Chapitre 9
Was der Vater barg
Der Bruch kam sofort. Der Hang fiel ab, die Suche draußen mit den Männern verschwand. Nur der enge Felsraum drängte um ihn, die Kälte im Gang und der Zustand eines Leibes, der ihm nicht mehr gehorchte.
Den Mund hielt er geschlossen, so fest es noch ging. Zeus’ Hand verharrte an seinem Kiefer. Der Becher stand wieder an der aufgerissenen Stelle. Ein Rest der dunklen Flüssigkeit lief über die Lippe, in den Mundwinkel, an Zahn und Zunge vorbei. Den Kopf wollte Kronos wegreißen. Der Stein hinter ihm nahm ihm den Raum. Er hob den Arm, traf Zeus am Unterarm, drückte, schob, riss. Während der Griff sich nicht löste, arbeitete der Krampf tiefer.
Unter dem Brustbein begann es. Es war nicht nur Schmerz, sondern eine Bewegung gegen die alte Richtung. Sein Bauch zog sich zusammen. Die Kehle spannte sich, bevor er Luft holen konnte. Er würgte trocken, dann nicht mehr trocken. Dunkles lief ihm aus dem Mund auf das Kinn. Zeus wich nicht zurück. Er hielt ihn schräg, sodass er nicht nach unten fallen konnte. Mitgedacht waren Ort, Weg, Trank und Hand. Gaia hatte alles gesetzt.
Mit beiden Händen stemmte er sich gegen Zeus, drückte ihn mit einem harten Stoß an die Wand, hörte den Fels am Rücken des Jüngeren. Für einen Augenblick hob sich der Druck am Kiefer. Kronos riss den Kopf vor, hustete, würgte, zog Luft ein, die sofort wieder in einem Laut endete. Etwas Hartes stieg in ihm hoch und blieb quer unter dem Hals stehen. Sein ganzer Leib spannte sich dagegen, doch nichts half. Noch ein Ruck ging durch ihn.
Aus ihm schoss der erste Körper mit einem Schwall.
Nach vorn brach er. Aus seinem Mund stürzte Flüssigkeit, Schleim, Atem, dann etwas Schweres, Warmes, Glattes von Nässe. Es schlug zwischen seinen Füßen auf den Stein. Vor ihm krümmte sich ein Leib im ersten Augenblick, dann zuckend, nach Luft suchend. Kronos sah nur Haut, Haar, Schulter, eine Hand, die auf dem Fels Halt suchte. Was in ihm verschwunden gewesen war, lag draußen.
Hinter Zeus drang ein Laut in den Raum. Rhea.
Am Eingang des Felsraums stand sie, enger noch gemacht durch zwei Körper hinter ihr, die nicht eintraten. Gaia war neben ihr, weiter zurück, unbeweglich. Rhea aber trat einen halben Schritt vor, beide Hände vor den Mund geschlagen, dann schon wieder davon weg, als müsse sie sehen, um glauben zu können. Ihr Blick hing nicht an Kronos oder Zeus. Er blieb an dem, was auf dem Boden lag und rang.
Das zweite traf den Boden seitlich neben dem ersten. Kleinere Schultern, dann ein Schrei, roh und leer vom ersten Atem. Der Laut fuhr durch den Gang. Rhea machte einen Laut zurück, der keinen Namen brauchte. Sie sank nicht nieder. Sie fiel auf die Knie. Ihre Hände griffen über den nassen Fels zu dem nächsten Leib, dann hielt sie inne, weil Kronos schon wieder würgte.
Jetzt konnte er nicht einmal mehr fluchen. Aus ihm kamen nur Laute des Brechens und des Atems. Mit jedem Stoß sackte er in den Knien weg. Zeus hielt ihn hart am Oberarm und unter dem Kiefer. Kronos hasste die Hand, den Sohn, den Plan darin. Er wollte nach ihm schlagen, aber die Kraft ging in den nächsten Krampf.
Rascher kamen der dritte und der vierte Leib. Der Felsboden wurde laut von Aufschlägen, Husten, Luftschnappen, von nassen Geräuschen, die nicht enden wollten. Zeus stand im Spritzwasser des Vaters und rührte sich nicht. Sein Atem ging kurz und hart. Einen Augenblick sah er nicht auf Kronos, sondern auf die Leiber am Boden. Sie waren nicht nur draußen. Sie lagen vor allen Augen im Fels, Beweis gegen den Vater, Zeichen für die, die am Eingang standen.
Rhea war jetzt mitten darin. Sie zog einen Körper an sich, tastete über Gesicht und Haare, ließ ihn los, weil der nächste neben ihr lag. „Hestia“, sagte sie heiser, und gleich darauf: „Demeter.“ Dann brach die Stimme. Beim nächsten Namen weinte sie schon. „Hera.“ Sie berührte Stirn, Wange, Schulter, hastig, ungläubig, als müsse sie mit den Händen prüfen, was der Blick nicht fassen konnte. Hinter ihr verharrte Gaia still. Nur einmal hob sie die Hand, um jemanden am Eingang zurückzuhalten.
Die Namen hörte er und hasste sie, nicht weil er sie nicht kannte, sondern weil sie wieder in der Welt waren.
Mit mehr Gewalt kam der fünfte. Kronos’ Rücken schlug gegen den Fels. Zeus wich dem Auswurf zur Seite aus, ohne den Griff zu lösen. Ein schwererer Leib glitt aus Kronos’ Mund und traf mit einem dumpfen Aufprall auf den Boden. Dann lag er da, keuchend, nackt von allem außer dem, was Geburt und Ausstoß zurückließen.
gelassen hatten. Zu ihm herum fuhr Rhea, auf den Knien über Nässe und Schleim, und packte mit beiden Händen seinen Kopf, als müsse sie ihn in der Welt festhalten. „Hades“, sagte sie, und diesmal brach der Name nicht weg. Er hallte durch den Raum. Der Mann auf dem Boden riss den Mund auf, holte Luft, hustete ihr gegen die Arme und versuchte sich hochzustemmen. Seine Finger fanden den Fels und glitten ab.
Den Namen hörte Kronos, den Leib vor sich, den Kreis der Zurückgekehrten, der sich schloss, und noch während der Gedanke in ihm aufstieg, zog es erneut in seinem Innern. Tiefer jetzt, härter als bei den anderen. Sein Inneres zog sich zusammen, der Hals spannte sich so heftig, dass ihm das Wasser aus den Augen schoss. Er versuchte, die Lippen zusammenzupressen. Schon saß Zeus’ Hand wieder an seinem Kiefer. Der Daumen drückte in die eine Seite, die Finger in die andere. Kronos biss auf Fleisch und bekam den Mund doch nicht zu.
Aus ihm riss sich ein Laut, kurz und unwillkürlich. Der nächste Stoß folgte.
Schwerer als die ersten war der Leib, der aus ihm herausgedrückt wurde, und stemmte sich lebendig dagegen. Die Schultern verkeilten sich ihm im Hals. Kronos rang nach Luft und bekam keine. Sein Brustkorb stemmte sich gegen den Griff, gegen den Fels im Rücken, gegen die Gewalt in ihm. Schräg hielt Zeus ihn, zwang den Kopf höher, und der Körper glitt in einem nassen Ruck frei.
Auf den Boden schlug er, rollte einmal über die Schulter und blieb auf allen vieren liegen. Als ein Husten durch ihn fuhr, hob er den Kopf.
Sie starrte ihn an. Für einen Herzschlag sagte sie nichts. Vor ihr kniete ein kräftiger Leib, Nässe auf Rücken und Armen, dunkles Haar im Nacken, die Hände breit auf dem Stein. Kaltes Wasser glänzte auf der Haut. Den letzten Schritt nahm sie auf den Knien und griff nach ihm.
„Poseidon.“
Klarer als jeder der vorherigen traf der Name den Felsraum. Ihre Stimme blieb fest. Der Mann vor ihr drehte den Kopf zu ihr, noch ohne volles Verstehen, hustete wieder, schluckte Luft und schob ein Knie vor. Rhea legte die Hand an seine Wange. „Poseidon“, sagte sie noch einmal, leiser, aber fest. „Mein Sohn.“
Damit war es vollzählig.
Im selben Augenblick wusste er es und hasste es: Hestia und Demeter, Hera, Hades, Poseidon, draußen, vor ihm, bei ihr. Benannt. Nicht mehr in ihm gebunden, nicht mehr stillgestellt, nicht mehr seinem Zugriff unterworfen. Leer verharrte sein Leib gegen sie alle. Die Leere war nicht Frieden. Sie machte ihn nur leichter für den nächsten Hass.
An dem Arm, den der Sohn hielt, riss er, bekam den Ellenbogen frei und schlug nach ihm. Der Schlag blieb kurz und ohne Stand. Zeus fing ihn mit der Schulter ab, drückte den Arm zurück und stieß Kronos wieder gegen den Fels. Luft zog Kronos ein, um zu fluchen, und würgte stattdessen.
Noch bevor er es selbst merkte, spürte sein Gegenüber es. Härter wurde der Griff an seinem Oberarm. Der andere an der Kieferlinie verschob sich und hielt den Mund offen, obwohl Kronos den Kopf wegzudrehen versuchte. Diesmal stieg kein Leib auf; klein und unerbittlich war, was hochkam. Hart. Es rammte ihm von innen gegen den Hals. Kronos röchelte. Für einen Augenblick dachte er, es werde ihn daran ersticken. Sein ganzer Körper spannte sich. Die Sehnen am Hals traten hervor. Wieder griff er nach seiner Kehle, wieder vergeblich.
Rhea hob den Kopf. Am Eingang des Raumes machte Gaia den ersten Schritt.
Zwischen Zeus’ Arm und seiner eigenen hochgerissenen Hand erkannte Kronos sie. Schnell kam Gaia nicht. Sie musste nicht schnell sein. Ihr Blick ruhte auf ihm, dann auf seiner Kehle, dann auf dem, was dort arbeitete.
Noch ein Krampf ging durch ihn. Der harte Gegenstand sprang ihm aus dem Mund, schlug gegen sein Kinn, fiel mit einem helleren Laut als Fleisch auf den Boden und rollte zwischen die nackten Füße der Zurückgekehrten. Er stieß an einen Vorsprung im Fels und kam zur Ruhe.
Niemand sprach im ersten Moment.
Kronos hing gegen den Stein und rang keuchend nach Luft. Schleim zog ihm aus dem Mundwinkel. Der Husten der Zurückgekehrten lag noch im Raum, rau und unregelmäßig, und keiner machte den ersten Schritt zu dem, was zwischen ihren Füßen lag.
Kronos blickte hinab und erkannte den Stein.
Den Stein hatte Rhea ihm gegeben, und er hatte ihn genommen, geschluckt. Der Betrug, den er einst hinuntergezwungen hatte, lag jetzt wieder draußen und blank vor allen Augen.
Rhea wich nicht zurück. Ihr Gesicht veränderte sich kaum, aber ihre Hand, die noch an Poseidons Nacken lag, spannte sich. In ihr lebte dieselbe Erinnerung.
Zeus ließ Kronos nicht los, doch sein Blick ging sofort zum Boden. In seinem Blick lag das Erkennen.
In seinem Blick lag das Erkennen, obwohl er den Tausch nicht erlebt hatte. Er erkannte, was dieser Stein für die beiden bedeutete und was er für den Mann bedeutete, den er gegen den Fels hielt.
Auch er erkannte es. Noch ehe der nächste Atem ganz in ihn zurückgekehrt war, warf er sich nach vorn. Seine Knie gaben kurz nach, sein Magen zog sich noch einmal zusammen, und der bittere Geschmack lag ihm schwer auf der Zunge. Er würgte trocken, rang den Atem zurück und stürzte sich nicht weg von Zeus, sondern hinab. Seine freie Hand fuhr zwischen die Füße der Kinder, griff nach dem Stein, schrammte über den Fels und traf nur Leere. Hestia wich den Fingern aus. Demeter zog Hera am Arm zurück. Poseidon fand noch keinen festen Halt und stolperte einen halben Schritt gegen Rhea. Hades sagte nichts. Er engte den Raum nur ein, indem er stehen blieb und auf Kronos hinabblickte.
Als Zeus Kronos hart zurückzog, schlug dessen Hinterkopf gegen den Fels. Ein dumpfer Laut hallte kurz im Raum. Kronos riss den Mund auf, stieß Luft durch die Zähne und starrte weiter zum Boden, auf den Brocken, den er nicht erreicht hatte. In seinem Gesicht zeigte sich nichts von dem alten Anspruch, ruhig oder groß zu wirken. Offener Hass lag darin, der keinen Besitz mehr deckte.
Am Eingang blieb Gaia stehen. Von dort aus zeigte sich die neue Ordnung des engen Raums deutlicher, als Kronos sie erfassen konnte. Nicht mehr er drängte sich zwischen die anderen und ihren Ausgang. Seine Kinder scharten sich vor ihm, bei Rhea, unter Zeus’ Arm, Schulter an Schulter, noch unsicher in den Gliedern, mit flachem Atem und zitternden Beinen, und doch schon gesammelt. Der Ort, den er sich hatte aufbrechen lassen, trug ihn nicht mehr.
Rhea hob den Kopf. Ihre Stimme glitt ohne Eile durch den Felsraum. „Sieh hin.“
Auf sie reagierte Kronos nicht. Seine Augen hingen an dem Brocken.
„Sieh hin“, sagte Rhea noch einmal, jetzt schärfer. „Das hast du genommen. Nicht ihn.“
Ihr Blick glitt kurz zu dem Brocken, dann wieder zu Kronos. Sie sprach nicht laut. Gerade darum musste niemand nachfragen, was sie meinte.
An dem Arm, den Zeus hielt, zog Kronos. Wieder ohne Halt. Seine Hand krallte sich in den Unterarm des Sohnes, drückte, glitt ab, fand keinen Griff, der etwas änderte. Zeus stemmte das Bein weiter vor Kronos’ Schritt und hielt ihn dort, wo Gaia ihn hatte haben wollen: aufrecht, geöffnet, ohne Raum für Wucht.
Gaia erkannte, wie er das begriff und weiter dagegen arbeitete, obwohl sein Leib ihm nichts mehr gab. Der Trank hatte getan, wofür sie ihn bereitet hatte. Nicht Glieder oder Blick hatte sie gegen ihn gerichtet, sondern das, was Kronos aus sich gemacht hatte. Alles, was er genommen hatte, war gegen ihn gewendet worden und ihm wieder entzogen.
Rhea löste die Hand von Poseidons Nacken und trat einen Schritt vor. Sie musste nicht weit gehen. „Keines trägst du mehr in dir“, sagte sie.
Jetzt hob er den Kopf. Zum ersten Mal seit dem Brocken heftete er den Blick ganz auf sie. In seinem Blick lag ein kurzes, nacktes Stocken. Einen Schlag lang hielt es an, dann trat der Hass wieder darüber.
Aber das Stocken hatte gereicht. Gaia erkannte es. Rhea hatte ausgesprochen, was sein Leib schon nicht mehr verbergen konnte. Nichts war mehr in ihm, das er noch festhalten, verschließen, vorzeigen oder zurückholen konnte. Weder Kind noch Stein.
Still verharrte der Raum. Hestia blieb dicht bei Rhea. Demeter hatte den Arm noch um Hera gelegt. Poseidon atmete schwer und hob das Kinn, obwohl seine Knie ihn fast wieder verrieten. Hades stand etwas zurück, aber sein Blick wich nicht von Kronos. Zeus allein berührte ihn noch, und diese Berührung war Zwang.
Zeus bewegte sich.
Ohne den Griff an Kronos ganz aufzugeben, trat er mit dem freien Fuß nach vorn, setzte ihn neben den Brocken und schob ihn mit der Sohle aus Kronos’ Reichweite. Das Schaben auf dem Fels war klein, aber es schnitt durch die Stille. Kronos fuhr noch einmal vor, aus bloßer Reaktion. Zeus drückte ihn sofort zurück.
Tiefer ging Zeus erst in die Knie, als er Kronos mit einer Hand weiter am Kiefer festhielt und mit der anderen hinabgriff. Seine Finger schlossen sich um den Stein. Der Brocken war schwer. Am Zug in seinem Arm zeigte es sich, als er ihn hob. Er hob ihn dennoch ohne Hast und richtete sich wieder auf.
Kronos’ Blick sprang vom Gesicht des Sohnes zu dessen Hand.
Rhea sah den Stein in Zeus’ Hand und senkte die Lider nur einmal.
Rhea hob den Blick wieder und trat noch einen Schritt vor, bis sie neben Zeus stand, nicht hinter ihm. Leise klang ihre Stimme. Gerade deshalb hörte jeder sie.
„Den Stein nahmst du statt deines Sohnes.“
Niemand bewegte sich. Am Eingang jedoch wartete Gaia, und der Satz fiel in den Raum und blieb liegen. Keiner der Anwesenden wich ihm aus, Hestia ebenso wenig wie Demeter, Hera, Hades und Poseidon. Der Jüngste am wenigsten. Selbst Kronos wich ihm nicht aus. Er konnte es nicht. Der Brocken lag offen in der Hand des Sohnes, und Rhea hatte das genannt, was so lange im Verborgenen gehalten worden war.
Hart hob sich Kronos’ Brust. Noch lag das Würgen im Raum, der bittere Geruch des Ausgespieenen, das heisere Nachholen von Atem. Poseidon stand nur mit Mühe aufrecht. Hera presste die Lippen zusammen. Hades hielt die Schultern starr, als dürfe nichts mehr aus ihnen heraus. Der Schock saß ihnen allen noch im Leib, als Rhea weitersprach. Er stemmte sich noch einmal gegen den Halt an seinem Kiefer, gegen den Arm des Sohnes, gegen die Enge des Felses, gegen alles, was ihn festlegte. Ohne Überlegung stieß er vor, auf eine Weise, die Gaia kannte. Sie entsprang nicht dem Denken. Sie erwuchs aus dem Anspruch, dass etwas noch immer gehorchen müsse, wenn er nur danach griff. Er riss den Arm vor, den Zeus ihm gelassen hatte, und seine Hand zuckte nach dem Stein.
Sofort nahm Zeus den Stein zur Seite, eng an den eigenen Leib, und drehte sich nur so weit, dass Kronos ins Leere griff. Im selben Zug drückte er Kronos mit der anderen Hand zurück. Der Kopf des Vaters stieß hart gegen den Fels hinter ihm. Kurz hallte das Geräusch auf, und Kronos fuhr wieder hoch, aber nicht weit. Zeus hielt ihn.
„Nicht deiner“, sagte Rhea.
„Keines trägst du mehr in dir“, sagte sie. „Keines.“
Die Worte standen nun nicht mehr nur zwischen ihr und ihm. Gaia spürte den Unterschied am Schweigen der anderen. Vorher hatte Wissen zwischen wenigen gelegen: im Felsweg, im Becher, in der Hand, die ihn gereicht hatte, in der Mutter, die den Tausch getragen hatte. Jetzt zeigte es sich offen zwischen Vater, Mutter und Kindern. Fragen musste niemand mehr, glauben ebenso wenig, da der Stein sichtbar dalag. Die Kinder waren da. Kronos stand vor ihnen ohne beides.
Poseidon richtete sich weiter auf, trotz des Zitterns in den Beinen. Aus dem kleinen Abstand trat Hades vor, den er bisher gehalten hatte. Ein Stück nur, weit genug, dass er nicht mehr am Rand stand. Hestia blieb bei Rhea. Demeter hielt Hera noch immer am Arm, doch ihre Hand war nicht mehr nur stützend; sie hielt sie auch zurück. Hera selbst hatte den Blick fest auf Kronos gelegt, ohne das Gesicht abzuwenden.
Gaia sah, wie sich aus dem Taumel etwas Neues schob. Kein Jubel lag darin, kein Ende der Erschütterung. Nur Atem, der wieder gleichmäßiger ging, und Blicke, die nicht mehr suchten, sondern standen. So zeichnete sich die Ordnung ab. Ungesprochen, ungesetzt, unverkündet: Kronos auf der einen Seite, die anderen auf der anderen.
Kronos erkannte es ebenfalls. An seiner Unruhe zeigte sich das. Sein Blick sprang nicht mehr nur zwischen Rhea und Zeus. Er lief zu jedem Einzelnen, schnell, hart, prüfend, als suche er noch den einen Riss, durch den er greifen konnte. Bei keinem blieb er hängen. Bei keinem fand er Nachgeben. Als sein Blick Gaia traf, hielt er einen Schlag länger.
Sie wich nicht.
Der Schmerz in ihrem Gesicht war noch da, tief und dumpf, wo seine Hand sie getroffen hatte. Noch saß der Stoß gegen den Felsen in Schulter und Rücken. Sie erinnerte ihren Leib nicht eigens daran; er tat es selbst. Nun stand sie wieder am Zugang, von dem er sie weggestoßen hatte, und blickte darauf, wie er an dem Ort festsaß, den sie für ihn gewählt hatte.
„Du hast ihn nie gehabt“, sagte Rhea.
Kronos riss den Blick von Gaia los und zu ihr zurück. Sofort flammte der Hass auf und lag für Gaia offen. Er war nicht kleiner geworden. Aber er trug nichts mehr. Er griff nach nichts, das noch bei ihm lag. Er zeichnete sich bloß in seinem Gesicht ab.
Zeus ließ endlich den Griff an seinem Kiefer sinken, doch nur, weil er ihn nicht mehr brauchte. Dennoch drang Kronos nicht vor, denn vor ihm standen die Kinder. Seitlich befand sich Rhea. Am Eingang Gaia. Der Weg aus dem Felsraum war offen und zugleich verschlossen.
Kronos blieb stehen.
Darin erkannte Gaia keine Größe und keine Würde. Nur die Tatsache, dass er jetzt vor den Kindern hielt, die er einst in sich verschlossen hatte und die nun den Raum gegen ihn nahmen. Er hätte durch sie hindurchmüssen, um an den Stein zu kommen. Platz machte ihm keiner, und Zeus ging weiter. Ein Schritt. Noch einer. Er trat aus der engen Stelle des Felsraums an den Eingang heran, auf die Seite, auf der Gaia stand. Für einen Augenblick kamen sie einander nahe genug, dass sie den Zug in seinem Arm sah, mit dem er das Gewicht trug.
Des Steins hielt.
Registriert wurde es von ihm. Sein Blick strich an Zeus vorbei zum Ausgang, glitt zurück über das graue Gewicht in Zeus’ Hand und weiter zu Gaia. Er verstand, dass der Weg noch offen war und doch nicht mehr ihm gehörte. Der Raum hatte ihn bis hierher getragen. Weiter trug er ihn nicht.
Gaia verharrte, die Hand locker an der Seite. Neben ihr stand Zeus mit dem Stein, vor ihnen die Kinder, hinter Kronos der enge Felsraum, in dem er sie festgehalten hatte. Rhea trat nicht vor, aber sie wich auch nicht zurück. Niemand tat es.
„Vater“, sagte sie.
Durch das Schweigen schnitt das Wort, weil es aus ihrem Mund zum ersten Mal kam. Kronos fuhr zu ihr herum. Für einen Augenblick lag in seinem Gesicht etwas, das nicht Herrschaft war, nicht Zorn allein, sondern hastiges Greifen nach einem Recht, das er noch einmal hören wollte.
Hera riss es ihm fort, ehe er es fassen konnte.
„Nenn dich nicht so vor uns.“
Ihren Arm umklammerte Demeter nicht mehr. Sie stand aus eigener Kraft, und ihre Stimme brach nicht. Hestias Blick blieb auf Kronos gerichtet. Hades und Poseidon wichen keinen Schritt. Zeus rührte sich nicht. Rhea schloss kurz die Augen und öffnete sie wieder. Noch lag der bittere Geruch des Gewürgs im engen Raum, und zwischen den Kindern stand die Erschöpfung wie ein eigener Leib.
Kronos’ Brust hob sich hart. Er ragte vor ihnen auf und hatte auf keines dieser Gesichter Zugriff, weder auf die Mutter noch auf die Kinder, nicht auf den Sohn mit dem Stein und nicht auf die Frau am Ausgang. Selbst der Hass, den Gaia in ihm las, fand keinen Weg mehr, der ihm etwas einbrachte.
Zur Sichel glitt seine Hand.
Sofort registrierte Gaia die Bewegung. Das graue Erz lag noch immer bei ihm, das Werkzeug, das sie selbst geformt hatte. Er zog es mit der rohen Hast eines Mannes, dem alles andere entglitten war. Die schmale Schneide kam ins Licht des Eingangs. Durch die Reihe der Kinder ging kein Laut, nur Poseidon spannte den Kiefer an, während Hades den Fuß fester stellte. Zeus verlagerte das Gewicht des Steins.
„Da ist sie also“, sagte die Titanin.
Zu ihr zuckte Kronos’ Blick, dunkel und offen feindselig.
„Die Hand, die den Vater traf“, sagte sie. „Und nun hebt sie sich gegen den Sohn.“
„Schweig“, stieß Kronos hervor.
Sie tat es nicht.
„Du hast sie behalten, obwohl sie nicht dein Gesetz war. Du hast mit ihr genommen und dann gehütet, was du genommen hattest. Nun endet sie in demselben Haus.“
Nicht mit Worten antwortete er. Mit einem kurzen, harten Schritt ging er vor, auf Zeus und den Stein. Das Ziel war sichtbar.
Schnell und tief geführt kam der erste Schlag. Zeus wich nicht zurück in den Ausgang, sondern drehte den Körper knapp zur Seite, der Stein schwer in der linken Hand, die rechte frei. Die Sichel strich an ihm vorbei und traf nur Luft. Kronos zog sofort zurück und setzte nach. Diesmal ging die Schneide höher. Zeus hob den Arm, fing das Handgelenk ab und bekam das graue Erz nicht zu fassen, nur die Bewegung. Der Stoß trieb beide einen Schritt gegeneinander.
Mit aller Kraft hineingehen sah die Urmutter Kronos, nicht nur mit dem Arm, sondern mit Schulter, Rücken und Beinen, mit dem ganzen Leib, der noch vor kurzem die Kinder eingeschlossen hatte und jetzt leer vor ihnen stand. Zeus hielt stand, ohne Boden preiszugeben. Der Stein blieb bei ihm. Mit der freien Hand drückte er Kronos’ Waffenarm von sich weg, während die Schneide zwischen ihnen zitterte.
Kronos riss sich los und schlug quer. Zeus duckte sich unter der Bewegung weg. Der Rand der Sichel streifte seinen Oberarm, mehr nicht. Hera sog scharf Luft ein. Rhea machte einen halben Schritt vor, verharrte dann, weil Zeus sie nicht brauchte.
„Sieh hin“, sagte sie, laut genug für alle. „Der Sohn aus deinem Haus steht vor dir, und du bringst ihn nicht zu Boden.“
Kronos brüllte auf und ging ein drittes Mal vor. Diesmal war es kein geordneter Schlag mehr. Es war Wut, gerade und blind auf Zeus geworfen. Zeus nahm den Angriff an. Er ließ den Stein fallen, nicht weit, nur an den Rand des Eingangs, wo er mit schwerem Laut aufsetzte und liegen blieb. Im selben Augenblick griff er mit beiden Händen nach Kronos’ Arm. Die Sichel fuhr hoch, stockte, drückte gegen den Widerstand, kam nicht weiter. Zeus drehte das Handgelenk hart nach außen, doch Kronos hielt dagegen.
In seinem Unterarm traten die Sehnen hervor. Das Erz zitterte. Einen Augenblick rangen beide so, dicht am Eingang, jeder sichtbar für alle, der Vater mit der Waffe, der Sohn an seinem Arm. Dann brach die Linie in Kronos’ Griff.
Aus Kronos’ Hand löste sich die Sichel.
Seitwärts aus Kronos’ Reichweite, tief in den Felsraum zurück, schleuderte Zeus sie. Das graue Erz schlug gegen Stein und fiel scheppernd zu Boden.
Gaia hörte.
Noch einmal hörte Gaia das Erz anschlagen, weiter hinten, dann nicht mehr. Im Fels starb der Laut. Nichts lag mehr in seiner Hand.
Einen Schritt vor Zeus stand er, die Finger noch gekrümmt, die leere Rechte halb erhoben, der Atem offen und hart. Sein Blick fuhr nicht in den Raum, dorthin, wo die Sichel gefallen war. An dem Sohn blieb er hängen und sprang tiefer an ihm vorbei, zu dem Block am Rand des Eingangs.
Als Kronos sich bewegte, ging der Sohn sofort mit. Er warf sich nicht auf ihn, sondern schnitt ihm nur den Weg ab, trat zwischen den Vater und den Block, breit und fest, die Arme frei, den Körper nach vorn gesetzt. Kronos stieß gegen ihn, Schulter gegen Brust, und versuchte, sich seitlich durchzudrängen. Zeus hielt ihn auf. Beide rutschten einen halben Schritt über den Boden, mehr nicht.
Gaia wich nicht.
Im Eingang stand sie, dort, wo sie seit Beginn gestanden hatte, und vor ihr lag alles offen. Weder Sichel noch Block in seinen Händen, kein Kind mehr in seinem Leib. Hinter dem Sohn standen die, die er gehalten hatte. Vor ihm stand keiner.
„Du kommst nicht mehr an ihn“, sagte Rhea.
Über das Atmen und das Scharren der Füße schnitt ihre Stimme. Nicht zu Gaia sprach sie. Zu Kronos sprach sie, laut genug für alle.
Kronos fuhr zu ihr herum. In dem kurzen Öffnen seines Standes griff der Sohn nach seinem Arm, nicht brutal, nur schnell genug, um ihn noch weiter vom Eingang fortzuziehen. Kronos riss sich los, taumelte einen Schritt und fing sich. Er hob die leeren Hände, eine nach der andern, als könne er noch etwas zurückfordern, das bereits aus ihm heraus und von ihm weggebracht worden war.
„Er ist nicht dein Zeichen“, sagte Rhea. „Nie gewesen. Du hast ihn genommen, weil du nicht sahst, was du fraßt.“
Niemand unterbrach sie, nicht einmal er. Durch den offenen Mund atmete Kronos, der Hals gespannt, die Augen erst auf sie, dann auf den Sohn. Er suchte eine Lücke. Es gab keine.
„Du trägst kein Kind mehr in dir“, sagte Rhea. „Hörst du? Keines. Nichts ist dir geblieben.“
Hinter dem Sohn und neben Rhea standen die Kinder, noch nicht dicht, noch nicht gelöst voneinander, aber sichtbar zusammen. Niemand trat zu Kronos oder hob die Hand für ihn. Seine Sache vertrat keiner. Von einem zum andern glitt Gaias Blick und wieder zurück; das genügte, und Kronos begriff es.
Nicht durch Worte sagten sie es ihm, denn niemand stellte sich zu ihm.
Für einen Augenblick blieb er stehen. Sein Brustkorb hob und senkte sich weiter. Seine Hände öffneten und schlossen sich. Doch er ging weder auf Gaia noch auf Rhea. An ihnen vorbei glitt sein Blick, über sie hinweg in die Gesichter seiner Kinder, und dort fand er nichts, was ihm gehörte.
Seinen Blick hielt Gaia, als er zu ihr kam. Ihren Namen warf er ihr nicht entgegen. Keinen brauchte er. Er wusste, wer ihn hierher gebracht, wer den Weg gedeckt, wer den Sohn in den Fels gelassen hatte. Gaia antwortete nicht. Es gab nichts mehr zu verbergen und nichts mehr zu verhandeln.
Nach dem Brocken bückte sich Zeus, hob ihn wieder mit beiden Händen an und trat den letzten Schritt bis an die Schwelle. Neben Gaia war kaum Raum. Er nahm ihn sich. Mit einer kurzen Wendung stellte er den Brocken aufrecht, dicht am Eingang, dort, wo jeder, der aus dem Fels sah oder in ihn hineinblickte, ihn sehen musste. Einen Atemzug lang blieben seine Hände daran. Der Stein war nicht nur fort aus dem Leib des Vaters. Er stand vor allen Augen.
Aufrecht stand der Stein am Eingang.
Nicht in seinen Armen, nicht in seinem Leib, nicht unter seiner Hand.
Kronos starrte ihn an. Einmal noch setzte er an, schnell, fast aus dem Stand. Der Sohn fing ihn ab, bevor seine Finger den Rand erreichten. Mehr war es nicht: der letzte erfolglose Griff eines Mannes, der zu spät kam.
„Diesen hast du genommen“, sagte Rhea. „Den Sohn nicht.“
Ohne Zittern sprach sie es, vor den Kindern, vor Gaia, vor Kronos.
„Du wolltest ihn fressen. Du nahmst den Stein.“
Wie die Worte trafen, sah Gaia. Nicht verborgen, nicht innen, sondern dort, wo alle es sehen konnten: in dem kurzen Zögern seines nächsten Atems, in der Starrheit seines Kiefers, in dem Blick, der nicht von dem Stein loskam. Er wusste längst, was geschehen war.
Der Bruch lag offen im Raum: Nicht mehr das Würgen, nicht mehr das Ausstoßen bestimmte die Halle, sondern das, was danach stehenblieb. An der Schwelle, wo der Felsraum in den Gang überging, stand der Stein aufgerichtet neben Gaia. Hinter ihnen lag die verwüstete Halle, vor ihnen der engere Fels. Im Wechsel des Ortes und Zustands wurde etwas sichtbar, das eben noch niemand bemerkt hatte.
Zuerst entdeckte Gaia es.
Weder an der Vorderseite, wo Hände den Stein geglättet hatten, noch an der Kante, die er eben noch getragen hatte. Tief in einem aufgerissenen Riss saß etwas Schwarzes, schmal, hart, ohne den matten Ton des übrigen Gesteins. Es war kein Fleck. Ein Stück darin, fremd und doch nicht fremd genug, um ihr verborgen zu bleiben. Sie kannte den Bruch vom Opferplatz und den Druck des alten Verschlusses; deshalb erkannte sie, was hier nicht zum Stein gehörte.
Sie trat nicht zurück, und ihre Hand hob sich nicht. Reglos stand sie.
Kronos hatte ihren Blick bemerkt, bevor sein Sohn auf ihn achtete. Es zuckte über sein Gesicht. Er erkannte es. Sein Körper spannte sich mit einer plötzlichen Entschiedenheit, die nicht dem Stein galt, den Rhea eben benannt hatte, sondern diesem einen dunklen Einsatz darin.
Mit den Augen folgte Zeus der Bewegung seines Vaters und drehte den Kopf zu dem Findling, während seine Hand schon wieder am Rand lag.
„Nicht der Stein allein“, sagte Gaia.
Ihre Stimme ging nicht hoch. Sie musste sie nicht heben. Die Kinder hinter Zeus waren still genug, dass jedes Wort seinen Platz fand.
Zeus blickte zu ihr.
Den Blick nicht von dem schwarzen Splitter lösend, sagte sie: „Das dort stammt nicht von hier.“
Kronos machte einen Schritt. Zeus stellte sich sofort zwischen ihn und den Stein. Diesmal schneller als zuvor. Noch entstand kein Ringen. Nur diese eine gesetzte Grenze, vor der er stehenblieb. Seine Finger spreizten sich. Er zog die Hand leer zurück.
Sie sprach weiter und richtete es jetzt an Zeus, ohne Kronos aus den Augen zu lassen. „Er ist hinabgegangen zu den Fugen. Zu der Tiefe, die unter allem liegt. Ich habe ihn gewarnt.“
Rhea sagte nichts. Doch ihr Kopf hob sich leicht, und auch die anderen Kinder schauten nun nicht mehr nur auf Kronos, sondern auf den Stein.
„Ich habe ihm gesagt, er soll sie nicht dort unten lassen“, fuhr Gaia fort. „Die Kyklopen. Die Hekatoncheiren. Ich habe ihm gesagt, er soll den Zugang nicht schließen.“
Kronos’ Mund verzog sich, aber er unterbrach sie nicht.
Nicht um zu klagen, erinnerte Gaia. Sie nannte die Tat, mit ihrem Grund, nicht mit fremdem Gestein. „Er hat es dennoch getan. Er riss, was zu mir gehörte, aus mir heraus und verkeilte es in den Abstieg.“
Am Gestein blieb Zeus’ Hand liegen, seine Finger drückten fester zu. Der Blick, mit dem er Kronos hielt, veränderte sich nicht; nur seine Aufmerksamkeit teilte sich jetzt zwischen dem Vater und dem, was Gaia sagte.
„Darum blutete ich, als ich wieder heraufkam“, sagte Gaia leise.
Niemand fragte nach dem Blut. Es lag in der Art, wie sie es sagte: Beweis.
Kronos stieß den Atem aus. „Genug.“
Kurz schnitt das Wort durch den Raum, und Gaia hob den Blick zu ihm.
„Nein“, erwiderte sie.
Mehr brauchte sie nicht. Sie sprach weiter, und jeder in der Halle hörte, dass sie jetzt nicht mehr vom verschlungenen Kind sprach und nicht mehr von Rhea und ihrem Tausch. „Was ihr dort seht, ist nicht bloß der Stein, den er anstelle des Kindes nahm. Es ist sein älterer Verschluss. Seine Hand steckt noch darin.“
Zeus drehte den Stein ein wenig, nur so weit, dass der Riss besser ins Licht kam. Jetzt erkannten es auch die anderen klarer: den dunklen Kern, der nicht mit dem übrigen Gestein gewachsen schien, sondern darin festsaß.
Gaia nickte einmal, knapp, und keines der Kinder antwortete sofort. „Das ist aus dem Tartaros.“
Das Wort fiel schwer in die Stille. Selbst Kronos schwieg einen Herzschlag lang, dann setzte er sich in Bewegung.
Es war kein blinder Sprung. Gaia erkannte, worauf er ging. Nicht auf Zeus’ Kehle oder Rhea oder sie. Auf den Stein, auf die Stelle, auf den schwarzen Splitter darin.
Zeus fing ihn ab. Diesmal krachte es hörbar, als die Körper aufeinandertrafen. Der Stein schwankte an der Schwelle, blieb aber stehen. Hinter Zeus wichen die Geschwister nicht auseinander, und keiner rief ihn zurück. Keiner trat vor Kronos. Sie ließen Zeus den Raum, den Griff, die Entscheidung.
Kronos versuchte, an seiner Schulter vorbei mit der linken Hand den Riss zu erreichen. Zeus schlug den Arm beiseite. Kronos setzte sofort nach, tiefer, hart, mit vollem Gewicht nach vorn. Zeus hielt dagegen. Ihre Füße schoben Staub und Splitter über den Boden. Unter ihren Körpern verengte sich der Eingang.
„Rühr ihn nicht an“, sagte Kronos, jetzt war es ausgesprochen. Nicht den Stein oder mich. Ihn.
Zeus hörte das. An Gaia sah es
Zeus nahm das zur Kenntnis. An Gaia wirkte es auf niemanden mehr wie Zweifel. Selbst Kronos hatte gesagt, worauf seine Furcht ging.
An der Schwelle trat sie nicht vor, hielt Kronos’ Blick, als er für einen kurzen Schlag zu ihr fuhr. In seinem Gesicht lag keine Bitte. Nur Hass und etwas, das er sonst verborgen hatte.
„Natürlich nicht den Stein“, entgegnete Gaia. Ihre Stimme klang flach. „Den erkennst du wieder. Das dort erkennst du auch. Ich kenne den Verschluss und den Opferplatz, weil ich beides schon sah, als du die Tiefe schlossest.“
Kronos wand sich halb aus dem Druck von Zeus’ Schulter frei und setzte erneut nach dem Riss im Stein. Zeus fing den Griff mit beiden Händen ab und stieß ihn seitlich zurück. Kronos’ Fuß schlug hart gegen den Sockel des aufgerichteten Steins. Der schwarze Splitter im Riss blieb sichtbar, schmal, dunkel, fest im Gestein.
Rhea sagte nichts. Hinter Zeus stand sie mit den anderen Kindern. Keines wich zurück oder senkte den Blick. Hestia hatte die Hände offen an den Seiten, starr vor Anspannung. Demeter verharrte mit festem Kiefer. Hera sah auf ihren Vater. Hades hatte den Kopf leicht gesenkt, aber seine Augen lagen auf der Hand ihres Vaters. Poseidon hielt sich breit und still, bereit, ohne sich vorzudrängen.
Gaia hob den Arm und zeigte auf den dunklen Einsatz im Stein. „Dort“, sagte sie zu Zeus, nicht zum Titanen. „Sieh genau hin.“
Zu ihr herum fuhr Kronos. „Schweig.“
„Du hast nicht geschwiegen, als du die Tiefe verriegeltest“, erwiderte Gaia.
Ein Laut ging durch die Halle, klein und scharf, kein Wort. Er kam von keinem Einzelnen, eher aus dem Atem derer, die zuhörten und jetzt begriffen, dass sie nicht von einem fremden Stück Stein sprach, sondern von einer Tat.
Einen Schritt auf sie zu machte Kronos.
Sofort trat Zeus dazwischen. Er drückte ihn zurück, den Unterarm gegen die Brust, und diesmal lag keine Zurückhaltung mehr in der Bewegung. Kronos geriet einen halben Schritt ins Stolpern, fing sich und griff blind nach Halt. Seine Hand strich über den Stein, aber nicht bis zum Splitter. Wieder zuckte sein Blick dorthin.
In diesen Blick hinein sprach Gaia. „Ich war dort. Ich habe dich gewarnt. Einmal und noch einmal. Du hast trotzdem aus meinem Grund gerissen, was schwer genug war, und hast den Weg verschlossen.“ Sie ließ zwischen den Sätzen keinen Raum. „Das steckt noch immer in deiner Herrschaft. Vor aller Augen.“
Kronos’ Mund verzog sich. „Du weißt nicht, wovon du sprichst.“
„Doch“, erwiderte Gaia. „Davon.“
Näher an den Stein ging sie nicht. Es genügte, dass sie den Ort, die Fuge, den Block, den verwehrten Abstieg in der Stimme trug, und die Kinder nahmen es auf: nicht als Geschichte, sondern als Herkunft dessen, was vor ihnen stand.
Daran, wie sie still wurden, erkannte Kronos es. Das traf ihn härter als ihr Widerspruch.
Seine rechte Hand fuhr an die Seite. Gaia kannte die Bewegung, noch ehe das graue Erz sichtbar wurde. Die Sichel lag nicht fern. Er bekam die Finger darum, riss sie hoch und zog sie in einer einzigen harten Bewegung frei.
Mehrere der Kinder atmeten ein, doch keiner lief.
Zeus verharrte. Er drehte nur den Oberkörper so, dass er zwischen Kronos und den anderen stand. Der Stein blieb an seiner linken Seite, der Riss auf Brusthöhe.
Kronos hielt die Sichel niedrig, bereit. Die Schneide zeigte nach vorn. Sein Blick sprang zwischen Zeus’ Hals und dem schwarzen Splitter im Stein. Beides zugleich konnte er nicht nehmen, und Gaia erkannte, dass er es wusste.
„Wag es nicht“, sagte er.
Zu Zeus sprach er diesmal.
Vor ihm antwortete Gaia. „Jetzt hör ihn an.“ Den Kopf wandte sie nicht von Kronos. „Über seine Kinder verlor er kein Wort. Um den Stein ging es ihm nicht. Er warnte dich vor diesem Stück aus der Tiefe.“
Kurz glitt Zeus’ Blick zu ihr, dann zurück auf Kronos. Sein Atem raste, aber sein Stand blieb fest.
Gaia fuhr fort: „Wenn du wissen willst, was er in die Welt gebaut hat, dann leg deine Hand daran.“
Rhea hob den Kopf. In ihrem Gesicht lag kein Erschrecken über die Forderung. Nur starre Aufmerksamkeit. Hera trat einen halben Schritt vor, verharrte dann. Hades rührte sich nicht. Poseidons Schultern spannten sich. Demeter sah jetzt nicht mehr Kronos an, sondern Zeus’ Hand. Hestia presste die Lippen zusammen.
Mit der Sichel machte Kronos einen kurzen Schritt vor. Zeus hob den linken Arm und fing die Linie der Klinge ab, nicht mit der bloßen Hand, sondern mit dem Unterarm gegen Kronos’ Handgelenk. Das Erz blitzte stumpf im Licht der Halle. Die Schneide kam nicht durch. Beide standen nah genug beieinander, dass jeder Fehler offen dalag.
„Zeus“, sagte Kronos, und zum ersten Mal lag etwas Dringendes in seinem Ton, das kein Befehl war. „Lass ihn.“
Gaia fing das Wort genau auf: ihn. Wieder galt es nicht dem Stein.
„Da“, sagte sie.
Zeus verlagerte das Gewicht. Mit dem rechten Arm hielt er Kronos auf Abstand. Mit dem linken
…legte er die Hand an den Riss.
Gaia sah, wie seine Finger erst tasteten, dann fester wurden, prüfend statt zögernd. Tief im Stein saß der schwarze Splitter, schmal an der Oberfläche, breiter darunter. Über die Kante strich sein Daumen. Im selben Augenblick fuhr sein Arm nach vorn.
Nicht gegen Zeus’ Hals oder seine Seite.
Zur Hand.
Mit dem rechten Arm fing Zeus den Stoß ab. Der Schlag riss beide einen Schritt zur Seite. Erz scharrte an Erz. Kronos drückte mit der Sichel nicht schneidend, sondern hart und blind, nur um näher an den Stein zu kommen. In seinem Gesicht lag keine Herrschaft mehr. Gaia sah den offenen Zug um den Mund, das Weiß der Augen, den Atem, der ihm zu schnell ging.
„Nein“, stieß Kronos aus.
Jetzt galt es dem Stück im Stein.
Rhea trat vor Zeus’ linke Seite, nur weit genug, dass Kronos sie sehen musste, wenn er an Zeus vorbei wollte. Hera kam mit ihr. Hades rückte nach, dann Poseidon. Demeter und Hestia blieben hinter ihnen, aber auch sie wichen nicht zurück. Die Reihe war nicht geschlossen, doch sie genügte. Kronos stand nicht mehr nur einem Sohn gegenüber. Er stand vor allen.
Noch ehe Zeus zog, hörte Gaia das kurze, harte Geräusch, das aus dem Stein kam. Es brach nicht; tief im aufgerichteten Stein löste sich etwas unter dem Druck seiner Hand.
Die Halle blieb nicht still.
Der Boden gab einen Stoß unter ihren Füßen. Staub rieselte aus einer Fuge in der Wand. Vom Eingang her lief ein dumpfes Grollen durch den Schwellenraum und blieb nicht an den Steinen hängen. Es kam von unten. Gaia kannte die Antwort der Tiefe. Sie hatte sie schon gehört, als Kronos Gewalt in den Stein getrieben hatte. Jetzt war sie wieder da, deutlicher, näher, nicht mehr fern gehalten durch den starren Sitz des Splitters.
Zeus’ Hand schloss sich.
In diesem Augenblick wusste Gaia, was er erfasste. Der Splitter trug weder fremdes Erz noch gewöhnlichen Fels in sich. Er trug die Kälte des Grundes. Kronos hatte ihn nicht nur in den Stein geschlagen. Er hatte ihn aus der Tiefe gerissen und hier festgebunden, in seinen Verschluss, in seine Ordnung, in dieses aufgerichtete Stück, das über all die Jahre als Ersatz für das verschonte Kind dagestanden hatte. Nicht nur Rhea hatte Kronos getäuscht. Kronos hatte die Welt selbst gebunden und die Tat an die Schwelle gestellt.
„Zieh“, sagte Gaia.
Einen Laut stieß Kronos aus, roh und kurz. Er warf das Gewicht gegen Zeus. Die Sichel ruckte hoch. Zeus hielt den Arm noch immer gegen ihn, aber nun stand Kronos mit dem ganzen Körper in der Bewegung. Er wollte den Sohn wegdrücken, nicht niederstrecken, und auch das sah jeder.
Einen Schritt ging Poseidon vor. Hades griff nach Kronos’ freiem Arm. Hera packte Zeus an der Schulter, um ihn im Stand zu halten. Rhea sagte nichts. Sie hob nur beide Hände und stieß mit den Unterarmen gegen Kronos’ Oberkörper, gerade genug, um ihm den Weg zu verstellen. Für einen Schlag lang standen alle dicht ineinander verkeilt, Kinder und Eltern, Atem gegen Atem, Schulter gegen Schulter, und Kronos kam trotz der Sichel nicht durch.
Als Zeus zog, riss der Splitter aus dem Stein.
Schwerfällig, mit Widerstand. Mit einem hässlichen Laut, der durch die Halle fuhr und sich unten fortsetzte. Der aufgerichtete Stein sprang an der Stelle auf, an der das schwarze Stück gesessen hatte. Der Riss weitete sich über die Brust des Steins, lief seitlich hinunter und brach oben zur Kante aus. Es war nicht mehr der glatte Leib eines Ersatzes. Es war ein beschädigter Verschluss.
Der Stoß aus der Tiefe kam härter als der erste.
In den Knien fing Gaia ihn auf, während rings um sie das Mauerwerk knackte. Feiner Schutt fiel von einem Pfeiler. Durch den offenen Riss im Stein drang kein Licht. Nur Schwärze, dicht und trocken, und ein kalter Zug, der aus der Spalte strich. Alt und lang gehalten, jetzt offen.
Kronos erstarrte.
Nur einen Atemzug lang. Doch der Atemzug genügte.
Er sah nicht in Zeus’ Gesicht. Er sah auf dessen linke Hand.
Darin lag das Stück, kaum länger als eine Handfläche, uneben, schwarz bis in die Tiefe, nicht vom Hallenlicht erhellt. Wo es aus dem Stein gerissen worden war, blieb an den Rändern dunkler Abrieb zurück. Zeus hielt es zuerst nur fest. Dann wich er einen halben Schritt zurück, aus Kronos’ unmittelbarer Reichweite.
„Gib es her“, verlangte Kronos.
Seine Stimme sackte tiefer in den Hals, sodass niemand es überhörte.
„Das also war es“, sagte Rhea.
Mehr nicht. Sie musste nicht mehr sagen.
Kronos sah Gaia an, und sie sah, wie jedes Wort, jede frühere Behauptung aus ihm wich. In seinem Blick lag kein Vaterrecht, kein Zorn über den verlorenen Stein an Rheas Statt. Nur dieses eine Verlangen, das Stück zurückzubekommen, das er in den Verschluss gesetzt hatte.
„Du hast es aus dem Grund gerissen“