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    PANATHINAIA

    Alexia Michailidou · Band 1

    PANATHINAIA

    Chapitre 5 sur 14

    Chapitre 5

    Der Halsring des Hundertarmigen

    Den zweiten Keil setzte Kronos tiefer. Danach schlug er schneller. Jeder Stoß fuhr durch den Stein unter ihren Füßen. Briareos riss den rechten Arm nach vorn, stemmte Hand und Unterarm gegen die Kante des Blocks und hielt ihn einen Augenblick auf. An Schulter und Hals traten die Muskeln hervor. Der Ring schnitt tiefer ein. Blut lief nun in einer schmalen Bahn über die Führung und sammelte sich in der geborstenen Naht.

    Kronos richtete sich auf. Staub lag auf seinen Armen. Blut von Briareos hatte den Stein seiner Hand bespritzt, mit der er den Keil gehalten hatte. „Okeanos. Iapetos. Koios.“ Seine Stimme schnitt kurz über den Hof. „An den Block. Vor, bis auf den Halsring.“

    Okeanos antwortete nicht sofort. Sein Blick lag noch auf dem Riss am Sitzsockel. Dann stellte er die Füße neu, griff tief unter die Kante und stemmte an. Iapetos trat wortlos neben ihn. Koios drückte mit beiden Armen an der anderen Seite.

    Als der Block sich erst nicht rührte, sprang er im nächsten Augenblick ein kleines Stück vor. Ein Schaben lief durch die alte Führung. Briareos’ Arm geriet zwischen Kante und Wange, wurde herausgerissen und schlug hart gegen den Stein. Er brüllte. Vom Ruck getrieben, fuhr sein linker Arm hoch, suchte Halt, fand nur den Rand der Kante und glitt blutig ab. Während der Ring ihn zurückhielt, wurde sein Hals gegen das Eisen gezogen.

    „Weiter.“ Kronos hob nur das Kinn.

    Sie drückten: Okeanos mit offenem Zorn im Gesicht, Iapetos mit gesenktem Kopf, Koios ohne ein Wort. Der Block fraß sich tiefer. Gegen die Kante wurde Briareos’ Brust gepresst, dann die Schulter. Mehr Raum blieb ihm nicht. Das Eisen am Hals trug nun fast sein ganzes Gewicht. Unter dem Ring quoll Blut hervor und lief breiter über die Führung, während Tropfen in den Schacht fielen und von unten wieder dumpfe Schläge heraufkamen.

    Nicht fern. Nicht vereinzelt. Mehrere. Einer gegen den anderen versetzt. Die Tiefe lebte.

    Kronos nahm den dritten Keil. „Gerade deshalb.“

    Er setzte ihn dort an, wo der Block an der rechten Steinwange noch Spiel hatte, und schlug zu. Einmal. Zweimal. Beim dritten Stoß sprang ein Splitter aus der Kante und traf seinen Unterarm. Er zuckte nicht. Der Keil saß. Der Block rückte einen Hauch weiter vor und drückte Briareos bis an den Ring.

    Jetzt war der Hals das letzte Maß, und Briareos’ Hände schlugen gegen den Stein. Nicht mehr frei, nicht …

    Mehr stark, nur noch stoßweise, weil der Zug am Hals ihm die Kraft nahm.

    Okeanos ließ den Block los. „Genug.“

    Während Okeanos noch dastand, sah Kronos nicht zu ihm. Er nahm den Hammer vom Boden, wog ihn kurz in der Hand und trat näher an die Fuge. Staub rieselte vom Sitzsockel in den offenen Spalt zu seinen Füßen. Unter dem ersten Sitz verlief ein weiterer Riss nach außen, zunächst fein, dann dunkler, wo er sich unter der Last öffnete.

    „Nicht genug“, entgegnete er.

    Gaia stand unbewegt an der Kante des aufgebrochenen Platzes. Ihr Blick galt nicht Kronos, sondern der Tiefe, aus der die Schläge kamen. Der kalte Luftzug aus dem Schacht strich über den Hof. „Unter ihm antworten noch Brüder“, sagte sie laut, damit jeder auf dem Hof sie hörte. „Nicht einer. Mehrere. Sie stehen dort unten noch im Eisen.“

    Die Worte blieben im offenen Raum stehen. Niemand tat, als hätte er sie nicht verstanden.

    Dann hob Iapetos den Kopf. Zum ersten Mal wich die starre Anspannung aus seinem Gesicht. Koios trat einen halben Schritt zurück, die Hände noch an dem Stein, aber nicht mehr drückend. Selbst Hyperion, der bisher geschwiegen hatte, richtete den Blick vom Sitz auf den Schacht.

    Wieder kam ein Schlag von unten, dann ein zweiter. Tiefer. Schwerer. Eine Antwort.

    Briareos hob den Kopf gegen den Ring, nur wenig, nur so weit, wie das Eisen es zuließ. Blut stand an seinem Hals und rann über das Metall. Seine Stimme klang rau und zerrissen. „Du hörst sie.“

    Statt zu antworten, blieb Kronos still.

    Okeanos trat vor ihn. Zwischen ihnen lagen der Staub des gebrochenen Platzes, der Hammer in Kronos’ Hand und der fast geschlossene Zugang. „Lös den Ring“, forderte Okeanos. „Wenn du den Stein setzen willst, dann nicht so. Nicht mit seinem Hals im Zug. Nicht auf diesem Sitz. Nicht vor allen.“

    Endlich sah Kronos auf. „Weich zur Seite.“

    „Nein.“

    Es war das erste klare Nein, das ohne Abschwächung auf dem Hof stand. Okeanos’ Stimme blieb ruhig, aber nichts an ihm wich zurück. „Du kennst jetzt, was hier liegt. Du weißt, woran der Ring hängt. Du weißt, dass darunter weitere leben. Wenn du den Verschluss dennoch vollendest, dann ist das keine Sicherung mehr. Dann ist es dein Werk.“

    Kronos hielt den Hammer fest. Seine Finger waren mit Staub und Blut verschmiert. „Es ist bereits mein Werk. Seit der Berg unter meinem Sitz aufriss. Seit dies offenliegt. Was offen ist, muss gebunden werden.“

    Gaia wandte den Kopf zu ihm. „Blind ist er nicht.“

    Kurz und hart war die Stille danach.

    Dann trat Rhea aus der Reihe derer, die bisher nur zugesehen hatten. Sie ging nicht bis an die Kante, sondern blieb dort stehen, wo alle sie hören konnten. Ihr Blick lag auf Kronos, nicht auf dem Schacht. „Wenn du jetzt schlägst“, sagte sie, „dann bindest du nicht nur einen Zugang. Deinen ersten Sitz bindest du daran. Jeder, der hier steht, wird wissen, worauf du ihn gegründet hast.“

    Staubig hob Kronos den Blick zu ihr, und in diesem Blick lag nichts von Bitte. „Er steht bereits.“

    „Noch nicht so“, erwiderte Rhea. „Noch nicht unwiderruflich.“

    Inzwischen kam von unten wieder ein dumpfer Stoß. Der Boden nahm ihn auf. Ein leises Zittern lief durch den aufgerissenen Rand unter dem Sitzsockel. Aus einer Fuge fiel Staub. Einer der jüngeren Titanen am äußeren Rand des Hofes wich zurück.

    Uranos sagte noch immer nichts. Sein Blick haftete am Halsring. Das Eisen verschwand im Stein. Dort lag die alte Setzung. An derselben Stelle traf sich das Gewicht von oben und unten. Seine Kiefer arbeiteten kurz gegeneinander.

    Briareos’ Hände tasteten über den Stein, fanden keinen Halt, nur die kalte Kante des Blocks und den eigenen Haltverlust. „Oben sitzt du“, stieß er hervor. „Du hältst fest.“

    Kronos trat an ihm vorbei. Er drängte Okeanos mit der Schulter aus dem Weg, und Okeanos gab nur so weit nach, dass sie nicht beide an die Fuge gerieten. Das war alles.

    Dann kniete Kronos am rechten Rand des Torblocks nieder. Dort lag noch Luft zwischen Stein und Führung. Wenig. Genug für den letzten Keil.

    Hinter ihm sagte Okeanos: „Ich trage nicht mit.“

    „Das musst du nicht“, sagte Kronos.

    Er setzte den Keil ein. Das Metall schrammte an der alten Wange entlang und griff dann in den Spalt. Kronos prüfte den Sitz mit zwei kurzen Schlägen des Hammerstiels. Dann hob er den Hammer.

    Als der erste Schlag durch den Hof fuhr, drang der Keil tief ein. Der Block sprang kaum sichtbar vor. Briareos’ Körper riss gegen den Ring. Ein hartes, kurzes Geräusch kam aus seiner Kehle und brach ab.

    Der zweite Schlag trieb das Eisen weiter. Jetzt presste der

    Block hörbar in der alten Führung. Als Stein auf Stein rieb, lief aus dem Spalt unter Briareos’ Hals frisches Blut und zog sich in die Rinne, die der Block seit langer Zeit kannte.

    Briareos fuhr mit beiden Händen an den Ring. Die Finger griffen unter das Eisen, fanden aber nur Metall, das nicht nachgab. Seine Schultern spannten sich, sein Leib stemmte sich gegen den Druck, der von oben kam und aus dem Stein zurückkehrte. Seine Füße suchten Halt auf der schmalen Stufe des Schachts. Schon lag sein Hals schief gegen die Kante.

    Okeanos machte einen Schritt vor, doch Rhea hielt ihn am Unterarm fest. Nicht hart. Unter ihrer Hand blieb er stehen und wandte den Blick nicht von Kronos.

    „Hörst du sie nun?“, fragte Gaia.

    Kronos schwieg, während er den Hammer erneut hob.

    Aus der Tiefe kam ein neuer Stoß. Diesmal kam keiner allein. Erst einer, dann nach einem Atemzug ein zweiter, dumpfer, weiter unten, dann noch ein dritter, schwerer als die beiden ersten. Der Hof bebte unter den Füßen der Versammelten. Mit einem trockenen Knacken sprang im Stein am Sockel des Sitzes ein feiner Riss weiter auf. Staub rieselte an der rechten Wange des offenen Mundes herab.

    Mehrere Titanen wichen zurück. Dann ging ihr Blick zum Sitz hinauf und wieder zum Schacht. Gaia trat vor und sprach für alle.

    „Nicht nur einer. Mehrere.“ Sie trat bis an den Rand. Sie beugte sich nicht vor, doch ihre Stimme fiel in den Schacht. „Unter diesem Verschluss stehen noch mehr von meinen Söhnen im Eisen. Du weißt es jetzt vor allen.“

    Briareos hob den Kopf, so weit der Ring es zuließ. Blut stand ihm am Hals und auf der Brust. Statt nach Gaia zu suchen, hielt er den Blick auf Kronos.

    „Du hörst sie“, brachte er heiser hervor. „Und du schlägst.“

    Kronos setzte den Hammer an den Keilkopf, als gäbe es nur Eisen und Arbeit. Seine Hand blieb ruhig. Der Schlag fiel.

    Das Metall fuhr ein Stück tiefer. Der Block rückte noch einmal vor. Diesmal war das Geräusch aus Briareos’ Kehle länger. Es endete in einem Husten, der Blut auf den Stein spritzte. Ein Teil lief sofort in die Führung des Tores und verschwand dort.

    Okeanos riss sich von Rheas Hand los. „Es reicht.“ Er trat seitlich an Kronos heran, nicht dicht genug, um ihn zu berühren, aber nah genug, dass jeder im Hof sah, dass er sich ihm entgegenstellte. „Löse den Ring. Wenn du den Stein halten willst, halte ihn anders. Nicht so.“

    Kronos sah erst den Keil an, dann Okeanos. „Tritt zurück.“

    „Nein.“

    Für einen Augenblick sagte niemand etwas. Briareos’ Atem ging hart und ungleich, und unter dem Hof knirschte leise der Berg.

    Rhea ging einen Schritt nach vorn. Ihr Gesicht war bleich, doch ihre Stimme trug weit. „Wenn du jetzt weiterschlägst, ist es dein Werk allein. Weder der Berg noch die Not noch wir.“

    Kronos richtete sich langsam auf. Staub lag an seinem Knie. Der Hammer hing schwer in seiner Hand. Er sah zu Gaia, zu Rhea, zu Okeanos. Dann hinab in den Schacht auf Briareos, der noch immer am Ring zerrte, ohne ihn lösen zu können.

    „Alle sind hier und reden.“ Kronos’ Stimme blieb flach, und der Staub auf seinem Unterarm klebte im Schweiß. „Keiner schließt. Keiner trägt, was offen bleibt.“

    Kronos wandte den Blick nicht ab. „Ja.“

    Das Wort blieb im Hof liegen. Einige der Titanen am Rand senkten die Augen. Einer von ihnen machte unwillkürlich das Zeichen der Abwehr auf seiner Brust und ließ die Hand sofort wieder sinken, als die anderen es bemerkten.

    Uranos stand noch immer abseits. Sein Blick ging nicht zu Kronos, nicht zu Gaia, nicht zu den anderen. Er blieb auf dem Ring. Auf dem Eisen an Briareos’ Hals. Auf dem schmalen Stück, das im Stein verschwand. Sein Gesicht war hart geworden, und er sagte nichts.

    Bei diesem Wort stockte Briareos. Seine Hände glitten vom Ring und fielen offen auf den Stein. Dann hob er sie wieder, langsamer diesmal. Er packte das Eisen links und rechts am Hals, als wollte er den Druck mit beiden Armen tragen.

    „Dann hör mich auch“, presste er hervor. „Du sitzt oben und schließt, was dein Vater schloss. Du nimmst seinen Platz an. Du nimmst seine Hand an. Was unter dir steht, wird deinen Namen halten.“

    Kronos’ Mund verzog sich nicht. Nur die Hand um den Hammerstiel schloss sich fester.

    Wieder kam ein Stoß aus der Tiefe. Diesmal ging ihm ein fernes Kratzen voraus, dann drückte es von unten gegen den Stein. Der Block

    …sprang in der alten Führung einen Fingerbreit vor. Ein dumpfer Laut ging durch den Hof. Aus der Rinne am Rand des Blocks quoll frisches Blut und zog sich dunkel über den Staub.

    Briareos fuhr mit dem Rücken gegen das Eisen. Der Ring schnitt tiefer. Sein Atem stockte, kam wieder, kurz und hart. Unter ihm antwortete es sofort: mehrere Schläge, schwer, ungleich, aus größerer Tiefe. Der Boden am ersten Sitz gab den Stoß weiter. Staub rieselte aus den Fugen.

    Gaia trat vor, bis sie am Rand der aufgebrochenen Stelle stand. Sie sah nicht zu Kronos. Sie sah in den Schacht.

    „Hör hin“, sagte sie. Ihre Stimme war ruhig, und gerade deshalb trug sie bis an den Rand des Hofes. „Nicht nur einer steht in der Tiefe. Drei Wege laufen dort zusammen, und im selben Eisen stehen Kottos und Gyges unter ihm. Der Berg trägt ihre Hände, weil dein Vater sie dort hingestellt hat. Du weißt es nun. Wenn du noch schlägst, tust du es wissend.“

    Niemand antwortete ihr sofort. Die Titanen am Rand hielten still. Iapetos’ Hände hingen leer an seinen Seiten. Koios stand mit gespreizten Füßen, starr, den Blick auf den Keil gerichtet. Hyperion hob den Kopf nur wenig, doch seine Augen glitten zu Kronos und blieben dort.

    Okeanos war der Erste, der sich bewegte, und er tat es nicht überstürzt. Einen Schritt, dann den nächsten. Er ließ den Blick nicht von dem Eisen an Briareos’ Hals. Als der nächste Stoß aus der Tiefe kam und der Block noch einmal arbeitete, war er am Rand. Dann setzte er den Fuß auf den Stein neben der Rinne, beugte sich vor und griff nach dem Stück Ring, das noch frei lag.

    „Genug“, sagte er.

    Briareos hob den Kopf zu ihm, und in seinem Gesicht lag keine Bitte mehr. Nur Anstrengung. Blut stand an seinem Hals, wo das Eisen saß, und rann über seine Brust.

    Getrieben von der Enge des Spalts schob Okeanos die Finger unter den Ring, suchte Halt, suchte Spiel. „Zieh nicht“, sagte Okeanos, ohne den Blick zu heben. „Still.“

    Im nächsten Augenblick war Kronos bei ihm.

    Kein Wort sprach er. Die Sichel kam unter seinem Arm hervor, blank am inneren Rand, und hielt dicht vor Okeanos’ Hand. Die Klinge lag nicht an seinem Hals, sondern genau dort, wo die Finger noch am Eisen waren.

    Okeanos blieb reglos. Er hob nur den Kopf und sah ihn an.

    Der Hof war still, während Kronos’ Arm fest blieb.

    „Weg“, kam es aus ihm heraus.

    „Löse ihn“, erwiderte Okeanos.

    Nur dieses eine Wort: „Weg.“

    „Du hörst sie“, sagte Okeanos. Seine Stimme wurde nicht lauter. „Und du hörst, dass unter ihm noch andere stehen. Du weißt, was du schließt. Und du hältst mir die Sichel hin, damit ich die Hand vom Eisen nehme.“

    Kronos trat näher, bis die Sichel Okeanos’ Haut berührte. Ein schmaler roter Strich trat auf dem Handrücken hervor.

    „Nimm sie weg“, sagte Rhea.

    Kronos sah sie nicht an, als sie einen Schritt vorkam. Staub lag auf ihrem Gewandsaum. „Keinen Schritt weiter. Bis hierher konntest du sagen, du trügst einen offenen Berg. Von hier an setzt du. Hier schließt du Werk. Sein Werk.“

    Gaia hob nun den Blick zu Kronos. „Uranos’ Werk.“

    Das Wort stand offen im Hof. Uranos selbst rührte sich nicht. Noch immer sah er nur auf das Eisen. Dann hob er den Blick ein wenig und richtete ihn auf seinen Sohn. Es lag nichts darin, was den Schlag aufgehalten hätte.

    Okeanos nahm die Hand nicht zurück.

    „Wenn du mich daran hinderst“, sagte er, „dann vor allen.“

    „Vor allen“, gab Kronos zurück.

    Er drückte die Sichel fester. Blut trat an Okeanos’ Hand aus und fiel auf den Stein. Ein Tropfen lief in dieselbe Rinne, durch die Briareos’ Blut schon den Block hinabzog.

    Briareos stieß einen Laut aus, tief und rau, mehr Atem als Stimme. Dann stemmte er sich wieder gegen den Ring. Seine Hände zitterten am Eisen. Von unten kamen drei harte Schläge rasch hintereinander. Beim dritten ging ein Riss durch den Staub am Rand des Sitzes. Nur schmal. Aber jeder sah ihn.

    „Der Platz hält das nicht ewig“, sagte Okeanos.

    „Dann hält er jetzt“, erwiderte Kronos.

    Er hob die Sichel noch einen Fingerbreit an. Das genügte. Okeanos konnte den Ring nicht mehr fassen, ohne sich die Hand aufzuschneiden. Einen Augenblick blieb er so stehen, die Finger gekrümmt, dicht am Eisen, den Blick fest auf Kronos gerichtet.

    Dann zog er die Hand langsam zurück, um sie nicht zu verlieren.

    Erst dann wich Kronos einen halben Schritt zur Seite. Die Sichel blieb in seiner Hand, als Rhea einen Schritt vortrat. „Sieh ihn an.“

    Er antwortete nicht.

    „Sieh hin“, sagte sie noch einmal, schärfer jetzt. „Damit niemand nach diesem Schlag sagt, du hättest es nicht gesehen.“

    Da wandte Kronos den Blick auf Briareos.

    Auf den Hals. Auf den Ring. Auf

    Den schmalen Zug des Eisens, der in den Stein unter dem Sitz lief. Auf das Blut, das an der Rinne stand und bei jedem Atemzug des Gefesselten weiter nachsetzte.

    Niemand sprach.

    Briareos hielt den Kopf nicht mehr ganz hoch. Der Ring lag hart an seinem Hals. Seine Brust ging schwer. Seine Hände lagen noch am Eisen, aber der Griff war nicht mehr derselbe. Er drückte nicht länger gegen Kronos, sondern hielt sich nur noch fest.

    Aus der Tiefe kam wieder ein Schlag, dann ein zweiter.

    Der dritte traf später, dumpfer, schwerer. Staub rieselte am Rand der alten Führung herab. Der Block saß weiter vor als zuvor. In der Linie, in der er lief, war für alle sichtbar, dass er alt war und geführt, nicht neu und nicht vom Berg gebrochen.

    Gaia trat nicht vor. Stattdessen blieb sie dort stehen, wo alle sie hören konnten.

    „Jetzt siehst du es.“

    Kronos nahm den Blick nicht vom Ring. Seine Finger schlossen sich fester um den Schaft der Sichel.

    „Ich sah es schon vorher.“

    Rhea schloss für einen Augenblick die Augen, als seine Worte fielen. Als sie ihn wieder ansah, erwiderte sie: „Dann gibt es kein Wort mehr, hinter das du dich stellen kannst.“

    Er antwortete ihr nicht.

    Während Okeanos sich mit blutender Hand neben den Stein zurückgezogen hatte, presste er die Finger der verletzten Hand um das eigene Handgelenk. Danach griff er nicht wieder ein. Sein Blick glitt erst zu Briareos, dann zur Rinne, dann zu dem Keil, der noch offenstand.

    „Löse den Ring.“ Okeanos’ Stimme klang tiefer, nicht lauter. „Sofort.“

    Kronos wandte den Kopf nur wenig zu ihm. „Zu spät.“

    „Nein.“ Okeanos’ blutige Finger zuckten an seinem Handgelenk.

    „Doch.“

    Gaia hob die Stimme. „Nicht der Berg tut das. Du tust es.“

    Danach folgte ein kurzes Schweigen. Inzwischen war nur Briareos’ Atem zu vernehmen. Er ging stoßweise. Unter dem Zug des Eisens hob sich sein Körper einmal, dann sank er zurück. Frisches Blut quoll aus der Rinne.

    „Unter ihm stehen zwei weitere.“ Gaia deutete hin. „Da: Kottos. Gyges. Du weißt es.“

    Daraufhin blickte Kronos sie an.

    Er widersprach nicht.

    Das ging durch die Umstehenden. Niemand trat vor; keiner sprach dazwischen. Einige blickten zum Schacht, andere auf den Sitz. Als käme erst jetzt bei einem von ihnen an, wo sie standen, wich er einen Schritt zurück.

    Rhea trat noch einen halben Schritt weiter in die offene Mitte. Ihre Stimme trug über den Hof. „So vernehmt ihn. Hört, dass er nicht widerspricht. Hört, dass er weiß, wen er einschließt.“

    Briareos hob den Kopf bei den Namen seiner Brüder. Der Zug am Ring nahm ihm die Bewegung fast sofort wieder. Seine Finger krampften sich um das Eisen. Aus seiner Kehle kam ein Laut, kurz, abgerissen, und aus der Tiefe antwortete ein Stoß gegen Stein, so hart, dass der Block zitterte.

    Kronos blickte zum letzten Keil.

    Der Schlägel lag dort, wo er ihn hatte fallen lassen, dicht am Rand des Blocks. Er bückte sich nicht sofort. Er verharrte einen Augenblick still, die Sichel noch in der Hand, und sein Blick glitt über das Holz des Hammerstiels, das Eisen des Keils und die Führung, in die der Block sprang.

    „Wenn du das tust“ — Rhea trat nicht zurück —, „dann bleibt es an deinem Namen.“

    Er hob nun den Hammer auf.

    Die Sichel ließ er sinken, aber er legte sie nicht weg. Sie blieb in seiner linken Hand. Das Werkzeug fasste er mit der rechten. Blut von Okeanos’ Hand war noch auf der Klinge der Sichel. Niemand übersah es.

    Wieder kamen Schläge aus der Tiefe. Mehrere. Erst zwei dicht hintereinander, dann einer mit Abstand. Darunter lief ein dumpfes Ziehen im Stein vom Schacht her in den Hof. Briareos spannte sich noch einmal gegen den Ring. Seine Beine fanden keinen Stand, der ihm half. Das Eisen hielt ihn dort fest, wo der Zug ihn brauchte.

    Briareos riss den Kopf mit Gewalt hoch. Keine freie Bewegung: Der Ring schnitt sie ab. Sein Atem brach hörbar. Blut lief schneller aus der Rinne. Aus der Tiefe kam ein Ruf, kaum noch als Wort zu fassen, gedrängt durch Stein und Eisen. Ein zweiter folgte, tiefer, zerrissen. Darauf drei Schläge, wild, ohne gleichen Abstand.

    Niemand im Hof konnte noch so tun, als höre er nur den Berg.

    Kronos setzte den Hammer an.

    Okeanos wandte den Kopf ab, aber nicht weit genug, um es nicht zu sehen. Gaia blieb unbeweglich. Rhea hielt den Blick auf Kronos gerichtet, ohne zu blinzeln.

    …inzeln, als der Schlag hart und kurz fiel. Das Eisen fing ihn auf. Der Keil fuhr ein Stück tiefer. Der Torblock ruckte in der alten Führung vor. Während dieses Rucks ging Briareos’ Leib nach vorn, doch der Hals riss ihn sofort wieder zurück. Seine Hände griffen ins Leere, fanden für einen Atemzug den Rand und verloren ihn wieder. Ein Laut kam aus ihm, roh und abgebrochen, nicht mehr gegen Kronos gerichtet, sondern nur noch aus Schmerz.

    Sofort antwortete aus der Tiefe etwas, und es waren zwei Stimmen. Die eine hoch und heiser vor Anstrengung, die andere tiefer, gepresst durch den engen Weg hinter dem Stein.

    „Briareos—“

    Dann, fast zugleich, die andere: „Halt—“

    Der Torblock verschluckte ihnen die Worte. Aber die Namen und die Stimmen waren im Hof. Jeder hörte, dass dort unten keine Felsen aufeinander schlugen.

    Okeanos hob den Kopf. Alles in ihm stemmte sich gegen den Schritt, den er nicht mehr tat. „Kottos. Gyges.“ Er sprach laut, damit keiner sich noch in Zweifel retten konnte. Rau klang seine Stimme. „Du schließt sie mit ein.“

    Kronos sah nicht zu ihm. Dann zog er den Hammer zurück, setzte ihn neu an und trieb den Keil weiter.

    Wieder ein Schlag.

    Der Block glitt ein weiteres Stück in der Führung. Ohne Widerstand glitt er, vom alten Werk getrieben, tiefer hinein, genau, als habe es nur darauf gewartet. Der Hof bebte unter den Füßen der Umstehenden. Im Sockel des ersten Sitzes lief ein dumpfes Zittern auf und starb dort ab. Unter dem Zug spannte sich Briareos’ Halsring. Sein Kopf wurde tiefer gegen den Stein gezwungen. Die Haut am Eisen platzte weiter auf. Dunkel stand Blut am Rand des Rings, lief über Brust und Bauch und tropfte in den Spalt vor dem Tor.

    Gaia sprach nicht laut, trotzdem hörte man sie. „Sie antworten aus dem Verwahrungsweg unter deinem Sitz.“

    Eine Weile schwieg Kronos.

    Rhea nahm dieses Schweigen auf. „Und du hörst sie“, sagte sie ohne Zorn in der Stimme, nur als Feststellung. „Du weißt, wen du einschließt.“

    Kronos hob den Hammer zum dritten Mal. Erst jetzt antwortete er, ohne den Blick vom Keil zu nehmen. „Ja. Und wenn der Weg unter dem Sitz offen bleibt, bleibt auch der Sitz offen. Dann greift jeder, der dort unten lebt, wieder nach dem, was wir eben erst genommen haben.“

    Mehr sagte er nicht.

    Das Wort und der Satz lagen offen im Hof, ohne jeden Versuch, sie zu mindern, ohne Widerspruch gegen die Namen. Kein Ausweichen auf Not oder Zufall. Er fasste seine Tat als Sicherung und ließ auch das dort stehen.

    Rhea schloss für einen Moment die Augen und öffnete sie wieder. „Dann steht es jetzt fest.“

    Gaia wandte den Blick zum Torblock, zu der sauberen Linie, in der Stein in Stein lief. „Uranos barg sie. Du schließt sie ein“, sagte sie mit harter Stimme, als der dritte Schlag fiel. „Und du setzt deinen ersten Sitz darüber.“

    Kronos antwortete nicht.

    Dann fuhr der letzte Keil tief. Ein kurzer, harter Ton lief durch das Eisen, dann saß er. Der Torblock sprang nicht mehr zurück. Nun stand er fest in der Führung. Im selben Augenblick wurde Briareos mit einem einzigen brutalen Ruck unter den Zug gezwungen. Seine Finger rissen vom Rand, die Nägel fuhren kreischend über den Stein. Für einen Moment hing er frei am Ring.

    Für einen Herzschlag hielt ihn nur das Eisen am Hals.

    Dann glitt er ab.

    Sein Körper schlug gegen den Block, fuhr daran hinunter und verschwand in der Dunkelheit hinter der fast geschlossenen Naht. Aus der Tiefe kam sein Aufprall zurück, verschluckt zwischen den anderen Schlägen, den Rufen, dem dumpfen Drängen der Eingeschlossenen.

    Kottos oder Gyges schrie etwas, das im Stein zerdrückt wurde.

    Dann trat Kronos vor, setzte die Hand gegen den Block und prüfte ihn mit einem knappen Druck. Nichts gab nach. Hinter dem Tor hämmerten noch einmal mehrere Schläge, rasch hintereinander, dann ein schwererer. Der Block saß, ebenso der Keil. Die alte Führung trug.

    Von außen lag der Berg nun wieder als geschlossene Masse über dem Verschluss; nur ein frischer, heller Abrieb zog sich wie eine Narbe über den dunkleren Stein am Fuß, und im Hof stand der Staub noch dünn und bitter auf der Zunge. Die Reihen der Umstehenden hielten Abstand zur Naht, als habe die Luft dort unten ihre Kälte behalten, doch es kam kein neuer Stoß mehr aus dem Inneren.

    Und der Hof veränderte sich.

    Das Zittern im Boden ließ nach. Nicht auf einmal, sondern Stoß um Stoß. Der Zug, der bisher vom Schacht unter den Platten her über den ganzen Platz gelaufen war, verlor sich. Im Sockel des ersten Sitzes knackte es noch einmal trocken, und der Kalkgeruch des aufgerissenen Gesteins hing flach in der Luft. Dann blieb der Stein still, während der Staub sank. Kein neuer Riss sprang auf.

    Es war genau diese Ruhe, die niemandem Erleichterung brachte.

    Die Stille breitete sich bis an die Ränder des Hofs und an die blanken Flanken des ersten Sitzes aus, wo eben noch jedes Beben mitgelaufen war; selbst das Echo aus der Tiefe war versiegt, als hätte der Berg es in sich genommen. Über dem Ganzen stand der Himmel hart und leer, und Gaia wirkte darunter nicht kleiner, aber weiter entfernt, während Othrys als dunkler Rücken den verschlossenen Ort stumpf gegen das Licht abschloss.

    Okeanos stand wie festgeschlagen. Sein Blick ging weder zum Sitz noch zum Berg, sondern nur auf den verschlossenen Zugang. Hinter seinen Zähnen arbeitete der Atem, kurz und hart. Als er den Kopf hob, trug seine Stimme über den reglosen Platz.

    „Nun hält dein Hof.“

    „Er hält, weil du lebende Brüder darunter eingeschlossen hast.“

    Niemand antwortete sofort.

    Der Staub sank weiter zwischen den Steinen. Am Rand des verschlossenen Weges stand der erste Sitz fest. In seiner Nähe war der Boden dunkel von Schleifspuren, von Splittern, von dem Abrieb des frisch gesetzten Blocks. Das Eisen schwieg. Aus der Tiefe kam kein Laut mehr, und dieses Schweigen lastete schwer auf den Versammelten.

    Kronos stand neben dem Sitz und zog die Hand vom Stein zurück. Sein Blick ruhte auf Okeanos, ohne Eile, ohne jede Regung, die nach Rechtfertigung suchte.

    Getrieben von dem Druck in seiner Brust trat Okeanos einen Schritt vor. „Sag es vor allen. Sag, dass du ihre Rufe gehört hast. Während du den Keil dennoch tiefer triebst, sag es. Sag, dass dein Sitz nicht steht, weil der Berg dich trägt, sondern weil unter ihm ein Halsring hält.“

    Kronos’ Blick ging nicht zum Torblock zurück. Die Kälte des Steins blieb an seiner Hand. „Der Hof steht.“

    „Ja.“ Okeanos’ Mund verzog sich kaum. „Das tut er.“

    Weiter nichts. Die Worte blieben offen zwischen ihnen stehen, schärfer als ein Ruf.

    Koios trat aus der Reihe der Brüder hervor. Er musterte erst den ersten Sitz, dann den freien Raum zu seiner Rechten. Sein Gesicht blieb ruhig, doch seine Stimme schnitt klar durch das Scharren des Staubs.

    „Wenn er steht, setz ihn zu Ende.“

    Kronos wandte den Kopf.

    Koios hob die Hand zu dem freien Platz neben dem Herrschersitz. „Ein erster Platz allein trägt keinen Hof. Er zeigt Vorrang, nicht mehr. Solange die rechte Seite leer bleibt, bleibt offen, wem Herd und Bett gehören, wer neben dir steht und aus welchem Schoß hier Folge kommen soll. Sonst ist dies kein geordnetes Gefüge. Dann ist es nur ein besetzter Stein.“

    Iapetos nickte sofort. „Und offen bleibt, wer Anspruch erhebt, wenn du zögerst. Heute ist der Platz leer. Morgen nennt ihn ein anderes Geschlecht den seinen. Wenn du Ordnung willst, dann widerruf sie nicht durch Schweigen.“

    Gaia hatte bisher geschwiegen. Nun trat sie ein wenig vor, nicht schnell, nicht laut. Ihr Blick lag auf dem ersten Sitz, dann auf dem Boden davor, wo der Stein frisch gesetzt war. „Ein einzelner Platz fragt nach dem zweiten“, sagte sie. „Nicht aus Zier. Aus Folge. Aus Bindung. Wer dort sitzt, bindet Geschlecht an Geschlecht, Bett an Bett, Zukunft an diesen Ort.“

    Sie machte eine kurze Pause. Während ihre Augen zu Kronos gingen, nahm keiner ihr das Wort. „Und an das, was darunter liegt.“

    Es war das einzige Mal, dass jemand den Blick offen auf die ganze Last dieses Platzes zurückführte, und niemand widersprach ihr.

    Rhea stand bisher etwas hinter den Brüdern und Schwestern. Nun trat sie hervor. Ihr Schritt war ruhig. Ihr Blick ging an Gaia vorbei, an Okeanos vorbei, direkt zu Kronos.

    „Der Platz darf nicht offen bleiben.“

    Ihre Stimme war fest, aber ohne Wärme. Sie klang nicht nach Einwilligung, nicht nach Trost. Sie sprach, weil die Worte gesprochen werden mussten.

    „Du hast den ersten Sitz gesetzt. Alle haben es gesehen. Alle haben auch gesehen, worauf er steht.“ Sie hielt kurz inne. „Wenn dennoch ein Bund an diesen Platz gebunden werden soll, dann nicht im Schatten von Gerede, nicht im Streit späterer Ansprüche. Hier. Vor allen.“

    Okeanos fuhr zu ihr herum. „Rhea—“

    Ohne ihn anzusehen, sagte sie: „Ich habe gehört, was du gesagt hast.“

    „Und gehst dennoch?“

    Inzwischen wandte sie den Kopf. „Ich gehe nicht blind.“

    Gaia beobachtete sie ohne ein Wort. In ihrem Gesicht regte sich keine Billigung.

    Iapetos drängte. „Dann sprich es ganz. Nicht halb.“

    Rhea wandte sich wieder Kronos zu. Zwischen ihnen lag der leere Platz für den zweiten Sitz. „Wenn du neben dir einen setzen lässt“, sagte sie, „dann nimm keinen späteren Eid, keine heimliche Bindung, keine zweite Stimme nach diesem Tag. Setz mich jetzt. Vor allen. Und wenn dein Bund mich binden soll, dann nicht mit offenem Rückweg.“

    Kronos hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Der Platz blieb still. Selbst Okeanos schwieg nun, weil jeder verstand, worauf ihre Worte zielten. Es ging um Unwiderruflichkeit.

    Koios sprach in das Schweigen der Wartenden. „So muss es sein.“

    „Ja“, sagte Iapetos. „Jetzt.“

    Kronos ließ den Blick über die Versammelten gehen. Okeanos stand hart und aufrecht, den Kiefer angespannt. Gaia wich nicht. Koios und Iapetos warteten. Rhea stand vor dem leeren Platz mit unbewegtem Gesicht.

    Kronos gab keinem von ihnen Antwort.

    Stattdessen hob er die Hand und wies auf den freien Raum zu seiner Rechten. „Bringt den zweiten Sitz.“

    Sofort setzte Bewegung ein. Diener und Träger, die bisher am Rand des Hofes gestanden hatten, fuhren zusammen und liefen los. Niemand sprach. Das Schaben von Stein auf Stein, das Knirschen von Sand und Splittern.

    Das Knirschen von Sand und Splitterstein zog hart und gleichmäßig über den Hof. Während vier Träger den zweiten Steinsitz zwischen sich herantrugen, zwang das Gewicht sie zu kurzen Schritten. Ihre Schultern standen hoch, die Arme zitterten unter der Last. Niemand half ihnen, niemand rief ihnen etwas zu. Die Titanen sahen zu.

    Kronos blieb vor seinem Sitz stehen. Statt Raum zu schaffen, trat er nicht zurück. Er gab keine weitere Weisung. Sein Blick ruhte auf dem Platz zu seiner Rechten, den er selbst für Rhea bestimmt hatte. Vor ihm stand Rhea und wich keinen Schritt.

    Die Träger setzten den Stein zunächst zu früh ab. Ein dumpfer Schlag fuhr durch den Hof, und einer von ihnen fluchte leise. Koios hob sofort die Hand.

    „Weiter nach innen“, wies er an. „Nicht an den Rand. Auf Linie mit dem ersten.“

    Die Männer griffen wieder unter den Stein. Ihre Finger fanden kaum Halt an der rauen Kante. Sie hoben, schoben, ließen ihn wieder sinken. Der Sitz rückte um eine Handbreit, dann um eine zweite. Inzwischen trat Iapetos vor, maß mit den Augen den Abstand zwischen beiden Sitzen und nickte knapp.

    „So“, entschied er.

    Okeanos lachte nicht, doch seine Verachtung lag offen in seinem Gesicht. „Ihr richtet sauber aus.“

    Niemand antwortete ihm.

    Der neue Sitz stand nun fest auf dem Hof, dicht neben dem ersten, weder niedriger noch kleiner, nur später gesetzt. Die rechte Seite des Platzes war nicht mehr leer. Kronos hatte den Platz sichtbar ihr zugewiesen. Jeder dort verstand, was damit vollzogen wurde; kein Gedanke daran blieb verborgen.

    Rhea musterte den Sitz, dann hob sie den Kopf zu Kronos.

    Seine Augen ruhten bereits auf ihr. In seinem Gesicht lag nichts Weiches. Auch kein Zorn, der sich noch hätte steigern können. Er stand da, breit, unbewegt, mit einer Ruhe, die niemand beruhigte.

    „Du hast gesprochen“, sagte er.

    „Ja.“ Rhea hielt ihm stand.

    „Und du nimmst es nicht zurück.“

    „Nein.“

    Ein kurzer Wind strich über den Platz und trug Staub über den Stein. Gaia senkte den Blick auf den gesetzten Sitz, dann auf den ersten. Ihre Hände hingen offen an den Seiten. Sie blieb auf Abstand, ohne den Stein berühren zu können, doch sie stand so, dass jeder sie sehen konnte.

    Okeanos wandte sich nicht an Rhea, sondern an Kronos. „Du handelst schnell“, sagte er. „Schneller, je mehr unter dir offen bleibt.“

    Koios fuhr herum. „Genug.“

    „Nein“, erwiderte Okeanos.

    Scharf und ohne Zögern fiel das eine Wort.

    Er machte einen Schritt vor. Nicht weit. Doch weit genug, dass die Linie der Versammelten brach. Seine Augen blieben auf Kronos gerichtet. „Wenn dieser Platz etwas gelten soll, dann gilt auch, worauf er steht. Schweigen werde ich nicht, nur weil ihr einen zweiten Stein danebenstellt.“

    Iapetos’ Gesicht verhärtete sich. „Du widersprichst allem, was gesetzt werden muss.“

    „Ich widerspreche dem, was verdeckt werden soll.“

    Kronos sagte noch immer nichts. Seine rechte Hand hing nahe an der Sichel, ohne sie zu heben. Rhea bemerkte es; auch Gaia entging es nicht.

    „Es wird nichts verdeckt“, entgegnete Koios. „Es wird geordnet.“

    Ohne sich ganz zu ihm zu wenden, drehte Okeanos den Kopf nur halb. „Ordnung ist leicht, wenn andere dafür unten bleiben.“

    Stille fiel. Kein Diener regte sich. Die Träger des Sitzes standen noch immer da, atemlos, mit gesenkten Armen, als hätten sie nicht verstanden, ob ihre Arbeit beendet war.

    Rhea sprach, bevor Koios oder Iapetos wieder ansetzen konnten. „Ich habe meine Bedingung vor allen genannt. Darum steht dieser Sitz hier.“

    Nun wandte Okeanos sich zu ihr. In seinem Blick lag keine Bitte, nur härtere Enttäuschung. „Und das genügt dir?“

    „Nein“, sagte sie.

    Das traf tiefer als Widerspruch. Selbst Iapetos schwieg darauf.

    Rhea ging einen Schritt auf den neuen Sitz zu, blieb aber noch stehen. „Es reicht mir nicht“, sagte sie. „Aber ich verlange, dass, was hier geschieht, offen geschieht. Nicht später. Nicht hinter meinem Rücken. Nicht unter einem anderen Namen.“

    Okeanos’ Mund wurde schmal. „Und wenn der Name schon verdorben ist?“

    Kronos’ Blick schnitt zu ihm. „Sprich weiter.“

    „Du willst es hören?“ Okeanos stand fest. „Dann hör es. Dieser Sitz trägt nicht nur Rang. Er trägt auch, was an ihm hängt. Wer sich daneben setzt, sitzt nicht rein.“

    Gaia hob den Kopf. Nun trat ihre Stimme in den Hof, klar und ohne Hast. „Das ist wahr.“

    Alle wandten sich ihr zu. Auch er.

    Auch Kronos blieb ihr zugewandt, während Gaia nicht näher trat. Sie sprach von ihrem Platz aus. „Du schaffst keinen Frieden“, sagte sie zu Kronos. „Du bringst Last. Du stellst keinen freien Bund auf freien Grund. Was hier neben dir steht, steht neben deinem Werk.“

    Kronos’ Gesicht blieb hart. „Und doch steht es.“

    „Ja“, sagte Gaia. „Und darum soll jeder es sehen.“

    Rhea blickte zu Gaia. In diesen Worten lag kein Trost und keine Rettung. Nur Feststellung. Eine Schwere legte sich über den Hof, die nicht mehr fortzureden war.

    Koios stemmte sich gegen sie. „Jeder sieht es. Eben darum wird jetzt entschieden.“

    Iapetos trat an seine Seite. „Lange genug ist gesprochen worden.“

    Okeanos schüttelte den Kopf. Die Luft blieb kühl auf der Haut, und keiner der Träger rührte sich. „Gesprochen.“

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