Die Kinder der Schuld – Band 1

    Alexia Michailidou ·

    Die Kinder der Schuld – Band 1

    Chapitre 3 sur 10

    Chapitre 3

    Schnitt über der Isar

    Die Wohnungstür fiel hinter Mira zu, und in ihr riss etwas ab. Nicht nur das Gespräch in der Küche. Nicht nur Evas Stimme, nicht nur Konrads gehobene Hand, nicht nur der Biomüll unter der Spüle mit den vier Stücken des Formulars. Der enge Raum fiel hinter ihr zurück, und mit jedem Stockwerk im Treppenhaus wurde klarer, dass sie nicht bloß floh, sondern den Ort wechselte, den Zustand, die Frage. Drinnen hatten sie entschieden, was sie wissen durfte. Draußen wollte sie herausfinden, ob ihre Hand ihr noch gehorchte.

    Weder Jacke noch Mütze nahm sie richtig wahr, nur den Weg: Als die Haustür hinter ihr zufiel, lag vor ihr nur noch Gehweg, Kreuzung. Ihr Atem jagte, ohne dass sie lief. In ihrem Kopf stand Evas Ja, kurz und fest. Für mich nicht, hatte sie gesagt. Es hatte nichts geändert.

    Die Kälte draußen traf sie erst nach ein paar Straßen. Die Schultern zog sie hoch und lief weiter Richtung Isar. Autos rauschten vorbei. Ein Radfahrer klingelte, weil sie einen Schritt zu weit auf den Radweg geraten war. Zur Seite wich sie, murmelte etwas, ohne zu wissen, ob es eine Entschuldigung war.

    An den Umschlag auf dem Tisch dachte sie. An die aufgerissene Kante. An die amtlichen Kästchen auf dem Blatt. An den Moment, in dem sie verstanden hatte, dass beide längst hineingesehen und entschieden hatten. Wieder tauchte Bernd vor ihr auf. Seine Ruhe im Besucherraum. Sein Blick auf ihre Hand, der nicht überrascht gewesen war. Er hatte die Linie gesehen. Gefragt hatte er nicht, ob sie sie meinte. Er hatte gewusst, wovon sie sprach.

    Die linke Hand steckte sie in die Manteltasche und ließ die rechte draußen. Die Finger waren kalt, doch nicht taub, und gerade das machte sie nervös. Sie wollte fühlen. Sie wollte nicht aus Versehen etwas berühren, ohne es zu merken.

    Unten an den Isarauen wurde es ruhiger. Das Geräusch der Straße fiel hinter sie zurück. Ein paar Leute kamen ihr entgegen, mit Hunden, mit Bechern in der Hand, in Laufkleidung. Niemand sah sie länger an, und das half. Langsamer wurde sie. Zum ersten Mal seit der Küche konnte sie den Kiefer lockern.

    Bei einer Bank hielt sie an, dunkles Holz, Seitenteile aus Metall. Sie sah sich um. Zwei Frauen gingen weiter vorn nebeneinander und redeten. Ein Mann stand am Ufer und telefonierte, niemand achtete auf sie.

    Mira hob die rechte Hand, doch nur ansehen brachte nichts. Das wusste sie inzwischen. Die Linie war da, auch wenn sie nicht immer sofort hinsah. Leicht nach oben drehte sie die Handfläche. Selbst im grauen Licht konnte sie die dunkle Spur unter der Haut erkennen, die sich bis in den Zeigefinger zog. Im Zimmer bei Bernd hatte sie gehofft, es läge an der Scheibe, am Raum, an irgendetwas dort. Daran glaubte sie nicht mehr.

    Den Zeigefinger streckte sie aus und hielt ihn kurz vor das Metallteil der Bank, nur um zu prüfen, wie nah sie sich traute. Ihr Magen verkrampfte sich. Sie legte die Fingerkuppe an den kalten Rand.

    Nichts geschah sofort. Sie atmete aus. Hörte den eigenen Atem. Langsamer. Den Finger zog sie ein Stück über die Oberfläche. Ein feines, trockenes Geräusch. Sie riss die Hand zurück.

    Am Metall war eine helle Spur zu sehen. Schmal, kaum breiter als ihr Fingernagel. Weder Farbe noch Feuchtigkeit, nur eine Linie, die eben noch nicht da gewesen war. Mira trat einen halben Schritt zurück und blickte auf ihre Fingerkuppe. Unverändert. Weder Wunde noch Blut.

    Sie blickte wieder auf die Bank. Das Metall war nicht gebrochen. Nur angeritzt. Oder mehr als das. Näher trat sie heran und beugte sich vor. Die Spur war tiefer, als sie erst gedacht hatte. Sie fuhr nicht noch einmal darüber; das reichte.

    Nicht nur Glas, dachte sie. Auch nicht nur drinnen.

    Der Gedanke saß sofort schwer in ihrem Hals. Wenn ihre Hand selbst an Metall nicht stoppte, durfte sie niemanden anstoßen. Niemand durfte sie packen. Sie presste die Finger in die Handfläche, bis die Kälte brannte.

    Weiter lief sie, jetzt mit dem Gefühl, dass jede Oberfläche eine Frage war. Ein Mülleimer aus Blech, ein Zaunpfosten. Das Schloss an einem Gatter. Abstand hielt sie. Sie wollte testen und gleichzeitig nichts anfassen. Beides zugleich ging nicht. Genau das machte sie unruhig.

    An einem niedrigen Metallzaun am Weg hielt sie wieder an. Diesmal wartete sie länger, bis niemand direkt in ihrer Nähe war. Ein Kind lief voraus, rief nach seinem Vater, ein Hund zog an der Leine. Für einen Moment war es leer.

    Sie legte den Zeigefinger an den oberen Rand des Zauns. Kurz. Nur Druck, kein Ziehen. Als sie den Finger wegnahm, sah sie an der Stelle einen kleinen Einschnitt. Schärfer als an der Bank, sauber. Kein eingedrückter Rand. Getrennt.

    Mira schluckte. Bernds Warnung lag nicht mehr zwischen ihnen im Besucherraum. Sie lag hier am Weg, in ihrer Hand.

    Sie drehte sich um und eilte schneller. Weg von dort. Weiter weg von den Leuten, die ihr eben noch harmlos vorgekommen waren. Es war kein Gedanke mehr, der sich ordnen ließ. Es war eine Rechnung ohne Zahlen. Wenn Metall nachgab, was dann noch. Wenn sie stolperte, wenn sie irgendwo gegenkam, wenn jemand sie festhielt.

    Die Fußg

    Die Fußgängerbrücke lag vor ihr, leer genug, dass sie erst im nächsten Schritt begriff, warum sie überhaupt darauf zuging. Es gab keinen Spielplatz in der Nähe, keine Bänke direkt am Geländer, nur Beton, Metall, den Fluss darunter und einen Mann weit hinten mit einem Hund, der auf der anderen Seite entlanglief, ohne auf sie zu achten.

    Die rechte Hand zog Mira dicht an den Körper und spreizte die Finger nicht mehr. Den Zeigefinger hielt sie steif, damit er nichts streifte. Die linke Hand schob sie in die Jackentasche. So ging sie auf den Anfang der Brücke zu, den Blick nicht auf den Weg, sondern auf alles, was aus Metall war: Schrauben am Geländer, die Kante des Handlaufs, ein Schild an einem Pfosten. Viel anderes nahm sie nicht wahr.

    Der Streit von zu Hause saß ihr noch im Hals. Evas Gesicht, Konrads Stimme, das Formular in Fetzen, das alles war nicht weg. Es rückte nur weiter nach hinten, überdeckt von etwas Einfachem, das keinen Platz für anderes ließ: Sie durfte nicht ankommen, nichts berühren, keinen Fehler machen. Sie musste wissen, ob es nur an Papier gelegen hatte.

    Aus der anderen Richtung kam erst nur ein Geräusch: Reifen auf Beton, schnell, gleichmäßig. Mira hob den Kopf. Ein Radfahrer schoss am Beginn der Brücke zwischen den Pfosten hervor. Jung, vielleicht Student, dunkle Jacke, Rucksack, zu schnell für den schmalen Weg. Er bemerkte sie, senkte kurz den Kopf und fuhr weiter, in dieser Art, die schon entschieden hatte, dass es noch passte.

    Sofort wich Mira nach rechts aus und merkte den Fehler im selben Moment. Zu nah am Geländer. Sie riss die rechte Schulter zurück. Der Radfahrer zog links an ihr vorbei, dann doch nicht weit genug. Sein Lenker oder sein Arm streifte sie, nur ein harter Stoß an ihrem Oberarm, nicht einmal stark, aber genug, dass ihr Körper zur Seite kippte.

    Sie fing sich mit dem linken Fuß ab. Die rechte Hand fuhr hoch, reflexhaft, offen, der Zeigefinger voran.

    Er traf das Geländer, nicht fest, ohne Schlag, nur mit diesem einen Kontakt.

    Ein trockenes Knacken kam kurz und klar direkt unter ihrer Hand. Sie riss sie zurück, stolperte einen halben Schritt und starrte auf die Stelle. Der Radfahrer bremste erst zwei Meter weiter, drehte sich halb um und rief etwas, das sie nicht verstand. Vielleicht ein „Sorry“, vielleicht gar nichts. Sein Gesicht blieb nur ein Blick über die Schulter.

    Am Geländer fehlte ein Stück.

    Zuerst erkannte sie es nicht ganz. Ihr Blick sprang von der Hand zur Stange und wieder zurück. Dann begriff sie, dass die senkrechte Metallstrebe nicht verbogen war, keine Delle hatte. Sie war an einer Stelle einfach nicht mehr verbunden. Ein handbreites Stück, glatt an beiden Enden, kippte noch für einen Augenblick gegen den unteren Querholm und fiel dann.

    Es schlug mit einem hellen, harten Klirren auf den Beton.

    Der Laut ging über die Brücke und blieb nicht bei ihr. Mira zuckte zusammen, obwohl sie darauf gewartet hatte, seit sie das Knacken gehört hatte. Das Metallstück rollte ein kurzes Stück, stieß gegen ihre Schuhspitze und blieb liegen.

    Weiter vorne hielt der Radfahrer jetzt mit einem Fuß auf dem Boden. Er blickte zurück. Erst zu ihr, dann zu dem Geländer, dann wieder zu ihr. Sein Mund stand offen. Mira bekam keine Luft für einen Satz. Ihre rechte Hand hielt sie weit weg vom Körper, als gehöre sie nicht zu ihr.

    „Was—“, sagte er.

    Als Mira sofort einen Schritt zurücktrat, kam von ihm nichts mehr. Nicht wegen ihm. Wegen allem. Dem Stück am Boden. Der offenen Stelle im Geländer. Dem Abstand zwischen ihrem Finger und irgendeinem weiteren Gegenstand. Ihr Herz schlug so hart, dass sie das Knacken noch einmal zu hören meinte.

    Nicht nur Metall. Schon ein Streifen, ein Stoß, ein kurzer Kontakt. Das reichte.

    Auf der anderen Seite der Brücke blieb der Mann mit dem Hund stehen, während der Hund kurz an der Leine zog, und jemand am Uferweg blickte hoch. Aus dem Augenwinkel nahm Mira es wahr. Das reichte.

    Der Radfahrer setzte einen Schritt auf sie zu, langsam jetzt, mit dieser vorsichtigen Unsicherheit von jemandem, der noch nicht wusste, ob etwas kaputt oder jemand verletzt war. „Hey“, sagte er. „Alles okay?“

    Sie antwortete nicht. Ihre Kehle war zu eng. Sie hob nur die linke Hand, nicht zu ihm, eher vor sich, und wich noch einen Schritt zurück. Die rechte hielt sie abgespreizt, so weit wie möglich vom Geländer weg. Sie durfte ihn nicht anfassen. Nicht den Lenker, nicht seine Jacke, nicht seinen Arm, wenn er sie festhalten wollte.

    Ob er auf ihre Hand blickte oder auf ihr Gesicht, wusste sie nicht. „Ich hab dich nur—“

    Mira schüttelte den Kopf.

    Eine Stunde später stand die Brücke nicht mehr für Flucht, sondern für einen Einsatz. Am Ufer spannte eine Streife rot-weißes Band zwischen die Pfosten der Absperrgitter. Zwei Beamte hielten Passanten zurück, einer sprach mit dem Radfahrer und schrieb dabei in sein Notizgerät. Unter der Brücke blinkte das Licht eines städtischen Fahrzeugs. Auf dem Asphalt lag nichts mehr von dem Stück Metall.

    Zu diesem Zeitpunkt war Mira längst weg.

    Ohne sich umzudrehen, hatte sie den Weg durch die Auen genommen. Erst schnell, dann langsamer, weil ihr die Beine weich wurden. Sie blieb abseits der Bänke, abseits der Geländer, abseits von allem, woran Metall blank aus Holz oder Stein trat. Einmal stand sie zwischen zwei Weiden, presste die Lippen zusammen und hielt die rechte Hand vor sich, die Finger gespreizt. Die dunkle Linie unter der Haut war noch da. Vom Handgelenk aus zog sie sich bis in den Zeigefinger, schmal und nur dunkel. Sie drückte mit dem linken Daumen daneben, doch es tat nicht weh. Es verschwand nicht.

    An den Umschlag auf dem Tisch dachte sie. An Evas Hand darauf. An Konrad, der nicht gleich am Anfang gesagt hatte, worum es ging, sondern erst von Schule, dann von Fristen, dann von Folgen. Immer Folgen. Nie die Sache selbst. Unten in kleiner Druckschrift der Satz, der alles verändert hatte. Verpflichtende Risiko-Nachmeldung für Angehörige verurteilter Schwerverbrecher. Sie hatte den Satz noch vor sich, obwohl der Bogen inzwischen zerrissen war.

    Wegen des Formulars dachte sie das nicht allein. Wegen allem davor.

    Der JVA-Besuch, von dem Eva nichts hatte sagen wollen. Bernds ruhige Stimme. Sein Blick, der zu lange auf ihr geblieben war. Konrads Art, jedes Gespräch an den Punkt zu bringen, an dem sie nur noch reagieren konnte. Und jetzt das auf der Brücke, das Stück Metall, der Blick des Radfahrers, das „Hey“, obwohl sie selbst nicht wusste, wovor sie gerade zurückwich. Nicht vor der Brücke. Vor dem Gedanken, noch einmal jemandem nahe genug zu kommen, dass etwas an ihm nachgab.

    Sie setzte sich nicht. Sie hockte sich neben den Weg ins trockene Gras und hielt die Hände voneinander entfernt. Das Handy in ihrer Jackentasche vibrierte einmal, dann noch einmal. Sie zog es nicht heraus, vermutlich Eva oder Konrad. Vielleicht beide. Vielleicht auch eine Nachricht mit dieser glatten Härte, die Erwachsene benutzten, wenn sie sich zusammenrissen und dabei nur noch kälter klangen.

    Als das Vibrieren aufhörte, hörte sie den Fluss und irgendwo weiter hinten Stimmen. Sonst nichts. Langsam atmete sie durch den Mund aus und sah wieder auf ihren Finger. Die Linie war nicht neu. Nur klarer. Auf der Brücke hatte sie geglaubt, sie bewege sich. Jetzt war sie still. Das machte es nicht besser.

    Im Lagebüro des BEA roch es nach Kaffee, Druckerwärme und nassen Jacken. Auf dem linken Monitor lief das Stadtbild mit den eingespeisten Meldungen, rechts das Fallfenster. Sachbearbeiter Levin zog die Tastatur näher heran und las die Uhrzeiten noch einmal gegen die eingegangenen Vermerke. Schadensmeldung Brückengeländer, Polizeisperre veranlasst, dazu Zeugenhinweis Radfahrer. Technischer Prüfauftrag an Infrastruktur. Er klickte das Kamerasymbol an.

    Die Uferkamera zeigte den Brückenzugang in schräger Aufsicht. Graues Bild, Zeitstempel unten rechts. Levin spulte bis vor die erste Streifenmeldung zurück. Da war die Brücke noch frei. Ein Jogger, zwei Personen mit Hund, dann Mira. Dunkle Jacke, schneller Gang, Abstand zur Innenseite des Geländers. Hinter ihr der Radfahrer, langsamer werdend. Levin stoppte, setzte eine Marke, ließ die Sequenz weiterlaufen. Mira erreichte das andere Ende der Brücke. Der Radfahrer blieb später im Bild stehen. Danach verließen noch Menschen den Zugang von der Uferseite, aber im fraglichen Zeitfenster nur sie von der Brücke weg.

    „Nur eine Person raus vor der ersten Reaktion“, sagte er.

    Seine Vorgesetzte trat hinter ihn. „Bildqualität?“

    „Ausreichend für den Bewegungsablauf, nicht für Handdetails.“

    „Brauchen wir auch nicht. Verknüpfung?“, fragte sie, als Levin die Personenmaske öffnete. Name, Schule, Meldeadresse. Der Autohinweis sprang sofort auf. Angehörigenbezug nach Verurteilungstatbestand. Darunter ein gelber Marker: Risiko-Nachmeldung ausstehend. Trotz Zustellung an die Erziehungsberechtigten war sie nicht abgegeben worden. Ein weiterer Reiter zeigte protokollierte JVA-Besuche, drei Einträge in den letzten Monaten. Levin hielt einen Moment inne und las die Daten noch einmal. Minderjährige Besucherin, Begleitstatus uneinheitlich. Eintrag zwei ohne Familienangehörige im Begleitfeld.

    „Das ist dünn“, sagte er.

    „Einzeln ja.“

    Er klickte ins Lageprogramm. Das System setzte die Marker nebeneinander: verweigerte oder unterlassene Nachmeldung, Angehörigenbezug, JVA-Kontakte, aktuelles Ereignis an kritischer Infrastruktur, auffälliger Bewegungsablauf am Schadensort. Auf dem unteren Bildschirmrand liefen bereits externe Anfragen ein, erst von der Polizei, dann von der Stadt. Neben der Auflistung erschien die Einstufung nicht automatisch, sondern als Vorschlag: Musterprüfung empfohlen. Levin strich mit dem Finger über die Tischkante, dann öffnete er.

    Das Prüfmodul.

    Ein neues Fenster legte sich über das Kamerabild. Tabellen, Kästchen, Ampelfarben. Levin klickte die Uhrzeit des Brückenvorfalls in das erste Feld und übertrug die Kennung der Streifenmeldung. Darunter setzte er den Haken bei Angehörigenbezug, dann bei ausstehender Nachmeldung; als er in die Personenmaske sah, setzte er auch dort den Haken.

    „Schule?“, fragte die Vorgesetzte.

    In der Personenmaske standen Name, Geburtsdatum, Schulzuordnung. Die Schule lag nur wenige Straßen von der Meldeadresse entfernt. Als er den Reiter Einsatzoptionen anklickte, schlug das Programm abgestufte Maßnahmen vor: Gespräch mit Erziehungsberechtigten. Terminische Vorladung. Beobachtung. Niedrigschwellige Kontaktaufnahme im schulischen Umfeld.

    „Vorladung läuft über die Eltern und versandet“, erklärte die Vorgesetzte. „Wenn die Nachmeldung nach Zustellung noch offen ist, haben wir da keine verlässliche Schnittstelle.“

    Ohne sie anzusehen, nickte Levin. Am rechten Rand stand: Freigabe nur mit Zweitzeichnung. Er rief die Lageempfehlung auf. Ein Textbaustein füllte sich mit den Daten aus den Feldern: Minderjährige mit registriertem Angehörigenbezug, dokumentierten JVA-Kontakten und offenem Meldeverstoß; aktueller Bezug zu gemeldetem Schaden an kritischer Infrastruktur; Identifizierung am Ereignisort im relevanten Zeitfenster.

    Er löschte das Wort Identifizierung und ersetzte es durch Zuordnung.

    „Besser“, sagte er.

    Näher beugte sich die Vorgesetzte. „Kein Wertungswort. Nur, was wir tragen können.“

    Auch belastungsrelevant strich er und setzte registriert. Der Satz klang stumpfer. Er las ihn noch einmal. Die Vorgesetzte legte zwei Finger auf die Tischkante.

    „Interventionsstufe drei“, entschied sie.

    „Dafür ist es dünn.“

    „Für vier ja. Für drei nicht.“

    Im Raum klapperte irgendwo ein Drucker. Jemand lachte kurz auf der anderen Seite des Büros und verstummte wieder. Das Summen der Lüftung lag unter allem. Auf dem linken Monitor blinkte eine neue Meldung auf und schob sich in die Liste. Er ignorierte sie.

    „Was sagt die Schule?“, fragte er.

    „Automatik noch nicht raus. Erst nach Freigabe.“

    Er öffnete den Kommunikationsreiter. Die hinterlegte Kontaktstelle der Schule erschien mit Bereitschaftsfenster für Vorunterrichtslagen. Darunter stand: stiller Einsatz, kein offener Zugriff im Klassenverband, keine Maßnahme mit Publikumswirkung. Levin zog die Maus aus dem Feld und tippte mit dem Fingernagel gegen die Leertaste.

    „Minderjährig“, murmelte er.

    „Eben.“

    „Und wenn das an der Brücke nichts mit ihr zu tun hat?“

    Die Vorgesetzte antwortete nicht sofort. Ihr Blick blieb auf dem Standbild, auf dem Mira die Brücke verließ. Dunkle Jacke, Kopf gesenkt, der Radfahrer hinter ihr. Körniges Grau. Mehr nicht.

    „Vor Unterrichtsbeginn wird mit zwei Kräften und Schulkontakt gesprochen. Weder Flur noch Klasse, keine Handschellen, keine Sirene. Wenn nichts dran ist, geht sie in den Unterricht.“

    Mit einem kurzen Knacken lehnte sich der Stuhl zurück. Er kannte die Sätze. Er hatte sie selbst schon geschrieben. Sie hielten den Vorgang still, damit niemand im Gebäude mehr davon mitbekam als nötig.

    Auf dem linken Monitor sprang die Uhr um. In weniger als einer Stunde begann der Vorlauf der ersten Busse. Wenn sie die Schule vor Öffnung erreichten, blieb das Zeitfenster knapp. Levin griff nach dem Papierbecher neben der Tastatur. Der Kaffee war kalt. Er stellte ihn wieder ab.

    „Streife?“, fragte er.

    „Bereitstellung Nord zwei. Die sind nah genug.“

    Er klickte auf Kräftezuweisung. Während zwei Namen, ein Fahrzeug und der abrufbare Status erschienen, blieb daneben das Kästchen Schulkontakt informieren noch inaktiv. Darunter lag die Schaltfläche Freigabe anfordern. Grau, bis die Zweitzeichnung gesetzt war.

    Aus der Brusttasche nahm die Vorgesetzte ihre Dienstkarte, hielt sie an das Lesefeld und gab ihre Kennung ein. Das Programm setzte ihren Namen in die Zeile Freigabeprüfung. Obwohl Levins eigenes Feld bereits belegt war, wechselte die Schaltfläche von Grau zu Blau.

    Für einen Moment passierte nichts. In der Zeile mit der Nachmeldung stand: Zustellung an Erziehungsberechtigte bestätigt, Rücklauf offen. Das Datum lag nur wenige Tage zurück. Für eine Erinnerung reichte es, dachte er. Nicht zwingend genug für das hier.

    „Wenn die Eltern morgen anrufen und sagen, der Umschlag ist zerrissen worden, streichen wir nicht den Einsatz von heute Nacht“, sagte die Vorgesetzte, ohne seinen Blick zu suchen. „Wir arbeiten mit dem Stand jetzt.“

    Levin hob die Hand, ließ sie wieder sinken und klickte nicht.

    Mira saß noch immer im Gras, als es kälter wurde. Erst an den Knöcheln, dann in den Händen. Sie zog die Ärmel weiter über die Finger und merkte wieder das Handy in

    Der Stoff klebte leicht an der Handfläche. Sie zog das Handy heraus, drehte es mit zwei Fingern und sah erst das schwarze Display, dann ihr eigenes Gesicht darin, klein und dunkel. Als sie es entsperrte, erschienen die Symbole auf einmal. Vier verpasste Anrufe von Eva, einer kurz nach dem anderen. Darunter eine Nachricht der Schule mit der Bitte, sofort zurückzurufen. Vor Unterrichtsbeginn.

    Mehr stand nicht im Vorschaufenster. Mira tippte die Nachricht an. Der Text sprang auf, derselbe Satz, nur mit Namen darunter und einer Durchwahl. Kein Grund und kein Hinweis, worum es ging. Nur dringend, bitte sofort, vor Unterrichtsbeginn.

    Sie starrte auf die Nummer. Auf der Anrufliste erschien schon wieder Evas Name, während das Display offen war. Das Gerät vibrierte in ihrer Hand. Ihr Daumen lag über dem grünen Feld, reglos. Sie ließ es ausklingeln.

    Im Lagebüro stand auf Levins rechtem Monitor der Einsatzsatz offen. Namen, Uhrzeiten, Verknüpfungen, darunter das Feld für den Schulkontakt, darüber die zugewiesene Bereitstellung Nord zwei. Status abrufbar. Noch nicht alarmiert.

    Noch einmal ging er die Zeilen durch, obwohl sich nichts geändert hatte: Kamerabild und Zeitfenster, Streifenmeldung zur beschädigten Brücke. Angehörigenbezug. Offene Nachmeldung. JVA-Kontakte dokumentiert. Es waren dieselben Punkte wie vor zwanzig Minuten. Nur die Uhr war weitergelaufen.

    Die Vorgesetzte hatte sich einen halben Schritt vom Tisch zurückgezogen. In seiner Nähe blieb sie dennoch, nah genug, dass er den Geruch ihres kalten Zigarettenrauchs noch wahrnahm. Sie sagte nichts. Sie wartete.

    Levin setzte den Cursor auf das blaue Feld. Freigabe anfordern stand nicht mehr dort. Jetzt nur noch: Freigeben.

    Auf dem anderen Monitor blinkte eine eingehende Rückmeldung von der Funkseite auf, irgendein anderer Vorgang, keine Priorität für ihn. Er klickte sie ungelesen weg. Seine Schulter spannte sich, der Druck kam nicht aus dem Fall, sondern von der Stelle, an der er saß. Wenn er noch länger wartete, wurde aus dem stillen Zugriff ein später Zugriff. Das Mädchen stand zwischen den ersten Schülern, dem Hausmeister, der offenen Tür und Fragen, die dort niemand brauchen konnte. Und wenn sie nicht stehenblieb, lief der Zugriff durch einen vollen Schulhof.

    „Vor dem ersten Klingeln“, sagte die Vorgesetzte.

    Er nickte nur.

    Über die Wiese hinweg glitt Miras Blick zurück zum Weg. Von hier aus hätte sie in zehn Minuten an der Bushaltestelle sein können, wenn sie sich beeilte. Nach Hause dauerte es länger. Zur Schule auch. Sie rechnete nicht weiter, weil die Wege sich sofort mit Stimmen füllten. Eva in der Küche, Konrad im Flur, der Umschlag auf dem Tisch. Dieses „wir wollten erst schauen“, dieses „das war noch nicht für dich“. Dieses „wir regeln das“. Nicht der Streit selbst drängte noch nach. Es war die Art, wie sie über sie hinweg entschieden hatten.

    Das Handy vibrierte wieder.

    Diesmal hob sie es ans Ohr, noch bevor sie darüber nachdenken konnte.

    „Ja.“

    Evas Atem war zuerst da. Dann ihre Stimme, zu schnell, zu fest. „Mira. Endlich. Wo bist du?“

    Mira nahm das Handy einen Fingerbreit vom Ohr weg und setzte es wieder an. „Warum rufst du so oft an?“

    „Weil die Schule angerufen hat.“

    Natürlich, dachte sie. Natürlich nicht erst jetzt. „Was wollen die?“

    Eine kurze Pause, zu kurz, um ehrlich zu sein. „Sie sagen, du sollst vor Unterrichtsbeginn dort sein. Oder dich sofort melden. Ich hab gesagt, ich erreiche dich.“

    „Du hast mit der Schule gesprochen.“

    „Ja, natürlich habe ich mit ihnen gesprochen.“

    Mira drückte die Lippen zusammen. Im Gras vor ihrem Schuh lag ein Kronkorken. Ihr Blick blieb daran hängen, und sie zog den Fuß zurück, ohne ihn zu berühren.

    „Warum?“

    „Weil sie bei uns angerufen haben, Mira. Weil es dringend klang.“

    „Und was genau ist dringend?“

    „Das haben sie nicht am Telefon gesagt.“

    Mira glaubte ihr nicht. Vielleicht log Eva nicht ganz. Vielleicht nur an der Stelle, an der es zählte. Das war schlimmer. „Und deshalb rufst du mich fünfmal an.“

    „Du gehst jetzt nicht einfach irgendwohin. Hörst du? Du gehst entweder direkt zur Schule oder du kommst sofort nach Hause.“

    Da war es: keine Sorge zuerst, keine Frage, sondern Reihenfolge, Weg, Entscheidung.

    Mira stand auf. Das Blut sackte aus den Beinen, und für einen Moment wurde ihr kurz flau. „Ich komme nicht nach Hause.“

    „Mira.“

    „Nein.“

    „Du weißt gar nicht, worum es geht.“

    Mira sah zum Weg, auf dem in wenigen Minuten die ersten Schüler auftauchen würden. Wenn die Schule sie vor allen anderen dort haben wollte, hatte das nichts mehr mit einer Nachfrage zu tun. „Du auch nicht, oder?“

    Am anderen Ende entstand Stille, und Mira hörte darin das Einziehen von Luft. Eva sprach leiser, aber nicht ruhiger. „Ich weiß genug. Ich weiß, dass die Schule dich sofort sprechen will. Ich weiß, dass seit Tagen Sachen laufen, bei denen du nicht einfach—“

    Sie brach ab.

    Mira drehte sich vom Weg weg und blickte auf den Fluss; nichts davon kam bei ihr an. „Bei denen ich nicht einfach was?“

    „Verschwinden kannst.“

    Im Lagebüro legte Levin die Finger auf die Maus und klickte.

    Dann verschwand das Blau, eine kurze Sanduhr erschien, und die Zeile sprang um. Einsatz freigegeben. Bereitstellung Nord zwei erhielt automatisch die Meldung.

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