PANATHINAIA

    Alexia Michailidou · Band 1

    PANATHINAIA

    Κεφάλαιο 5 από 13

    Κεφάλαιο 5

    Schilde gegen den Schrei

    Dann blieb das Ufer hinter ihnen zurück. Das Wasser spannte sich zwischen dem schmalen Saum der Flucht und dem Fels des Ida. Rhea stand nicht mehr vor Kronos, sondern auf Kreta, in einer Öffnung zwischen Stein und Schatten, und das Kind fehlte an ihrer Seite.

    Der Weg vom Boot herauf hatte ihre Beine leer gemacht. Salz trocknete auf ihrer Haut. Ihr Gewand klebte an den Knien. Niemand hatte mit ihr gesprochen, seit sie ausgestiegen waren. Die Männer schritten voran, Gaia unter ihnen, und Zeus ruhte weiter in ihren Armen, fest eingewickelt, nur das Gesicht frei. Rhea hatte ihn auf dem ganzen Anstieg nur einmal sehen können, als Gaia den Griff veränderte; danach hörte sie ihn nur noch.

    Jetzt trug die Höhle den Laut zurück. Jeder kurze Schrei blieb nicht klein. Er lief gegen den Stein und kam wieder. Rhea hob den Kopf, noch bevor Zeus wieder Luft holte. Sie wusste schon an der Pause, wann es kam. Hinter ihr lag noch das Meer in den Ohren. Ihr Atem ging flach, als lausche sie weiter auf Rufe vom Ufer.

    Die Trägerin blieb stehen.

    Die Kureten, sechs Männer mit Schilden und Speeren, hielten ebenfalls an. Als Letzter war der Älteste eingetreten und stand nun dicht am Eingang. Er blickte nach draußen, nicht hinein. Zwei der Jüngeren wandten sich sofort zu ihr. Ein dritter blickte auf das Kind und dann rasch fort, mit dem Gesicht eines Mannes, der nicht wusste, wohin er sehen sollte.

    Wenige Schritte hinter Gaia war Rhea stehen geblieben. Sie wollte näher, aber sie tat es nicht. Die Erdmutter hatte sie am Ufer nicht gelassen und würde sie auch hier nicht lassen. Das wusste sie jetzt. Nicht aus Härte gegen sie, gegen alles, was von ihr zu dem Kind zurückwollte.

    Zeus schrie wieder, kurz, scharf, ohne Kraft zu verlieren. Rhea zog die Hände an den Leib, während ihr Mund sich öffnete. Sie brachte kein Wort hervor.

    Gaia drehte sich halb zu den Männern. „So geht es nicht.“

    Niemand antwortete sofort. Fern unter dem Fels rauschte das Meer, und der Atem der Männer ging noch vom Anstieg.

    Ein anderer, breiter in den Schultern als die übrigen, setzte den unteren Schildrand auf den Boden.

    Zeus schrie ein drittes Mal, länger diesmal. Rhea zuckte zusammen, machte einen Schritt vor und blieb stehen, weil Gaia den Arm hob, ohne sie anzusehen.

    Am Eingang trat der Älteste einen Schritt tiefer in die Höhle. „Nenn, was du willst.“

    Gaia antwortete nicht gleich. Sie sah auf Zeus hinab. Er wand sich in den Tüchern, das Gesicht rot vom Schreien, die kleinen Finger offen, dann wieder zu Fäusten geballt. Erst dann hob sie den Blick, und einer der Männer stieß leise Luft aus.

    „Wenn er schreit, müsst ihr es übertönen.“

    Dieser Satz blieb in der Höhle stehen.

    Sofort hob der breite Kuret den Kopf. „Mit was?“

    Gaia blickte auf die Schilde in ihren Händen.

    Jetzt verstanden sie.

    Der Jüngere, der zuerst gesprochen hatte, stieß hervor: „Nein.“

    Es war nicht laut, aber schnell. Zu schnell, um noch zurückgenommen zu werden, und alle sahen ihn an. Er senkte den Blick nicht. „Der erste Schlag hört sich weiter an als ein Kind. Wenn hier bisher niemand sucht, dann sucht er nach dem ersten Schlag.“

    Rhea dachte den Namen sofort. Obwohl Kronos nicht hier war, war er gerade deshalb überall in ihr. Im Wasser am Ufer. Im zerrissenen Stoff um den Stein. In seinem Blick, als er verstanden hatte. In dem Satz, den er von ihr verlangt hatte und den sie ihm nicht gegeben hatte.

    Als Gaia einmal nickte, runzelte der junge Mann die Stirn. Er hatte Widerspruch erwartet, nicht Zustimmung.

    Gaia sprach weiter. „Er sucht schon.“

    Die Männer schwiegen.

    „Er hat den Stein gesehen“, erwiderte Gaia. „Er hat das leere Bündel in der Hand gehabt. Er hat das Kind am Ufer gesehen. Er hat gesehen, dass sie es mir gibt.“ Sie meinte Rhea, ohne den Kopf zu ihr zu wenden. „Er weiß genug.“

    Rhea merkte, wie ihre Nägel in ihre Handflächen gingen. Das Wissen stand nun offen zwischen ihnen. Gaia, Kronos und sie trugen es; jetzt lastete es auch auf diesen Männern. Es ließ sich nicht mehr zurücknehmen, als der breite Kuret zu Rhea sah. Sein Blick prüfte nur, ob es stimmte. Rhea hielt ihn nicht lange. Sie sagte nichts. Sie musste nichts sagen. Ihr Schweigen war Zustimmung. Ihr Dastehen, leerhändig, war Zustimmung. Dass Zeus nicht in ihren Armen lag, war Zustimmung.

    Der Älteste trat noch einen

    Der Älteste trat noch einen Schritt vor, bis er zwischen dem Jüngeren und Gaia stand. Er maß keinen Mann an Größe, aber niemand drängte sich an ihm vorbei. Sein Blick glitt erst zu Gaia, dann zu Rhea. Einen Augenblick blieb er an ihren leeren Armen hängen. Danach wandte er sich zu den anderen.

    „Wenn er das Kind gesehen hat, ist es kein Versteck mehr“, entgegnete er.

    Der Jüngere hob das Kinn. „Gerade dann.“

    „Nein.“

    Das eine Wort fiel ruhig. Es klang nicht hart, doch der Widerspruch endete darin. Der Älteste streckte die Hand nach dem Schild des Jüngeren aus, berührte ihn nicht, hielt nur die offene Hand davor.

    „Gerade dann bleiben wir.“

    Niemand antwortete sofort. Zeus schrie wieder, kurz, scharf, ohne Pause dazwischen. Jetzt trug die Höhle den Laut zurück. Jeder kurze Schrei blieb nicht klein. Er lief gegen den Stein und kam wieder. Das Geräusch traf Rhea doppelt, einmal von dort, wo Gaia mit dem Kind stand, einmal aus dem Fels.

    Verzog der Jüngere das Gesicht, wirkte er noch jünger. „Und wir machen mehr daraus.“

    „Wir machen etwas anderes daraus“, gab der Älteste zurück.

    „Krach bleibt Krach.“

    „Nicht jeder Lärm sagt dasselbe.“

    Vor Rhea schlossen sich die Finger des jungen Mannes fester um den Schildrand. Feige wirkte er nicht. Gerade deshalb widersprach er noch. Er wollte wissen, ob sie alle verstanden, was sie taten, ob sie nicht nur aus Eile gehorchten.

    Gaia hatte sich nicht bewegt. Sie hielt das Kind noch immer, ohne zu schwanken, ohne zu reden. Ihr Blick strich über die Männer, einen nach dem anderen. Die Mutter stand etwas hinter ihr und konnte Zeus nicht sehen. Nur den Rand des Tuchs. Nur Gaias Arm. Nur manchmal das Zucken des Stoffes, wenn das Kind den Körper spannte und wieder Luft holte.

    Rhea trat vor.

    Nur ein Schritt, aber mehrere Köpfe wandten sich zu ihr. Auch Gaia sah nicht her. Gerade das machte es schwerer. In Rheas Brüsten zog es schmerzhaft, im Leib ebenso, und ihre Arme blieben leer. Sie stellte sich neben den Ältesten, nicht ganz auf seine Höhe.

    „Er hat es gesehen“, brachte sie hervor.

    Die Worte kamen rau, weil sie lange nicht gesprochen hatte. Zeus schrie wieder dazwischen. Rhea wartete nicht, bis der Laut verklungen war.

    „Am Wasser. Gaia mit dem Kind. Die Männer. Mich ohne das Kleine.“ Sie musterte den Jüngeren. „Er hat den Stein aufgehoben. Den Stoff geöffnet. Er weiß, dass ich ihn getäuscht habe.“

    Niemand unterbrach sie.

    „Wenn ich gehe, führt meine Spur ihn zurück. Wenn ich das Kind nehme, führe ich ihn selbst zu ihm. Wenn ihr geht, bleibt nur sein Schreien.“ Sie holte flach Luft. Salz lag ihr noch auf den Lippen. „Und niemand trägt ihn über diese Schwelle, außer Gaia oder mir.“

    Ihre Hände standen offen. Die Nägel hatten rote Male in die Haut gedrückt. Sie schloss die Finger nicht.

    Der Jüngere hielt ihrem Blick stand, doch nicht lange. Sein Blick glitt an ihr vorbei in die Höhle, dorthin, wo der Laut herkam. „Und wenn der Schlag ihn schneller bringt?“

    „Dann kommt er schneller zu Männern mit Schilden“, erwiderte der Älteste.

    Das war kein Trost. Es klang nicht tapfer, nur wie eine Feststellung. Gerade deshalb wurde es still danach, während Wasser irgendwo im Fels tropfte. Ein Tropfen, dann nichts. Dann Zeus. Diesmal länger. Der Laut fuhr ihr durch den Körper. Sie bewegte sich nicht. Gaia hatte ihr das Kind genommen, weil es keine andere Möglichkeit gegeben hatte. Rhea wusste das. Wissen half nicht gegen den nächsten Schrei.

    Mit einem dumpfen Schlag stellte der breite Kuret seinen Schild auf den Boden und legte beide Hände oben auf den Rand. „Wenn wir bleiben, bleiben wir nicht nur bis zum Morgen.“

    Der Älteste nickte. „Nein.“

    „Dann gibt es kein Zurück, sobald wir anfangen.“

    „Nein.“

    Der Mann sah zu Gaia. „Und du verlangst das.“

    Gaia antwortete ohne Zögern. „Ja.“

    Mehr sagte sie nicht. Sie bat nicht. Sie erklärte nicht weiter. Rhea bemerkte, wie diese Kürze die Männer anders traf als jedes Drängen. Gaia legte ihnen nichts vor, das man abwägen konnte. Sie stellte die Sache hin, und jeder musste sich dazu verhalten.

    Rhea hob die Hand an die Brust, drückte sie gegen den nassen Stoff und nahm sie wieder herunter. „Nicht nur ihr“, sagte sie. „Wenn einer den Weg nach draußen nimmt, bin ich es. Wenn einer die Spur verwischt, bin ich es. Aber das Kind bleibt hier.“

    Mit dem Daumen strich der Jüngere über den Griff seines Schwerts, dann über den Schildriemen. Er blieb der Letzte, der noch nicht nachgegeben hatte, und wusste es. „Wenn Kronos kommt, hält ihn das nicht auf.“

    „Vielleicht nicht“, antwortete Gaia.

    „Dann sterben

    „Dann sterben wir hier nicht mehr für Lärm.“

    Niemand sprach sofort. Das Wort blieb im Raum, hart und ohne Scham. Der Jüngere senkte den Blick nicht. Er wollte keine Tapferkeit zeigen, sondern eine Antwort, die trug.

    Zeus schrie wieder.

    Jetzt trug die Höhle den Laut zurück. Jeder kurze Schrei blieb nicht klein. Er lief gegen den Stein und kam wieder. Rhea hielt die Hände fest ineinander, bis die Finger schmerzten. Vor ihr spannte sich das Tuch an Gaias Armen; ein kleiner bloßer Unterarm trat hervor und verschwand wieder. Das genügte. Mehr brauchte ihr Körper nicht, um auf den Laut zu antworten. Einen halben Schritt machte sie vor, ehe sie sich hielt.

    Vor Rhea wandte der breite Kuret den Kopf zu ihr. Der Älteste folgte seinem Blick. Auch der Jüngere sah sie jetzt an.

    Rhea wusste, was sie von ihr hören wollten: weder Trost noch Hoffnung, sondern das, was sie selbst gesehen hatte.

    „Er hat es erkannt“, sagte sie.

    Ihre Stimme war nicht laut. In der Höhle brauchte sie das nicht.

    „Am Wasser.“ Sie hob das Kinn ein wenig, damit die Worte nicht im Hals stecken blieben. „Er hat das Bündel in den Händen gehabt. Er hat gesehen, dass es nicht das Kind war.“

    Mit verzogenem Mund stand der Jüngere da, nicht aus Zweifel, sondern weil das letzte Stück Ausflucht damit fiel.

    Bevor jemand dazwischenkam, fuhr Rhea fort. „Er fragte nach Zeus, nicht nach dem Bündel.“ Keinen der Männer sah sie lange an. „Wenn ihr den Ort wechselt, sucht er weiter. Wenn ihr schweigt, sucht er weiter. Wenn ich fortgehe, führt meine Spur ihn. Wenn ich bleibe, hält ihn das auch nicht fern.“

    Gaia rührte sich nicht. Das Kind an ihren Armen schrie in diesem Augenblick nicht. Gerade diese kurze Pause machte die Worte schwerer.

    „Es gibt kein Verstecken mehr“, sagte Rhea. „Wenn ihr bleibt, verbergt ihr kein Kind. Ihr stellt euch gegen ihn.“

    Irgendwo hinten in der Höhle fiel wieder ein Tropfen. Noch einer folgte.

    Nicht feierlich, nur entschieden, legte der Älteste die Hand an den Rand seines Schildes. „Das musste gesagt werden.“

    Einmal nickte der breite Kuret. „Jetzt ist es gesagt.“

    Der Jüngere stieß Luft aus und strich sich mit dem Daumen über die Unterlippe. „Und wenn er schon auf dem Weg ist?“

    „Er ist schon auf dem Weg“, erwiderte Gaia.

    Er sah scharf zu ihr hin. „Das genügt mir nicht.“

    „Doch“, sagte sie. „Nur gibt es dir keinen Ausweg.“

    An seinem Gesicht zog sich der Satz fest. Gaia drückte ihn nicht nieder. Sie nahm ihm nur nichts, was er wirklich noch besaß. Der Ausweg, vorher schon schmal, schloss sich mit Zeus’ Schrei.

    Das Kind setzte wieder ein. Diesmal riss der Laut sofort durch die ganze Höhle. Kurz, hoch, dann noch einmal, länger. Einer der Männer zuckte unwillkürlich mit der Schulter. Der breite Kuret griff fester an seinen Schildrand. Der Jüngere fluchte leise.

    Gaia hob das Kind etwas höher, dicht an ihre Brust. Sie wiegte es nicht. Sie stand fest und wartete, bis der zweite Schrei abgeebbt war. Dann sprach sie.

    „Hört genau zu.“

    Die Männer wurden still.

    „Kronos hat gesehen, was geschehen ist. Kein Gerücht, kein Verdacht. Er hat es gesehen. Wer jetzt bleibt, bleibt nicht für eine Nacht. Wer jetzt den Schild hebt, hebt ihn gegen Kronos.“

    Niemand unterbrach sie.

    „Ich verlange nicht, dass einer von euch sich irrtümlich bindet. Darum sage ich es offen. Der erste Schlag ist kein Trick gegen das Schreien. Er ist euer Wort. Es gibt kein Zurück in sein Haus, nicht in seinen Frieden, nicht in seine Gnade.“

    Bei dem Wort Haus zog sich Rheas Brust hart zusammen. Nicht im Feind, nicht in der Tiefe, nicht draußen: im eigenen Haus. Sie sagte nichts. Sie musste nichts hinzufügen. Es stand zwischen ihnen, ohne ausgesprochen zu werden.

    Als Erster antwortete der Älteste. „Dann soll es so benannt sein.“

    Der breite Kuret hob den Kopf wieder und stellte die Füße fester. „Ich bin nicht heraufgekommen, um beim letzten Schritt fortzulaufen.“

    Wieder schrie Zeus. Kürzer diesmal, aber nah genug an Rhea, dass sie die Nägel in die eigene Haut trieb. Vor ihr spannte sich das Tuch an Gaias Arm. Sie blieb stehen. Sie trat nicht hin. Gaia hatte ihr das Kind genommen, weil es keine andere Möglichkeit gegeben hatte. Weil Kronos ihre Nähe nicht finden durfte, stand diese Wahrheit fest. Der Schrei machte sie nicht kleiner.

    Der Jüngere hörte auf, am Schwertgriff zu tasten.

    Seine Hand blieb offen an der Hüfte liegen. Nicht zu Gaia, nicht zum Ältesten sah er, sondern auf den Schild, der an der Wand lehnte. Wie sein Kiefer einmal arbeitete, bemerkte Rhea. Dann trat er einen Schritt hin, nahm den Schild am Rand und hob ihn vom Boden.

    Das Leder am Griff knarrte.

    Niemand sprach.

    Er hielt den Schild zuerst nur vor sich, nicht hoch, nicht zum Schlag bereit. Sein Blick ging zu dem Kind in Gaias Armen. Zeus schrie wieder, heiser nun, aber nicht schwächer. Der Laut füllte die Höhle und blieb nirgends hängen; er schnitt zwischen allen, roh und nicht zu überhören.

    Höher hob der Jüngere den Schild.

    „Wenn das vorbei ist, ist es vorbei.“

    Neben ihn trat der breite Kuret. „Ja.“

    Einmal drehte der Jüngere den Schild in der Hand, prüfte das Gewicht, prüfte sich selbst. „Dann bleibe ich nicht halb.“

    Rhea hielt noch den Atem an und ließ ihn langsam aus, ohne dass es sie erleichterte. Es änderte nichts daran, was sie gesagt hatte. Es änderte nichts an dem Ufer, an dem nassen Stein im Tuch, an Kronos’ Hand, an seinem Blick, als er das Bündel aufgerissen hatte. Der Gedanke lauerte nicht hinter ihr. Er saß mitten in ihr und wich nicht.

    Mit einem knappen Nicken zum Jüngeren nahm der Älteste es an.

    „Ich habe es gehört“, erwiderte der Jüngere.

    Am Eingang wandte sich der schmale Kuret, der bisher geschwiegen hatte, halb zur Öffnung und wieder zurück. Er lauschte nach draußen, doch draußen war nur der Wind an den Steinen und das ferne Wasser. Sein Blick strich über Rhea, kurz, gerade lang genug, dass sie wusste, was in ihm lag: weder Vorwurf noch Trost, nur die letzte Prüfung, ob sie bei ihrem Wort blieb.

    „Er hat ihn gesehen?“, fragte er.

    Rheas Kehle war trocken. „Ja.“

    „Nicht nur das Tuch. Nicht nur den Tausch.“

    „Nein.“

    Er hielt ihren Blick noch einen Herzschlag fest. „Das Kind selbst.“

    „Ja“, wiederholte Rhea. „Am Wasser.“

    Niemand fragte weiter.

    Es war schlimmer, dass keiner weiter fragte. Jeder Zweifel war fort, an den sich einer hätte festhalten können. Der schmale Kuret schloss den Mund und drehte sich ganz zu den anderen. Seine Hand ging an seinen Schildriemen. Er nahm den Schild auf, langsamer als der Jüngere, doch ohne Zögern.

    Damit waren es zwei.

    Als Dritter hob der breite Kuret den seinen. Das Metall am Rand stieß kurz gegen den Fels, ein kleiner, harter Laut. Er verzog nicht das Gesicht. „Wenn er den Weg zum Ufer zurück kennt, weiß er auch, dass sie nicht allein war.“

    „Er wird jeden Weg prüfen, den er verfluchen kann“, sagte der Älteste.

    Nicht sofort antwortete Gaia. Sie legte Zeus fester in den Arm, weil er sich im Schreien warf. Rhea sah nur die Bewegung des Tuchs und die Hand, die den kleinen Rücken hielt. Mehr brauchte sie nicht zu sehen; es war genug. Es musste genug sein.

    „Er braucht nur die Wahrheit. Die hat er.“

    In der Höhle blieb der Satz liegen.

    Rhea wollte etwas hinzufügen. Dass Kronos schon am Ufer nicht mehr gefragt hatte, um zu wissen. Dass in seinem Schweigen mehr Gewissheit gewesen war als in jedem Zorn davor. Dass er den Stein nicht angestarrt hatte, weil er überrascht war, sondern weil er sofort verstand. Doch sie sagte nichts. Sie hatte das Entscheidende gesagt. Alles Weitere hätte nur den gleichen Punkt mit anderen Worten geöffnet.

    In die Mitte der Männer trat der Älteste. Sein Schild lehnte noch am Felsen. Er nahm ihn erst jetzt auf. Darin lag mehr Gewicht als in den anderen Bewegungen, denn die anderen sahen auf ihn, auch wenn sie es nicht offen taten.

    „Wer jetzt noch geht, geht jetzt“, sagte er.

    Keiner rührte sich, während er wartete.

    Zeus schrie wieder. Der Laut brach bald ab und setzte neu an, dünner, zorniger, erschöpft und doch hartnäckig. Rhea presste die Hand gegen den eigenen Unterarm, bis der Schmerz die Haut durchdrang. Sie blieb, wo sie stand, ging nicht zu ihm, sagte seinen Namen nicht. Sie hatte ihn am Wasser gerufen und damit schon zu viel von sich herausgegeben, während der Älteste in die Runde sah. Hier durfte sie nur stehen und hören.

    Der Älteste sah in die Runde. „Ich frage nicht noch einmal.“

    „Du musst nicht fragen“, sagte der breite Kuret.

    Der Jüngere stellte sich breiter hin. „Sag nur, wann.“

    Der schmale Kuret zog den Riemen enger um den Unterarm. Rhea hob den Kopf. „Nicht nur ihr tragt das“, sagte sie. „Wenn einer fragt, war ich allein am Wasser. Wenn einer sucht, führt meine Spur von hier fort. Ich komme nicht wieder, bevor ihr es verlangt.“

    Ein kurzer

    Ein kurzer Laut von Metall gegen Leder kam von seiner Hand, weil der Riemen nachgab und wieder festsaß.

    Ohne zu nicken, sah der Älteste erst den schmalen Kureten an, dann den Jüngeren, dann den breiten. Sein Blick glitt zu ihr und blieb einen Moment auf Rhea liegen. Lang genug.

    „Du hast es gesehen“, sagte er.

    Die Hand löste Rhea von ihrem Arm. Die Stelle brannte. „Ja.“

    „Er hat den Stein gesehen.“

    „Ja.“

    „Er wusste, was es war.“

    Zeus schrie wieder. Der Laut lief gegen den Stein und kam zurück. Er blieb in der Höhle stehen, auch nachdem er abgerissen war. Die Alte bewegte ihn im Arm, kurz, sicher, ohne ihn an Rhea zu geben.

    Rhea sagte: „Er nahm das Bündel selbst und öffnete es. Er sah hinein. Er fragte danach nicht mehr, um es zu erfahren.“ Sie sah den Anführer an und nicht Gaia. „Er wusste es.“

    Niemand sprach sofort. Der Jüngere hob den Schild ein Stück höher, bis der Rand an seinem Bein lag. Der breite Kuret stellte die Füße fester. Der schmale senkte das Kinn.

    „Und wenn du jetzt zu ihm zurückgingest?“, fragte der Älteste.

    Für Rhea stand in der Frage keine Milde und kein Zweifel an ihr. Die Grenze musste laut werden, damit keiner später behaupten konnte, er habe sie nicht gehört.

    „Dann führe ich ihn hierher.“ Ihre Stimme blieb ruhig.

    Zeus schrie wieder, diesmal kürzer. Rhea hob den Kopf nicht zu Gaia. Sie kannte die Haltung schon, ohne hinzusehen: der Arm unter dem Kind, die Hand am Rücken, das Tuch eng an seinem Leib. Sie ließ niemanden an diese Stelle.

    „Und wenn wir ihn mit Stille hielten?“, fragte der Alte weiter.

    Aus der Nase gab der breite Kuret einen Laut, hart und kurz. Der Jüngere schwieg, aber seine Finger arbeiteten am Griff.

    „Die Stille schützt ihn nicht mehr“, antwortete Rhea, als er zu Gaia sah. „Du hörst sie.“

    „Ich höre sie“, erwiderte Gaia.

    „Dann soll auch der Rest es hören.“ Er wandte sich wieder an die Männer. „Wer den Schild hebt, tut es nicht für diesen einen Laut, nicht für diese eine Nacht, nicht bis der Berg wieder still ist.“

    „Das weiß ich“, sagte der Jüngere.

    Der Älteste ließ ihn nicht aus. „Sprich es ganz.“

    Der Jüngere straffte die Schultern. „Wenn ich ihn hebe, ist Kronos nicht mehr über mir.“

    „Und?“

    „Und ich gehe nicht in sein Haus zurück.“

    Dann nahm der Älteste den Blick von ihm und legte ihn auf den schmalen Kureten.

    Der schmale erwiderte: „Wenn er fragt, wo ich stehe, muss niemand für mich antworten.“

    Dann auf den breiten.

    „Wenn er kommt, findet er nicht Knechte“, erwiderte der breite Kuret.

    Zeus wand sich in Gaias Arm. Sein Schreien brach ab. Für einen Atemzug war es still genug, dass Rhea das Reiben von Haut an Stoff vernahm, dann setzte er wieder ein, dünn und unerbittlich. In ihr zog sich alles zu der Stelle zusammen, an der Gaia stand. Sie blieb an ihrem Platz. Sie machte keinen Schritt.

    Nun hob der Älteste den Schild ganz auf. Das Leder der Innenseite war dunkel vom Gebrauch. Der Rand zeigte Kerben. Er stellte ihn vor sich hin, die Hand am Griff, den Arm noch nicht hindurch. „Dann hört auch dies.“ Seine Stimme blieb fest. „Wenn wir den Laut schlagen, tragen wir ihn selbst. Wir tragen ihn, nicht das Kind und nicht die Frau.“

    Still stand Rhea. Bei dem Wort Frau wusste sie nicht, ob er Gaia meinte oder sie oder beide. Es spielte keine Rolle, weil er nicht Mutter sagte. Das war Absicht.

    „Es gibt kein Verstecken mehr“, sagte Gaia.

    Sie sagte es ruhig. In der Höhle bekam auch ihre Stimme Halt. Rhea sah jetzt zu ihr. Gaia hatte Zeus hoch genug am Körper, dass sein Kopf unter ihrem Kinn lag. Sie hielt ihn fest, nicht eng vor Angst, sondern mit Entschluss.

    „Und du gibst ihn nicht fort“, fragte er.

    „Nein“, sagte Gaia.

    „Auch nicht an sie.“

    Ein Schlag ging durch Rhea, klein und hart, weil die Antwort schon da war, bevor Gaia sprach.

    „Nein“, sagte Gaia noch einmal.

    Langsam zog Rhea den Atem ein. Das war nicht neu. Es war nur noch einmal vor allen gesagt. So musste es sein. Wenn selbst hier kein Zweifel blieb, konnte draußen keiner entstehen. Sie senkte die Augen nicht.

    „Gut“, entschied der Älteste.

    Der Jüngere schob den Arm durch den Riemen seines Schilds. Leder knarrte. Der schmale tat es ihm nach. Der breite hob seinen Schild mit einer Bewegung an, die keine Hast hatte. Jetzt standen sie nicht mehr in einer Runde, die beriet. Jetzt standen sie bereit.

    Zeus schrie durch den Wechsel der Bewegungen hindurch. Die Höhle gab den Laut zurück. Jeder kurze Schrei blieb nicht klein. Er lief gegen den Stein und kam wieder. In seinem Schreien lag nicht mehr nur Angst, sondern auch die Forderung, die er an sie stellte. Nicht von ihm durfte die Höhle erzählen. Von ihnen musste sie sprechen.

    Der Älteste wandte sich ein letztes Mal an Rhea. „Du bleibst nicht hier, wenn wir beginnen.“

    Rhea sah ihn an. „Ich“

    Rhea blickte ihn an. „Ich weiß.“

    Wieder schnitt der Laut aus Gaias Armen durch den Steinraum. Zeus riss den Kopf zurück, so weit Gaias Hand ihn ließ. Seine Beine stießen gegen ihren Leib, doch Gaia stemmte ihn ohne jedes Schwanken. Den Blick hob sie nicht zu Rhea; er galt dem Ältesten.

    „Wenn sie hier ist, klammert er sich an sie“, sagte Rhea. In die Runde sprach sie fest, ohne Bitte, ohne Zögern. „Er wird mich nicht aus den Augen lassen. Jetzt nicht, nicht nach dem Stein.“

    Keiner widersprach, als der Älteste einen halben Schritt näher trat. „Du gehst vor dem ersten Schlag.“

    „Ja.“

    „Nicht den Weg zurück, den du kamst.“

    „Ja.“

    „Und nicht allein.“

    Rhea nickte.

    Sie hatte geglaubt, dass das Sagen schwerer sein würde. Nun lag das Wort zwischen ihnen, fest und klar. Schwer war nicht das Wort. Unerträglich war, dass Zeus schrie und sie stehen blieb. Schwer wog, dass ihre Arme leer blieben und so bleiben mussten. Nicht nur für diese Nacht. Wenn er lebte, musste er ohne sie wachsen, unter fremden Händen, hinter ihren Schilden. Ihre Hände öffneten und schlossen sich einmal. Dann presste sie sie still an die Seiten.

    Zum Ausgang der Höhle blickte der Jüngere. „Wenn Kronos schon auf dem Weg ist, verlieren wir Zeit.“

    „Wir verlieren mehr, wenn sie beim Schlag noch hier steht“, gab der Älteste zurück.

    Mit dem Schildrand gegen den Oberschenkel setzte sich der breite Kuret fester in den Stand. „Dann jetzt.“

    Sie hob den Blick zu Gaia. Endlich trafen sich ihre Augen. Zwischen ihnen lag nichts mehr, das noch verhandelt werden konnte. Gaia hob Zeus höher, weil sein Körper sich wand. Mit zwei Fingern strich sie ihm kurz über den Rücken, während er weiterschrie und sie ihn nicht tiefer sinken ließ.

    Einen Schritt machte Rhea vor.

    Sofort stellte sich der schmale Kuret in ihren Weg. Er tat es ohne Härte, ohne Zögern, genau dort, wo ihr nächster Schritt hingegangen wäre.

    Sie hielt inne.

    „Nur bis hier“, erwiderte er.

    An ihm vorbei fiel ihr Blick auf das Kind. Sein Mund klaffte offen. Sein Gesicht war rot vom Schreien. Die Höhle nahm jeden Laut und warf ihn zurück. Nichts davon wich aus ihren Ohren; es saß im Brustkorb fest. Rhea hielt den Blick fest. Sie durfte nicht näher. Trotzdem nahm sie ihn ein letztes Mal ganz auf.

    Gaia drehte den Körper ein wenig von ihr weg.

    Die Bewegung fiel klein aus, doch sie genügte, während Rhea den Kopf nicht senkte. Aber sie trat zurück.

    Dabei hatte der Älteste sie im Blick. „Gut“, meinte er leise. Dann zum schmalen Kureten: „Du bringst sie über den Seitenpfad bis unter die Bäume. Erst wenn sie außer Sicht ist, kommst du zurück.“

    Kurz neigte er den Kopf.

    „Und wenn ich Kronos sehe?“, wollte der schmale Kuret wissen.

    „Dann führst du sie tiefer hinein und zeigst dich nicht“, entgegnete Gaia. „Kein Kampf abseits. Nicht heute.“

    Hörbar stieß der Jüngere den Atem aus, sagte aber nichts dagegen. Er hob den Schild höher an den Arm, prüfte den Griff und spreizte die Füße breider. Der breite harrte schon fest. Nur der Älteste war noch ohne Schild an der Brust. Er nahm ihn jetzt auf, langsam, mit beiden Händen, und legte den Arm durch den Riemen.

    Leder knarrte. Holz stieß gegen Unterarmknochen. Ein kurzer Laut, trocken und klein, und danach wieder Zeus.

    Jedes Geräusch traf Rhea einzeln: das Knarren, das Atmen der Männer, das kurze Reiben von Fußsohlen auf Staub und Stein, das Kind. Nichts verschwamm, und gerade darin lag die Härte. Alles war deutlich.

    „Rhea“, rief Gaia.

    Zum ersten Mal hatte Gaia in dieser Höhle ihren Namen so gesagt, dass nichts dazwischenlag. Rhea wandte sich ganz zu ihr.

    „Er gehört hierher“, sagte Gaia.

    Rhea antwortete nicht sofort. Ihr Blick glitt zu dem Kind in ihren Armen, zu der Hand, die seinen Rücken hielt, zu dem festen Stand ihrer Füße. Gaia brauchte keine Zustimmung. Sie hatte sie längst genommen. Und doch lag in den zwei Worten mehr als ein Entschluss über diesen Ort. Es war die Grenze, die nun niemand mehr übertreten würde.

    „Ja“, sagte Rhea.

    Mehr sagte sie nicht, und seinen Namen sprach sie auch nicht aus. Es hätte nichts geändert. Es hätte nur den Schritt erschwert, den sie tun musste.

    Der schmale Kuret trat an ihre Seite. „Jetzt.“

    Sie ging, und der Weg zum Ausgang war kurz. Er kam ihr nicht kurz vor. Der Stein unter ihren Füßen war uneben. Einmal streifte ihr Gewand die Wand, und die Kühle lag auf ihrem Handrücken. Hinter ihr blieb Zeus’ Schreien im Raum. Vor ihr fiel der schmale Schnitt aus Licht, der vom Eingang hereinkam. Sie ging nicht schneller und nicht langsamer. Der Kuret blieb dicht neben ihr, ohne sie zu berühren.

    Am Rand des Ausgangs hielt sie nur einen Atemzug lang an.

    Der schmale Kuret sagte nichts. Vielleicht sah er nicht zurück. Rhea tat es.

    Jetzt standen die Männer in einer Reihe, nicht mehr in einer Runde. Schilde vor der Brust, Füße gesetzt, die Köpfe zum Eingang und zu Gaia hin offen. Gaia stand nicht hinter ihnen. Sie hielt zwischen ihnen und der Tiefe der Höhle aus, Zeus an sich gezogen, den

    Kopf dicht über seinem Gesicht.

    Noch sah Rhea, wie Zeus den Mund öffnete. Der Schrei kam sofort, brach nicht ab, lief gegen den Stein und kam zurück.

    Mit der freien Hand gab Gaia das Zeichen, klein und unmissverständlich.

    Niemand fragte nach Worten. Die Männer nahmen es an, ohne den Blick zu lösen. Der schmale Kuret trat einen halben Schritt vor Rhea, nicht hart, aber so, dass der enge Ausgang nur noch für eine Person offenstand. Rhea blieb stehen; es war keine Bitte mehr.

    Sie hörte nicht ihr eigenes Atmen, nur das Kind, die Schilde, das Leder an den Griffen, das kurze Setzen von Füßen. In der Reihe bewegte sich keiner unnütz, und der Älteste hielt nahe der Mitte. Sein Schild ruhte schon hoch, ohne dass sein Arm sich anspannte. Gerade das machte es endgültig. Es war nicht mehr nur Schutz. Vor dem Kind, vor dem Schrei, vor dem offenen Maul der Nacht schlossen sie einen Kreis, den niemand von außen lösen durfte.

    Wieder gellte Zeus.

    Zeus’ Laut ging an ihr vorbei hinaus in die Nacht. Der Durchlass drückte in ihrem Rücken, kalte Luft strich an Hals und Wange. Draußen lag der Hang, offen und dunkel. Drinnen lag ihr Kind hinter fremden Armen und fremdem Holz, und doch bildeten sie nun den einzigen Schutz zwischen ihm und Kronos.

    Sie trat einen Schritt aus dem Rand des Spalts zurück.

    Kurz wandte der schmale Kuret den Kopf zu ihr. „Nicht.“

    Mehr sagte er nicht. Er musste es nicht.

    An ihm vorbei blickte Rhea auf Gaia. Gaia schwankte nicht unter dem Gewicht des Kindes. Sie hielt ihn fest, den Unterarm unter seinem Leib, die Hand an seinem Rücken. Ihr Blick lag auf den Männern vor ihr. Sie wartete.

    Rhea hob die Hand nicht und rief nicht nach ihm. Sie sprach seinen Namen nicht. Ihr Mund blieb geschlossen, bis sie den Druck im Kiefer spürte. Sie konnte nicht zu ihm. Sie durfte nicht zu ihm. Wenn sie jetzt den Schritt zurück in die Höhle nahm, mussten die Männer sie anhalten. Wenn sie ihn an sich riss und mit ihm fort wollte, trug sie ihn aus dem einzigen Schutz, der schon stand, in die offenen Hände dessen, der nach ihm suchte. Es gab keinen Weg, der noch ihr eigener blieb.

    Der schmale Kuret wartete nicht länger auf ihre Entscheidung. Er legte zwei Finger an ihren Unterarm und führte sie seitwärts durch den Spalt hinaus.

    Die Nacht traf sie ohne Übergang. Kalte Luft hing am Hang. Der Boden fiel gleich hinter dem Ausgang ab, erst flach, dann steiler. Stein lag lose unter dem Staub. Niedriger Wuchs zog sich zwischen dunklen Kanten den Berg hinunter. Über ihr war kein Dach, vor ihr kein Schutz, nur der Pfad, den man auch bei wenig Licht gehen konnte, wenn man ihn kannte.

    Noch drang der Kinderschrei herüber, gedämpfter, aber nicht fern.

    Aus dem Ausgang kam er frei, er blieb nicht drinnen. Genau das hatte sie gefürchtet. Rhea drehte sich sofort um.

    Der Spalt lag schmal im Fels. Von außen war er nicht groß. Ein Mann konnte ihn übersehen, wenn er den Hang nur im Vorbeigehen musterte. Aber wer suchte, wer stehenblieb, wer horchte, konnte ihn finden. Jetzt, da Zeus schrie, war der Gedanke nicht mehr fern. Kronos wusste, wonach er suchte. Ein Laut in der Nacht war kein bloßes Geräusch.

    Neben den Eingang stellte sich der Kuret, nicht davor. Den Blick hinein ließ er ihr. Vielleicht war auch das Teil seiner Aufgabe: dass sie sah, was sie verließ.

    Im Inneren verschob sich die Reihe der Männer kaum. Der Ausgang schnitt ihre Körper an. Zu erkennen waren nur Schultern, Schildränder, das Heben eines Ellbogens. Dazwischen, tiefer im Raum, hielt Gaia inne, mehr nicht. Zeus selbst sah sie nicht mehr.

    Das traf sie härter als der Schrei.

    Solange sie ihn hatte sehen können, hatte noch etwas zwischen ihnen bestanden, das kein Mann, keine Ordnung ganz nehmen konnte. Jetzt war selbst das fort. Da war nur noch Wissen: Er war da, lebte, weinte. Andere hielten ihn. Und hinter den Schilden begann etwas, das nicht mehr nur von ihrer Flucht lebte. Fremde Männer standen für ihn ein, und eben darin lag der Preis.

    Rhea trat einen Schritt auf den Spalt zu.

    Sofort hob der Kuret den Arm. Die Bewegung blieb sicher. „Du gehst nicht zurück.“

    Rhea blickte zu ihm auf.

    Jung genug war er, dass sein Bart an den Wangen noch nicht ganz geschlossen wuchs. Im Höhlenlicht hatte er schmal gewirkt, hier draußen wirkte er nur wach. Furcht zeigte sich in seinem Gesicht. Nicht ihretwegen; vor dem, was kommen konnte, wenn auch nur ein Schritt falsch gesetzt wurde. Gerade deshalb blieb er fest.

    „Ich weiß“, sagte Rhea, ihre Stimme leise und rau. Sie klang ihr fremd. Der Kuret nickte nicht. Er nahm die Hand auch nicht gleich herunter. Erst als sie selbst den Schritt vom Eingang zurücksetzte, gab er.

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