Capítulo 10
Das Kind ohne Zeichen
Sie trat an Rheas Seite, ohne den Blick von der Öffnung zu nehmen.
„Ich gehe nicht mit hinein.“ Sie hielt die Hände ruhig an den Seiten.
Rhea wandte den Kopf. Für einen Augenblick schwieg sie. Das Kind lag schwer und zugleich erschreckend leicht in ihren Armen. Sie hielt es fester, bis es unter dem Stoff einen kleinen Laut machte.
„Du wusstest das.“
Gaia antwortete nicht sofort. Die Frau in der Öffnung wartete unbewegt.
„Ich wusste, dass dieser Schritt nicht der meine ist.“ Gaia hob den Blick. „Wenn er verborgen sein soll, musst du ihn selbst übergeben.“
Rheas Blick glitt von Gaia zu der Frau und wieder zurück. Im Wind vor dem Stein lagen Salz von der Küste, kalter Fels und der Geruch nasser Erde. Hinter der Fuge strömte kühlere Luft hervor, doch kein Laut drang heraus.
Die Kühle strich ihr unter den verschwitzten Stoff und ließ die feuchte Haut an Rücken und Hals frösteln. Irgendwo am Fels rann Wasser in feinen, unregelmäßigen Tropfen, kaum hörbar, als atme der Stein selbst.
„Wem?“
Die Frau antwortete selbst. „Dem Ort. Durch meine Hände.“
Statt sie sofort anzusehen, ließ Rhea den Blick über ihr Gesicht tasten. Nichts an ihr forderte Vertrauen. Nichts bot Trost. Sie stand da, als sei dies keine Bitte und keine Prüfung, sondern nur eine Ordnung, die schon vor Rhea gegolten hatte und auch nach ihr gelten würde.
„Und wenn ich es nicht tue?“
„Dann gehst du mit ihm fort.“ Die Frau rührte sich nicht. „Und was dir draußen folgt, folgt auch ihm.“
Rhea atmete flach. Ihre Kräfte waren noch nicht zurück. Jeder Schritt vom Ufer herauf hatte ihr den Leib aufgerissen. Zwischen ihren Beinen klebte getrocknetes Blut. Ihre Schultern schmerzten. Doch das war nicht der Grund, aus dem sie stillstand.
Behutsam zog sie den Stoff am Gesicht des Kindes ein wenig zurück. Die Haut war dunkel gerötet von der Geburt. Der Mund öffnete sich im Schlaf und schloss sich wieder. Er lebte. Erst jetzt ließ sie diesen Gedanken ganz in sich zu, nicht als Hoffnung, sondern als Wissen.
Dann hob sie langsam den Blick zu Gaia.
„Du hast mir das nicht gesagt.“
„Nein.“
„Weil du wusstest, dass ich sonst nicht gekommen wäre?“
Gaia hielt ihrem Blick stand. „Weil du es nicht von mir hättest hören dürfen. Nicht vor dieser Schwelle.“
Für einen Schlag schloss Rhea die Augen. Dann öffnete sie sie wieder.
Die Frau im Stein sagte: „Wenn du ein Kind für immer vor einem Herrscher verbergen willst, darf nicht nur sein Leib verborgen sein. Was an ihn bindet, muss draußen ohne Griff bleiben. Kein Name. Kein beanspruchter Weg. Nicht ein Wort, mit dem ein Anspruch zurück in die Welt gesetzt wird.“
Rhea verstand nicht den Sinn jedes Maßes, aber genug. Sie sah Kronos vor sich, nicht mit den Augen, sondern in allem, was ihr Leib von ihm behalten hatte: seine Hand an ihrem Arm, die Männer an ihrer Tür, den Befehlston, das Warten auf ihre Wehen, das Wegnehmen. Erhielt er eine Spur, würde er sie nutzen. Gab ein Mund ihm ein Wort, würde er es festhalten. Wenn die Welt wusste, wessen Sohn dies war, würde sie ihn zu Kronos tragen.
„Ich bin seine Mutter.“
„In dir“, erwiderte die Frau. „Nicht dort draußen, wo Namen gehen.“
Rheas Finger lagen auf dem Bündel. Sie spürte durch den Stoff die Wärme des kleinen Körpers. Auf einmal wusste sie, dass es nicht nur darum ging, ihn hierzulassen. Es ging darum, mit leeren Armen zurückzugehen und den Verlust nicht aussprechen zu dürfen. Weder den Ort noch die Hand, die ihn nahm. Vielleicht nicht einmal den Namen, den sie in sich längst um ihn gelegt hatte.
Hinter ihr erklang Gaias Stimme: „Rhea.“
Sie blieb stehen, drehte sich aber nicht um.
„Wenn du gehst“ – Gaia hielt sie fest im Blick – „musst du auch zurückkommen.“
Das traf sie härter als alles andere. Sie würde nicht bleiben und nicht wachen. Zurück zu Kronos. Zurück in sein Haus, in seine Fragen, in seinen Blick.
„Du verlangst viel.“
„Nicht ich.“ Gaia nickte kaum merklich.
Rhea lachte nicht. Sie nickte nur einmal, knapp, bitter. Dann zog sie das Kind näher an die Brust.
„Ich gehe zurück“, sagte sie.
Und ging an der Frau vorbei in den Stein.
Der Gang war so eng, dass ihre Schulter den Fels streifte. Feuchtigkeit stand auf dem Gestein. Unter ihren Schritten lag harter Boden, uneben und kalt. Nach wenigen Schritten weitete sich der Raum, und die Frau war hinter ihr eingetreten, lautlos. Vor ihnen öffnete sich eine Höhle.
Der Geruch traf sie zuerst tiefer als der Blick: nasser Kalk, kalte Erde, ein Hauch von Tierwolle und darüber die süße, warme Säure von Milch. Die Luft war schwerer als draußen und legte sich feucht auf ihre Lippen.
Zuerst sah sie das Licht: flache Schalen mit ruhiger Flamme in Nischen des Felses. Dann eine Quelle, die zwischen Steinen hervortrat und sich in einer dunklen Mulde sammelte. Dann eine zweite Frau, die dort wartete.
Von irgendwoher kam das leise Glucksen des Wassers, und im stillen Raum roch selbst das Öl der kleinen Flammen deutlich, herb und dick. Der Fels gab Kühle ab wie etwas Lebendiges, das seine Nässe nicht verlor.
Sie war jünger als die andere, älter als ein Mädchen. Ihr Gewand war schlicht, ihre Haare zurückgebunden. Als Rhea sie sah, trat sie nicht näher, sprach nicht, hob nur die Hände ein wenig vor den Leib, leer, bereit.
An ihr haftete derselbe milchwarme Geruch, vermischt mit Fell und Rauch, als käme sie seit langem nicht mehr aus dieser Tiefe hinaus. Die Haut ihrer Hände glänzte im Lampenlicht fein von Feuchte.
Rhea blieb stehen.
„Wer ist sie?“, fragte sie.
„Die, die ihn hält“, antwortete die Frau hinter ihr.
Die Wartende senkte den Kopf, nicht tief, nicht unterwürfig.
Als Rhea von der einen zur anderen sah, lag das Kind still in ihren Armen.
Sein Atem strich flach. Seine Haut war noch warm von ihr. Unter dem Tuch spürte sie das geringe Gewicht, das nichts von der Arbeit seines Kommens verriet und doch alles davon forderte.
„Wie heißt sie?“, fragte sie.
Die Frau hinter ihr antwortete: „Sie gehört diesem Berg.“
Die Jüngere hob nun den Blick. Ihre Augen ruhten auf dem Kind, dann auf Rhea. „Das genügt.“
Sie trat nicht vor. Ihr Körper schmerzte bei jedem Atemzug. Das Blut zwischen ihren Schenkeln war kalt geworden. Die Schwäche in den Knien kam in Wellen. Sie umklammerte den Sohn fester.
„Ich habe nicht nach dem Berg gefragt.“
„Namen bleiben an Dingen hängen“, sagte die Jüngere. „Man trägt sie weiter. Man ruft sie. Man sucht mit ihnen.“
„Und wenn ich wissen will, wem ich mein Neugeborenes gebe?“
„Dann weißt du es schon“, sagte die Frau hinter ihr. „Einer Hand, einem Haus, einem Bett gehört es nicht. Diesem Ort.“
Zur Quelle hinblickend sah Rhea, wie das Wasser ohne Hast aus dem Stein lief und wieder im Dunkel verschwand. In der Höhle regte sich kein Wind, und das Licht der Schalen stand ruhig. Nichts an diesem Ort kam ihr entgegen.
„Ihr verlangt, dass ich es aus meinen Armen gebe und nicht einmal weiß, wie ich die Frau nennen soll, die es trägt.“
Die Jüngere senkte den Kopf kaum merklich. „Wenn du meinen Namen kennst, trägst du ihn mit dir hinaus. Trägst du ihn hinaus, kann er gegen diesen Ort gebraucht werden. Gibst du dem Kind einen offenen Weg, folgt der Anspruch ihm nach.“
Rhea schwieg.
Sie wusste, wessen Anspruch gemeint war. Er stand nicht in der Höhle, aber sein Wille lag darin, fest, schmutzig und unersättlich. Er stellte ihre Geburten an Schwellen. Er nahm ihr Kinder aus den Armen. Er verwandelte das Recht auf ihren Leib in ein Recht auf die Frucht ihres Leibes und zweifelte nie daran, dass ihm beides zustand.
„Er wird fragen.“
„Ja“, sagte die ältere Frau.
„Er wird sehen, dass ich geboren habe.“
„Ja.“
„Er wird wissen, dass da eines war.“
Niemand widersprach ihr.
Langsam machte die Jüngere einen Schritt vor, damit Rhea sie sah und prüfen konnte; dann verharrte sie, und zwischen ihnen lag noch immer Raum.
„Wenn er fragt“, sagte sie, „darf nichts in deinem Mund liegen, das hierher führt. Weder ein Name noch ein Schwur noch ein Versprechen über den Weg des Kindes. Nicht einmal der Gedanke, dass du es irgendwohin gebracht hast, wo deine Hand noch gilt.“
Rhea hob das Kinn. „Meine Hand gilt.“
„Hier nicht mehr, wenn es verborgen bleiben soll.“
Der Satz traf genau. Er kam weder laut noch scharf und ließ nichts offen.
Rhea sah auf den Sohn hinab. Sein Gesicht war klein, die Lider geschlossen. Sein Mund zuckte einmal und wurde wieder still. Der erste Ruf stand ihr wieder im Ohr, obwohl er nicht hatte kommen dürfen. Die alten Frauen traten ihr vor Augen, die geübten Handgriffe, das Drängen, das Schweigen, das sie selbst verlangt hatte. Alles lief auf diesen Punkt zu, auf Trennung statt auf Sicherheit.
„Wenn ich dir den Kleinen gebe“, sagte sie, ohne aufzusehen, „wird er leben?“
Die Jüngere antwortete sofort. „Wenn du ihn mir nicht gibst, ist dieser Ort verfehlt.“
„Das ist keine Antwort.“
„Es ist die einzige, die ich dir geben kann.“
Rhea hob den Blick wieder. „Du verlangst Glauben.“
„Nein“, sagte die Jüngere. „Ich verlange Entzug.“
Die ältere Frau trat an Rheas linke Seite, nicht nah genug, um sie zu berühren. „Du bist bis hierher gekommen, weil du wusstest, was getan werden muss.“
Rhea lachte nicht. Ihre Lippen bewegten sich nur kurz. „Wissen und Tun sind nicht dasselbe.“
„Nein.“ Die Frau ließ den Blick nicht von ihr. „Darum bist du hier und nicht Gaia.“
Bei dem Namen ging ein kurzer Zorn durch sie. Gaia hatte sie hergebracht, alles geordnet, kannte die Wege und hatte die Hände bestimmt, und doch stand Rhea nun allein in der Sache, die ihr Fleisch betraf. Es gab keinen Beistand mehr, keinen Blick, an dem sie sich halten konnte. Widerspruch blieb aus. Nur die Höhle, die Quelle, die zwei Frauen und das Kind in ihren Armen.
Sie setzte einen Schritt. Schmerz fuhr ihr durch den Leib. Sie hielt inne, atmete flach und ging weiter, bis sie vor der Jüngeren stand.
Nun sah sie genauer, wie diese die Hände hielt: nicht fordernd, nicht zögernd, ruhig vor sich, bereit, Gewicht aufzunehmen. In dieser Haltung lagen weder Eile noch Trost.
„Wenn ich ihn in deine Hände lege“, sagte Rhea, „spricht dann hier irgendjemand seinen Namen?“
Die Jüngere antwortete nicht gleich. Das Wasser glitt hinter ihr über den Stein. „Nicht, wenn er ihn in den Zugriff trägt.“
„Jedes Kind braucht einen Namen.“
„Jedes verborgene Kind braucht zuerst Schutz.“
Rhea schloss für einen Augenblick die Augen. In ihrer Brust zog sich alles zusammen. Sie hatte Poseidon benannt. Sie hatte Hera benannt. Mit jedem Namen hatte sie gesagt: Dieses Kind ist von mir, und ich trete vor es hin. Jeder dieser Namen war Kronos bekannt geworden.
Rhea öffnete wieder die Augen und sah in das Gesicht der Jüngeren. Es lag still vor ihr, ohne Bitte, Milde oder Drängen. Nur Bereitschaft.
Das Kind regte sich in ihren Armen. Ein kleiner, roher Laut hob sich aus seinem Mund und brach gleich wieder ab. Rhea zog es fester an sich, noch ehe sie es merkte. Die ältere Frau sah die Bewegung.
„So wird er sterben“, sagte sie.
Rheas Kopf fuhr zu ihr herum. „Sprich das nicht aus.“
„Dann hör es trotzdem.“ Die Frau stand unbeweglich da, die Hände leer an den Seiten. „Wenn du das Kind mit dir trägst, wird man es finden. Nimmst du seinen Namen mit dir, wird man es finden. Trägst du einen Schwur in dir, sucht man den, dem er gilt. Verlangst du ein Zeichen, wird man danach fragen. Kennst du den Weg, kann man ihn aus dir holen.“
Rhea antwortete nicht. Ihr Atem ging hart. Das Kind lag warm und klein an ihrer Brust. Seine Stirn ruhte unter ihrem Kinn. Für einen Augenblick war da nur sein Gewicht.
„Ihr nehmt mir alles.“ Ihre Finger schlossen sich fester um das Bündel.
„Nein.“ Die Ältere ließ die Hände an den Seiten. „Alles nimmt er dir. Wir sagen dir nur, was davon übrig bleiben kann.“
Rhea ließ den Blick zwischen den beiden Frauen hin und her gehen. „Und wenn ich euch nicht glaube?“
Die Jüngere hob kaum das Kinn. „Dann gehst du mit dem Kind hinaus.“
Es war keine Drohung. Gerade deshalb traf es. Rhea sah es an der Haltung der Frau, an der Ruhe ihrer Hände, an dem leeren Raum zwischen ihnen. Wenn es darauf ankam, würde niemand sie zwingen, niemand würde ihr das Kind entreißen. Hier nicht. Hier musste sie selbst handeln.
Im Zorn hasste sie diesen Ort in diesem Augenblick. Es waren weder die Kälte noch der Stein. Der Ort nahm ihr nichts, was sie nicht selbst losließ.
„Gaia wusste es“, brachte sie hervor.
Die ältere Frau nickte. „Ja.“
„Sie hätte es mir sagen können.“
„Dann wärst du vielleicht nicht gekommen.“
Mit fest aufeinandergepressten Zähnen blieb Rhea stehen. Der Schmerz saß ihr noch im Leib, dumpf und offen. Unter dem Zorn lag Erschöpfung, darunter Furcht. Gaia hatte sie bis an den Fels geführt, ihr den Weg geöffnet und das Letzte verschwiegen. Sie hatte Rhea nicht vorher umkehren lassen. Jetzt verstand sie es, und es machte nichts leichter.
„Ihr verlangt, dass ich zu Kronos zurückkehre“, sagte sie.
Die Ältere antwortete sofort. „Ja.“
Das Wort stand in der Höhle und blieb.
Mit trockenen Augen starrte Rhea die Frau an. „Zu Kronos.“
„Ja.“
„Damit er wieder zählt, was aus mir kommt. Damit er wieder Wachen an die Schwelle stellt. Damit er wieder die Hände nach mir ausstreckt.“
Ohne ihrem Blick auszuweichen, stand die Frau da. „Sonst sieht er hierher.“
Rhea lachte diesmal wirklich, kurz und ohne Laut. Doch es war kein Lachen. „Er sieht überallhin.“
„Nicht, wenn du Kronos gibst, was er sehen will.“
Rhea verstand zu schnell. Ihr wurde übel. „Leere Hände.“
„Und keine Spur, die von ihnen wegführt.“
Das Kind begann zu suchen, blind mit dem Mund, den Kopf an ihrer Brust reibend. Rhea hob die Hand und legte sie an seinen Hinterkopf. Ihre Finger zitterten. Milch spannte schmerzhaft in ihr. Ihr Körper hielt es fest, selbst jetzt noch, gegen jede Vernunft, gegen jedes Wort.
„Wenn ich gehe“, sagte sie, „und er fragt, wo das Kind ist?“
„Dann weißt du es nicht“, sagte die Jüngere.
„Er wird mir nicht glauben.“
„Er muss dir nicht glauben. Es genügt, wenn er nichts findet.“
Die ältere Frau trat einen halben Schritt näher. „Hör gut zu. Du wirst diesen Ort nicht mit einem Namen verlassen. Nicht mit unserem, nicht mit seinem. Du sollst keinen Eid mit hinausnehmen, denn ein Eid bindet, und jede Bindung kann verfolgt werden. Du wirst kein Merkzeichen verlangen. Kein Tuch, keinen Stein, kein Wort, das nur dir gehört. Du wirst keinen Weg kennen außer dem zurück. Und auch den wirst du nicht wiederfinden.“
Rhea sah sie starr an, mit trockenen Augen. „Ihr macht ihn zu niemandem.“
„Wir machen ihn unauffindbar.“
„Er ist mein Sohn.“
Zum ersten Mal veränderte sich etwas im Gesicht der Älteren. Ihre Züge gaben um einen Fingerbreit nach. „Darum musst du es tun.“
Rhea senkte den Blick auf das Kind. Sein Gesicht war rot vom Atem, die Lider dünn, die Hände noch ungeordnet. Es wusste nichts von Höhlen, nichts von Königen, nichts von Regeln. Es kannte Wärme, Hunger, Haut. Sie konnte ihm das alles geben, für Stunden vielleicht, für einen Tag. Dann würde Kronos suchen, wie er immer gesucht hatte. Er suchte nicht Kinder. Er suchte Besitz, das, was aus ihr kam und nicht in seinen Händen lag.
Sie dachte an die Schwelle, an die Männer im Durchgang, an den Blick, der jeden Laut zählte. Sie dachte an das Bündel, das ihr genommen worden war. An ihre eigenen Hände, die festgehalten worden waren. An die Gewalt, die nicht endete, wenn sie schrie. An die Art, wie Kronos ein Neugeborenes ansah: nicht klein, nicht schutzlos, sondern streitig.
Das Kind öffnete den Mund und gab einen dünnen Laut von sich.
Der Laut schnitt durch den engen Raum. Er war nicht stark, doch er blieb nicht an dem kleinen Körper haften. Er ging weiter, traf auf den Stein, lief an ihm entlang und kam verändert zurück. Sofort hob die Jüngere den Kopf. Auch die andere Frau hörte nun anders zu, nicht dem Säugling, sondern dem, was der Laut mit dem Ort tat.
„Nicht lange mehr“, sagte sie.
Rhea zog das Kind dichter an sich, den Arm fest um seinen Rücken, und sah von einer Frau zur anderen. Es suchte weiter an ihr, unruhig, blind, mit offenem Mund. „Gaia wusste es.“
Niemand antwortete sofort.
„Sie wusste es“, wiederholte Rhea. Diesmal war es keine Frage mehr, sondern lag hart zwischen ihnen.
Die Ältere nickte. „Ja.“
Rhea stand still. Nur das Kind bewegte sich. Sein Kopf drängte gegen ihre Brust, die Hände zuckten an ihrem Gewand. Die Milch schmerzte inzwischen so stark, dass ihr der Atem stockte. „Sie sagte, ich müsse ihn selbst bringen.“ Ihre Stimme wurde tiefer. „Sie verschwieg, dass ich mein Kind fortgebe und nichts von ihm behalte.“
„Hätte sie es am Fels gesagt, wärst du nicht gegangen“, erwiderte die Frau.
Erst jetzt hob Rhea den Blick. „Und darum hat sie mich belogen.“
„Darum hat sie dich hierher gebracht.“
Der Laut des Kindes kam wieder, länger diesmal, ein Ansetzen zum Schreien. Die Jüngere trat einen Schritt zur Seite, in den dunkleren Teil der Höhle, und wartete dort, mit leeren Armen, ohne Hast und ohne Zurückweichen.
Als Rhea sie ansah, verstand sie erst jetzt ganz, wozu diese Haltung diente: zum Behalten.
„Nein.“ Das Wort blieb ihr rau im Mund.
Die Höhle nahm es auf, während die andere reglos stehen blieb. „Wenn du das Kind jetzt mit hinausnimmst, gibst du es Kronos.“
Rhea presste das Kind fester an sich. „Ich kann es stillen. Ich kann es halten. Ich gehe mit ihm weiter, tiefer, fort von hier.“
„Du vermagst einen Säugling nicht zum Schweigen zu zwingen. Du kannst keinen Weg verbergen, den du selbst kennst. Du kannst keinen König täuschen, der dich seit Jahren beobachtet.“
„Ich habe es getan.“
„Einmal.“
Rhea trat zurück. Der Fels war sofort hinter ihr. Kein Raum blieb zwischen ihrem Körper und der Wand. Das Kind spürte ihre Spannung. Es zog die Beine an, schob den Kopf gegen sie und begann nun wirklich zu schreien.
Der Schrei war dünn und roh, und gerade weil er die Höhle nicht füllte, machte er alles schlimmer. Er lief in die Gänge hinaus.
Die Jüngere machte einen halben Schritt vor. „Gib ihn mir.“
Rhea drehte sich halb von ihr weg. „Nein.“
Dennoch sprach die Ältere weiter, ohne die Stimme zu heben. „Hör mich an. Wenn du den Ort kennst, kann Kronos ihn aus dir holen: mit Hunger, mit Schlafentzug, mit Schmerz, mit deinen Brüdern vor deinen Augen. Mit seinen Händen an deinem Hals. Mit Zeit. Vor allem mit Zeit. Er glaubt dir nicht. Er wird nicht aufhören, weder nach einem Tag noch nach zehn.“
Rheas Finger gruben sich in die Tücher um das Kind. Sie sah Gaia am Eingang stehen, wie sie nicht mitgekommen war. Aus Berechnung. Das setzte sich nun in ihr fest. Gaia hatte sie bis an diese Schwelle geführt und den Rest anderen überlassen, weil der Bruch vollständig sein musste.
„Sie hätte es mir sagen müssen“, brachte Rhea hervor.
„Dann würdest du jetzt noch am Fels stehen und das Kind schreien lassen.“
Rhea schloss die Augen. Der Schrei traf sie bis in den Leib. Ihre Milch lief heiß unter dem Stoff. Der salzige Geschmack stieg ihr in den Mund. Ihr Körper antwortete dem Kind, auch jetzt, auch hier. Die Antwort war nutzlos.
„Ihr nehmt mir alles.“ Ihre Finger glitten über den feuchten Stoff.
„Nein.“ Die Ältere rührte sich nicht. „Wir nehmen Kronos alles, was ihn zu dem Kind führen könnte.“
Rhea öffnete die Augen wieder. Im matten Licht glänzte die Nässe auf ihrer Haut. „Auch mich.“
Diesmal schwieg die Frau.
Das Kind schrie weiter, jetzt in kurzen Stößen. Die Jüngere kam einen einzigen Schritt näher, streckte die Arme aber noch immer nicht aus und wartete. Das machte es schwerer.
„Wenn ich zurückkehre“, sagte Rhea und rang jedes Wort aus dem Atem, „und er mich fragt, ob er lebt?“
Die Ältere hielt ihrem Blick stand. „Dann weißt du nicht, wo er ist.“
„Das ist nicht meine Frage.“
Die Frau sah sie an. „Dann sag nichts, was dich bindet. Sag nichts, was er gegen dich wenden kann. Sag nichts, was aus deinem Mund ein Recht macht.“
Rhea starrte sie an. „Kein Recht?“
„Kein Anspruch.“ Ihre Gegenüber sprach jedes Wort sauber. „Nicht aus deinem Mund. Nicht hier hinaus. Wenn du das Kind schützen willst, darfst du es nicht mit deinem Wort festhalten. Keinen Namen, den du mitnimmst, kein Zeichen, kein Versprechen. Nichts, woran du dich klammern oder woran man dich fassen kann.“
Das Kind rang zwischen zwei Schreien nach Luft. Sein Gesicht war dunkelrot geworden. Rhea wiegte es nicht. Sie stand starr und hielt es fest, zu fest. Dann lockerte sie den Griff sofort wieder.
In ihr wurde der Entschluss so karg wie der Stein: Sie würde zurückgehen und nichts von dem Kind mitnehmen als den Verlust.
„Wenn ich ihn nicht festhalte“, sagte sie, „wer bin ich dann noch?“
Niemand antwortete sofort. Das Kind schrie weiter, ohne die Stille zu fressen; der Laut verharrte in ihr.
Die feuchte Luft der Höhle lag kühl auf der Haut und roch nach nassem Kalk, altem Fell und dem säuerlich-warmen Rest von Milch. Vom Fels sickerte Kälte herauf, die sich durch Sohlen und Knie in den Körper zog.
Mit offenen Armen wartete die Jüngere vor ihr, weder bittend noch drängend. Bereit.
Die Ältere hob kaum das Kinn. „Seine Mutter.“
Rheas Mund verzog sich. „So nennt ihr das.“
„So ist es.“
Rhea sah auf das Bündel hinab. Der Stoff klebte vor Schweiß, Milch und Blut. Unter dem Tuch arbeitete der kleine Leib gegen die Kälte, gegen den Hunger, in das grelle erste Leben hinein. Sie kannte jede Regung in diesem Körper schon jetzt. Das hob nichts auf.
Zwischen den Frauen stand der Geruch von Tierhaut und ausgewaschener Wolle, darunter das metallische Salz des Blutes. Irgendwo tiefer in der Höhle tropfte in langsamen Abständen Wasser auf Stein.
„Und wenn ich seinen Namen nur hier sage?“
Die Ältere antwortete ohne Zögern; nicht einmal ein Blinzeln ging über ihr Gesicht. „Dann bleibt er hier.“
Rhea hob den Kopf. „Bei ihm.“
„Nicht bei dir.“
Das saß tiefer als alles davor. Es stand ihr im Rücken, der sich spannte, im Kiefer, der hart wurde, und für einen Augenblick zeigte sich in ihrem Gesicht der offene Hass, den sie Kronos schon gezeigt hatte. Nur dass er jetzt keinen Mann traf. Er galt der Ordnung dieses Ortes. Er galt Gaia, die sie hierhergeführt und vor dem Fels hatte stehen lassen. Er traf jede Hand, die ihr sagte, was sie nicht behalten durfte.
Das Kind schrie heiserer. Ein kurzer Aussetzer ging durch den kleinen Körper. Danach kam der nächste Laut schwächer.
Noch einen halben Schritt trat die Jüngere näher, während ihre Arme offen blieben und sie nichts sagte.
Rhea zog das Kind an sich. Es wurde ein letzter fester Griff, kein Trost. Ihr Kinn senkte sich auf das nasse Tuch. Ihre Lippen bewegten sich, zuerst ohne Ton. Dann kam ein einziges Wort.
„Zeus.“
Die Höhle nahm es auf und gab nichts zurück.
Der Name starb nicht ganz, sondern blieb wie ein dumpfer Hauch zwischen den feuchten Wänden hängen. Die Kühle dort hatte etwas Lautloses, das jeden Atem schwerer machte.
Die Ältere schloss die Augen nicht, senkte den Blick nicht. Sie ließ das Wort stehen, wo es gesprochen worden war, innen und nirgends weiter.
Rhea hob den Kopf wieder, und in ihrem Gesicht zeigte sich jetzt etwas Abgeschnittenes. Sie musterte die Jüngere. „Noch einmal werde ich den Namen nicht nennen.“
„Dann nenn ihn nicht mehr.“
Rhea atmete einmal tief ein. Der Atem brach auf halbem Weg. Sie sammelte sich. Von jetzt an trug sie, was übrig blieb.
Die Frau kam ihr entgegen, langsam genug, dass Rhea hätte zurückweichen können. Sie tat es nicht.
Dann standen sie einander so nah, dass beide Hände am selben Kind lagen.
Ihre Finger hielten den Stoff an Brust und Rücken. Die Hände der anderen schoben sich darunter, suchten Gewicht, Wärme, Halt. Sicher griff sie zu, weder zart noch grob, so, wie man etwas nimmt, das nicht fallen darf.
Rhea ließ nicht los.
Das Kind gab einen kleinen, erschöpften Laut von sich. Sein Kopf ruhte schwer in der Armbeuge, das Gesicht halb im Tuch verborgen. Die Jüngere wartete. Sie zog nicht. Ihre Unterarme spannten sich nur gegen das Gewicht, das noch nicht ganz ihres war.
Langsam löste sie zuerst die rechte Hand. Die Finger blieben noch einen Augenblick im Stoff hängen, dann glitten sie frei. Während ihre linke Hand unter dem kleinen Rücken blieb, flach und stützend, ruhte der Körper des Kindes schon fast ganz in den Armen der anderen.
Auf die freie Hand sah Rhea hinab. Blut zeichnete die Linien ihrer Haut, dunkel im matten Licht. Sie schloss die Finger und öffnete sie wieder. Leer.
Das Licht an den Felswänden war stumpf und gelb, und auf ihrer Haut glänzte das Blut, als wäre es eben erst warm geworden. Die Nässe in der Höhle machte selbst die Luft schwer, als müsste man sie mit jedem Atemzug anheben.
Dann nahm sie auch die linke Hand weg.
Das Gewicht verließ sie vollständig.
Die andere zog das Kind dicht an die Brust und wendete es sofort ein wenig der Wärme ihres Körpers zu, ruhig, geübt, ohne Blick zu der Mutter zurück. Mit einem Mal brach der Schrei ab, und ein dünnes, suchendes Wimmern hielt an.
Danach sanken Rheas Arme, und niemand sprach.
Die Ältere beobachtete nur, ob Rhea aufrecht blieb. Sie blieb aufrecht.
Sie sah auf das Kind. Nicht den ganzen Leib, nur das Stück Gesicht, das zwischen Stoff und Arm noch sichtbar war: eine Stirn, feucht und klein, die geschlossenen Lider, der Mund, der sich öffnete und suchte. Sie machte keinen Schritt, während die Jüngere das Kind unmerklich höher zog.
„Er wird leben.“
Rhea hob den Blick zu ihr. „Sagt das nicht noch einmal.“
Sie schwieg sofort.
Dann kam die Stimme der Älteren, hart und ruhig zugleich: „Du gehst ohne Blick zurück.“
Rhea antwortete nicht.
„Ohne Merkzeichen. Ohne Zählen. Ohne Fragen.“
„Ich habe verstanden.“
„Du darfst auch den Ausgang nicht mitnehmen. Keinen Stein, keinen Riss, keinen letzten Merkpunkt für den Weg.“
Da sah Rhea sie wieder an. Lange. In ihrem Blick lag nichts Weiches mehr.
Als Rhea sie wieder ansah, ruhte ihr Blick lange auf ihr.
Die Ältere hielt ihrem Blick stand. „Kein Name“, sagte sie. „Kein Zeichen. Du versprichst nichts, und du erhebst keinen Anspruch.“
Das Kind wimmerte leise in den Armen der anderen Frau. Dieses leise Wimmern hielt Rhea fest; ihre Hände waren leer, und zunächst fiel ihr nur das auf. Dann glitt ihr Blick zu dem Stoff an der Brust der Jüngeren und zu dem Arm, der den kleinen Leib trug. Noch immer machte sie keinen Schritt.
„Wer bin ich dann?“, fragte sie.
Niemand antwortete sofort.
Die Ältere beugte sich nach dem Bündel, das neben der Wand auf dem Steinboden lag. Es war bereits gewickelt. Die Tücher waren fest gezogen, ordentlich, ohne Lücke. Mit beiden Armen hob sie es auf und nahm es sicher an sich; das Gewicht zog an ihren Schultern. Ein dumpfer Geruch nach kaltem Tuch und Staub stieg vom Boden auf.
Rhea betrachtete es.
Die Ältere trat vor sie. „Du gehst jetzt.“
Sie nahm das Bündel nicht.
Die andere Frau mit dem Kind wandte sich bereits ab. Sie hielt den Kopf gesenkt. Der kleine Mund suchte noch einmal, dann war nur noch das flache Atmen zu hören. Rhea hob die Hand. Sie ließ sie wieder sinken. Ihr Mund öffnete sich, aber sie sprach nicht.
„Wenn du fragst“, sagte die Ältere, „bist du schwächer, wenn sie dich zwingen. Wenn du es weißt, bist du nicht mehr frei von dir selbst. Geh leer.“
Rhea verharrte. Blut lief an ihrer Wade hinab und verschwand im Stoff. Ihre Knie gaben kurz nach, doch sie fing sich, bevor sie die Arme ausstreckte.
Das Gewicht traf sie sofort. Es gab darin nicht nach; in den Tüchern regte sich nichts. Die Tücher lagen trocken und straff an ihrer Haut. Sie schloss die Finger darum, erst hart, dann fester. Ihr Gesicht veränderte sich nicht.
Die Jüngere ging in den Gang, ohne sich umzudrehen. Das Kind war nach wenigen Schritten nicht mehr zu sehen. Hinter ihr waren noch der Atem der Frau, der leise Laut des Kindes und das Reiben von Stoff an Fels zu hören, bis auch das verstummte.
Die Ältere trat hinter sie und sagte: „Augen nach vorn.“
Rhea gehorchte und ging.
Der Gang wand sich. Der Boden war uneben. Einmal streifte ihre Schulter den Fels. Sie blickte nicht zur Seite. Sie zählte nicht. Sie suchte keinen Riss, keine Ecke, keine Form im Stein. Mit wenigen Worten führte die Ältere sie ohne Berührung: kurz, knapp, rechts, stehen, weiter. Rhea hielt das Bündel fest an ihren Leib. Es drückte gegen ihre wunde Mitte. Jeder Schritt zog Schmerz nach oben in Rücken und Unterbauch. Trotzdem ging sie weiter.
Es dauerte, und sie wusste nicht, wie lange.
Als das Licht sie traf, schloss sie für einen Moment die Augen. Kalte Luft schlug ihr entgegen. Der offene Tag lag vor ihr, und mit ihm sofort die Schwelle, die Wachen, der Weg hinauf, der Ort, an dem nichts verborgen blieb.
Als sie die Augen öffnete, lag Othrys still.
Zu still für eine Geburt, während an der Schwelle und daneben Männer warteten. Niemand sprach. Kronos wartete nicht im Inneren. Dort, wo jeder ihn sehen konnte, hielt er sich auf. Während Gaia da war, stand Okeanos neben ihr. Beide rührten sich nicht. Schweigend standen sie da.
Kronos sah zuerst auf Rheas Gesicht, dann auf das Blut an ihren Beinen, dann auf das Bündel in ihren Armen.
Bevor sie die letzten Schritte bis zur Schwelle getan hatte, kam er ihr entgegen.
Ohne zu zögern verlangte er: „Gib es her.“
Rhea hielt inne, sodass zwischen ihnen nur wenig Raum blieb. Das Bündel hob sie nicht höher. Sie zog es auch nicht zurück. Schwer ging ihr Atem. Auf Hals und Stirn stand ihr Schweiß. Sie sah ihn an und sagte nichts.
Seine Hand schloss sich um den Stoff. Dann sagte er: „Du hast geboren.“
„Ja.“
Mehr sagte sie nicht.
Dann zog er. Für einen Schlag hielt sie fest. Nur so fest, dass sich Widerstand im Stoff spannte. Dann ließ sie los, und das Gewicht sank in Kronos’ Arme. Er fing es mit beiden Händen auf. Für einen kurzen Augenblick lockerte sich sein Griff. Nur dort. Die Last lag anders als ein Neugeborenes, härter, schwerer, totstill.
Sofort sah Gaia es, und Okeanos sah es auch.
Keiner von beiden bewegte sich.
Mit einer kurzen Bewegung richtete Kronos das Bündel höher, dicht vor seine Brust. Sein Blick blieb auf den Tüchern. Er prüfte nicht mit der Hand unter dem Stoff. Er öffnete nichts. Er brauchte den Vollzug, nicht die Wahrheit. Rhea stand vor ihm, die Arme leer, Blut an den Schenkeln, und sah auf seinen Mund.
Gaia hatte den Kopf ein wenig gesenkt. Ihre Hände ruhten ruhig an ihren Seiten. Okeanos stand breit und reglos, die Augen auf das Bündel gerichtet, ohne ein Wort.
„Das ist meines“, sagte Kronos.
Niemand antwortete.
Rheas Atemzüge kratzten ihr laut in den Ohren. Sonst nichts, kein Schrei. Kein Wimmern. Kein Suchen unter Stoff. Das Bündel lag still in seinen Händen.
Er hob es.
Die Tücher strafften sich unter seinem Griff. Ein Ende löste sich ein wenig und fiel zurück. Darunter zeigte sich keine Haut, nur weiterer Stoff um die feste Form. Gaia sah den blanken ...
…ein Zug der Wicklung, eng und sauber um eine Form gelegt, die keinen Atem gab.
Kronos sah es. Während sein Daumen einen Augenblick auf der Kante unter dem Tuch ruhte, gab dort nichts nach, und gegen seine Hand drückte keine Wärme. Sein Gesicht blieb unverändert.
Rhea stand ihm gegenüber und hielt die Arme dicht am Leib. Die Finger ihrer rechten Hand waren noch gekrümmt, als trügen sie das Gewicht immer noch. An ihrer Wade lief Blut hinab und sammelte sich am Rand ihrer Ferse. Sie schwankte einmal und fing sich. Ihr Blick blieb erst auf dem Bündel, dann auf seinem Mund.
Gaia hob den Kopf nicht. Sie sah von unten, still, ohne Hast. Okeanos stand neben dem Sitz, die Schultern fest, den Kiefer geschlossen. An den Rändern des Hofs hielten die Wachen ihre Plätze. Keiner trat vor. Keiner sprach.
Der Riss im Steinboden lief dunkel zwischen den Fugen. Er begann am Fuß des Herrschersitzes und zog sich über den Hof. In der offenen Linie lag Staub. Warme Luft drang aus einer schmalen Spalte nahe der Stufe. Sie kam stoßweise und verstummte wieder, während Kronos das Bündel höher ansetzte.
Das gelöste Tuchende hing offen herab. Mit zwei Fingern hätte er nur zugreifen müssen. Ein Zug, und die Wicklung wäre offen gewesen.
Dennoch tat er es nicht.
„Mein Sohn“, sagte er.
Seine Stimme ging über den Hof und blieb hart. Keine Antwort kam zurück, und Rhea blinzelte nicht. In ihrem Gesicht lag nichts von Bitte. Nichts von Dank. Nur Anspannung, die bis in den Hals stand. Ihre Lippen waren offen. Sie atmete flach. Als er das Wort sagte, schloss sie den Mund und presste die Zähne aufeinander.
Kronos nahm das Bündel in die linke Armbeuge und fasste mit der rechten Hand nach dem oberen Stoff. Nicht, um ihn zu öffnen. Er drehte die Wicklung fester zusammen, damit nichts verrutschte. Das Tuch zog sich eng um die Form. Eine harte Rundung drückte sich kurz dagegen und verschwand wieder.
Gaia sah nun direkt hin; ihre Augen blieben auf seiner Hand. Sie sagte nichts. Okeanos veränderte nur den Stand. Ein Fuß setzte sich etwas weiter zurück. Mehr nicht.
Kronos hob das Bündel an seinen Mund.
In den Gesichtern der Wachen am Rand lief eine Bewegung, nicht durch ihre Körper. Einer senkte die Augen. Ein anderer starrte geradeaus, zu lange, zu leer. Niemand griff ein. Niemand wandte sich ab.
Rhea machte einen Schritt vor, kaum mehr als ein Rucken aus den Knien. Eine Wache an der Seite spannte sich sofort. Kronos sah nicht zu ihr, und sie verharrte. Ihre Hände waren jetzt Fäuste.
Dann öffnete er den Mund.
Er setzte den gewickelten Kopf der Form zwischen die Zähne und drückte an. Der Stoff spannte sich, doch sein Hals arbeitete noch nicht. Zuerst kam nur Druck. Seine Finger schlossen sich fester um das Bündel. Die Knöchel traten hell hervor, ohne dass es nachgab.
Für einen ersten Schlag stand alles still, dann setzte er neu an, härter. Die Wicklung knirschte trocken zwischen seinen Zähnen. Das Geräusch war klein, aber im Hof hörte man es. Darunter lag kein Laut eines Kindes und kein Reißen von Fleisch. Nur Stoff und Widerstand.
Kronos zog das Bündel einen Fingerbreit zurück, setzte die Zähne anders und schob wieder nach. Sein Hals spannte sich, und unter der Haut trat eine Sehne hervor. Er zwang die Form tiefer.
Da kam das Geräusch.
Hart. Kurz. Stein gegen Zahn. Danach ein dumpfes Schaben, als die Wicklung über den Gaumen und tiefer gezogen wurde.
Niemand sprach.
Gaia hob langsam den Blick zu seinem Gesicht. Sie sah ihn an, nicht das Bündel, während Okeanos’ Augen sich verengten. Sein Mund blieb geschlossen.
Rhea stand da, und für einen einzigen Schlag wich alles aus ihrem Gesicht. Hass, Furcht, Erschöpfung. Nichts blieb. Dann war es wieder da, härter als zuvor. Sie sah nicht mehr auf das Tuch, sondern auf seinen Hals.
Kronos schluckte.
Die erste Bewegung reichte nicht. Unter der Haut arbeitete sein Hals leer gegen die feste Last. Er nahm die rechte Hand zu Hilfe, drückte von außen nach, presste den gewickelten Stein tiefer zwischen die Kiefer und in den Rachen. Der Stoff zog sich dunkel mit Speichel voll. Dabei blieben seine Augen offen. Darin lag Zorn, aber kein Zweifel mehr, den einer hätte sehen dürfen.
Wieder Stein an Zahn, und nun hörten es alle.
Das Geräusch stand nackt im Hof. Zwischen den Wachen, dem Sitz, dem Riss im Boden, den offenen Mündern, die sich gleich wieder schlossen. Bei einem der jungen Diener am Rand zuckte es zusammen, dann fing er sich und senkte den Kopf tief. Niemand sagte das Wort, das in jedem stand.
Kronos machte einen Laut im Hals, kurz und rau. Dann stemmte er das Kinn höher. Seine Brust hob sich weit. Mit beiden Händen drückte er nach, rücksichtslos, bis die feste Form endlich hinter den Zähnen verschwand und nur noch das Ende der Wicklung aus seinem Mund hing.
Dann griff er das letzte Stück Stoff, stopfte auch dieses nach und schloss den Mund darüber. Sein Hals sprang unter der Haut. Einmal
Einmal. Dann noch einmal.
Beim dritten Schluck senkte sich die Stelle unter seinem Kiefer langsam tiefer und verschwand. Danach verharrte er mit geschlossenem Mund, die Schultern breit, die Hände noch halb erhoben, als müsse er sich vor allen erst wieder in Besitz nehmen.
Im Hof war nichts zu hören.
Dann kam aus seinem Leib ein harter Laut, tief, stumpf, kurz, der nicht oben im Hals blieb, sondern nach innen fiel. Mehrere Köpfe zuckten. Einer der Wachen hob den Blick zu Kronos’ Brust und senkte ihn sofort wieder.
Gaia trat nicht vor, doch ihre Stimme trug über den ganzen Steinplatz.
„Nicht deinen Sohn hast du genommen.“
Niemand rührte sich.
Sie hielt den Blick auf Kronos gerichtet, während ihr Gesicht unbewegt blieb. Ihre Stimme hob sich nicht. Gerade darum schnitt jedes Wort offen durch den Hof.
„Deine Furcht.“
Kronos antwortete nicht sofort. Speichel glänzte noch an seinem Kinn. Er wischte ihn nicht fort. Sein Brustkorb hob und senkte sich einmal schwer. Die Muskeln an seinem Kiefer arbeiteten. In seinen Augen lag für einen Schlag etwas Rohes offen, ehe er es zurückdrängte.
Rhea sah ihn an.
Inzwischen sah sie weder auf Gaia noch auf die Wachen noch auf den Boden. Nur auf ihn. Auf den Hals, der eben noch gegen den Widerstand gearbeitet hatte. Auf den Mund, der die Wicklung nicht geöffnet hatte. Auf die Zähne, die geprüft und doch nichts enthüllt hatten. Ihr Gesicht blieb hart. Nur die Finger ihrer rechten Hand schlossen sich tiefer in den Stoff ihres Gewandes.
Dann wusste sie, was sein Schweigen nun bedeutete: Er gab ihr nichts, und Mitleid kannte er nicht. Doch er durfte vor dem Hof nicht fallen. Wenn er die Wicklung hätte öffnen lassen, wenn er jetzt nachsetzen, fragen, suchen, zählen würde, dann müsste er vor allen zugeben, dass sein Griff nicht ausgereicht hatte. Dass man ihn täuschen konnte. Und dass er genommen und doch nichts bekommen hatte.
Also würde er das Genommene festlegen.
Okeanos stand seitlich, ein wenig hinter der Linie der vorderen Steine. Während seine Augen auf Kronos ruhten, hatte er das Knirschen gehört. Er hatte das Geräusch im Leib gehört. Er sah, dass kein Laut aus dem Bündel gekommen war, kein Zucken, kein Atemzug. Sein Mund blieb geschlossen, und das war nun selbst ein Wort.
Danach hob Kronos langsam die rechte Hand.
Nicht hoch, nur weit genug, dass die Bewegung im Hof gesehen wurde. Die Wachen richteten sich auf. Der junge Diener am Rand verharrte noch tiefer gesenkt, als könne er sich in den Boden drücken.
Als Kronos sprach, klang seine Stimme rauer als sonst. Sie trug dennoch bis an die Mauern.
„Ihr habt gesehen, was mir gegeben wurde.“
Sein Blick ging nicht zu Gaia. Er ruhte auf dem Hof, auf allen, auf niemandem einzeln. Er machte aus der Menge einen Zeugen und aus dem Zeugen ein Werkzeug.
„Was aus Rheas Leib kommt, gehört mir.“
Der Satz stand schon im Hof, noch ehe das letzte Wort verklang. Er knüpfte an das Frühere an, an den anderen Tag, an den anderen Spruch, an die Ordnung, die er selbst vor allen gesetzt hatte. Jetzt legte er sie über das eben Geschehene und zog sie fest.
„Was ich genommen habe, gilt als mein Kind.“
Stille.
Gaia verzog keine Miene. Okeanos sprach nicht. Keiner der Anwesenden wagte, den Kopf zu heben und ihm das harte Geräusch entgegenzuhalten, das noch jedem im Ohr stand. Es war da und wurde doch nicht ausgesprochen. Gerade darum verharrte sein Satz.
Rheas Atem ging flach. Nur einmal. Dann hielt sie ihn wieder unter Zwang. Sie durfte nichts in ihr Gesicht lassen, das über Hass hinausging. Weder Erleichterung noch einen Bruch noch Wissen. Reglos, hatte Gaia ihr auferlegt. Leer nach außen, leer vor ihnen, ohne Regung unter seinem Blick.
Kronos wandte den Kopf nun doch zu ihr.
„Niemand rührt sie an.“
Seine Stimme klang fester. Mit jedem Wort stellte er sich wieder auf den Platz, den der Laut aus seinem Leib einen Augenblick lang geöffnet hatte.
„Niemand betritt ihre Gemächer ohne mein Wort.“
Ein Wachenführer schlug die Faust an die Brust. „Wie du befiehlst.“
Kronos hielt den Blick auf ihm, bis der Mann die Augen senkte. Dann glitt er zurück zu Rhea.
Darin lag keine Schonung. Besitz, Zorn, Warnung. Und noch etwas, das er nicht benannte und nicht benennen durfte. Sie sah, dass er suchen wollte. Dass sein Leib noch gegen das eben Genommene stand. Dass seine Wut an ihr kein Ende gefunden hatte. Aber er band sich vor allen selbst die Hand, um den anderen Verlust nicht zu zeigen.
Gaia sprach erneut, leiser diesmal, doch deutlich genug.
„Du sicherst Stein mit einem Königswort.“
Einige am Rand zuckten kaum merklich zusammen. Einer der Älteren presste die Lippen aufeinander. Wieder kam kein Widerspruch. Beide Worte blieben im Hof stehen.
Kronos drehte den Kopf zu Gaia. Sein Gesicht blieb still, und gerade das machte den Zorn darin klar.
„Hüte deinen Mund.“
„Ich tat es länger, als du deinen Thron gehalten hast“, sagte Gaia.
Das ging durch die Reihe der Hörenden, nicht