Chapitre 4
Präventionsschutz
Zwanzig Minuten später stand Mira vor dem Schultor, das Handy noch in der Jackentasche, Evas letzte Worte im Kopf und der kalte Druck der dringenden Nachricht der Schule unter allem, was sie dachte. Der Fluss, die Bank, das Telefonat lagen hinter ihr. Über dem nassen Asphalt hing Morgenlärm: Stimmen, Rucksäcke, das Quietschen der Busse an der Haltestelle. Evas Satz saß ihr noch im Magen. Der Schnitt im Metall blitzte wieder auf, so sauber, dass ihr die Finger in der Tasche gegen den Stoff pressten. Sie durfte niemanden berühren. Und mitten darin ließ dieser eine Gedanke nicht nach: Man hatte sie nicht herbestellt, um mit jemandem zu reden. Man hatte sie bestellt, damit man sie griff.
Vor dem Eingang blieb sie einen Schritt stehen und musterte nicht zuerst die Gesichter, sondern die Stellung der Körper. Zwei Männer, keine Lehrer, keine Eltern, zu ruhig, zu früh, zu wenig zufällig. Einer stand näher am Tor, der andere etwas dahinter, so, dass der Weg nach innen schmal wurde. Neben der Glastür wartete Frau Neumann aus dem Sekretariat, die Hände vor dem Bauch gefaltet, den Blick unnatürlich fest auf den Boden gerichtet. Als Mira näher kam, hob sie den Kopf nur kurz.
„Mira“, begann sie. „Gut, dass du da bist. Du sollst bitte kurz—“
Schon an ihr vorbei blickte Mira. Der Mann am Tor zog etwas aus der Jacke, klappte es auf und hielt es auf Brusthöhe: Ausweis, das Kürzel reichte. BEA.
In ihr zog sich alles zusammen.
Sie blieb stehen. „Nein.“
Einen halben Schritt trat der Mann mit dem Ausweis vor. Vielleicht war er Anfang vierzig, rasiert, mit sachlicher Stimme. „Mira Hartmann? Mein Name ist Seidel, Bundesamt für Expositionsaufsicht. Das ist mein Kollege Brandt. Wir begleiten dich jetzt.“
„Wohin?“
„Das erklären wir unterwegs.“
„Nein.“
Er ließ den Ausweis sinken. „Es liegt eine anlassbezogene Mitnahme in Präventionsschutz vor.“
Das Wort traf sie sofort, nicht wegen des Inhalts, sondern wegen des Tons. Fertig, vorbereitet, beschlossen. So hatten sie auch zu Hause gesprochen, nur vorsichtiger. Von Nachmeldung, Angehörigen und Formularen. Immer stand schon fest, was mit ihr geschah, bevor jemand ihr etwas sagte.
„Von wem?“, fragte Mira. „Wer hat das veranlasst? Die Schule? Meine Mutter?“
Frau Neumann machte eine kleine Bewegung mit den Händen. „Bitte. Das ist nicht der Ort.“
„Doch.“ Ihre Stimme war lauter geworden. Ein paar Schüler drehten sich um. Zwei Siebtklässler blieben stehen, obwohl der Aufsicht führende Lehrer ihnen etwas zurief. „Doch, genau das ist der Ort, wenn ihr mich hier vor allen abfangt.“
Ohne ein Wort beobachtete der zweite Mann, Brandt, sie. Größer, breite Schultern, die Hände offen, aber bereit. So stand kein Lehrer da, keine Sekretärin. Niemand von der Schule stellte sich so hin, wenn es nur um ein Gespräch ging.
Seidel blieb im gleichen Ton. „Du musst jetzt mitkommen. Freiwillig ist für alle Beteiligten leichter.“
Unter der Haut ihrer Hand zeichnete sich die dunkle Linie ab, noch bevor sie hinsah. Sie schlug die Finger fester um das Handy. Jetzt nicht, hier nicht. Sie steckte die Hand in die Tasche und drückte den Stoff dagegen.
„Ich gehe in den Unterricht“, erklärte sie.
„Nein“, erwiderte Seidel.
Nur das eine Wort, ohne jedes Bitte mehr.
Frau Neumann wandte den Blick ab. Damit verschwand auch sie, nicht körperlich, aber doch.
Mira machte einen Schritt zur Seite, auf die Lücke zwischen Torpfosten und Brandt zu. Brandt schob sich sofort in den Weg, nicht grob, nur genau so, dass sie anhalten musste.
„Lass mich durch.“
„Wir wollen das ohne Zwang lösen“, sagte Seidel.
Sie setzte wieder an, an Brandt vorbeizukommen, diesmal schneller. Der Gedanke schlug nur einmal in ihr auf: Abstand halten. Nicht anfassen lassen. Da kam die Hand.
Sie griff nicht an den Hals, nicht grob, nicht einmal fest, nur an den Oberarm, in einem offiziellen, geübten, sofortigen Griff. Genau das machte ihn unerträglich.
Mira reagierte, bevor sie dachte. Sie riss
Sie riss den Arm zurück und fuhr mit dem Ellbogen nach hinten.
Es ging schnell, ein kurzes Stocken, Stoff gab nach. Ein scharfes Geräusch, klein und sauber, nicht laut, aber nah genug, dass sie es hörte.
Als Brandt die Hand wegzog, verstand für einen Moment niemand etwas, nicht einmal sie.
Ihr Blick fiel auf den aufgeschlitzten Ärmel.
Der Schnitt lief quer über den Unterarm der Jacke. Darunter öffnete sich die Haut. Flach, aber eindeutig. Blut trat aus, erst in einer schmalen roten Linie, dann breiter.
Jemand stieß Luft aus, vom Fahrradständer kam ein zweites Geräusch. Metall schlug gegen Metall.
Mira stand noch halb eingedreht da, den Rucksackriemen in der Faust, und sah auf Brandts Arm. Sie hatte ihn nicht berührt, jedenfalls nicht so. Sie hatte nur den Griff abgeschüttelt, mit dem Ellbogen. Mehr nicht.
Brandt machte einen Schritt zurück. Seine andere Hand ging sofort an den Unterarm. Er drückte zu. Sein Gesicht blieb hart, doch die Spannung darin wirkte neu.
Seidel trat schon zu ihm. „Zurück“, rief er, ohne Mira anzusehen. Schärfer wurde seine Stimme: „Alle zurück.“
Die Stimmen am Tor brachen nicht ab, sie kippten nur. Das Wort Blut fiel irgendwo. Ein Junge sagte ihren Namen. Frau Neumann hatte beide Hände vor dem Mund.
Wieder glitt Miras Blick zu ihrem eigenen Arm, doch dort war nichts.
Langsam drehte sie die Hand. Die dunkle Linie lag noch immer unter der Haut, unter der Handfläche, in den Finger hinein, zu deutlich, zu ruhig. Sie wusste jetzt, dass Nähe reichte. Ein Griff, eine falsche Bewegung, und es sprang über. Die Haut blieb unversehrt, obwohl nichts Sichtbares erklärte, was gerade passiert war.
Ihr Bauch zog sich zusammen.
Jetzt, dachte sie, würden sie es so sehen. Vor all den Leuten würden sie es nicht als Abwehr oder Reflex lesen. Er griff sie an, sie reagierte, und am Ende stand Blut auf seiner Jacke. Mehr würde nicht bleiben, während Seidel das Dienstgerät an den Mund hob.
Seine Stimme wurde flach und schnell, als er sprach: „Vorfall am Südtor, Ludwig-Hoffmann-Gymnasium. Sofortige Unterstützung erforderlich. Eine Person im Zugriff verweigert Mitnahme. Ein Mitarbeiter verletzt.“ Eine Pause. „Ja. Männlich, Unterarm, offen. Schick Sanität mit.“
Im Zugriff.
Das Wort traf sie härter als der Griff eben.
„Ich habe nichts gemacht“, stieß Mira hervor.
Brandt blickte kurz zu ihr hin. Sein Gesicht zeigte weder Zorn noch Überraschung, nur dieses feste Registrieren. Er sah sie an, als hätte sich etwas bestätigt, das schon vorher auf einem Formular gestanden hatte.
„Mira“, sagte Seidel, ohne das Gerät zu senken, „bleib stehen.“
Sie machte einen Schritt zurück.
Sie durfte niemanden mehr an sich heranlassen. Nur Abstand. Nur weg von Händen.
Brandt richtete sich sofort wieder auf, obwohl seine Hand noch auf dem Arm lag. Er ging nicht auf sie los, sondern hielt sich nur bereit. Fast war das schlimmer. Alles an ihnen blieb kontrolliert. Sie wirkte als Einzige nicht kontrolliert.
Hinter ihr drängten Schüler am Tor vorbei, langsamer jetzt, aber nicht schnell genug, um Abstand zu schaffen. Blicke lagen auf ihrem Rücken, auf ihrem Gesicht, auf ihrer Hand.
„Ich habe nur—“ Sie brach ab.
Die dunkle Linie lag still unter ihrer Haut.
Frau Neumann fand endlich ihre Stimme. „Mira, bitte. Bleib einfach stehen. Können wir—“
„Können wir was?“ Mira hörte sich selbst und wusste, wie es klang. Zu laut, zu hoch. „Mich mitnehmen? Ohne irgendetwas zu zeigen? Vor allen?“
„Es geht um deinen Schutz“, erwiderte Seidel.
Sie lachte kurz. Es kam hart heraus und war sofort wieder vorbei. „Natürlich.“
Wieder sprach Seidel in das Gerät, leiser diesmal. „Person weiter ansprechbar. Hohe Anspannung. Abstand sichern.“
Abstand. Das Wort blieb hängen. Wenigstens das begriffen sie.
Mira sah zum Tor, zur Straße dahinter, zum nassen Asphalt, auf dem sich Schuhe und Reifen vorbeischoben. Wenn sie blieb, kamen noch mehr. Wenn sie blieb, würden sie sie einkreisen, ruhig, offiziell, vor der Schule, und später würde jeder sagen, es sei notwendig gewesen.
Noch einmal glitt ihr Blick zu Brandts Arm. Das Blut drang durch seine Finger.
Sie hatte nicht nur ihn verletzt. Alle hatten es gesehen.
„Mira.“ Seidel steckte das Gerät nicht weg. „Letzte Aufforderung. Bleib, wo du bist.“
Sie schüttelte den Kopf. Nur einmal. Nicht für ihn. Für sich.
Später, weit weg vom Schultor des Ludwig-Hoffmann-Gymnasiums, saß Mira auf dem Rücksitz eines fremden Wagens und hielt den Atem flach. Zwischen dort und hier lagen mehrere Straßen, zwei abrupte Richtungswechsel und Minuten, die sich nicht mehr sauber ordnen ließen. Der Bruch war vollständig: Schule, Tor, Frau Neumann, Brandts blutender Arm, Seidels Stimme im Funk, Abstand sichern. Das alles lag hinter ihr, aber es hatte sie nicht losgelassen.
Seit drei Ampeln sagte der Fahrer nichts mehr. Er war vielleicht Mitte fünfzig, trug eine dunkle Jacke und hielt das Lenkrad zu fest. Er hatte sie an einer Seitenstraße einsteigen lassen, nachdem sie die Tür aufgerissen und nur gesagt hatte: „Fahren. Bitte sofort.“ Einmal hatte er gefragt, ob etwas passiert sei. Sie hatte nicht geantwortet. Seitdem fuhr er nur noch.
Mira saß schräg, den Rucksack zwischen den Knien. Bei jedem Halt hob sie den Kopf, sah Kreuzungen, Bushaltestellen, Menschen mit Taschen, einen Lieferwagen, zwei Radfahrer. Nichts davon war neutral. Jeder Streifenwagen konnte auftauchen. Jede Person am Straßenrand konnte auf ein Handy sehen und ihr Gesicht erkennen.
Ihr eigenes Handy vibrierte wieder.
Sie fuhr zusammen, zog es aus der Jackentasche und sah auf das Display. Eva, wieder. Darüber die Mitteilungen der Schule. Eine neue Nachricht schob sich in die Liste. Dringend. Bitte um sofortige Rückmeldung. Sie starrte auf die Wörter, ohne sie ganz zu lesen.
Vier verpasste Anrufe waren es vorhin gewesen. Eva machte weiter. Sie hörte nicht auf, wartete nicht, schrieb nicht einmal eine Nachricht, die einfach nur fragte, ob Mira in Sicherheit war. Immer nur zugreifen. Immer nur dorthin ziehen, wo andere schon standen.
Den Ton stellte sie aus, doch das Vibrieren blieb.
Vorn sprang das Radio an. Der Fahrer zuckte kurz zusammen und drehte leiser, aber nicht ganz aus. Eine Sprecherin las in diesem glatten Tonfall Meldungen: Verkehr, Stau auf dem Mittleren Ring, Polizeieinsatz im Süden der Stadt. Verletzte Einsatzkraft. Flüchtige Jugendliche. Hinweise aus der Bevölkerung würden entgegengenommen. Im Zusammenhang mit einem Schutzfall.
Langsam hob Mira den Blick.
Der Fahrer sah im Rückspiegel zu ihr. Zu lange.
„Bist du—“, begann er.
„Nein“, sagte Mira sofort.
Er schwieg.
Das Wort Schutzfall blieb hängen. Sie war keine Schülerin mehr, nicht einfach jemand, der weggelaufen war. Schutzfall, etwas, das verwaltet wurde. Etwas, über das andere entschieden.
So fest drückte sie das Handy, dass die Kanten in ihre Hand schnitten. Eva rief wieder an. Der Name leuchtete auf, verschwand, kam erneut.
Wenn Eva warnen wollte, hätte sie früher die Wahrheit sagen können. Wenn Eva helfen wollte, hätte sie nicht geschwiegen. Wenn Eva nichts wusste, rief sie trotzdem in das Netz hinein, das sich längst um Mira zuzog.
„Ich muss hier raus“, sagte Mira.
„Hier kann ich nicht halten“, erwiderte der Fahrer schnell. „Da vorne vielleicht.“
Sie sah hinaus. Mehrspurige Straße. Rechts eine Reihe Geschäfte, links eine Böschung mit Zaun. Zu offen. Zu viele Sichtachsen.
„Sofort.“
„Mädchen, beruhig dich. Ich fahr gleich rechts ran.“
Er sagte Mädchen, sagte, sie solle sich beruhigen, und seine Hände saßen noch fester am Lenkrad. Sein Blick sprang wieder in den Spiegel, als suche er etwas in ihrem Gesicht. Angst. Bestätigung. Wiedererkennen.
Erneut vibrierte das Handy.
Einen Moment hielt Mira es in der Luft und drückte lange auf den Knopf, bis der Bildschirm schwarz wurde. Das Klingeln verstummte, die Nachrichten waren weg. Kein Ort ließ sich mehr orten, kein Zugriff. Das tote Display spiegelte kurz ihr eigenes Gesicht und verschwand dann in ihrer Faust.
Vorn lief die Meldung weiter, Hinweise, Einsatzraum. Die Sprecherin nannte keine Schule, aber Mira hörte das Tor trotzdem wieder. Seidels Stimme. Abstand sichern.
Der Wagen verlangsamte sich nicht.
„Rechts ran“, sagte sie.
„Ich such was“, entgegnete der Mann. Jetzt klang er gereizt. „Du kannst nicht einfach—“
Mira beugte sich vor. „Rechts. Ran.“
Er drehte den Kopf halb zu ihr, nicht ganz. „Wenn das mit dir zu tun hat, dann fahr ich direkt zur—“
Sie streckte die Hand nach vorn, vorbei an seinem Sitz, und setzte den Zeigefinger an die innere Kante der hinteren Tür. Mit einem kurzen Druck zog sie den Finger über das Material.
Das Geräusch kam sofort. Statt eines Reißens von Stoff oder Kratzens kam ein scharfes, hartes Aufgehen von Metall. Der Wagen ruckte leicht. Der Fahrer stieß einen Laut aus und riss das Lenkrad fest.
„Was zum Teufel—“
Ein heller Schnitt lief durch die Türverkleidung bis nach vorn ins Blech. Kalte Luft zog hinein.
Der Mann bremste hart und zog den Wagen an den Rand. Nicht ordentlich, nicht sauber, nur aus dem Fluss. Ein Hupen hinter ihnen, dann noch eins.
Mira war schon an der Tür. Sie drückte sie auf, sprang hinaus und lief, bevor der Mann etwas greifen oder rufen konnte.
„He!“, schrie er hinter ihr. „Bist du verrückt?“
Zwei Schritte auf dem Gehweg, dann schnitt sie nach links zwischen parkende Lieferwagen, duckte sich an einer offenen Einfahrt vorbei und zog die Kapuze tiefer, obwohl sie keine trug. Erst da merkte sie es. Ihre Hand fuhr an den nackten Nacken, an die Haare, an die Seite des Gesichts. Es gab keinen Stoff, nichts, womit sie sich kleiner machen konnte.
Hinter ihr schlug eine Autotür, während der Mann noch etwas rief. Die Worte gingen im Straßenlärm unter. Reifen quietschten kurz, dann nur noch Straßenlärm, eine Sirene weit weg, das Brummen einer Kreuzung.
Langsamer, zwang sie sich, weil Rennen auffiel und Stehenbleiben auch. Sie ging schnell, mit gesenktem Kopf, vorbei an einem Bäcker mit drei Leuten vor der Tür, an einem Kiosk, vor dem Zeitungen in Klammern hingen, an einem Schaufenster, in dem Jacken auf glatten, weißen Körpern standen.
Im Glas zeigte sich ihr Gesicht nur einen Moment: blasse Stirn, Haare am Gesicht fest, ein dunkler Fleck an der Wange. Blut. Sie blieb nicht stehen, aber ihr Blick rutschte tiefer.
An der rechten Hand zog sich über den Handrücken eine schmale, dunkle Linie. Sie war weder aufgemalt noch Schmutz. Sie lag in der Haut und gleichzeitig nicht. Sie begann unter dem Zeigefingerknöchel und lief schräg zur Innenseite des Handgelenks. An einer Stelle saß noch Blut daran, frisch genug, um nicht ganz getrocknet zu sein.
Sofort zog sie die Hand an sich, und das Waschbecken fiel ihr ein. Weißes Porzellan. Das dünne Dunkel darin, nach dem Nasenbluten. Sie hatte es damals angestarrt, bis Eva gegen die Tür geklopft hatte. Sie hatte gewischt. Es war trotzdem in ihrem Kopf geblieben.
Ein Mann kam ihr entgegen, telefonierend, der Blick schon an ihr vorbei. Mira wich zu weit aus, stieß mit der Schulter gegen ein Haltegitter am Rand einer Baustelle, und im selben Moment lag Metall an ihren Fingern.
Rasch riss sie die Hand weg, ein sauberes, helles Geräusch hinterher.
Umgedreht stand sie vor dem lackierten Gitter. Darin war ein schmaler Schnitt, knapp eine Handbreit lang. Das Metall war weder verbogen noch verkratzt, sondern sah geöffnet aus.
Mira trat zurück.
Kurz sah der Mann mit dem Telefon hin, aber nicht auf das Gitter. Auf sie. Nur ein genervter Blick, weil sie im Weg stand. Dann ging er weiter.
Gegen den Bauch presste sie die rechte Hand und schob sie unter den Saum ihres Pullovers, fest gegen den Stoff, damit nichts sie streifte. Ihr Atem ging zu schnell. Hier ging es nicht, nirgends zwischen Geländern, Türen, Haltestangen, Automaten, schon gar nicht zwischen Menschen, die stehen blieben, wenn etwas passierte.
Vor ihr lag die Straße offen bis zur nächsten Kreuzung. Rechts fuhr eine Tram ein, das Quietschen in der Kurve, dann die Lautsprecherstimme, gedämpft und blechern. Zu viele Leute, dachte sie sofort, zu viele Blicke, zu viele Kameras. Stockender Fahrgastfluss. Uniformen an Haltestellen. Sie musste es nicht sehen, um es zu wissen. Das Wort aus der Meldung saß noch in ihr.
Flüchtige Jugendliche, und dann das andere.
Hinweise aus der Bevölkerung.
Jeder konnte schauen. Jeder konnte kurz zögern und dann doch etwas sagen. Mädchen, sechzehn, allein, Blut im Gesicht, nervös. Es reichte.
Weg von den Schienen bog sie nach links ab, in eine Seitenstraße mit Hintereingängen, Mülltonnen, Lieferzonen. Hier roch es nach nassem Karton und altem Fett. Der Wind kühlte den Schweiß an ihrem Nacken. Ein Transporter stand mit offener Hecktür halb auf dem Gehweg. Zwei Männer luden Kisten ab und redeten über irgendeinen Schlüssel. Mira senkte den Kopf noch weiter und ging an der Hauswand entlang.
Nicht nach Hause, der Satz stand fest.
Eva hatte angerufen und wieder angerufen. Nicht, weil sie wusste, wie es Mira ging. Nicht, weil sie sie finden und verstecken würde. Weil überall längst etwas lief. Weil andere neben ihr standen oder gleich neben ihr stehen konnten. Weil jede Rückmeldung bedeutete: Hier ist sie.
Nicht zur Schule.
Der Eingang, Brandts Hand an ihrem Arm, das Ziehen, die Stimmen, die Leute, die zu spät begriffen oder gar nicht. Verloren. Fertig.
Weder in Busse noch in Trams oder Bahnhöfe.
Sie brauchte einen Ort, an dem niemand etwas von ihr wollte. Keinen Ort, an dem man wartete. Keinen Ort mit Schranken und Durchsagen. Am Rand, wo Menschen nur kurz blieben und wieder gingen.
Die Straße machte einen Knick und führte unter einer breiten Zufahrt hindurch. Dahinter lag ein flacher Komplex aus Beton mit Läden im Erdgeschoss, die schon schlossen oder nie richtig offen aussahen. Darüber zog sich ein Parkdeck hoch, mehrere Ebenen, graue Brüstungen, Einfahrt mit blinkender Anzeige. Zwei Pfeile. FREI in grünen Segmenten.
Im Schatten der Zufahrt blieb sie stehen und blickte hinauf.
Autos kamen, Autos gingen. Niemand achtete auf Fußgänger, solange sie nicht vor die Schranke liefen. An der Seite führte ein schmaler Zugang nach oben.
An der Seite führte ein schmaler Treppenzugang nach oben, halb offen, halb hinter einer Betonwand versteckt. Daneben ein Rollgitter, nicht ganz heruntergelassen. Ein gelber Aufkleber klebte schief am Metall: Nur für Personal. Zugang verboten.
Bis ein Wagen an der Schranke piepte und hochfuhr, wartete Mira. Das Geräusch zog den Blick des Pförtners nach vorn, falls dort überhaupt einer saß. An der Wand entlang duckte sie sich, schob sich durch den Spalt neben dem Gitter und stand im kalten Geruch von Beton, Staub und altem Öl.
Drinnen war es dunkler. Das Summen der Leuchtstoffröhre über dem Treppenabsatz ging in ein unregelmäßiges Flackern über. Als sie stehen blieb, hörte sie über sich Reifen auf Beton. Ein Türenschlagen, dem Schritte folgten, weit weg, dann wieder Stille.
Besser als draußen.
Kurz zog sie die rechte Hand an sich. Die schmale Verletzung an der Seite der Handfläche hatte wieder zu nässen begonnen. Es war nicht viel, trotzdem genug. Sie wischte die Hand an der Innenseite ihrer Jacke ab und bereute es sofort. Ein dunkler Fleck. Noch etwas, das auffiel.
Unter den linken Arm geklemmt, stieg sie die ersten Stufen hoch. Langsam, dicht an der Innenwand. Nicht mitten auf der Treppe, wo man von oben direkt hinuntersehen konnte.
Nach dem ersten Absatz hielt sie erneut an. Irgendwo über ihr drangen gedämpfte Männerstimmen herab, nicht zuzuordnen. Zuerst keine Worte, nur dieses unklare Hin und Her, das sofort bedeutete, dass sie nicht allein war. Ein Satzfetzen kam durch, irgendetwas mit Tor. Kurz darauf Lachen, gleich wieder weg.
Rückwärts trat sie einen halben Schritt zurück und blickte nach unten. Zurück zur Straße hieß zurück unter die Zufahrt, zurück in offene Sicht. Vielleicht lief dort schon jemand vorbei und bemerkte sie im Seiteneingang. Vielleicht stand gleich jemand an der Schranke und fragte.
Sie blieb.
Von unten drang das Rollen eines Motors herein. Leise und langsam. Sie ging bis an die Betonkante des Zwischenpodests und spähte durch den schmalen Schlitz zur Einfahrt. Ein dunkler Wagen zog an die Schranke heran. Auf der Seite, nah an der Tür, stand eine Kennung: drei Buchstaben.
BEA.
Ihr Atem stockte.
Wer darin saß, blieb hinter der spiegelnden Frontscheibe verborgen. Der Wagen stand nur einen Moment still, dann hob sich die Schranke. Er fuhr hinein.
Sofort duckte sie sich zurück, presste den Rücken gegen die Wand und hielt den Atem an, obwohl niemand sie von unten sehen konnte, wenn er nicht gezielt heraufsah. Das reichte nicht; die Buchstaben reichten, und die Straße war keine Option. Raus erst recht nicht.
Über ihr bewegte sich etwas. Jetzt deutlicher, näher an der Treppe: Schritte. Einer sagte etwas, das sie nicht verstand. Ein anderer antwortete mit einem kurzen, genervten Ton. Wieder dieses Metallgeräusch, hart und hohl, von irgendwo seitlich. Ein Tor, dachte sie, oder eine Tür, doch weiter musste sie. Hoch oder tiefer hinein. Nur nicht hier auf dem Absatz.
Am nächsten Treppenlauf stand rechts ein abgesperrter Bereich mit einem Metallhandlauf, der an einer Sperre endete, die schräg in den Weg ragte. Dahinter führte ein schmaler Gang weiter ins Innere der Ebene. Eher einer, den man für Reinigungswagen oder Technik benutzte. Gerade deshalb.
Mira griff nach dem Handlauf, um sich schnell herumzuziehen, und merkte den Schnitt erst, als das Metall an ihrer Haut hängen blieb.
Sie riss die Hand weg, und ein scharfer Schmerz schoss bis ins Handgelenk. Nicht tief, aber sauber. Die Kante am Ende der Sperre war aufgebogen, blank gescheuert, und an der Stelle, an der sie sie gestreift hatte, blieb sofort ein roter Strich.
„Scheiße“, sagte sie leise.
Der angerissene Metallsteg schwang zurück und schlug gegen die Halterung. Ein heller Schlag, viel zu laut in dem engen Treppenraum.
Oben verstummten die Stimmen, und Mira blickte auf ihre Hand. Jetzt lief mehr Blut. Es sammelte sich am Rand der frischen Schnittstelle und tropfte auf den Beton. Eines, zwei. Sie drückte die Hand gegen die Jacke, zu fest, und sog die Luft zwischen den Zähnen ein.
Von oben kam eine Stimme. „Hallo?“
Nicht laut gerufen, eher überrascht.
Noch eine Stimme, näher: „War da wer?“
Bevor der zweite Satz ganz bei ihr ankam, duckte Mira sich unter der schiefen Sperre durch, drückte mit der Schulter gegen den schmalen Gang und spürte, wie das Metall nachgab. Irgendetwas riss aus der Verankerung. Noch ein Geräusch. Kratzend diesmal, dann ein trockenes Scheppern auf dem Boden.
Jetzt wusste jeder oben, dass da jemand war.
Sie stolperte zwei Schritte weiter und fing sich an der Wand. Vor ihr lief der Gang an Rohren vorbei, an einer Nische mit Putzwagen, an einer grauen Stahltür ohne Fenster. Verschlossen. Daneben noch eine Tür, schwerer, rot, mit schwarzem
Drücker.
Mit der blutigen Hand packte Mira ihn, rutschte sofort ab und fluchte stumm. Dunkel schmierte das Blut über das schwarze Metall. Sie wechselte die Hand, presste die verletzte gegen ihren Bauch und drückte die Klinke mit der anderen nach unten.
Nichts, abgeschlossen oder verriegelt, doch sie zog trotzdem. Die Tür gab nicht nach.
Hinter ihr trug der Gang jedes Geräusch zurück. Oben an der Treppe kamen Schritte näher, nicht mehr suchend, sondern auf etwas zu. Eine Stimme sagte wieder etwas, jetzt schärfer. Eine andere antwortete kurz. Mira verstand die Worte nicht, nur den Ton. Sie hatten das Geräusch eingeordnet und kamen.
Sie drehte sich zur grauen Stahltür um. Neben dem Rahmen saß ein kleines Feld aus mattem Kunststoff, darüber ein grünes Lämpchen, das nicht für sie war. Außen gab es nur einen schmalen Zugbügel. Sie stieß dagegen, dann noch einmal härter, doch die Tür blieb fest. Ohne jedes Summen oder Klicken.
Ihr Blick sprang über den Rahmen, die Wand entlang, auf Rohre, Kabelkanal, den Putzwagen in der Nische. Weder Schlüsselkasten noch offener Zugang, kein Schild, das ihr etwas nützte. Nur dieser Gang, die rote Tür und hinter ihr die Stimmen, die jetzt näher in den Schacht kippten. Wenn etwas aufsprang, dann nur dort, wo Panik mitgerechnet war.
„Da unten!“, rief jemand.
Zusammenzuckend verharrte sie. Das Wort verstand sie. Dann ein schnelleres Schlagen von Sohlen auf Metallstufen.
Mira griff wieder nach der roten Tür. Feuertür. Schwarz lackierter Bügel, breiter als eine normale Klinke. Auf ihrer Seite saß kein Schlüsselzylinder. Sie drückte den Bügel mit dem Unterarm herunter. Kurz widerstand etwas im Inneren, dann gab es nach, schwer, zäh, und die Tür sprang ein Stück auf.
Ein harter Signalton setzte ein. So laut, dass sie den Kopf einzog.
Sie schob sich durch den Spalt, mit der Schulter voran, und die Tür drückte gegen sie zurück. Dahinter lag eine breite Betonfläche unter grellem Licht, mit niedriger Decke und Markierungen am Boden. Gelbe Linien, Pfeile, Nummern an den Pfeilern. Der Geruch war anders hier, trockener, mit Staub, Öl, kaltem Beton.
Über ihr knackte ein Lautsprecher, während der Ton weiterlief.
„Achtung. Brandschutztür geöffnet. Achtung. Brandschutztür geöffnet.“
Die Stimme war weiblich, ruhig, gleichmäßig. Gerade deshalb wirkte sie härter. Das war keine Straße, kein Zufall, kein Versteck, sondern ein Bereich, der merkte, wenn etwas nicht stimmte.
Den Bügel ließ Mira los und zog die Tür von innen zu. Das ging schwerer, als sie erwartet hatte. Für einen Moment stemmte sie sich mit dem Rücken dagegen, hörte von der anderen Seite dumpf Stimmen, dann den Schlag einer Hand oder eines Gegenstands gegen das Blech. Die Tür fiel ins Schloss, der Signalton brach ab. Die Lautsprecherstimme verstummte nach einem letzten Satzfetzen.
Stille bekam sie trotzdem nicht. Nur das Summen der Leuchtstoffröhren, entferntes Lüfterrauschen, irgendwo ein Motor, der anlief oder herunterfuhr.
An der Tür blieb Mira stehen und atmete durch den Mund. Ihre Hand pochte. Als sie sie anhob, war die Jacke am Bauch schon verschmiert. Der Schnitt klaffte nicht weit, aber er blutete ordentlich. Sie drückte den Stoff der Jacke dagegen, fester diesmal, bis der Schmerz scharf wurde und sich dann in ein dumpfes Ziehen legte.
Auf der Tür stand in weißen Buchstaben: FEUERWEHRZUGANG FREIHALTEN. Darunter eine Nummer, darunter kleiner: Ebene V2. Versorgung, dachte sie. Oder irgendetwas darunter. Sicher nicht draußen.
Von der Tür stieß sie sich ab und ging los. Die Fläche vor ihr war keine eigentliche Parkebene. Zu niedrig für eine normale Zufahrt, zu eng gestellt, mit Gitterverschlägen, Rollcontainern, Reinigungsmaschinen, gestapelten Säcken, Kisten mit Streusalz oder Bindemittel. Rechts standen Leitungen hinter einem Maschendrahtzaun. Dahinter Pumpen oder Filteranlagen, mit kleinen Anzeigen in Rot und Grün. Weiter hinten stand ein weißer Transporter ohne Aufdruck, alles ordentlich hingestellt, markiert, beschriftet.
Es gab hier keine Menschen. Das machte es nicht besser.
Am Ende der Reihe hing ein grünes Schild über einem Durchgang. Notausgang. Sie ging darauf zu. Im Vorbeigehen nahm sie die Pfeile an den Wänden, die Nummern an den Pfeilern, die roten Kästen und die Fluchtwegzeichen auf, ohne langsamer zu werden.
Der Notausgang führte nur in einen kleinen Vorraum mit einer weiteren Tür, diesmal grau, mit einem Kartenleser daneben. Statt eines Drückers saß dort nur eine flache Metallplatte. Sie stieß dagegen. Nichts, auch hier.
„Scheiße.“
Sie presste die Stirn kurz gegen das kalte Metall.