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    PANATHINAIA

    Alexia Michailidou · Band 1

    PANATHINAIA

    Capítulo 6 de 14

    Capítulo 6

    Rauch über dem Opferhof

    „Nein“, erwiderte Koios.

    Das Wort stand im Hof und nahm Okeanos die letzte Bewegung aus dem Satz.

    Dann trat Koios vor den unbesetzten Sitz. Sein Blick glitt zuerst zu den Versammelten, nicht zu Kronos, nicht zu Rhea. „Nicht gesprochen“, erklärte er. „Gesetzt. Das ist früh genug, oft genug verlangt worden. Ein Hof, der offen widerspricht, trägt keinen Vorrang. Wenn dieser Platz leer bleibt, bleibt der Streit offen. Dann ist nichts vollendet.“

    Iapetos nickte einmal. „Ort, Form, Vorrang“, sagte er. „Wer herrscht, setzt sie sichtbar. Oder er herrscht nicht.“

    Okeanos gab keine Antwort. Er stand noch immer fest, doch sein Blick wanderte nun von dem unbesetzten Platz zum Herrscher und zurück. Er hatte gesagt, was zu sagen war, und nun stand es im Hof. Niemand konnte es zurücknehmen.

    Rhea verharrte, wo sie war. Der Sitz hielt ihren Blick nur einen Augenblick fest, dann sah sie Kronos an.

    „Wenn es geschieht“, hob sie an, die Augen auf ihn gerichtet, „dann geschieht es vor allen.“

    Kronos antwortete nicht sofort. Sein Gesicht blieb unbewegt. Nur seine rechte Hand schloss sich einmal und öffnete sich wieder. Hinter ihm ragte der erste Sitz schwer und still. Unter dem Stein lag, was nicht mit aufstand, nicht mitsprach und doch alles hielt.

    Darauf sprach Gaia, ohne den Ort zu wechseln. „Vor allen“, sagte sie. „Und auf demselben Grund.“

    Kronos wandte den Kopf zu ihr. „Du hast das Urteil gesprochen.“

    „Ich spreche kein neues“, entgegnete Gaia. „Ich nenne nur, woran dieser Platz hängt.“

    Ein kurzer Laut ging durch die Reihe der Titanen und verstummte. Niemand trat zurück oder ging.

    Dann hob Iapetos die Stimme. „Dann bleib nicht stehen, Kronos. Ist dies dein Hof, ist dies dein Sitz, ist dies deine Ordnung, dann binde den zweiten Platz an sie: sichtbar, jetzt.“

    Koios trat einen halben Schritt weiter. „Oder lass vor allen sehen, dass dein Vorrang keinen zweiten Stein neben sich duldet.“

    Das traf. Trocken und ohne Hast.

    Kronos musterte die beiden, erst Koios, dann Iapetos. In ihren Gesichtern lag kein Zögern. Sie drängten nicht aus Schonung. Sie drängten, weil der Hof an dieser Stelle nicht leer stehen durfte. Nachdem Okeanos den Widerspruch geöffnet hatte, verlangten sie nun Form.

    Rhea wartete.

    Sie senkte den Blick nicht. „Ich gehe nicht aus Unwissen“, sagte sie. „Ich gehe auch nicht, damit man später sagt, dies habe nicht zu deinem Namen gehört. Wenn ich dort sitze, sitze ich an deinem Werk. Das soll jeder hier wissen.“

    Okeanos atmete hörbar aus und fixierte sie scharf. „Dann weißt du genug, um nicht zu gehen.“

    Rhea drehte den Kopf zu ihm. „Ich weiß genug, um nicht im Dunkeln zu stehen.“

    „Im Dunkeln stehst du dort erst recht.“

    „Dann sieht man mich dort.“

    Für einen Augenblick sagte niemand etwas.

    Dann trat Kronos endlich vom ersten Sitz weg. Langsam, ohne Eile. Jeder Schritt war auf dem Stein zu hören. Er schritt an dem freien Platz vorbei, wandte sich dann und hielt zwischen beiden Sitzen inne. So stand er vor den Versammelten, der erste Stein hinter seiner linken Schulter, der zweite hinter seiner rechten.

    „Ihr wollt Sichtbarkeit“, sagte er. „Ihr sollt sie haben.“

    Sein Blick ging über den Hof, über Koios, über Iapetos, über Okeanos, über Gaia. Dann blieb er auf Rhea liegen, und seine Stimme wurde nicht lauter. „Du verlangst, dass niemand deinen Platz von meinem trennt.“

    Rhea antwortete sofort. „Ja.“

    „Du verlangst, dass niemand später von einem anderen Namen spricht.“

    „Ja.“

    „Du weißt, dass dieser Sitz nicht frei ist von dem, was unter ihm gehalten wird.“

    Kein Zittern ging durch sie. Sie stand still. „Ich weiß, dass er daran hängt.“

    Okeanos bewegte sich nun doch. Nur ein Schritt, nicht mehr. „Und das genügt euch.“

    Gaia sah ihn an, dann wieder zu Kronos und Rhea. „Es genügt nicht“, sagte sie. „Aber es wird gesetzt.“

    Kronos hob die Hand und wies auf den zweiten Sitz.

    Die Geste war fest.

    „Rhea“, sagte er. „Frau meines Hauses.“

    Die Worte fielen schwer in die Stille. Einige der Titanen senkten den Blick. Andere sahen nur schärfer hin. Koios blieb aufgerichtet. Iapetos rührte sich nicht. Okeanos’ Gesicht verhärtete sich. Gaia nahm die Worte an, ohne sie zu bestätigen.

    Rhea ließ die Anrede stehen, ohne zu widersprechen. Dann ging sie.

    Ihre Schritte waren ruhig. Sie ging an Kronos vorbei, so nah, dass ihre Gewänder sich beinahe streiften. Dann stand sie vor dem zweiten Steinsitz und verharrte dort einen Herzschlag lang.

    Niemand sprach.

    Der Hof hielt den Atem an.

    Rhea legte die Hand an die Kante des Steins: kalt, rau, öffentlich. Ihr Blick strich nicht noch einmal über den Sitz, sondern durch die Reihen der Versammelten, als wolle sie jedes Gesicht festhalten, das Zeuge war. Dann wandte sie sich und setzte sich, ohne Zögern, ohne Eile. Endgültig.

    Der zweite Sitz war nicht mehr leer.

    Kronos blieb noch stehen, während sein Blick über den Hof glitt.

    Niemand trat vor, niemand sprach zuerst. Der zweite Sitz war nun neben dem ersten besetzt. Der Abstand zwischen beiden war klein genug, dass jeder ihn wahrnahm.

    Kronos trat einen halben Schritt an Rhea heran und legte ihr die Hand auf die Schulter.

    Weder sanft noch hart, nur fest genug, dass niemand die Geste missverstehen konnte.

    Rhea hob den Kopf nicht zu ihm, sondern blieb sitzen. Ihr Rücken war gerade. Ihre Hände lagen ruhig auf dem kühlen Stein. Sie duldete die Hand, ohne sich ihr zuzuneigen.

    Ein Laut ging durch die Reihen, eher ein kurzes Einziehen von Atem als offener Widerspruch.

    Kronos ließ die Hand dort einen Schlag lang ruhen und zog sie dann zurück.

    Okeanos trat nun doch vor. Nur so weit, dass seine Stimme den ganzen Hof sicher erreichte. „Dann setzt du sie.“ Er blieb vor den ersten Reihen stehen. „Und du bindest die unter dem Hof an deinen Namen.“

    Kronos musterte ihn und schwieg.

    Okeanos’ Stimme wurde nicht lauter, und gerade deshalb trug jedes Wort bis an den Rand der Versammlung. „Du sitzt über ihnen. Nun sitzt sie neben dir. Wer heute diesen Platz anerkennt, erkennt damit auch an, was darunter eingeschlossen bleibt.“

    Mehrere Blicke gingen unwillkürlich zum Steinboden. Zu den Rissen, die noch immer durch den Hof liefen. Zu der Stelle nahe dem ersten Sitz, an der der Stein nicht mehr unversehrt war.

    Rhea wandte den Kopf leicht. Statt Okeanos anzusehen, blickte sie geradeaus in die Versammlung. Ihr Gesicht blieb verschlossen. Nur ihre Finger zogen sich einmal fester um die kalte Kante des Sitzes.

    Koios hob die Stimme, bevor das Schweigen wieder offen werden konnte. „Der Einwand ist gesprochen“, erklärte er. „Er steht.“ Sein Blick lag auf Okeanos, dann auf Kronos. „Aber Schwebe setzt nichts. Wenn der Platz benannt ist, muss er vollendet werden.“

    Okeanos drehte sich zu ihm. „Vollendet?“

    „Ja.“ Koios hob die offene Hand zu den beiden Sitzen. „Vollendet, jetzt; sonst bleibt die Versammlung im Zwischenstand. Das ist schwächer als Härte. Das ist Unordnung.“

    „Du nennst das Ordnung“, entgegnete Okeanos.

    Koios antwortete ohne Zorn. „Ich nenne es Setzung. Ob sie dir gefällt, ist nicht die Frage.“

    Gaia trat einen Schritt vor. Die Reihen öffneten sich vor ihr ohne ein Wort. Ihr Blick lag zuerst auf Rhea, dann auf dem Stein unter ihr, dann auf Kronos. „Hört es alle“, rief sie. „Dieser Sitz ist gesetzt.“ Die Luft blieb still unter ihrer erhobenen Autorität. „Wenn jemand sie von dort angreift, greift er den Sitz des Othrys an.“

    Die Worte fielen klar in den Hof.

    Während sie schwieg, widersprach niemand.

    Dann sah Gaia weiter in die Reihen. „Nicht Frieden“, sagte sie. „Keine Vergebung. Sondern Bindung.“ Erst dann wandte sie sich wieder Kronos zu. „Wenn du sie dorthin setzt, steht sie dort nicht auf Gnade.“

    Von nichts Sichtbarem getrieben atmete Rhea einmal tief ein. Mehr regte sich nicht an ihr.

    Während Okeanos’ Blick auf Kronos blieb, sagte er: „Du hörst es. Inzwischen hören es alle. Von heute an trägt dein Haus auch das, was du unten verschließt.“

    Wieder antwortete Kronos nicht. Sein Gesicht blieb unbewegt, und sein Schweigen hielt den Hof fest.

    Aus der Tiefe kam ein dumpfer Stoß.

    Ein dumpfes Beben lief durch den Stein unter ihren Füßen. Zu schwach, um jemanden ins Wanken zu bringen. Stark genug, dass mehrere Titanen unwillkürlich ihren Stand änderten.

    Für einen Atemzug sagte niemand etwas, und einige blickten wieder zu Boden. Danach hob Iapetos den Kopf, während Hyperion die Augen verengte. Themis stand still, die Hände ineinandergelegt. Mnemosyne blickte lange auf den Riss nahe dem ersten Sitz und dann auf Kronos.

    Rhea saß weiter unbewegt.

    Kronos wandte den Blick nicht nach unten. Er ließ ihn über die Versammelten gehen, dann zu Okeanos. Langsam senkte sich seine rechte Hand zur Sichel an seiner Seite. Er hob sie nicht; die Finger lagen nur am Griff.

    Okeanos bemerkte die Bewegung, brach seinen Stand nicht, ging aber auch nicht weiter vor.

    Koios trat zwischen die Linien der Blicke, nicht weit, nur weit genug, dass der nächste Schritt sichtbar an ihm vorbeigeführt hätte. „Genug“, sagte er. „Die Versammlung hat den Widerspruch gehört. Sie hat den Platz gesehen.“ Sein Ton blieb hart und eben. „Was noch fehlt, ist der Abschluss.“

    Gaia nickte einmal. „Setz dich, Kronos.“

    Es war kein Zuspruch, sondern eine Forderung, und Kronos ließ den Griff der Sichel los. Seine Hand sank an seine Seite zurück.

    Er drehte sich zum ersten Sitz.

    Für einen kurzen Augenblick standen beide Sitze nebeneinander vor aller Augen: Rhea rechts, gesetzt durch seine Hand; der erste noch leer; Kronos davor. Kein Wort fiel in diesen Raum.

    Rhea hob jetzt den Blick zu ihm. Ihr Blick hielt an ihm fest, bis er an ihr vorbeiging.

    Er blieb noch einmal neben ihr stehen. Nah genug, dass jeder den Abstand maß. Dann legte er ihr ein zweites Mal die Hand auf die Schulter.

    blieb nicht ungesehen.

    Mehrere Köpfe hoben sich zugleich. Nicht rasch, nicht erschrocken, sondern mit jener genauen Aufmerksamkeit, die aus einem Zeichen einen Beschluss machte. Die Häuser sahen hin, während Okeanos’ Gesicht sich weiter verhärtete. Gaia rührte sich nicht. Koios stand noch zwischen den Linien, doch nun galt seine Aufmerksamkeit nur dem unbesetzten ersten Sitz.

    Kronos löste die Hand von Rheas Schulter und trat vor seinen Platz. Der Stein unter dem Sitz war gerissen; der Bruch lief schmal aus dem Bereich des Verschlusses herauf und verlor sich unter der Vorderkante. Er sah ihn, setzte den Fuß daneben, drehte sich zu den Versammelten und setzte sich.

    Der Hof hielt still, und ein Zug ging durch die Reihen. Nicht laut, nicht einheitlich, aber sichtbar. Schultern sanken. Hände legten sich enger an Gewänder oder Waffen. Manche senkten den Blick sofort, andere erst nach einem letzten Messen des Bildes oben am Stein. Nun saßen beide dort: er auf dem ersten Platz, Rhea auf dem zweiten. Zwischen und unter ihnen lag der geschlossene Grund. Dass Rhea sich selbst gesetzt hatte, machte das Bild nicht schwächer. Der Hof nahm es als Anspruch an.

    Okeanos sprach zuerst. „Nun trägt es alles deinen Namen.“

    Seine Stimme lag ohne Schärfe über dem Hof; gerade deshalb blieb sie dort hängen.

    „Der erste Platz. Der zweite. Der verschlossene Stein darunter.“ Er hielt Kronos fest im Blick. „Wer jetzt den Hof nennt, nennt dich. Wer fragt, was darunter liegt, fragt nach deiner Herrschaft.“

    Kronos antwortete nicht sofort. Seine Hände lagen auf den Lehnen. Der Stein war kalt und rau unter seinen Fingern. Durch die Sohle seines rechten Fußes kam noch ein Rest der letzten Erschütterung. Aus der Tiefe kam nichts mehr nach oben. Weder Stoß noch Schlag. Aber er wusste, was dort unten stand, was im Eisen hing, was an dem Torblock nicht tot war.

    Dann wandte Gaia den Kopf ein wenig, bis sie beide Sitze sah. Sie sprach zu den Versammelten, nicht zu ihm. „Seht genau hin. Das ist kein leerer Hof. Das ist kein Anfang.“

    Ihre Stimme schnitt durch jede Haltung, die das Bild schon ordnen wollte.

    „Über gebundenem Grund sitzt ihr Herr.“ Ein kurzer Atemzug. „Und nicht allein.“

    Rhea bewegte sich nicht. Nur ihre Finger schlossen sich fester um die Kante ihres Sitzes. Wer weit unten stand, mochte es nicht sehen. Er sah es, als Gaia fortfuhr. „Ihr wolltet Form. Ihr habt Form. Ihr wolltet Abschluss. Ihr habt ihn.“ Jetzt sah sie ihn an. „Und was darunter liegt, wird nicht kleiner, nur weil du darauf sitzt.“

    Koios griff das Wort auf, ehe sich aus den Reihen neue Unruhe lösen konnte. „Der Hof ist gesetzt“, sagte er. „Die Sitze sind besetzt. Die Versammlung braucht nun das Herrschaftswort.“

    Er sprach hart und nüchtern. Keine Zustimmung lag darin. Nur die Forderung, dass der sichtbare Vollzug nicht offenbleiben dürfe.

    Kronos hob den Kopf. Sein Blick glitt über Koios, dann über Okeanos, dann über die Häuser. In vielen Gesichtern erkannte er den Wunsch, dass endlich ein Satz falle, auf den man sich legen konnte, ein Satz, der Stand gab.

    „Hört mich“, sagte er.

    Der Hof wurde still.

    „Der Othrys ist mein Sitz.“ Seine Stimme trug über den Stein und zurück. „Wer dort Ordnung sucht, sucht sie unter meinem Wort. Wer hier Schutz fordert, fordert ihn von mir. Wer gegen diesen Platz steht, steht gegen mich.“

    Er ließ den Satz nicht fallen, bevor er zu Ende war. Er zwang ihn durch die Reihen.

    Dann fragte Okeanos: „Und gegen sie?“

    Kronos wandte den Blick zu ihm.

    Okeanos zeigte nicht mit der Hand, denn er musste es nicht. Jeder wusste, wen er meinte. Rhea saß unbewegt neben ihm, aufrecht, den Blick nach vorn gerichtet. Nicht zu Okeanos, nicht zu Gaia, nicht zu den Häusern.

    Kronos sprach in dieselbe Stille hinein. „Wer sie auf diesem Platz angreift, greift den Othrys an.“

    Einige der Versammelten senkten daraufhin sofort den Blick, andere hielten ihn oben, jetzt erst recht. Iapetos’ Kiefer arbeitete einmal. Hyperion stand starr. Themis schloss die Hände fester ineinander. Mnemosyne blickte von Rhea zu ihm und wieder zurück.

    Okeanos’ Stimme blieb flach. „Dann bindest du sie öffentlich an deinen Namen.“

    „Sie sitzt dort öffentlich“, erwiderte er.

    Mehr sagte er nicht. Doch gerade in der Kürze lag die Härte. Er nahm weder Abstand noch Zuflucht zu einer Schutzbehauptung. Er ließ den Satz stehen und machte aus ihrem sichtbaren Platz einen Teil seines Anspruchs.

    Rhea drehte den Kopf nicht, doch ihr Atem hob sich einmal tiefer, dann blieb sie wieder still.

    Gaia sah das und sprach sofort. „Auch das hören alle.“ Ihre Stimme blieb fest. „Dein Verschluss ist es nicht allein. Auch ihr Platz wird in dein Wort gezogen.“

    Koios fuhr dazwischen, bevor Okeanos wieder ansetzen konnte. „Dann vollende es ganz“, sagte er. „Sprich aus, was für den Hof gilt. Nicht in Teilen.“

    Kronos ließ sich nicht drängen, doch er griff die Forderung auf. Er erhob sich nicht. Er sprach vom Sitz aus.

    „Niemand rührt den verschlossenen Zugang an.“

    Der Satz stand über dem Hof, und niemand antwortete sofort. Der Rauch der Opferstelle stieg nicht auf. Er zog flach über die Steinplatten, über die Füße der Versammelten, gegen die Stufen des Sitzes.

    Dann ging ein Stoß durch den Boden, nicht stark genug, um jemanden zu Boden zu werfen, aber stark genug, dass mehrere den Stand veränderten. Ein dumpfer Schlag kam aus der Tiefe. Dann noch einer. Näher unter dem Hof als fern im Berg.

    Schweigen lag über den Reihen, während Kronos reglos sitzen blieb.

    Die Bewegung lief durch den Stein unter Rhea hindurch. Sie hob die Hände nicht zum Sitz, hielt sich nicht fest. Ihr Blick blieb nach vorn gerichtet. Nur ihre Schultern spannten sich.

    Dann trat Gaia einen Schritt durch den niedrigen Rauch. Ihr Gewand nahm den Geruch an. Ihre Augen ruhten fest auf Kronos.

    „Er hört nicht auf“, sagte sie.

    Kronos ließ den Blick auf ihr ruhen, ohne sich zu regen.

    Gaia hob die Stimme nicht, und gerade deshalb trug sie weit. „Der Grund nimmt deine Rede nicht an.“

    Ein Murmeln ging durch die hinteren Reihen und brach gleich wieder ab. Themis hob den Kopf. Hyperion stand noch immer unbeweglich, aber seine Stirn spannte sich. Iapetos blickte kurz auf den Stein vor dem Sitz, dorthin, wo der Riss lag.

    Okeanos trat nicht vor. Er verharrte, wo er stand, und sprach in dieselbe Richtung wie Gaia. „Dann ist das noch nicht die Antwort.“

    Kronos’ Blick glitt zu ihm. „Ich habe gesprochen.“

    „Über den Zugang“, sagte Okeanos. „Nicht über den Fluch.“

    Bei diesem Wort spannte sich der Hof. Es war nicht neu an diesem Ort, aber noch nie hatte es so offen zwischen erstem und zweitem Sitz gestanden.

    Rhea bewegte endlich den Kopf, nur so weit, dass Okeanos an den Rand ihres Blicks trat. Dann richtete sie ihn wieder nach vorn.

    Danach trat Gaia noch einen Schritt näher. Rauch strich um ihre Beine. „Er wurde auf dich gelegt“, sagte sie. „Vor allen. Mit dem Blut noch auf deiner Hand.“

    Kronos’ Gesicht veränderte sich nicht.

    „Uranos sprach gegen den Sohn, der ihn stürzte“, fuhr Gaia fort. „Und du hast seitdem jedes Wort darauf gelegt, dass dein Sitz hält. Du verschlossest und setztest. Du nahmst. Du hast den Hof auf einen Grund gestellt, der nicht still ist. Nun willst du, dass auch dies schweigt.“

    Ihr Kopf blieb von Rhea abgewandt, als sie den nächsten Satz sprach.

    „Es wird nicht schweigen.“

    Wieder kam ein Schlag aus der Tiefe, kürzer diesmal. Der Rauch zitterte flach über dem Stein.

    Koios verzog den Mund. „Dann sprich klar, Gaia. Nicht in Stücken.“

    Gaia wandte den Kopf nicht zu ihm. Sie ließ den Blick auf Kronos. „Klar genug ist es längst.“

    Okeanos nahm ihr das Wort nicht ab; er schnitt nur den letzten Weg zum Ausweichen ab. „Sag vor allen, worauf der Fluch nun fällt.“

    Jetzt gingen mehrere Blicke zu Rhea.

    Die Aufmerksamkeit löste sich von Kronos und fiel auf sie. Nicht aus einem einzelnen Gesicht, sondern aus mehreren zugleich. Auf ihre Brust. Auf ihren Leib. Auf den Platz, auf den er sie gesetzt hatte.

    Sie blieb sitzen, während Gaia eine kurze Stille entstehen ließ. Dann sprach sie das Urteil.

    „Auch auf das, was aus ihr kommt.“

    Der Hof hielt den Atem an.

    Der Rauch lag zwischen den Sitzen. Rhea hob das Kinn nicht und senkte es nicht. Doch ihre Finger schlossen sich langsam um die Kante ihres Gewands.

    Für einen Schlag schloss Mnemosyne die Augen, und Themis richtete den Blick nun offen auf Rhea. Hyperion wandte sich Kronos zu. Iapetos atmete hörbar durch die Nase aus.

    Ohne jede Schärfe und gerade darum unerbittlich sagte Okeanos: „Dann ist sie mitgemeint. Vor allen.“

    Niemand konnte jetzt noch so tun, als sei dies nur ein Streit um Worte. Offen stand der zweite Sitz im Blick des ganzen Hofes. Rhea saß darauf, und Gaias Satz hatte ihren Leib in die Mitte gezogen.

    Kronos sprach noch immer nicht.

    Dann setzte Gaia nach. „Du hast sie an deinen Namen gebunden. Jetzt höre auch dies: Was aus diesem Bund kommt, steht nicht außerhalb dessen, was gegen dich gesprochen wurde.“

    Rhea drehte diesmal den Kopf ganz zu Kronos.

    Erst nach einem Atemzug hob er den Blick zu ihr. Sein Gesicht blieb hart. In seinen Augen lag keine Unsicherheit. Er maß den Hof, die Reihen, Gaia, Okeanos, den zweiten Sitz. Vor allen war es ausgesprochen worden. Auch Schweigen bedeutete hier Verlust.

    Okeanos gab ihm keine Frist. „Antwort.“

    Kronos stand nicht auf. Er brauchte die Bewegung nicht. Er saß auf dem ersten Sitz über dem verschlossenen Grund, und der Hof sah zu ihm auf.

    „Gaia legt Worte auf Ungeborene“, sagte er. „Ich lasse nicht zu, dass aus einem gesprochenen Fluch ein offenes Tor wird. Was aus meinem Haus kommt, fällt unter meinen Schutz und unter meine Hand.“

    „Du legst längst Ansprüche auf sie“, erwiderte Okeanos sofort. „Du hast sie eben erst an deinen Namen gebunden. Willst du nun sagen, was ihr Platz unter …“

    „…deinem Wort ist? Oder willst du vor allen stehen lassen, dass du sie mit in den Fluch setzt?“

    Der Rauch strich flach über die Steine. Er hing zwischen den Sitzen und zog nicht auf. Unter dem Hof kam ein dumpfer Stoß, so gedämpft, dass er dennoch niemandem im Rund entging.

    Kronos wandte den Kopf nicht zu Okeanos. Sein Blick blieb auf Rhea gerichtet. Sie saß auf dem zweiten Sitz, den Rücken gerade, die Hand noch immer im Stoff ihres Gewands. Sie wich ihm nicht aus.

    „Sprich“, sagte sie.

    Kein Laut lag zu viel in ihrer Stimme. Sie flehte nicht, bat nicht. Sie gab ihm nichts, worin er sich bergen konnte.

    Wieder kam ein Stoß aus der Tiefe, während Themis unbewegt stand.

    Mnemosyne hatte die Hände ineinandergelegt. Hyperion blickte erst zu Kronos, dann auf den Rauch am Boden. Iapetos hielt den Kiefer fest zusammen, und niemand sprach dazwischen.

    Kronos erhob sich nicht von seinem Sitz. Er legte nur die Hand auf die Lehne. „Mein Haus“ – seine Stimme blieb hart – „steht nicht unter Gaias Zunge.“

    Gaia antwortete sofort. „Dein Haus steht auf Grund, der dir widerspricht.“

    Sie machte keinen Schritt nach vorn. Sie brauchte es nicht. Ihre Stimme reichte über den Hof, ruhig, fest, ohne Eile.

    „Der Rauch steigt nicht. Der Hof nimmt dein Opfer nicht an. Der Grund antwortet unter dir. Und du meinst noch immer, dein Wort könne stehen, wo selbst der Boden gegen dich spricht.“

    Kronos’ Blick ging endlich zu ihr. „Du redest gegen die Ordnung.“

    Während sie ihn ansah, erwiderte Gaia: „Ich rede gegen das, was du daraus gemacht hast.“

    Okeanos trat einen halben Schritt vor. „Es gilt nicht der Ordnung. Dir.“

    Kronos maß ihn nur einen Augenblick. Dann blickte er wieder zu Rhea. In diesem Blick lagen Besitz und Prüfung. Der zweite Sitz stand offen neben ihm, und niemand im Hof konnte ihn noch für ein Zeichen bloßer Gunst halten.

    Rhea ließ die Kante ihres Gewands los. Ruhig ruhte ihre Hand nun auf ihrem Knie. Ohne den Blick zu senken, sagte sie: „Ich nehme kein stummes Schweigen an meiner Stelle. Nicht von dir.“

    Danach ging ein leiser Zug durch die Reihen. Mehr als Unruhe war es das Zeichen, dass nun jeder begriff, dass sie ihre Forderung nicht zurücknahm.

    Hart klang Kronos’ Stimme. „Du sitzt auf diesem Platz.“

    „Ich weiß, wo ich sitze.“

    „Dann weißt du auch, was das bedeutet.“

    Ohne Zögern sagte sie: „Ja. Darum fordere ich Antwort.“

    Ein nächster Schlag drängte unter den Steinen herauf. Gleich darauf folgte ein zweiter, dicht dahinter. Der Rauch zuckte an manchen Stellen, hob sich aber nicht weiter.

    Mit erhobenem Blick rief Gaia: „Hör hin. Sogar jetzt. Du sitzt darüber und sprichst von deinem Haus.“

    Da schnitt Kronos ihr das Wort ab. „Genug.“

    Zum ersten Mal lag offene Schärfe in seiner Stimme. Einige in den hinteren Reihen richteten sich auf. Doch Gaia schwieg nur, und gerade das ließ den Befehl leer stehen.

    Da fing Okeanos ihn auf. „Nein. Das reicht nicht, solange du ausweichst.“

    Kronos stand nun auf.

    Die Bewegung war knapp, schnell, ohne Zögern. Der erste Sitz lag hinter ihm, hoch über dem verschlossenen Grund. Für einen Augenblick standen beide Sitze nebeneinander leer und besetzt zugleich: der eine durch seine Nähe, der andere durch Rhea, die nicht wich.

    Kronos trat einen Schritt vor den Sitz, während der Rauch ihm um die Knöchel strich. Er beachtete ihn nicht.

    „Ihr wollt ein Wort vor allen“, sagte er. „Ihr sollt es haben.“

    Seine Stimme trug über den Hof. Die Priester schwiegen, selbst der Wind regte sich nicht. Der Rauch blieb flach.

    Rhea blickte zu ihm auf, ohne den Kopf zu senken. In ihrem Gesicht stand keine Furcht offen. Doch nun lag auch keine Deckung mehr zwischen ihnen.

    Gaia stand mit beiden Füßen fest auf den Steinen. Okeanos verschränkte die Hände hinter dem Rücken. Keiner von beiden nahm den Blick von Kronos.

    Statt den Arm zu heben, schwor er nicht bei Erde, nicht bei Himmel. Er setzte nur seine Stimme in den Raum, hart und ohne Öffnung.

    „Rhea sitzt an meiner Seite“, sagte er. „Nicht außerhalb meines Hauses. Nicht außerhalb meines Namens.“

    Ein dumpfer Stoß lief durch den Boden.

    Er sprach darüber hinweg, und niemand bewegte sich.

    „Gaia hat den Fluch vor alle gelegt. Dann bleibt nichts mehr dem Zufall. Was aus Rhea kommt, gehört nicht nur zu meinem Haus. Es steht seit diesem Wort unter Verdacht.“

    Der Satz ließ den Hof still werden.

    „Kein Kind aus Rheas Leib wird je gegen mich aufstehen.“

    Der Satz stand im Hof.

    Niemand bewegte sich. Selbst Okeanos antwortete nicht sofort. Rauch lag zwischen den Steinen. Dann kam von unten ein schwerer Schlag, tiefer als die vorigen. Er fuhr durch den Boden unter dem ersten Sitz. Ein zweiter folgte.

    Rhea hatte nicht gezuckt. Doch ihre Finger pressten sich jetzt fest und still gegeneinander. Sie blickte Kronos an, und in diesem Blick lag nichts mehr von der früheren Hoffnung, ihn durch Warnung noch an eine Grenze zu bringen. Er hatte gesprochen. Vor allen.

    Gaia war die Erste, die den Satz annahm und gegen ihn stellte.

    „Hört ihn“, sagte sie in den Hof. „Nicht Bitte. Nicht Schutz. Nicht Lösung.“

    Sie wandte

    te sich nicht an ihn, sondern an die Reihen.

    „Er nennt, was aus ihr kommt, sein Haus. Und schon jetzt spricht er dem Leben ab, was ihm aus diesem Haus gefährlich werden kann.“

    Der Rauch hing niedrig. Niemand trat vor. Inzwischen war das Geräusch aus der Tiefe verstummt, doch der Stein unter Kronos’ Sitz hielt die Spannung.

    Rhea sagte: „Das war nicht meine Frage.“

    Kronos sah sie an.

    Dennoch verharrte sie. Ihre Stimme blieb fest. „Ich fragte dich nicht, wem mein Leib gehört. Ich fragte, was du tust, wenn dennoch ein Kind aus mir gegen dich geboren wird.“

    Wieder Stille.

    Als Gaia nun den Kopf zu ihm hob, sagte sie: „Antworte ihr. Vor allen. Leg deinen Namen nicht über sie.“

    Mit offenen Händen trat Okeanos einen Schritt vor, damit jeder sah, dass er nichts zog. „Antworte so, dass der Hof es tragen kann.“

    Am ersten Sitz blieb Kronos stehen. Eine Hand lag auf der Lehne, die andere nahe an der Sichel. Einen Moment schwieg er. Dann glitt sein Blick über Gaia, über Okeanos, über die Versammelten und kehrte zu Rhea zurück.

    „Ich habe gesprochen.“

    „Nein“, erwiderte Rhea.

    Hart und ohne Lautstärke fiel das Wort.

    „Du nanntest Besitz. Du nanntest Abwehr. Ich verlange die Antwort.“

    Unter dem Stein erklang ein dumpfer Stoß. Nicht laut. Nah. Mehrere in den Reihen senkten unwillkürlich den Blick zum Boden.

    Gaia sagte: „Der Hof verlangt sie mit.“

    Kronos’ Gesicht blieb unbewegt. „Wenn aus deinem Leib etwas kommt, das gegen meinen Sitz steht, dann wird es nicht gegen mich aufstehen.“

    Rhea hielt seinen Blick. „Warum?“

    Er antwortete nicht.

    Okeanos sagte in die Stille: „Sag es ganz.“

    Kronos drehte den Kopf nur wenig zu ihm. „Du forderst viel für einen, der schon einmal zwischen meine Hand und meinen Stein gegriffen hat.“

    Okeanos wich nicht zurück. „Und du drohtest mir dafür mit der Sichel. Vor allen. Ich stehe noch immer hier. Sag es ganz.“

    Ein Schlag ging durch den Boden, schwerer als der vorige. Einige in den Reihen zuckten nun offen zusammen. Rauch schob sich flach über die Opfersteine und löste sich nicht.

    Gaia sprach in denselben Schlag hinein. „Du hast den Vater mit Eisen gestürzt und seinen Fluch empfangen. Nun richte deinen Mund nicht auf Nebel. Sag, ob derselbe Weg in deinem Haus gelten soll.“

    Kronos wandte sich wieder an Rhea. „Ich dulde nichts gegen meine Herrschaft. Der Fluch kam durch den Sohn. Ich lasse ihm keinen Sohn mehr, durch den er sich erfüllt.“

    „Auch nicht aus mir?“, fragte sie.

    „Auch nicht aus dir.“

    Sofort standen die Worte zwischen ihnen. Sie nahm sie hin, ohne die Lider zu senken.

    „Dann noch einmal“, sagte sie. „Nicht, was du duldest. Was tust du?“

    Inzwischen unterbrach niemand sie. Nicht einmal jene, die Kronos bislang gefolgt waren. Der zweite Sitz neben ihm war leer. Offen und sichtbar stand er da und machte ihre Frage nur härter.

    Gaia sagte leise: „Jetzt, Kronos.“

    Dann sprach Okeanos das Wort, das seit Tagen im Hof lag und noch niemand offen gesetzt hatte.

    Wie ein Schlag lag es im Hof. „Wiederholer.“

    Kronos’ Blick fuhr zu ihm.

    Der Flussgott hielt stand. „Wiederholer des Uranos. Du nimmst den Platz ein und führst die Hand weiter. Nur unter anderem Namen.“

    Kein Aufruhr ging durch die Menge. Gerade das wog schwerer, weil niemand Okeanos zurückrief. Niemand nannte die Rede frevelhaft. Der Satz blieb liegen.

    Kronos’ Finger schlossen sich um die Lehne des Sitzes. „Miss deinen Mund.“

    „Miss deine Tat“, sagte Okeanos.

    Gaia trat nun ganz aus der Reihe. „Er muss seinen Mund nicht messen. Ich sage es mit. Du hast eben selbst deinen künftigen Bund unter den Fluch gestellt. Nicht nur dich und nicht nur den Sitz. Sie.“ Sie zeigte auf Rhea. „Und was aus ihr kommt.“

    Rhea wandte den Kopf zu Gaia. Zum ersten Mal in diesem Streit lag in ihrem Gesicht ein kurzes Erkennen, kalt und scharf. „Was sagst du?“

    Gaia sah sie an. „Der Fluch ruht nicht allein auf ihm. Er geht in sein Haus. Wenn du an seinen Namen gebunden wirst, trifft er auch, was aus dir und ihm kommt.“

    Rhea antwortete nicht sofort. Ihre Hand glitt an die Kante des zweiten Sitzes. Als die Knöchel weiß hervortraten, hob sie den Blick wieder zu Kronos.

    „Hast du das gewusst?“

    Kronos schwieg.

    „Hast du vor allen davon gesprochen?“

    Er schwieg einen Atemzug zu lang. Das genügte.

    Dann stand Rhea auf.

    Niemand machte Platz; der Kreis tat es von selbst. Ihr Gewand strich über den Stein. Sie blieb zwischen dem zweiten Sitz und dem freien Hof stehen, dem ersten Sitz gegenüber.

    Der Schlag kam genau unter dem ersten Sitz. Kurz darauf ein zweiter. Tiefer. Aus der verbauten Tiefe antwortete etwas dumpf gegen den Stein, dann noch einmal.

    Der Hof hielt still.

    Niemand sprach in den Schlag hinein. Inzwischen standen selbst die Diener an den Rändern mit gesenkten Armen, ohne sich zu rühren. Unter dem ersten Sitz saß das Geräusch noch im Stein, stumpf und schwer, und jeder im Rund wusste jetzt, woher es kam, auch wenn keiner es benannte.

    Er hatte Rhea nicht aus den Augen gelassen. Sein Gesicht verhärtete sich dabei, zunächst rechnend. Er erhob sich nicht. Er verharrte auf dem ersten Sitz und blickte zu ihr hinüber, die nun zwischen seinem Platz und dem offenen Hof stand, für alle sichtbar, nicht mehr an seiner Seite und doch noch immer von dort her lesbar.

    „Ich tue, was nötig ist“, sagte er.

    Sie regte sich nicht. „Nein.“

    Ein leises Ziehen ging durch die Reihen. Sie ließ es stehen.

    „Nicht wieder diese Worte“, sagte sie. „Nicht vor ihnen. Nicht jetzt.“

    Kronos’ Hand schloss sich um die Lehne.

    Dennoch hob Rhea die Stimme nicht, aber sie trug über den Hof. „Ich habe nach deinem Kind gefragt. Nach meinem Leib. Nach dem, was du tun wirst. Nicht nach deinem Namen für Gewalt.“

    Gaia stand unbewegt. Okeanos richtete den Blick auf ihn und wandte ihn nicht ab.

    Kronos antwortete langsam, und eben das machte seine Worte schwerer. Dann sagte er: „Wenn ein Kind aus dir kommt, gehört es mir.“

    Keiner unterbrach ihn.

    Rhea musterte ihn. In ihrem Gesicht lag nichts Weiches mehr. Sie nahm jedes Wort auf und ließ ihm keinen Ausweg.

    „Mir überlassen“, wiederholte sie. „Wozu?“

    Kronos’ Blick veränderte sich jetzt doch. Der Fluch stand wieder offen vor ihm; nicht mehr fern, nicht mehr als Drohung gegen Uranos, sondern gegen sein eigenes Haus. Was bei seinem Vater begonnen hatte, sollte bei ihm enden. Er zog den Atem flach ein.

    „Damit es nicht gegen mich aufsteht“, sagte er.

    Der Satz lag offen zwischen ihnen. Die Anwesenden konnten nicht mehr so tun, als hätten sie ihn nicht gehört.

    Rhea nickte einmal, keine Zustimmung, sondern die Annahme des Gesagten.

    „Dann sag es ganz.“

    Kronos’ Kiefer spannte sich.

    Trotzdem sagte Rhea: „Sag es. Vor Gaia. Vor Okeanos. Vor allen, die hier stehen.“

    Wieder dieses kurze, dichte Schweigen. Der Wind strich über den Opferplatz. Irgendwo am Rand schlug ein loses Metallstück gegen Stein und kam sofort wieder zur Ruhe.

    Dann sagte Kronos: „Jedes Kind, das aus deinem Leib kommt, muss mir bei der Geburt ausgehändigt werden. Nicht eines entgeht mir. Nicht eines wächst im Verborgenen gegen meinen Sitz.“

    Diesmal ging ein hörbarer Zug durch den Hof. Nur Atem brach und wurde gehalten. Manche senkten den Blick. Andere hoben ihn erst recht und blickten zu Rhea, nicht zu ihm. Denn nun stand es nicht mehr im Raum eines Streits. Als Wort des Herrschers lag es auf den Ort gelegt.

    Rhea wandte den Kopf nicht zu den Reihen. Sie hielt bei Kronos aus.

    „Gesagt hast du es“, erwiderte sie. „Dann höre nun du mich. Dieses Wort nimmst du nicht zurück. Nicht morgen, nicht im Gemach, nicht unter vier Augen, nicht gegen mich allein.“

    Sie hob die Hand und wies nicht auf ihn, sondern in den Kreis.

    „Vor Gaia nicht. Nicht vor Okeanos. Vor diesem Hof nicht. Du hast gesprochen, und alle haben es gehört.“

    Dann trat Gaia einen Schritt vor. Ihre Stimme schnitt in die Stille, ohne sich zu heben. „Er hat nicht gesprochen, um dem Fluch zu entgehen. Er hat ihn ins eigene Haus gesetzt.“

    Kronos fuhr zu ihr hin. „Schweig.“

    Doch Gaia schwieg nicht. „Du nimmst nicht Schutz über das, was kommen soll. Du erklärst es zum Feind, noch ehe es atmet. Sein Werk ist das.“ Ihr Blick blieb fest auf ihm. „Nicht deines. Seines.“

    Niemand fragte, wen sie meinte.

    Kronos erhob sich jetzt.

    Darauf ging die Bewegung durch den Hof wie ein Befehl noch vor dem Wort. Einige wichen einen halben Schritt zurück. Der erste Sitz blieb hinter ihm, hoch und kalt, und unter ihm saß die verbaute Tiefe im Stein.

    „Mein Haus“, sagte er, „wird nicht durch fremde Mäuler geordnet.“

    „Dann durch deine Angst“, sagte Gaia.

    Er machte einen Schritt von seinem Sitz herab. „Durch meine Herrschaft.“

    Okeanos antwortete, ehe ein anderer es konnte. „Herrschaft über Ungeborene ist Furcht, nicht Ordnung.“

    Kronos wandte sich zu ihm. „Und doch Ordnung.“

    Der dritte Schlag kam aus der Tiefe.

    Diesmal war er stärker. Er lief unter den Platten des Hofes weiter, dumpf und kurz, und starb erst an den äußeren Steinen. Dann folgte ein zweiter, rascher hinterher. Irgendwo in der Menge fuhr jemand scharf der Atem aus. In den Schlag hinein sprach niemand.

    Rhea stand zwischen den Sitzen und lauschte. Ihr Gesicht blieb still, nur ihre rechte Hand war geschlossen.

    Gaia sah nicht nach unten. „Der Grund nimmt es an“, sagte sie.

    Kein Laut folgte ihr. Nur der Wind strich über den Stein.

    Kalte Luft strich über den offenen Hof.

    Unter seinem Sitz verharrte Kronos und wandte den Blick nicht Gaia zu. Er sah Rhea an. Auf dem Kind in ihren Armen ruhte sein Blick länger.

    Rhea hob Hestia nicht höher. Sie deckte sie nicht zu. Das Tuch lag offen genug, dass jeder das kleine Gesicht sehen konnte, den geschlossenen Mund, die Ruhe des Schlafs. Mit beiden Armen hielt sie das Kind fest und gerade vor sich, nicht schützend an die Brust gezogen.

    Niemand trat zwischen sie, als Gaia in die unbewegte Luft hineinsprach. „Du hast es gesagt. Vor allen. Jedes Kind aus ihrem Leib.“

    Auf dem Stein blieb nur ihr Atem hörbar; Kronos schwieg.

    „Sprich es jetzt nicht kleiner“, fuhr Gaia fort. „Nicht auf später. Auch nicht auf den nächsten Tag. Nicht auf das nächste Kind.“

    Okeanos stand unbewegt am Rand der vorderen Reihe. Er sagte nichts. Er sah nur zu Kronos und dann zu dem Kind, und seine Miene wurde hart.

    Vom nächsten Atemzug getrieben machte Rhea einen Schritt vor. Nur so weit, dass kein Zweifel blieb, wem sie entgegentrat. „Du wolltest ein Gesetz aus meinem Leib machen.“ Sie hob das Kinn kaum merklich. „Nimm es nicht zurück, weil alle hinsehen.“

    Da hob Kronos die Hand.

    Ohne Hast, ohne Zögern streckte er sie Rhea entgegen, die Handfläche offen, den Arm auf halber Höhe zwischen Forderung und Befehl. „Gib sie her.“

    Hinter den Versammelten bewegte sich niemand. Das Schweigen stand fest über dem Hof.

    Rheas Blick glitt auf seine Hand und dann in sein Gesicht. Dort war nichts, das sie nicht schon kannte. Weder eine Bitte noch ausbrechender Zorn, kein Riss. Von seiner eigenen Entscheidung getragen erwartete er Gehorsam.

    „Sie ist deine Tochter.“

    „Sie ist aus deinem Leib gekommen.“ Kronos’ Stimme blieb flach. „Gaia hat den Fluch vor allen ausgesprochen. Von diesem Tag an schützt kein Name mehr. Nicht Tochter, nicht Sohn. Nur mein Wort schützt mein Haus.“

    Rhea hielt ihn noch einen Schlag lang fest. So, dass alle es hören mussten, sprach sie danach. „Ja. Ich kenne es. Alle kennen es.“

    Gaia wandte den Kopf nun doch zu ihm. „Auch ich kenne es. Uranos kannte solche Worte.“

    Kronos’ Blick fuhr zu ihr. Zum ersten Mal lag darin offener Hass. „Schweig.“

    „Du streckst deine Hand in dein eigenes Haus und nennst es Ordnung“, sagte Gaia. „Du greifst nach deinem Kind und nennst es Recht. Er tat es vor dir. Du tust es nach ihm.“

    Ein dumpfer Stoß kam aus dem Stein.

    Mehrere in den hinteren Reihen fuhren zusammen. Das Vibrieren kam nicht von außen. Es stieg aus dem Boden unter ihnen auf, kurz und hart. Ein zweiter Stoß folgte, näher, von dort, wo der erste Sitz über dem verbauten Gang stand.

    Kronos riss den Blick von Gaia los und streckte die Hand weiter aus. „Gib sie her, Rhea.“

    Rhea antwortete nicht sofort. Ihr Blick glitt zu Hestia. Das Kind regte sich jetzt leicht, kaum merklich unter dem Tuch. Als ihr Mund sich nur wenig bewegte, hob Rhea den Kopf.

    Sie ging den letzten Schritt.

    Als sie vor ihm stand, musste er die Hand nicht weiter ausstrecken. Zwischen ihnen lag nur noch das Kind. Mit beiden Armen hielt sie Hestia noch immer. Kronos hob die zweite Hand. Seine Finger legten sich an das Tuch, an den kleinen Leib darunter. Er griff sicher zu.

    Rheas Arme gaben nicht nach.

    Für einen Augenblick standen sie so vor dem Hof, beide Hände am selben Kind. Kronos zog nicht stärker. Er wartete. In seinem Gesicht blieb alles still, und eben darin lag die Gewalt.

    „Sieh hin“, sagte Gaia.

    Niemand musste gefragt werden, zu wem sie sprach.

    Langsam und ohne Bruch ließ Rhea zuerst die linke Hand los, dann die rechte. Sie gab Hestia in seine Arme, als vollzöge sie selbst das Wort, auf das sie ihn festgelegt hatte. Als das Gewicht des Kindes ganz bei ihm lag, nahm sie die Hände zurück und ließ sie leer an ihren Seiten stehen.

    Da wachte Hestia auf.

    Es war kein lauter Laut. Nur ein kurzes, dünnes Öffnen des Mundes, dann ein kleiner Atem, der in den stillen Hof schnitt. Kronos blickte auf sie hinab. Die Hand, die ihren Rücken hielt, schloss sich fester. Mit der anderen strich er das Tuch aus ihrem Gesicht.

    Ohne eine Regung blieb Rhea stehen.

    Kronos hob das Kind höher. Vor seiner Brust hielt er es einen Moment lang, so dass alle sahen, was er in Händen trug: seine Tochter. Rheas erstes Kind. Das erste, das aus diesem Haus hervorgekommen war. Was er an Hestia vollzog, stand am Anfang derselben Sicherung, mit der er schon den Weg unter dem Stein verschlossen und den eigenen Vater in die Tiefe gedrängt hatte.

    Gaia sagte klar und ohne die Stimme zu heben: „Da ist dein Vater.“

    Der Schlag aus der Tiefe kam sofort.

    Diesmal war es nicht einer. Drei harte Stöße liefen unter den Steinplatten gegeneinander, aus derselben verbauten Richtung, unter dem Sitz, unter Kronos, durch den Hof. Ein Murmeln brach an und starb gleich wieder, weil niemand wagte, dem Beben Worte zu geben.

    Kronos hob den Kopf nicht und antwortete Gaia nicht. Er fasste Hestia mit beiden Händen.

    Rhea verfolgte jeden Griff.

    Er drehte das Kind in seinen Armen, bis der kleine Leib quer vor ihm lag. Hestia begann nun wirklich zu weinen, erst stockend, dann mit offenem Mund. Der Laut war klein gegen den Hof und gerade deshalb unerträglich. Einige der Versammelten senkten den Blick.

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