
Kleiner Kies rieselte ihr gegen den Schenkel und sprang mit hellem Ticken weiter in die Leere. Der freigelegte Boden atmete Kühle aus, die durch den Stoff an ihren Knien kroch.
Unten hustete jemand im Staub. Einer brüllte nach den anderen. Aus tieferer Höhe kamen die Worte eines weiteren zerrissen herauf. Rhea hob den Kopf und sah nur Bruch.
Der direkte Weg war weg, unter dem Gewicht des Felsblocks aufgerissen und nun ein Haufen aus verkeiltem Stein, zerschlagenem Rand und loser Erde.
Nur aufgerissen, nicht verschüttet. Niemand erreichte die Stelle rasch. Nicht zu zweit, nicht mit Speeren, nicht in dieser Unordnung. Wer es versuchte, musste klettern, tasten, einzeln gehen und Zeit verlieren.
Nur Zeit.
Rhea atmete einmal tief durch den offenen Mund. Wärme lief über ihre Hand, und Blut tropfte vom Handballen auf den Stein. Dann wischte sie die Hand an ihrem Gewand ab, ohne hinzusehen, und kroch an die Kante, bis sie wieder auf den unteren Hang blicken konnte.
Der Wind, der an der offenen Flanke hinaufstrich, trug den bitteren Staubgeruch zu ihr zurück und kühlte das nasse Blut in ihrer Hand. Tief unten klapperte noch immer vereinzeltes Geröll, klein und fern wie Zähne.
Einer der Männer lag seitlich zwischen Geröll und drückte sich hoch. Ein anderer stand schon wieder und suchte mit dem Blick nach einem gangbaren Tritt. Weiter unten sammelten sich zwei an einem Rest der alten Linie, fanden dort aber nur gebrochenen Fels.
Links oberhalb des Hauptanstiegs zog sich noch eine Linie.
Zwischen niedrigen Wacholderbüschen lag sie blasser im Gestein, kaum mehr als eine Folge schmaler Tritte unter staubigen Nadeln und losem Schotter. Von dort kam dünnere Luft herab, kühler und mit dem herben Geruch zerstoßener Kräuter vom Nordhang.
Der Satz stand sofort wieder klar in ihr: vertraut, geprüft, gemerkt. Eine zweite Linie, schlechter, enger, aber gangbar für jemanden, der sie suchte.
Sie zog sich vom Rand zurück und stand auf. Vom Stoß getrieben, zitterten ihr jetzt die Beine. Sie presste die verletzte Hand gegen den Leib und lauschte.
Aus der Höhle kam keine Stimme, gut. Kein Laut des Kindes. Noch besser.
Von unten kam wieder Rufen. Weiter auseinander nun. Jetzt an mehreren Stellen. Der Sturz hatte sie nicht vertrieben. Er hatte sie aufgehalten und aufgescheucht. Das genügte. Mehr hatte sie nicht.
Sie wandte sich zum Eingang. Der Streit mit der Hüterin stand noch zwischen den Steinen, unausgesprochen nur, weil keine Zeit geblieben war. Rhea dachte nicht daran, was die andere ihr vorwerfen würde. Während Melia draußen blieb, suchten die Männer. Am Hauptanstieg lag der Bruch. Das musste genügen, bis es nicht mehr genügte.
Hinter ihr knackte noch einmal etwas im Schuttfeld, ein spätes Nachgeben. Dann sank der Hang in ein raues, loses Schweigen, aus dem nur noch vereinzeltes Rollen kleiner Steine fiel.
In dieses Schweigen mischte sich das leise Reiben trockener Halme am Fels und weit darüber ein einziger, dünner Windzug über dem Grat. Der Nordpfad lag reglos in der fahlen Helligkeit, schmal und steinig zwischen geducktem Grün, als warte er schon.
Rhea blieb einen Augenblick im Eingang stehen und wartete, bis ihr Atem nicht mehr gegen den Schmerz in der Hand schlug.
So dicht lag die Dunkelheit in der Höhle, dass die Wände zurücktraten. Nur am hinteren Ende saß die Hüterin mit dem Kind auf den Knien. Sie hatte sich nicht bewegt, seit Rhea hinausgegangen war. Still lag es an ihrer Brust, die Augen offen.
Ein dumpfer Geruch aus feuchtem Stein, Tierhaut und saurer Milch hing unbewegt in der Luft. Von irgendwoher tropfte Wasser in langen Abständen, und der Fels gab die Kälte zurück, als trüge er sie in seinem Innersten.
Melia hob den Blick. Zuerst glitt er über das Blut an Rheas Hand, dann über ihr Gesicht. Sie fragte nicht, was draußen geschehen war, während von unten Rufe heraufdrangen. Das genügte.
„Sie kommen noch nicht durch.“ Rhea blieb noch einen Atemzug lang im Eingang stehen.
Melia antwortete nicht.
Dann trat Rhea näher. Kälte stieg durch die Sohlen in ihre Füße. Über ihren Knöcheln lag Staub. Mit der unverletzten Hand streckte sie die Arme aus. „Gib mir den Kleinen.“
Melias Finger schlossen sich fester um den kleinen Leib. „Du hast den Weg gebrochen.“
„Ja.“
„Du hast sie auf uns gezogen.“
Rhea schwieg.
Melias Kiefer arbeitete. Schließlich erhob sie sich und legte das Kind in Rheas Arme. Vorsichtig, ohne Eile. Ein Einverständnis zeigte sie damit nicht; sie tat nur, was jetzt getan werden musste.
Statt zu sprechen, sah Rhea auf das Gesicht des Kindes hinab. Noch wirkte es weich, noch zeigte es keine Härte. Der Mund öffnete sich, schloss sich wieder, und obwohl es weder Namen noch Furcht kannte, lag sein Blick ruhig. Die Männer unten kannte es nicht, auch nicht den, vor dem man es versteckte.
„Hör mir zu.“
Melia hob den Blick.
„Wenn du den Kleinen fortnimmst, endet es nicht.“ Melias Stimme blieb tief und fest. „Nicht für das Kind, nicht für uns, nicht für diesen Berg.“
„Es hat längst begonnen“, erwiderte Rhea.
Von draußen klirrte Stein gegen Stein, und weiter unten suchte jemand mit dem Stiefel einen neuen Tritt. Ein Ruf kam näher als zuvor.
Melia trat dicht an sie heran. „Dann vergiss nicht, wem du den Kleinen nimmst.“
Rhea nickte einmal. Ob Melia es als Antwort annahm, war gleichgültig.
Dann wandte sie sich um, trat zur Rückwand der Höhle und kniete an einer flachen Felsspalte nieder. Dort hatte sie in den letzten Nächten verborgen, was nicht offen liegen durfte: ein Tuch, ein Messer, ein Stück getrocknetes Brot und den Gürtel.
Den zog sie hervor.
Melias Blick blieb daran hängen. „Den trägst du nicht.“
„Nein.“
Rhea legte das Kind vorsichtig auf das Tuch, damit sie den Gürtel mit beiden Händen halten konnte. Das Leder war schmal und an den Kanten hart geworden. Auf der Außenseite war nichts zu sehen, was einen zweiten Blick gefordert hätte. Rhea drehte ihn um und schlug den Innensaum auf.
Melia beugte sich unwillkürlich vor, als sie die Zeichen im inneren Leder sah. Weder Zier noch Weiheformel: zwei Folgen von Schnitten, voneinander getrennt, streng und knapp gesetzt, nicht zufällig und nicht von einer ungeübten Hand. Rhea fuhr mit dem Daumen die erste Reihe entlang, dann die zweite.
„Zwei Tiefenkerker“, sagte sie.
Melias Gesicht wurde leer. „Warum zeigst du mir das?“
„Weil ich fortmuss. Weil du wissen musst, was ich mit mir trage.“
„Und wohin?“
Sie sah wieder auf das Kind. „Weg von hier. Solange es noch geht.“
Melia schüttelte den Kopf. „Du redest von Kerkern und gehst mit einem Säugling über den Berg.“
Rhea schloss den Gürtel. „Ich gehe, weil sie nach ihm suchen.“
„Wer?“
Diesmal kam die Antwort sofort.
„Kronos.“
Der Name blieb zwischen ihnen stehen. Aus Melias Kehle kam kein Laut, obwohl sie ihn kannte. Nicht aus Nähe, sondern aus Furcht, aus Gerüchten, aus jenem Schweigen, das einsetzt, wenn ein Name zu groß für einen Ort ist.
„Er ist der Vater“, sagte Rhea.
Melia starrte sie an, dann auf das Kind, dann wieder auf sie. „Nein.“
„Doch.“
„Dann ist das hier—“
„Ja.“
Draußen rutschte jemand ab. Ein Fluch. Noch einer. Die Männer waren nicht fort.
Melia wich einen Schritt zurück. Etwas Hartes trat in ihre Haltung, etwas, das zuvor nur Widerstand gewesen war. „Du hast das Kind hergebracht.“
„Ich habe dieses Kind geboren.“
„Zu uns.“
„Damit es lebt.“
Melias Nasenflügel bebten. „Und seine Brüder? Seine Schwestern?“
Rhea antwortete nicht sofort. Das Kind regte sich. Sie strich ihm mit einem Finger über die Stirn, bis es still hielt.
Schließlich sagte sie: „Verschlungen.“
Melia verharrte reglos.
„Von ihm?“, fragte sie schließlich.
„Von Kronos.“
Das Erschrecken wich. Etwas Kälteres blieb zurück. Diese Art von Wissen ließ keinen Platz für Klage, weil sie alles sofort veränderte.
Rhea nahm das Kind wieder auf und richtete sich auf. „Wenn sie hier durchkommen, finden sie nicht nur einen Säugling. Sie finden den Sohn des Herrschers. Damit fällt der Berg.“
Melia sah nicht zu ihr. „Der Berg fällt so oder so.“
Rhea bestritt es nicht.
Darauf ging sie zum Ausgang zurück und lauschte wieder. Die Rufe kamen versetzt. Noch suchten sie den alten Aufstieg ab. Noch hatten sie die zweite Linie nicht sicher gefunden.
Hinter ihr strich Stoff über Stein. „Es gibt einen Nordpfad.“
Über die Schulter sah Rhea zurück.
„Schlecht, eng, offen im Wind. Er führt erst hoch, dann quer, dann hinab. Wenn du den Nordpfad nimmst, verlieren sie mehr Zeit.“
„Ich kenne ihn.“
„Nicht mit einem Kind.“
„Dann lerne ich ihn so.“
Melia trat neben sie an den Eingang. Unten war nichts zu sehen, nur gebrochener Fels und Staub in den Spalten. „Wenn sie den Hauptweg ganz aufgeben, kommen sie seitlich. Dort musst du vorher weg sein.“
Rhea nickte.
Melia schwieg einen Moment. Dann sagte sie, ohne Rhea anzusehen: „Wie nennst du den Kleinen?“
Rhea legte die verletzte Hand unter den kleinen Rücken, obwohl die Bewegung den Schmerz durch den Arm trieb.
„Zeus.“
Melia schloss kurz die Augen. „Dann trag Zeus fort.“
Rhea zögerte. Nicht lang. Gerade lang genug, um zu verstehen, dass dies der letzte Augenblick im Schutz dieses Ortes war. Dann ging sie hinaus.
Der Wind griff sofort nach dem Gewand und kühlte das Blut an ihrer Hand. Über dem Grat lag klares Licht. Kein Laut von Tieren, nur Stein, Wind und die Rufe der Männer unterhalb des Bruchs.
Kalter Luftzug strich ihr durch den Schweiß am Nacken und ließ die nasse Leinwand an ihrem Rücken kleben. Aus den Felsspalten roch es nach zerstoßenem Thymian und trockenem Staub, den der Wind in dünnen Schleiern über den Hang hob.
Sie hielt sich nicht an den oberen Weg. Sie nahm die schmalere Linie nach Norden.
Der Pfad war kaum mehr als eine Folge harter Stellen im Fels. Ein Fehltritt reichte. Rhea ging langsam, das Kind eng an die Brust gezogen. Zweimal musste sie stehen bleiben, weil der Schmerz in der Hand ihr die Finger aufriss. Einmal duckte sie sich hinter einen vorspringenden Stein, als unten Stimmen näher kamen.
Unter ihren Sohlen lösten sich feine Körner und rieselten mit hellem Ticken in die Tiefe; weiter unten sprang ein Stein an, nahm andere mit und verschwand erst aus dem Ohr, dann aus dem Denken. Dort, wo Geröll den Hang striff, zuckten niedrige Wacholderbüsche zurück, und graue Halme lagen flach, bis der Wind sie wieder anhob.
Zeus schlief nicht. Wach und still lag er in ihrem Arm.
Hinter ihr blieb der Ida zurück. Vor ihr lag kein sicherer Ort. Nur neue Verstecke, neue Nächte, neue Hände, denen sie trauen oder misstrauen musste. Der Name Kronos ging mit ihr. Die verschlungenen Kinder gingen mit ihr. Die beiden Zeichen am Innensaum des Gürtels gingen mit ihr.
Der Nordpfad zog sich über nackten Stein und durch schmale Streifen dunkler Erde, in denen zerriebene Nadeln und hartes Gras rochen. Von weit unten kam das matte Rauschen eines unsichtbaren Wassers herauf, und mit jeder Biegung wechselte die Luft: bald trocken und staubig, bald kühl aus einem beschatteten Einschnitt.
Weiter nördlich, an einem Ort, den selbst viele der Alten nicht mehr beim rechten Namen nannten, gab es eine Frau, die aus Denken Nutzen machte und aus Schweigen Schutz. Wenn jemand den ersten Schritt gegen Kronos nicht mit roher Hand, sondern mit List setzen konnte, dann sie.
Rhea ging auf sie zu.
Der Wind auf dem Ida stand hart auf dem Grat.
Er trug den Geruch von Harz und erhitztem Stein, und aus den Kiefern tiefer am Hang kam ein unablässiges Insektensirren, das im offenen Raum klein und fern blieb. Unter den Füßen lag trockene Nadelstreu zwischen den Felsen, und von jenseits der Höhe lief ein langes, tiefes Rauschen herauf, als atmete der Berg selbst.
Zeus hielt den Gürtel in beiden Händen. Das Leder war wärmer, als es in Rheas Hand gewesen war. Sie stand ihm gegenüber, das Gesicht offen und unbeweglich.