Chapitre 4
Vor den Augen der Titanen
Vor dem Abstieg wandte er den Kopf zu Kronos hinauf.
Blut lief ihm aus der Braue in den Bart. Seine Brust hob und senkte sich schwer, doch seine Stimme trug weit und klar.
„Du schließt Brüder ein.“
Niemand sprach dazwischen. Nicht Krios, nicht Iapetos, nicht die anderen, die am Rand standen und auf die Öffnung starrten.
Brontes hielt Kronos’ Blick fest. „Damals hat er es getan. So fängst du an.“
Kronos rührte sich nicht.
Mit erhobener Hand wies Brontes nicht auf den Schacht, sondern auf ihn. „Sag es vor ihnen. Sprich es aus.“
Unter seinem Fuß löste sich ein Stein und fiel in die Tiefe. Unten schlug er hart auf, dann kam nichts.
Kronos trat an die Kante. Unter ihm warteten die zwei anderen im schrägen Dunkel, von der Tiefe verkleinert und doch noch deutlich zu erkennen. Arges hatte das Seil losgelassen und lehnte mit einer Schulter gegen den Fels. Breitbeinig stand Steropes neben ihm, das Kinn nach oben gehoben.
Damit alle es verstanden, hob Kronos die Stimme. „Brontes. Steropes. Arges. Ihr bleibt unten.“
Kronos trat zurück und legte beide Hände an den Block.
„Hebt an“, rief er.
Niemand kam sofort.
Gaia stand etwas abseits auf dem geborstenen Boden des Hofs. Ihr Blick ruhte nicht auf den Eingeschlossenen. Er glitt über den Riss, der vom geöffneten Schacht über die Steine lief und sich zwischen den gesetzten Platten verlor. Staub sank noch immer in feinen Spuren herab.
„Der Verschluss ist gebrochen“, sagte sie. Ihre Stimme war nicht laut, doch sie trug. „Der Druck sucht den Weg, den er schon geöffnet hat.“
Okeanos sah erst zu ihr, dann auf den Hang, dann auf den ersten Sitz über ihnen. Der Stein des Hofs hatte sich gesenkt. Kaum merklich. Genug, dass man es sah, wenn man darauf achtete.
„Wenn es offen bleibt, reißt es weiter“, sagte er.
Gaia antwortete nicht; sie musste es nicht.
Kronos nahm die Hände nicht vom Block. „Dann bewegt ihn.“
Okeanos trat vor. Er ging zum Stein, prüfte die Lage mit einem kurzen Blick, suchte die untere Kante, stellte den Fuß fest und stemmte die Schulter dagegen.
Koios folgte nach einem Augenblick. Schweigend legte er die Hand an die Flanke des Blocks und stellte sich breit.
Damit war es entschieden, und Krios trat an die andere Seite.
Iapetos folgte. Zwei weitere Titanen kamen hinzu, weil nun keiner mehr unbeteiligt bleiben konnte, ohne es offen zu zeigen.
Rhea stand noch immer, wo sie bisher gestanden hatte. Sie sah Kronos an. Er erwiderte ihren Blick nicht. Sein Gesicht war hart, verschlossen, auf den Stein gerichtet. Staub lag auf seinen Unterarmen, und an der Hand, mit der er Arges gestoßen hatte, klebte noch dunkles Blut.
Dann trat sie näher, bis alle sie sehen konnten.
„Wenn dieser Verschluss seinen Sitz hält“, sagte sie, „dann haftet auch seine Schuld an diesem Sitz.“
Keiner missverstand sie. Sie legte die Last vor alle hin und band sie an ihn.
Ohne zu nicken und ohne ihr zu danken, sagte Kronos: „Drückt.“
Erst beim zweiten Ansetzen rührte sich der Block. Stein schabte über Stein. Das Geräusch ging durch den Hof und in den offenen Schacht hinab. Kleine Splitter sprangen unter der Kante hervor. Mit knappen Atemzügen und festem Stand setzten die Männer, getrieben von Rücken, Armen und Beinen, nach.
Unten sagte Steropes etwas, das man nicht verstand.
Dann kam Brontes’ Stimme aus der Tiefe herauf, dumpfer jetzt, doch noch immer deutlich genug.
„Nun hör gut zu, Kronos.“
Der Block schob sich eine Handbreit vor.
„Wir sind nicht euer Werk.“
Noch eine Handbreit, und der dunkle Schlund wurde schmaler, während kalte Luft heraufstieß, trocken und alt.
Arges sagte nichts. Unten hob er das Gesicht zur enger werdenden Öffnung. Zwischen den sich verengenden Rändern hob sich sein angespannter Hals ab, die eine Hand am Fels, die andere leer an der Seite.
„Weiter“, befahl Kronos.
Sie setzten noch einmal an. Der Block sprang ein Stück vor, dann lief er schwerer in die alte Führung, die einst für ihn gesetzt worden war. Der Widerstand saß plötzlich anders auf den Schultern, und der Stein glitt nun sauberer.
Gaia hob den Kopf. Vor ihr trafen die gesetzten Kanten wieder aufeinander, die freigelegten alten Linien im Fels.
Brontes rief noch einmal.
„Sprich lauter“, rief Brontes von unten. „Wenn du uns einschließt, dann hör dich selbst dabei.“
Der Block glitt weiter.
Mehrere Titanen stemmten sich mit den Schultern dagegen. Ihre Sohlen rutschten über Staub und Splitter. Der Stein fraß sich Zoll um Zoll vor die Öffnung. Das Geräusch wurde härter, gleichmäßiger. Es kam nicht mehr von losem Bruch, sondern von festem Sitz. Die alte Führung nahm den Block auf.
Gaia trat einen Schritt näher an die Kante. Ihr Blick lag auf den Fugen, auf den Zeichen, die nur noch stückweise sichtbar waren, wo der Stein darüberzog. Kalter Staub lag auf ihrer Zunge. Sie sprach nicht laut, doch jeder im vorderen Halbkreis hörte sie.
„Das ist alt.“
Niemand antwortete sofort.
Kronos stand neben dem Sitz, die Hände leer, den Blick auf die schmaler werdende Öffnung gerichtet. Staub lag auf seinen Unterarmen und an seiner Stirn. Er rührte sich nicht, als Gaia die Stimme hob.
„Nicht von ihm gesetzt. Das lag hier, bevor ihr den Hof nahmt. Der Weg, die Führung, der Verschluss. Das ist gebaut worden, um zu halten.“
Ein kurzes Schweigen folgte. Es änderte nichts an dem Vorgang; der Stein glitt weiter.
Brontes lachte einmal, tief unten, schon heiser.
„Hörst du das? Du findest nur wieder, was längst da war.“
Steropes stieß einen Ruf aus. Er kam dumpf gegen den engeren Spalt und brach daran. Arges blieb stumm.
Kronos befahl: „Drückt weiter.“
Sie gehorchten. Der Block rückte um eine weitere Spanne vor. Jetzt war von unten nur noch ein schmaler Streifen Dunkel zu sehen, darin ein Teil von Brontes’ Stirn, dann nur noch sein Mund, wenn er den Kopf hob.
„Nenn es nicht Schutz“, rief Brontes. „Tu das nicht. Sag es richtig.“
Kronos’ Kiefer spannte sich. Er trat an die Kante heran und sprach hinab, ohne zu schreien.
„Ihr bleibt unten.“
Brontes antwortete sofort. „Und der Zugang?“
Kronos sah nicht zu den anderen Titanen. Er blickte nur in den Spalt, in dem kein ganzes Gesicht mehr Platz hatte.
„Dann wird er geschlossen.“
Das Schaben verstummte keinen Augenblick, doch die Männer nahmen den Druck kurz heraus, um neu anzusetzen. In dieser knappen Unterbrechung stand der Satz über dem Hof, nackt und ohne Widerruf.
Am Rand des Hofs hob niemand die Stimme. Zwischen den gestaffelten Reihen der Titanen ging nur ein kurzes Verschieben von Gewicht, ein trockenes Knirschen unter Fersen; über ihnen stand der Himmel hart und bleich, während Gaia an der Kante dunkel und unbeweglich wirkte und der Othrys hinter ihr wie ein bereits verschlossener Rücken aufragte.
Bis eben hatte Rhea neben dem Sitz gestanden, etwas hinter ihm. Nun trat sie vor, bis sie auf seiner Höhe war. Sie blickte auf den Stein, auf die Hände und Schultern derer, die ihn trieben, auf die alte Fuge, die sich schloss.
„Damit ist es dann gesetzt.“
Mehrere Köpfe wandten sich zu ihr.
Damit nicht nur die Vorderen sie hörten, sprach Rhea klarer.
„Mit seinem ersten Sitz hier ist auch dies gesetzt. Nicht zufällig. Offen vor allen. Wer heute auf dem Othrys sitzt und diesen Zugang schließt, bindet seine Herrschaft daran.“
Kronos drehte den Kopf zu ihr. Für einen Moment schwieg er.
Sie wich seinem Blick nicht aus.
„Das soll jeder hier wissen“, erwiderte sie.
Weiter hinten stand Koios, halb im Staub der Schiebenden. Er sagte kein Wort. Iapetos ebenfalls nicht. Trotzdem lag der Satz nun im Hof und bei allen.
Dann senkte Gaia den Blick wieder auf den gleitenden Stein.
Sie strich Staub von den Fingern. „Der offene Schacht war gefährlich. Das bleibt wahr. Aber dies hier ist ein alter Einschluss.“
Kronos antwortete ihr nicht. Vielleicht drangen nur die letzten Stimmen aus der Tiefe zu ihm. Vielleicht erreichte ihn nur das Schaben des Steins.
„Drückt“, sagte er noch einmal.
Diesmal setzten alle zugleich an, während sich ihre Rücken krümmten. Hände fanden Risse und Kanten. Der Block sprang tiefer in seinen Sitz. Ein trockener Stoß ging durch den Boden. Aus dem Spalt quoll Staub hoch, dumpf und feucht im Geruch, dann noch ein Laut, unverständlich, kurz und hart.
Brontes’ Stimme hob sich ein letztes Mal hindurch.
„Wie Uranos.“
Die Männer am Rand verstanden den Sinn.
Kronos blieb stehen, und der Satz hing nur einen Augenblick in der Luft.
Dann stemmten die Männer weiter. Der Spalt war jetzt so schmal, dass die Stimme nicht mehr frei hinaufkam. Von unten drang noch etwas herauf, aber es war nur noch Druck gegen Stein, gedämpft, zerrissen. Kein einzelnes Wort stieg mehr heraus.
Rhea atmete einmal hörbar aus. Ihre Finger schlossen sich um den Rand ihres Gewandes, dann löste sie die Hand wieder.
Gaia sagte nichts mehr. Ihr Gesicht blieb hart. Sie sah auf die Stelle, an der die letzten offenen Linien verschwanden.
Noch ein Stoß. Der Block saß fast bündig. Nur eine schmale Fuge blieb, schwarz und still. Der Druck von unten hielt an, tief und nicht mehr menschlich im Klang, weil der Stein ihn brach.
Die Männer hielten inne, keuchend, die Schultern noch gegen den Fels gelegt.
„Noch einmal“, sagte Kronos.
Zwei von ihnen setzten Hebel an. Andere drückten mit beiden Händen nach. Der Block rieb die letzte Strecke in die alte Führung.
Von außen wirkte der Berg nun glatter, als hätte er den Riss in sich zurückgenommen. Im Hof fiel die neue Stille schwer zwischen die Reihen; nur Atem, das feine Rieseln gelösten Staubs und fern ein einzelnes Klacken von Stein gegen Stein blieben darin hörbar.
Der Block fuhr den letzten Fingerbreit in die gesetzte Bahn. Ein harter Schlag ging durch den Hof. Ein kurzer metallischer Klang stand darin, und Staub stieg an der Fuge auf und blieb in der warmen Luft stehen.
Für einen Atemzug war es still, dann antwortete der Berg.
Nicht unter dem Block. Rechts daneben kam aus der benachbarten Felswand unterhalb des Sitzes ein dumpfer Stoß. Etwas in der Verkleidung sprang mit trockenem Knacken. Ein Riss brach durch die Verkleidung am Sockel. Aus einer engen, dunklen Naht drängte Luft heraus, heiß und trocken, mit Staub darin, der den Männern in die Augen fuhr.
Einer wich zurück und hob den Arm vors Gesicht. Ein anderer fluchte leise.
Kronos drehte den Kopf. Der Laut aus der Wand hatte nicht wie nachgebender Fels geklungen. Er hatte nach einem Treffer geklungen.
Dann trat Gaia einen Schritt vor. Ihr Blick lag nicht auf dem eben gesetzten Block, sondern auf dem neuen Riss am Rand des Sitzes. Sie sprach sofort, ohne jemanden anzusehen.
„Das war nur die alte Führung.“
Niemand antwortete ihr.
Die Männer am Block standen noch mit gesenkten Schultern da. Ihr Atem ging laut. Staub lag ihnen auf Bart und Stirn. Hinter ihnen löste sich Rhea aus ihrer Starre. Okeanos trat an den Rand des Hofes, hielt aber vor dem Riss inne. Koios blickte vom verschlossenen Schacht zum Sitz und wieder zurück.
Gaia hob die Hand gegen die Felswand.
„Uranos hielt daneben noch einen Zugang verborgen.“
Jetzt ging ein kurzes, hartes Murmeln durch die Reihen. Mehrere blickten auf den Sitz, als läge dort etwas offen vor ihnen. Der neue Spalt unter dem Sockel war schmal, doch aus ihm kam weiter dieser heiße Zug, stoßweise, und mit jedem Stoß rieselte feiner Staub aus den Fugen der Verblendung, als läge dahinter feuchte Dunkelheit gegen das Licht.
Kronos sagte nichts, während sein Blick an der Wand blieb.
Unter seinem ersten Sitz erkannte er jetzt die gesetzten Platten. Nicht auf den ersten Blick. Erst im Staub, in den schmalen Linien, die der neue Riss freigelegt hatte. Kanten, die nicht aus dem Berg gewachsen waren. Eine Fläche, die absichtlich verblendet worden war.
Koios sprach zuerst aus, was alle begriffen.
„Weg von hier.“
Er sagte es laut, ohne Bitte, und machte mit der Hand eine scharfe Bewegung vom Sitz fort. „Der Hof hält nicht. Wenn unter dem Sitz noch ein Mund liegt, räumt man den Platz und lässt den Berg stehen.“
Okeanos griff den Satz auf, aber anders.
„Den Rand sichern.“ Er zeigte zur Wand. „Niemand an die Wand. Stützen her. Last vom Sitz. Falls dort noch ein Hohlraum verläuft, reißt ihr ihn mit jedem Schlag weiter auf.“
Rhea wandte den Kopf zu ihnen. Ihr Gesicht war noch blass vom Staub, doch ihre Stimme trug klar über den Hof.
„Wenn er jetzt weicht, bleibt ihm dieser Mund unter dem Sitz.“
Sie sah Kronos an, nicht die anderen. „Dann sitzt du über einem verschlossenen Zeichen, das du nicht geöffnet hast. Auf diese helle Kante wird jeder sehen und wissen, dass du sie tragen musst.“
Koios fuhr zu ihr herum. „Besser eine getragene Last als ein gebrochener Berg.“
„Nein.“ Rhea hob das Kinn. „Nicht für einen Herrscher.“
Gaia schnitt mit ihrer Stimme dazwischen, tief und hart.
„Jeder offene Zugang reißt den Berg weiter auf.“
Damit war nichts entschieden. Es machte die Luft nur enger.
Kronos hörte sie alle: Koios mit seinem Rückzug, Okeanos mit seiner Sicherung, Rhea, die den Rang über alles stellte, Gaia, die das alte Wissen in den Hof warf, ohne Schutz für ihn und ohne Schutz vor ihm.
Der heiße Zug aus dem Nebenspalt traf sein Gesicht, regelmäßig, aber nicht stark, und dahinter lag ein Weg.
Er ging los.
Da machte Okeanos einen halben Schritt vor. „Kronos.“
Kronos hob nur die Hand, ohne sich umzudrehen. Darauf schwieg Okeanos.
Die Männer wichen ihm aus. Er ging an der Front des Sitzes entlang bis zu der Stelle, wo der neue Riss die Verblendung gebrochen hatte. Dort war der Fels anders gesetzt, flache Platten lagen vor einer tieferen Fuge. Staub hatte die Linien zuvor verdeckt. Jetzt lagen sie offen und fingen mattes Licht. An zwei Kanten entlang liefen alte Zeichen, fast abgeschliffen, aber noch da.
Gaia sah sie auch. Ihr Gesicht veränderte sich nicht. „Verblendet“, sagte sie dann. „Nicht natürlich.“
Kronos beugte sich nicht. Er stand dicht vor der Wand und folgte mit den Augen dem Zug der heißen Luft. Sie drang aus einer schmalen Öffnung zwischen zwei gesetzten Platten, dann verschwand sie wieder, sobald der Berg innehielt, und hinterließ einen trockenen, staubigen Geschmack auf seiner Zunge. Dahinter musste ein Hohlraum liegen. Kein bloßer Riss. Ein Zugang, den jemand geschlossen und versteckt hatte.
Uranos, dessen Name nicht gesprochen wurde. Er lag hinter der Wand.
Kronos streckte die Hand aus. Seine Finger strichen über die Kante der ersten Platte. Die glatte Linie der gesetzten Fuge lag kühl unter seiner Haut, und darunter lief eine leichte Erschütterung, als aus der Tiefe wieder ein Stoß kam. Nicht stark genug, um den Sitz zu heben. Stark genug, um Staub aus den Fugen zu treiben.
Hinter ihm sagte Koios: „Wenn du das öffnest, öffnest du mehr als einen“
„…Spalt.“
Koios sprach nicht laut. Gerade deshalb trug seine Stimme über den Hof.
Kronos nahm die Hand von der Fuge. Er drehte den Kopf nur so weit, dass Koios an den Rand seines Blicks geriet.
„Wenn ich es nicht öffne“, sagte er, „steht es unter meinem Platz.“
Niemand antwortete sofort.
Der Berg tat es. Tief unter ihren Sohlen ging ein kurzer Stoß durch den Stein. Staub rieselte an der aufgesprungenen Verblendung herab. Der gesetzte Block in der alten Führung hielt. Doch aus der schmalen Öffnung neben den Platten drückte die Luft Kronos nun wärmer gegen das Gesicht.
Gaia trat näher. Sie blieb nicht auf gleicher Höhe mit ihm, sondern etwas zurück, den Blick auf die Zeichen gerichtet. „Das ist nicht nur ein verschlossener Weg“, sagte sie. „Die Zeichen weisen nicht allein auf Sperre. Sie weisen auf Verwahrung.“
Ein Murmeln ging durch die Titanen und brach sofort wieder ab.
„Von wem?“, fragte Hyperion.
Gaia hob den Blick nicht. „Von dem, der hier deckte und verbarg.“
Wieder fiel der Name nicht. Er stand zwischen ihnen, ohne ausgesprochen zu werden.
Okeanos hielt die Arme schwer an den Seiten. „Dann erst recht weg von diesem Platz“, sagte er. „Der Hof hat sich bereits gesenkt. Noch ein Bruch, und die Last zieht weiter nach unten. Wir räumen den Platz, stützen den Rand und prüfen den Hohlraum von außen.“
Rhea wandte den Kopf zu ihm. „Und der verborgene Mund bleibt offen sichtbar unter dem Herrschersitz.“
„Lieber sichtbar als eingerissen“, erwiderte Okeanos.
„Sichtbar heißt hier nicht unschädlich“, sagte Rhea, und ihre Stimme blieb ruhig, obwohl sie vor allen sprach. „Jeder hier sieht, wo er liegt. Unter Kronos. Solange er dort liegt und atmet, hängt die Frage am Sitz.“
Koios nickte einmal. „Dann weicht man vom Sitz, bis der Stein hält.“
Da wandte sich Kronos ganz um. Er sah sie der Reihe nach an: Okeanos, Koios, Rhea, Gaia. Alle hielten seinem Blick stand. Hinter ihnen standen die anderen still. Keiner trat vor, um ihm die Entscheidung leichter zu machen. Keiner nahm sie ihm ab.
„Ich habe gesagt, der Zugang wird verschlossen“, sagte er. „Bis ich anders bestimme.“
„Du hattest ihn nicht vor dir, als du das sagtest“, entgegnete Okeanos. „Jetzt ist klar, dass der Block sich nur verlagert hat. Der Druck sitzt noch dahinter.“
Gaia nickte knapp. „Ja.“
Kronos sah wieder auf die gebrochenen Platten. „Dann wird nicht zurückgewichen.“
Koios’ Stimme wurde härter. „Du hörst die Warnung und nennst das Standhalten.“
„Ich höre sie“, sagte Kronos. „Und ich bleibe.“
Rhea machte einen Schritt näher an den Sitz. Sie stellte sich sichtbar an die Linie des Steins, weder zu ihm noch zu den anderen. „Dann lass den Mund nicht unter dir stehen, Herrscher.“
Das Wort fiel fest, ohne Bitte, ohne Nachgeben.
Kronos merkte, wie die Blicke sich daran hängten: an ihr, an ihm, an den Platten, an dem offenen Widerspruch, der sich nun nicht mehr in halbe Sätze zurückdrängen ließ.
Gaia hob endlich die Augen. „Wenn du dort schlägst, brichst du nicht nur Verblendung. Was dahinter hält, ist älter als euer Sitz. Vielleicht älter als euer Maß für Tiefe. Versteh das, bevor du die Hand ansetzt.“
„Ich verstehe genug“, sagte Kronos.
„Nein.“
Das Wort stand kahl im Hof, und Kronos’ Gesicht veränderte sich nicht. Er griff nach der Sichel.
Das graue Erz fing kaum Licht. Die Zacken am inneren Bogen wirkten sauber und stumpf, und jeder im Hof wusste, dass sie es nicht waren.
Einige der Titanen zogen unwillkürlich die Luft ein, nicht nur wegen des Werkzeugs, sondern wegen dessen, was daran hing.
Gaia sah auf die Sichel und dann auf ihn. Zum ersten Mal lag in ihrem Blick nicht zuerst Warnung, sondern Urteil. „Du antwortest wieder so.“
Kronos schwieg.
Okeanos trat nun doch einen vollen Schritt vor. „Nicht mit diesem Schlag.“
Kronos hob die Sichel leicht. „Womit sonst? Mit Warten? Mit offenem Stein unter meinem Platz?“
Okeanos deutete auf die gerissene Kante. „Mit Sicherung.“
Koios’ Blick glitt in die Fuge. „Mit Rückzug.“
Rhea stand reglos an der Steinlinie. „Mit Vollzug.“
Wieder lag Stille über dem Hof, nur der warme Atem aus der Fuge ging stoßweise.
Kronos trat dicht an die Verblendung heran. Er legte die freie Hand gegen den kalten Stein, suchte Halt und Druck. Obwohl die Platte nicht nachgab und die Fuge schmal war, saß dahinter etwas, das nicht lose war. Es war gesetzt worden, um zu halten.
Hinter ihm sprach Gaia, ohne den Ton zu heben. „Uranos hat hier nicht nur gedeckt. Er hat verwahrt. Wenn du öffnest, nimmst du seine Hand aus dem Stein. Was dann folgt, ist nicht mehr gebunden.“
Kronos setzte die Spitze der Sichel in die gebrochene Naht.
Das graue Erz schabte über den Stein. Als die Spitze kurz stockte, biss die Kälte in ihre Finger, und sie griff fester zu. Kronos stemmte die Schulter dagegen, die freie Hand hart an die Platte gelegt, und riss die Sichel mit einem kurzen, rohen Zug zur Seite.
Ein Sprung lief durch den verblendeten Stein, nur ein Stück weit, und ein metallischer Nachklang hing einen Augenblick in der Luft. Doch jeder hörte, dass nicht nur die obere Kante getroffen war. Ein dumpferes Geräusch saß tiefer.
Heiße Luft stieß aus der Naht und traf seinen Arm, Hals und sein Gesicht. Während sie stoßweise, schwer und trocken hervorkam, schlug es aus der Tiefe erneut. Dumpf, nach einer Pause, dann noch einmal.
Als im ersten Augenblick niemand sprach, setzte Kronos neu an. Die Zacken griffen tiefer. Mit hartem Knacken sprang ein Brocken aus der Fassung. Er schlug auf den Hofstein, kippte um und blieb mit der eingeritzten Seite nach oben liegen; feuchte Kühle zog aus der geöffneten Fassung. Zeichen liefen über die Fläche, eingeschnitten in geraden Linien und Winkeln.
Gaia trat vor, nur bis an den Rand des offenen Steins, wo ihr feuchte Luft entgegenschlug. Ihr Blick fiel auf die freigelegte Fläche darunter, dann auf das herausgebrochene Stück. „Verwahrung“, sagte sie, die Stimme flach. „Nicht Stützung.“
Ein Murmeln ging durch die Titanen und brach sofort wieder ab.
Unter dem Sitz lief ein feiner Riss weiter, den zuvor nur die Nächststehenden gesehen hatten. Jetzt war er deutlich. Er zog sich von der geöffneten Naht fort, unter den Sockel des Sitzes.
Okeanos erkannte ihn als Erster ganz. Seine Stimme schnitt durch den Hof. „Genug. Weg von dort.“ Er zeigte auf die Linie im Stein. „Der Hof setzt nach.“
Koios folgte seinem Blick. Für einen Augenblick blieb sein Gesicht leer. Dann hob er die Hand gegen die anderen, als müsse der Kreis selbst zurückgehalten werden. „Rückzug“, rief er scharf. „Jetzt. Den Sitz entlasten. Den Rand räumen.“
Ohne den Kopf zu ihnen zu wenden, blieb Rhea mit dem Blick auf Kronos und auf den aufgerissenen Stein unter seinem Platz gerichtet. „Wenn dieser Mund offen unter deinem Sitz liegt und du ihn stehen lässt, gehört er dir nicht weniger. Dann ist es nur ein unvollendeter Bruch.“
Kronos antwortete nicht. Er zog die Sichel aus der Naht. Steinmehl blieb an den Zacken hängen. Einmal atmete er durch die Nase aus und setzte die Schneide tiefer, dort, wo die erste Platte nachgegeben hatte.
Gaia hob die Stimme, ohne zu rufen: „Hör mich jetzt, Kronos. Das ist älter als dein Platz. Älter als euer Kreis hier. Er hat seine eigene Nachkommenschaft gegen Stein gesetzt.“ Sie zeigte auf die Zeichen, auf die aufgebrochene Fassung. „Das sind keine Deckzeichen. Das ist Verwahrung gegen das, was aus ihm kam.“
Mehrere Titanen wichen einen halben Schritt zurück. Andere blieben stehen und sahen nicht Gaia an, sondern die Öffnung.
Okeanos machte einen Schritt nach vorn. „Du hörst sie.“ Sein Blick lag auf Kronos’ Arm, auf der Sichel, auf dem Riss unter dem Sitz. „Wenn du noch einmal ziehst, reißt dir der Hof auf.“
„Dann soll er halten oder fallen“, gab Kronos zurück.
„Das ist keine Antwort“, entgegnete Koios sofort. Zum ersten Mal stand er offen gegen ihn, ohne Umweg, ohne Frage. „Setze deinen Ort nicht durch Einsturz durch.“
Danach drehte Kronos den Kopf nur wenig. „Mein Ort steht hier.“
„Auf dem, was nachgibt“, sagte Okeanos.
Rhea trat nun selbst einen Schritt an die Steinlinie. Der warme Atem traf den Saum ihres Gewands und hob ihn kurz. Sie blieb stehen. „Unter diesem Ort darf kein verborgener Mund bleiben. Nicht nach dem, was alle gesehen haben.“
Das war für alle gesprochen, und das Murmeln der Titanen brach sofort wieder ab.
An seiner Haltung zeigte sich, dass die Worte ihn erreichten. Er stellte die Füße fester, senkte den Schwerpunkt und legte beide Hände an den Griff.
Das tiefe Schlagen kam wieder. Diesmal folgten zwei Stöße dichter aufeinander. Der Stein unter der geöffneten Fassung vibrierte spürbar. Staub rieselte aus einer Haarlinie am Sockel.
Gaia wich nicht zurück, während der Staub aus der Haarlinie am Sockel rieselte. „Wenn du öffnest, nimmst du seine Hand aus dem Stein. Was unten hält, hält dann nicht mehr für ihn.“
Kronos stieß die Sichel hinein und riss.
Die Platte brach nicht auf einmal. Erst sprang die Kante. Dann lief ein harter Bruch quer durch die Verblendung. Im nächsten Zug löste sich ein größeres Stück mit einem hässlichen, tiefen Krachen aus der Fassung. Kronos trat mit dem Gewicht zurück, riss es frei und schleuderte es zur Seite. Es schlug nahe bei den Füßen eines Titans auf. Niemand bückte sich.
Heißer Atem fuhr aus der Öffnung, jetzt breiter und mit Druck. Er kam nicht mehr nur aus einer Fuge. Er stieß aus einem schwarzen Spalt, der den Rand der verborgenen Einfassung erkennen ließ.
Unter dem Sitz lag kein roher Fels; der Mund war gesetzt worden. Glatte Steinwangen, dunkel von Alter und Druck. Weitere Zeichen.
Zogen sich über die Innenflächen, flach eingeschnitten und an vielen Stellen vom Druck abgefressen. In den Seiten saßen Eisenreste, tief im Stein verankert: Halter.
Während am Rand der Öffnung Kronos vortrat, blickte er hinab. Der Spalt war jetzt breit genug, dass die Dunkelheit darunter Tiefe bekam, mehr Raum als bloß ein Schacht. Unten schlug etwas gegen Stein. Langsam, schwer, mit Pausen dazwischen, in denen das Gestein arbeitete und antwortete.
Hinter ihm blieb es still.
Gaia trat näher, bis der Staub ihren Saum grau machte. Sie beugte sich nicht tief vor. Ihr Blick glitt über die Steinwangen, die Eisenreste, die sauber geführte Fassung am Rand. Dann sprach sie laut, damit keiner es verfehlte.
„Uranos hat hier nichts gestützt. Er hat gefesselt.“
Die Worte gingen durch die Reihe der Titanen und blieben dort hängen. Niemand widersprach ihr. Okeanos hob den Kopf nur wenig, als bestätigte der Stein selbst, was sie meinte.
„Zurück.“ Er hob die Hand nicht. „Genug. Der Hof ist schon gesunken. Wenn dort unten noch Druck sitzt, reißt dir der Sockel weiter auf.“
„Er hört dich nicht“, warf Koios ein, ohne den Blick von ihm zu nehmen. „Er will sehen.“
Er antwortete nicht, sondern kniete am Rand nieder und schob die abgebrochene Verblendung mit dem Griff der Sichel weiter weg. Noch mehr Staub fiel nach. Ein loser Stein kippte aus der Fassung und verschwand in der Tiefe. Erst nach mehreren Atemzügen kam der Aufschlag.
Das Schlagen unten verstummte.
Diese Stille war schwerer als der Lärm zuvor. Inzwischen zog sie in den Hof, unter die Füße der Wartenden, an den Sockel des Sitzes. Er legte die Sichel quer vor sich, griff mit beiden Händen an die Innenkante und zog sich tiefer über die Kante, um hinunterzusehen.
Als der Stoß kam, traf er nicht den Stein, sondern fuhr aus der Dunkelheit in den Raum selbst, hart und schnell. Aus der Dunkelheit schoss ein Arm hoch, dann ein zweiter, dann weitere. Hände griffen an die Steinwangen, an Eisen, an Bruchkanten. Zu viele Hände, zu schnell, aus verschiedenen Winkeln. Nach oben gedrückt folgte der Leib, breit, gewaltsam, mit Schultern, die an der Fassung schabten. Er riss den Oberkörper zurück, aber eine der Hände erreichte sein Bein und packte zu.
Der Rand brach unter dem Zug auf. Stein splitterte. Er stieß mit dem freien Fuß gegen die Wandung, schlug mit dem Sichelgriff nach unten und traf Fleisch. Ein dumpfer Laut kam aus dem Schacht, Atem unter Zorn.
Die Titanen an der Kante wichen jetzt tatsächlich zurück. Rhea hob den Arm vor Brust und Hals. Okeanos machte einen Schritt nach vorn und blieb dann stehen, weil der Stein unter ihm knackte. Koios fluchte kurz und hart.
Gegen den Griff an seinem Bein stemmte er sich. Noch zwei Hände erschienen am Rand, dann eine weitere, die nach der Sichel griff. Er riss sie zurück und schlug mit der Klinge flach gegen Knöchel und Finger. Sofort lief dunkles Blut über den Stein. Der Griff an seinem Bein blieb fest.
Jetzt schob sich ein Kopf in die Öffnung. Groß war er, mit hartem Stirnbein und Haar, das von Staub und alter Nässe zusammenhing. In der Mitte der Stirn lag ein offenes Auge und blickte direkt zu ihm hinauf, wach und voller Hass.
Gaia nannte den Namen, bevor jemand fragte.
„Briareos.“
Ohne sich zu regen, blieb das eine Auge auf ihn gerichtet. Die Hände arbeiteten weiter. Mehr Arme drängten aus der Tiefe nach. Sofort griffen sie gezielt. Sie suchten Halt, Fassung, Fleisch. An den Schultern und seitlich am Hals hingen noch Reste alter Eisenstücke. Mit herauf schleifte einer der Arme ein Stück Kette, das bei jeder Bewegung gegen den Stein schlug.
Hinter ihm hob Gaias Stimme wieder an, nun schärfer.
„Unter dem ersten Sitz lag noch ältere Gewalt. Uranos hat auch die verwahrt.“
Briareos hatte ihn jetzt bis zum Knie am Rand. Ein zweiter Griff schloss sich um seinen Unterarm. Getrieben von der vollen Wucht des Zugs spannte er den Rücken, zog mit aller Kraft dagegen und kam nicht frei. Zum ersten Mal in dieser Öffnung stand sein eigener Zug still.
Briareos hob den Kopf weiter. Das eine Auge blieb auf ihn geheftet. Aus seinem Mund kam eine Stimme, rau von Tiefe und langer Trockenheit, aber fest genug, dass jeder im Hof sie hörte.
„Du sitzt oben.“
Er sagte nichts.
Eine Hand von Briareos griff an den Sockel, eine andere an die geborstene Fassung, während eine dritte sich am Eisenrest emporzog. Der Leib kam weiter aus dem Schacht, während der Steinrand an zwei Stellen brach. Staub stob hoch. Unter dem Sitz lief ein neuer feiner Riss nach außen.
„Zurück von dort!“, rief Okeanos. „Sofort!“
„Lass den Rand!“, stieß Koios nach. „Wenn er ganz kommt, nimmt er dir den Hof mit!“
Ihre Rufe schlugen ihm in den Rücken. Er blieb.
Briareos zog ihn noch einmal hart an den Rand und zwang ihn damit tiefer über die Öffnung. Kronos musste
Kronos musste den Fuß gegen den gebrochenen Stein stemmen, um nicht nachzugeben. Unter ihm schob sich, weiter nach oben arbeitend, der Leib empor. Hände rissen an Kanten, fanden Fugen, griffen in Risse. Der Sockel antwortete mit einem dumpfen Knacken.
„Zurück!“, rief Okeanos noch einmal.
Kronos wandte den Kopf nicht. Nur kurz glitt sein Blick zu dem Eisen an Briareos’ Hals. Ein aufgebogener Rest, eine alte Schließung; daneben schleifte das Glied über den Rand. Kein loses Stück. Noch geführt. Noch gehalten.
Gaia trat bis an die Linie des aufgerissenen Steins, Staub hing um ihre Knöchel. „Nicht Stütze“, rief sie laut in den Hof. „Nicht Fundament. Hier hat Uranos einen Sohn gebunden.“
Die Worte standen offen zwischen ihnen.
Koios machte einen Schritt vor, dann blieb er vor dem Riss stehen. „Hörst du sie jetzt?“ Er hob die Hand, ohne den Blick von Kronos zu nehmen. „Weg von dort.“
Briareos hob sich weiter. Jetzt lag mehr von Brust und Schulter über dem Rand. Wo die Eisenreste am Hals frei sichtbar wurden, zeichnete sich schwarzes Metall tief in alten Druckstellen ab. Eine der Hände griff nach seinem Bein. Eine andere schlug gegen den Sockel. Mit einem trockenen Knirschen brach Stein ab und fiel in die Tiefe. Aus dem Schacht kam der Schlag des Aufpralls nicht zurück.
Inzwischen ließ Kronos den Zug an seinem Arm los und griff nach dem Zugmittel. Halb im Staub, halb über dem Rand lag es. Schwer. Kalt. Mit dem anderen Arm fasste er nach dem Ringstück, das daran hing: ein eiserner Halsring, an einer Seite offen, mit Scharnier und Bolzen. Nicht neu, nicht rostfrei. Dann hob er ihn an.
Gaia trat einen halben Schritt vor. „Das ist sein Eisen“, rief sie, und ihre Stimme schnitt durch den Hof. „Uranos’ Eisen.“
Briareos’ Auge blieb auf Kronos gerichtet. „Du sitzt oben“, stieß er noch einmal hervor, tiefer jetzt, mit Atem darin. „Du hältst fest.“
Dann setzte er den Fuß weiter vor. Der Rand gab unter dem Gewicht nach und sank fingerbreit. Unter dem Sockel lief ein neuer Riss hervor. Staub trat aus der Fuge.
„Kronos.“ Okeanos’ Stimme war jetzt tiefer. Diesmal schrie er nicht. „Wenn du bleibst, reißt der Platz.“
Kronos trat nicht zurück. Der Fluch seines Vaters stand ihm noch im Ohr. Kein Sohn sollte ihm nehmen, was er eben erst an sich gerissen hatte. Wenn der Abgrund schon unter dem ersten Sitz aufbrach, dann band er ihn fest, bevor noch einer daraus stieg. Nicht tragen. Niederhalten.
Getrieben vom nächsten Ruck zog Briareos einen Arm frei und schlug nach oben. Der Schlag traf den Rand, nicht den Mann. Splitter sprangen gegen dessen Schenkel. Während Kronos sich hinabbeugte, stieß er den offenen Ring gegen Briareos’ Hals. Die ersten Hände des Hekatoncheiren fuhren sofort hoch. Zwei packten nach dem Eisen, während eine dritte nach seinem Handgelenk griff. Eine vierte suchte seinen Hals.
Kronos riss den Arm los, setzte den Ring tiefer an und drückte mit dem ganzen Gewicht nach. Am Hals stand das alte Eisen hervor, Fleisch spannte sich dagegen. Briareos stieß Luft aus, kurz und hart. Ohne Ordnung arbeiteten die Hände durcheinander, schnell und zornig. Eine traf Kronos an der Schulter, eine andere riss ihm über den Unterarm. Blut lief, aber er ließ nicht ab, während aus Briareos kein Ruf kam.
„Nein.“ Gaia stand reglos.
Es war kein Ruf, es war ein Urteil.
Dann machte Koios noch einen Schritt vor. Okeanos hielt ihn am Arm zurück. Vor ihnen brach die Kante wieder ein. Breiter wurde der Schachtmund. Der erste Sitz stand nicht mehr fest. Sein Sockel war auf einer Seite abgesunken. Jetzt zeichnete sich deutlich ab, dass der Riss unter ihn lief.
Kronos bekam den Ring über den Halsrest. Der Bolzen hing noch offen. Briareos warf den Kopf zurück und stemmte sich hoch. Für einen Augenblick kam mehr von ihm aus der Tiefe, fast bis zur Hüfte. Der Zug hob zugleich den Eisenstrang an; er straffte sich zwischen Schacht und Sitzgrund. Unter dem Sockel rieb Stein auf Stein.
„Du nimmst seinen Platz“, sagte Briareos.
Kronos antwortete nicht. Er schlug den Bolzen mit dem Handballen in die Führung. Beim ersten Stoß sprang er nicht ein. Beim zweiten traf er. Beim dritten schloss das Eisen mit einem harten, kurzen Laut.
Der Laut ging über den ganzen Hof.
Danach war nur noch das Schaben des Eisens da und Briareos’ Atem.
Als der Ring geschlossen um seinen Hals saß, riss Briareos sofort dagegen an. Das Glied fuhr straff. Das Scharnier hielt. Der Zug lief durch das Eisen in den Schacht hinab und zugleich unter den ersten Sitz. Der Sockel gab an der vorderen Ecke weiter nach. Ein Block brach aus der Fassung und kippte in die Öffnung. Staub stieg hoch und legte sich auf Kronos’ Beine.
Gaia stand unbewegt. Ihr Blick lag auf dem Ring. „Vor aller Augen“, sagte sie. „So also herrschst du.“
Kronos richtete sich nur halb auf. Eine Hand hielt noch das Eisen, die andere suchte festen Stand am geborstenen Stein. Er sah nicht zu ihr. Sein Blick blieb auf Briareos und auf dem Eisen an dessen Hals.
Briareos’ Hände griffen weiter. Nicht mehr blind. Jetzt griffen sie nach dem Ring, nach dem Eisen, nach dem Rand.
An den Rand, an den Stein unter Kronos’ Füßen.
Gaia trat einen Schritt vor, nicht schnell, nicht zögernd. Staub lag auf ihrem Gewand. Ihre Stimme war niedrig, und doch hörte jeder sie. „Das ist nicht nur ein Halsring. Das ist Uranos’ Eisen. Es führt noch. Und es führt nicht nur in die Tiefe.“ Sie hob die Hand nicht. Sie zeigte nicht. Ihr Blick ruhte auf dem Sitz. „Es bindet ihn an den Grund deines Sitzes. Jeder Ruck daran zieht an dem, worauf du sitzt.“
Briareos riss erneut daran. Das Eisen spannte sich straff. Unter dem Sockel knackte es erst kurz, dann lang. Ein weiterer Stein löste sich aus dem Rand des aufgebrochenen Platzes und stürzte in den Schacht. Während von unten dumpfer Widerhall heraufdröhnte, machte Koios sich los. „Weg da“, fuhr er sie an. „Sofort weg vom Schacht. Alle zurück.“
Kronos hob den Kopf. Über seinen Unterarm lief Blut und tropfte auf den geborstenen Stein. „Nein.“
Koios blieb stehen. „Der Platz bricht.“
„Dann stützt ihn“, befahl Kronos.
„Das ist keine Stütze mehr.“
„Felsentor her“, rief Kronos und hob den Kopf, jetzt lauter. „Und die Keile. Sofort.“ Doch einen Augenblick lang rührte sich niemand. Briareos stemmte sich höher. Vom Zug des Eisens getrieben, schnitt der Ring tief ein. Am Hals hielt ihn das Eisen und ließ ihn doch kommen, Handbreit um Handbreit. Seine Schultern waren jetzt frei, die Brust halb aus dem Schacht gehoben. Kalt standen am Eisenstrang alte Glieder, dunkel, tief im Stein geführt. Wo sie unter den Sitz liefen, begann der ganze Sockel zu arbeiten.
Okeanos’ Blick sprang erst zum Riss, dann zum Sitz, dann zu Kronos. Kein Wort. Ohne ein Wort drehte er sich um und griff nach dem Tau, das am Torblock lag. Iapetos war schon bei ihm. Mit kurzen, festen Bewegungen zogen sie den schweren Stein heran. Inzwischen fassten zwei weitere Titanen mit an. Der Block schrammte über den Hof, stieß gegen lose Steine, blieb kurz hängen und kam wieder los.
Koios wich zurück, jedoch nicht weit. „Du bringst uns den ganzen Grund herunter.“
Kronos stand jetzt aufrecht am Rand des Schachtes. Hinter ihm hing der erste Sitz schief auf seinem gebrochenen Sockel. „Her damit“, verlangte er.
Briareos hob den Kopf. Zum ersten Mal lag sein Blick frei über dem Rand. Vor seinen Augen verschwammen die anderen; nur Kronos blieb. Sein Gesicht war grau von Staub und Druck, das Fleisch am Hals roh unter dem Eisen. Die Stimme kam tief und rau, aber deutlich. „Du sitzt oben und schließt unten.“
Niemand antwortete.
Briareos zog Atem ein. Seine Hände hielten den Rand, das Eisen, den gebrochenen Stein. „Er hat so begonnen.“
Gaia sagte: „Sprich seinen Namen.“
„Uranos“, brachte Briareos hervor.
Das Wort blieb offen auf dem Hof liegen.
Kronos’ Gesicht veränderte sich nicht. „Unter Stein mit ihm“, ordnete er an.
Jetzt stand Rhea nahe genug, dass der Staub von der Schachtkante ihre Füße erreichte. Bis dahin hatte sie geschwiegen. Ihr Blick ging weder zu Gaia noch zu Briareos. Er lag auf dem Torblock, der über den aufgerissenen Hof gezogen wurde. Dann hob sie den Kopf zu Kronos. „Wenn du das tust“, warnte sie, „hält dieser Verschluss nicht mehr nur den Berg.“
Kronos musterte sie.
Rhea sprach weiter, und ihre Stimme trug über das Schleifen des Steins. „Dann hält er deinen Namen.“
Wieder antwortete niemand.
Weder Gaia noch Okeanos noch Koios. Iapetos stemmte nur die Schulter gegen den Block, weil er ins Rutschen kam und eine Ecke bereits in die gebrochene Kante sank. Okeanos fluchte kurz, fasste tiefer und hob mit ihm zusammen an, bis der Stein wieder gerade in die alte Führung kam. Die Schrammspuren am Boden trafen auf die freigelegte Naht. Dort saß der Block, nicht sauber, aber passend genug.
Briareos stieß einen harten Laut aus und zog mit beiden Armen. Der Ring hielt. Das Eisen sang kurz unter dem Zug. Unter dem Sitz sprang ein Riss weiter, jetzt sichtbar bis an die vordere Kante des Sockels. Ein Stück der Stufe brach ab. Kronos erkannte es. Er begriff auch, dass das Tor nur einen Augenblick brauchte. Dann war der Mund eng genug, um Briareos wieder zu drücken, zu klemmen, unter Gewicht und Stein zurückzuzwingen.
„Vor“, rief er.
Während Iapetos und Okeanos drückten, schob sich der Block in die Führung. Stein rieb auf Stein, und Briareos’ linke Schulter wurde zuerst getroffen. Er warf den Arm dagegen. Der Torblock stockte.
„Keile“, sagte Kronos.
Jemand reichte sie ihm. Grob behauene Stücke, schwer genug für den Zweck. Er nahm den ersten und setzte ihn in den Spalt zwischen Tor und Führung. Danach schlug er ihn mit einem Felsstück ein, und ein dumpfer Schlag fuhr über den Hof. Der Keil fraß sich tiefer.
Briareos fuhr hoch. Der Torblock hob sich einen Fingerbreit, dann fiel er zurück. Blut trat am Hals unter dem Ring hervor und lief über das alte Eisen.
„Wieder“, sagte er.