Capítulo 8
Glut aus dem offenen Fels
Nicht der geöffnete Schacht traf ihn, nicht einmal die gelösten Fesseln. Es war dies hier: dass sie standen.
Kronos’ Blick blieb auf Zeus hängen. Er glitt weiter, streifte Briareos, Kottos, Gyges, kehrte zu ihm zurück. In seinem Gesicht verschob sich nichts, aber er zog nicht mehr mit derselben Gewissheit gegen Hades’ Halt. Die Sichel stand noch in seiner Hand. Ihre Klinge war zum Rand gerichtet, doch sein Arm arbeitete nicht mehr vor.
Bis in den Griff, mit dem er den Titanen von der Öffnung fernhielt, sickerte das Zögern. Es war kein Nachgeben, sondern Berechnung.
Gaia trat aus dem Schweigen.
„Zeus.“
Mehr sagte sie zuerst nicht. Ihre Stimme kam nicht aus der Tiefe. Sie stand hinter ihnen auf festem Stein, und doch trug sie noch den Schacht in sich.
Zeus wandte den Kopf.
Gaia hob die Hand und wies nicht auf den Rand, nicht auf den Vater, nicht auf die Brüder. Sie wies hinauf, auf den kahlen Grat über der gebrochenen Fläche.
„Komm.“
Briareos blickte zu ihr hin. Kottos’ Stirn zog sich zusammen. Gyges blieb stehen, die Brust noch schwer vom Aufstieg. Nur einen Augenblick wich sein Blick von Kronos. Einen Atemzug lang stand Zeus zwischen beiden Richtungen, den Blick erst bei den Brüdern, dann auf Gaias Hand. Seine Finger öffneten sich und schlossen sich wieder.
Auch Kronos bemerkte es, und seine Schulter spannte sich. Die Sichel hob sich ein Stück.
Sofort ging Poseidon dagegen. Er stieß ihn mit dem Unterarm zurück, hart genug, dass der Titan den Fuß neu setzen musste. Hades zog zugleich an ihm, niedrig und ohne jedes Wort. Die Bewegung brach, ehe sie zum Schlag wurde.
„Bleib hier“, befahl Poseidon.
Er wusste nicht, ob er es zu Kronos sagte oder zu Zeus.
Ohne zu antworten, sah Zeus noch einmal zu den Brüdern. Briareos hob knapp das Kinn. Kottos sagte nichts, aber er trat einen Schritt weiter vor den Schacht, breit und schwer, sodass zwischen Rand und Titan noch ein Körper mehr stand. Gyges folgte ihm und stellte sich daneben.
Erst da löste Zeus sich.
Er ging nicht an Gaia vorbei, sondern auf sie zu, und sie wandte sich sofort zum Grat, ohne jeden Zweifel, dass er folgen würde. Er ließ die Hand sinken, in der eben noch die anderen gelegen hatten, und stieg mit ihr aus dem Gerangel hinaus.
Einen Schlag lang folgte Poseidons Blick ihm. Dann nahm er Kronos wieder ganz in den Blick.
Der Titan hatte Zeus’ Weg bemerkt. In seinem Gesicht lag jetzt etwas Schärferes als Zorn. Sein Blick sprang zwischen dem Schacht und dem Grat. Die Sichel drehte sich in seiner Hand, suchte eine Richtung.
„Siehst du es jetzt?“, rief Poseidon.
Kronos gab ihm keine Antwort. Er riss sich gegen Hades’ Griff herum, schnell, mit Wucht, und brachte den Schaft der Sichel zwischen sich und Poseidon. Holz stieß gegen Rippen. Poseidon nahm den Schmerz und blieb dran. Er packte nach dem Arm, der die Klinge führte. Hades hielt die andere Seite des Leibs. Für einen Moment standen sie eng ineinander verkeilt, Schritte schabten über Stein.
Am Rand hinter ihnen ging Briareos’ Atem. Dazwischen schnitt das kurze Eisenklirren, wenn Kottos oder Gyges die Hände neu setzten. Keiner wich.
Über ihnen stieg Gaia mit Zeus den letzten Anstieg zum Grat hinauf.
Was dort oben zuerst gesagt wurde, trug der Wind fort. Unten blieb nur, dass sie stehen blieb und sich nicht zu Kronos zurückwandte. Sie stand Zeus gegenüber und zeigte ihm den nackten Fels vor ihren Füßen.
Hinaufblickend sprach nun Kronos.
„Was willst du ihm geben?“
Gaia antwortete laut genug, dass der Satz bis nach unten fiel.
„Nicht geben.“
Mehr kam nicht sofort. Zeus stand unbeweglich. Er blickte auf den Fels, dann auf Gaia. Poseidon konnte sein Gesicht von hier nicht ganz lesen, aber er sah, dass Zeus nicht aus Angst zögerte. Er wartete.
Kronos stieß mit dem Bein nach hinten. Die Bewegung traf Hades am Schienbein. Im selben Zug riss er den Arm mit der Sichel frei genug, um die Klinge nach dem Schacht zu wenden. Poseidon warf sich gegen ihn, Schulter in Brust und Hals. Die Sichel fuhr zu hoch, strich mit einem hellen Laut über Stein und fand nicht den Kreis am Rand.
Kottos schlug von der Seite gegen den Schaft. Der Stoß war roh und kurz. Kronos’ Hand fing ihn noch ab, aber die Klinge kam ganz weg von der Öffnung.
„Genug“, knurrte Hades, tief und ohne Lautstärke.
Es klang nicht nach Bitte.
Oben auf dem Grat ging Zeus in die Hocke. Dicht bei ihm stand Gaia. Ihre Hand lag offen über dem Fels, ohne ihn zu berühren.
Diesmal trug der Wind mehr von ihrer Stimme herab.
„Nicht aus dem Himmel“, murmelte sie. „Hier.“
Poseidon hob den Blick wieder, obwohl Kronos unter seinen Händen arbeitete. Zeus legte die flache Hand auf den Fels. Nichts geschah. Gaia sprach weiter, tiefer jetzt, und Poseidon verstand die Worte nicht mehr. Zeus nahm die Hand zurück. Dann ballte er sie und hob sie. Sein Kiefer spannte sich, und er setzte die Faust noch einmal an den Stein, als nähme er das, was darin auf ihn wartete.
die Faust und prüfte nur den Stein.
Unten riss Kronos den Oberkörper herum. Poseidon bekam den Stoß mit der Hüfte ab und musste den Stand nachsetzen. Hades war sofort wieder da, griff tiefer, drückte gegen dessen Bein und zog ihn weg vom Rand. Die Sichel hackte kurz in die Luft, suchte aber nur Raum.
„Halt ihn“, sagte Poseidon.
Er sagte es nicht laut, und Hades antwortete nicht. Er brauchte es nicht.
Vor den Schacht trat Briareos. Er stellte sich so hin, dass zwischen ihm und der Öffnung nur noch Körper standen. Kottos und Gyges gingen neben ihn. Die Reste der Fesseln hingen ihnen an Armen und Hüften. Als einer der Ringe gegen Stein schlug, sah keiner von ihnen nach unten. Sie hielten den Blick auf den Titanen, der sie auch sah. Einen Atemzug lang blieb die Sichel still. Zeus kniete noch am Fels und hob den Kopf nicht.
Er kam wieder.
Er riss sich nicht frei. Er warf sich mit allem Gewicht in die Lücke zwischen Poseidon und Hades, stieß mit dem Schaft der Sichel nach vorn und suchte die Männer vor sich. Poseidon parierte den Stoß am Unterarm. Der Schlag brannte bis in die Schulter. Hades griff nach dem Handgelenk mit der Sichel, verfehlte es, bekam aber den Stoff am Arm zu fassen und zog so hart, dass Kronos ins Stolpern kam.
Briareos hielt ihn nicht auf. Er schlug ihm mit beiden Händen gegen Brust und Hals und warf ihn zurück.
Auf dem Geröll rutschte Kronos, kam wieder hoch, drehte die Sichel von unten nach oben und fuhr damit nach Briareos’ Bauch. Kottos trat dazwischen. Die Klinge strich an Eisen vorbei, traf einen verbliebenen Ring an seinem Bein und sprang mit einem scharfen Ton ab. Gyges packte den Schaft mit beiden Händen. Für einen Moment hielten zwei dieselbe Waffe. Kronos zog. Gyges hielt. Die Muskeln in seinen Armen standen hart unter der Haut.
Bevor Kronos den Zug lösen konnte, ging Poseidon hinein. Er stieß mit der Schulter gegen Kronos’ Rücken und drückte ihn tief. Hades trat gegen dessen Kniekehle. Kronos sackte ein, fiel aber nicht. Er blieb auf einem Bein, ließ den Schaft los, drehte sich unter Poseidons Druck heraus und bekam die Sichel wieder frei.
„Weg vom Schacht“, sagte Hades diesmal hörbar.
Mit einem Laut ohne Worte antwortete er. Er warf den Arm zurück, schlug blind nach Hades’ Kopf und traf nur dessen Schulter. Hades verzog das Gesicht nicht einmal. Er ging weiter vor und zwang Kronos Schritt um Schritt vom Rand.
Poseidon sah, wie der Kampf sich verschob, nicht viel, eine Elle, vielleicht zwei. Es reichte. Der Schacht lag nicht mehr direkt unter der Sichel. Die Öffnung war frei. Dahinter standen die drei Brüder. Sie standen jetzt nicht mehr da, weil sie eben erst heraufgekommen waren. Sie blieben.
Von oben kam kein Ruf mehr, kein Befehl, nur Stille.
Gerade deshalb hob Poseidon wieder den Blick.
Auf einem Knie kniete Zeus jetzt am kahlen Stein. Dicht hinter ihm stand Gaia. Ihre offene Hand lag noch immer über dem Fels, nicht auf ihm, sondern darüber. Ihr Mund bewegte sich. Vor Poseidons Augen senkte Zeus die geschlossene Faust langsam. Er zog sie nicht mehr zurück.
Ein Ruck ging durch den Stein.
Er lief nicht weit und war nicht groß. Erst ein Zittern, kaum mehr als eine Bewegung unter Zeus’ Hand. Während der Fels einen trockenen Laut gab, nahm Gaia die Hand nicht fort. Zeus beugte sich tiefer. Unter seiner Faust lief eine feine Linie auf. Sie war erst nur heller als der Stein. Dann wurde sie scharf.
Kronos sah es im selben Augenblick.
Es zeigte sich an der Gewalt, mit der Kronos auf einmal zurückkam. Alle Ordnung fiel aus seinem Körper, Führung und Sicherung zugleich. Er riss an allem, trat nach hinten, stieß den Kopf gegen Poseidons Gesicht und fuhr mit der Sichel quer durch den Raum, ohne Ziel, nur um Platz zu schaffen. Die Schneide striff Poseidons Oberarm und riss Stoff und Haut auf. Er ließ nicht los, als Briareos ihn von vorn packte.
„Jetzt“, stieß Poseidon hervor. Rechts kam Kottos, links Gyges. Von hinten drückte Hades nach. Vier Körper nahmen ihm den Weg. Der Titan stemmte sich gegen sie, die Fersen tief im Stein, die Sichel noch hochgezogen. Er konnte den Arm senken, auf einen von ihnen, auf den Schacht, auf Hades’ Gesicht. Er tat es nicht. Seine Augen hingen am Grat.
Die helle Linie im Fels sprang auf.
Licht stand nicht auf dem Stein. Es kam aus dem Riss. Erst nur ein schmaler Schnitt. Dann ein zweiter, der quer dazu lief. Zeus hielt die Faust darüber, fest geschlossen. Gaia sprach noch immer. Jetzt trugen einzelne Silben zu Poseidon herüber, ohne dass er sie verstand. Der Fels antwortete mit kurzen Lauten, hart, trocken, schnell hintereinander.
Wärme strich den Hang hinab, keine Windkühle, keine Sonne. Etwas anderes. Selbst hier am Schacht lag sie auf Poseidons nasser Haut.
und zog durch die aufgerissene Stelle an seinem Arm.
Auch der Titan merkte es. Den Wechsel seines Körpers spürte Poseidon sofort. Eben noch hatte er gegen sie alle in den Boden gearbeitet, stumpf, schwer, nur auf Raum aus. Jetzt verlagerte sich alles in ihm nach vorn. Als die Sichel hochzuckte, spannte sich sein Rücken. Er war nicht mehr beim Schacht, sondern stand schon am Grat.
„Halt ihn“, rief Hades, kurz und tief.
Poseidon setzte die Schulter gegen Kronos’ Brust. Von der anderen Seite schob Briareos sich hinein, hart, ohne Zögern. Kottos griff tiefer, erwischte ihn an der Hüfte. Gyges packte den Sichelarm mit beiden Händen. Für einen Atemzug stand der Titan fest zwischen ihnen. Ihr Keuchen ging über den Stein, Fersen scharrten, irgendwo knackte es dumpf unter Gewicht und Gegendruck.
Der Titan riss sich los, nicht ganz frei, aber weit genug.
Am Arm wurde Gyges mitgerissen und stolperte. Kottos verlor den Griff. Briareos bekam die Schulter des Titanen noch einmal zu fassen, wurde mit einem Stoß zurückgeworfen und fing sich breitbeinig am Rand des freigekämpften Bodens. Poseidon hielt einen Augenblick länger als die anderen, die Finger in Kronos’ Gewand, bis der Stoff unter der Gewalt nachgab. Die Sichel fuhr dicht an seinem Gesicht vorbei. Er ließ sich zurückfallen, um die Schneide nicht voll abzubekommen.
Den Hang hinauf stürzte er.
Sofort setzte Poseidon nach. Der Schmerz im Oberarm kam jetzt scharf, mit jedem Schritt. Warmes Blut lief ihm bis zum Ellenbogen, doch er achtete nicht darauf. Hades war neben ihm. Schwerer als Poseidon, tiefer im Lauf, den Blick schon hinauf gerichtet. Hinter ihnen polterten die drei Brüder mit.
Oben am Grat hatte Zeus die Faust noch immer über dem aufgesprungenen Stein. Gaia stand dicht bei ihm und wich nicht zurück. Klarer trug ihre Stimme jetzt herab, leise und fest.
„Nicht dort“, flüsterte sie. „Nicht von dort. Hier.“
Von ihren Worten angetrieben, beschleunigte Kronos.
Wie Zeus den Kopf hob, nur wenig, und in den Stein lauschte, sah Poseidon. Die Risse hatten sich verbreitert. Zwischen ihnen stand Helligkeit, keine glatte, ruhige Helle, sondern etwas, das stieß und zuckte. Die Wärme nahm zu. Sie kam in Schüben. Jeder davon lag kurz auf Gesicht und Händen und war wieder fort.
„Nimm es“, drängte Gaia.
Als Zeus die Faust öffnete, geschah für einen Schlag nichts. Dann schoss Glut aus dem Riss.
Sie kam nicht ruhig heraus. Sie fuhr hoch, brach auseinander, schlug gegen Zeus’ Hand und gegen den kahlen Fels. Poseidon sah, wie Zeus den Arm zurückwarf, nicht aus Furcht, sondern unter der Wucht. Die Glut sprang ihm nach. Sie lief nicht wie Feuer. Sie fuhr stoßweise, hell und weiß im Kern, mit scharfem Rand. Der Stein unter ihr riss weiter auf mit kurzen, harten Lauten.
Mit heiserem, rohem Laut hob Kronos die Sichel zum Schlag.
„Zeus!“, rief Poseidon.
Ob Zeus ihn hörte, wusste er nicht. Bereits griff Zeus zu.
Er stieß die Hand in die ausbrechende Glut, ohne Zögern, direkt hinein. Sein ganzer Arm spannte sich bis in die Schulter. Die Glut schlug gegen ihn zurück. Sie fuhr an seinem Handgelenk hoch und sprang seitlich weg in den Fels. Als ein Schlag in den Grat ging, splitterte Stein. Gaia trat nicht zurück. Ihr Gesicht blieb auf Zeus gerichtet.
„Schließ sie“, befahl sie.
Nur noch wenige Schritte trennten Kronos von ihm.
Hades zog an Poseidon vorbei, um ihn seitlich zu nehmen. Breit kam Briareos von rechts den Hang herauf. Kottos und Gyges drängten hinterher, noch mit Resten ihrer Fesseln an Armen und Leib. Einer der Metallringe schlug bei jedem Schritt gegen Stein. Mitten im Lärm hörte Poseidon das helle Klirren und wusste im selben Augenblick, wer dort lief und weshalb.
Kronos stockte, und es war nur ein halber Schritt. Mehr nicht. Aber er war da. Die Sichel blieb oben. Sein Fuß setzte nicht sofort wieder auf. Sein Gesicht war zum ersten Mal nicht auf einen Gegner vor ihm gerichtet, nicht auf Hades, nicht auf Poseidon, nicht auf die drei Brüder. Er sah nur auf Zeus’ Hand in der Glut.
Poseidon begriff nicht alles, aber genug.
Den Himmel hatte Kronos immer über sich getragen, im Nacken, im Blick, in jeder Bewegung, mit der er Raum nahm. Jetzt stand das Oben leer und antwortete ihm nicht. Es half ihm nicht. Die Gewalt lag vor ihm im offenen Stein und in der Hand seines Bruders.
Mit der Glut rang Zeus, sein Arm zitterte. Seine Finger schlossen sich nicht sofort. Etwas drängte von innen gegen sie. Licht brach zwischen den Fingern hervor. Ein scharfer Laut fuhr über den Grat, so nah und so jäh, dass Poseidon unwillkürlich den Kopf einzog. Im selben Augenblick schlug der erste Blitz aus Zeus’ Hand in
Seine erhobene Sichel.
Der Schlag traf Metall, bevor Kronos den Arm ganz herunterbringen konnte. Ein weißer Riss fuhr darüber, hart und kurz. Die Sichel sprang aus seiner Hand. Der Stoß lief ihm durch die Schulter; die Finger rissen auf, das Werkzeug schlug gegen den Fels und schlitterte weiter. Ein zweiter Schlag folgte nicht, weil der erste gereicht hatte.
Seitlich herumgerissen, verlor Kronos auf dem losen Stein den Stand. Er fiel auf ein Knie, fing sich mit der freien Hand ab und fuhr sofort wieder hoch. Nichts an ihm gab nach. Aber die Sichel war nicht mehr bei ihm.
Den Augenblick nutzte Poseidon. Von unten links kam er an ihn heran, Hades von der anderen Seite. Briareos zog den Bogen enger und nahm den Hang von rechts. Hinter ihnen drängten Kottos und Gyges herauf, schwer und schnell, mit dem dumpfen Schaben ihrer Schritte und dem hellen Schlag von Metall gegen Stein.
Die Sichel ruhte auf dem Boden, und er machte einen Schritt zu ihr.
Poseidon stellte sich in den Weg.
Es blieb kein großer Satz, kein Stoß mit Anlauf. Er setzte nur den verletzten Arm dicht an den Leib, nahm die Schulter vor und schnitt ihm den Raum ab, den er brauchte. Der Schnitt an seinem Oberarm zog heiß bis in die Brust. Er nutzte ihn nur zum Rechnen, damit er nicht mit dem Arm griff und nicht in die Klinge geriet, indem er Stand nahm und den Weg hielt.
Gegen ihn prallte Kronos. Der Stoß ging tief in Poseidons Beine. Hades war im selben Moment da und traf ihn seitlich an Rippe und Schulter. Briareos packte von rechts nach dessen Oberarm. Für einen Atemzug standen sie eng beieinander, nur Körper gegen Körper, die Füße suchten Halt, Stein rutschte unter Sohlen fort.
„Zurück“, sagte Hades knapp.
Kronos riss den Arm los, aber nicht weit genug. Er bekam keinen Weg mehr zur Sichel. Gyges kam heran und stellte sich zwischen ihn und die Waffe. Kottos trat einen halben Schritt tiefer an den Hang und schloss die Lücke nach unten. Nun blieb ihm nur noch der schmale Raum vor ihm, und oben Zeus.
Kurz hob Poseidon den Blick.
Er stand noch immer dicht am aufgesprungenen Fels. Seine Schulter war hart nach hinten gezogen. Die Hand war geschlossen, aber nicht fest genug. Zwischen den Fingern brach Licht hervor, stoßweise, mit kurzen, scharfen Lauten. Jeder dieser Laute ließ den Stein unter den Füßen arbeiten. Gaia stand neben ihm, nicht vor ihm, nicht hinter ihm. Ihr Blick hing nur an seiner Faust, während Zeus’ Kiefer sich spannte.
„Nicht öffnen“, sagte sie.
Zeus presste die Finger enger zusammen.
Die Glut schlug gegen seine Hand. Die Knöchel zuckten, Licht riss an der Daumenkante auf und wurde sofort wieder eingedrückt. Es wollte heraus. Es wollte zurück in den offenen Stein. Gaia hob jetzt erst die Stimme, und sie galt nicht nur Zeus. Sie lag über dem Grat, scharf und klar, für alle hörbar.
„Sie bleibt nur, wenn du sie gegen ihren Widerstand hältst. Lass sie nicht in den Fels zurück.“
Den Satz hörte Poseidon sofort als etwas Neues: weder das Licht noch die Hitze, sondern die Regel. Das, was eben noch offen und ungebunden aus dem Stein geschlagen hatte, blieb nicht von selbst in der Hand. Zeus hielt es nicht einfach fest, er rang darum.
Auch Kronos hatte es gehört.
Zum ersten Mal seit dem Ansturm war sein Blick nicht auf einen Körper vor ihm gerichtet, den er wegdrücken oder niederschlagen konnte. Er blickte an Poseidon vorbei zu Zeus hinauf. In seinem Gesicht stand nicht nur Zorn; etwas fiel daraus heraus, gerade genug, dass Poseidon es erkannte.
„Nein“, sagte Kronos.
Es blieb kein Ruf, sondern ein harter, flacher Laut.
Er warf sich wieder vor.
Er kam nicht auf Zeus zu. Er kam auf die Lücke zwischen Poseidon und Hades. Er wollte durch, bevor Zeus die Hand ganz schloss, bevor aus dem Ringen Halt wurde. Poseidon fing ihn mit der Schulter und stemmte gegen. Hades griff nach seinem Arm und zog ihn nach innen. Briareos traf ihn hoch am Rücken und drückte ihn vom Grat weg.
Länger, als Poseidon es für möglich hielt, widerstand Kronos. Er schob sie einen halben Schritt zurück. Der Stein unter ihnen brach klein weg und lief den Hang hinab. Warm lief Blut an Poseidons Oberarm nach, Druck stand in den Beinen, Zug in der Hüfte, der Atem dicht und kurz in der Kehle. Er gab nicht nach, Hades ebenso wenig, während Briareos ohne ein Wort nachsetzte.
Hinter Kronos ruhte die Sichel. Vor ihm stand Zeus. Dazwischen bildete sich jetzt eine Wand aus Leibern.
Wieder fuhr Licht aus Zeus’ Faust. Diesmal sprang es nicht frei heraus. Es schlug nur zwischen zwei Fingern hervor und wurde zurückgedrückt. Zeus zog den Arm näher an den Leib, beugte sich tief in die Spannung und schloss die Hand noch fester. Die Sehnen an seinem Handgelenk traten hart hervor.
Gaia nickte einmal. „So.
Gaia sprach nicht lauter, aber jedes Wort ging über den Grat.
„Nicht halten. Wirf.“
Kronos fuhr der Kopf hoch. Für einen Schlag lang spannte sich sein Leib nicht gegen Poseidon, sondern gegen den Satz. Dann drückte er mit neuer Wucht.
Poseidon verlor fast im selben Augenblick den Stand. Der Fuß rutschte auf losem Stein weg, die Schulter sackte nach hinten, und der Titan brach mit der Brust zwischen ihn und Hades. Hades bekam noch einmal seinen Arm zu fassen, doch der Griff hielt nicht. Briareos stieß von hinten nach, traf ihn seitlich und brachte ihn nur schräg aus der Linie, nicht fort. Kottos und Gyges kamen von oben herab, die Reste ihrer Fesseln an den Armen, der nackte Stein hart unter ihren Schritten. Er rammte Kottos den Ellbogen gegen die Rippen und stieß Gyges mit der Hüfte aus dem Weg.
Er wollte durch. Mehr sah Poseidon nicht, mehr brauchte er nicht.
Poseidon trat wieder hinein, tief, mit dem Gewicht nach vorn. Er legte beide Hände an dessen Seite und schob. Die Muskeln in Rücken und Schenkeln zogen hart an. Blut lief weiter über den Arm und machte die Hand glatt. Hades war sofort wieder da, nun tiefer, am Leib, nicht mehr am Arm. Briareos stemmte von schräg oben gegen sein Schulterblatt. Für einen Augenblick stand der Titan fest zwischen ihnen, die Beine breit, die Brust nach vorn, der Nacken starr.
Über Kronos hinweg stand Zeus nicht mehr gebeugt.
Er hatte den Arm zurückgenommen. Die Hand war noch geschlossen, aber nicht mehr gegen den Stein gepresst. Zwischen den Fingern drang Licht heraus, durchgehend. Es fuhr an den Knöcheln entlang und fraß sich nach außen. Zeus’ Schulter war zurückgedreht, der Leib gespannt auf den Wurf, nicht auf das Halten. Für einen Atemzug sah er auf den Hang vor sich, auf die Titanenreihe, auf die Brüder unter Kronos’ Gewicht, und schloss die Hand fester um das Licht. Gaia stand dicht daneben, das Gesicht auf die Hand gerichtet, nicht auf Kronos.
Auch Kronos bemerkte es.
Er gab den Druck gegen Poseidon nicht auf, aber etwas an ihm wechselte. Der Stoß wurde kürzer, härter, dringlicher. Nicht mehr das langsame Schieben eines Stärkeren. Er brach in Einzelangriffe aus, riss an Hades, warf den Rücken gegen Briareos, trat nach Poseidons Bein. Er wollte eine Öffnung erzwingen, sofort, jetzt, bevor Zeus den Arm nach vorn brachte.
„Durch ihn nicht“, presste Hades hervor.
Poseidon antwortete nicht. Er setzte den Kopf an Kronos’ Schulter, drückte blind und hörte nur das Schaben von Füßen, den kurzen Atem der anderen, das harte Aneinander der Leiber.
Über ihnen rief Gaia, scharf und knapp:
„Jetzt.“
Zeus warf.
Poseidon sah den Abgang nur seitlich. Zeus’ Arm schlug nach vorn. Die geschlossene Hand öffnete sich in der Bewegung. Das Licht blieb nicht an ihm hängen. Es sprang nicht zurück in den Fels. Es fuhr aus der Hand fort, gerade, ganz, mit einer Gewalt, die keinen Halt mehr suchte.
Es traf nicht Kronos.
Es ging über ihre Köpfe hinweg in die Reihe der Titanen, die hinter dem Kampf am Hang standen und bis dahin nicht gewichen waren. Der Einschlag zerriss den Raum mit einem Schlag aus Licht, Hitze und hartem Ton. Poseidon sah einen Titanen rückwärts fallen, noch bevor er den Aufprall ganz begriff. Ein zweiter wurde zur Seite gerissen. Stein barst unter ihren Füßen. Heller Staub und Splitter fuhren über den Hang. Der Geruch von verbranntem Haar und offenem Fels schlug bis an den Grat.
Kronos zuckte unter ihren Händen, vor Erkenntnis.
Er riss den Kopf herum. Poseidon spürte den Augenblick, in dem Kronos nicht mehr nur gegen die Wand aus Leibern drängte, sondern hören musste, was hinter sich geschah. Schreie gingen durch die Titanen, einzelne, abgerissene Stimmen. Schritte sprangen zurück, während Stein rollte. Einer stieß einen anderen beim Weichen an. Die Reihe hielt nicht.
Poseidon hob den Kopf.
Wo eben noch eine geschlossene Front gestanden hatte, kam Bewegung auf. Titanen wichen vom Einschlag zurück, erst zwei, dann mehrere. Einer hielt den Arm vors Gesicht und stolperte den Hang hinab. Ein anderer stand nur einen Herzschlag lang und trat dann ebenfalls zurück. Keiner trat vor, nachdem der erste Schlag nicht nur getroffen hatte. Er hatte sie gelöst.
„Noch einer“, stieß Briareos hervor.
Seine Stimme war rau, fast unkenntlich, aber sie kam offen nach oben, zu Zeus, nicht mehr in den Ring der Kämpfenden. Kottos stellte sich jetzt nicht hinter Poseidon, sondern höher an den Grat, mit dem Gesicht zu den Titanen. Gyges ging neben ihn, breit, die gebrochenen Reste der Fessel noch an einem Handgelenk. Sichtbar. Offen. Nicht mehr aus dem Schacht kommend, sondern gegen den, der ihn geschlossen gehalten hatte.
Kronos begriff das mit einem Blick.
Sein Gesicht veränderte sich nicht weit, aber genug. Das Drängen gegen Poseidon stockte ein einziges Mal. Die Augen gingen von Kottos