Κεφάλαιο 3
Unter dem Fels der Mutter
Drei Geburten später stand Gaia wieder auf dem Opferplatz des Othrys. Der Bruch klaffte offen im Tag: nicht mehr das erste Kind, nicht mehr der erste Schrei, nicht mehr eine Tat, die noch als Ausnahme hätte gelten können. Der Stein ruhte dort, wo er gestanden hatte. Die Sichel steckte noch immer in ihm. Wieder kam Rhea mit einem Neugeborenen in den Armen, und schon ihr Gang verriet, dass dieser Weg nicht mehr verhandelt wurde.
Gaia trat nicht vor Rhea, um sie aufzuhalten. Wohin dieses Gehen führte, wusste sie. Sie kannte den Ort, den Kronos ausgerufen hatte, und sie kannte das Haus, auf das er jedes Wort zurückbog. Der Kinderaltar war kein Name mehr, den sie ihm aus Zorn gegeben hatte. Er hatte Wahrheit angenommen. Zwischen Stein und Leib gab es keine Lücke mehr. Was aus Rheas Armen kam, geriet unter seine Hand, noch ehe es einen Tag gehabt hatte.
Kronos harrte am Altar. Aufrecht hielt er sich da, den Blick auf Rhea gerichtet, nicht auf Gaia. In seinem Gesicht zeigte sich keine Unruhe. Er hatte das Gesetz dieses Platzes bereits vollzogen und verharrte nun darin, ohne zu zögern. Die Mulde des Steins gähnte leer. Die Sichel ragte aus dem Altarstein, fest, unbewegt, und gerade darin lag die Drohung des Ortes. Der Platz trug seine Ordnung sichtbar.
Wenige Schritte vor dem Stein hielt Rhea an. Das Kind ruhte klein in ihren Armen, fest an ihre Brust genommen. Sie hielt es nicht hoch und bot es nicht dar. Aber sie barg es auch nicht. Ihre Hände schlossen sich um den Körper des Neugeborenen mit einer Kraft, die nichts schützte. Ihr Gesicht war starr. In ihren Zügen zeigte sich keine Bitte mehr, nur das Wissen um das, was jetzt folgen würde.
Kronos sagte: „Gib es her.“
Langsam hob Rhea den Kopf. „Nein.“
Das Wort war leise. Es fiel zwischen sie und verhallte kraftlos auf dem Platz.
Mit einem Schritt trat Kronos auf sie zu. „Was aus meinem Haus kommt, steht unter meinem Gesetz.“
Gaia sprach sofort dazwischen. „Du sagst es wieder vor ihr. Vor dem Kind. Vor diesem Stein.“
Er wandte den Kopf nur wenig. „Ich nehme, was mein ist.“
„Dein ist hier nur die Furcht“, entgegnete Gaia. „Du hast sie in Stein gesetzt und nennst es Heim.“
Unbeweglich verharrte sie. Das Kind regte sich in Rheas Armen. Ein kurzer Laut kam aus dem kleinen Mund, nicht laut, aber deutlich genug für Gaia und Kronos. Nichts in Kronos’ Gesicht änderte sich. Gerade das machte den Vorgang endgültig, noch ehe seine Hand sich hob.
Endlich zog Rhea das Kind enger an sich, doch schon griff Kronos zu.
Gaia packte nach seinem Unterarm. Ihre Finger schlossen sich hart um sein Fleisch. „Nein.“
Er riss den Arm nicht sofort frei. Zwischen ihnen stand alles, was seit dem Stein gesprochen worden war. Er drehte den Arm mit einer knappen, festen Bewegung aus ihrem Griff. Gaia verlor den Halt. Noch im selben Augenblick griff seine andere Hand nach dem Kind.
Rhea hielt fest. Für einen Atemzug lang war da Widerstand, nicht groß, nicht stark, aber wirklich. Der Stoff an Rheas Brust riss. Ihr Atem ging scharf. Kronos gewann das Gewicht des kleinen Körpers aus ihren Armen.
Rhea stieß einen Laut aus, roh und kurz, während der kleine Körper in Kronos’ Händen lag.
Gaia sah nicht weg. Vor ihr zeichneten sich Rheas leere Arme ab, der Stein daneben, die Sichel im Altar. Dies war kein erster Bruch mehr. Der Platz fraß weiter und verlangte nichts Neues, nur Gehorsam. Gewohnheit lag in dem Vorgang. Ein Ablauf. Eine Herrschaft, die sich nicht mehr beweisen musste.
Dann sprach Rhea den Namen, und ihre Stimme riss daran auf.
„Hades.“
Kronos hielt inne, nur für den Schlag eines Herzens. Der Name hallte über den Opferplatz, nachdem er gefallen war. Hades. Ein Sohn aus seinem Haus. Ein Name.
Seine Hände schlossen sich fester um den kleinen Leib.
Einen Schritt machte Rhea vor, zu spät, ohne Kraft im Bein. „Hades“, sagte sie noch einmal. Diesmal klang der Name tiefer, rauer, nicht mehr nur Ruf, sondern Festhalten. Sie streckte beide Arme aus, doch Kronos hob das Kind bereits an.
Als Rhea begriff, dass er nicht antworten würde, sah Gaia es an ihrem Gesicht. Er blieb stumm, ohne ein Wort und ohne einen Blick. Sein Gesicht zeigte nur Härte und Leere, alles andere war Entschluss. Obwohl er den Namen gehört hatte, schwieg er.
„Sprich ihn“, forderte Gaia.
Den Kopf wandte Kronos nicht zu ihr. Seine Schultern spannten sich. Über den Platz strich der Wind, fuhr durch Rheas aufgerissenen Schleier und lief an dem Fels entlang, in dem die Sichel steckte. Alles wartete auf das, was längst beschlossen war.
„Sprich den Namen deines Sohnes“, sagte Gaia noch einmal.
Er tat es nicht.
Einen Laut gab Rhea von sich, der abbrach, bevor er ganz aus ihr herauskam. Kronos trat den letzten Schritt an den Kinderaltar. Er trat dicht vor den Fels, vor die flache Mulde, vor die Klinge, die er selbst hineingetrieben hatte. Gaia erkannte die Stellung seines Leibes, die sichere Gewohnheit seiner Arme, die Ruhe in der Bewegung. In ihm rang nichts mehr mit sich.
„Nicht“, hauchte Rhea.
Kaum mehr als Atem, änderte das Wort nichts.
Als Kronos sein Gesetz vollzog, schlug Rheas Atem um. Ein schmaler Laut schnitt über den Platz. Das Kind glitt aus seinen Händen, nicht mehr in Rheas Armen, und verschwand unter dem offenen Himmel.
Für einen einzigen Schlag stand Stille zwischen ihnen.
Der Stoß kam.
Er fuhr von unten herauf, hart und ohne Warnung. Der Opferplatz hob sich unter Gaias Füßen und setzte wieder auf. Gestein schlug gegen Fels. Staub sprang aus den Fugen. Rhea verlor den Halt und brach mit den Knien am Kinderaltar ein. Ihre Hand fuhr über die Kante der Mulde, suchte an glattem Gestein, fand nichts, krallte sich dennoch fest.
Die Sichel im Altar antwortete mit einem harten Ton. Metall schlug kurz gegen den Stein, obwohl keine Hand sie berührte. Der Laut ging Gaia durch den Leib. Sie kannte ihn. Schon einmal war er aus diesem Fels gekommen, als Kronos die Klinge tiefer hineingedrückt hatte, bis sie festsaß. Nun kehrte er zurück, schärfer, näher, mit dem Stoß aus der verschlossenen Tiefe verbunden.
Weiter arbeitete es unter ihnen. Ein zweiter Druck lief durch den Boden, kleiner, aber deutlich, und der Untergrund gab ihn weiter. Die Kante des Altars bebte unter Rheas Fingern. Das Zittern fuhr Gaia selbst in die Zähne. Rhea rang nach Luft. Vor dem Fels stand der leere Leib der Tochter, der geöffnete Stoff, die gebeugten Schultern, die Arme, die eben noch ein Kind getragen hatten.
Fünf, dachte Gaia, und es war nicht Zahl allein, sondern Bindung.
Der Stoß aus der Tiefe, der Fels, die festgesetzte Sichel, Rheas leerer Leib – es schloss sich vor ihren Augen ineinander. Kronos hatte unten verschlossen. Er hatte hier oben den Fels dafür gesetzt. Er hatte den Altar zu einem Ort seines Hauses gemacht. Nun ruhte das fünfte Kind in ihm, und der Platz antwortete wieder: auf Tat, nicht auf Bitte oder Recht.
Gaia richtete sich gegen das Schwanken des Bodens auf. Ihr Blick ging zu Kronos.
Um einen halben Schritt war er zurückgewichen, mehr nicht. Sein Kiefer spannte sich. Seine Augen hoben sich kurz über den Platz, als prüften sie, ob der Schlag noch einmal käme. Er verharrte, ohne dass Erschrecken ihn aus dem Ort löste oder Zweifel Bewegung in seine Hände brachte. Er nahm den Stoß hin und wich nicht.
Da wurde es für Gaia ganz.
Nicht nur Furcht trieb ihn noch, nicht nur Abwehr. Er hatte eine Ordnung daraus gemacht, und diese Ordnung hielt nun auch ihn. Mit jedem Kind enger. Mit jedem Vollzug stumpfer. Er verharrte vor dem Fels, obwohl die Tiefe gegen den Verschluss drückte, obwohl der Altar unter seiner eigenen Klinge antwortete, obwohl Rhea zu seinen Füßen zusammengebrochen war. Uranos hatte genommen und geschlossen; Kronos tat es wieder. Er hatte nichts gebrochen, sondern es in sein Haus gezogen.
Den Kopf hob Rhea. Ihre Haare klebten an ihrer Schläfe. Erde lag an ihren Knien. Einen Augenblick lang kam kein Ton aus ihr. Sie presste die Finger auf den Stein und sagte gegen den Altar, gegen den Platz, gegen Kronos’ Schweigen: „Hades.“
Der Name hing nicht laut in der Luft, sondern saß fest, als Kronos sie ansah.
Noch immer sagte er nichts.
„Hades“, wiederholte Rhea.
Gaia erkannte, was darin lag: Benennung, keine Bitte und keine Frage. Verlust verschwand nicht in seinem Leib, nur weil er ihn verschlungen hatte. Der Sohn hatte einen Namen. Der fünfte Sohn hatte einen Namen. Rhea setzte ihn vor den Fels, wo Kronos nur sein Gesetz gelten lassen wollte. In Gaia regte sich nichts mehr von dem alten Warten, dass Bitten ihn halten könnten.
Gaia trat zu ihr, nicht weit, nur so wenig, dass sie neben ihr stand.
Sie trat zu ihr, nicht weit, nur so, dass Kronos sehen konnte, auf wessen Seite sie stand.
Später, nicht mehr am Kinderaltar, nicht mehr auf dem offenen Rücken des Othrys, saßen Gaia und ihre Tochter tief unter dem Hang in einer verborgenen Felsenmulde, die nur durch einen schmalen Riss zwischen zwei schwarzen Wänden zu erreichen war. Der Wind kam dort nicht hin. Das Zittern des Platzes lag nicht mehr in den Sohlen. Oben blieben der Fels, der Altar, Kronos’ Schweigen, der Name Hades vor dem Stein. Hier unten waren nur enger Boden, kalter Stein und die Tochter, die noch immer atmete, als müsse sie es gegen Schmerz und Erinnerung erst wieder lernen.
Rhea saß mit angezogenen Beinen an der Wand. Erde klebte an ihrem Gewand. Ihre Hände lagen offen auf ihren Schenkeln. Die Finger zuckten von Zeit zu Zeit, und jedes Zucken begann in den Spitzen, als erinnerten sie sich allein. Kein Wort kam über ihre Lippen. Gaia ließ ihr das Schweigen. Im Eingang der Mulde stand sie und hörte, wie oben fern Geröll nachgab und wieder still wurde.
Sie ging zu Rhea hinüber und hockte sich vor sie.
Rheas Blick hob sich langsam. An Gaias Mund blieb er hängen, nicht an den Augen. „Er wird wiederkommen“, flüsterte sie.
Sie nickte.
„Er wird warten.“ Rhea schluckte trocken. „Nicht auf mich. Auf das Kind.“
„Ja.“
Rhea schloss die Hände. „Er hat Hades genommen.“ Der Name kam ohne Bruch. Fest hielt sie ihn. „Er hat alle genommen. Und er wird das nächste auch nehmen.“
Sie sagte nichts gegen den Satz. Kein Trost hätte ihn kleiner gemacht. Vor ihr lagen der Widerstand in Rheas Kiefer, die Erschöpfung in den Lidern, der Druck, mit dem sie die Hände ineinanderschob, bis die Knöchel hell wurden.
„Ich habe fünf Kinder geboren“, begann Rhea. „Ich habe ihre Namen getragen und fünf Leiber hergegeben. Ich bin zu ihm gegangen. Jedes Mal.“ Ihre Stimme senkte sich. „Ich bin gegangen, obwohl ich wusste, was er tun würde.“
Darin hörte sie keine Bitte um Freispruch. Die Tochter sprach es aus, damit es zwischen ihnen lag.
„Du bist nicht zu ihm gegangen, weil du es wolltest“, erwiderte Gaia.
Sie hob den Kopf schärfer. „Es macht sie nicht lebendig.“
„Nein.“
Wieder schwieg Rhea. Dann fragte sie: „Kann etwas gegen ihn bestehen?“
Sofort antwortete sie. „Offen nicht.“
Rheas Mund spannte sich. Die Antwort traf, weil sie schon in ihr war.
„Dann gibt es nichts.“
„Doch“, entgegnete Gaia. „Nicht offen.“
Jetzt sah Rhea ihr in die Augen.
Gaia setzte sich auf den Boden. Sie nahm eine Handvoll lockere Erde zwischen die Finger und ließ sie wieder fallen. „Er hält sich an seinen Vollzug. Er will den Säugling aus deinen Armen. Er will, dass du ihn bringst. Er nimmt, was man ihm reicht.“
Rhea begriff noch nicht ganz, aber ihr Atem veränderte sich. Er wurde flacher, wacher.
„Wenn du ihm etwas reichst, das er für den Säugling hält“, sagte Gaia, „und der Kleine ist nicht in deinen Armen, dann nimmt er nicht das Neugeborene.“
Rhea sah sie lange an. Keine Bewegung ging durch sie. Sie lachte einmal kurz auf, ohne Laut und ohne Freude, nur aus Unglauben. „Ein Betrug“, murmelte Rhea.
„Ja.“
Rhea presste die Lippen zusammen. „Fünfmal habe ich ihn ihm gegeben.“ Ihre Finger krallten sich in den Stoff auf ihren Knien. „Nicht noch einmal.“
„Ich will, dass das Kind lebt.“
Lange war nur ihr Atem zu hören. Rhea fragte: „Wo soll ich es verbergen? Er lässt mich nicht fern von sich tragen. Nur kurz und nicht unbewacht.“
Gaia legte die Hand auf den Boden zwischen ihnen. „Bei mir.“
Rhea blickte auf die Hand, dann auf den Fels um sie herum.
Gaia drückte die Finger in den Boden. Erst geschah nichts. Ein feiner Riss lief durch die Erdschicht am Rand der Mulde. Er zog sich weiter, langsam, ohne Stoß, ohne Lärm. Kleine Steine kippten in die Spalte. Der Fels hinter Rhea gab ein dumpfes Knacken von sich. Eine schmale Öffnung tat sich in der Wand auf, gerade breit genug für einen Menschen, der sich seitlich hineinzwängte. Dahinter lag Dunkelheit, kühl und tief.
Rhea zog die Beine an den Leib. Ihre Augen gingen zur Öffnung und wieder zu Gaia.
„Wenn die Wehen kommen“, sagte Gaia, „kommst du nicht zum Platz. Du kommst hierher, sobald sie einsetzen. Ich nehme dich auf. Das Kind kommt hier zur Welt. Kein Ruf dringt nach oben, und kein Licht fällt hinaus. Wenn es geboren ist, bleibt es in mir.“
Rheas Brust hob sich und sank wieder.
Rheas Brust hob sich, stockte, senkte sich wieder. Sie saß dicht vor der geöffneten Spalte, als müsse sie prüfen, ob sie wirklich da war. Ihre Finger lagen auf ihrem Gewand, flach, unbewegt. „Und was trage ich ihm hin?“, fragte sie.
Nicht sofort kam eine Antwort. Gaia sah Rhea an, lange genug, dass die Frage zwischen ihnen fest wurde.
„Nicht leere Arme“, sagte Rhea. „Nicht ein verborgenes Tuch. Nicht Schweigen, wenn er mit den Händen nimmt, das Gewicht prüft und darauf wartet, dass ich gebe.“ Ihre Stimme war niedrig, aber fest. „Wenn ich mit nichts vor ihn trete, kennt er den Betrug vor meinem Atem.“
Ein knappes Nicken.
„Ja“, erwiderte Gaia. „Darum reicht das Versteck nicht.“
Sie schloss die Augen. „Sprich es aus.“
Am Eingang der Kammer wandte Gaia sich ab und legte beide Hände an den Fels der Mulde. Sie stand ruhig, breit, den Blick auf das Gestein gerichtet, aus dem Wand und Boden in einem stummen Zug hervorgingen. Ihre Finger drückten sich in den Stein. Erst tat sich nichts. Ein feiner Sprung lief von ihrer rechten Hand aus über die Fläche, bog ab, zog einen Kreis, ungleich, doch geschlossen. Der Fels arbeitete unter dem Druck. Es knackte kurz, trocken. Ein größeres Stück löste sich nicht auf einmal, sondern in kleinen Sätzen, bis es in ihren Händen lag.
Mit Staub an den Handflächen hob sie es heraus.
Das Bruchstück war rund genug, um in Tuch geschlagen zu werden, doch nicht glatt. Sie strich mit dem Daumen über eine Kante, drückte sie ab, brach einen kleinen Vorsprung fort und ließ ihn zu Boden fallen. Vor Rhea hielt sie den Brocken in beiden Händen.
Ihr Blick sank darauf.
Er war schwer. Das sah sie an Gaias Armen, obwohl sie die Last ohne Mühe trug.
„Das wird er nehmen“, meinte Gaia.
Sie rührte sich nicht.
Vor ihr kniete Gaia nieder. Sie setzte den Brocken neben Rheas Bein, legte die Hand an ihren Leib und maß ihn nicht mit Blicken, sondern mit der Fläche ihrer Hand, mit dem Abstand zwischen Hüfte und Nabel, mit der Breite, die unter Tuch verborgen werden konnte. Sie nahm ihn wieder auf, hielt ihn gegen Rheas Bauch, prüfte, senkte ihn, drehte ihn, suchte die Seite, die besser in beide Arme passte.
Sie setzte sich auf die Fersen und legte den Brocken in Rheas Schoß.
Sie fing die Last mit beiden Armen auf. Ihr Oberkörper zuckte nach vorn. Ein kurzer Laut kam aus ihrem Hals, nicht laut, mehr Atem als Stimme. Ihre Arme schlossen sich fester darum, aus Notwendigkeit, nicht aus Willen. Der Stoff ihres Gewandes spannte sich über dem runden Gewicht. Ihre Hände suchten Halt und fanden nur Härte.
Sie blickte nicht zu Gaia auf. Ihre Augen blieben auf dem Gewicht unter dem Tuch.
„Das ist er also“, sagte sie.
„Das ist, was Kronos bekommen wird“, entgegnete Gaia.
Rhea hob den Kopf. „Sag nicht seinen Namen, als wäre dies leicht.“
„Es ist nicht leicht.“
„Nein.“
Stille stand zwischen ihnen. Aus der geöffneten Kammer kam kalte Luft. Irgendwo im Fels löste sich ein kleines Korn und sprang über den Boden.
Rhea strich mit dem Daumen über das Tuch, hinter dem die Rundung lag. „Wenn ich ihn trage“, sagte sie, „dann beginne ich es schon vor der Geburt.“
„Ja“, antwortete Gaia.
Rhea senkte den Blick wieder. „Ich trage dann schon gegen ihn.“
Gaia ließ ihr die Zeit.
„Gegen mein Haus“, sagte Rhea nach einer Weile.
Gaia schwieg.
„Gegen mein Lager.“ Rhea atmete flach. „Gegen den Mann, neben dem ich liege. Gegen das Wort, das ich ihm gegeben habe.“
„Für dein Kind“, sagte Gaia.
Rheas Finger krampften sich in den Stoff. „Beides ist wahr.“
„So ist es.“
Rhea saß lange so. Der Brocken ruhte in ihren Armen, und ihr Körper passte sich ihm an, widerwillig und genau. Schließlich fragte sie: „Wird es mich verraten, dass ich zögere?“
„Vor ihm?“
„Vor ihm.“
„Wenn du zögerst, ja.“
Rhea schloss kurz die Augen. „Dann zögere ich nicht mehr.“
Wieder erhob Gaia sich. „Darum hör jetzt gut zu.“
Rhea öffnete die Augen und sah zu ihr auf.
„Wenn die ersten Wehen kommen, gehst du nicht zu ihm. Du gehst nicht zum Altar, schickst keine Dienerin, rufst keine Schwester und keine Hebamme. Du kommst hierher. Allein, wenn du gehen kannst. Kriech“
„…kriech, wenn du nicht mehr gehen kannst“, wies Gaia sie an.
In der Mulde blieb der Satz stehen.
Fester hielt Rhea den Stein. Die Kante drückte durch den Stoff in ihren Unterarm. Sie veränderte die Lage, bis das Gewicht ruhiger auf ihr lag. Gaia beobachtete jede Bewegung.
„Keiner darf dich sehen, wenn es beginnt“, mahnte Gaia. „Weder dein Lager noch seine Wachen noch die Frauen, die auf deine Schritte achten.“
Rhea nickte nicht sofort. Sie dachte an die Wege am Hang, an die offenen Stellen zwischen den Steinen, an den Platz vor den Kammern, an Augen, die sich hoben, sobald sie vorbeiging. Seit der letzten Geburt bemerkte sie jede Regung um sich herum schneller. Kronos prüfte sie, und alle lernten von ihm.
„Wenn ich fehle, wird man es merken“, sagte sie.
„Du fehlst erst, wenn es schon zu spät ist, dich zurückzuhalten.“
„Und wenn er nach mir ruft?“
„Ihm antwortet niemand mit Wahrheit.“
Den Blick hob Rhea. „Wer lügt für mich?“
„Niemand muss für dich lügen, wenn niemand weiß, wo du bist.“
Näher trat Gaia. Sie zeigte auf den Stein in Rheas Armen.
„Du wirst das Kind zuerst halten. Bevor er oder eine Magd oder eine Schwester es berührt, wirst du es reinigen, einwickeln und mir geben. Du nimmst dies.“
Rheas Daumen strich über den Stoff, unter dem der Fels lag. Sie spürte die Härte sofort wieder, obwohl sie jede Stelle inzwischen kannte.
„Und wenn meine Hände zittern?“
„Du legst sie an deinen Leib, bis sie still sind.“
„Und wenn es schreit?“
Die Alte sah sie an, ohne zu blinzeln. „Kinder schreien.“
Rhea schluckte. „Er kennt den Laut.“
„Er kennt den Laut eines Kindes, das er nimmt. Nicht den eines Kindes, das er nicht sieht.“
Den Kopf senkte Rhea. Ihre Finger hatten sich wieder verkrampft. Sie zwang sie auseinander. Die Hand legte sie flach auf den Stoff. Schwer. Kalt unter der Wärme, die von ihr selbst kam.
„Er wird wiegen“, sagte sie leise.
„Ja.“
„Er wird drücken.“
„Ja.“
„Er wird genauer hinsehen, wenn ich anders aussehe.“
„Ja.“
Nichts an ihrer Stimme wich aus. Sie bot weder Trost noch Aufschub noch Hoffnung, die sich nicht halten ließ.
Rhea hörte ihren eigenen Atem, kurz und zu schnell. Sie zwang ihn tiefer. Vor ihrem inneren Blick standen nicht die Kinder, die sie geboren hatte. Seine Hände kamen zuerst. Immer seine Hände. Der Zugriff, die Prüfung, der kurze Blick, bevor er nahm. Darauf musste ihre Entscheidung antworten. Nicht auf ihr Leid, sondern auf ihn.
„Ich muss ihm den Stein geben, wie ich ihm ein Kind gegeben habe“, brachte sie hervor.
„Ja.“
„Mit denselben Armen.“
„Ja.“
„Mit demselben Ausdruck.“
Nicht sofort antwortete Gaia. Sie erwiderte: „Nein. Nicht mit demselben Gesicht, nicht mit dem Gesicht der Frau, die noch hofft, dass er anders handeln könnte. Damit bist du fertig.“
Langsam hob Rhea den Kopf. In ihrem Hals arbeitete etwas, das nicht zu Worten wurde.
Gaia ging in die Hocke, bis ihr Blick auf gleicher Höhe war.
„Hör mich jetzt genau an“, begann sie. „Wenn du vor ihm stehst, darfst du nicht an das denken, was du trägst: nicht an das Kind, nicht an den Weg hierher, nicht an den Ort. Du denkst nur an das, was er sehen soll: eine Frau, die getan hat, was sie immer tat.“
Rhea starrte sie an.
„Kannst du das?“
Sie wusste nicht, ob sie es konnte. Das Wissen blieb aus, stattdessen kam etwas anderes: Müdigkeit. Zorn. Die Erinnerung daran, wie oft sie schon gegangen war. Wie oft sie schon dort gestanden hatte, wo er sie hinstellte. Wie oft sie nicht gefragt hatte, weil die Frage nichts änderte.
„Ich kann gehen“, sagte Rhea.
Während Gaia wartete, verstand Rhea. Das war nicht die Antwort.
Sie sah auf den Stein. Sie legte beide Arme darum, zog ihn dichter an ihren Leib, bis das Gewicht sie nach vorn zwang, und richtete sich dagegen auf.
„Ich gebe ihn ihm“, murmelte sie.
Ein dumpfer Schlag fuhr durch den Fels.
Leise und nah. Die Mulde zuckte unter ihnen. Staub löste sich aus einer Ritze und fiel auf Rheas Knie. Sie riss den Kopf hoch. Der Stein in ihren Armen glitt, und sie fing ihn noch fester.
Stille folgte. Doch tief unter dem Hang lief etwas nach, ein kurzes Grollen, das wieder verschwand.
Rhea hörte ihren Puls. „Was war das?“
Gaia hatte sich nicht bewegt. Nur ihre Schultern waren hart geworden. Ihr Blick ging für einen Moment an Rhea vorbei, in den Fels hinter ihr, dorthin, wo die Wand dunkel und geschlossen stand.
„Nicht von oben“, sagte Gaia.
Rhea wartete. Ihre Haut war kalt geworden.
„Ich habe es schon gehört“, erwiderte Gaia. „Nicht oft. Aber ich kenne es.“
„Was ist es?“
Gaia schwieg einen Atemzug lang. „Etwas unter ihm hält nicht still.“
Rhea sah ebenfalls zur
Rhea sah ebenfalls zur Wand, obwohl dort nichts zu sehen war als dunkler Fels, harte Linien, eine geschlossene Fläche ohne Spalt, ohne Öffnung. Doch das Drängen eben hatte nicht im Ohr geendet. Es saß noch in ihren Armen, in dem Griff um das Bündel, in den Knien, die den Stoß aufgenommen hatten.
„Unter ihm“, wiederholte sie leise.
Sie nickte nicht. „Unter seinem Sitz. Unter seinem Haus. Unter dem, was er festhalten will.“
Flach ging ihr Atem. „Tartaros.“
Jetzt wandte Gaia den Kopf zu ihr. „Die Fugen reichen weit. Weiter, als er denkt. Man hört nicht jede Regung. Aber manches arbeitet sich nach oben.“
Nichts sagte sie. Das Wort blieb zwischen ihnen. Sie hatte den Ort nie gesehen. Sie kannte ihn nur aus dem, was nicht gesagt wurde, aus Blicken, aus dem Schweigen nach Warnungen, die Kronos nicht gehört hatte. Jetzt stand es in der Mulde und machte den Fels enger.
„Ist es offen?“, fragte sie.
„Nein.“
„Ist etwas losgerissen?“
„Nein.“
„Dann wie?“
Die Erdmutter setzte sich langsam auf den flachen Fels ihr gegenüber. Ihre Hände lagen ruhig auf den Oberschenkeln, doch die Ruhe war gesetzt, nicht leicht. „Gebundene Dinge bewegen sich auch gefesselt. Sie waren nicht frei und bewegten sich doch.“
Mit dem Daumen strich sie über die Tücher, die es umhüllten. Das Gewebe war schon warm von ihrer Haut. „Du hast ihn gewarnt.“
„Ja.“
„Und er hat nicht gehört.“
„Nein.“
Wieder Stille. Draußen am Hang strich Wind über trockenes Gras. Er kam nicht bis in die Mulde. Der Ort blieb still, zu still nach dem Stoß.
Sie hob es ein wenig an und ließ das Gewicht neu in ihre Arme sinken. Es zog sofort an Schultern und Rücken. „Wenn selbst dort unten etwas nicht stillhält, warum sollte er stillhalten?“
Gaia erwiderte sofort. „Er wird nicht stillhalten.“
Das traf sie nicht neu. Es traf nur tiefer. Sie sah auf das Kind in ihren Armen und wusste, dass sie nicht mehr auf einen Zufall wartete, nicht mehr auf Milde, nicht mehr auf ein Zögern in Kronos’ Händen. Fünfmal hatte er genommen. Beim fünften Mal hatte sie noch geglaubt, ihr Nein könne zwischen ihnen stehen bleiben, doch gehalten hatte es nichts. Er hatte Hades genommen wie die anderen. Er hatte nicht einmal den Namen gebraucht.
Sie schloss die Arme fester darum. „Dann gibt es keinen Weg zurück.“
Gaia sah sie lange an. „Du suchst keinen.“
Den Blick hob sie. „Gewiss nicht.“
Ohne Lautstärke sagte sie es, und gerade deshalb blieb es fest, als Gaia den Kopf einmal senkte. „Dann hör mich jetzt genau an.“
Sie richtete sich auf. Es lag schwer gegen ihren Leib. Sie ließ es nicht los.
„Wenn die Wehen kommen, darf keiner dich suchen müssen. Niemand darf merken, dass du fort bist, bis du wieder da bist. Keine Dienerin, keine Schwester, keiner aus seinem Lager.“
„Ich weiß.“
„Du gehst nicht weit, nur weit genug, und ich werde dort sein.“
„Hier?“
„Nicht hier. Weiter westlich. Wo der Pfad schmal wird und der Fels die Sicht nimmt. Dort wartet niemand. Dort hört dich keiner vom Haus.“
Sie nickte. Schon der verschlossene Opferplatz hatte ihr gezeigt, wie nah man an seinem Haus bleiben und doch seinem Blick entgehen konnte.
„Das Kind kommt zuerst in deine Arme“, erwiderte Gaia. „Nicht in meine. Du hältst es und reinigst es, bevor du es einwickelst. Du siehst es an. Du gibst ihm, was nur du ihm geben kannst, bevor du es fortgibst.“
Bei den letzten Worten veränderte sich ihr Mund. Die Regung verging nicht, sondern blieb.
„Und dann?“, fragte sie.
„Dann gibst du es mir.“
Sie sah nicht weg. „Wohin bringst du es?“
„Nach Kreta.“
Das Wort fiel klar, ohne Zögern, ohne Tasten. Sie wiederholte es nicht sofort. Kreta war fern genug. Fern vom Haus, fern von den Augen derer, die Kronos dienten, fern von den Wegen, die man kannte und kontrollierte. Fern auch von ihr.
„Warum dort?“
„Er sucht dort nicht zuerst. Die Berge geben Schutz. Es gibt Menschen, die den Mund halten. Dort kann ein Kind wachsen, ohne seinen Namen zu tragen, bis die Zeit es braucht.“
Sie hob das Bündel nicht mehr. Sie hielt es nur fest. „Bis die Zeit es braucht.“
„Ja.“
Sie sah an Gaia vorbei in den Ausgang der Mulde, wo ein Streifen Licht auf dem Boden lag. Kreta. Das Kind fort. Nicht nur aus Not vor ihm, dachte sie, sondern fern von einer Herrschaft, die nur nahm und verschlang. Nicht für immer offen vor ihr, sondern fort von ihrer Hand, sobald sie es gerade erst in ihr gehabt hatte. Ihr Magen zog sich zusammen. Der Eid, den sie getragen hatte, stand nicht neben dem Plan; er lag mit auf dem Opferstein. Auch ihr Leib würde gegen sie sprechen, sichtbar, sobald die Geburt sie verändert hatte.
„Und ich gehe zurück“, sagte sie.
„Ja.“
Die Antwort kam ohne Schonung.
„Mit ihm.“ Sie blickte auf das Bündel.
„Mit dem Stein.“
Sie schwieg.
Gaia wartete nicht, bis die Härte des Satzes sich gelegt hatte. „Du gehst nicht fliehend. Du gehst nicht leer. Du gehst zu ihm zurück, und du trägst, was er erwartet. Du legst es ihm selbst in die Arme.“
Ihre Finger spannten sich unter dem Tuch. „Ich weiß.“
„Nein“
„Nein“, erwiderte sie. „Du weißt den Satz. Du weißt noch nicht die Tat.“
In der Mulde war es still genug, dass man den Atem beider hören konnte. Den Kopf hob Rhea. Das Tuch über dem Stein lag fest um ihre Unterarme. Sie hielt ihn eng am Leib, unwillkürlich, zu hoch, zu geschützt.
Sofort fiel es Gaia auf. „Nicht so.“
Zu ihren Händen ging Rheas Blick.
„So hält man, was man behalten will“, sagte sie. „So bist du mit ihnen gestanden.“
Mit ihnen, nicht mit dem Kind, nicht mit Hestia, nicht mit Demeter, nicht mit Hera, nicht mit dem Knaben, dessen Namen Rhea im Schweigen selbst gesetzt hatte. Gaia ließ die Namen fort, weil sie sie nicht brauchte.
Langsam senkte Rhea die Arme; der Stein sank mit. Sie ordnete das Gewicht neu. Das Bündel lag nun breiter auf ihren Händen, weniger an ihre Brust gezogen, mehr vor ihr getragen.
„Er sieht zuerst deinen Leib“, sagte Gaia. „Dann deine Arme. Dann das Tuch. Er muss nichts daran finden, das gegen ihn steht.“
Rhea richtete sich auf. „Er wird es nehmen.“
„Ja.“
„Er prüft mit den Händen.“
„Darum der Stein.“
„Er hört auch, wenn nichts sich regt.“
Nicht sofort kam ihre Antwort. Sie trat näher, hob eine Kante des Tuchs an und schlug sie anders um das Tuchpaket, fester, dichter, schwerer über dem Kern. Dann drückte sie es Rhea wieder in die Hände.
„Ein Neugeborenes regt sich nicht immer“, sagte sie. „Nicht in der ersten Müdigkeit, nicht eingewickelt, nicht wenn die Mutter still ist.“
Ohne Trost daraus zu machen, nahm Rhea das auf. Sie sah auf das Bündel hinab und stellte sich den Weg vor: den Hang hinauf, den offenen Boden, den Platz. Kronos wartend oder nicht wartend; es machte keinen Unterschied. Seine Hände. Das kurze Gewicht zwischen ihren Armen und seinen.
Sie streckte das Bündel ein wenig von sich fort.
„Weiter“, wies Gaia an.
Rhea tat es und presste die Zähne aufeinander, als Gaia sagte: „Nicht reichen, um es zurückzuziehen. Gib es.“ Ihre Arme gingen noch ein Stück vor. Der Stein lag nun ganz auf ihren Handflächen. Hätte jemand zugegriffen, wäre nichts mehr zwischen der Last und fremden Händen gewesen.
„So.“ Sie nickte einmal.
Rhea hielt die Stellung, und die Muskeln in ihren Schultern zitterten nicht. Nur ihre Finger wollten sich wieder schließen.
„Du bittest nicht“, sagte Gaia. „Du wartest nicht darauf, dass er fragt. Du trittst vor und reichst es.“
Rhea sah sie an. „Er fragt nie.“
„Eben.“
Ein dumpfer Stoß ging durch den Fels unter ihnen.
Beide schwiegen.
Es war kein Laut von außen. Die Bewegung kam von unten, kurz und hart. Klein genug, dass kein Stein aus der Wand brach, groß genug, dass das Tuch in Rheas Armen leicht verrutschte. Staub löste sich aus einer Ritze und fiel zwischen ihre Füße.
Rhea fing das Bündel fester.
Ihr Kopf drehte sich zur Rückwand der Mulde. Sie stand reglos und wartete auf das Nächste. Ein Atemzug verging, dann noch einer. Nichts folgte.
„Es kommt näher“, sagte Rhea.
„Ja.“
„Aus Tartaros.“
Gaia legte die Hand flach an den Fels, ohne Scheu. „Es war nie fort.“
Rhea stellte das Bündel nicht ab. „Kann es hier herauf?“
„Nicht heute.“ Gaia nahm die Hand wieder weg. „Aber der Stein antwortet schon. Wir haben nicht unbegrenzt Zeit.“
Rhea blickte zu dem Spalt am Ausgang, wo der Streifen Licht noch immer auf dem Boden lag. Dann zurück auf den Stein in ihren Armen. „Dann hör mich jetzt an.“
Sie schwieg.
„Wenn ich das Kind geboren habe und du es nimmst, gehst du in derselben Nacht.“ Rhea sprach langsam, damit nichts von den Worten weich wurde. „Nicht bei Tageslicht, nicht nach einem weiteren Rat, nicht wenn jemand dich ruft. Du gehst.“
„Ich gehe.“
„Nach Kreta.“
„Ja.“
„Nicht in eine andere Höhle, nicht nur weiter den Hang hinab, nicht zu einem Ort, den wir später ändern.“ Ihre Augen gingen nicht von Gaia fort. „Nach Kreta.“
Gaia erwiderte den Blick. „Nach Kreta. Ich wähle den Weg nicht erst dann; ich kenne ihn, seit ich den Verschluss am Opferplatz sah und begriff, wie man etwas lebendig hält, indem man es dem Zugriff entzieht.“
Rhea wartete noch.
Gaia verstand. „Ich trage es selbst, wenn ich tragen kann. Wenn andere Hände nötig sind, wähle ich sie. Aber ich gebe es nicht zurück, weder an dein Haus noch an seines, an niemanden, der vor ihm kniet.“
Erst jetzt atmete Rhea tiefer, nicht ruhig, nur tiefer.
„Gut“, erwiderte sie.
Gaia deutete auf das Bündel. „Noch einmal.“
Rhea setzte die Füße neu. Die Mulde war eng; dennoch fand sie den Platz, den ein offener Ort später verlangen würde. Ein Schritt, stehen, Arme vor, ohne zu schützen. Nicht wiegen. Nicht anheben im letzten Augenblick. Geben.
Sie führte die Bewegung aus.
„Noch einmal“, forderte Gaia.
Rhea wiederholte sie.
Beim dritten Mal sprach Gaia in den Ablauf hinein, kalt und genau. „Das Kind kommt. Du hältst es, niemand vor mir nimmt es dir ab. Du gibst es mir. Ich“
„Geh. Du bleibst nicht lange fort. Du kommst zurück. Du nimmst dies.“ Die Ältere legte ihr das Bündel wieder in die Arme. „So. Locker genug. Tief genug. Nicht mit den Händen darunter, als müsstest du etwas stützen.“
Eine Spur hob Rhea die Unterarme an.
„Nein.“ Dicht trat sie an Rhea heran, schob ihr den rechten Ellenbogen nach außen, senkte die linke Schulter. „Du trägst, was du hergibst. Nicht, was du retten willst.“
Still hielt Rhea, bis Gaia die Hände zurücknahm.
„Noch einmal.“
Einen Schritt setzte sie, blieb stehen, streckte die Arme vor und gab das Bündel frei.
Sie nickte nicht. „Wenn er es dir aus den Händen nimmt, hältst du nicht fest.“
Auf den eingewickelten Stein fiel Rheas Blick.
„Wenn du festhältst, merkt er es“, sagte Gaia.
„Ich weiß.“
„Sag es.“
Den Blick hob sie. „Ich halte nicht fest.“
Gaia wartete.
„Auch nicht im letzten Augenblick.“
Erst dann wich sie einen halben Schritt zurück. Für einen Moment war es still in der Mulde. Über ihnen strich Wind über den Hang. Unter dem Gestein lag ein dumpfer Zug, nicht laut, aber da. Rhea kannte ihn inzwischen. Sobald sie ihn hörte, stockte ihr der Atem.
Auch Gaia hörte ihn. An ihrem Gesicht war das nicht zu sehen. Sie legte nur die Hand flach an den Stein neben sich, als prüfe sie etwas, das sich längst entschieden hatte.
Noch etwas lag ihr auf der Zunge, kein weiterer Satz über Kreta, über den Weg, über die Nacht, über den Morgen danach. Das Bündel lag noch in ihren Armen, und ihre Finger lösten sich davon, einen nach dem anderen. Stattdessen presste sich Schmerz tief in ihren Leib. Er brach ohne Vorwarnung herein und nahm ihr die Knie.
Gaia erreichte sie, bevor sie fiel. „Jetzt.“
Nach dem Fels griff sie. Der zweite Schmerz saß schon dahinter. Sie bekam den Mund auf, aber der Atem ging unregelmäßig.
„Nicht oben bleiben.“ Tiefer in die Mulde führte Gaia sie. „Niemand darf dich sehen.“
„Noch nicht“, brachte Rhea hervor. „Es ist noch—“
Der Schmerz nahm den Satz.
Gaia hob die Hand gegen die Felswand. Ein schmaler Spalt, den Rhea zuvor nur als Schatten gesehen hatte, öffnete sich. Kühle Luft strömte heraus; dahinter lag kein Licht. Gaia zog Rhea hinein.
Der Gang war eng. Mit Schulter und Hüfte streifte Rhea an Stein. Gaia hielt sie am Unterarm, sicher, ohne Zögern. Hinter ihnen schloss sich der Fels.
Rhea hörte ihren eigenen Atem und das Schleifen ihrer Schritte. Das Ziehen in ihrem Leib ließ nach, ließ sie zwei Schritte machen, kehrte zurück und trieb sie gegen die Wand. Gaia hielt sie aufrecht, bis es nachließ, und führte sie weiter.
Der Raum dahinter war niedrig und geschlossen, der Boden trocken. Gaia brachte sie hinunter auf die Knie, sodass Rhea sich auf beide Hände stützte. Ihr Haar fiel ihr vor das Gesicht. Sie strich es fort. Schon der nächste Schmerz trieb sie nach vorn.
Knapp sprach Gaia: wann atmen, wann nicht pressen, wann warten. Rhea hörte nicht jedes Wort. Sie hielt sich an die Stimme. Mehr war nicht da, woran sie sich halten konnte.
Zwischen den Wehen blieb Zeit genug für Furcht. Sie saß nah, praktisch. Oben auf dem Hang konnte jemand nach ihr suchen. Im Haus mochte jemand fragen. Kronos mochte sie rufen lassen. Und wenn Gaia zu spät ging, wenn sie selbst zu lange brauchte, wenn das Kind schrie, wenn der Weg nicht frei war—
„Hier.“ Gaias Hand kam an ihr Kinn. „Sieh mich an.“
Den Blick hob sie.
„Nicht dorthin.“ Gaia meinte weder den Gang noch den verschlossenen Fels, nicht Othrys. „Hier.“
Rhea nickte.
Nun blieb keine Zeit mehr für anderes. Der Leib arbeitete. Gaia nahm ihr die Gewänder fort, soweit es nötig war, hielt sie, drehte sie, drückte ihre Hand gegen den Stein, wenn der Schmerz sie aus der Haltung brachte. Rhea biss die Zähne aufeinander. Einmal schrie sie doch auf. Gaia dämpfte es mit der flachen Hand an ihrem Nacken und einem kurzen „Leiser“.
Rhea gehorchte. Später hätte sie nicht sagen können, wann der Übergang kam. Nur dass Gaia anders sprach, tiefer, schneller. Jetzt. Noch einmal. Noch einmal.
Rhea presste.
Der Schmerz riss auf und ging zugleich aus ihr heraus. Ein kleiner, nasser Laut folgte. Ohne Echo blieb nur dieser Laut.
Gaia fing das Kind auf.
Sofort wandte Rhea sich herum, obwohl ihr die Kraft wegbrach. „Gib es mir.“
Einen Augenblick lang prüfte Gaia etwas an dem Neugeborenen, dann legte sie es ihr in die Arme.
Es war warm. Schwerer, als Rhea in diesem ersten Moment erwartet hatte. Es bewegte sich, während der Mund sich öffnete. Die Stimme klang klein und da.
Rhea sah das Gesicht, ohne es ganz zu fassen. Stirn und geschlossene Lider. Feuchte Haut. Eine Hand, die sich öffnete und wieder schloss. Sie zog das Kind an sich.
Gaia ließ es ihr für diesen einen Atemzug.
„Rhea.“
Sie hörte den Namen und wusste, dass …
Sie hörte den Namen und wusste, dass dieser Atemzug der einzige blieb.
Die Alte hielt bereits die Tücher bereit. „Jetzt.“
In Rheas Armen suchte das Kind blind mit dem Mund, die Lider geschlossen, die kleine Hand wieder offen, wieder zu. Sie strich mit dem Daumen über die feuchte Stirn. Ihr Körper wollte es fester an sich ziehen. Die Alte trat näher.
„Jetzt, Rhea.“
Ein wenig hob sie das Kind, damit sie sein Gesicht noch einmal sehen konnte. Ihre Kehle war trocken. Sie beugte den Kopf und sagte leise, nur für diesen einen kleinen Leib: „Zeus.“
Der Name hing im Raum und blieb dort. Gaia sagte nichts dazu. Sie nahm das Kind nicht mit Zärtlichkeit, nicht hart, nur sicher. Ihre Hände glitten unter die Decken, fanden Halt, hoben ihn aus Rheas Armen, bevor Rheas Finger sich von selbst wieder schließen konnten.
In dem Augenblick, in dem das Gewicht fort war, ging ein Zug durch Rheas Leib. Die Leere traf sie tiefer als der Schmerz. Ihre Arme blieben noch einen Schlag lang in derselben Haltung, als hielten sie ihn immer noch.
Gaia drehte sich bereits zum schmalen Spalt. „Die Tücher.“
Neben ihr lag das Bündel, das sie vorbereitet hatte: dieselben Tücher, dieselbe Wicklung. Der Stein darin war verborgen und doch sofort da für die Hand, die wusste, was sie trug, als Rhea danach griff.
„An den Leib. Trag es.“
Es drückte schwer und stumm. Ihr Körper kannte den Unterschied sofort und wollte ihn verbergen, indem er fester zugriff. Gaia merkte es.
„Lockerer.“
Rhea zwang die Finger auf. Der Stein lag in den Tüchern und gab nichts zurück, weder Zucken noch Suchen, keine Wärme, die eigener Wille war. Nur Gewicht.
Zeus steckte schon tiefer in den Tüchern. Nur ein kleiner Teil seines Gesichts war noch sichtbar. Sein Mund bewegte sich. Gaia deckte auch das zu.
„Heute Nacht nach Kreta“, sagte sie knapp.
Rhea nickte, aber das Wort Kreta hatte keinen Halt in ihr. Es war nur der Ort, an den ihr Sohn fortging, während sie zurückmusste.
Unter ihren Füßen ging ein dumpfer Stoß durch den Fels.
Die Kammer antwortete nicht mit Echo. Der Schlag kam von unten, aus der Tiefe, kurz und schwer, und aus einer feinen Ritze rieselte Staub, während Zeus sich unter den Tüchern regte. Die Alte fasste ihn fester.
„Keine Zeit mehr.“ Sie trat rückwärts in den Spalt. „Geh.“
Ein Schritt trug Rhea auf sie zu. Nicht bewusst. Ihr leerer Arm wollte zurück, ihr Blick hielt sich an der Stelle fest, an der das Kind eben noch sichtbar gewesen war.
Gaia schnitt die Bewegung ab. „Nein.“
Rhea verharrte. Einen Herzschlag lang begegneten sich ihre Blicke. Gaia sagte nichts Tröstendes. Ihre Miene ließ keinen Aufschub zu. Dann zog sie sich in den engen Durchgang zurück. Das Tuch verschwand. Der kleine Leib verschwand. Noch ein Schritt, und auch sie war im Fels.
Rhea blieb allein mit dem eingewickelten Stein in den Armen.
Sie schloss die Lider nur einmal, kurz. Als sie sie wieder öffnete, zog sie den Stein höher an die Brust. Zwischen ihren Zähnen stand ein schmaler Atem. Zwischen den Beinen lief noch warmes Blut. Der Leib zitterte von der Anstrengung. Sie richtete sich auf und ging.
Vertraut war ihr der Weg zum Opferplatz. Gerade deshalb musste sie jeden Schritt bewusst setzen. Der Fels unter ihr war uneben, die Nacht kalt auf der feuchten Haut. Sie zwang sich zu einem Maß, das nicht nach Eile aussah. Ohne Rennen, ohne Taumeln, ohne zur Wicklung hinabzusehen, ging sie weiter.
Wieder kam ein fernes Dröhnen von unten, tiefer diesmal, mehr gespürt als gehört. Rhea hielt den Schritt. Sie dachte nicht an das, was unter dem Berg lag. Sie dachte nur an Kronos’ Hände.
Sie ging weiter.
Als der Opferplatz vor ihr lag, wartete er schon dort.
Kronos stand im offenen Dunkel beim Altar. Breit, unbewegt, ohne Begleitung. Er musste nicht fragen, warum sie fort gewesen war. Er musste nichts rufen. Seine Gegenwart reichte. Das war immer so gewesen.
Rhea trat aus dem Felsgang auf den freien Platz. Die Nachtluft war hier schärfer. Der Stein des Altars
Hell hob es sich gegen das Dunkel der Umgebung ab, glatt an den Kanten, leer.
Kronos sah auf das Tuch in ihren Armen. Sein Blick glitt weder zu ihrem Gesicht noch zu dem Blut an ihren Beinen oder zu der Stelle hinter ihr, aus der sie gekommen war. Er sah nur auf das, was sie trug.
In der gewohnten Entfernung verharrte sie, nah genug, dass er keinen Schritt zu ihr tun musste. Gaia hatte ihr gesagt, wo sie stehen musste, wie der Arm unter dem Gewicht liegen sollte, wie hoch das Bündel an ihrer Brust ruhen durfte, locker genug für Gleichgültigkeit, ohne es sinken zu lassen. Kein Schützen, kein Wiegen.
Durch das Tuch drückte der Stein hart gegen ihre Unterarme. Das Gewicht war richtig. Gerade das machte ihn gefährlich. Jeder Teil von ihr wusste, dass sie anders stand als in den Nächten davor. Jetzt durfte nichts von dieser Bewegung sichtbar sein, weder in der Schulter noch in der Hand noch im Blick.
Kronos wartete einen Atemzug lang, als gehöre auch dieses Schweigen zum Vollzug. Dann sagte er: „Gib mir den Sohn.“
Den Namen sprach Kronos nicht aus, und doch traf sie das Wort Sohn, während Rhea das Bündel nicht höher hob. Sie trat nicht zurück. Sie sagte nichts. Ihre Finger lockerten sich unter dem Tuch.
Er kam auf sie zu.
Jeder Schritt von ihm war ihr vertraut, gleichmäßig und ohne Zögern. So war er immer gegangen, wenn er nahm, was ihm gehörte. Am Altar blieb er nicht stehen. Er trat bis dicht vor sie hin. Jetzt hob er den Blick doch in ihr Gesicht.
Still hielt sie, während er auf Widerstand achtete. Dieser Versuch durfte nicht kommen. Wenn sie das Bündel im letzten Augenblick an sich riss, war Zeus verloren. Wenn sie auch nur so aussah, als wolle sie es tun, konnte Zeus verloren sein.
Kronos streckte die Hände aus.
Der erste Impuls fuhr ihr in die Schultern. Kein Gedanke, nur der Leib, dessen Muskeln sich schließen wollten. Gaia hatte recht gehabt: Der Verrat begann nicht im Wort, sondern im Halten, während Rhea die Schultern tief hielt. Sie ließ die Arme nicht enger werden. Sie gab das Gewicht frei.
Kronos nahm das Bündel.
Für einen einzigen Schlag ihres Herzens lag das Bündel zwischen ihnen, von ihren Händen schon gelöst und von seinen noch nicht ganz an den eigenen Leib gezogen. Es war bei ihm, und die Leere in ihren Armen kam sofort.
So war es jedes Mal gewesen. Der Körper erinnerte sich schneller als der Verstand, während Rhea nichts tat und ihre Hände offen an den Seiten blieben, die Finger einmal zuckten und still wurden.
Kronos senkte nicht den Kopf, um die Wicklung zu prüfen. Er kannte den Vorgang. Er kannte das Gewicht eines Neugeborenen nur aus diesen Nächten, und genau darauf hatte Gaia gebaut. Die Geste war ihm längst Gesetz geworden; was in seine Hände kam, prüfte er nicht mehr. In seinen Händen lag der Stein durch das Tuch wie Fleisch.
Rhea sah auf seinen Mund und hasste sich im selben Augenblick dafür. Sie durfte nicht hassen, nicht hier, nicht so, dass es ihr Gesicht veränderte. Sie hob den Blick auf seine Stirn, auf die unbewegte Fläche über den Augen.
„So steht das Gesetz“, sagte Kronos.
Er sprach nicht zu ihr allein. Er sprach in den Platz hinein, zum Altar, zur Nacht, in die Tiefe unter dem Stein. In seiner Stimme lag kein Zweifel. Nur die alte Härte, die alles in Ordnung verwandelte, was er tat.
Er hob das Bündel an, wobei das Tuch geschlossen blieb. Die Wicklung öffnete sich nicht. Der Stein verschwand in der Faltung seiner Arme, vor seinem Mund, an seinem Hals. Rhea sah die Bewegung des Schluckens, einmal, noch einmal. Es dauerte länger als bei den Kindern. Nur wenig. Genug, dass ihr Blut stockte und der Staub trocken auf ihrer Zunge lag.
Dann war das Bündel fort, und Kronos’ Brust hob sich schwer. Ein kurzer Zug ging durch seinen Hals. Er senkte die Hände.
Im selben Augenblick setzte der Stoß ein.
Zuerst blieb er dumpf. Der Altar sprang unter einem Schlag im Boden an. Der Platz fuhr Rhea durch die Füße in die Knie. Der Stein unter ihnen erzitterte, hart und kurz, dann noch einmal tiefer, länger. Aus den Fugen des Altars rieselte Staub. Am Rand der Mulde klirrte loses Gestein gegeneinander.
Rhea fing sich, bevor sie fiel. Ihr erster Blick fiel auf Kronos.
Er stand breit auf den Beinen und nahm das Beben an, ohne zurückzuweichen. Seine Hände hatten sich geöffnet, nicht aus Schrecken, eher aus Empfang. Der Stoß lief durch ihn hindurch, und sein Gesicht veränderte sich. Nicht aus Furcht. In Gewissheit.
Die Tiefe hielt noch einen Atemzug lang nach. Dann lag der Platz wieder still.
Langsam hob er das Kinn. Sein Blick glitt über den Altar hinweg in das Dunkel, das den Opferplatz umschloss. Für einen Schlag lang stand Rhea mit leeren Armen vor ihm und begriff, dass ihr Leib noch zitterte, während Zeus atmete. Er