Capítulo 8
Die stille Übergabe
Später, an einem anderen Ort, endete der Stream nicht mit einem Schnitt, sondern damit, dass Lina ihr das Display aus der Hand nahm und in ihre Jackentasche schob. „Wir gehen jetzt“, erklärte sie. Ohne weitere Erklärung und ohne einen Blick zurück zum Kellerraum. Als die Metalltür hinter ihnen zufiel und die Luft nach Tankstelle, nassem Beton und heißem Fett roch, wusste sie, dass sie nicht mehr unter dem Haus waren. Das Bild ihrer Eltern hing ihr noch im Nacken; ihre Finger waren kalt, und unter den Rippen saß derselbe starre Druck.
Nach oben führte der Gang in einen Seitenbereich des Rasthofs. Jonas lief vor ihr, eine halbe Schulterbreite zu weit rechts, sodass sie ihn nicht einfach hätte überholen können. Dicht hinter ihr blieb Lina, gerade nah genug.
Mira zog die Hand aus Linas Nähe. „Wohin?“
„Raus“, erwiderte Lina.
„Das sehe ich.“
Sie antwortete nicht.
Vor ihnen lag hinter einer schmalen Tür ein Bereich mit Automaten, Neonlicht und zwei verschlossenen Glasvitrinen. Dahinter begann der eigentliche Rastbereich. Menschen standen an Tischen, mit Bechern, Taschen, Kindern an den Händen. Niemand sah zu ihnen her. Oder der Blick blieb sofort an der rechten Fensterfront hängen.
Draußen wartete ein dunkler Transporter mit matter Seitenfläche. Auf der Tür stand das Zeichen BEA, und Mira blieb stehen.
Sofort drehte sich Jonas um. „Weiter.“
„Nein.“
Kurz ging sein Blick an ihr vorbei zu Lina, dann zurück. „Mira.“
Sie wich einen Schritt zurück. Hinter ihr stand schon Lina. Kein Platz.
„Du hast gesagt, wir verschwinden“, entgegnete Mira. Ihre Stimme blieb flach. „Nicht, dass du mich irgendwo ablieferst.“
Lina hob die Hände nicht, machte keinen beruhigenden Schritt. „Wenn wir hier stehen bleiben, ist es in zwei Minuten vorbei.“
„Für wen?“
„Für uns alle.“
Wieder ging ihr Blick zum Fahrzeug. Neben dem Transporter stand ein Mann in ziviler Jacke, mit Ohrstück, den Blick auf die Eingangstür gerichtet. Er wartete dort. Am Heck sprach eine Frau mit einem Tablet mit jemandem im Fahrerraum. Alles lief still und geordnet, offen und vorbereitet.
Sie dachte an den Keller, an die offenen Schubladen in ihrem Zimmer, an Evas Hand um die Karte, an das Wort Maßnahme. Es war derselbe Ton, dasselbe System, nur ein anderer Ort. Beim Anblick des Wagens zog sich ihr Magen zusammen; sie würde nicht noch einmal danebenstehen und zusehen.
„Du wusstest das“, warf sie Jonas vor.
„Nicht alles.“
„Genug.“
Er zog Luft ein. „Wenn wir jetzt diskutieren, holen die anderen uns hier raus, und dann hast du gar keine Wahl mehr.“
„Die anderen?“ Mira lachte einmal, ohne Laut. „Und das hier ist was?“
Am Ende des Flurs ging eine Sicherheitstür auf. Zwei Personen kamen herein, beide in dunkler Kleidung, beide mit diesen ruhigen, freien Händen, die nur dann frei wirkten, wenn alles schon entschieden war.
Jonas sah sie und fluchte leise.
Endlich trat Lina neben Mira. „Hör zu. Der Weg zum See war die einzige Route.“
Mira drehte den Kopf zu ihr. „Der See.“
Lina nickte. „Ja.“
„Zu wem?“
„Nicht hier.“
„Natürlich nicht hier.“
Die beiden aus der Sicherheitstür kamen näher. Der Mann vorn zog keinen Ausweis. Er sah nur Jonas an. „Reiter.“
Sofort stellte sich Jonas halb vor Mira. Das ging schnell, zu schnell, und daran erkannte sie, dass er mit genau diesem Moment gerechnet hatte. Er hätte sie längst abgeben können und stand trotzdem noch da.
„Sie geht zuerst“, bestimmte Jonas.
„Das entscheidest nicht du.“
Der zweite Mann griff nach Jonas’ Arm. Jonas riss sich los, nicht weit, nur genug, dass ein Stuhl gegen die Wand schlug. Im Rastbereich drehte sich jetzt doch jemand um. Ein Kind starrte herüber. Die Frau am Tablet draußen hob den Kopf.
„Nicht“, zischte Lina scharf.
Auf sie hörte Jonas nicht. „Lauf“, rief er ihr zu, doch sie bewegte sich nicht. Vorne BEA. Hinter ihr Lina. Links Glas. Rechts Wand. Der Weg, den sie gekommen waren, war schon von den zwei Leuten besetzt. Es gab keinen Ausgang, der nicht schon jemandem gehörte.
Diesmal packte der Mann Jonas am Handgelenk, drehte ihn herum und drückte ihn gegen die Kante eines Stehtischs. Der zweite zog etwas Weißes aus einer Tasche.
Kunststofffesseln.
Mira machte einen Schritt nach vorn, bevor sie darüber nachdachte. „Lass ihn los.“
Lina griff nach ihrem Unterarm. Mira riss sich los.
Der weiße Streifen glitt um Jonas’ Handgelenke und rastete ein. Jonas spannte die Schultern an, mehr nicht.
Für Mira war es damit entschieden. Wenn sie ihn jetzt dort ließ, tat sie genau das wieder.
Es war keine Verlegung, kein Durchschleusen, kein Schutz.
Übernahme.
„Hör zu“, sagte Lina jetzt leiser. „Sie hätten ihn hinten schon nehmen können. Haben sie nicht. Versteh das wenigstens.“
„Was soll ich daran verstehen?“ Sie sah Lina an, und diesmal hielt Lina den Blick nicht lange. „Dass ihr nett seid, solange ich mitlaufe?“
„Dass wir überhaupt noch hier stehen.“
Draußen sprang eine Seitentür am BEA-Fahrzeug auf. Die Frau mit dem Tablet trat einen Schritt zur Seite.
Niemand antwortete sofort.
Noch stand das Klacken der Seitentür im Raum. Vom Tischrand hob Jonas den Kopf. Der Mann hinter ihm hielt ihn weiter unten, eine Hand zwischen den Schulterblättern, die andere an den gefesselten Handgelenken. Nur so weit drehte er den Kopf, wie man ihn ließ. „Mira.“
Mehr sagte er nicht. Sein Blick lag kurz auf ihr, dann auf Lina, dann wieder auf ihr.
Näher trat Lina einen halben Schritt. Ihre Stimme blieb gedämpft, aber sie sprach jetzt schneller. „Du steigst ein. Allein. Dann fährt der Wagen. Das war die Abmachung.“
„Mit wem?“, fragte Mira.
Lina presste den Mund zusammen. „Jetzt nicht.“
„Mit wem?“
„Mira.“
Sie hasste sofort, wie Lina ihren Namen aussprach. Leise und ohne Härte. So, als ginge es darum, sie durch etwas hindurchzubringen, das für sie längst entschieden war.
An der Tür wartete die Frau mit dem Tablet. Sie drängte nicht. Das machte es schlimmer. Der andere Mann neben Jonas hatte die Hände frei und beobachtete nur. Routine. Niemand rechnete damit, dass hier noch etwas kippte.
Miras Blick glitt wieder zu Jonas, zu den weißen Fesseln, die zu eng angezogen waren. Die Kante des Streifens schnitt in die Haut. Seine Finger bewegten sich einmal, kurz und nutzlos. Das Bild ihrer Eltern im Stream lag ihr noch im Magen, ihre reglosen Gesichter, das Zuschauenmüssen. Hier stand Jonas vor ihr. Hier griff schon eine Hand nach ihm.
„Er kommt mit“, erwiderte sie.
Einer der Männer schnaubte leise, eher müde als spöttisch.
Lina schüttelte den Kopf. „Nein.“
„Dann bleibe ich hier.“
„Dann bleibt er hier auch.“ Linas Blick ging nicht zu Jonas. „Gefesselt.“
Das traf sauber. Ohne Umweg. Ohne jede Verkleidung.
Mira sah sie an. Jetzt hielt Lina den Blick, und gerade das machte es klar. Sie wich nicht mehr aus. Sie beruhigte nicht. Erklärungen, die noch wie Hilfe klingen sollten, kamen nicht mehr. Sie eröffnete ihr, was geschehen würde, und ließ die Wahl nur in der Form stehen.
Am Zugang zum Gang bewegte sich hinter Mira jemand. Den Kopf drehte sie nicht. Schritte, dann wieder Stillstand. Der Raum wurde enger, obwohl niemand sie anfasste.
Gegen den Druck richtete Jonas sich ein Stück auf. Der Mann hinter ihm reagierte sofort und drückte ihn wieder nach vorn, härter diesmal. Die Tischkante schlug dumpf gegen die Holzverkleidung. Jonas stieß hörbar Luft aus.
Schon bevor Lina noch einmal nach ihr griff, war Mira in Bewegung.
Sie ging zu Jonas statt zur Tür.
Lina erwischte ihren Ärmel, dann ihre Hand. „Nein.“
Mira riss sich los. Nicht in einem Zug, sondern zweimal kurz hintereinander. Stoff spannte, Linas Finger glitten ab. Der freie Mann machte einen Schritt nach vorn. Zu spät. Mira war schon dicht genug dran, dass er nicht mehr sauber zwischen sie und Jonas kam, ohne ihn selbst loszulassen.
„Zurück“, rief er scharf.
Sie hörte nicht auf ihn. Als Jonas den Kopf wieder hob, blickte er sie direkt an. In seinem Gesicht lag etwas, das sie nicht einordnen konnte. Warnung vielleicht. Oder der Versuch, sie festzuhalten, ohne sich zu bewegen. „Mira, lass—“
Sie griff nach seinen gebundenen Händen.
Glatt und hart fühlte sich das Plastik an, zu straff um die verdrehten, kalten Handgelenke. Der Mann hinter Jonas fluchte und zog die Fesseln hoch, damit sie den Zugriff verlor. Mira packte fester zu. Die scharfe Kante des Streifens drückte ihr in die Finger.
„Weg von ihm“, befahl der Mann.
Lina sagte gleichzeitig etwas, aber Mira verstand nur ihren Namen.
Sie setzte beide Hände an den weißen Streifen und drehte mit Gewalt gegeneinander. Das Plastik gab nicht sofort nach. Es schnitt erst in ihre Haut. Jonas zuckte, weil die verdrehten Handgelenke mitgingen. Der Mann hinter ihm versuchte, seine Arme fest nach oben zu ziehen. Mira stemmte ihr Gewicht dagegen. Ihre Schulter stieß gegen Jonas’ Rücken, ihr Knie gegen den Tischfuß. Der Tisch ruckte, als die Frau an der Tür sagte: „Pack sie weg“, und ihre Stimme jetzt nicht mehr ruhig klang.
Der freie Mann griff nach Miras Oberarm. Sie duckte sich nicht weg. Sie zog nur härter.
Das Band knirschte.
Ein kleines Geräusch, mehr in den Fingern als im Ohr: Material, das nachgab, aber noch nicht genug. Ihre Finger brannten. Sie setzte neu an, weiter innen, so tief sie zwischen Handgelenk und Fessel kam: zu wenig Platz für Haut, Plastik, Druck.
Jonas hielt still.
Das begriff sie erst in diesem Moment. Er riss nicht mehr gegen den
Zug, nicht gegen sie, nicht gegen den Mann hinter ihm. Er stand fest, obwohl der Schmerz in seinem Gesicht lag und der Zug an seinen Armen ihn auf die Zehen brachte.
Mira holte Luft durch die Zähne, setzte noch einmal an.
Ihren Oberarm bekam der freie Mann zu fassen. Seine Finger drückten hart zu. Er zog. Seitlich rutschte Mira einen halben Schritt weg, verlor fast den Griff und fing die Fessel im letzten Moment wieder zwischen den Handballen, während Jonas’ Schulter sich unter ihrem Stoß spannte und der Tisch über den Boden scharrte.
„Ich hab’s gesagt: weg“, knurrte der Mann.
„Lass sie“, rief Lina.
Diesmal war es klar. Kein ruhiger Ton, kein Versuch zu verhandeln. Ein Befehl.
Trotzdem blieb der Griff an ihrem Arm. Für einen kurzen Moment zogen zwei Richtungen gleichzeitig an ihr. Der Mann wollte sie von ihm wegziehen. Aus Linas schnellen, harten Schritten auf dem Asphalt wurde klar, wie nah sie schon war. Hinter dem offenen Wagen schlug eine Tür gegen Metall und wieder zurück. Jemand kam.
Mira sah nicht hin. Vor ihr waren nur seine Hände, das weiße Plastik, die rote Stelle an seinem Handgelenk, die unter dem Band hervortrat.
„Steig ein“, sagte Lina dicht neben ihr. „Jetzt.“
Ohne aufzusehen schüttelte sie den Kopf. „Nicht ohne ihn.“
„Dafür ist keine Zeit mehr.“
„Dann macht Zeit.“
Leise und wütend fluchte der Mann. Er zog an Jonas’ Armen hoch, offenbar um ihr den Zugriff ganz zu nehmen. Jonas’ Rücken richtete sich gegen den Zug auf. Sein Atem ging einmal hart aus. Er sagte immer noch nichts. Mira merkte nur, dass er das Gleichgewicht hielt und den Mann hinter sich nicht mit einer Bewegung begünstigte, die sie von den Fesseln getrennt hätte.
Von links griff jemand nach ihrem Handgelenk. Diesmal kam der Zugriff tiefer, sicherer. Mira drehte nur den Körper hinein, damit ihre zweite Hand am Band blieb. Die Kante grub sich weiter in ihre Haut.
„Weg mit ihr“, rief die Frau vom Wagen.
„Nein“, entgegnete Lina sofort.
Mira hob jetzt doch den Kopf.
Lina stand einen Schritt entfernt, quer zwischen Wagen und Tisch, den Arm halb ausgestreckt, als könne sie beide Seiten auf Abstand halten, obwohl die Lage längst zu eng dafür geworden war. Ihr Blick ging nicht zu Mira, sondern an ihr vorbei zum Wagen. Einer der BEA-Leute war schon aus dem offenen Bereich heraus, dunkel gekleidet, die Hand am Türrahmen, bereit zum Zugriff. Der andere hielt sie noch immer am Arm.
Es war also vorbei mit dem stillen Teil. Einsteigen fiel aus, ebenso jede Übergabe, jeder Satz, der das hier klein halten konnte. Für sie allein hatten sie es vorbereitet. Und jetzt standen Jonas’ gefesselte Hände mitten darin. Sie sah noch einmal das Band in die Haut schneiden und wusste, dass sie ihn nicht wieder festhalten lassen wollte.
Sie schob beide Daumen zwischen Kunststoff und Haut und verdrehte das Material mit einem kurzen, harten Ruck. Jonas zuckte. Ein Laut kam über seine Lippen, abgebrochen und niedrig. Mira blieb dran.
„Mira.“ Jetzt sprach er ihren Namen so, dass sie kurz innehielt. Es sollte sie nicht stoppen; so zeigte er ihr, wo sie ansetzen musste. Er drehte die Handgelenke minimal gegeneinander, so weit die Fessel es noch zuließ.
Als es reichte, griff sie sofort um.
Jetzt lag der schmale Steg schräger. Hinter sich hörte sie Schritte näherkommen. Der Mann an ihrem Arm wechselte den Griff, ging höher, fast bis zur Schulter. Wenn er jetzt richtig zog, war sie weg.
Lina stieß ihn an.
Im Moment des Umgreifens, ohne viel Kraft, verrutschte sein Arm. Mira gewann eine halbe Sekunde.
Sie nahm sie.
Beide Hände fest um den weißen Streifen, Finger ineinander verhakt, riss sie die Fessel gegeneinander auf. Das Plastik schnitt bis in die Fingerkuppen. Für einen Schlag lang dachte sie, es hielt wieder. Dann sprang der Steg.
Das Geräusch war klein, trocken, sauber.
In Jonas’ Armen brach die Spannung nicht sofort, weil der Mann hinter ihm noch den Rest des Bandes festhielt. Mira sah nur, wie der weiße Streifen an einer Stelle offenstand. Ein Ende sprang hoch. Mehr brauchte sie nicht. Sie packte nach, riss an dem gebrochenen Teil und zog es auseinander, bevor jemand ihr die Hände wegnehmen konnte.
Jetzt gab das Material ganz nach.
Die Fessel trennte sich unter ihren Händen.
Jonas’ Handgelenke fielen auseinander, erst kaum sichtbar, dann deutlich, frei genug, um sich gegeneinander zu lösen. Die abgeschnittene Enge war weg. Ein Rest des weißen Kunststoffs hing schräg an einem Arm, verdreht und nutzlos.
Für einen Moment bewegte niemand sich richtig.
Mira stand noch dicht an ihm, außer Atem, die Finger offen und brennend.
Der Bruch kam offen und ohne Übergang: Nicht mehr der Gang, nicht mehr der Kellerraum, nicht mehr die kurze Hoffnung, die Lina mit ihrer Stimme zusammengehalten hatte. Der Rasthof lag hart beleuchtet vor Mira, das offene BEA-Fahrzeug stand noch da, und in dem Moment, in dem die Fessel unter ihren Händen nachgab, kippte die Übergabe in etwas anderes.
An ihren Handballen klebten helle Druckstellen, an einer Stelle Blut, wo das Plastik die Haut aufgerissen hatte.
Jonas riss den freien Arm hoch und stieß den Mann von sich, nur weit genug, um Luft zwischen sich und den Zugriff zu bringen. Mira machte einen halben Schritt zurück, noch immer dicht an ihm, und bemerkte erst jetzt die Frau auf der Fahrerseite des Lieferwagens. Ruhig hielt sie ein Tablet in beiden Händen, als gehöre der Lärm um sie herum zu einer Arbeit, die längst begonnen hatte. Kurz lag ihr Blick auf Mira, dann auf dem Display.
„Bestätigung liegt vor“, sagte sie.
Niemand antwortete ihr direkt. Zwei weitere Leute kamen zwischen den Fahrzeugen hervor, ohne zu rennen, zu sicher dafür. Mira hörte irgendwo eine Tür schlagen. Hinter den LKW-Reihen sprang Licht an, erst auf einer Seite, dann auf der anderen. Der Hof wurde enger, ohne dass sich etwas sichtbar schloss.
Jonas packte sie am Unterarm.
„Weg hier.“
Den Kopf riss sie zu ihm herum. „Wohin?“
Er antwortete nicht. Er zog.
Mira stemmte sich einen Moment gegen seinen Griff, nicht weil sie bleiben wollte, sondern weil sein Zug sich nicht anders anfühlte als der der anderen. Wieder glitt ihr Blick zu dem Zeichen am Fahrzeug: BEA, offen an der Seite, bereit. Die Abfahrt stand bereits fest, weder besprochen noch gefragt. Fertig.
Mitreißen ließ sie sich.
Sie kamen schräg vom Lieferwagen weg, auf die Leitplanke zu, die den Hof gegen die dunklere Böschung absetzte. Der Boden war nass an einzelnen Stellen, glatt vom alten Schmutz. Jonas hielt sie tief am Arm, fast schmerzhaft. Hinter ihnen rief jemand etwas, sie verstand nur ihren Namen.
Die Frau mit dem Tablet hob die Stimme nicht. „Mira Hartmann. Bleiben Sie stehen. Sie sind als Präventionsschutzfall registriert.“
Mira stolperte fast. Das Wort blieb ihr nicht im Kopf, nur die Form davon: registriert, Schutzfall, längst festgelegt, schon irgendwo eingetragen. Halb drehte sie sich um und ging weiter rückwärts, weil Jonas sie immer noch zog.
„Von wem?“, schrie sie.
Die Frau sah nicht auf, während ihre Finger über das Display liefen. „Bereich halten. Hintere Zufahrt schließen.“
Also nicht mit ihr, sondern über sie.
Jonas fluchte leise. Er ließ ihren Arm los, griff in seine Jacke und legte ihr etwas in die Hand, klein, kantig, kalt.
„Nimm das.“
Es war Linas Funkgerät.
Mira hob den Blick zu ihm. „Wo ist sie?“
„Später.“
Sofort drückte sie auf die Taste, doch nichts kam. Weder Rauschen noch Knacken. Nicht einmal ein offener Kanal. Aus. Tot.
Jonas hatte sich schon wieder zu ihr gedreht. „Mira. Jetzt.“
Zwei Männer kamen breit auf sie zu, einer von vorn, einer seitlich. Hinter ihnen fuhr ein zweites Fahrzeug auf den Hof, langsam genug, dass niemand beiseitespringen musste. Das Zeichen darauf erkannte sie auf den ersten Blick. Wieder BEA. Der Hof war nicht mehr offen. Er war nur noch groß genug, damit man dachte, man könne irgendwohin.
Mit Metall im Rücken wich Mira zur Leitplanke aus, kalte Nässe zog durch ihre Jacke. Jonas stellte sich halb vor sie, nicht ganz, mehr quer, damit er beide Seiten sehen konnte.
„Sie kommt nicht mit euch“, sagte er.
„Zu spät“, sagte einer der Männer.
Der andere machte einen Schritt vor, Hände tief, offen, auf Ruhe gestellt. Sie hasste diesen Blick. Diese Art, schon zu wissen, was gleich mit ihr geschah.
„Mira“, sagte die Frau mit dem Tablet. Jetzt kam sie näher. „Es geht nicht mehr um Zustimmung. Sie gefährden im aktuellen Zustand sich selbst und andere.“
Mira lachte kurz. Es kam trocken heraus und tat sofort weh im Hals. „Ihr habt das doch längst entschieden.“
Die Frau blieb stehen. Kein Widerspruch. „Ja.“
Jonas bewegte sich zuerst. Er ging seitlich gegen den Mann mit den offenen Händen, kurz und hart mit der Schulter. Genug, um ihn aus der Linie zu bringen. Mira duckte sich weg. Jemand griff nach ihr und bekam nur den Ärmel. Stoff zog über ihre Haut. Sie riss sich frei, stieß mit dem Rücken gegen die Leitplanke und schlug mit dem Funkgerät nach der Hand, die wiederkam, Kunststoff auf Fingerknochen, ein Zischen, kein Halt.
„Mira, runter!“, rief Jonas.
Nicht wusste sie, ob er meinte, ducken oder laufen. Beides tat sie nicht. Sie sah nur, wie zwei weitere auf Jonas gingen. Einer bekam ihn am freien Arm, der andere tief an der Hüfte. Jonas trat zurück,
trat zurück, riss den Arm hoch und drehte den Körper so, dass keiner ihn ganz fest bekam. Mira sah den Ruck durch seine Schultern gehen. Er stieß den einen mit dem Ellbogen weg und griff blind nach hinten, bis seine Finger ihren Ärmel fanden.
„Komm.“
Seine Hand zog. Mira kam einen Schritt mit, dann noch einen. Die lockere Fessel schnitt ihr über die Handgelenke, aber sie hielt nicht mehr richtig. Sie zog die Hände gegeneinander, das Material gab deutlicher nach, ein Stück Spiel, genug, dass sie nicht ganz geführt wurde. Zwischen zwei abgestellten Lastwagen war es dunkler. Das Licht vom Hof fiel nur noch streifig herein. Für einen Moment stand das offene BEA-Fahrzeug nicht mehr direkt vor ihr.
Hinter ihnen rief jemand etwas, keine Namen, nur Kürzel, Richtungen, kurze Befehle.
Jonas drückte sie weiter, seitlich an der Leitplanke entlang, bis der Weg enger wurde. Metall rechts, Reifen links, nasser Boden unter den Sohlen. Mira stolperte einmal, fing sich an der kalten Planke ab und merkte erst dabei, dass sie das Funkgerät noch festhielt.
„Lina“, sagte sie, mehr in den Atem hinein als laut.
Sie drückte die Taste.
Erst rauschte es nur. Dann eine fremde Stimme, sachlich, ohne Hast: „Hintere Zufahrt dicht. Wiederhole, hintere Zufahrt dicht.“ Sofort kam eine zweite dazwischen: „Sperrpunkt Leitplanke steht. Keine Ausleitung über Nordrand.“
Mira nahm den Daumen von der Taste, während das Gerät leise in ihrer Hand knackte.
Jonas sah nur kurz zu ihr. „Was?“
Sie antwortete nicht. Sie musste nicht. Hintere Zufahrt dicht. Sperrpunkt Leitplanke.
Lina kam nicht.
Vor ihnen endete die Deckung der LKW-Reihe. Dahinter lag wieder der helle Hof. Ein paar Meter weiter knickte die Leitplanke ab. Zwei Einsatzkräfte kamen ihnen dort bereits entgegen. Einer hob die Hand, nicht drohend, nur sichtbar. Der andere blieb etwas zurück und sprach in sein Headset.
Jonas bremste, seine Finger lagen noch an Miras Arm. Fest, aber nicht hart.
„Zurück“, murmelte er leise.
Mira sah nach hinten. Dort bewegten sich ebenfalls Leute zwischen den Fahrzeugen, langsam und sicher, während der Hof sich eng zusammenzog.
Sie hätte jetzt noch wegziehen können. Die Fessel gab nach. Jonas stand nicht vor ihr. Er hielt sie nur seitlich. Wenn sie sich duckte und zwischen LKW und Leitplanke durchging, würde sie ihm für einen Moment entkommen, vielleicht auch den anderen, für ein paar Sekunden. Vielleicht etwas mehr.
„Du steigst ein. Allein. Dann fährt der Wagen.“
Jonas zog sie wieder an. „Mira.“
Sie riss den Blick von der Öffnung zwischen den Lastwagen los und blieb stehen.
Er merkte es sofort. Seine Hand veränderte sich. Sie zog nicht mehr, sie hielt nur noch. Einmal kurz drückte er ihren Arm, dann stellte er sich etwas weiter vor sie.
„Nicht hinter mich“, warnte er.
Die Leute vor ihnen kamen näher. Von links hörte Mira Schritte auf nassem Boden. Jemand war über die Leitplanke gesetzt worden oder außen herumgelaufen. Sie drehte den Kopf zu spät.
Etwas traf ihren Hals.
Ein kurzer, harter Druck knapp unter dem Kiefer. So klein, dass ihr Körper erst einen Moment brauchte, um zu begreifen, dass dort etwas steckte. Dann kam der Schmerz. Scharf und lokal. Mira fuhr mit der Hand hin, tastete glatten Kunststoff, einen dünnen Ansatz, der aus ihrer Haut ragte.
Die Luft blieb ihr weg.
„Nein“, rief Jonas sofort.
Er ließ sie los und war in derselben Bewegung bei dem Mann, der seitlich an die Leitplanke gekommen war. Mira sah nur die Weste, die dunkle Hand am Applikator, dann Jonas’ Schulter, die den Mann voll traf, sodass beide gegen das Metall schlugen und der Applikator klappernd zu Boden fiel.
Jemand rief: „Setzt! Setzt!“
Mira wollte die Nadel herausziehen. Ihre Finger gehorchten nicht richtig. Sie bekam sie zu fassen, rutschte ab, drückte sie nur tiefer an die Haut. Ihr Herz schlug zu schnell. Dann auf einmal schwer. Jeder Schlag stand einzeln da.
Vor ihr verschwamm der Rand des Hofs. Das Licht blieb hart, aber es hielt nicht mehr still. Sie machte einen Schritt nach vorn, ohne zu wissen, wohin. Die Leitplanke fing ihre Hüfte ab.
„Nicht bewegen!“ Eine Stimme direkt vor ihr, bestimmt, nah. „Lassen Sie die Hände unten.“
Mira hob den Kopf. Der Mann vor ihr hatte beide Hände offen, als könnte man darüber noch reden. Hinter ihm stand die Frau mit dem Tablet nicht mehr weit weg. Sie rief etwas zu jemandem links von ihr. Mira verstand nur einzelne Wörter: „registriert“ und „Transport“.
Jonas fluchte. Kurz.
Jonas fluchte, kurz, heiser, abgerissen. Wieder trieb sie nur Bewegung weiter.
Den Mann an der Leitplanke stieß er von sich weg und griff nach Mira. Am Oberarm und an der Jacke packte er sie, zog sie aus dem offenen Raum weg, tiefer zwischen die stehenden Lastwagen. Einen Schritt machte Mira mit, dann noch einen halben, ehe ihr die Beine wegsackten und die Leitplanke an ihrer Seite entlangschrammte. Sie kam nicht frei. Selbst das Wegknicken wirkte präzise, als gehörten die Winkel ihrer Schritte jemand anderem.
„Komm“, drängte Jonas. „Komm jetzt.“
Antworten wollte sie. Nichts löste sich. Ihre Hand lag noch immer an ihrem Hals. Unter den Fingern saß der glatte Schaft fest. Danach tastete sie, drückte die Nägel in die Haut, suchte eine Stelle, an der sie ihn fassen konnte. Ihre Finger rutschten wieder ab.
Von links drangen zwei Kräfte gleichzeitig in die Gasse zwischen den LKWs. Westen, Handschuhe, Lampenlicht auf Stoff und nassem Boden. Einer rief Jonas etwas zu, scharf, ohne Namen. Jonas reagierte nicht. Er zog Mira weiter.
Sie stieß mit dem Rücken gegen die Leitplanke. Weiter nach hinten reichte der Raum nicht. Lastwagenwand rechts, Metall hinter ihr, Menschen vor ihnen. Eingekesselt. Das Wort stand sofort fest in ihrem Kopf, eine Feststellung.
Jonas stellte sich vor sie. Zu nah, zu schnell atmend. Er hielt einen Arm quer vor ihren Oberkörper, drängte sie tiefer an das Metall, als könnte er sie damit aus dem Zugriff nehmen. „Zurück“, rief er in Richtung der anderen. „Zurück, verdammt.“
Ein Mann trat einen Schritt vor. „Weg von ihr.“
„Fass sie nicht an.“
Ihr eigenes Blut hörte Mira in den Ohren. Dazwischen knackte trocken ein Funkgerät, und jemand sprach Meldungen durch, Orte, Zahlen, Bestätigungen. Rauschen folgte. Nichts davon half ihr.
Blind suchte ihre rechte Hand nach dem Gerät, das Jonas ihr gegeben hatte. Linas Funkgerät steckte noch da, eingeklemmt zwischen Jacke und Körper. Mira bekam es zu fassen und drückte mit steifen Fingern auf die Taste.
Es klickte nicht, keine Stimme antwortete; nur ihr eigener Atem raste, zu flach, zu schnell.
Sie drückte erneut, ohne dass das Gerät reagierte.
Lina erschien nicht. Jetzt nicht, vielleicht gar nicht. Für einen Moment tauchte die verschlossene Tür wieder vor ihr auf, Schläge von außen, Linas Stimme von damals, dass der Öffner weg war, dass die Karte nicht funktionierte. In ihr saß derselbe harte Punkt, und Warten half nicht. Hoffen brachte niemanden durch eine geschlossene Zufahrt.
Den Kopf hob sie. Hinter den Einsatzkräften ragte das Tor zur Zufahrt dunkel und geschlossen auf. Scheinwerfer kamen nicht durch, kein Fahrzeug drängte sich herein. Die Anlage blieb dicht.
Jonas machte einen Ausfall nach vorn, nur einen Schritt, aber mit dem ganzen Körper. Einer der Männer fing ihn ab. Ein zweiter rückte seitlich heran. Mira sah, wie Jonas den ersten wegdrückte, seine Hand an einer Weste. Ohne zurückzustolpern, drängte er noch einmal nach vorn.
„Jonas“, brachte Mira heraus.
Es war kaum mehr als Luft.
Nur kurz drehte er den Kopf zu ihr. In seinem Blick lag nichts Beruhigendes, nur Druck. Weiter. Halt dich. Irgendetwas davon, aber ohne Worte.
Einer traf ihn von der Seite gegen die Schulter. Jonas verlor den Stand, fing sich am Leitplankenpfosten, kam wieder hoch und griff trotzdem zurück nach Mira. Seine Finger erwischten ihr Handgelenk. Die nachgebende Kunststofffessel schnitt in die Haut. Für einen Augenblick glaubte sie, er bekäme sie noch einmal losgezogen.
Jemand schlug seine Hand weg.
Mira zuckte zusammen. Der Schlag war es nicht, sondern die Verzögerung in ihrem Körper. Die Bewegung erreichte sie erst einen Moment, nachdem sie sie gesehen hatte. Ihre Beine wurden schwer. Sie knickten nicht ein; der Boden blieb fest, aber sie bekam ihn nicht mehr richtig unter sich. Ihr Körper arbeitete weiter, doch jeder Impuls kam an wie von außen gesetzt.
„Hände weg von der Einstichstelle“, kam die Stimme vor ihr wieder.
Trotzig hob Mira die Hand noch einmal an den Hals. Sie krallte die Finger um den kleinen Kunststoffansatz. Dieses Mal hatte sie ihn kurz. Sie zog.
Nichts.
Ein brennender Stich schoss unter die Haut. Ihre Hand verkrampfte. Die Finger öffneten sich von selbst. Die Nadel blieb stecken.
Das war der Punkt. Mira wusste es sofort. Nicht in Worten, sondern daran, wie ihr Magen absackte und ihre Brust nicht tief genug Luft bekam. Das war die letzte Bewegung gewesen, die noch ihr gehört hatte.
Näher rückte die Frau mit dem Tablet, die keine Handschuhe trug. Sie beugte sich nicht zu Mira herunter. Ihr Blick wechselte vom Bildschirm zu Mira und zurück. Ihr Gesicht blieb ruhig.
„Reaktion läuft. Transportfähig.“
Niemand antwortete sofort. Einer hielt Jonas jetzt mit beiden Armen auf Abstand. Ein anderer blockierte die offene Seite der Gasse zwischen ihm und Mira. Das Tabletlicht lag blass auf den Fingern der Frau.
„Sofortige Übernahme“, ordnete sie an.
Das Wort verhakte sich in Mira. Übernahme. Nicht Hilfe. Nicht Sicherung. Über.