PANATHINAIA

    Alexia Michailidou · Band 1

    PANATHINAIA

    Capítulo 7 de 13

    Capítulo 7

    Der enge Weg im Fels

    Wind strich über den Hang und fuhr in die offenen Felle. Vor ihnen lag der Bruch: Nicht mehr die Höhle als Halt, nicht mehr dieselbe Stunde, nicht mehr derselbe Zustand. Der Speer stand im Boden am Eingang, und mit ihm hatte sich der Platz vor der Höhle zu etwas anderem gewandelt. Hinter ihm lag das Versteck. Vor ihm lag ein Weg, den noch niemand betreten hatte. Die Männer standen nicht mehr um ein verborgenes Kind. Sie standen um den, der den Weg gegen Kronos selbst verlangte.

    Niemand sprach sofort. Leder knackte leise an einem Schildriemen. Unten im Tal regte sich nichts, das bis hierher drang. Der Eingang lag offen, und der Speer trennte innen und außen.

    Der Älteste trat einen Schritt vor. Er sah erst den Speer an, dann den Jungen. „Gut.“

    Mehr kam zunächst nicht von ihm. Er ging bis an den Schaft, legte die Hand daran und prüfte den Sitz im Boden. Dann ließ er los und wandte sich zu den anderen Kureten. „Ihr habt es gehört.“

    Keiner antwortete mit Worten. Einer hob den Schild höher auf die Schulter. Ein anderer stellte die Füße breiter, ohne Unruhe zu zeigen. In der Reihe lag Annahme.

    Rhea hielt den Blick auf ihn. Seit sie aus dem Schatten getreten war, hatte sie jedes Wort auf diesen Punkt hin gehört, auch wenn sie ihn erst jetzt klar sah. Der Schutz hatte gehalten, weil er eng gewesen war. Weil die Männer den Ort kannten, die Wege, die Stunden, das Schweigen. Jetzt stand er mit einer Waffe vor ihnen und hatte sich selbst aus dieser Enge genommen. Jeder weitere Tag würde die Männer tiefer binden. An einen offenen Gegensatz zu Kronos.

    Sie trat neben Gaia, ohne die Alte anzusehen. „Es kann nicht bleiben, wie es war“, meinte sie.

    Die Alte antwortete nicht sofort. Ihr Gesicht blieb still. Ihre Augen lagen auf Zeus, nicht auf dem Speer. „Nein“, erwiderte sie dann.

    Zeus drehte sich endlich um. Sein Blick ging zuerst zum Ältesten, dann zu Gaia, dann zu Rhea. Er suchte nicht nach Erlaubnis. Er wartete auf Richtung. „Wohin?“

    Das Wort stand kurz und hart im Raum.

    Die Alte trat aus dem Schatten des Eingangs. Sie brauchte keinen Platz; die Männer nahmen ihn von selbst. „Othrys“, sagte sie.

    Rhea kannte den Namen. Mehr nicht, was den Weg betraf. Nicht, wer dort stand, nicht, was Zeus dort zuerst treffen würde, nicht, in welcher Gestalt Kronos ihm entgegentreten mochte. Aber nun war der Ort gesagt, und mit ihm bekam der Aufbruch Richtung.

    Zeus nahm das Wort auf, ohne es zu wiederholen. „Dort ist er.“

    Gaia nickte. „Dort sitzt seine Macht. Dort stehen seine Orte. Dort wird dein Weg nicht mehr nur Flucht sein.“

    Der Älteste trat neben Zeus. Er war nicht so groß wie manche der anderen, aber wenn er sprach, rückten sie in seine Ordnung. „Hör mich jetzt gut an. Bis heute konnten wir dich decken, weil du nicht offen warst. Ein Name im Kreis, ein Körper hinter Schilden, ein Schritt nur dort, wo wir ihn hielten. Das ist vorbei.“ Er deutete auf den Speer. „Wer hier so steht, wird gesehen. Von jedem, der sehen will. Von jedem, der fragt. Von jedem, der zählt.“

    Zeus hielt seinem Blick stand. „Ich gehe nicht zurück in die Höhle.“

    „Ja“, entgegnete der Älteste. „Und wir tun, was davor und danach noch unser Teil ist.“ Er wandte sich halb zu den Männern. „Wir sichern den Abmarsch. Wir decken die Spur, solange sie zu decken ist. Wir halten den Hang, bis niemand mehr sagen kann, von welchem Pfad er fortging.“

    Jetzt antworteten die Kureten. Kurze Stimmen kamen eine nach der anderen, kein Ruf, kein Schlag auf Bronze. „Ja.“ – „So.“ – „Wir halten.“ Es genügte.

    Rhea sah, wie Zeus die Worte annahm. Er nahm sie in sich auf, prüfte sie und richtete sich darin auf. Sein Blick lag nicht mehr auf dem, was hinter ihm lag. Er stand schon halb im Weg.

    „Ich komme mit“, sagte Rhea.

    Diesmal sah Gaia sie an. Kurz und hart. „Ein Stück“, erwiderte sie. „Nicht bis an seinen letzten Schritt.“

    Rhea nahm die Grenze hin, denn jede andere Antwort hätte den Augenblick beschädigt. „Ein Stück reicht, wenn es sein muss.“

    Zeus’ Blick glitt kurz zu ihr. In ihm lag keine Abwehr mehr gegen ihre Nähe. Aber auch kein Ruf nach ihr. Er nahm sie nun anders wahr: nicht als die, die ihn versteckt oder verlassen hatte, sondern als die, die die Wahrheit gesagt und den Verlust nicht zurückgenommen hatte.

    Der Älteste bückte sich, packte den Speer und zog ihn aus dem Boden. Erde fiel von der Spitze. Er reichte ihn Zeus mit beiden Händen. „Nicht mehr Zeichen“, erklärte er. „Waffe.“

    Zeus griff zu. Diesmal hielt er den Schaft sofort sicher, nicht prüfend. Seine Finger schlossen sich um das Holz, wie sie es zuvor um den eingestoßenen Speer geschlossen hatten.

    Gaia hob die Hand und zeigte nach Osten, über den Rücken des Hangs.

    Voran ging Gaia, und das kleine Geleit setzte sich ohne weiteres Wort in Bewegung. Der Platz vor der Höhle blieb hinter ihnen zurück. Die Kureten fächerten sich am Rand des Weges auf, zwei voraus, zwei seitlich, der Älteste dicht hinter Zeus, bis der Pfad schmaler wurde und nur noch eine Reihe zuließ. Nahe bei Gaia ging Rhea. Zeus trug den Speer tief an der Seite, damit er nicht an den Fels schlug.

    Über den Rücken des Hangs stiegen sie. Dort lag der Boden offener, das Gras kürzer, der Wind freier. Von hier aus lag der Berg nicht mehr in sich geschlossen. Wege traten hervor, die von unten nicht zu sehen gewesen waren. Schmale Linien im Erdreich, gebrochene Halme, Stellen, an denen Steine frisch verschoben waren.

    Als Gaia stehen blieb, brach die Reihe ab. Der Älteste hob sofort die Hand, während hinter ihm die Männer lautlos verharrten. Zeus trat neben Gaia. Einen Herzschlag länger brauchte Rhea, dann erkannte sie es auch.

    Drüben, tiefer am Hang, zogen Menschen zwischen den Steinen. Nicht viele. Genug. Ihre Bewegung gehörte weder Hirten noch Leuten, die Holz suchten. Sie gingen auseinander, hielten Abstand, prüften den Boden, die Kanten, die Einschnitte im Gelände. Einer kniete nieder, strich mit der Hand über die Erde und zeigte dann weiter nach oben.

    Noch bevor ihr Verstand das Wort zuließ, wusste Rhea, wer dort ging.

    „Er ist hier“, sagte sie.

    Die Titanin widersprach nicht. „Nicht fern genug.“

    Der Älteste trat vor. Er blinzelte gegen das Licht und blickte zurück auf den Weg, den sie gekommen waren. „Sie suchen breit. Nicht blind.“

    Wieder glitt Rheas Blick zu dem Trupp hinab. Einer der Männer trug etwas an der Schulter, das im Licht stumpf aufblitzte. Ein anderer wandte den Kopf in ihre Richtung, zu weit weg, um ein Gesicht zu erkennen, nah genug, dass Rhea den Blick nicht mehr für zufällig hielt.

    Sie hatte ihn unten verschwinden sehen, in seinem Haus, mit der Hand auf dem Leib, der nicht zur Ruhe kam. Er hatte gewusst, dass etwas falsch war. Und er hatte Männer ausgeschickt. Jetzt suchten sie wieder.

    Als sie Zeus ansah, stand er still. Seine Hand lag fest um den Speer. In seinem Gesicht lag weder Zögern noch Hast. Er war nicht mehr auf dem Weg, um nur verborgen zu bleiben. Er ging dorthin, wo sein Vater stand.

    Gaia drehte sich zu ihm. „Jetzt hörst du den Teil, den ich vor der Höhle noch nicht sagte.“

    Rhea hob den Kopf. Der Älteste tat es auch, doch er schwieg.

    „Othrys genügt nicht“, sagte die Erdmutter. „Du kannst hinaufgehen, deinen Vater finden und ihm den Speer in den Leib treiben. Vielleicht fällt er. Vielleicht auch nicht. Aber selbst wenn er fällt, ist nicht getan, wofür du gehst.“

    Sofort antwortete Zeus. „Meine Geschwister.“

    „Ja.“

    Rhea spürte, wie das Wort zwischen ihnen fest wurde. Diese Wahrheit hatte sie selbst ausgesprochen, vor dem Fels, vor allen. Kronos hatte die Kinder gefressen, weder verloren noch fortgegeben noch begraben. In ihm. Sie hatte es gesagt, und doch traf es sie nun neu, da die Erdmutter daraus den nächsten Schritt machte.

    Zeus’ Blick blieb auf Gaia. „Was muss ich tun?“

    „Nicht zuerst mit dem Speer vor ihn treten.“ Sie machte eine kurze Bewegung zur Spitze der Waffe. „Nicht, wenn du ihn erreichst. Nicht, wenn du nahe genug bist. Du nimmst erst den Becher.“

    Scharf musterte Rhea Gaia. „Welchen Becher?“

    Ohne den Blick von Zeus zu wenden, sprach sie weiter. „Den, den ich dir geben werde, wenn dein Weg sich teilt. Darin steckt, was du in ihn gießt. Er wird trinken. Danach wird er herausgeben, was er verschlungen hat.“

    Der Wind ging über den Hang. Schweigen lag zwischen ihnen. Unten setzte der Suchtrupp seinen Weg fort, langsam, sauber, ohne Unruhe.

    Rhea trat einen Schritt vor. „Du willst, dass er zu ihm hingeht und ihm reicht?“, fragte sie, so nahe, worauf die Erdmutter nur sagte: „Ja.“

    „Er wird ihn erkennen.“

    „Er sucht ihn längst.“

    „Dann erst recht.“

    Nun sah Gaia sie an. „Darum nicht mit dir.“

    Es war schlicht gesagt. Gerade deshalb traf es.

    Rhea hielt dem Blick stand. „Ich weiß, was du meinst. Ich gehe nicht mit, weil ich ihn direkt zu Zeus führe, wenn ich an seiner Seite bleibe. Aber ich lasse ihn nicht ungeschützt. Ich halte den Berg für ihn offen.“

    „Weißt du es?“ Gaia machte keinen Schritt, hob nicht die Stimme. „Kronos kennt dein Gesicht. Er kennt deine Hände. Er kennt den Betrug. Er hat dich schon einmal gepackt, um an das Kind zu kommen. Wenn du jetzt neben Zeus gehst, gehst du nicht als Schutz. Du gehst als zweiter Zugang.“

    Rhea dachte an das Ufer. An die Hand, die er auf seinen Leib gedrückt hatte. An den Augenblick, in dem er den Betrug im eigenen Bauch begriff und den Namen verlangte. Sie dachte an seine Hand an ihrem Arm und an Gaia dazwischen. Noch war es nicht alt und lag zu nah.

    Der Älteste sprach leise, aber knapp. „Sie haben den Berg schon gelesen. Wir können sie hier noch binden. Nicht lange.“

    Gaia nickte. „Und deshalb geht er nicht mit euch weiter.“

    Rhea fuhr herum. „Was?“

    Nach Norden zeigte Gaia, zu einem Einschnitt, den Rhea bisher für bloßen Schatten gehalten hatte. „Dort läuft ein Pfad im Fels. Kein offener Weg.“

    „Nur einer nach dem andern. Von unten sieht ihn niemand.“

    Mit den Augen folgte Rhea der Richtung. Jetzt erkannte sie die Kante, den schmalen Spalt, den der Hang verdeckt hatte. Er taugte nicht für viele. Wer ihn einmal betreten hatte, kam nicht zurück.

    „Nein“, sagte sie sofort.

    Gaia wandte den Blick nicht von dem Einschnitt. „Doch.“

    „Ich gehe mit.“

    „Bis hier.“

    „Du hast gesagt, er wird nicht offen bleiben. Du hast gesagt, Kronos sucht schon. Ich lasse ihn nicht in den Stein gehen, ohne—“

    „Ohne dich“, erwiderte Gaia.

    Unter ihnen klang ein Ruf den Hang herauf, nicht laut, aber nah genug; ein zweiter folgte, weiter westlich. Tiefer unten kam Antwort, Männerstimmen. Kurz. Geordnet. Kein zufälliges Rufen.

    Hinab zwischen dunkle Steine und niedrigen Wuchs bewegte sich ihr Blick. Gestalten kamen in Abständen voran. Sie sammelten sich nicht, sondern zogen den Hang Stück für Stück auseinander. Einer blieb stehen und deutete mit dem Arm gegen die Höhe. Zwei andere schwenkten ab.

    Sie presste den Mund zusammen. „Er hat sie über den Berg gesetzt.“

    „Ja“, sagte Gaia.

    „So rasch.“

    „Für ihn nicht rasch genug. Für uns schon.“

    Zeus stand seitlich zwischen ihnen und schwieg. Ihr Blick traf ihn. Er hatte den Kopf leicht gesenkt, nicht aus Scheu, sondern weil er auf Gaia hörte.

    „Und du willst ihn mit einem Becher zu Kronos schicken“, sagte sie. „Nicht mit dem Speer.“

    Nun wandte Gaia sich zu ihr. „Ja.“

    „Damit er trinkt.“

    „Ja.“

    „Dann gibt er heraus, was er genommen hat.“

    Ihre Finger schlossen sich. „Du sprichst davon, als sei es nur das.“

    „Es ist nicht nur das.“ Gaia blieb ruhig. „Aber es ist der Anfang. Der Becher kommt vor dem Speer.“

    An Zeus gewandt fragte Rhea: „Hast du das angenommen?“

    Er erwiderte ihren Blick. „Ich habe es gehört“, sagte er.

    „Das ist keine Antwort.“

    „Mehr kann ich dir nicht geben.“

    „Du weißt, was er ist.“

    „Ja.“

    „Dann geh nicht allein in einen Plan, den nur sie kennt.“

    Gaia kam ihm zuvor. „Er geht nicht allein.“

    „Ohne mich“, sagte Rhea scharf.

    „Ohne dich“, entgegnete Gaia.

    Oben am Einschnitt schwieg alles für einen Augenblick. Von unten kam wieder ein Ruf. Dieses Mal näher. Einer der Kureten am Rand legte sich flach auf einen Stein und spähte hinab. Der Älteste trat zu Gaia, und sie nickte nur.

    „Sie ziehen höher“, sagte er.

    Rhea wandte sich an den Ältesten. „Du lässt das zu?“

    Er begegnete ihr offen. „Ich setze es durch.“

    Die Worte standen zwischen ihnen und machten aus dem, was eben noch Streit gewesen war, eine Entscheidung.

    „Ich habe vor euch allen gesprochen“, sagte Rhea. „Ich habe nichts zurückgehalten. Ich bin nicht mehr bei Kronos. Das wisst ihr.“

    „Darum stehst du noch hier“, erwiderte der Älteste.

    Sie atmete kurz und scharf ein. „Und dafür werde ich jetzt fortgeschickt.“

    „Dafür wirst du nicht mit ihm in den Fels geschickt.“

    „Das ist dasselbe.“

    „Nein“, erwiderte Gaia. „Für dich vielleicht. Für ihn nicht.“

    Wieder richtete sich ihr Blick auf Zeus. „Sag etwas.“

    Er schwieg kurz und trat zu ihr, nur so weit, dass die anderen es sahen. „Sie hat recht damit, dass er dich kennt.“

    Rhea schloss kurz die Augen. „Und du?“

    „Ich kenne dich kaum“, entgegnete Zeus, und seine Stimme blieb fest. „Aber ich weiß, wer du bist. Ich gehe nicht in den Fels, um verborgen zu werden.“

    Gaia hob die Hand zum Einschnitt. „Es ist Zeit.“

    Der Älteste drehte sich zu zwei der Kureten. „Ihr bleibt.“

    Beide kamen sofort. Ohne Drohung, ohne Hast. Einer stellte sich etwas hinter Rhea, der andere seitlich zum offenen Hang. Sie standen so, dass sie nicht an ihnen vorbei in den Spalt konnte, ohne an ihnen vorbei zu müssen.

    An ihm vorbei glitt ihr Blick in den Felsweg. Der Eingang war schmal. Dahinter verlor sich der Blick nach wenigen Schritten.

    Dass der Weg nicht für zwei gedacht war, erkannte Rhea. Ein Fuß vor den anderen, dicht am Stein, mehr gab er nicht her. Schon halb zum Eingang gewandt wartete Gaia. Leicht gesenkt hielt der Älteste den Kopf, nicht vor ihr, sondern zur Öffnung hin, als prüfte er nur noch den Augenblick.

    Unterhalb des Hangs rief wieder jemand, und diesmal kam die Antwort schneller: aus der Nähe, mehrere Stimmen. Sie suchten nicht blind, sondern gaben einander Zeichen.

    „Ich gehe mit ihm“, erklärte Rhea.

    Niemand antwortete sofort.

    Mit beiden Händen hob Gaia den Becher, nicht feierlich, nicht zögernd. Sie reichte ihn Zeus hin. „Du gibst ihm zuerst das.“

    Zu ihr herum fuhr Rhea. „Und wenn er nicht trinkt?“

    „Dann weißt du, was danach kommt“, erwiderte Gaia.

    Zeus blickte auf den Becher, dann auf den Speer in seiner anderen Hand. Für einen Moment verharrte er, und Rhea hörte seinen Atem. Kurz, beherrscht. In diesem Schweigen war er kein Kind mehr. Er hatte den Schutz hinter sich gelassen.

    Sie machte einen Schritt auf ihn zu. Sofort legte sich eine Hand an ihren Arm. Sie setzte keinen Schmerz, hielt sie aber an.

    Rhea riss den Arm nicht los. Sie fixierte nur den Kureten, der sie gefasst hatte. „Nimm die Hand weg.“

    Er tat es nicht.

    „Zeus“, rief sie.

    Jetzt hob er den Blick zu ihr.

    „Sag es ihr.“

    Nicht gleich antwortete er. Unter ihnen klirrte irgendwo Stein gegen Stein. Einer der Suchenden war gestolpert oder hatte Halt gesucht. Wieder eine Stimme. Wieder Antwort.

    „Sag es ihr“, wiederholte sie, und jetzt war nichts mehr leise an ihrer Stimme. „Sag ihr, dass ich mit dir gehe.“

    Nicht zu Rhea blickte Gaia. „Er hat dich gehört.“

    „Ich rede nicht mit dir.“

    „Du stehst trotzdem vor mir“, entgegnete Gaia.

    Der Satz traf sie vor den Männern. Es lag ihr im Rücken, im Nacken, in der Art, wie keiner von ihnen etwas dazu sagte. Gaia hielt ihrem Blick stand. „Du schickst ihn fort und nennst es Schutz.“

    „Ich bringe ihn durch.“

    „Ohne mich.“

    „Ja.“

    An den Ältesten wandte sie sich. „Und du lässt das zu.“

    „Ich halte es durch“, erwiderte er.

    „Mit allem, was nötig ist.“

    Sie nickte einmal. Kurz. Ohne Zustimmung; sie hatte nur verstanden, dass er an diesem Punkt nicht mehr sprach, um sie zu überzeugen. Er sprach nur noch die Ordnung aus.

    Zeus streckte die Hand aus und nahm den Becher selbst.

    Dabei half ihm niemand. Gaia ließ ihn los, sobald seine Finger ihn sicher hielten. Das war eine kleine Bewegung, aber Rhea bemerkte sie. Mit dem Gefäß nahm er den Plan an. Vor allen.

    Sie starrte auf seine Hand am Rand des Bechers, dann hob sie den Blick zu ihm.

    „Nein“, flüsterte sie.

    Er hielt ihrem Blick stand.

    „Nicht so.“

    Er setzte den Speer um, so dass er beides tragen konnte, und antwortete ruhig: „Du kommst nicht mit.“

    Die Worte fielen zwischen ihnen und blieben dort. Die Kureten mussten sie nicht wiederholen, der Älteste sie nicht bekräftigen. Sie waren klar genug.

    Rhea verharrte. Sie wusste nicht, ob die Männer ihren Arm noch hielten; an der Haut lag nur Wärme, in ihrer Brust drängte es und fand keinen Ort.

    „Du befiehlst mir das jetzt?“, fragte sie.

    „Ja. Ich gehe nicht mehr fort, um mich zu verstecken.“

    Sie öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Unterhalb des Hangs wurden die Rufe lauter. Ein Name war nicht zu verstehen, nur Richtung, Abstand, Antwort. Sie kamen näher. Das Echo lief an der Felswand entlang.

    In den Raum sprach Gaia, ohne den Ton zu heben: „Jetzt.“

    Zeus gab dem Ältesten nur eine kurze Bewegung mit dem Kopf. Ohne Segen, ohne Abschied trat Rhea vor.

    Diesmal hielten die Kureten sie wirklich fest. Einer griff oberhalb ihres Ellenbogens, der andere an die Schulter. Mit festem Griff nahmen sie sie aus der Linie des Eingangs. Es war schlimmer, weil es so ruhig geschah. Vor Zeus. Vor Gaia. Vor allen.

    „Lasst mich los.“

    Keiner von beiden antwortete.

    Sie stemmte sich einmal mit voller Kraft gegen den Halt. Es reichte nicht. Der Griff an ihrer Schulter wurde tiefer, sicherer. Der andere Mann trat einen halben Schritt zurück und nahm sie mit sich, so dass sie den Fuß versetzen musste, wenn sie nicht fallen wollte.

    Diesen Zwang im eigenen Körper hasste Rhea mehr als die Hände an ihr.

    „Zeus!“

    Schon hatte er sich zum Felsgang gedreht. Bei ihrem Ruf hielt er inne und sah noch einmal zurück.

    Sie wusste in diesem Augenblick nicht, was sie von ihm wollte. Dass er sie rief. Dass er die Männer zurückwies. Dass er nur einen Schritt auf sie zuging. Irgendein Zeichen gegen das hier.

    Keins gab er.

    Sein

    Sein Blick blieb auf ihr, nicht lang, aber lang genug, dass sie sah, wie fest er den Kiefer hielt. Ruhig an seiner Seite hielt er den Becher. In der anderen trug er den Speer, tiefer genommen, nicht zum Wurf.

    „Ich komme nicht zurück“, erwiderte er.

    Die Worte trafen ohne Umweg, ohne Trost und ohne Zögern. Nur Entscheidung. Nicht mehr das Kind, das man verbarg.

    Unterhalb des Hangs antwortete wieder ein Ruf. Ein anderer nahm ihn auf, näher als zuvor. Stein knirschte unter vielen Schritten.

    Noch einmal riss sie sich gegen die Hände der Kureten. Tiefer in das Fleisch schnitt der Griff an ihrem Arm. Durch den Stoff spürte sie die Finger.

    „Dann nimm mich mit.“

    Sie hörte selbst, dass es nichts mehr änderte. Der Spalt lag offen hinter ihm, schmal zwischen den Felsen. Dieser Weg nahm nur einen auf.

    Den Kopf schüttelte Zeus.

    „Nein.“

    Mehr sagte er nicht.

    An ihm vorbei sah Rhea zu Gaia. Unbewegt hielt sie am Rand des Eingangs aus. Der Becher in Zeus’ Hand war der Beweis: Nicht der Speer zuerst, nicht der Schlag, denn ihr Plan ging vor allem anderen.

    „Du schickst ihn zu ihm“, stieß Rhea hervor. „Zu seinem Vater.“

    An ihrem Arm zog der ältere Kuret. Nur wenig. Genug, dass sie den Zug verstand. Weg vom Eingang. Weg von Zeus. Weg von dem einzigen Ort, an dem sie noch sprechen konnte.

    Hart setzte Rhea die Füße gegen den Boden.

    „Hör mich an.“ Sie meinte Zeus, und nur ihn. „Kronos sucht den Berg. Er ist nicht blind. Er ist nicht fern. Er wartet nicht in Unwissenheit.“

    Zeus sagte nichts. Aber er ging auch noch nicht. Am Anfang des Spalts hielt er inne, halb dem Felsgang zugewandt, halb noch bei ihr, mehr blieb ihr nicht.

    „Er hat sie genommen.“ Ihre Stimme schlug jetzt über den Raum hinweg, nur noch zu ihm. „Hestia. Demeter. Hera. Hades. Poseidon. Er hat sie genommen und gefressen. Das weißt du. Geh nicht zu ihm und denk, er wird in dir etwas schonen.“

    Einer der Kureten wollte sie weiterführen. Sie warf das Gewicht zurück, so abrupt, dass er nachfassen musste. Der zweite trat enger an sie heran. Für einen Moment war sie ganz mit ihren eigenen Gliedern beschäftigt. Sie hob den Kopf wieder, doch Zeus’ Gesicht änderte sich nicht.

    „Er ist dein Vater nur dem Blut nach“, warnte Rhea. „Vergiss das nicht.“

    Gaia hob endlich die Stimme, knapp und kalt. „Genug.“

    Zu ihr herum fuhr sie.

    „Nein.“

    Das Wort kam sofort. Es kam nicht laut, aber ohne Bruch. Es gab nur noch diesen einen Zwang, den Gaia über sie legte, wieder, nicht zum ersten Mal.

    „Du nimmst ihn mir nicht noch einmal stumm.“

    Gaia begegnete ihrem Blick ohne Regung. „Ich rette ihn.“

    „Auf deine Weise.“

    „Die einzige, die bleibt.“

    Wieder wandte sich Rhea zu Zeus. Schon war er tiefer im Schatten des Spalts. Noch ein Schritt, und der Fels nahm ihn.

    „Sieh ihn an, wenn du vor ihm stehst“, rief sie schnell. „Nicht den Herrscher. Sieh den Mann, der Kinder frisst.“

    Unten am Hang brach Geröll los. Stimmen hoben sich durcheinander. Jetzt lag Richtung darin, klare Befehle.

    Endlich handelte der ältere Kuret mit voller Absicht. Vom Eingang weg drehte er Rhea. Nicht grob, aber entschieden. Ihr Körper folgte gegen ihren Willen zwei Schritte seitwärts den Hang entlang. Der zweite Kuret hielt die Schulter fest, damit sie sich nicht losriss.

    Rhea riss den Kopf zurück. Über die eigene Schulter sah sie Zeus noch einmal.

    „Wenn er dich ruft“

    „Wenn er dich ruft, geh nicht an seine Stimme.“

    Der Satz brach aus ihr heraus, bevor der ältere Kuret sie weiterziehen konnte. Sie stemmte die Füße gegen den Hang, riss den Arm an sich, so weit es gegen seinen Griff möglich war, und hielt Zeus mit den Augen fest, der schon halb im Spalt stand und den Becher in der Hand trug. Er trug ihn offen. Er sagte nichts.

    „Wenn er dich ansieht, bleib nicht stehen“, rief sie. „Er ist dein Vater. Eben darum.“

    Gaia bewegte sich nicht. Sie stand nahe am Eingang, den Blick nicht auf Rhea, sondern auf Zeus gerichtet, wach, hart, ohne jedes Zeichen, dass sie das Gesagte mildern oder zurücknehmen wollte.

    „Genug“, sagte der ältere Kuret.

    Rhea fuhr zu ihm herum. „Fass mich nicht an.“

    Er ließ nicht los. „Ich lasse dich leben.“

    „Du hältst mich von ihm fern.“

    „Ja.“

    Die offene Antwort traf sie härter als ein Ausweichen. Unten am Hang riefen Männer einander Zeichen zu. Es war nicht mehr das lose Suchen von vorhin. Die Stimmen setzten an bestimmten Stellen ein und wurden beantwortet. Steine rollten. Zweige brachen. Einer der Kureten weiter unten hob die Hand und gab ein knappes Zeichen nach oben, ohne zu sprechen.

    Wieder wandte sich Rhea zurück, bevor der ältere Kuret sie weiterdrehen konnte. „Zeus.“

    Er hob den Kopf ein wenig, mehr nicht, und machte keinen Schritt zurück. Der Spalt hinter ihm nahm den größten Teil seines Körpers schon auf. Nur Schulter, Arm und die Hand mit dem Becher blieben noch klar zu sehen.

    „Hör ihn nicht an, wenn er weich spricht“, sagte sie. „Gerade dann nicht. Er bindet erst, bevor er nimmt.“

    Der zweite Kuret verstärkte den Druck an ihrer Schulter. Nicht schmerzhaft, aber fest genug, dass sie spürte, wie wenig Kraft ihr noch blieb, wenn beide ernst machten. Sie riss sich nach vorn, und für einen Augenblick gewann sie einen halben Schritt zum Eingang zurück. Der ältere Kuret fing sie sofort ab, stellte sich zwischen sie und den Spalt und drängte sie seitlich.

    „Nicht noch ein Wort“, entgegnete Gaia.

    Rhea starrte sie an. „Du verbietest mir das?“

    „Ich verbiete dir, ihn zu verraten.“

    „Ich warne ihn.“

    „Ich will, dass er lebt.“

    Gaia sah sie endlich direkt an. „Dann schweig.“

    Rhea hätte nach ihr geschlagen, wenn der Kuret sie losgelassen hätte. Nicht aus Kraft: Der letzte Rest, der noch nicht gebrochen war, trieb ihren Arm hoch, aber er kam nicht frei. Der ältere Kuret fing auch diese Bewegung ab, drückte ihren Arm herunter und hielt ihn am Handgelenk fest.

    „Hör auf“, murmelte er leise, dicht bei ihr.

    Stoßweise atmend sah sie, wie Zeus im Spalt den Fuß zurücksetzte. Er kam nicht zu ihr. Er ging tiefer in den Gang. Der Becher verschwand zuerst. Dann die Schulter. Dann nur noch die Kante seines Gesichts, knapp vom Stein geschnitten. Gegen die Hände an ihr hob sich Rhea, als könne sie durch bloße Anspannung den Abstand noch aufheben.

    „Gib mir ein Wort“, rief sie.

    Es kam keines.

    Auch ihr Name nicht.

    Sie sah, wie sein Blick einmal in ihre Richtung ging. Ob zu ihr oder über sie hinweg, konnte sie nicht festhalten. Im selben Augenblick rief unten einer der Suchenden auf. Kurz darauf antwortete ein anderer weiter links. Mehrere zugleich. Die Stimmen lagen jetzt näher am Hangfuß, aber nicht unter dem Spalt. Zu weit seitwärts. Beim falschen Zugang.

    Der jüngere der beiden Kureten hörte es auch. Er wandte den Kopf, lauschte einen Schlag lang und gab ein kurzes, scharfes Zeichen den Hang hinab. Von unten kam dieselbe Bewegung zurück. Der alte Mann neben Rhea reagierte sofort. Er zog sie einen ganzen Schritt vom Eingang fort.

    „Nein.“

    Sie warf ihr Gewicht zurück und riss an seinem Griff. Ihre Ferse glitt auf losem Stein. Für einen Moment verlor sie den Stand. Der zweite Kuret fing sie am Oberarm, ehe sie fiel, und hielt sie aufrecht. Es war Schutz und Zwang in einem, und gerade das trieb ihr fast einen Schrei heraus.

    „Lass mich los.“

    „Still“, befahl der ältere Kuret.

    „Er ist noch da.“

    „Nicht für dich.“

    Der Satz war so kalt, dass sie ihn erst einen Atemzug später ganz verstand. Sie drehte den Kopf zum Spalt. Jetzt sah sie nur noch Fels und Dunkel, ohne Arm, Hand oder Bewegung. Zeus war fort.

    Im Spalt hatte er nicht gezögert. Er war gegangen.

    Etwas in ihr ging noch einmal nach vorn, obwohl nichts mehr zu erreichen war. Kein Gedanke, nur der Körper. Der ältere Kuret hielt sie zurück, setzte den Fuß gegen den Hang, nahm ihren Zug auf und zwang sie mit ruhiger Gewalt zur Seite. Gaia trat vom Eingang weg, ohne sich umzusehen. Sie hatte den Sohn im Fels, die Mutter draußen.

    Unten wurden die Rufe lauter. Einer der Suchenden stieß einen Ruf aus, der nach Fund klang. Mehrere antworteten sofort.

    Der Bewegung unten, dann ordnete sie sich neu. Die Stimmen kamen nicht mehr breit vom Fuß des Berges. Sie zogen sich zusammen und stiegen am Hang entlang.

    Gaia verharrte. Nur die Hand hob sie.

    Sofort lösten sich die Kureten aus ihrer bisherigen Stellung. Zwei gingen an den Fels, wo eben noch der schmale Spalt offen gewesen war. Ein dritter trat so, dass sein Schild den Blick darauf nahm. Der alte Mann ließ Rhea nicht los. Sein Griff saß fest um ihren Arm, nicht hastig, nicht härter als nötig. Gerade das machte ihn unerträglich.

    Den Kopf gewandt, suchte Rhea zwischen Schultern, Schildrand und Felskante noch einmal den dunklen Schnitt im Fels. Nicht mehr klar fand sie ihn. Ein Kuret stemmte beide Hände gegen eine flache Platte, die lose im Geröll gelegen hatte, und ein weiterer half ihm. Die Platte schabte über den Boden. Kleine Splitter sprangen unter der Kante weg. Sie setzten sie in eine Vertiefung, nicht genau vor den Eingang, sondern versetzt, so dass die Fläche des Hanges brach und die schmale Linie verschwand.

    „Nein“, sagte Rhea noch einmal, leiser jetzt, weil es nichts mehr gab, woran das Wort greifen konnte.

    Zu ihr umgewandt, zeigte Gaias Gesicht keine Regung, während unten wieder jemand rief. „Schweig.“

    Sie starrte Gaia an. Diesmal näher. Weiter rechts am Hang.

    „Du schließt ihn ein.“

    „Ich schütze ihn.“

    „Vor mir auch.“

    Gaia antwortete nicht. Nur kurz glitt ihr Blick an Rhea vorbei zu den Kureten. Ein weiterer Brocken rückte an seinen Platz. Einer der Männer trat zurück, musterte den Fels und stieß mit der Fußspitze loses Geröll an die Kante. Von dem Spalt zeigte sich nichts, was ein fremdes Auge aus dem Rutschen des Hanges hätte herauslösen können. Rhea wusste, wo er war. Gerade deshalb erkannte sie, wie völlig er verschwand.

    Zeus war nicht mehr zurückzurufen. Weder ein Wort noch ein Schlag gegen den Fels, auch kein Warten erreichte ihn. Der Weg, den Gaia geschlossen hatte, nahm nur einen auf, denn die Kureten hielten sie davon fern, während er selbst darin verschwand.

    Der alte Kuret zog an ihrem Arm. „Wir gehen.“

    Einen Augenblick stemmte sich Rhea gegen ihn, nicht mit Hoffnung, nur gegen den Befehl. Sein Griff verschob sich kein Stück.

    „Wenn sie hier heraufkommen—“

    „Dann sehen sie dich nicht dort“, entgegnete er.

    Das traf sie sofort. Nicht am Spalt, nicht an der Stelle, an der Zeus verschwunden war.

    Zu Gaia blickte sie. Gaia nickte einmal, knapp, schon halb dem Hang zugewandt, und in ihrem Gesicht lag nur Entschiedenheit, während unten Steine rollten. Jemand kam schneller herauf als die anderen. Ein kurzer Ruf. Antwort von links. Noch einer von tiefer unten. Sie brauchten nur den Blick an die richtige Stelle zu heben.

    Mit einem Ruck riss sie ihren Arm aus dem Griff. Der alte Kuret ließ im selben Moment los, nicht weil er nachgab, sondern weil er begriff, dass sie verstanden hatte.

    Hart sog Rhea Luft ein. In ihrem Hals stand noch immer Zeus’ Name. Sie zwang ihn hinunter.

    „Wohin?“, fragte sie.

    „Seitwärts“, erwiderte Gaia. „Offen, sichtbar, fort vom Fels.“

    „Wenn Kronos selbst kommt“, gab sie zurück, „wird er fragen.“

    Gaia trat schon an ihr vorbei. „Dann antworte so, dass er sucht.“

    Rhea hätte beinahe gelacht, wenn ihr nicht der Atem so eng gesessen hätte; so, dass er sucht, hatte sie die ganze Zeit getan. Warnen, festhalten, folgen, widersprechen. Das trug Zeus nicht aus dem Fels. Sie presste die Lippen zusammen. Wenn sie ihn nun noch schützte, dann nicht mehr mit Bitten. Sie würde den Blick von ihm wegziehen und ihn dorthin treiben, wo kein Kind lag.

    Der ältere Kuret bezog seine Stellung nicht mehr neben dem Eingang, sondern ging unterhalb von Gaia, so dass jeder, der den Hang heraufkam, zuerst ihn und dann Rhea sehen musste. Zwei andere harrten am Fels aus. Sie standen still, die Schilde dicht am Körper, als warteten sie auf nichts. Nur wer die Stelle kannte, hätte darin Wache erkannt.

    Rhea setzte sich in Bewegung. Der erste Schritt lag schwer in ihrem Körper. Der zweite fiel leichter, weil der Hang sie zu Aufmerksamkeit zwang. Lose Steine unter der Sohle, schmaler Tritt, Strauchwerk am Rand. Sie musste sehen, wo sie den Fuß hinsetzte. Das hielt sie davon ab, sich noch einmal nach dem Spalt umzudrehen.

    Unten zwischen den Steinen erschien ein Mann, einer der Suchenden. Er hielt kurz an, hob den Kopf und blickte nach oben. Im nächsten Augenblick trat Rhea aus dem Schatten eines vorspringenden Felsens ins offene Licht, sodass er sie sofort sah.

    „Dort!“, rief er.

    Den Hang hinauf schnitt der Ruf. Weitere Stimmen antworteten. Bewegung kam in die Linien unterhalb. Männer änderten ihren Weg, schoben sich nach rechts, st—

    „Stehen bleiben!“

    Von unten kam der Befehl, scharf und ohne Zögern. Rhea blieb nicht stehen. Sie ging weiter seitwärts über den Hang, nicht schnell, nicht fliehend, sodass jeder sehen konnte, dass sie den Ruf gehört hatte und ihn missachtete.

    Unter ihr lösten sich vier Männer aus der aufsteigenden Linie und kamen quer herauf. Zwei hielten nach links, zwei nach rechts. Der mittlere Weg blieb offen, aber nur für einen Augenblick. Der Hauptmann selbst stellte sich hinein, so breit, dass niemand an ihm vorbeiging, und hob die Hand.

    „Jetzt“, sagte er.

    Als Rhea anhielt, sah sie nicht zu Gaia. Sie wusste, wo Gaia stand: oberhalb, nah genug, um jedes Wort zu hören, fern genug, um Abstand zu wahren.

    Noch einige Schritte näher kam der Hauptmann. Er trug Helm und Brustschutz, der Staub hing grau an den Rändern. Zuerst glitt sein Blick über sie, dann kurz an ihr vorbei den Hang hinauf, zu dem Fels, zu den Kureten, zu Gaia. Er sah eine Frau im offenen Gelände, drei bewaffnete Männer am Hang, einen alten Mann unterhalb des Felsens und Steinschutt wie überall. Sein Blick blieb einen Moment zu lang oben. Dann zog er ihn wieder zurück.

    „Wer ist bei dir gewesen?“

    Rhea atmete einmal durch. „Niemand.“

    Einer der Männer rechts von ihr lachte kurz durch die Nase. Ihr Anführer nicht.

    „Du gehst von einem verborgenen Platz fort“, sagte er. „Du gehst nicht allein in diesen Hang.“

    „Ich ging zum Wasser“, erwiderte Rhea. „Westwärts. Ich habe im Fels gesessen, bis es unten still war.“

    Sie merkte, dass sie den Satz zu sauber gesagt hatte. Trotzdem nahm sie nichts zurück.

    Musternd sah er sie an. „Westwärts?“

    „Ja.“

    „Dann kommst du von dort?“

    „Von dort und wieder zurück. Ich wollte sehen, ob der Weg frei ist.“

    „Für wen?“

    „Für mich.“

    Er machte noch einen Schritt. Hinter ihm schoben sich die anderen höher. Einer hatte schon den Arm ausgestreckt, nicht nach ihr, sondern nach dem Gelände, wie Männer prüfen, wo ein anderer hätte laufen können.

    „Lüg mich nicht an“, sagte er. „Wir suchen keinen Hirsch. Wir suchen ein Kind.“

    Oberhalb antwortete die Ältere, bevor Rhea den Mund öffnete.

    „Dann such schneller.“

    Alle Blicke gingen zu ihr.

    Gaia stand unbewegt. Sie hatte die Hände frei, ohne Schutz oder eine Geste des Entgegenkommens. Ihre Stimme trug klar über den Hang.

    „Wenn ihr hier stehen und Frauen befragen wollt, tut das. Wenn Kronos fragt, warum ihr mit leerem Griff zurückkommt, nennt ihm den Hang und sagt, ihr hättet euch an Worten aufgehalten.“

    Ohne eine Miene zu verziehen, sah er sie jetzt direkt an.

    „Wenn du etwas weißt, sag es.“

    „Ich weiß“, erwiderte Gaia, „dass du Zeit verlierst.“

    „Und ich weiß“, gab er zurück, „dass du den Jungen verborgen hast.“

    „Dann finde ihn.“

    Rhea richtete sich unmerklich auf. Es ging nicht mehr darum, ihn nur fortzuhalten. Wer hier noch verborgen blieb, wurde am Ende doch geholt. Der Schutz hatte bis hier getragen; weiter trug nur, was den Zugriff von ihnen wegzog.

    Er wandte sich wieder Rhea zu. „Du kommst mit.“

    Einer der Soldaten griff nach ihrem Arm. Rhea riss ihn nicht weg. Sie ließ den Griff zu, drehte sich aber so, dass sie den Mann ansehen konnte.

    „Wenn ich mitkomme, höre zu“, begann sie.

    Knapp nickte er.

    „Ich war westlich am Wasser. Dort unten gibt es Fels und Einschnitte. Wenn jemand mit einem Kind nicht über den offenen Weg will, nimmt er nicht diesen Hang. Er geht tiefer und hält sich an den Rand, wo der Tritt auf dem Stein nicht lange hält.“

    Der Soldat an ihrem Arm zog fester zu, warnend. Trotzdem schenkte er ihr Gehör.

    „Und warum“, fragte er, „sagst du mir das?“

    Rhea hielt seinen Blick. „Weil du mich ohnehin zu Kronos bringst. Wenn du vorher nichts findest, sieht es schlecht für dich aus.“

    Einen Herzschlag lang sagte niemand etwas.

    Einer der Männer schnaubte. Ein anderer sah ihn an, nicht Rhea. Das traf, weil sie seine Furcht benannt hatte.

    Oberhalb kam wieder Gaias Stimme.

    „Nimm sie mit. Lebend. Sie hat schon einmal geantwortet und nichts gegeben. Vielleicht gelingt es Kronos besser.“

    Jetzt sah Rhea doch hinauf.

    Gaia erwiderte ihren Blick nicht. Sie blickte auf den Offizier. Darin lag nichts, woran Rhea sich hätte halten können, weder Trost noch Dank, nicht einmal offene Feindschaft. Nur Entschluss.

    Er entschied.

    „Zwei mit mir“, befahl er. „Drei gehen westlich hinunter zum Wasser. Breit ziehen. Jeden Einschnitt prüfen. Keiner verliert Zeit am oberen Fels.“

    Das Letzte sagte er lauter, für alle.

    Rhea nahm es auf und wusste, dass Gaia genau darauf gezielt hatte: weg von hier, weg vom Fels, von der Stelle, die noch

    … die noch eben offen gewesen war.

    Der Griff an ihrem Arm blieb hart. Der Offizier setzte sich in Bewegung, und die beiden Männer nahmen Rhea zwischen sich. Unter ihnen riefen schon Stimmen weiter nach Westen. Schritte lösten sich vom Hang, Steine gingen los, klapperten hinunter und kamen tiefer erst wieder zur Ruhe.

    Rhea drehte den Kopf nicht mehr nach oben.

    Weil Zeus fort war, hatte es keinen Sinn. Gaia blieb dort, die Kureten blieben dort. Hinter Stein, Geröll und Schilden lag der Weg, um dessentwillen sie sie hatte stehen lassen, hinausgeschoben, sichtbar gemacht. Für diese Männer. Für ihn.

    Sie ging, weil die Hände sie gehen ließen, nicht weil sie wollte. Der schmale Pfad zwang sie hintereinander. Vor ihr einer, hinter ihr einer. Seitlich versetzt stieg der Offizier und suchte immer wieder den Hang ab, als traue er auch seinem eigenen Befehl nicht ganz. Doch sein Blick ging nicht mehr nach oben, und auch die anderen wandten ihn bald nicht mehr dorthin.

    Das genügte. Rhea hielt den Schritt gleichmäßig, damit niemand zurücksah.

    Unter ihnen lag der Küstenstreifen grau im Abend. Vom Wasser herauf kam Wind und fuhr in ihr Gewand. Der Schweiß auf ihrem Rücken wurde kalt. Ihr Arm schmerzte dort, wo die Finger des Soldaten saßen. Sie sagte nichts. Jeder Laut wäre nur für die Männer gewesen, die sie fortführten.

    Weiter unten, wo sich der Hang weitete, stand dorniges Gestrüpp zwischen flachen Steinen. Dort warteten weitere Männer. Sie hatten ihre Suche unterbrochen, als sie den kleinen Zug sahen. Während einer den Kopf hob, trat ein anderer näher.

    „Nichts am Wasser“, meldete er sofort dem Offizier.

    Der nickte knapp. „Wir gehen zum Herrn.“

    Niemand fragte weiter.

    Das traf Rhea härter als die Hand an ihrem Arm. So schnell war es also entschieden: Kreta war für diesen Tag abgeschlossen. Nicht, weil sie ihnen geglaubt hätten. Nicht, weil sie sicher waren. Sondern weil sie sie hatten.

    Sie hob den Blick und sah zwischen den Männern hindurch den Weg zur tieferen Bucht, zu den Schiffen, die dort lagen. Dunkel standen die Masten gegen den Himmel, und an einigen Ufern brannten schon Feuer. Metall blinkte an Speeren und Helmrändern. Die Suchenden sammelten sich, nicht mehr breit, nicht mehr tastend, sondern geordnet.

    Der Offizier trieb sie weiter.

    Den letzten Hang stiegen sie ab, querten Geröll und erreichten den flachen Grund am Wasser. Dort standen die Bewaffneten dichter. Manche schwiegen, manche sprachen leise miteinander. Als Rhea vorbeigeführt wurde, brachen die Stimmen ab.

    Kronos stand nicht bei den Schiffen, sondern etwas höher auf festem Boden, von wo aus der Blick über Bucht und Hang zugleich ging. Er trug keinen Helm. Das Haar strich ihm der Wind zurück. Zwei Männer standen hinter ihm, ohne sich zu rühren. Den Kopf leicht gewandt, erwartete er die Rückkehrenden, bevor sie ihn ganz erreicht hatten.

    Am Arm packte der Soldat etwas langsamer zu. Auch der Mann hinter ihr richtete sich anders auf. Die letzten Schritte ging der Offizier allein voraus, blieb in gebührender Entfernung stehen und neigte den Kopf.

    „Der obere Fels ist ohne Befund. Das Ufer ebenfalls. Wir haben sie am Hang gestellt.“

    Kronos sah zuerst den Offizier an. Dann erst Rhea.

    Sein Blick blieb auf ihr liegen, ruhig genug, dass die Männer um ihn still wurden.

    „Am Hang“, sagte er.

    „Ja, Herr.“

    „Nicht am Ufer.“

    „Nein, Herr.“

    Rhea hielt seinen Blick aus. Sie zwang sich dazu, obwohl schon die erste Frage ihr zeigte, dass er den Widerspruch hörte und festhielt.

    Kronos trat einen Schritt näher. „Wo warst du?“

    „Am Wasser.“

    Er sah sie weiter an.

    „Westlich“, erwiderte sie. „Ich sagte es schon.“

    Der Offizier antwortete, bevor Kronos es verlangte. „Sie sagte es. Sie wollte, dass wir dort suchen.“

    Kronos hob nur die Hand. Der Mann verstummte.

    Er kam noch einen Schritt näher. Zwischen ihnen blieb kaum mehr Raum als für einen Atemzug. Rhea roch Staub, Salz und das Leder seiner Rüstung.

    „Du wolltest Zeit“, meinte er.

    Rhea ließ den Satz stehen. Solange er ihr Täuschung vorwarf, fragte er nicht nach dem Weg.

    Schnell kam seine Hand. Er packte sie am Kinn und drehte ihr Gesicht ein wenig zur Seite, nicht hart genug, um sie zu Boden zu bringen, aber so, dass sie den Zugriff nicht übergehen konnte.

    „Sieh mich an.“

    Sie sah ihn an.

    „Ich kenne deine Art zu sprechen“, murmelte Kronos. „Du gibst einen Ort, damit man den anderen nicht fragt. Du gibst ein Wort, damit man das nächste nicht hört.“

    Rhea schwieg.

    Er ließ ihr Kinn los, griff dafür nach ihrem Arm, genau dort, wo der Soldat sie schon festgehalten hatte. Schmerz fuhr ihr durch die Schulter, doch sie verzog das Gesicht nicht.

    „Wo ist das Kind?“

    „Nicht bei mir.“

    „Das weiß ich.“

    Zum ersten Mal schärfte sich seine Stimme. Sie wurde nicht laut, nur enger.

    „Wo ist es?“

    Rhea sah an ihm vorbei auf das Wasser. Flach lief eine Welle an den Kies und zog sich wieder zurück. Hinter den Schiffen sank das Licht. Wenn Zeus jetzt im Dunkel des Ganges weiterging, ging er ohne sie. Wenn Gaia oben blieb, blieb

    Wenn Gaia oben blieb, blieb sie dort, wo Rhea nicht mehr hinaufkam.

    „Nach Westen“, sagte Rhea.

    Kronos’ Hand an ihrem Arm wurde fester. „Noch einmal.“

    „Zum Wasser.“ Den Blick hob sie nicht zu ihm. „In den Fels. Ich nannte es dir schon.“

    Einen Atemzug lang blieb es still zwischen ihnen. An der Bucht gingen Männer über Kies. Ein Tau schlug gegen Holz. Unten am Rand des Wassers rief jemand nach einem Bootshaken. Bei Kronos blieb alles eng, während der Offizier noch dort stand.

    „Ja“, erwiderte er schließlich. „Das hast du.“

    Um sie herum veränderte sich der Kreis der Hörenden. Zwei Männer hielten Abstand, ohne fortzugehen. Keiner sprach. Keiner tat so, als ginge ihn das nichts an.

    Kronos trat einen halben Schritt näher. „Und als ich den Fels erreichte, lag dort dein Kind nicht. Dort lag ein Stein in Tuch.“

    Sie schwieg und ließ ihn warten.

    „Als die Männer dich am Hang fanden, gingst du nicht nach Westen.“ Direkt ins Gesicht sah er ihr jetzt. „Du kamst von oben.“

    Den Kopf hob sie. „Ich bin gegangen, um ihnen zu entkommen.“

    „Mir?“

    „Deinen Männern.“

    „Meinen Leuten.“ Er wiederholte es ohne Spott, nur damit das Wort lag. „Und warum entkamst du ihnen?“

    Sie antwortete nicht.

    „Weil du wusstest, wonach sie suchten.“

    Sie hielt seinem Blick stand. In ihrer Brust saß der Ruf fest, der Zeus nicht mehr erreicht hatte, noch im Hals.

    „Oder“, fragte Kronos, „weil du den Ort kanntest, den sie nicht durchsuchen durften.“

    Das traf sie so schnell, dass sie den Atem anhielt, nur kurz, doch es reichte. Das sah Kronos.

    Er ließ ihren Arm los.

    Die Entlastung dauerte nicht lange. Sein Griff fehlte, aber nicht seine Nähe. Rhea bewegte die Schulter nicht.

    „Da ist also etwas“, stellte er fest.

    „Da ist ein Berg“, erwiderte Rhea. „Ein Hang. Stein. Dornbüsche. Deine Männer waren überall.“

    „Und doch nicht dort, wo du warst.“

    „Sie haben mich gefunden.“

    „Zu spät.“

    Der Offizier trat näher. „Herr—“

    Kronos hob die Hand, ohne sich umzuwenden. Sofort verstummte der Mann, und ihr Blick glitt hinauf.

    Der Hang lag in schiefem Licht. Wege, Geröll, dunklere Streifen zwischen den Felsen. Von unten wirkte alles offen und verschlossen zugleich. Der Einschnitt war von hier nicht zu erkennen. Das beruhigte sie nicht. Es machte nur klar, dass auch Kronos ihn von hier nicht sah.

    „Wenn du glaubst, ich führe dich noch einmal den gleichen Weg“, sagte sie, „dann glaubst du mehr, als ich dir geben kann.“

    „Du führst mich nirgends mehr hin.“

    Er sagte es ruhig. Gerade diese Ruhe ließ sie ihn genauer ansehen.

    Nun wandte sich Kronos doch dem Offizier zu. „Wie viele Männer sind noch oben?“

    „Zwei Trupps am Rücken des Hanges. Einer im Westlauf. Einer am Küstensaum.“

    „Ruf sie zurück.“

    Der Offizier zögerte. „Allesamt?“

    „Allesamt.“

    Die Worte ordneten sich ihr erst mit Verspätung. „Nein.“

    Wieder sah Kronos zu ihr.

    „Wenn du sie zurückrufst, verlierst du jede Spur“, entgegnete sie rasch. „Wenn er wirklich am Wasser ist—“

    „Er ist nicht am Wasser.“

    „Du weißt es nicht.“

    „Nicht von dir.“

    Sie schwieg.

    „Aber ich weiß genug.“ Er trat einen Schritt zur Seite und blickte den Hang hinauf. „Du hältst sie seit Stunden dort draußen. Jeder Ort weit genug vom Haus entfernt, jeder Ort offen genug, dass Männer Zeit verlieren.“

    Rhea schloss die Finger ineinander, damit man ihr Zittern nicht sah. „Vielleicht suche ich nur länger als du.“

    „Nein.“ Zum ersten Mal lag in seiner Stimme keine Frage mehr. „Du schützt ihn gegen mich.“

    Niemand am Kies tat, als hätte er es nicht gehört.

    Langsam antwortete Rhea. „Ich bin seine Mutter.“

    „Du bist in meinem Haus.“

    „Das Haus hat ihn nicht behalten.“

    Der Satz stand sofort zwischen ihnen, zu spät, um ihn zurückzunehmen.

    Der Offizier senkte den Blick. Einer der Männer am Rand verlagerte das Gewicht, sonst nichts.

    Kronos schwieg eine Weile. Dann fragte er: „Hat Gaia ihn genommen?“

    Zu schnell sah sie zu ihm auf, bevor sie es verhindern konnte.

    Es war Antwort genug.

    Kronos’ Gesicht veränderte sich kaum. Nur die Aufmerksamkeit in ihm schob sich an einen anderen Ort, höher.

    „Natürlich“, murmelte er.

    Rhea presste die Lippen zusammen.

    „Keine Flucht ins Offene. Kein Kind, das über Geröll getrieben wird, bis Männerhände es packen. Das war nie ihr Plan.“ Er blickte am Offizier vorbei zum Hang. „Sie wollte Zeit. Und du warst ihr Mittel.“

    „Ich war niemandes Mittel.“

    „Nein?“ Seine Augen kamen zu ihr zurück. „Du standest offen am Hang. Du sprachst laut und zogst Blicke auf dich. Du“

    „…zogst Blicke auf dich. Du hieltest mich fest, bis sie oben fertig war.“

    „Ich hielt dich auf, weil du dein Kind suchst, um es zu fressen.“

    Vor den Männern fiel der Satz. Niemand hob den Kopf. Starr verharrte der Befehlshaber, die Hand am Schwertgehänge, und wartete, wem er folgen musste.

    Noch einen Augenblick lang sah Kronos Rhea an. Er wandte sich ab, ohne ihr zu antworten.

    „Nach oben“, sagte er.

    Der Offizier reagierte sofort und rief: „Zum Fels.“

    Die Männer setzten sich in Bewegung, während Rhea stehen blieb. Einer griff nach ihrem Arm. Sie riss sich nicht los, aber sie ging erst, als der Griff sich verhärtete. Ohne sich nach ihr umzusehen, nahm Kronos den Abhang in langen Schritten. Das Geröll gab unter seinen Sohlen nach. Staub löste sich. Die Männer zogen sich auseinander, zwei voraus, zwei hinter ihm, der Offizier dicht an seiner rechten Seite. Rhea wurde mitgeführt.

    Dort, wo der Hang schmal wurde, erwartete Gaia sie.

    Schon bevor sie sie sah, hatte die Alte die Männer gehört. Das Klirren von Metall. Das Rutschen mehrerer Füße. Der kurze, harte Befehlston, der nicht mehr suchte, sondern wusste. Sie wich nicht. Hinter ihr lag der verdeckte Fels, vor ihr stieg der Hang offen an.

    Zuerst tauchte Kronos auf. Dahinter der Offizier, dann die Männer, dazwischen Rhea.

    Gaia erkannte sofort, dass Rhea nicht zurückgekehrt war, sondern gebracht worden war. Staub klebte an ihrem Saum, ihr Haar war verrutscht. Ihr Gesicht war hart vor Anspannung. Sie suchte nicht die Alte. Ihr Blick sprang einmal zu weit nach links, zu hoch, und fiel sofort zurück. Kronos hatte es zu spät bemerkt.

    Er verlangsamte den Schritt. Seine Augen gingen nicht über den Fels, nicht über das Geröll, nicht über die Schilde. Er sah Gaia an, und darin lag bereits Gewissheit.

    „Geh zur Seite“, befahl er.

    Gaia rührte sich nicht.

    „Du kommst zu spät“, erwiderte sie.

    Rhea machte einen Schritt nach vorn, wurde zurückgehalten und stieß den Arm des Mannes weg.

    „Kronos“, rief sie, „wenn du noch einen Rest Verstand hast, dann—“

    „Schweig.“

    Er sagte es, ohne sie anzusehen.

    „Du dachtest, du könntest mich mit Steinen täuschen.“

    „Ich habe dich einmal mit einem Stein getäuscht“, entgegnete Gaia. „Du hast selbst entschieden, dass er genügte.“

    Der Offizier blickte zwischen beiden hin und her. Die Männer hielten Abstand, niemand drängte an Kronos vorbei.

    Rheas Atem stockte hörbar. „Gaia.“

    Darin lag Warnung, aber auch Bitte. Sie antwortete nicht. Ruhig hing ihre Hand an ihrer Seite. Sie spürte den Fels hinter sich, die gesetzte Platte, das Geröll davor, die Schilde darüber. Von vorn war nichts zu erkennen. Nur wer wusste, was er suchte, erkannte, dass die Ordnung nicht ganz stimmte.

    Jetzt erkannte Kronos es an Gaia, an der Stelle, die sie hielt.

    Er trat noch einen Schritt vor. „Weg.“

    Gaia stellte sich ihm in den Weg.

    Der erste Stoß kam sofort. Kronos legte die Hand an ihre Schulter und schob. Gaia fing das Gewicht auf und hielt stand. Geröll brach unter ihren Füßen weg. Der Offizier machte einen halben Schritt vor, blieb aber auf Kronos’ kurzes Heben der Hand stehen.

    „Niemand rührt sie an“, knurrte Kronos. „Sie ist meine Sache.“

    „Wie alles hier deine Sache ist“, sagte Gaia.

    Rhea rang sich los und trat vor die Männer. „Er ist nicht mehr dort unten. Hörst du mich? Er kommt dir nicht ins Haus zurück.“

    Endlich wandte Kronos ihr den Kopf zu. In seinem Blick lag etwas Kaltes, Abgeschnittenes. „Ich habe nicht vor, ihn zurückzutragen.“

    Gaia stieß seine Hand von sich. Für einen Moment standen sie dicht voreinander. Es war still genug, dass man den Kies den Hang hinabrollen hörte.

    Kronos schlug zu.

    Kronos traf sie mit dem Unterarm gegen Brust und Schulter, hart genug, um sie einen Schritt zurückzudrängen. Die Steine hinter ihrer Ferse gaben nach. Sie fing sich mit der Hand am Fels. Sofort war er an ihr vorbei. Gaia griff nach ihm, bekam Stoff und Haut zu fassen, riss ihn herum, und beide prallten gegen die verdeckte Stelle. Die aufliegenden Schilde kippten, und ein dumpfer Klang lief über den Fels.

    Geröll sprang unter ihnen weg und schlug den Hang hinab. Einer der Schilde rutschte seitlich, stieß gegen die Steinplatte und legte einen dunklen Spalt frei. Für einen Atemzug hielt niemand still, aber alles stockte.

    Kronos blickte hin.

    Auch Gaia bemerkte es und warf sofort ihr Gewicht wieder vor den Fels. Sie bekam den Schild noch mit der Handkante zu fassen, wollte ihn zurückdrücken, wollte die Platte wieder decken, doch Kronos riss sich aus ihrem Griff. Er fuhr mit der Schulter gegen sie, tiefer, härter, diesmal ohne jedes Zögern. Der Stoß traf sie unter dem Schlüsselbein, ihr Rücken schlug gegen den Stein, sodass ihr die Luft aus dem Leib ging und ihre Finger abglitten.

    „Nein“, rief Rhea.

    Nur das Wort selbst, nackt und scharf.

    Kronos setzte nach. Er packte Gaia am Halsansatz und am Arm, drehte sie aus der Mitte des Einschnitts und warf sie zur Seite. Ihre Hüfte traf zuerst den Boden, dann die Schulter. Steine schnitten ihr über den Unterarm. Sofort versuchte sie wieder hochzukommen, aber der Hang gab unter ihr nach. Als Kies unter ihren Knien weglief, rutschte sie einen halben Körperbreit tiefer.

    Schon war Rhea bei ihm. Sie griff nach seinem Handgelenk, mit dem er nach den verrutschten Schilden fasste. „Lass es.“

    Er beachtete sie nicht einmal. Mit einer kurzen Bewegung schüttelte er sie ab. Sie verlor den Stand, fing sich noch, trat wieder vor und stemmte beide Hände gegen seinen Rücken. Ohne Wirkung; er war bereits am Verschluss.

    Deutlich erkannten es nun auch die Männer. Keine zufällige Ansammlung von Geröll und keine natürliche Kante. Die Steinplatte lag aufgesetzt. Jemand hatte die Schilde verkeilt. Einer hing jetzt schief und hatte die Kante freigegeben, die in den Fels hineinführte.

    Der Offizier hob den Blick zu Kronos. „Herr—“

    „Zurück“, befahl Kronos.

    In der Hocke griff er unter den Schildrand und riss. Das Leder spannte. Der Schild sprang frei, schlug gegen seinen Oberschenkel und fiel polternd zur Seite. Dahinter brach loses Geröll nach. Kleine Steine füllten den schmalen Absatz, dann stürzten sie den Hang hinab.

    Auf den Knien presste Gaia wieder eine Hand gegen die Brust und schob sich mit der anderen vor. „Kronos.“

    Er hörte sie. Man sah es an seinem Kopf. Aber er reagierte nicht auf ihre Stimme. Er griff mit beiden Händen an die Steinplatte.

    Rhea stand jetzt zwischen den Männern und dem Einschnitt, außer Atem, die Hände offen, als könne sie noch jemanden aufhalten, wenn schon nicht ihn. „Wenn ihr ihm jetzt folgt, dann tut ihr es für das hier. Seht hin. Wenn er hinaufkommt, wird nicht nur einer fallen.“

    Niemand antwortete. Zwei blickten auf den geöffneten Spalt. Einer machte unwillkürlich einen Schritt rückwärts, weil wieder Steine nachgaben.

    Kronos stemmte sich gegen die Platte. Sie saß nicht fest im Fels; sie lag nur schwer. Erst bewegte sie sich kaum, dann kippte sie ein Stück an. Sofort rutschte unter ihr mehr Geröll heraus. Ein zweiter Schild, tiefer verkeilt, wurde mitgerissen und schlug mit der Kante gegen den Stein. Der Laut fuhr kurz über den Hang.

    Gaia kam hoch, wankend, und warf sich noch einmal auf ihn. Diesmal erreichte sie nur seinen Rücken und den Oberarm. Mit aller Kraft hängte sie sich hinein. „Du kommst nicht durch.“

    Als er herumfuhr, kam der Schlag mit der Rückhand. Kurz und kontrolliert. Er traf sie seitlich am Gesicht. Ihr Kopf ging herum. Sie verlor sofort den Halt und fiel auf eine Hand. Blut trat ihr an der Lippe aus. Sie sagte nichts mehr.

    Rhea stieß einen Laut aus und wollte zu Gaia, aber Kronos hatte die Platte schon weiter geöffnet. Zwischen Fels und Deckung klaffte jetzt ein Eingang, eng, nur für einen einzelnen Körper. Innen lag Dunkelheit, kalte Luft kam heraus.

    Kronos hielt inne. Er maß die Breite mit einem Blick, dann den Boden davor, dann die Stelle, an der Gaia gestanden hatte. Sein Atem ging schnell. Die Muskeln in seinem Kiefer traten hart hervor.

    „Er ist voraus“, sagte Rhea.

    Jetzt sah er sie an.

    Sie stand aufrecht, obwohl ihre Beine zitterten. „Du holst ihn nicht mehr ein.“

    „Schweig.“

    „Du erreichst ihn nicht mehr“, wiederholte sie lauter. „Und wenn du ihn siehst, wird er dich kennen. Und die anderen auch.“

    Für einen Moment war nur das Rutschen der kleinen Steine zu hören und Gaias schwerer Atem. Kronos’ Blick blieb auf Rhea, aber seine Hand lag schon am Felsrand des geöffneten Gangs.

    Der Offizier trat endlich einen ganzen Schritt vor. „Der Gang ist eng. Lasst erst Licht holen. Oder Stricke.“

    Kronos schnitt ihm das Wort ab. „Niemand vor mir.“

    Er bückte sich und zog den zweiten Schild ganz fort. Der Eingang wurde breiter, nicht viel, aber genug. Die Steinplatte

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