Die Kinder der Schuld – Band 1

    Alexia Michailidou ·

    Die Kinder der Schuld – Band 1

    Capítulo 6 de 10

    Capítulo 6

    Der Fall im Monitor

    Warm und abgestanden war die Kellerluft hinter der losen Metallplatte. Der Gang knickte nach wenigen Schritten ab, und mit dem Knick brach auch der unmittelbare Lärm der Tür hinter ihnen. Er war noch da, dumpf und stoßweise, aber weiter weg. Statt Treppenhaus und Flur war hier Kellerluft, warm von alten Geräten und abgestanden. Keine weitere Tür öffnete Lina. Sie drückte nur eine lose wirkende Metallplatte zur Seite, schob sich hindurch und zog sie nicht einmal ganz hinter sich zu. Dahinter lag ein schmaler Raum mit zwei Werkbänken, Regalen, Kabelrollen und einem alten Monitor in der Ecke, der schon lief.

    Bis zur Wand brachte Mira Jonas. Er setzte sich nicht freiwillig; er sackte ein, und sie musste ihn unten halten, damit er nicht seitlich wegrutschte. Für einen Schlag wollte sie ihn einfach loslassen, die Hände frei bekommen, weiter. Sie packte fester zu, bis er an der Wand blieb. Ihre Finger rissen dabei wieder auf. Sie zog die Hand zurück. Frisches Blut stand auf den Schnitten, dunkel im schlechten Licht.

    „Setz Druck drauf“, wies Lina knapp an und war schon am Regal. Sie riss eine Schublade auf, dann eine zweite. „Nicht hier. Verdammt.“

    Jonas lehnte den Kopf gegen die Wand, atmete durch den Mund und hielt sich die Seite. Das Funkgerät in seiner Hand knackte kurz. Nur noch Rauschen blieb.

    Erst jetzt hörte Mira, was der Monitor sagte, eine sachliche Stimme, zu ruhig, zu sauber für den Raum.

    Auf dem Bildschirm stand das Zeichen der Behörde über einer eingeblendeten Zeile, ein laufendes Statement, eine sicherheitsrelevante Mitteilung.

    Lina fuhr herum. „Mach lauter.“

    „Nein“, widersprach Jonas sofort, ohne die Augen zu öffnen.

    Mira trat näher und drehte trotzdem am Regler. Das Plastik knirschte unter ihren nassen Fingern.

    Die Stimme wurde klarer. „…im Rahmen eines fortlaufenden Präventionsschutzfalls wird derzeit nach einer jungen Frau gesucht, die sich unerlaubt einer Schutzmaßnahme entzogen hat. Es besteht der Verdacht auf Einflussnahme durch Dritte.“

    Mira stand still.

    Als die Einblendung wechselte, erschienen Daten: Name, Alter, Geburtsort. Nicht alles, aber genug. Zu viel. Ein Bild folgte.

    Ein altes Schulfoto. Gerade aufgenommen, grauer Hintergrund, die Haare zu glatt, der Mund angespannt, weil der Fotograf gesagt hatte, nicht so ernst zu schauen. Mira erkannte das Hemd wieder, das sie damals nicht hatte anziehen wollen. Sie wusste noch, dass ihre Mutter darauf bestanden hatte.

    Sie trat einen halben Schritt zurück, nicht weit, nur aus dem ersten Stoß dieses Anblicks heraus. Das Bild hing dort, als gehöre es ihnen.

    „Scheiße“, stieß Jonas aus.

    Die Stimme aus dem Monitor lief weiter. „Die genannte Person ist Teil eines laufenden Verfahrens. Hinweise auf Aufenthaltsorte, Kontaktpersonen und Unterstützungshandlungen werden unverzüglich an die zuständigen Stellen erbeten. Personen, die der Genannten Hilfe leisten, setzen sich möglicher strafrechtlicher Verfolgung aus.“

    Schon war Lina beim Pult unter dem Monitor. Staub, alte Tasten, ein kleiner Mischer, zwei tote Anzeigen und eine Lampe, die noch grün war. „Sie speisen das hier über die alte Hauslinie ein“, sagte sie. „Wenn der Rückkanal noch offen ist, kriege ich uns drauf.“

    Jonas stieß sich von der Wand ab. „Nein.“

    „Doch.“

    „Dann ist jede verdeckte Flucht vorbei.“

    „Welche verdeckte Flucht?“ Mit zwei Fingern zeigte Lina zur Decke. „Sie senden ihr Registerbild. Meinst du, unten fragt noch jemand nach einem Ausweis?“

    Mira sah weiter auf das Foto. Auf ihr jüngeres Gesicht. Auf den ordentlichen Kragen. Auf den Ausdruck, den sie damals schon gehasst hatte, weil er nach Gehorsam aussah. Die Behörde hatte es aus irgendeinem Register gezogen, ausgesucht, freigestellt, gesendet, ohne sie zu fragen, während sie über sie sprachen.

    Jonas hob das Funkgerät, drückte die Taste. „Leitweg drei, hört ihr mich?“ Rauschen, dann stellte er um. „Leitweg fünf.“ Nichts. Wieder Rauschen. Selbst das brach weg, und nur das tote Summen des Geräts blieb. Kurz sah er aufs Display. Kein Netz. „Wir verlieren alles.“

    „Dann reden wir, bevor sie den Rest füllen“, sagte Lina. Sie hatte inzwischen eine Klappe unter dem Pult offen und steckte ein Kabel um. „Einmal drauf, zwanzig Sekunden, mehr nicht. Gesicht, Name, eine Lüge von ihnen zerlegen, dann—“

    „Dann orten sie den Rückweg der Einspeisung.“

    „Vielleicht. Vielleicht auch nicht.“

    „Vielleicht reicht uns gerade nicht.“

    Mira hörte die beiden, aber sie blieben hinter der Stimme aus dem Monitor zurück.

    „…die Fahndung wurde ausgeweitet. Neben der Hauptbetroffenen werden auch unbekannte Helfer sowie Personen aus dem näheren Umfeld überprüft. Die Bevölkerung wird um Besonnenheit gebeten und soll jede direkte Kontaktaufnahme vermeiden.“

    Hauptbetroffene.

    Näheres Umfeld.

    Besonnenheit.

    Wörter, die aus ihr etwas machten, das sich verwalten ließ.

    Sie sah zu Jonas hinüber, das Blut an seiner Seite, das nutzlose Funkgerät in seiner Hand. Er hätte sie unten liegen lassen können. Stattdessen war er mit ihr hier gelandet, und nun stand sein Name mit auf ihrer Seite, auch wenn ihn noch niemand aussprach.

    „Sie machen dich zum Fall.“

    „Nicht nur mich“, sagte Mira.

    Leiser, als sie erwartet hatte, war ihre Stimme trotzdem für beide zu hören. Jonas ließ das Funkgerät sinken. Nur kurz sah Lina von dem offenen Pult hoch, dann wieder auf die Kabel in ihrer Hand.

    Aus dem Monitor sprach die Frau weiter, ruhig, geübt. Hinter ihr stand ein eingeblendetes Zeichen der Behörde. Daneben blieb Miras Schulfoto groß stehen, sauber ausgeschnitten, der Hintergrund entfernt. Ihr Name darunter in weißer Schrift, daneben das Geburtsdatum. Hinweise auf Kontaktstellen. Eine Nummer für Meldungen.

    „Unbekannte Helfer“, wiederholte Mira.

    Jonas presste den Hinterkopf gegen die Wand. Sein Atem ging flach. „Genau deswegen machen wir das nicht.“

    Lina schob ein weiteres Kabel in eine Buchse, zog es wieder halb heraus, setzte neu an. „Eben deshalb machen wir es.“

    „Wenn du draufgehst, sehen sie die Leitung.“

    „Wenn wir nicht draufgehen, läuft das da weiter.“

    „Lina—“

    „Halt die Luft an und zähl mit, wenn’s so weit ist.“

    Jonas fluchte, nicht laut, mehr gegen den Schmerz. Er zog das rechte Bein etwas an, brach die Bewegung ab und verzog den Mund. Mira sah das dunkle Blut an seinem Hosenstoff. Es war nicht frisch, aber noch nicht trocken genug, um sie zu beruhigen. Auch wenn er sie nicht aufhalten konnte, machte das seinen Widerspruch nicht kleiner. Es machte ihn nur dringlicher.

    Auf dem Monitor wechselte die Einblendung. Miras Bild rückte nach links, rechts erschien eine Liste mit Punkten. Aufenthaltsorte unbekannt. Mögliche Unterstützung durch Dritte. Gefährdung der öffentlichen Ordnung konnte nicht ausgeschlossen werden.

    Auf die Wörter starrte Mira, bis sie nicht mehr einzeln vor ihr standen, sondern nur noch die Richtung hielten: Dritte, Unterstützung, Gefährdung.

    Damit meinten sie Lina und Jonas.

    Sie hatten aus jedem, der bei ihr blieb, einen Verdacht gemacht.

    Lina drehte an einem kleinen Rad unter dem Monitor. Das Bild sprang kurz, fing sich wieder. Für einen Moment liefen helle Streifen durch die Ansage der Behörde.

    „Wenn ich das Fenster kriege, ist es sofort da oder gar nicht“, sagte Lina. „Du musst vor die Kamera, nicht daneben. Nicht zögern.“

    „Welche Kamera?“

    Lina tippte gegen einen schwarzen Punkt am Rand des Monitors, kaum größer als ein Schraubenkopf. „Da.“

    Jonas hob den Kopf. „Nein.“

    Es kam keine Antwort.

    Mira trat näher an das Pult. Der Raum war so eng, dass sie Jonas’ Stiefel mit dem Absatz streifte. Er zog das Bein zurück und sog scharf Luft ein. Sie murmelte keine Entschuldigung. Der Monitor füllte ihren Blick fast ganz. Ihr eigenes jüngeres Gesicht sah sie nicht an. Es blickte in die Richtung eines Tages, den sie längst nicht mehr zurückholen konnte. Haare glatt, Kragen gerade, Mund geschlossen. Auf diesem Bild hatte niemand gesehen, was sie dachte. Deshalb hatten sie es genommen.

    „Mira.“ Jonas’ Stimme war rauer geworden. „Wenn die den Rückkanal packen, sitzen wir in einer Falle. Für was? Für ein Bild?“

    Sie sah weiter auf den Bildschirm. „Sie haben euch schon mit reingezogen.“

    „Das ändert nichts am Risiko.“

    „Doch“, sagte sie.

    Er schwieg, nicht überzeugt, nur ohne Kraft für einen weiteren Satz.

    Die Frau im Stream sprach jetzt über Hinweise, über Prüfung, über Verantwortung im Umgang mit verdächtigen Beobachtungen. Ihre Stimme blieb ohne Hektik, ohne Zorn, was es schlimmer machte. Es klang, als sei alles längst sortiert. Als gäbe es keinen Zweifel mehr daran, wer Mira war und was aus den anderen wurde, wenn sie bei ihr blieben.

    Lina legte zwei Finger auf einen Schalter. „Wenn’s springt, redet keiner außer dir. Oder du redest gar nicht, bist aber da. Verstanden?“

    Mira hob die rechte Hand. Sofort riss die Spannung wieder in die offenen Stellen. Blut lief zwischen Zeige- und Mittelfinger hinunter zur Handkante. Es tropfte nicht, blieb aber schwer genug stehen, dass sie es spürte. Sie trat noch näher heran, bis ihre Knie fast gegen das Pult stießen.

    „Mach“, sagte sie.

    Lina legte den Schalter um.

    Das Bild zuckte. Der Ton der Sprecherin brach ab, kam verzerrt zurück, fiel wieder weg. Für einen Schlag lang sah Mira nur Störungen, Linien, ein Dunkel.

    …dunkel verzogenes Standbild, dann sprang der Stream zurück.

    Zurück zu ihr.

    Mira sah zuerst nur Bewegung, die nicht in das starre Raster der Einblendungen passte. Als sie es begriff, war es ihr eigenes Gesicht, schräg erfasst, zu nah, von unten, verwackelt. Das Bild saß nicht sauber im Rahmen. Es lag über der Fahndung, halb durchsichtig, fehlerhaft eingepasst. Links stand noch immer das Schulfoto. Rechts liefen die behördlichen Punkte. Dazwischen ihr jetziges Gesicht, blass, verschmiert, mit den dunklen Strichen an der Wange und dem Blut an der Hand, das kurz ins Bild geriet und wieder verschwand.

    Leise fluchend beugte sich Lina sofort tiefer über das Pult. Ihre Finger rasten über die Tasten, hielten inne, wechselten, drückten wieder. „Nein. Auf keinen Fall. Raus da“, rief Jonas, seine Stimme rauer als zuvor. Mira drehte den Kopf nicht zu ihm. Sie hörte nur das harte Einziehen seines Atems an der Wand.

    Stumm blieb die Sprecherin. Ihr Ton war weg. Stattdessen lag ein hohes digitales Kratzen im Raum, das aus den Lautsprechern kam und direkt wieder abbrach.

    Unter ihrem Schulfoto erschien eine neue Zeile, ungelesen, einfach da.

    IDENTITÄT BESTÄTIGT

    Mira blinzelte nicht. Vor ihr lag der graue Hintergrund des alten Bildes. Das glatte Haar. Der Mund, den sie damals schon nicht richtig halten konnte, weil ihr gesagt worden war, sie solle freundlicher schauen. An den Tag als Ganzes kam nichts zurück. Nur der Stuhl. Die Hand der Frau, die ihr Kinn einen Moment anhob. Das Gefühl, dass etwas festgelegt wurde, obwohl es nur ein Foto war.

    „Lina“, fuhr Jonas sie schärfer an. „Zieh den Stecker.“

    „Wenn ich jetzt rausgehe, bleibt’s drin.“ Sie sprach schnell, ohne zu ihm zu sehen. „Warte.“

    „Worauf? Dass sie nicht nur nach ihr greifen, sondern jeden neben ihr gleich mitziehen?“

    „Ich hab’s nicht nur gestört.“ Ihr Ton kippte, zu klar für Panik. „Es hängt im offiziellen Feed.“

    Nicht jedes Wort verstand Mira. Den Rest verstand sie an Linas Gesicht. An der Art, wie sie für einen Schlag stillhielt, obwohl ihre Hände noch auf dem Pult lagen.

    „Was heißt das?“, fragte Mira.

    Kurz hob Lina den Blick zu ihr, und Mira wandte sich wieder dem Monitor zu. „Das heißt, das ist nicht mehr nur deren internes Ding.“

    Jonas stieß einen Laut aus, trocken, ungläubig. „Sag’s richtig.“

    „Das heißt, jeder sieht’s.“

    Der Satz blieb im Raum hängen.

    Wieder sah Mira zum Monitor, wo jeder es sah. Das war zu groß. Zu weit. Ihr Kopf nahm es nicht an. Aber sie sah, was gemeint war: Das Bild war nicht in einem kleinen Fenster. Im gewohnten Rahmen der Behörde stand es sauber, mit den Schriften, den Balken, den Farben. Nur dass mitten darin ihr jetziges Gesicht auftauchte und wieder verschwand.

    Jemand wie Mira, dachte sie nicht. Sie dachte nur: ich.

    Neue Zeilen schoben sich unter die Punkte rechts.

    AUFENTHALTSORT UNBEKANNT
    MÖGLICHE UNTERSTÜTZUNG DURCH DRITTE
    SOFORTIGE MELDUNG KANN STRAFMILD ERWOGEN WERDEN

    Sie las die letzte Zeile zweimal. Beim zweiten Mal lag wieder die ruhige Stimme der Frau aus den Minuten davor in ihr. In ihrem Kopf, nicht im Lautsprecher: Prüfung. Verantwortung. Verdächtige Beobachtungen.

    Unbekannte Helfer.

    Jetzt hatten die Worte Gesichter. Lina mit den angespannten Schultern vor dem Pult. Jonas an der Wand, ein Bein ausgestreckt, die Stirn feucht, die Hand auf die verletzte Seite gepresst. Sie brauchten keine Namen; der Satz reichte. Wer bei ihr blieb, stand schon mit ihr im Licht.

    „Mira.“ Jonas’ Stimme schnitt durch den Raum. „Hör auf mich. Jetzt.“

    Sie wandte sich halb zu ihm um. Er sah grau aus. Es war nicht nur der Schmerz. Wut darüber, dass er zu langsam war, zu weit weg, zu verletzt. Seine Finger drückten fester gegen seinen Körper. „Der Rückkanal“, stieß er hervor. „Wenn der noch offen ist, finden sie uns darüber. Sofort raus.“

    „Vielleicht ist er schon offen“, sagte Lina.

    „Erst recht.“

    „Ich kann’s noch abschneiden.“

    „Dann mach endlich.“

    Lina rührte sich nicht. Ihr Blick sprang über die Anzeigen, die Mira nicht lesen konnte. Ein rotes Feld blinkte, dann zwei. Lina fluchte noch einmal, diesmal lauter. „Wenn ich’s jetzt hart kappe, bleibt der letzte Stand stehen. Sie friert so ein, mit allem.“

    Mira drehte sich zurück zum Monitor.

    Mit allem, auch dem Schulfoto links. Das aktuelle Bild rechts darübergerissen. Ihr Blut. Ihre Haut. Der Schnitt an der Lippe. Die Spur an ihrer Wange. Keine Fremde. Kein

    Das alte Bild zeigte sie nicht mehr als Kind und nicht mehr als jemanden von damals, der ihnen half, sie festzulegen.

    Sie trat einen Schritt vor, während er auf den Monitor deutete.

    „Mira, nicht.“ Lina war sofort neben ihr, nicht ganz nah genug, um sie schon zu packen, aber nah genug, dass Mira die Bewegung im Augenwinkel mitbekam. „Fass nichts an.“

    „Weg da“, rief Jonas. Vielleicht meinte er auch sie. Mira wusste es nicht. In seiner Stimme lag Druck, und er rechnete längst damit, wer das Bild sehen konnte, wer es speicherte, wer es weitergab.

    Auf dem Schirm stand ihr Schulfoto sauber und still. Glatte Haare, gerader Blick, der Mund geschlossen. Daneben ihr jetziges Gesicht aus dem Keller, härter beleuchtet, unsauber eingefangen, die Lippe offen, die Wange verschmiert. Unter den Bildern lief noch immer der Textbalken, stockend, dann wieder klar, während Lina schnell zum Pult griff. SOFORTIGE MELDUNG KANN STRAFMILD ERWOGEN WERDEN. Daraufhin erlosch das rote Feld. Ein anderes sprang an. Das Bild zuckte nicht. Es blieb stehen.

    „Es hängt“, fluchte Lina. „Verdammt.“

    „Dann trenn’s ganz“, befahl Jonas.

    „Es ist schon draußen.“

    Draußen. Das Wort blieb in Mira hängen. Es war nicht hier im Raum und nicht in irgendeinem internen Netz. Draußen, offiziell. Sichtbar.

    Ihr Atem ging zu schnell, zu laut in dem schmalen Raum. Ihre rechte Hand hing noch unten. Von den aufgerissenen Stellen an den Fingern kam wieder Blut nach, nicht viel, aber genug, dass Lina es auch bemerkte. „Mira.“ Jetzt schärfer. „Tu das nicht.“

    Nicht wieder nur weg. Nicht wieder nur eine Spur, die hinter ihr zufiel.

    Mira hob die Hand.

    Jonas stieß sich von der Wand ab. Für einen Moment dachte sie, er käme bis zu ihr. Dann gab sein Bein nach, nur kurz, aber es reichte. Er fing sich mit der Schulter an der Wand, fluchte durch die Zähne und sagte noch einmal, diesmal lauter: „Weg vom Schirm.“

    Lina packte nach ihrem Handgelenk.

    Mira wich nicht zurück, aber sie drehte die Hand so, dass Lina nur ihren Unterarm erwischte. Der Griff war fest, kontrolliert, und genau das machte es schlimmer.

    „Lass mich los.“

    „Nein.“

    Mira riss sich frei. Dabei streifte ihre aufgeplatzte Fingerkuppe an Linas Ärmel entlang, und ein dunkler Fleck blieb am Stoff, auf den Lina sofort hinsah, nur ein kurzer Blick, eine halbe Sekunde. Genug.

    Direkt vor den Monitor setzte Mira den nächsten Schritt.

    Vor dem Foto schwebte ihr Finger.

    Hinter ihr klapperte etwas am Pult. Lina fluchte leise, hart, schnell. „Das Signal ist fest“, rief sie. „Wenn du jetzt—“

    Mira bekam das Ende nicht mehr mit.

    Sie legte die blutige Fingerkuppe auf den Mund des Schulfotos.

    Mit Druck, nicht zögernd, nicht tastend.

    Die Wärme ihrer Haut traf auf kaltes Glas. Der Schmerz schoss sofort durch den aufgerissenen Finger, scharf genug, dass sie kurz die Luft anhielt. Sie nahm den Druck nicht weg. Sie presste fester, bis das Blut unter der Kuppe nachgab und sich auf der glatten Fläche verteilte.

    Diesmal war es keine Flucht und kein Schlag. Sie setzte die Spur selbst.

    Lina machte eine kurze Bewegung nach vorn und blieb dann stehen.

    Jonas sagte ihren Namen, nur den Namen.

    Mira hob den Finger nicht. Vor ihren Augen entstand ein dunkler Abdruck auf dem alten Bild. Er saß nicht sauber in der Mitte; er verschob sich über Mund und Kinn.

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