Κεφάλαιο 10
Am schwarzen Ufer
Ihre Stimme klang flach. „Bringen Sie Frau Hartmann in den Aufenthaltsraum.“
Der Wechsel erfolgte nicht langsam. Ein anderer Flur, anderes Licht, kein Tisch mehr zwischen ihr und den Fragen. Nur eine Tür, die hinter ihr zuging, und ein Raum, der so tat, als sei hier nichts geschehen.
Der Raum war groß genug, damit Leere wirkte. Eine Fensterfront zog sich über fast die ganze Breitseite, dahinter lag der See: helles Wasser, Ufer, weiter draußen Boote. Das Licht lag offen im Raum, auf einem niedrigen Tisch, auf einer hellen Bank an der Wand, auf zwei Sesseln mit festem Gestell. Nichts daran war zufällig. Die Sitzflächen waren gepolstert, aber am Boden verschraubt. Der Tisch hatte abgerundete Kanten und keinen schweren Fuß, den man lösen konnte. An der Seitenwand stand ein Schrank mit glatten Fronten ohne Griffe. Daneben ein Wasserspender, eingelassen in eine Nische. Statt Glas lagen dort weiche Becher aus dünnem Material.
Innen zeigte die Tür keinen sichtbaren Griff, nur eine glatte Platte mit einem schmalen Feld daneben. Zugang nur von außen.
Erst aus der Nähe sah sie die Stärke des Glases. Es war kein normales Fenster; die Kante lief tief in den Rahmen. Weder Öffnung noch Spalt oder Beschlag, nur ihr Spiegelbild stand blass über dem Wasser. Die Haare hingen ihr ins Gesicht. An der rechten Hand klebte noch ein kleiner Holzsplitter nahe der Basis des Daumens. Darunter zog sich die dunkle Linie über die Handfläche. Mit dem Daumen rieb sie darüber, doch sie löste sich nicht.
Hinter ihr herrschte Stille.
Einer von den beiden Leuten aus dem Befragungsraum hatte sie hergebracht. Unterwegs hatte er kein Wort gesagt. Vor der Tür hatte er kurz an die Wand gegriffen, dann war das Schloss gelöst worden. Jetzt befand er sich nicht mehr im Raum, vielleicht saß er hinter einer Scheibe oder vor einem Bildschirm. Es machte keinen Unterschied.
Langsam wandte Mira sich um und sah den Raum noch einmal an.
Weder andere Jugendliche noch Bücher, kein Spiel, kein Gerät, kein sichtbarer Bildschirm. Ruhe bis ins Letzte geplant. Wenn jemand hier saß, sollte er trinken, sich setzen, hinaussehen, warten. Sich fügen. So lange, bis die Atmung wieder passte und die Antworten wieder brauchbar wurden.
Verwertung, dachte sie.
Zur Tür ging sie und drückte mit der flachen Hand dagegen. Nichts, auch nicht, als sie fester drückte. Das Material gab nicht nach. Sie schlug einmal gegen die glatte Fläche.
„Wo ist Jonas?“
Es kam keine Antwort.
Sie schlug noch einmal. „Hören Sie mich?“
Stille.
Einen Schritt trat Mira zurück, sah auf das schmale Feld neben der Tür und dann in die obere Ecke des Raums. Eine Kamera ließ sich nicht erkennen. Das bedeutete nichts. Im Tisch hatte auch nichts sichtbar sein müssen. Zur Decke nahm sie den Blick: glatte weiße Flächen, Lüftungsschlitze, klein und sauber eingesetzt. Die Luft roch nach nichts.
„Ich will wissen, wo er ist.“
Wieder nichts, trotzdem wartete sie einen Moment. Kurz genug, um sich dabei dumm vorzukommen. Lang genug, um zu merken, dass genau das beabsichtigt war. Fragen in einen Raum sprechen und sich selbst hören. Ohne Antwort bleiben. Am Ende aufgeben, weil die schöne Stille schwerer wurde als der eigene Zorn.
Zurück am Fenster suchte sie das Gelände draußen ab. Ein Weg am Haus entlang, eine niedrige Mauer. Weiter unten Schilf. Ein Hof ließ sich nicht erkennen. Auch keine Menschen. Wer hier untergebracht wurde, sollte Aussicht haben, aber keinen Überblick.
Jonas wurde nur deshalb als unterstützende Drittperson geführt, weil Mira entsprechende Angaben gemacht habe.
Wieder formte sich der Satz vollständig in ihr, ohne Voss’ Stimme, aber mit derselben Kälte. Unterstützende Drittperson, weitere Behandlung hänge von seiner Einordnung ab.
Ihre Angaben.
Die Lippen presste Mira zusammen. Jonas hatte sie zwischen die Lastwagen gezogen. Er hatte sie gepackt und vor sich gehalten, nicht um sie festzusetzen, sondern um sie aus der Linie zu nehmen. Er hatte ihr gezeigt, wo die Fesseln nachgaben. Und jetzt saß er irgendwo in diesem Bau oder in einem anderen, und Leute mit Akten entschieden, was er darstellte, nachdem sie ihn aus ihren Sätzen gebaut hatten.
Mit der Handkante schlug sie gegen das Glas. Es klang dumpf. Das Wasser draußen blieb ungerührt.
Das Geräusch lief in den Raum und kam fast nicht zurück.
Umgewandt prüfte Mira die Einrichtung. Erst die Bank, fest. Dann den niedrigen Tisch. Unterkante mit der Hand geprüft. Verschraubt. Der Schrank ließ sich nicht öffnen. Die weichen Becher knickten schon unter zwei Fingern ein. Der Wasserspender war in der Nische verankert, einer der Sessel ebenso. Nur beim zweiten hielt sie inne.
Metallrahmen. Sitzschale. Schwerer als die anderen Dinge hier, aber nicht befestigt.
Sie packte die Lehne und zog. In ihren Armen saß noch diese matte Schwäche, doch der Schub darüber trug sie hinweg.
Der Stuhl schabte über den Boden. Laut genug, dass jetzt jemand reagieren musste, wenn jemand zuhörte. Nichts geschah. Nur dieses ziehende Geräusch, das durch den Raum ging und am Glas endete.
Noch weiter zog Mira ihn in die Mitte.
„Dann hören Sie jetzt zu“, sagte sie, ohne zu wissen, an wen.
Ihre Hand tat weh. Der Splitter.
…ter in ihrer Handfläche pochte bis in den Unterarm.
Mira stellte den Stuhl nicht ab. Sie zog ihn weiter, beide Hände an der Lehne, den Metallrahmen dicht vor dem Körper. Die Kante der Sitzschale stieß ihr gegen den Oberschenkel. Der Raum blieb still. Vor der Tür kam kein Schritt, keine Stimme, kein Klicken im Schloss. Nur das Schaben über den Boden und ihr eigener Atem.
Sie sah zur Scheibe. Draußen lag der See breit und glatt. Dahinter Ufer, Bäume, ein Himmel ohne jede Hilfe. Der Blick war groß genug, um an Freiheit zu erinnern. Gerade deshalb machte er sie wütend.
„Wo ist Jonas?“
Sie sprach nicht laut, aber deutlich. Zum Tisch hin, zu dem eingelassenen Kreis im Holz. Zum Mikrofon. Zu dem, was sie aus jedem Satz von ihr machten.
Ein kurzes Rauschen kam aus dem Lautsprecher in der Decke.
„Bitte bleiben Sie ruhig. Eine Mitarbeiterin kommt auf Sie zu.“
Mira hielt den Stuhl fest. An der Lehne spannten sich ihre Finger an.
„Ich habe nicht nach einer Mitarbeiterin gefragt.“
Keine Antwort.
„Wo ist er?“
Wieder das Rauschen. Dieselbe Stimme kam ohne Eile, ohne hörbare Person darin.
„Bitte stellen Sie den Gegenstand ab und treten Sie vom Fenster zurück.“
Gegenstand.
Mira lachte nicht. Sie zog den Stuhl noch einen Schritt weiter vor. Jetzt stand sie dicht genug an der Scheibe, um ihr eigenes Spiegelbild schwach darin zu sehen: ein blasses Gesicht, Strähnen an der Stirn, die Schultern hochgezogen.
Jonas wurde nur wegen ihrer Angaben geführt. Das hatte Voss gesagt. Sie wussten es nicht. Sie hatten ihn nicht bei irgendetwas erwischt, das sie benennen konnten. Wegen ihrer Angaben. Sie hatten ihre Sätze genommen und ihm darum einen Platz in ihren Akten gegeben, und jetzt hielten sie ihn ihr hin.
„Sie benutzen ihn nur, damit ich mitmache“, sagte Mira.
Diesmal kam die Antwort schneller.
„Wir fordern Sie auf, den Raum nicht weiter zu beschädigen.“
Nicht weiter.
Sie hatten es verstanden. Oder es stand schon fest, noch bevor etwas passiert war. Der Raum war nicht dafür da, sie zu beruhigen. Er war dafür da, jeden Schritt von ihr in eine Form zu bringen, die sie verwerten konnten. Frage, Reaktion, Anweisung. Angst, Widerstand, Einordnung.
Kurz setzte Mira den Stuhl ab, nur um den Griff zu wechseln. Das Metall schlug hart auf den Boden. Sofort rauschte der Lautsprecher erneut.
„Bitte entfernen Sie sich von der Scheibe.“
Sie hob den Kopf.
„Dann holen Sie Voss her.“
Stille.
„Oder bringen Sie Jonas her.“
Nichts.
Sie dachte an Jonas zwischen den Lastwagen. An seine Hand an ihrem Arm, den harten Ruck, mit dem er sie aus der offenen Linie gezogen hatte. An den Moment, in dem er sich vor sie gestellt hatte, ohne etwas zu sagen. Es war schnell gegangen, ohne Zeit für Dank oder Zweifel. Er hatte einfach gehandelt.
Jetzt erwarteten sie von ihr Ruhe.
„Hören Sie zu“, sagte Mira in den Raum. „Wenn ihm wegen mir etwas passiert—“
Der Lautsprecher fiel ihr ins Wort.
„Unterlassen Sie weitere aggressive Handlungen. Sicherheitskräfte sind informiert.“
Ihre Kehle zog sich eng zusammen. Nicht wegen der Drohung, sondern wegen der Sprache. Aggressive Handlungen. Sicherheitskräfte. Es klang schon fertig aufgeschrieben. Noch bevor sie etwas tat, hatten sie die Wörter dafür bereitgelegt.
Mira bekam den Stuhl mit beiden Händen hoch. Für einen Moment schwankte der Boden unter ihr, die Müdigkeit saß ihr noch in den Armen. Sie biss die Zähne zusammen und nahm Schwung.
Sie schleuderte den Stuhl gegen die Scheibe, und der Aufprall fuhr durch den Raum. Metall krachte auf Glas. Die Sitzkante traf zuerst, sprang zurück, kippte zur Seite und schlug mit einem zweiten, kleineren Knall auf den Boden. Mira selbst taumelte einen Schritt nach vorn, fing sich mit der Hand an der Fensterkante.
Die Scheibe hielt.
Aber dort, wo der Stuhl getroffen hatte, lag nun ein weißes Sprungmuster im Glas. Zu klein für ein Loch. Nicht klein genug, um übersehen zu werden. Von der Einschlagstelle aus liefen Linien nach außen, scharf und dicht, bis sie sich verloren.
Für einen einzigen Schlag lang war es vollkommen still.
Der Alarm ging los.
Ein harter, durchgehender Ton schnitt in den Raum, so laut, dass Mira den Kopf einzog. Gleichzeitig sprang über der Tür ein rotes Licht an, das in festem Takt blinkte, während irgendwo im Schloss Mechanik arbeitete. Ein schweres Einrasten, dann ein zweites.
Verriegelung.
Vom Glas wich Mira zurück. Der Stuhl lag auf der Seite, ein Bein leicht verbogen. Der Alarm fraß jeden anderen Laut. Der Lautsprecher setzte trotzdem ein, dumpf gegen den Ton gedrückt.
„Treten Sie von der Scheibe zurück. Setzen Sie sich auf den Boden. Legen Sie die Hände sichtbar vor sich.“
Mira stand still und sah
Der Bruch kam sofort: Der Aufenthaltsraum war in dem Moment kein Ort mehr, an dem man wartete, sondern ein verschlossener Kasten mit Alarmlicht, verriegelter Tür und einer Scheibe, die nicht ganz gehalten hatte. Mira stand noch einen Schritt vom Fenster entfernt. Der Ton schnitt ihr durch den Kopf, und das rote Blinken über der Tür teilte den Raum in harte Abschnitte. Sie sah auf das Sprungmuster im Glas, auf den gekippten Metallstuhl am Boden, und begriff nicht mehr den Ort, sondern nur noch seine Kanten.
Weiter sprach der Lautsprecher. Die Stimme blieb gleichmäßig, zu ruhig für den Ton, zu ruhig für das rote Licht.
„Setzen Sie sich auf den Boden. Hände vor den Körper, sofort.“
Mira rührte sich nicht. Ihr Atem ging flach. Sie sah die Stelle, an der der Stuhl getroffen hatte. Die Linien im Glas liefen weit genug, mehr als nur für einen Fleck oder einen Schaden im Protokoll. Die Scheibe war an einer Stelle geschwächt. Dahinter lag nicht mehr nur die helle Fläche des Sees, die sie vorhin kaum beachtet hatte. Dahinter lag das Außengelände, das sofort abfiel, ohne dass man ihr einen Weg angeboten hatte.
Noch einmal arbeitete es im Schloss. Ein kurzes, hartes Geräusch. Es stammte nicht von der Tür. Irgendetwas im System.
Sie drehte den Kopf. Es gab keinen anderen Ausgang, keinen Griff und keine zweite Tür. Nur die Sprechanlage in der Wand und das rote Licht, das weitermachte. Die Worte von vorhin saßen ihr noch im Körper. Von aggressiven Handlungen war die Rede gewesen, von Sicherheitskräften. Auskunft darüber, wo Jonas war, erhielt sie nicht. Stattdessen Anweisungen.
„Ich will wissen, wo Jonas ist“, schrie sie gegen den Alarm.
Die Antwort kam nicht sofort. Erst Rauschen. Dann eine andere Stimme, männlich, näher am Mikrofon, kurz und kontrolliert.
„Treten Sie zurück.“
Ihr Name fiel nicht. Eine Antwort erhielt sie nicht. Nur wieder Zugriff in ganzen Sätzen.
Mira machte nicht den Fehler, zur Tür zu gehen. Dort wären sie zuerst, denn dorthin führte jedes Kommando. Ihr Blick ging zurück zum Fenster. Der Metallstuhl lag noch in Reichweite. Sie bückte sich, packte ihn am kalten Rahmen der Sitzfläche und hob ihn hoch. Der verbogene Fuß schlug ihr gegen das Schienbein. Schmerz, scharf und gut genug, um sie wach zu halten.
„Letzte Aufforderung“, sagte die Stimme aus dem Lautsprecher.
Sie hörte Schritte draußen, nicht im Raum, aber nahe genug. Schnell. Mehr als eine Person. Über dem Alarm kaum zu trennen, doch da. Viel Zeit blieb nicht mehr.
Mira nahm den Stuhl mit beiden Händen und stieß ihn diesmal aus kurzer Distanz mit aller Kraft gegen die gesprungene Stelle. Metall traf auf Glas. Der Widerstand war erst da und dann nicht mehr. Die Scheibe barst mit einem dumpfen, reißenden Knall. Ein Teil brach nach außen weg, ein anderer sackte im Rahmen ab. Splitter fielen nach innen auf den Boden und schossen ihr gegen die Unterarme. Der Stuhl rutschte ihr aus den Händen und blieb halb im Fenster hängen.
Kalte Luft schlug ihr entgegen.
Das Loch war nicht sauber. Unten standen Zacken im Rahmen, an den Seiten klebten gerissene Glasstücke. Draußen ging das Gelände sofort abwärts. Vor dem Fenster lag kein Absatz und kein direkter Weg. Nur lose Steine, braune Erde, Grasbüschel und tiefer der dunkle Rand des Ufers.
Hinter ihr klang Metall an Metall, als an der Tür jemand arbeitete.
„Zurück vom Fenster“, rief jetzt keine Lautsprecherstimme mehr, sondern jemand direkt vor dem Raum. „Nicht springen.“
Sie hörte den Unterschied sofort. Keine Bitte, kein Gespräch. Der Satz galt dem, was sie verhindern wollten.
Mira stieg auf den umgekippten Stuhl, der unter ihrem Gewicht wegrutschte. Sie fing sich mit der linken Hand am Rahmen ab. Ein Glasrest fuhr ihr in die Handfläche. Sie zog scharf Luft ein und zog den Arm sofort wieder zurück. Blut stand in einer dünnen Linie über dem Daumenballen. Keine Zeit. Sie setzte einen Fuß in die Öffnung, schob den anderen nach.
Der Alarm lief weiter. Hinter ihr riefen sie etwas, diesmal mehrere Stimmen übereinander. Sie verstand nur einzelne Wörter davon.
„Tür auf—“
„Vorsicht—“
„Lebend—“
Sie drückte sich durch die Öffnung. Eine Zacke riss ihr über die Seite, tief genug, dass sie es auch durch den Stoff spürte. Dann verlor sie den Halt. Der Boden draußen war näher, als er aus dem Raum gewirkt hatte, aber nicht nah genug. Sie kam hart auf den Füßen auf, knickte weg, fiel auf ein Knie und rutschte sofort den Hang hinunter.
Steine lösten sich unter ihr. Erde ging mit. Sie versuchte, sich seitlich abzufangen, griff ins Gras, erwischte nur Wurzeln und lose Halme, die nachgaben. Hinter ihr zerknirschte Glas unter Schritten. Jemand war am Fenster.
„Stopp!“, rief eine Männerstimme. „Nicht weiter runter!“
Mira antwortete nicht. Sie drückte sich hoch, stolperte zwei Schritte, dann noch einen. Der Hang zog sie nach unten. Jeder Tritt.
…brach seitlich weg, aber er brachte sie weiter vom Fenster fort.
Vor ihr schlugen kleine Steine auf. Einer sprang ihr gegen das Schienbein. Sie biss die Zähne zusammen und lief schräg über den Hang, nicht gerade nach unten. Oben hatten sie den besseren Blick. Geradeaus wäre sie offen gewesen.
„Mira Krüger!“, kam es über einen Außenlautsprecher. Die Stimme war sachlich und laut genug, um Alarm und Schritte zu übertönen. „Bleiben Sie sofort stehen. Zu Ihrer eigenen Sicherheit wird umgehend eine medizinische Sicherung durchgeführt.“
Der Name traf sie härter als der Stein.
Ohne hochzusehen, wusste sie, wer sprach, und es reichte, dass sie es wieder taten. Sie nannten sie Mira Hartmann, selbst jetzt. Das Band an ihrem rechten Handgelenk schlug bei jedem Schritt gegen die Haut. Kunststoff, Schweiß, der harte Rand des Verschlusses. Mira Krüger.
„Mira Krüger, hören Sie auf zu laufen.“
Weiter.
Unter ihr flachte der Hang kurz ab und ging dann in einen schmalen Streifen aus Geröll und hartem Boden über. Vor ihr lag das dunkle Wasser. Links zog sich der Zaun fast bis an das Ufer. Rechts war das Gelände ebenfalls nicht offen; dort liefen Betonblöcke und ein niedriger Absperrzaun in einer Linie bis zu einer Böschung, die zu steil war, um schnell hinaufzukommen. Hinter ihr: das Fenster, das Gebäude, die Stimmen.
Draußen war sie nicht. Nur in einem anderen Teil des Käfigs.
Oben rief jemand etwas, und weiter rechts antwortete eine zweite Stimme. Sie arbeiteten sich auseinander. Sie nahmen ihr den Raum. Mira verlangsamte nicht, aber ihr Blick sprang jetzt kurz und hart zwischen den Kanten des Geländes. Zwischen Zaun, Beton, Böschung und Wasser.
„Sie können hier nicht weg“, sagte die Lautsprecherstimme. „Bleiben Sie stehen und halten Sie die Hände sichtbar.“
Die blutige linke Hand hob Mira nicht. Blut war über die Innenfläche gelaufen und hatte die Finger klebrig gemacht. In der Seite brannte der Riss vom Fenster. Ihr rechter Fuß setzte nicht mehr sauber auf. Das Knie, auf das sie gefallen war, wurde steif. Weiter zwang sie sich.
Jonas.
Der Name kam nicht aus den Lautsprechern, aus keiner der Stimmen. Er war nur in ihr. Kurz davor hatte sie gefragt. Mehr als einmal. Wo ist Jonas Reiter. Was haben Sie mit ihm gemacht. Sie bekam keine Antwort, nicht einmal eine Lüge, die man hätte prüfen können. Nur Anweisungen, nur dieser Ton, nur das Weiterreichen von ihr zwischen Türen, Blicken, Vorgängen.
Wenn sie Jonas gehabt hätten und nichts verbergen müssten, hätten sie geantwortet.
„Mira Krüger“, sagte die Stimme wieder, jetzt ungeduldig. „Dies ist die letzte Aufforderung. Bleiben Sie stehen.“
Mira drehte den Kopf und sah doch nach oben.
Am offenen Fenster standen zwei Gestalten. Weiter links, an der oberen Geländekante, bewegten sich mindestens drei Personen den Hang entlang, vorsichtig, den Blick auf sie gerichtet. Einer zeigte nach unten. Einer hatte die Arme halb ausgebreitet, nicht zum Beruhigen, sondern um den Weg zu markieren. Rechts kam ebenfalls Bewegung in die Linie am Zaun. Zu viele, zu nah.
Einen Atemzug lang blieb sie stehen.
Sofort rief oben jemand: „Nicht ins Wasser!“
Da wusste sie es.
Sie durfte nicht stehen bleiben. Sie durfte die Hände nicht zeigen. Sie durfte nicht auf irgendetwas warten, das sie Sicherung nannten.
Wieder setzte sie sich in Bewegung, jetzt direkt nach vorn. Der Untergrund wechselte von festem Boden zu nassen Steinen. Die kleineren rollten unter ihren Sohlen weg. Sie fing sich mit den Armen ab und spürte, wie der Schnitt in ihrer Hand wieder aufging. Kalte Luft kam vom See her, und sie roch Algen, Schlamm, kaltes Wasser.
Hinter ihr wurde es lauter.
„Langsam!“
„Nicht springen!“
„Wir holen Sie da raus!“
Sie lachte nicht, obwohl ihr kurz danach war. Das „raus“ sagte alles. Sie wollten nicht helfen. Sie wollten sie zurück in ihre Hände.
Sie sprang über einen flachen Riss im Ufersaum, landete hart und rutschte bis an die Kante. Wasser schlug gegen Stein, leise, regelmäßig. Von oben wirkte der See kleiner. Jetzt lag er offen vor ihr, breit und schwarz. Keine Lichter dicht genug, keine Boote, nichts in Reichweite. Kälte und Tiefe, ein Risiko.
Hinter ihr lösten sich wieder Steine. Schneller als die anderen kam einer der Männer den Hang hinunter. Zu schnell vielleicht, aber schnell genug. Das Gebäude über ihr stand hell gegen die Nacht. Fenster und Glas. Dahinter Gänge, Türen, Akten, Dr. Voss mit dieser ruhigen Stimme, mit Fragen, die keine waren, mit Antworten, die alles offenließen, was wichtig war.
Mira sah auf ihr rechtes Handgelenk, wo das Plastikband noch immer fest saß. Durchsichtig, billig, unnachgiebig. Der weiße Streifen innen war an den Rändern schon aufgeweicht. Die schwarze Schrift blieb klar: Mira Krüger.
Sie zerrte daran. Einmal, hart. Es schnitt ein und gab nicht nach. Keine Zeit für den Verschluss. Hinter ihr kam ein Ruf näher. Sie
Sie kniete sich hin und presste das Handgelenk gegen einen scharfkantigen Stein. Einmal. Zweimal. Das Plastik rieb trocken über das Gestein und sprang nicht. Hinter ihr rutschte jemand ab, fing sich wieder, fluchte kurz. Ein Lichtkegel strich über den Hang und brach an den nassen Steinen vor ihr.
„Mira Krüger, bleiben Sie stehen.“
Sie drückte fester. Der Stein schnitt in die Haut unter dem Band. Es brannte. Sie zog das Handgelenk zurück, setzte neu an und riss es seitlich über die Kante. Diesmal gab das Plastik mit einem harten Laut nach, erst an einer Stelle, dann weiter. Der Verschluss hielt, aber der Streifen war aufgerissen.
„Nicht weiter.“ Die Stimme war jetzt näher, tiefer, außer Atem. „Hören Sie mir zu.“
Mira zog an dem eingerissenen Stück. Es dehnte sich, schnitt ihr in die Finger, dann löste es sich. Das Band sprang auf. Ein Teil blieb zwischen zwei Steinen hängen, der weiße Einleger nach oben, die Schrift lesbar im Licht, das über den Boden fuhr: Mira Krüger.
Den Rest warf sie weg, stand auf und trat einen Schritt tiefer an die Kante.
Der Mann hinter ihr war nur noch wenige Meter entfernt. Dunkle Einsatzkleidung, schwere Schuhe, eine Hand offen vorgestreckt, die andere dicht am Funkgerät an seiner Schulter. Er blieb stehen, nicht aus Vorsicht, sondern weil ein weiterer Schritt sie sofort ins Wasser treiben konnte.
„Nicht springen“, rief er. Diesmal leiser. „Das Ufer fällt da direkt ab.“
Mira drehte den Kopf nicht ganz zu ihm. Nur so weit, dass sie ihn sehen konnte.
„Gut“, sagte sie.
Er verzog das Gesicht, kurz und unwillkürlich. „Sie verstehen nicht, was—“
„Doch.“
Oben am Hang standen zwei weitere Lichtkegel. Einer suchte den Boden ab, einer lag direkt auf ihr. Den Arm hob sie vor die Augen, trat aber nicht zurück.
„Hören Sie zu“, warnte der Mann. „Wenn Sie da reingehen, kommen Sie keine zwanzig Meter. Das Wasser ist zu kalt, und am Steg gibt es Strömung. Wir haben das abgesichert.“
Da war es: das Gebäude, die Türen, die Fenster, die Stimmen aus den Lautsprechern. Auch hier am Ufer, wo Wasser war. Tiefe. Alles war schon mitgedacht. Alles war schon benannt, eingeteilt, gehalten.
„Wir holen Sie da sicher raus“, versprach er.
„Raus wohin?“
Er antwortete nicht sofort. Ein kurzes Knacken an seiner Schulter. Jemand sagte etwas durch das Funkgerät, zu schnell, zu leise. Er drückte es weg.
„Zurück ins Haus“, erwiderte er dann. „Damit Sie versorgt werden.“
Versorgt. Miras Hand pochte. Das Blut aus dem alten Schnitt lief wieder über ihre Finger. Am rechten Handgelenk brannte die aufgeriebene Haut, während oben das Licht auf ihr stand. Im Rücken der Mann, hinter dem das Haus stand. Irgendwo darin Jonas. Oder nicht mehr dort. Oder nie dort gewesen. Und jede Antwort, die sie bisher bekommen hatte, hatte sie nur stillhalten sollen.
„Wo ist Jonas Reiter?“
Der Mann sah sie an, ohne näherzukommen. Er kannte den Namen, das sah sie sofort. Keine Überraschung, nur dieses knappe Schließen im Gesicht.
„Jetzt nicht“, entgegnete er.
Einmal nickte sie. Mehr brauchte sie nicht.
„Mira Krüger—“
„Nein.“
Er hob die freie Hand ein wenig höher. „Hören Sie—“
„Nein.“
Ihre Stimme war heiser und flach. Trotzdem schnitt sie sauber durch das Wassergeräusch und das Atmen des Mannes.
„Ich heiße nicht so.“
„Sie müssen jetzt—“
„Ich muss gar nichts.“
Der Lichtkegel zuckte über ihr Gesicht. Oben setzte sich einer der anderen in Bewegung. Der Mann vor ihr merkte es auch und rief scharf über die Schulter: „Stehen bleiben.“ Dann wieder zu ihr, sofort weicher: „Niemand fasst Sie an, wenn Sie zurückkommen. Gehen Sie nur einen Schritt weg von der Kante.“
Keiner fasst Sie an. Mira dachte an die Hand an ihrem Arm, an die Nadel, an das helle Zimmer. An das Band. An Dr. Voss, die ihren Namen aussprach, ruhig, fest, entschieden, als gehöre er schon in eine Akte, die längst geschlossen war.
Der Mann machte einen kleinen Schritt zur Seite. Er wollte ihr Raum lassen. Er wollte ihr einen Weg geben, den sie nehmen sollte. Hinter ihm führte er direkt den Hang hinauf, zurück in das Licht.
„Sie haben sich verletzt“, erklärte er. „Sie stehen auf rutschigem Stein. Sehen Sie mich an. Ich sage Ihnen jetzt genau, was Sie tun müssen.“
Mira sah ihn an.
Genau das war es, und er sagte es nicht hart, nicht laut, nicht drohend. Er sagte es, weil er daran gewöhnt war, dass Menschen sich fügen, wenn die Anweisungen nur klar genug klangen.
„Wo ist Jonas?“
Der Mann antwortete nicht sofort. Er hielt ihre Augen fest, nicht hart, eher geübt. Hinter ihm knackte Kies unter einem Schuh. Oben am Hang lief wieder einer an. Der Lichtschein sprang kurz über Felsen und dunkles Wasser.
„Wir kümmern uns um alle Beteiligten“, erwiderte er dann. „Wichtig ist jetzt, dass Sie mitkommen.“
Mira spürte, wie sich in ihr etwas schloss.
„Wo ist er?“
„Herr Reiter ist Teil desselben Vorgangs. Sie helfen ihm nicht, wenn Sie hierbleiben.“
Teil desselben Vorgangs.
Weder frei noch verletzt, auch nicht in Sicherheit. Nur das.
Sie zog die Schultern enger. Der Wind drückte den nassen Stoff an ihre Arme. Der Stein unter ihren Schuhen war kalt und glatt. Hinter ihrer Ferse schmatzte Wasser gegen den Rand.
„Sie sagen nicht, wo er ist.“
„Ich sage Ihnen, was jetzt notwendig ist.“
Oben am Hang standen jetzt mehrere. Sie sah keine Gesichter, nur Beine, Licht, dunkle Umrisse. Einer ging weiter nach links, einer blieb mittig. Sie brauchten nicht schnell zu sein. Der Hang war schon zu.
Der Mann unten wandte sich ihrem Blick zu. „Drehen Sie sich nicht weiter zur Kante.“
„Sie wissen nicht mal, ob ich wegen ihm stehenbleibe oder wegen Ihnen.“
„Ich weiß, dass Sie in einem Zustand sind, in dem Sie keine sichere Entscheidung treffen können.“
Mira lachte nicht. Es war nicht einmal genug Luft dafür da.
„Natürlich.“
Er atmete einmal hörbar aus. „Mira—“
„Nein.“
Er korrigierte sich nicht. Für einen Moment schwieg er, dann wählte er jedes Wort einzeln.
„Wenn Sie jetzt mitkommen, können wir klären, was mit Jonas Reiter ist.“
Können wir klären.
Sie wollten nichts sagen, nichts zeigen, nicht jetzt.
Er hielt Jonas vor sie hin wie eine geschlossene Hand.
Mira sah an ihm vorbei auf den schmalen Streifen zurück zum Hang. Hinter ihm kam sie nicht durch. Seitlich war nur Stein, Wasser, noch mehr Stein. Das Ufer war kein Weg, nur ein Rand.
Als sie einen halben Schritt zurück machte, veränderte sich sofort sein Gesicht. Es wirkte nicht erschrocken, sondern berechnend. Er hob beide Hände weiter von sich weg.
„Bleiben Sie stehen.“
„Sie wollten doch, dass mich keiner anfasst.“
„Ich will, dass Sie nicht fallen.“
„Sie wollen, dass ich zurückgehe.“
„Ja.“
Wenigstens das.
Oben begann jemand zu sprechen, kurz und hastig, in ein Funkgerät. Mira verstand die Worte nicht, das Rauschen des Wassers fraß die Hälfte. Der Mann vor ihr hörte es auch. Sein Blick ging für einen Moment nach oben und sofort wieder zu ihr.
„Hören Sie mir jetzt genau zu. Sie gehen einen Schritt auf mich zu. Dann noch einen. Sonst müssen wir die Lage anders lösen.“
Da war es.
Es ging nicht um Hilfe, sondern um Lage.
Nicht sie, sondern die Lösung.
Mira presste die Finger in ihre Handflächen. Die Haut an ihrem rechten Handgelenk brannte dort, wo das Plastik gescheuert hatte. Das Band lag zerrissen irgendwo zwischen den Steinen, weg, trotzdem stand der Name noch zwischen ihnen. In seiner Stimme. In den Leuten am Hang. In dem hellen Raum, in den sie sie zurückbringen wollten. In allem, was schon entschieden klang, bevor jemand ihr überhaupt antwortete.
„Was heißt Rückführung?“, fragte sie.
Er zögerte. Nur kurz. „Zurück in den gesicherten Bereich.“
„Eingesperrt.“
„Geschützt.“
„Vor wem?“
Wieder keine Antwort. Nur diese kleine Verschiebung in seinem Gesicht, die sagte, dass die Frage nichts änderte.
„Vor mir selbst?“
„Sie sind akut gefährdet.“
„Und Jonas?“
„Ich rede gerade mit Ihnen.“
Sie nickte einmal. Es war kaum eine Bewegung, mehr brauchte sie nicht.
Der Mann wandte sich schneller an sie. „Hören Sie. Wenn Sie jetzt ins Wasser gehen, verlieren wir Zeit. Sie sind geschwächt. Die Temperatur—“
„Dann sagen Sie mir, wo er ist.“
„Ich kann das hier nicht mit Ihnen verhandeln.“
Mira spürte ihre Zehen im Schuh kaum noch. Sie stand schräg. Das Wasser klatschte jetzt höher gegen den Stein, und ein eiskalter Spritzer traf ihr Schienbein. Kurz zog sich ihr Atem zusammen.
Oben kamen Schritte näher. Seitlich. Einer zog den Bogen enger. Der Mann unten bemerkte es und hob den Arm, ohne hinzusehen.
„Zurück!“
Niemand antwortete. Sie hörte nur das Funkrauschen und das Schaben von Sohlen.
Er machte einen kleinen Schritt auf sie zu.
Mira wich nicht mehr zurück, dafür war kein Platz.
„Nicht“, sagte sie.
Er blieb stehen. „Sie müssen mir jetzt vertrauen.“
Das Wort traf sie härter als alles davor.
Sie dachte an den Lautsprecher im Aufenthaltsraum. An die Stimme, die ihren Zustand benannte. An ihre Frage nach Jonas, die in der Luft hängenblieb, bis nur noch Anweisungen übrig waren. An Dr. Voss. An den Satz, der nie aus ihr herausgegangen war.
Solange du hier lebst und solange ich für dich unterschreibe, entscheide ich, was ich an so eine Stelle zurückschicke und was nicht.
Der Mann vor ihr trug andere Kleidung und sprach ruhiger. Das Muster war da.
dasselbe.
Im Wind stand Mira, den Blick starr auf ihn gerichtet, während ihr die nassen Haare an die Wange zogen. Sie strich sie nicht weg.
„Nein“, erwiderte sie.
Er ließ den Arm sinken, nur ein Stück. „Sie gefährden sich gerade selbst.“
„Wo ist Jonas?“
Sein Blick veränderte sich nicht. Er stand fest auf den Steinen, die Füße leicht versetzt, die Hände offen vor dem Körper, damit sie sie sehen konnte. Hinter dieser ruhigen Haltung blieb alles dicht, und oben rutschten wieder Schuhsohlen im Kies. Mehr als eine Person. Zwei, vielleicht drei. Sie musste den Kopf nicht heben, um zu wissen, dass sie weitergezogen waren und nicht stehen bleiben würden, bis der schmale Streifen am Wasser ganz zu war.
„Herr Reiter gehört zu demselben Vorgang.“
„Das haben Sie schon gesagt.“
„Mehr kann ich Ihnen dazu im Moment nicht mitteilen.“
„Können oder wollen?“
Er antwortete nicht sofort. Das Funkgerät an seiner Schulter knackte kurz, dann wieder nur Rauschen. Er drückte nichts, sagte nichts hinein.
Miras Blick fiel auf seine Handschuhe, auf die dunklen Nähte an den Fingern, auf den Schlamm am Rand der Sohle. Er stand nah genug, um sie zu packen, wenn sie auf dem flachen Stein ausrutschte. Zu weit, als dass sie ihn treten konnte, ohne selbst zu fallen.
„Hat er Ihnen geholfen?“, fragte sie.
„Bitte kommen Sie jetzt mit mir zurück.“
„Hat er Ihnen gesagt, dass ich mitkommen soll?“
Sein Kiefer bewegte sich. Mehr nicht.
„Ist er verletzt?“
„Mira Krüger—“
„Nein.“
Es kam sofort, lauter, als sie es wollte. Ihre Stimme klang hart. Sie schnitt durch das Wassergeräusch und das Rauschen oben am Hang.
Der Mann hielt inne.
Mira hob ihr rechtes Handgelenk zwischen sie, nackt bis auf die rote Druckstelle. Dort, wo das Band gesessen hatte, glänzte die Haut feucht, und ein schmaler Schnitt lief quer darüber.
„Das bin ich nicht.“
Für einen Moment glitt sein Blick auf ihr Handgelenk, dann wieder in ihr Gesicht.
„Wir können das klären, sobald Sie zurück im gesicherten Bereich sind.“
Da war es wieder. Weder ihr Name noch eine Antwort, weder Jonas noch sonst etwas Greifbares. Nur der Bereich. Der Vorgang. Das Klären später. Immer später. Immer dort, wo sie hin sollte und nicht weg.
Oben sagte jemand etwas. Zu weit weg, um die Worte zu verstehen. Ein anderer antwortete sofort, während Schritte näher kamen. Kein Laufen, sondern sicheres, geordnetes Gehen.
Mira drehte den Kopf ein Stück. Links zog sich der Hang flach herunter, mit dunklem Gras und losem Geröll. Zwischen zwei Sträuchern schoben sich Beine ins Sichtfeld. Weiter oben stand noch einer. Rechts fiel der Ufersaum enger aus. Dort war nur noch Wasser und ein abgebrochener Betonrest, schwarz vor Nässe.
Wieder sah sie den Mann vor sich an.
„Sie sagen mir nicht, wo er ist“, entgegnete sie. „Sie sagen mir nicht, was mit mir passiert. Und Sie wollen, dass ich Ihnen vertraue.“
„Ich will, dass Sie hier sicher wegkommen.“
„Wohin?“
„Zurück ins Haus.“
„Zu wem?“
Er atmete einmal durch. „Zu den Zuständigen.“
Mira lachte nicht. Ihr Mund verzog sich nur kurz.
„Die Zuständigen.“
Er machte noch einen kleinen Schritt. Diesmal hob er beide Hände etwas höher. „Hören Sie mir zu. Es wird niemandem geholfen sein, wenn Sie jetzt ins Wasser gehen.“
Sie dachte an Jonas’ Hände, eng vor dem Bauch, das weiße Plastik tief in die Haut gedrückt. An die kurze Bewegung seiner Finger, als er ihr gezeigt hatte, wo sie ziehen musste. An seinen Körper vor ihrem zwischen den Lastwagen. An seinen Atem, schnell, hart, dicht bei ihr. Er hatte nicht gesagt, vertrau mir. Er hatte gehandelt.
Und jetzt stand dieser Mann da und sagte ihr, sie müsse.
„Wenn er in denselben Vorgang gehört“, sagte Mira, „dann behandeln Sie ihn gerade genauso.“
Sein Blick blieb ruhig. Das machte es schlimmer.
„Sie sind in einer Ausnahmesituation. Ich verstehe, dass Sie—“
„Nein.“ Sie trat mit der Hacke tastend weiter nach hinten, bis die Kante des Steins unter der Sohle wegfiel und nur noch Wasser war. Kälte stieg sofort durch den Schuh. „Sie verstehen gar nichts.“
Endlich reagierte er. Zu langsam, um nach ihr zu greifen, doch schnell genug, dass sein Gewicht nach vorn ging.
„Bleiben Sie stehen.“
„Sonst was?“
„Sonst stürzen Sie.“
„Sie wollen mich doch sowieso zurückbringen.“
„Ich will verhindern, dass Sie sich verletzen.“
„Sie verhindern nur, dass ich wegkomme.“
Oben am Hang löste sich jetzt einer ganz aus der Reihe und kam schräg herunter. Aus dem Augenwinkel erfasste Mira dunkle Kleidung, eine helle Fläche am Ohr. Der Mann vor ihr merkte es auch. Ohne den Blick von ihr zu nehmen, rief er scharf nach oben: „Zurückbleiben.“
Diesmal kam eine Antwort, kurz und widerwillig. Der andere hielt nicht sofort an.
Mira spürte, wie der Stein unter ihr nachgab. Ein
Mira riss den Fuß hoch, aber der Stein war schon weg. Geröll schabte unter der Sohle nach unten, dann stand sie nur noch auf dem anderen Bein, schief, zu nah an der Kante. Kaltes Wasser lief in den Schuh und zog sofort bis an den Knöchel.
Als der Mann einen Schritt machte, blieb er auf ihr „Nicht“ hin stehen.
Laut genug stieß sie es aus, dass es eher ein Stoß war als ein Wort. Er blieb stehen, nicht aus Gehorsam; er rechnete.
Oben kamen jetzt zwei weitere den Hang herunter, langsam und ohne Hast. Einer weiter links, einer rechts versetzt, und sie brauchten keine Eile. Sie schlossen nur den Weg.
Ihn vor sich hielt Mira im Blick und suchte gleichzeitig den Rand ab. Hinter ihm ging es den Hang hinauf. Lose Steine, nasses Gras, Stämme zwischen den Büschen, Menschen. Rechts fiel das Ufer enger zusammen. Links lagen größere Brocken, dazwischen schwarzes Wasser, das gegen den Stein schlug.
„Hören Sie mir jetzt bitte zu“, sagte er. Seine Stimme war wieder flach, wieder kontrolliert. „Niemand will Ihnen etwas antun.“
„Dann sagen Sie mir, wo Jonas ist.“
„Ich habe Ihnen bereits erklärt—“
„Nein. Haben Sie nicht.“
Er zog hörbar Luft durch die Nase. „Herr Reiter befindet sich im Haus.“
„In welchem Zustand?“
„Er wird versorgt.“
„Von wem?“
„Sie auch, sobald Sie zurückkommen.“
Da war es wieder: keine Antwort, nur Führung. In Mira zog sich der Bauch fest. Jonas war im Haus und wurde versorgt, derselbe Vorgang. Es gab keine Stelle, keinen Raum, keinen Satz, an dem sie ihn festhalten konnte. Nur Worte, die sie ruhig machen sollten.
„Ich komme nicht mit Ihnen zurück.“
„Sie müssen hier nicht weiter eskalieren.“
„Ich eskaliere?“
Ihre eigene Stimme klang hart, und ihr Magen zog sich zusammen; sie stand schon nah am Rand, nicht nur mit den Füßen. Er vor ihr hob eine Hand, offen, leer. Die andere blieb dicht am Körper.
Hinter ihm blieb einer der anderen stehen. Der zweite ging noch ein Stück tiefer und hielt dann ebenfalls. Niemand sprach. Vor Mira standen nur Köpfe, Schultern, dunkle Jacken, der helle Punkt eines Geräts an einer Wange.
Ohne sich umzudrehen, sprach er. „Applikator bereithalten.“
Mira verstand das Wort sofort.
Weder den Gegenstand noch das Mittel nannte er, nur die Richtung. Keine Hilfe. Keine Decke, kein trockener Raum, kein Arzt. Ihr stieg ein metallischer Geschmack in den Mund. Etwas, das in den Körper kam und sie wieder still machte. Wieder wegtrug. Wieder in einen Raum brachte, in dem andere entschieden, was sie wusste, was sie sagte, wen sie sah.
Sie machte einen halben Schritt zurück und fand keinen Stein mehr, nur Wasser.
„Nein.“
Zum ersten Mal veränderte sich sein Gesicht. Kaum sichtbar. Nur der kurze Moment, in dem er merkte, dass sie das Wort gehört hatte und richtig einordnete.
„Sie missverstehen—“
„Lügen Sie nicht.“
„Niemand hat vor—“
„Lügen Sie nicht.“
Ihre Hände waren offen, leer, kalt. Die rechte zitterte. Sie ballte sie kurz zur Faust und ließ wieder los. An ihrem Handgelenk war nichts mehr, kein Band, kein Name, den sie ihr angelegt hatten. Der scharfe Schmerz vom Aufreißen an dem Stein war noch in der Haut.
Noch einen Schritt machte er. Langsam genug, dass er ihn harmlos nennen konnte.
„Mira.“
Sie hob den Kopf.
So nicht mit ihrem Namen, für einen Augenblick nur Wasser gegen Stein.
„Nennen Sie mich nicht so, wenn Sie mich gleichzeitig wegbringen wollen.“ Ein kurzer Funklaut oben am Hang. Jemand antwortete zu leise, um die Worte zu verstehen.
Dann versuchte er es mit Jonas.
„Wenn Sie Gewissheit über Herrn Reiter wollen, bekommen Sie die nicht hier unten am Ufer.“
Auf den Satz hin zuckte ihr Arm gegen ihren Willen. Sofort kam das Bild zurück: Jonas mit den weißen Fesseln an den Händen, wie er den Kopf zu ihr gedreht hatte, wie er ihr mit einem Blick gezeigt hatte, wo sie ansetzen musste. Später seine Hand an ihrem Arm, hart, dringend, wie er sie vom Wagen wegzog, zwischen die Lastwagen, tiefer hinein, sich vor sie stellte. Kein Vorgang. Jonas.
Er sah, dass er sie erreicht hatte.
„Wenn ich mitkomme, lassen Sie mich sofort zu ihm?“
Er antwortete nicht sofort.
Das reichte.
„Eben.“
Rechts setzte sich einer der Männer am Hang wieder in Bewegung. Sehr vorsichtig jetzt, seitlich, damit er nicht rutschte. Mira drehte den Kopf nur ein Stück, aber es genügte. Der Raum war zu. Vorn er, oben die anderen, hinten der See. Niemand stand zufällig dort, wo er stand.
„Bleiben Sie, wo Sie sind“, sagte er schärfer, diesmal nicht mehr ruhig genug für den alten Ton. „Niemand kommt näher, wenn Sie ruhig bleiben.“
„Sie sind schon näher gekommen.“
„Weil Sie absturzgefährdet sind.“
„Weil Sie mich nicht gehen lassen.“
Er sah kurz an ihr vorbei auf das Wasser und dann zurück.
„Mira Krüger“, sagte er.
„Nein.“
Es kam sofort, hart und ohne Lautstärke.
Er blinzelte einmal, nicht überrascht, eher genervt. Oben am Hang knackte ein Funkgerät. Ein kurzes Rauschen, dann eine Stimme, erst undeutlich, zu weit weg, sodass Mira nur einzelne Wörter verstand: Position. Ufer. Warten. Klarer wurde es aus einem zweiten Gerät näher bei den Männern: „Applikator nach unten.“
In ihr wurde alles still.
Der Mann vor ihr hob die Hand, ohne sich umzudrehen. Nicht groß, nur die Bewegung, mit der jemand anzeigte, dass er es gehört hatte und dass es jetzt nach seinem Takt ging.
„Sie kommen jetzt mit mir zurück ins Haus“, erklärte er. „Dort wird alles Weitere geklärt.“
„Mit Jonas.“
„Herr Reiter ist Teil desselben Vorgangs.“
„Ich habe nicht nach Ihrem Vorgang gefragt.“
Ein Stein unter ihrer Ferse kippte. Ihr Bein rutschte nach hinten weg, und kaltes Wasser schlug ihr gegen den Knöchel. Sie fing sich mit einem Schritt zur Seite, trat auf kleinere Steine, die unter ihrer Sohle nachgaben und gegeneinander kratzten. Die Kälte schoss sofort hoch.
Der Mann machte einen halben Schritt vor, blieb dann stehen.
„Nicht bewegen.“
„Sagen Sie die Wahrheit.“
„Ich habe Ihnen gesagt, dass er versorgt wird.“
„Das haben Sie behauptet.“
Seitlich, rechts oben, war jetzt der andere Mann weiter heruntergekommen, bedächtig und Tritt für Tritt, den Blick nicht auf den Boden, sondern auf sie gerichtet. Nur kurz drehte Mira den Kopf, aber sie sah genug. Noch ein paar Schritte, dann war auch diese Seite weg.
Als sie wieder nach vorn sah, sagte sie leise: „Ich gehe nicht ohne Jonas.“
„Darum geht es jetzt nicht.“
„Doch.“
„Nein.“ Seine Stimme blieb flach, aber sie hörte die Kante darin. „Es geht darum, dass Sie diese Situation nicht weiter zuspitzen.“
„Sie spitzen sie zu.“
Wieder Funk, näher diesmal. Einer sprach von Sichtlinie. Ein anderer bestätigte. Noch einmal fiel das Wort, deutlich genug, dass sie sich nicht verhört haben konnte: „Applikator unterwegs.“
Kälte griff ihr unter die Rippen.
Sie wusste nicht genau, was damit gemeint war. Sie musste es nicht wissen. Es reichte, dass es nicht für ein Gespräch gebraucht wurde, nicht für jemanden, dem man entgegenkam. Der Mann vor ihr hatte eben noch ruhig gesprochen, mit diesem Ton von Rückkehr, Bereich, Abklärung. Jetzt standen andere im Hang, rückten auf, und irgendwo über ihr wurde etwas angefordert, das man holte, wenn Worte vorbei waren.
„Sie wollten mich nie zu ihm lassen“, stieß Mira hervor.
Er antwortete nicht.
„Sie haben von Anfang an nie gesagt, dass ich ihn sehen kann.“
„Sie sind nicht in der Lage, Bedingungen zu stellen.“
„Und Sie sind nicht in der Lage, mir eine einfache Antwort zu geben.“
„Ich habe Ihnen eine Antwort gegeben.“
„Nein. Sie haben geredet.“
Er atmete einmal durch die Nase aus. Hinter ihm bewegte sich links oben noch jemand. Mira sah nur einen Ärmel, eine Hand am Funkgerät, einen Stiefel auf dem nassen Erdstreifen zwischen den Steinen. Genug, um zu begreifen, dass das kein Warten mehr war. Ein Kreis wurde kleiner.
Der Mann vor ihr senkte die Stimme. „Mira. Hören Sie mir zu.“
Sie sagte nichts.
„Wenn Sie jetzt einen Schritt falsch setzen, sind Sie im Wasser. Das hilft weder Ihnen noch Herrn Reiter.“
Sein Name. Endlich. Und sofort wieder in ihrem Hals dieser Druck, weil er nur fiel, um sie zu ziehen.
„Dann holen Sie ihn her.“
„Das ist nicht möglich.“
Da war es.
Ohne Abklärung, ohne später, ohne erst zurück: einfach nicht möglich.
In ihr spürte Mira, wie sich etwas festzog und still wurde. „Warum nicht?“
„Weil er an einem anderen Ort versorgt wird.“
„Im Haus, haben Sie gesagt.“
Ein kurzer Fehler in seinem Gesicht. So klein, dass sie ihn fast verpasst hätte.
„Er befindet sich in medizinischer Betreuung.“
„Sie haben gelogen.“
„Ich habe die Lage vereinfacht, damit Sie kooperieren.“
Das Wort traf härter als alles andere. Die Lüge war es nicht. Es war das Wort. Kooperieren.
Sie sah ihn an und wusste, dass nichts von dem, was er seit Minuten vorbrachte, für sie gedacht war. Es galt nicht ihr als Person, nur dem, was sie in seinem Ablauf tun sollte: zurückgehen, mitkommen, stillhalten, sich übernehmen lassen. Und Jonas blieb darin genau das, was sie die ganze Zeit gehört hatte: Teil desselben Vorgangs.
„Ohne ihn nicht“, sagte sie.
„Sie haben diese Option nicht.“
„Dann habe ich gar keine.“
Er hob wieder die Hand, diesmal etwas höher. „Stopp dort“, rief er nach oben, ohne den Blick von ihr zu nehmen. „Niemand weiter vor.“
Zu spät. Den Mann rechts hatte Mira schon gesehen. Noch einen Schritt tiefer, jetzt fast auf ihrer Höhe, nur mit Abstand. Wo eben noch Luft gewesen war, stand nun einer rechts von ihr. Vorn der Einsatzleiter. Oben Bewegung. Hinter ihr das Wasser, kalt und schwarz, direkt am Absatz der Steine.
„Mira.“ Sein Ton änderte sich noch einmal. Fester. Schneller. „Bleiben Sie stehen. Hören Sie mir jetzt genau zu.“ Er hob die Hand höher. Rechts lösten sich Steine unter einem Stiefel. Vom Ufersaum stieß sich Mira ab und sprang in den schwarzen Chiemsee.