PANATHINAIA

    Alexia Michailidou · Band 1

    PANATHINAIA

    Chapitre 10 sur 13

    Chapitre 10

    Der offene Riss

    Staub hing noch in der Halle, und aus dem Riss im aufgerichteten Stein strich kalter Zug. Zwischen seinem Aufspringen und der nächsten Entscheidung lag ein Bruch. Noch stand die Halle auf dem Othrys, doch nichts in ihr hielt mehr den alten Zustand. Durch den Boden war der Stoß aus der Tiefe gegangen, der Verschluss war beschädigt, und was eben noch vor aller Augen benannt worden war, zwang nun zu Handlung.

    „Du hast es aus dem Grund gerissen“, erwiderte Gaia.

    In die Stille, die der Schlag gelassen hatte, sprach sie die Worte. Noch sank der Staub nicht ganz. Keiner rührte sich sofort. Der Stein stand, aber er stand nicht ruhig; der offene Riss arbeitete im Gestein, und jeder sah ihn an, als könne aus ihm im nächsten Atemzug mehr folgen als Kälte.

    Kronos antwortete nicht. Seine Finger schlossen sich fester um die Sichel. Er machte keinen Schritt zu Rhea, nicht zu den Kindern, die frei vor ihm standen. Auf Zeus richtete er sich aus, auf dessen linke Hand, auf das schwarze Stück.

    Dicht am Körper hielt Zeus den Splitter. Seine rechte Hand lag noch am Stein, dort, wo der Riss offenstand. Er nahm sie nun weg und stellte sich ganz vor den Verschluss.

    „Gib ihn her“, forderte Kronos noch einmal.

    Zeus rührte sich nicht, und Gaia registrierte nur, was Kronos tat: wie er das Gewicht verlagerte, wie die Sichel sich etwas anhob, wie sein Blick unverwandt auf dem Ziel blieb. Er wollte an den Stein. Er wollte das Stück zurück in seine Hand. Alles andere stand ihm im Weg, als wieder ein Zittern durch die Halle ging.

    Es war diesmal kein voller Stoß. Eher drängte etwas von unten, das sich im Stein fortsetzte. Ein Pfeiler gab splitternd eine Kante ab, und Schutt schlug auf den Boden.

    Rhea trat nicht zurück. Sie postierte sich seitlich der Kinder, das Gesicht zum Titanen gewandt.

    „Siehst du sie überhaupt“, fragte sie.

    Kronos blickte nicht hin.

    Demeter und Hestia hielten Abstand, aber sie wichen nicht. Hera verharrte mit angespannten Schultern, den Blick fest auf den Vater gerichtet. Nichts sagte Hades. Poseidon stand mit leeren Händen da, doch er hielt sich so, als erwarte er den nächsten Angriff schon im Muskel.

    Gaia ging einen Schritt auf den Stein zu, nicht nah genug an Zeus, um ihm den Raum zu nehmen, aber nah genug, dass Kronos sie sehen musste.

    „Der Weg ist offen“, erwiderte sie. „Du hieltest ihn nicht. Du verschlossest ihn nur.“

    Kurz traf Kronos’ Blick sie. Hart. Dann ging er wieder an Zeus vorbei auf den Riss.

    „Schweig.“

    „Nein.“

    Das Wort fiel ohne Lautstärke und blieb trotzdem in der Halle stehen.

    Diesmal kam wieder Bewegung in Kronos’ Arm, mehr als bloße Drohung. Er trat vor.

    Zeus fing ihn ab, noch bevor die Sichel ganz in den Raum kam. Er tat es mit dem Körper. Schulter gegen Brust, Hand an den erhobenen Arm, ein Stoß, der Kronos seitlich vom Stein drängte. Erz schlug gegen Stein. Ein heller, kurzer Ton sprang durch die Halle.

    Kronos riss den Arm frei und setzte nach. Die Sichel fuhr niedrig, hart, auf den Raum vor dem Verschluss, auf die Stelle, an der Zeus stand.

    Poseidon warf sich von der Seite hinein und traf Kronos an der Hüfte. Für einen Augenblick gerieten beide aus der Linie zum Stein. Hades packte Kronos’ Handgelenk. Die Sichel sank, schabte über den Boden und riss eine graue Spur in das Gestein.

    Mit einem dumpfen Knacken, das alle hörten, antwortete der Riss im aufgerichteten Stein.

    Zeus wich nun doch einen Schritt zurück. Nicht aus Furcht vor Kronos, sondern vom Stein weg. Er blickte in den offenen Spalt, dann zu Gaia.

    „Wenn er weiter bricht“, begann er.

    „Dann hält ihn hier nichts mehr“, warnte Gaia.

    Sie brauchte nicht mehr zu sagen. Die Schwärze im Riss klaffte offen genug vor ihnen.

    Vor die Reihe ihrer Kinder trat Rhea, und ihre Stimme traf nicht nur Kronos.

    „Es reicht nicht.“

    Zeus sah Rhea an.

    „Es reicht nicht, dass du sie herausgeholt hast“, entgegnete sie. „Nicht, solange die anderen unten bleiben.“

    Der Satz blieb stehen. Niemand griff ihn sofort auf. Hinter dem kalten Zug aus dem Riss lag jetzt etwas anderes in der Halle, schwerer als der Kampf: die offene Forderung, aus dem eben Errungenen mehr zu machen als Rettung.

    Kronos stieß Hades von sich. Als Poseidon den Griff verlor, kam die Sichel wieder hoch. Sein Atem ging hörbar. Der Kampf allein machte ihn nicht schwer; schwer war der Wille, noch einmal an den Stein zu kommen.

    „Niemand geht hinunter“, befahl er.

    Zu ihm wandte Gaia den Kopf.

    „Du brachtest sie hinunter.“

    „Ich habe verschlossen, was verschlossen bleiben musste.“

    „Du hast verborgen, was gegen dich gesprochen hätte.“

    Die Worte trafen sofort. Kronos zuckte nicht zusammen. Er sah wieder auf den Splitter und antwortete damit selbst.

    Rhea nahm es auf.

    „Die Kyklopen“, hob sie an. „Die Hekatoncheiren. Auch sie.“

    Zu Zeus sah Hera. Demeter atmete scharf ein. Hestia blieb still, doch ihre Hand fand die ihrer Schwester. Hades hob den Blick zum Riss. Poseidon stellte sich wieder breiter hin, zwischen Kronos und den Stein.

    „Mutter“, mahnte Zeus.

    Rhea ließ sich von dem Wort nicht aufhalten.

    „Nicht nur wir“, fuhr sie fort. „Nicht nur meine Kinder. Alles, was er unten gelassen hat.“

    Gaia hörte den Satz und wusste, dass Rhea den Sieg nicht klein machen würde. Nicht auf den eigenen Kreis ziehen, nicht an der Schwelle stehen bleiben.

    „Dann sprich es ganz aus“, forderte Gaia, als Rhea einen Schritt vortrat. Ihre Augen blieben auf Kronos gerichtet.

    „Öffne den Weg.“

    Stille währte einen Augenblick. Dann erfolgte der Stoß.

    Er fuhr durch den aufgerichteten Stein. Der Riss sprang nicht sichtbar weiter auf, doch im Innern arbeitete es. Ein dumpfer Schlag ging durch die Halle, und die Kälte drang schärfer heraus. Hestia zog den Atem ein. Demeter schloss die Finger fester um ihren eigenen Arm. Poseidon wandte den Kopf sofort dem Monolithen zu. Hades hielt den Blick auf den schwarzen Spalt. Hera verharrte reglos, nur ihr Blick wanderte von Zeus zu Gaia.

    Kronos’ Hand schloss sich um die Sichel, doch niemand antwortete ihm.

    „Genug“, sagte er.

    Gaia trat nicht zurück. Der Riss klaffte offen vor ihr, aus der Tiefe kam ein Nachgeben, und im Grund zerrte es an dem Bruch, den Kronos einst aufgebrochen hatte. Der Verschluss hielt nicht mehr. Das Stück, das Zeus gesichert hatte, fehlte dem Stein. Und der Weg verlangte nach ihm.

    „Ihr hört es“, rief sie in die Halle. „Der Stein hält nicht. Der Weg gibt nach.“

    Kronos fuhr zu ihr herum.

    „Schweig.“

    Gaia begegnete seinem Blick.

    „Nein.“

    Das Wort blieb zwischen ihnen stehen. Rhea wich nicht von ihrer Seite.

    Mit einer Handbewegung wies Gaia auf den Splitter.

    „Das Stück gehört nicht hierher. Du hast es aus der Tiefe gerissen und in den Verschluss gezwungen. Solange es hier bleibt, hältst du fest, was du unten gebunden hast. Wenn der Weg ganz aufgehen soll, muss er es hinuntertragen. Bis an den Rand.“

    Jetzt richteten sich alle Blicke auf Zeus.

    Nahe beim Stein verharrte er. Der schwarze Splitter lag dunkel in seiner Hand. Kälte strich um seine Finger, doch er löste den Griff nicht. Sein Blick ging zuerst zu Gaia, dann zu dem Riss, dann zu seinem Vater. Einen Atemzug lang blieb er stehen, den Stein sichtbar in seinem Rücken, den Splitter in der Hand. Er trug beides vor ihnen, Zeichen und Last.

    Kronos setzte einen kleinen Schritt vor.

    „Du rührst ihn nicht an.“

    Zeus nahm den Splitter ganz an sich, eine Bewegung, die so klein war, dass sie gerade deshalb jeder erkannte. In ihr lag kein Trotz mehr, sondern Entscheidung.

    Kronos verharrte. Für einen Moment war nur das leise Arbeiten des Steins zu hören. Dann hob er die Sichel ein Stück.

    „Ich sagte: Niemand geht hinunter.“ Seine Stimme trug wieder den Ton, mit dem er befohlen hatte, seit seine Kinder denken konnten. „Keines meiner Kinder verlässt diese Halle. Wer an den Abstieg geht, stellt sich gegen mich.“

    Hera richtete sich auf. Hestia ließ Demeters Hand los. Poseidon setzte den Fuß fester auf den Boden. Hades hob endlich den Blick von dem Riss und musterte Kronos. Rhea bewegte sich nicht. Gaia musterte die Reihe der Geschwister und wartete.

    Kronos wartete ebenfalls.

    Er glaubte noch immer, der Befehl müsse nur ausgesprochen werden.

    Zeus hielt ihm stand.

    „Du hast kein Recht mehr, es zu verbieten.“

    Sein Gesicht veränderte sich. Die Worte trafen tiefer als die Widersprüche zuvor. Nicht Gaia, nicht Rhea sprach sie. Der Sohn sprach sie, den er hatte vernichten wollen und der nun mit dem Stück aus dem alten Verschluss vor ihm stand.

    „Ich bin dein Vater“, entgegnete Kronos.

    „Du warst unser Kerker“, erwiderte Zeus.

    Rhea schloss die Augen nicht. Gaia erkannte, wie der Satz Kronos erreichte und dort sofort in Hass umschlug.

    Er hob die Sichel höher.

    Poseidon rückte einen halben Schritt vor Zeus. Hades folgte ihm nicht sofort, doch er wich auch nicht zurück. Hera stellte sich auf Zeus’ andere Seite. Hestia trat neben Demeter, und Demeter trat mit ihr zusammen vor. Die Bewegung ging nicht schnell. Gerade darin lag ihre Endgültigkeit. Einer nach dem anderen stand nicht mehr bei Kronos, sondern Zeus zugewandt, dem Ausgang der Halle näher als dem Thronraum hinter dem Vater.

    Kronos erkannte es, doch keiner ging, während Gaia Rheas Gesicht betrachtete.

    „Zurück“, befahl er. Kein Triumph lag darin. Nur Gewissheit. Sie beide standen da und sahen, wie Kronos’ Wort im Raum verging, ohne dass ein Körper ihm folgte. Das hatte es in seiner Halle nicht gegeben, nicht vor Zeugen und nicht mit allen Kindern vor ihm.

    „Ihr vergesst euch“, zischte Kronos.

    „Nein“, sagte Hera. „Wir erinnern uns.“

    Kronos’ Blick schlug zu ihr. Er hatte nicht mit ihrer Stimme gerechnet, hier nicht und jetzt nicht. Hera hielt ihm stand.

    Demeter sprach, noch ehe er antworten konnte.

    „Wir waren unten, weil du es wolltest.“

    Hestia sprach leise, doch jeder hörte sie.

    „Wir gehen jetzt, weil wir es wollen.“

    Hades’ Stimme kam trocken und hart.

    „Wenn dort unten noch welche sind, bleiben sie nicht deinetwegen.“

    Poseidon hob das Kinn.

    „Tritt beiseite.“

    Kronos tat es nicht.

    Mitten in der Halle verharrte er, die Sichel in der Hand, und suchte in den Gesichtern vor sich noch den alten Gehorsam. Gaia sah, wie sein Blick von einem Kind zum nächsten wanderte und nirgends Halt fand, weder bei Hestia noch bei Demeter, weder bei Hera noch bei Hades noch bei Poseidon. Und am wenigsten bei dem Jüngsten.

    Aus dem Riss kam

    Aus dem Riss kam Kälte. Niedrig strich sie über den Boden der Halle und hing sich an die Füße derer, die vor dem Stein standen. In der Hand hielt Zeus den schwarzen Splitter offen. Das Stück war dunkel, stumpf und schwer. Wo es aus dem Fels gelöst worden war, klaffte der Spalt.

    Statt auf den Riss sah der Titan auf den Splitter.

    Gaia trat einen Schritt vor, ohne ihre Stimme heben zu müssen.

    „Du erkennst ihn.“

    Nicht antwortete Kronos.

    „Du hast ihn aus meinem Grund gerissen“, sprach Gaia. „Unten hast du verschlossen. Hier oben hast du einen Stein dafür gesetzt. Nun steht beides offen.“

    Sein Griff um die Sichel wurde fester. Das graue Erz stand schräg vor ihm, nicht hoch, aber bereit. Noch immer hielt der Titan die Kinder vor sich für etwas, das weichen konnte, wenn er nur den alten Ton wiederfand.

    An Gaias Seite trat Rhea. Ihr Gesicht wirkte ruhig, doch ohne Zögern sprach sie.

    „Öffne den Weg.“

    Zu ihr hin wandte sich Kronos. „Du forderst in meiner Halle.“

    „Ja“, erwiderte Rhea. „Vor allen.“ An ihm vorbei glitt ihr Blick zum offenen Stein. „Und ich fordere nicht für mich. Öffne den Weg. Lass die frei, die du unten festgesetzt hast.“

    Durch die Halle ging eine Verschiebung der Körper, nicht als Laut. Keiner trat hinter Kronos, und niemand senkte den Blick.

    Jetzt hob Kronos die Sichel höher. „Niemand geht hinab.“

    Seine Stimme fuhr gegen die Wände, die früher gereicht hätte. Selbst er wartete auf Wirkung.

    Nicht rührte sich Hera.

    Hestia auch nicht.

    Demeter stand mit beiden Füßen fest, die Hände leer an den Seiten.

    Der Blick des Hades ruhte auf Kronos, nicht auf der Sichel.

    Poseidon zog die Schultern zurück und harrte aus, wo er war.

    Zeus sagte nichts. In der Hand hielt er den Splitter.

    Gaia nahm den offenen Stein, den Riss und die Kälte aus ihm in sich auf. Die Stelle, an der das schwarze Stück gesessen hatte, lag bloß. Der Weg unten und dieser Stein hier oben gehörten derselben Tat.

    „Der Weg ist noch nicht ganz offen“, sprach sie.

    Kronos’ Blick fuhr zu ihr zurück. Gaia sprach weiter. „Du nahmst. Dieses Stück gehört nicht hierher. Solange es hier oben bleibt, bleibt dein Griff darin.“

    Ihr Blick glitt auf den Splitter in seiner Hand.

    „Er muss hinab. An den Rand des Tartaros. Dorthin, wo du ihn herausgerissen hast. Erst dann gibt der Weg ganz nach.“

    Zeus hob den Splitter ein wenig, nicht als Frage, sondern damit alle erkannten, worüber sie sprach.

    Kronos kam einen Schritt vor, während Hades und Poseidon zugleich nach vorn traten, nicht weit, aber weit genug.

    „Gib ihn her“, verlangte Kronos.

    Zeus blickte ihn an.

    „Nein.“

    Kronos’ Blick verhärtete sich. „Du weißt nicht, was du trägst.“

    „Doch“, entgegnete Gaia.

    Sie ließ Kronos nicht aus den Augen.

    „Ich weiß, was du daraus gemacht hast.“

    Rhea nahm den Faden auf. „Und wir wissen, was darunter liegt.“ Jetzt hob sie die Stimme doch, damit auch der letzte Winkel der Halle sie trug. „Kyklopen. Hekatoncheiren. Genug Zeit ist vergangen. Genug Furcht ist verbraucht. Der Weg wird geöffnet.“

    Kronos schnitt ihr das Wort ab. „Schweig.“

    Rhea schwieg nicht. „Nein.“

    Das eine Wort lag nackt in der Halle.

    Kronos drehte die Sichel in der Hand. „Ich verbiete den Abstieg.“

    „Du verbietest viel“, entgegnete Demeter. „Nicht mehr alles.“

    „Du hast schon einmal entschieden, wer unten bleibt“, sprach Hades. „Heute nicht.“

    Hestia sprach leise und klar. „Nicht mehr für uns.“

    Hera sprach: „Nicht mehr überhaupt.“

    Poseidon setzte nach: „Tritt beiseite.“

    Zwischen ihnen und dem Spalt zum Abstieg stand Kronos, hinter dem der offene Stein in die Tiefe führte. Ihre Stimmen trafen auf ihn und fanden keinen Eingang. Noch immer zählte er mit einer Ordnung, die bereits vor ihm zerfiel.

    Wieder ging sein Blick zu Zeus. „Du legst das Stück zurück.“

    Zum ersten Mal setzte Zeus sich vom Stein weg in Bewegung. Nur ein Schritt. Dann noch einer. Sichtbar vor sich trug er den Splitter, dem offenen Zeichen entgegen, damit Kronos jeden Finger daran sehen konnte. Die Kälte aus dem Riss lief ihm entgegen.

    Kronos fuhr herum und stellte sich ihm in den Weg. „Ich habe dir befohlen—“

    Zeus unterbrach ihn.

    „Du bist nicht mein Vater.“

    Kurz hielt die Stille die Halle.

    Zeus’ Stimme blieb fest. „Du warst unser Kerker.“

    Niemand sprach gegen ihn. Niemand zuckte zurück. Das Wort traf Kronos, nicht weil es laut war, sondern weil es nachhallte. Vor allen nahm es ihm den Rang, auf den er sich noch stützte.

    Kronos’ Gesicht wurde hart. Die Sichel sank keinen Fingerbreit.

    Hart wurde Kronos’ Gesicht, die Sichel sank keinen Fingerbreit.

    Er kam.

    Nicht mit einem Wort, nicht mit einem neuen Befehl. Vom Boden stieß er sich ab und fuhr auf den Sohn zu, die Sichel quer vor dem Leib, die freie Hand nach dem schwarzen Splitter ausgestreckt. Kein Angriff verlangte noch Rang. Er griff zu.

    Früh genug erkannte Zeus die Bewegung. Er riss den Arm mit dem Splitter hoch und trat beiseite. Als die Klinge dicht an ihm vorbeistrich, schlug Metall gegen den aufgerichteten Stein, den Kronos zuvor vor die Tiefe gezwungen hatte. Ein harter Ton sprang durch die Halle. Aus dem Riss kam ein neuer Zug von Kälte.

    Sofort drehte Kronos nach. Noch immer blieb er schnell. Seine Schulter traf Zeus an der Brust und warf ihn einen halben Schritt zurück. Der Jüngere fing sich, den Splitter fest in der Hand. Kronos’ Blick hing nicht an seinem Gesicht, nur an dem schwarzen Stück.

    Als Erster kam Hades dazwischen. Von der Seite stieß er gegen den Arm des Vaters. Die Sichel fuhr nach oben statt nach vorn. Hera griff Zeus am Oberarm und zog ihn aus der Linie des nächsten Hiebs. Demeter trat vor die freie Hand und schlug sie weg, bevor sie den Splitter erreichte. Dicht an seiner anderen Seite stand Hestia. Von hinten traf Poseidon Kronos’ Rücken mit voller Wucht.

    Für einen Atemzug standen alle aneinander, während sich der Titan gegen sie stemmte. Die Sichel zitterte in seiner Faust. „Weg.“

    Niemand ging weg.

    „Aus meinem Weg“, sagte Kronos noch einmal, und diesmal zischte es durch seine Zähne.

    Poseidon drückte härter. „Er ist nicht mehr deiner.“

    Kronos riss den Arm frei und schlug mit dem Schaft der Sichel nach Poseidon. Der Schlag traf ihn seitlich an der Schulter und brachte ihn ins Taumeln. Im selben Augenblick schnellte die Schneide wieder nach Zeus. Hades fing den Unterarm mit beiden Händen. Die Wucht trieb ihn einen Schritt zurück, aber er hielt. Vor Zeus stellte sich Hera, ohne den Blick zu senken.

    „Genug“, sagte sie.

    Ohne aufzuhören, fuhr er mit dem Knie vor, traf Hades am Oberschenkel, riss sich halb los und streckte sich noch einmal nach dem Splitter. Zeus schlug kurz und hart mit dem Ellenbogen gegen Kronos’ Handgelenk. Die Finger schlossen sich ins Leere.

    Der Riss im Stein gab ein dumpfes Knacken von sich.

    Alle hörten es.

    Kälte floss stärker aus der Öffnung. Sie strich Zeus über Gesicht und Hals, fuhr ihm in den Ärmel und biss in die Hand, die den Splitter hielt. Unter seinen Füßen lief ein Zittern durch den Boden. Ein kurzer Stoß reichte, dass Staub aus einer Fuge rieselte.

    Gaia sprach nicht laut, und doch ging ihre Stimme durch das Gerangel.

    „Der Weg hält nicht auf halber Öffnung.“

    Den Kopf warf Kronos zu ihr herum. „Schweig.“

    „Bring es hinab“, sagte Gaia zu Zeus. „Jetzt.“

    Schneller als auf jeden Schlag reagierte Kronos auf das Wort. Ganz aus Hades’ Griff riss er sich, fuhr mit der Schulter gegen Hera und stieß sie zur Seite. Demeter packte nach seinem Arm, bekam nur den Stoff. Hestia stellte sich ihm in den Weg. Er prallte gegen sie, und sie wich nicht weit genug zurück, um ihn durchzulassen. Poseidon war schon wieder da und warf sein Gewicht erneut gegen Kronos.

    Gemeinsam schoben die Geschwister ihn vom Spalt weg.

    Es war keine geordnete Reihe, kein feierlicher Schritt: Hände, Schultern, Atem, Tritte am Steinboden. Aber sie wichen nicht. Zum ersten Mal stand Kronos für Zeus nicht vor ihnen, sondern gegen sie gedrängt, zurückgenommen durch die Körper derer, die er noch eben hatte befehlen wollen.

    Hoch genug hob Kronos die Sichel, um über sie hinwegzuschlagen.

    Da kam Rheas Name Zeus nicht in den Sinn, nicht als Gedanke, nur die Wahrheit, die schon in der Halle gestanden hatte: Kein Kind mehr in ihm. Niemand trat zurück.

    Hera fing den erhobenen Arm mit beiden Händen, Hades griff wieder an den Unterarm, Poseidon drückte gegen den Leib. Demeter stieß die Sichelseite weg. Hestia stand fest vor Zeus und hielt Kronos’ Blick auf sich, nur einen Moment, aber lang genug.

    „Geh“, sagte sie.

    An ihnen vorbei blickte Zeus in den offenen Spalt hinter dem Stein.

    Der Abstieg war kein sauberer Gang. Dunkel lag darunter, nicht leer, sondern voll von Druck. Kälte zog daraus herauf, stetig und hart. Der Riss im Stein stand offen, aber nicht ruhig. An seinen Kanten arbeitete etwas, und ein weiteres kurzes Knacken lief hindurch. Der Zug in die Tiefe nahm zu.

    Er brauchte keinen weiteren Zuruf.

    Mit dem Splitter vor sich trat Zeus rückwärts einen Schritt zum Spalt, dann drehte er sich ganz. Die Kälte traf ihn sofort von vorn. Unter der Sohle fand er die erste Stufe, schmal und roh aus dem Fels gebrochen. Hinter sich hörte er das Ringen weitergehen: Metall, Atem, ein kurzer Laut.

    Den zweiten Fuß setzte Zeus tiefer, tastete mit der freien Hand am Fels entlang und ging hinab, schnell genug, dass die Stufen unter ihm kaum einzeln hervortraten. Schwer lag der schwarze Splitter in seiner Hand. Nicht nur schwer. Er zog. Je tiefer er sank, desto deutlicher wurde es. Nicht nach vorn, nicht zu seiner Brust zurück, sondern hinunter, in den Schacht, in etwas, das ihn bereits kannte.

    Während über ihm das Ringen nicht abbrach, scharrten Schritte hart über Stein. Jemand stieß einen kurzen Warnruf aus. Metall schlug gegen das Gestein, und der Laut fuhr den Schacht hinab. Kronos’ Stimme folgte, näher, als sie sein durfte.

    „Zeus.“

    Er sah nicht zurück. Die Stufen waren ungleich. Manche waren nur Kanten, auf die der Fuß gerade noch griff. Andere fielen tiefer weg und zwangen ihn, das Gewicht scharf zu verlagern. Die Kälte stand nicht bloß in der Luft. Sie schlug ihm entgegen. Sie traf Gesicht, Hals, die Hand um den Splitter. Seine Finger wurden taub, doch das schwarze Stück blieb klar spürbar, glatt an manchen Seiten, scharf an anderen, und mit jedem Schritt nahm sein Drängen zu.

    Nicht enger wurde der Schacht, aber er schloss sich fester um den Körper. Gestein zu beiden Seiten, im Rücken, vor dem Blick. Nur unten lag die Dunkelheit offen. Aus ihr stieg kein Schweigen. Da war Druck darin, ein fernes Schlagen, erst unregelmäßig, dann wieder gesammelt, nicht wie Wasser, nicht wie Wind. Etwas arbeitete in der Tiefe gegen seinen Halt.

    Als über ihm ein schwerer Stoß niederging, splitterte Stein. Ein Körper rutschte an der Wand entlang. Zeus warf jetzt doch den Kopf halb herum.

    Mehrere Stufen höher drang sein Vater in den Schacht. Er hatte sich losgerissen. Die Sichel hielt er quer vor dem Leib, um sie nicht an den Wänden zu verlieren. Sein Atem ging hart. Einer seiner Ärmel war aufgerissen. Dunkles Blut lief über den Handrücken, der Griff an der Sichel blieb fest. Hinter ihm standen Gestalten an der Öffnung, nur als Sperre gegen das wenige Licht zu sehen, dann schob er sich tiefer, und sie verschwanden.

    „Gib ihn her“, sagte Kronos.

    Ohne zu antworten, stieg Zeus weiter.

    Der Titan kam nach. Er nahm die Stufen nicht vorsichtig. Er zwang sie. Gestein brach unter seinen Tritten an den Kanten aus und fiel vorbei in die Tiefe. Sekunden später kam kein Aufschlag.

    Stärker wurde der Zug am Splitter. Zeus spürte ihn jetzt bis in den Arm. Nicht nur das Stück selbst zog hinab, der ganze Schacht schien darauf gespannt. Kälte rann aus den Fugen des Gesteins. Die Stufen wurden glatter. Hier hatte nicht erst heute jemand den Weg freigelegt; hier war gegangen worden, vor langer Zeit, oft genug, dass das Gestein den Tritt behalten hatte. Sein Vater hatte diesen Zugang verschlossen. Gaia hatte es gesagt. Jetzt gab der Fels nach, was lange unter ihm gehalten worden war.

    Kronos holte auf.

    Noch bevor Zeus ihn sah, hörte er die Sichel, ein kurzes Schaben an der Wand, dann den Atem dicht hinter sich. Er fuhr herum, gerade als die Klinge tief kam. In dem engen Schacht konnte sein Vater nicht weit ausholen, aber er brauchte den Raum nicht. Der Haken der Sichel zielte nicht nach seiner Kehle. Er zielte auf die Hand mit dem Splitter.

    Mit einem Ruck riss Zeus den Arm an sich und schlug mit der Schulter gegen Kronos’ Brust. Beide stießen an die Wand. Der Schacht gab den Laut hart zurück. Kronos fing den Stoß ab, setzte nach und drückte mit dem ganzen Leib. Zeus’ Ferse glitt über eine glatte Kante. Für einen Schlag hing sein Gewicht schief über der Tiefe. Dann fand er tiefer unten Tritt.

    Kronos’ Hand schoss nach dem Splitter. Zeus schlug ihr mit dem freien Unterarm entgegen. Die Knöchel trafen aufeinander. Der Schmerz fuhr sofort bis in den Ellenbogen. Der Splitter blieb in seiner Faust.

    „Du weißt nicht, was du öffnest“, sagte Kronos.

    Einen Schritt nur stieß Zeus ihn zurück. „Doch.“

    Er drehte sich wieder und stieg weiter hinab, jetzt schneller. Hinter ihm kam Kronos sofort nach.

    Unten änderte der Schacht sich.

    Die Stufen endeten nicht, aber sie liefen aus der engen Wandung in einen breiteren Abstieg. Der Fels öffnete sich nach unten und zur Seite. Kälte stand hier so dicht, dass jeder Atemzug im Hals schnitt. Vor Zeus lag eine Kante, kein freier Grund, sondern der Rand einer Tiefe, die weiter hinabfiel, als der Blick reichte. Der Weg hörte hier nicht auf. Er brach nur auf.

    Jetzt zog der Splitter nicht mehr allgemein nach unten. Er zog zu einem Punkt.

    Rechts im Fels, knapp über dem Abbruch, lief ein schwarzer Riss durch den Stein, schmal zuerst, dann aufgesprengt, mit Kanten, die nicht natürlich gebrochen waren. Dort

    Dort saß der Zug. Ohne zu suchen hob sich seine Hand von selbst ein Stück, und der Splitter in seiner Faust reagierte auf den Riss mit einem Druck, der bis in die Schulter ging.

    Ohne stehen zu bleiben, um den Ort zu prüfen, hörte er hinter sich Kronos die letzten Stufen herabkommen. Der Schacht gab jeden Tritt weiter. An den Rand gesetzt, drehte er sich halb zum Fels und streckte den Arm aus. Wo die Tiefe einst verschlossen worden war, lag nun der alte Zug wieder offen vor ihm.

    „Weg da“, sagte Kronos.

    Jetzt sah Zeus ihn ganz. Der Titan stand noch einen Absatz höher, breit im engen Zugang, die Sichel schräg vor dem Leib. Im kalten Licht des offenen Schachts wirkte das graue Erz stumpf. Sein Blick lag nicht auf Zeus’ Gesicht. Er hing an der Hand mit dem Splitter.

    „Du hältst mich nicht auf“, erwiderte Zeus.

    Mit einem Stoß kam Kronos den letzten Schritt. Er zögerte nicht, prüfte nichts. Er wollte zwischen Zeus und den Riss. Die Sichel fuhr quer, kurz geführt, um den Arm wegzuschlagen. Zeus zog die Hand an, ließ die Klinge am Fels entlangschrammen und warf sich mit der Schulter gegen den Titanen. Am Rand, wo kaum Platz war, rutschten beide einen halben Schritt. Unter ihnen fiel die Tiefe offen weiter.

    Kronos fing sich schneller. Seine freie Hand griff nach Zeus’ Handgelenk. Der Griff schloss sich hart darum. Zeus spürte den Druck bis in die Handwurzel. Der Splitter drängte gegen seine Faust, als wolle er aus Fleisch und Knochen durch den Fels.

    „Gib ihn her“, verlangte Kronos. In der Stimme lag diesmal kein Befehl, nur Dringlichkeit.

    Ohne zu antworten, trat Zeus dem Titanen gegen das Schienbein, zog den Arm an sich und drehte den Körper zwischen Sichel und Wand. Als der Haken ihm den Oberarm streifte, riss der Stoff. Schmerz sprang auf, schmal und heiß. Er hielt den Splitter fest und schlug die Faust mit dem schwarzen Stück gegen den Riss.

    Der Stein nahm den Schlag hart. Ein Laut ging durch den Fels, tief und kurz. Aus der Tiefe antwortete ein Stoß.

    Kein Laut einer Stimme, kein Wind.

    Der Rand unter Zeus’ Füßen zitterte. Staub löste sich aus den Fugen. Noch ein Stoß folgte, schwerer und versetzt. Kronos ließ für einen Augenblick sein Handgelenk los und sah in den Riss.

    Auch Zeus sah es. Der schwarze Spalt war nicht leer. Hinter ihm lag nicht nur Fels. Dahinter arbeitete Raum gegen die Sperre. Das Zittern kam nicht aus dem Schacht und nicht von ihrem Kampf. Es kam von jenseits des Verschlusses.

    Wieder traf etwas gegen den Stein. Diesmal brach eine feine Linie durch die dunkle Fläche.

    Gaia hatte gesagt, was am Rand des Tartaros lag. Zeus hatte den Namen gehört. Jetzt brauchte er keinen Namen für das, was er verstand. Hinter diesem Verschluss waren sie noch immer. Und sie drückten noch immer gegen Fesseln und Fels.

    Kronos begriff, dass Zeus es begriffen hatte.

    „Nein“, stieß der Titan aus.

    Er riss die Sichel hoch und schlug diesmal nach dem Riss. Als die Klinge in die aufgesprengte Kante traf, fuhr graues Erz in schwarzes Gestein. Der Schlag lief durch den ganzen Rand. Ein Stück Fels sprang heraus und fiel in die Tiefe. Im selben Augenblick zog der Splitter in Zeus’ Hand so hart an, dass ihm die Finger aufsprangen.

    Bevor Kronos neu ansetzen konnte, handelte er. Er presste den Splitter gegen die Stelle, an der der Riss ihn verlangte.

    Der Stein nahm ihn an.

    Schnell und ohne Widerstand.

    Die schwarze Fläche glitt in den Fels, als habe dort immer eine Form auf sie gewartet. Einen Atemzug lang war alles still. Zeus hielt die Hand noch dagegen und spürte unter dem Stein ein Nachgeben, das nicht an der Oberfläche blieb, sondern tiefer lag.

    Dann riss der Verschluss auf.

    Ein Schlag aus Kälte und Druck fuhr heraus. Zeus wurde hart gegen die Wand geworfen. Kronos verlor den Stand am Rand. Die Sichel schlug gegen den Fels, sprang ihm aus der Hand und drehte sich über die Kante in die Dunkelheit. Der Titan selbst wurde rückwärts in den Schacht geschleudert, prallte gegen die Stufen und griff ins Leere, ehe er tiefer unten Halt fand. Sein Fluch kam rau und fern zurück.

    Vor Zeus arbeitete der Riss sich nach beiden Seiten auf. Keine Flamme, kein Licht. Nur schwarzer Stein, der unter innerem Druck brach. Linien liefen durch den alten Verschluss, trafen auf Stellen, die schon einmal gewaltsam geöffnet und später wieder versiegelt worden waren, und sprengten sie endgültig auseinander. Platten kippten nach innen weg. Dahinter lag kein enger Spalt mehr, sondern ein Durchgang.

    Von der Wand stieß Zeus sich ab. Sein Arm schmerzte, seine aufgeschlagene Hand brannte leer. Der Splitter steckte nicht mehr in seiner Faust. Er

    saß im aufgebrochenen Stein, dort, wo der Riss ihn verlangt hatte, kaum noch von dem schwarzen Grund zu unterscheiden.

    Vor ihm hob sich der Durchgang nicht hoch. Breit genug ließ er etwas Großes hindurch, doch eng genug blieb der Fels an beiden Seiten nahe. Der Boden fiel leicht nach innen ab. Aus der Öffnung kam keine freie Luft. Ihr entströmte der Druck eines lange geschlossenen Ortes. Dahinter regte sich etwas, nicht fern und nicht unklar.

    Ketten schlugen gegen Fels. Schwer, mehrfach, ungleich. Dazwischen ging ein tiefes Scharren, dann ein Stoß, der durch den Boden lief. Einen Schritt trat Zeus vor und sah es.

    Im ersten Dunkel zeichneten sich die Bindungen ab, bevor die Leiber ganz sichtbar wurden. Schwarzes Erz lag um Handgelenke, Knöchel, Hälse, in Ringen, die in den Fels getrieben waren. Die alten Befestigungen saßen nicht sauber. Bruchlinien liefen von ihnen aus in das Gestein. Wo einst alles tiefer verschlossen worden war, sprang es nun an den gleichen Setzungen auf. Einige Klammern hatten sich schon gelöst und hingen nur noch an einem Rest. Andere waren vom aufspringenden Verschluss mitgerissen worden und standen schief aus der Wand.

    Dann sah er die Gebundenen selbst.

    Eine Stirn trat vor, niedrig und breit, mit einem einzigen Auge in der Mitte, offen und fest auf den Ausgang gerichtet. Daneben noch eine, weiter hinten eine dritte. Hinter und zwischen ihnen drängten größere Körper nach, dicht im Raum, Schultern an Fels, Arme gegen Ketten, Hände mit zu vielen Gliedern und Fäusten, die den Fels fassten, wo kein Griff war. Keiner stand still; alles arbeitete. Zug, Stoß, Atem, Gewicht.

    Gaia hatte die Namen genannt. Zeus brauchte sie nicht, um zu wissen, dass sie hier waren.

    Ein Brocken löste sich unter einem Ruck und sprang über den Boden bis an seine Füße. Einer der Einäugigen zog den Arm zurück, soweit die Fessel es erlaubte, und riss wieder daran. Das Erz an seinem Handgelenk gab einen Ton von sich, hoch und hart. Noch hielt es, und unter ihm schlug etwas gegen den Schacht.

    Kronos kam zurück.

    Zeus fuhr herum. Tief unter der Kante bewegte sich der Titan schon wieder nach oben. Eine Hand griff an den Rand einer Stufe, dann die andere. Sein Haar hing lose ins Gesicht. Wo die Sichel gewesen war, blieb seine Rechte leer. Das machte ihn nicht langsamer. Er stemmte sich hoch, fand mit dem Fuß Halt und zog sich weiter.

    „Zurück!“, rief Kronos hinauf. Seine Stimme schlug im Schacht an und kam von den Wänden wieder. „Weg von dort!“

    Keinen Schritt wich Zeus.

    Kronos hob den Kopf. Auch aus der Tiefe sah Zeus, worauf sein Blick zuerst fiel: nicht auf ihn, sondern auf den geöffneten Durchgang. Dann auf den Splitter im Fels, und in seinem Gesicht stand nichts von Herrschaft, nur blanke Dringlichkeit.

    „Nimm ihn heraus“, stieß Kronos aus. „Sofort.“

    Hinter Zeus schlug wieder Erz gegen Fels.

    Er drehte sich halb zurück. Der Splitter saß fest, etwas tiefer als zuvor. Um ihn herum hatte das Gestein sich gesenkt, nicht weit, aber genug, dass die Kante des alten Verschlusses offen lag. Von dort liefen dunkle Linien weiter in die Wand hinein, genau auf die alten Verankerungen zu. Mit dem Durchgang war auch die Bindung selbst getroffen.

    Das verstand Zeus in einem einzigen Blick.

    Der Splitter hatte den Ort nicht nur geöffnet. Er hatte die Stelle der Setzung gefunden.

    Kronos war jetzt nur noch wenige Stufen unter ihm. „Zeus.“

    Weder Vater noch Herr. Nur sein Name, hart und kurz.

    Zeus ging zum nächsten Ring in der Wand. Das schwarze Erz war breit in den Fels geschlagen, älter als die aufgesetzten Platten des Verschlusses. Es saß tiefer. Darum hatte der Schlag der Sichel den Weg öffnen können, ohne die Fessel ganz zu brechen. Die verletzte Hand legte Zeus an den kalten Rand des Ringes, suchte mit der anderen den Lauf der dunklen Linie und drückte.

    Der Stein antwortete.

    Zuerst kamen weder Licht noch Laut. Nur ein kurzes Nachgeben unter seiner Hand, bis in den Ring hinein. Dann sprang ein feiner Riss durch das Erz. Der Einäugige dahinter merkte es im selben Augenblick. Seinen Arm zog er zurück und riss mit voller Gewalt daran.

    Der Ring brach aus der Wand.

    Fels splitterte. Erz sprang auf. Das Stück schoss schräg heraus und schlug gegen den Boden. Die Kette hing nur noch an dem Arm des Befreiten, schwer und lose.

    Der Laut fuhr durch den ganzen Raum.

    Weiter hinten ging sofort Antwort durch die anderen. Einer warf sein Gewicht gegen eine gelockerte Klammer; sie riss mit einem einzigen Schlag. Ein anderer zerrte vergeblich, bis der Fels um seinen Halsring weiß ausstaubte. Kein gleichmäßiges Lösen mehr, sondern Brüche an verschiedenen Stellen. Schon setzte Zeus die Hand auf den zweiten Anker.

    Kronos erreichte die Kante.

    Er kam nicht ganz heraus; der Schacht war zu eng für einen Sprung. Aber eine Hand griff über den Rand nach Zeus’ Bein. Zeus trat sie weg. Kronos fing den Schlag mit dem Unterarm, zog sich höher und kam mit Schulter und Brust

    über die Kante. Die Sichel kam mit ihm nach oben, quer vor dem Körper gehalten, damit er nicht an ihr vorbei in den offenen Raum treten konnte.

    „Nimm ihn heraus.“

    Zeus antwortete nicht. Bereits beim zweiten Anker stand er. Die dunkle Linie lief vom schwarzen Splitter durch den aufgebrochenen Stein, über den Riss im Boden und direkt in den Ring. Jetzt lag es klar vor ihm: Alle tragenden Eisen saßen an demselben Lauf. Was dort verriegelt worden war, ließ sich hier lösen.

    Aus dem Schacht stieß Kronos sich ganz heraus und kam auf die Füße. Staub lag auf seinem Arm, Blut an der Hand, die er zuvor getroffen hatte. Er beachtete es nicht. Sein Blick ging nicht zu den Gebundenen. Er blieb am Splitter und an Zeus’ Hand.

    „Hörst du mich? Nimm ihn heraus.“

    Hinter dem geöffneten Durchgang zog die Kette des befreiten Kyklopen über Stein. Ein zweiter Stoß traf die Wand. Dann ein dritter. Weiter hinten arbeiteten die Hekatoncheiren mit vielen Armen zugleich gegen Fessel, Eisen und Fels. Das Gestein gab die Schläge stumpf zurück. Jeder Laut saß im Boden.

    Zeus drückte die Hand gegen den zweiten Anker.

    Wieder erst das Nachgeben. Ein Zittern im Erz, klein, tief im Sitz des Ankers. Als die dunkle Linie im Stein deutlicher wurde, kam Kronos sofort.

    Er schlug nicht nach Zeus’ Kopf. Er ging direkt auf den Arm, mit dem er das Eisen hielt. Die Sichel fuhr tief und kurz. Zeus riss den Unterarm zurück. Die Klinge strich über den Stein und schlug funkenlos gegen Erz. Im selben Zug stieß Zeus Kronos mit der Schulter weg.

    Ein Riss lief durch das Metall, blieb aber stehen. Dahinter griffen zwei große Hände durch den Spalt. Als der Kyklop zog, spannte sich die Kette. Das Erz schrie kurz. Hielt.

    Kronos war sofort wieder da. Er packte Zeus am Nacken und riss ihn vom Ring weg. „Genug.“

    Zeus fuhr herum und schlug ihm die verletzte Hand gegen das Handgelenk. Kronos’ Griff lockerte sich. Zeus trat nach seinem Knie. Kronos fing den Tritt halb ab, verlor den Stand und musste mit der freien Hand an die Wand. Die Sichel blieb oben, zwischen ihnen.

    „Zurück“, sagte Kronos.

    Zeus nahm den Befehl auf, und dahinter kam der nächste Stoß aus der Tiefe. Kein blindes Schlagen, sondern Arbeit. Zug. Wieder und wieder gegen dasselbe alte Eisen.

    Zum Splitter hin saß sein Blick fest, tief im schwarzen Riss. In seiner Hand lag kein Werkzeug, sondern ein gesetztes Stück. Ein Halt. Von ihm aus liefen die Linien in den Fels, und jede endete an einem Ring.

    Kronos folgte seinem Blick und machte einen Schritt zur Setzstelle.

    Vor ihm setzte Zeus sich in Bewegung. Er ging nicht zurück. Er stellte sich zwischen Kronos und den Splitter und legte beide Hände an den zweiten Anker.

    Kronos’ Gesicht verhärtete sich. „Du öffnest sie nicht.“

    „Doch“, sagte Zeus.

    Das Wort blieb im Raum.

    Kronos schlug mit dem Schaft der Sichel nach Zeus’ Schulter. Der Stoß traf hart. Zeus sackte einen Schritt ab, hielt aber den Ring. Sofort drückte er sein Gewicht dagegen, suchte den Lauf der Linie mit der Handfläche und presste tiefer.

    Der Stein gab nach.

    Diesmal war der Riss schneller. Er lief durch den Sitz des Ankers und fraß sich in den Rand des Ringes.

    Sofort setzte Kronos über das rollende Erz hinweg. Dem Befreiten wich er nicht aus. Er ging an ihm vorbei auf Zeus zu, schnell, mit der Sichel tief.

    „Du weißt nicht, was du tust.“

    Zeus wich nicht dem Satz aus, nur der Klinge. Er drehte sich eng an Kronos vorbei, spürte den Zug der Sichel an seinem Gewand und stieß ihn mit dem Ellenbogen gegen die Rippen. Kronos fing den Stoß ab und schlug zurück. Der Hieb traf Zeus seitlich am Kiefer, sodass sein Kopf herumfuhr. Im Mund stand Blut.

    Hinter Kronos riss Stein.

    Weiter hinten brach ein anderer Anker, tiefer im Gang, nicht der Ring vor Zeus. Einer der Hekatoncheiren hatte ihn gelöst. Der Laut war schwerer als zuvor. Dann kamen mehrere Arme zugleich durch die Dunkelheit nach vorn, Ketten über Unterarme und Schultern, Felsstaub auf der Haut. Sie griffen an den Rand des Durchgangs, an Risse, an hervorstehendes Erz, und zogen.

    Kronos nahm es auf. Zum ersten Mal wandte er den Kopf ganz von Zeus ab.

    Das reichte.

    Zeus packte

    Zeus packte Kronos am Unterarm, genau unter dem Griff der Sichel, und riss ihn hart zur Seite. Nicht, um ihn zu Boden zu bringen. Nur weit genug, dass zwischen ihnen der Blick auf die Setzung frei wurde.

    Der letzte Ring saß noch.

    Tiefer im Fels lag er, halb von altem Erz umschlossen, dort, wo die dunkle Linie aus dem schwarzen Splitter in einem engen Bogen hinunterlief. Wie einst die Verriegelung in die Tiefe gedrückt worden war, hing nun auch dieser Halt noch im Stein. Schon die vorherigen Brüche hatten den Rand geöffnet. Fels stand lose. Erz war aus dem Sitz gerissen. Das Metall saß nicht mehr sauber in seiner Fassung. Er hielt nur noch, weil noch etwas ihn trug.

    Im selben Schlag begriff Kronos, worauf er sah.

    Den Arm riss er zurück und fuhr mit der Sichel dazwischen. „Nein.“

    Als Zeus den Unterarm losließ, duckte er sich unter die Klinge und warf sich gegen die Wandung des Schachts, dorthin, wo der Ring saß. Seine Schulter traf den Fels. Die Hand fand die Kante des gesprungenen Sitzes. Die andere suchte die Linie, schwarz im aufgeplatzten Gestein, kalt unter Staub und Blut.

    Sofort kam Kronos nach, schlug nicht weit aus, weil kein Raum dafür war, stieß mit dem Knie gegen Zeus’ Hüfte, rammte ihm den Schaft der Sichel in den Rücken und drückte ihn vom Ring weg.

    „Nimm ihn heraus“, sagte er, jetzt nicht mehr nur befehlend, sondern scharf und schnell. „Zieh den Splitter aus dem Stein.“

    Mit dem Fuß stemmte Zeus sich gegen den Boden und hielt stand. Der Druck der Sichel schob ihn quer über Geröll. Tiefer griff er in den Riss und presste die Finger in den offenen Sitz des Ankers.

    Hinter ihm arbeitete der freie Kyklop schon nicht mehr nur an sich selbst. Beide Arme lagen jetzt am Rand des Durchgangs. Er zog an Fels und Kette zugleich. Weiter hinten hämmerten die Hekatoncheiren mit vielen Händen gegen Gestein und altes Erz. Jeder Schlag lief durch den Boden bis in Zeus’ Knie.

    Beim Krachen hatte Kronos den aufspringenden Riss vor sich; sein Atem ging kurz.

    „Du löst sie nicht nur.“ Härter drückte er mit dem Schaft. „Du reißt alles auf.“

    Er antwortete nicht. Er zog am Anker. Nichts gab nach. Den Griff verlagerte er, tastete die Bruchstelle des Sitzes, fand die Stelle, an der der Fels schon hohl klang, und trieb den Daumen hinein.

    Der Stein knackte.

    Aus dem Druck heraus hob Kronos die Sichel und schlug damit von oben auf Zeus’ Hand. Er zog sie im letzten Augenblick zurück. Die Klinge fuhr in den Rand des Spalts und blieb einen Atemzug im Erz hängen.

    Das genügte.

    Mit beiden Händen fuhr er an den Ring, stemmte den Fuß gegen die Wandung und riss.

    Der Ring bewegte sich, nur einen Fingerbreit.

    Doch zugleich liefen die dunklen Linien im offenen Gestein weiter, tiefer, breiter, nicht nur zu diesem einen Halt. Im Durchgang sprang ein neuer Riss unter den Füßen des freien Kyklopen auf. Hinter ihm schrien die Hekatoncheiren auf, nicht vor Schmerz. Vor Kraft.

    Mit einem Ruck riss Kronos die Sichel los und stieß Zeus mit der Schulter in den Rücken. Beide prallten gegen den aufgeplatzten Rand. Gestein brach unter ihnen weg und fiel in die Tiefe des Tartaros.

    Für einen Moment hielt keiner den anderen. Beide fingen nur den Stand.

    An Zeus vorbei blickend, sah Kronos in den geöffneten Gang. Vor ihm lagen der freie Oberkörper des Kyklopen, die gesprungenen Ringe an dessen Armen, die Hände der Hekatoncheiren, die schon weit vorn in der Setzung arbeiteten. Er sah den letzten Ring, der nur noch halb im Stein saß. Vor ihm lagen die schwarzen Läufe im Fels.

    Sein Gesicht veränderte sich kaum. Nur der Mund stand offen, und die Stimme kam härter heraus, lauter, als der enge Raum brauchte.

    „Du rufst den Krieg der Urmächte gegen mich.“

    Den Kopf hob Zeus. Blut lief ihm vom Kiefer auf den Hals. „Du hast sie gebunden.“

    Kronos stieß einen Laut aus, kurz, ohne Antwort, und griff wieder an. Diesmal nicht mit der Klinge zuerst. Mit dem ganzen Leib warf er sich auf Zeus, um ihn vom Ring fortzutragen. Die Sichel blieb tief an seinem Arm, bereit für den nächsten Schlag, wenn Zeus fiel.

    Den Stoß nahm Zeus an. Er wich nicht zurück in den Schacht, wo Kronos Raum gewonnen hätte. Zur Setzung hin drehte er sich mit ihm, fing das Gewicht an der Schulter, bekam den Arm um Kronos’ Seite und rammte ihn gegen den geborstenen Sitz des Ankers.

    Durch den Ring fuhr der Stoß, und ein dumpfer Laut kam aus dem Fels. Dahinter zerrte der Kyklop mit einem Schrei. Aus der Tiefe griffen mehrere Hände gleichzeitig unter Ketten und Gestein und hoben.

    Der letzte Ring sprang zur Hälfte aus dem Sitz.

    Direkt an seinem Ohr hörte Kronos es. Er fuhr zurück, wild jetzt, nicht mehr gesetzt. Die Sichel kam quer. Zeus hob den Unterarm. Die Klinge strich über Haut und Gewand, heiß und kurz. Er griff in derselben Bewegung nach Kronos’ Hand.

    und verdrehte ihr das Gelenk nach außen.

    Zurück riss Kronos den Arm. Die Sichel blieb in seiner Faust, aber der Griff lockerte sich für einen Schlag lang. Mit dem ganzen Gewicht nach vorn trat Zeus, Brust gegen Schulter, Stirn gegen Wange, und drückte ihn vom Ring fort. Unter ihren Füßen knirschte gelöstes Erz. Der halbe Sitz gab nach. Stein sprang aus der Wand und stürzte in die Dunkelheit.

    Mit beiden Armen zog hinter dem offenen Gang der freie Kyklop. Eisen schabte auf Stein. Ein geborstener Ring schnitt ihm in die Haut, doch er ließ nicht los. Durch den Spalt schoben sich neben ihm mehrere Hände der Hekatoncheiren, griffen unter Fesselreste, packten Ketten, rissen an Verankerungen, die noch tief im Gestein saßen. Voll war der enge Ort von ihrem Atem, ihrem Lärm, dem Reißen von Metall.

    Kronos hörte es. Dann sah er es. In seinem Blick lag nichts mehr von Befehl. Die Sichel hob er hoch und ging nicht zum Ring zurück. Gegen Zeus ging er.

    Steil fiel die Klinge. Mit beiden Händen fing Zeus den Arm ab, einen Augenblick vor dem Hals. Der Schlag drückte ihn zurück gegen die Setzung. Scharfe Kanten schnitten durch das Gewand an seinem Rücken. Der Titan stemmte nach. Sein Gesicht war dicht vor dem Sohn, der Atem hart, der Mund offen.

    „Ich hätte euch alle tiefer werfen sollen.“

    Zeus sagte nichts. Gegen den Arm schob er, nicht gegen die Klinge. Sein Fuß suchte Halt zwischen Splittern und Fesselresten. Er drehte die Hüfte und riss Kronos seitlich mit. Die Sichel fuhr ab, schlug in den angeknacksten Sitz des letzten Rings und fraß sich mit einem trockenen Laut in altes Erz.

    Für einen Moment blieb der Schlag fest hängen.

    Eine Hand ließ Zeus los und schlug mit dem Ellenbogen gegen Kronos’ Kiefer, einmal und noch einmal, bis dessen Kopf zur Seite fuhr. Zeus packte den im Stein steckenden Ringrest und riss mit.

    Der letzte Halt sprang.

    Es war kein einzelner Laut. Durch den ganzen offenen Rand lief ein Bruch nach dem anderen. Die dunklen Linien im Fels rissen weiter, auf einen Schlag, durch Stein, Erz und alte Fassung. Unter dem schwarzen Splitter platzte die Setzung auf. Von dort lief der Bruch in die Wand, in die Bodenkante, in die verrosteten Ringe, in jede Fessel, die noch trug.

    Aufschreiend standen im Durchgang die Kyklopen und Hekatoncheiren, diesmal offen, nicht aus der Tiefe, vorne.

    Ketten fielen. Erst eine, dann mehrere zugleich. Ein Ring brach direkt neben Zeus aus dem Stein und schlug ihm gegen das Bein. Ein Anker schoss aus seiner Fassung und fuhr an Kronos vorbei in den Schacht. Hinter dem offenen Gang kippte ein ganzer Block nach vorn. Hände fingen ihn nicht auf, sondern warfen ihn beiseite.

    Als Erster kam der freie Kyklop ganz durch. Er riss den letzten Rest einer gesprungenen Fessel von seinem Arm und trat an den Rand, breit, blutend, aufrecht. Hinter ihm drängten andere nach. Ein weiteres Auge erschien im Dunkel, dann Schultern, Glieder, Eisenreste, die noch an Ketten hingen und sofort abgerissen wurden. Unter ihnen hoben sich die Hekatoncheiren über den gebrochenen Absatz mit vielen Armen zugleich und kamen nicht mühsam hoch, sondern arbeitend, greifend, reißend.

    Einen Schritt zurück machte Kronos. Nur einen. Gleich versuchte er es wieder nach vorn. Die Sichel saß noch halb im zerschlagenen Sitz. Er riss daran, bekam sie frei und fuhr mit der Schneide gegen Zeus’ Seite.

    Zeus wich nicht aus. In den Schlag ging er. Die Klinge streifte unter seinem Arm vorbei und verlor den Weg zum Leib. Zeus schlug Kronos gegen das Handgelenk. Die Sichel sank. Im selben Moment griffen von links zwei große Fäuste nach dem Schaft, von rechts vier weitere nach Klinge und Griff.

    Brüllend zog Kronos mit aller Kraft.

    Stärker zogen die Hände der Hekatoncheiren.

    Die Sichel blieb einen Atemzug zwischen ihnen gespannt. Dann fuhr sie Kronos aus der Hand. Eine der vielen Hände warf sie nach hinten in den offenen Raum. Eisen schlug gegen Stein und verschwand tiefer unten.

    Stille kam nicht. Ohne Waffe stand nur Kronos.

    Ganz an Zeus vorbei trat der erste Kyklop, stellte sich zwischen ihn und den geöffneten Durchgang und sah Kronos an. Nach vorn kamen hinter ihm die anderen. Noch waren Kettenstücke an manchen Armen, an Schultern, an Hüften. Die Hekatoncheiren rissen sie im Gehen ab, an sich selbst und aneinander. Metall fiel klirrend auf den Rand und rutschte in die Tiefe. Niemand griff nach Kronos’ Befehl. Niemand wartete auf seine Stimme.

    Zeus sah sie aus dem Dunkel treten, blutig, schwankend, mit aufgescheuerten Handgelenken und Eisen an den Knöcheln. Manche hielten sich am Rand, manche richteten sich erst jetzt auf. Er sah nicht nur Helfer vor sich. Er sah die, die hier festgelegen hatten. Was offen war, durfte nicht wieder geschlossen werden.

    An ihnen vorbei in den Gang, der keiner mehr war, sah Kronos. Die alte Schließung hing offen und zerbrochen. Die dunklen Linien fraßen weiter durch die Setzung. Wo noch ein Ring saß, sprang er jetzt von selbst. Wo noch eine Fessel hielt, unter eigenem Zug brach sie. Der schwarze Splitter stand fest in seinem aufgeriss

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