Chapter 1
Linien im Glas
Mit beiden Händen unter der Nase beugte sich Mira tief über das Waschbecken. Das Blut kam stoßweise, warm und schnell. Den Hahn drehte sie nur ein kleines Stück auf, damit das Wasser nicht zu laut rauschte. Hinter der Badezimmertür klapperte in der Küche etwas gegen Keramik. Konrad. Ein Schrank ging auf und wieder zu. Alltag. Ganz nah und doch weit genug weg, dass sie hoffen konnte.
Ein Tropfen fiel neben den Abfluss. Dann noch einer. Im weißen Porzellan zog sich eine dunkle Linie dorthin, wo das Wasser kreiste. Den Kopf presste Mira weiter nach unten und tastete mit einer Hand nach Toilettenpapier. Nichts. Leer. Mit zusammengebissenen Zähnen hielt sie die andere Hand unter die Nase und griff nach dem kleinen Handtuch am Haken.
Nicht jetzt.
Den Stoff drückte sie gegen die Nase, wartete, zählte stumm. Der Strahl lief weiter, dünn und klar, und schob die roten Ränder fort. Im Becken blieb etwas zurück, als Mira den Kopf ein wenig hob.
Die Spur war noch da, schmal. Zu dunkel. Im Becken lag sie klar begrenzt, wo eben das Blut entlanggelaufen war, aber sie sah nicht mehr aus wie Blut. Mira streckte die Hand aus und fuhr mit zwei Fingern durch das Wasser. Kalt, und die Linie blieb.
Den Hahn drehte sie stärker auf. Das Wasser traf hart auf das Porzellan, sprang zurück, rann über die Stelle hinweg. Rot löste sich, wurde heller, verschwand im Strudel. Schmal und scharf blieb die Linie, auf die sie starrte. Ihr Atem ging jetzt durch den Mund, während unter dem Handtuch die Nase pochte.
Aus dem Flur kam ein Schritt.
Den Hahn stellte sie kleiner. Hörte. Nichts. Wieder ein Geräusch aus der Küche, ein Topfdeckel, Konrads Stimme, gedämpft, als spräche er mit sich selbst. Mit einem Schlucken beugte sie sich näher zum Becken. Das Wasser rann über ihre Fingerknöchel. Den Daumen legte sie direkt auf die dunkle Spur und rieb mit Druck darüber.
Nichts.
Sie nahm Seife, drückte zu viel aus dem Spender, verteilte sie mit nassen Händen im Becken. Schaum, Wasser, der süßliche Geruch. Ihre Finger glitten über die Keramik, suchten die Stelle, rieben kreisend, dann hart geradeaus. Als sie den Schaum wegspülte, lag die Spur darunter, sauber, trocken wirkend, dünn wie ein Schnitt.
Langsam hob Mira den Blick.
Im Glas stand sie mit gesenkten Schultern, das Handtuch unter der Nase, die Stirn feucht. Hinter ihr die geschlossene Tür. Über der rechten Seite des Beckens, dort, wo ihre Hand eben gewischt hatte, zeichnete sich etwas Dunkles auf dem Glas ab.
Sie hielt still.
Die Spur im Spiegel setzte die im Becken fort. Schmal und dunkel. Eine Linie. Genau dort, wo ihre Bewegung eben gewesen war, nur höher, auf dem Glas. Die Fläche hatte sie nicht berührt, das wusste sie. Obwohl ihre Hände unten gewesen waren, stand die Linie da.
Sie drehte sich nicht um. Sie trat nicht zurück. Sie sah nur hin, bis das Dröhnen in ihren Ohren stärker wurde als das Wasser.
Draußen wieder ein Schritt, näher jetzt, der Boden im Flur knarrte kurz.
„Mira?“, rief Eva durch die Tür, nicht laut. „Bist du fertig?“
Zusammenzuckend rutschte das Handtuch. Ein frischer Tropfen fiel in das Becken, wurde sofort blass und lief davon. Die dunkle Spur darunter blieb unangetastet.
„Gleich“, sagte sie mit belegter Stimme. Sie räusperte sich und bereute es sofort. Ein scharfer Schmerz zog hoch in die Nase.
„Du sollst dich beeilen“, sagte Eva. Die Schritte blieben vor der Tür stehen.
Aus dem Schrank unter dem Waschbecken griff Mira nach einem neuen Stück Toilettenpapier. Eine angebrochene Rolle, ganz hinten. Sie riss mehrere Blätter ab, faltete sie hektisch und presste sie unter die Nase. Dann wischte sie sich die Finger am Handtuch trocken und sah wieder in den Spiegel.
Die Linie war noch da, als sie die rechte Hand langsam hob.
Erst bis zum Kinn, dann höher. Sie hielt zwei Finger ausgestreckt, den Rest gekrümmt. Vor dem Spiegel stoppte sie, noch ein Stück näher. Ein Abstand von wenigen Zentimetern. Vorsichtig zog sie die Finger nach unten, durch die Luft, ohne das Glas zu berühren.
Nichts geschah, und kurz atmete Mira aus. Sie sah auf das Becken, auf die dunkle Spur dort unten, und zurück in den Spiegel. Ihre Finger sanken schon ein Stück. Tief unter ihren Rippen zog sich etwas zusammen. Sie hob die Hand wieder. Der Atem stockte ihr, bis sie die Finger erneut ansetzte, etwas weiter links diesmal, und sie bewusst ein Stück seitwärts zog.
Auf dem Glas erschien eine zweite dunkle Linie.
Direkt unter ihrer Bewegung entstand sie, schmal. Gerade. So scharf, dass Mira für einen Moment vergaß zu atmen. Ihre Finger hielten in der Luft. Ihr Magen zog sich hart zusammen. Die Linie blieb stehen.
Vor der Tür bewegte Eva die Klinke leicht. Mit einem trockenen Geräusch spritzte Wasser gegen ihre Hand. „Mira?“
Zurück fuhr Mira, stieß mit der Hüfte gegen das Waschbecken und packte die Kante. Sie drehte sich um.
Der Schnitt kam noch am selben Tag. Aus dem engen Bad trat Mira, die Stimme ihrer Mutter im Rücken, und folgte wenig später dem eingeübten Weg nach Stadelheim, obwohl seit dem Morgen nichts mehr eingeübt war.
Noch im Flur hatte sie gesagt, sie müsse kurz weg.
Eva hatte aus der Küche gefragt, wohin. Mira hatte etwas von Lernen bei Jana gesagt, ohne stehen zu bleiben. Konrad war am Telefon gewesen und hatte nur die Hand gehoben, ohne aufzusehen. Weil es schnell gehen musste, griff sie nach Jacke und Tasche, trat ins Treppenhaus und in die kalte Luft draußen, die ihr die Nase trocken machte und sie trotzdem bei jedem Atemzug an den metallischen Geschmack erinnerte, der seit dem Bad nicht ganz weg war.
Unterwegs zog sie mehr als einmal das Handy aus der Tasche. Krügers Nummer erschien oben in der Liste, weil sie gestern noch auf die Besuchszeit geschaut hatte. Jedes Mal schwebte ihr Daumen kurz über dem Display. Mit Kopfschmerzen, Übelkeit oder irgendetwas anderem hätte sie einfach absagen können. Stattdessen schob sie das Handy wieder weg. Wenn es im Bad kein Zufall gewesen war, wollte sie wissen, ob es sich wieder zeigte, oder ob der Spiegel nur ein einzelner Riss in diesem Tag geblieben war.
Vertraut blieb ihr die Strecke. U-Bahn, Umstieg, die letzten Minuten zu Fuß. Abbiegungen passierte sie, ohne darüber nachzudenken, und merkte gerade deshalb bei jedem Schritt, wie wenig der Rest von diesem Tag noch stimmte. Vor einer Ampel knüllte sie das zerknitterte Papiertuch in der Jackentasche zusammen. An einer Haltestelle glitt sie an einer dunklen Fensterscheibe vorbei; darin zeichnete sich ihr Gesicht ab, blasser als sonst, unter der Nase ein matter roter Schatten, den sie zu Hause mit Wasser nicht ganz weggebracht hatte.
Vor dem Eingang der JVA musste sie kurz stehen bleiben. Nicht, weil sie den Ort nicht kannte. Weil sie fürchtete, man könnte ihr etwas ansehen.
Die Schleuse summte. Drinnen roch es nach Reinigungsmittel und nasser Kleidung. Hinter dem Glas hockte derselbe Beamte wie bei ihrem letzten Besuch, oder einer, der genauso aussah. Mira zog den Ausweis hervor. Ihre Finger waren kalt genug, dass die Plastikhülle an der Haut klebte.
„Besuch bei Bernd Krüger“, erklärte sie.
Der Beamte nahm den Ausweis, legte ihn in die flache Besuchsschale und tippte etwas ein. „Tasche auf.“
Mira öffnete den Reißverschluss. Handy, Schlüssel, Taschentücher. Sie legte alles hin, Stück für Stück. Sie achtete zu sehr auf ihre Hände, auf die Fingerkuppen und auf die Luft wenige Zentimeter vor ihnen. Nichts geschah. Sie hielt die Hand einen Schlag zu lang über den Schlüsseln, ehe sie die Finger zurückzog, und zwang sich, normal zu atmen.
„Arme ausstrecken.“
Sie tat es. Der kurze, sachliche Ablauf half ihr mehr, als er sollte. Fragen, Antworten, warten, weitergehen. Türen, die nur aufgingen, wenn andere sie öffneten. Für ein paar Minuten nahm es ihr die Entscheidung ab.
Im Gang zum Besucherraum klang ihr eigenes Gehen zu laut. Die Neonröhren summten. Auf einer Bank vor einer geschlossenen Tür wartete eine Frau mit einem Jungen, der mit dem Absatz gegen das Metallgestell stieß. Mira setzte sich nicht. Sie blieb stehen und rieb mit dem Daumen über die Innenkante ihres Zeigefingers, immer dieselbe Bewegung, bis die Tür aufging und ihr Name fiel.
Der Raum war derselbe wie immer. Tische in Reihen, Stühle auf beiden Seiten, zu viel Platz zwischen den Menschen und doch nicht genug. Ein Automat an der Wand, ein leer geräumtes Fach, abgestandene Luft. Zuerst fiel ihr Blick auf den Tisch, an den man sie gewöhnlich setzte, dann erst auf Bernd Krüger, der schon da saß.
Seit dem Winter war er dünner geworden. Das fiel ihr jedes Mal auf und jedes Mal so, dass sie sich dafür hasste, weil sie es nicht ändern konnte. Das graue Hemd der Anstalt schlotterte an ihm, die Hände lagen ruhig auf der Tischplatte. Als sie näherkam, stand er nicht auf. Das tat er nie. Aber heute lag in seinem Gesicht etwas, das sie sofort langsamer werden ließ.
Als sie sich setzte, bemerkte er: „Du bist spät.“
„Die Bahn.“
Er musterte sie nur. Sein Blick blieb kurz an ihrer Nase hängen, dann an ihrer rechten Hand, die sie noch nicht abgelegt hatte.
Als Mira die Hand unter den Tisch schob, fragte sie, bevor er etwas sagen konnte: „Ist was passiert?“
„Bei dir“, erwiderte er.
Ihr Rücken spannte sich gegen die Stuhllehne.
„Was soll das heißen?“
„Seit heute?“
Sie antwortete nicht. Ihr Mund wurde trocken. Am Nebentisch lachte jemand zu laut, ein kurzes, falsches Geräusch, das sofort wieder abbrach.
„Ich hatte Nasenbluten“, murmelte Mira leise.
„Nur das?“
Sie schüttelte den Kopf. Ihr Blick sprang zur Tür. Ein Beamter wartete draußen im Gang, die Hände hinter dem Rücken. Im Raum selbst war niemand nah genug, um sie zu hören, wenn sie leise blieb.
„Da waren Linien“, sagte sie. „Im Bad. Erst im Waschbecken. Dann am Spiegel. Ich habe unterwegs die Hände still gehalten und eben bei der Kontrolle noch einmal. Nichts. Vielleicht kam es nur, wenn ich nicht dagegenhielt.“
Bernd rührte sich nicht. Nur seine Augen wurden schmaler.
Maler. „Ohne Berührung?“
Mira nickte.
„Und die im Becken blieb.“
Mit einem weiteren Nicken bestätigte sie es. Es störte sie, wie wenig sie erklären musste. Er fragte nicht nach Farbe, nicht nach Form, nicht danach, ob sie sich sicher war. Er nahm es auf, legte es irgendwo ab und schien schon beim Nächsten zu sein.
„Seit wann wissen Sie das?“, fragte sie.
„Ich weiß, was du mir sagst.“
„Nein.“ Sie beugte sich vor, sofort wieder zurück, weil die Bewegung zu hastig war. „Nein, Sie haben mich angesehen, und dann wussten Sie schon etwas. Sagen Sie das nicht so.“
Bernd hielt ihren Blick. „Seit heute hat es begonnen.“
In ihrem Gesicht arbeitete etwas, das sie nicht kontrollieren konnte. Sie merkte es an den Muskeln um den Mund. „Hören Sie sich eigentlich selbst zu?“
„Ja.“
„Das ist keine Antwort.“
„Doch.“ Er senkte die Stimme noch weiter. „Nur nicht die, die du willst.“
Mira presste die Lippen aufeinander. Der Raum war hell, zu hell für dieses Gespräch. Die Tische standen in Reihen, jeder gleich weit vom nächsten entfernt, auf den Kunststoffstühlen saß niemand, und oben in der Ecke summte eine Kamera. Schritte gingen über den Flur. Alles war geordnet. Gerade deshalb kam ihr seine Ruhe falsch vor.
„Ich will wissen, ob ich durchdrehe“, sagte sie.
„Nein.“
Das kam sofort, ohne Pause und ohne Trostton.
Starrend sah sie ihn an. „Sie können das nicht einfach—“
„Doch. Das kann ich.“
„Woher?“
Diesmal antwortete er nicht gleich. Sein Blick glitt wieder zu ihrer rechten Hand, die unter der Tischplatte lag. Mira zog sie unwillkürlich noch dichter an sich.
„Zeig sie mir.“
„Was?“
„Die Hand.“
„Warum?“
„Weil du selbst längst sehen willst, ob es wieder passiert.“
Ihr Magen krampfte. Es war genau das, was sie seit dem Bad vermieden hatte: wegsehen, nichts berühren, nicht prüfen. Solange sie nichts tat, konnte es bei dem Morgen bleiben, ein Vorfall, ein Aussetzer, etwas, das man später anders erzählen konnte. Wenn sie es jetzt absichtlich tat, war es kein Versehen mehr.
„Vielleicht war da gar nichts“, sagte sie, und ihre eigene Stimme klang schwach.
„Dann verlierst du nichts.“
In diesem Moment hasste sie ihn für den Satz. Weil er ihn ruhig sagte. Weil darin kein Mitleid lag. Nur ein Weg nach vorn.
„Und wenn doch?“
„Dann weißt du es.“
Flach atmete sie durch die Nase ein. Der Geruch im Raum war trocken, abgestanden, mit Reinigungsmittel darunter. Hinter Bernd saß ein Mann im grauen Pullover seiner Tochter gegenüber und strich mit dem Finger über einen Zettel, auf dem sie etwas gemalt hatte. Zwei Tische weiter flüsterte ein Paar so dicht beieinander, dass ihre Köpfe fast aneinanderstießen. Niemand achtete auf Mira, noch nicht.
„Nicht hier laut“, sagte Bernd.
Ihr Blick fiel auf die Tischplatte. Helles Holz unter einer glatten Beschichtung. An einer Stelle stumpf von alten Wischspuren, sonst unauffällig. Die Kante verlief gerade vor ihr, sauber, hart, fremd. Nicht ihr eigener Gegenstand, nicht das Bad zu Hause, kein Ort, an dem sie sich später einreden konnte, sie habe etwas verwechselt.
Ihr Herz schlug hoch, schnell, unregelmäßig. Jeder Schlag saß ihr bis in die Kehle.
„Wenn jemand das sieht—“
„Dann nimm die Hand weg.“
Den Blick hob sie wieder. „Und Sie?“
„Ich bleibe sitzen.“
Das war vielleicht das Schlimmste an ihm. Dass er blieb, ohne zu drängen oder sie zu beschwichtigen. Er ließ ihr keinen Platz für Theater, aber auch keinen für Flucht.
Mira zog die rechte Hand unter dem Tisch hervor. Schon dieser kleine Weg kam ihr vor, als sähen alle hin. Doch niemand rief, niemand stand auf. Ihre Hand lag zunächst nur in der Luft, über der Tischplatte, schlank, blass, ganz gewöhnlich, bis auf das Zittern im kleinen Finger. Sie hasste, dass Bernd es sah.
„Flach“, sagte er leise.
Sie schloss kurz die Augen und legte die Hand auf. Die ganze Fläche von Handballen bis Fingerspitzen auf das beschichtete Holz, kalt und trocken. Nichts.
Sofort schoss Erleichterung in ihr hoch, heftig und beschämend. Sie hätte die Hand wegziehen können. Stattdessen drückte sie die Finger fester auf die Platte, als müsste sie eine Antwort aus dem Holz pressen.
„Nichts“, flüsterte sie.
„Warte“
„Warte“, sagte Bernd.
Mira ließ die Augen offen. Sie starrte auf ihre eigene Hand, auf die hellen Knöchel, die feinen Härchen am Handgelenk, den schmalen Silberring am Mittelfinger. Nichts daran war fremd oder erklärte den Morgen. Unter ihrer Hand blieb die Tischplatte glatt, als sie die Hand schon wegziehen wollte. Mit Wucht kam das Verlangen. Einfach aufstehen. Gehen. Später sagen, sie habe sich geirrt. Zu wenig Schlaf. Zu viel Stress. Nasenbluten. Kreislauf. Irgendein Wort, das normal klang.
Dann fiel ihr Blick darauf.
Erst war da nur ein Punkt unter der Haut, dicht unterhalb des Handballens. Dunkel, fein und nicht größer als eine Stecknadelspitze, und ihr Atem hakte. Der Punkt blieb nicht, sondern zog sich weiter. Eine Linie. Dünn, gerade, tief unter der Haut und doch zu deutlich, um Einbildung zu sein.
„Bernd—“
„Ich sehe es.“
Mira hob den Blick nicht. Langsam, fast ruhig lief die Linie quer durch die Mitte ihrer Handfläche, weder rot noch blau, etwas dunkler, stumpfer. Sie kannte sie bereits: Waschbecken. Spiegel. Jetzt ihre Haut.
Ihr Magen krampfte. Sie wollte die Finger krümmen, bekam es aber nicht hin. Die Hand lag da, offen und still, als gehöre sie jemand anderem.
Die Linie erreichte die Basis ihres Zeigefingers und hielt nicht an, sondern wanderte weiter hinein.
Scharf zog Mira Luft ein, obwohl es nicht wehtat. Genau das machte es schlimmer. Es gab kein Stechen, kein Brennen, nichts, woran sie ihren Kopf hätte festhalten können. Nur dieses lautlose Weitergehen.
„Nimm sie weg“, brachte sie heiser hervor.
Bernd antwortete nicht sofort. Als sie endlich den Blick zu ihm hob, saß er noch immer genau so da wie zuvor. Die Unterarme auf den Armlehnen, die Schultern ruhig, das Gesicht wach. Er wirkte nicht überrascht, nicht einmal angespannt, und blickte nur hin.
„Du kannst die Hand jetzt wegnehmen“, erwiderte er leise.
Sie sah ihn an. Für einen Schlag lang hörte sie nichts außer ihrem eigenen Puls.
„Oder“, fuhr er fort, „du siehst endlich, was du geworden bist.“
Der Satz traf sie härter als alles zuvor. Geworden, weder krank noch verwirrt oder erschöpft. Geworden.
Mira sah zurück auf ihre Hand.
Die dunkle Linie hatte die Fingerkuppe erreicht. Dort, wo ihr Zeigefinger die Beschichtung berührte, lag zuerst nur ein feiner Strich auf dem Holz. So schmal, dass sie ihn beinahe übersehen hätte. Dann wurde der Strich tiefer.
Ein trockenes Geräusch ging durch die Stille zwischen ihnen. Leise, kurz, hart.
Mira riss die Augen auf.
Die Linie zog sich nicht nur über die Oberfläche. Sie schnitt hinein.
Der Zeigefinger zuckte endlich, und in demselben Moment sprang der Strich weiter über die Tischkante. Die Beschichtung öffnete sich in einer sauberen Spur. Kein Splittern, kein Reißen. Nur dieses präzise Aufgehen, etwas Unsichtbares lief unter ihrem Finger weiter, geradlinig, ohne Widerstand.
Sie hätte jetzt die Hand wegreißen können, der Befehl stand fertig in ihr: weg, sofort weg.
Doch sie tat es nicht.
Ihr ganzer Arm spannte sich. Jeder Muskel schrie nach Bewegung, aber ihre Hand blieb liegen. Wenn sie sie jetzt zurückzog, wusste sie nicht weniger. Nur nicht genug. Sie hielt den Finger still und sah auf die Kerbe, auf ihre gerade Richtung, auf die Tiefe im Holz. Nicht zufällig, dachte sie. Nicht bloß dort, wo sie lag. Es folgte ihrem Finger.
Der Strich fraß sich über die Kante und in die Seite des Tisches. Erst dort begriff sie, wie tief er ging: nicht oberflächlich, sondern eine Kerbe. Dunkel im Inneren, scharf an den Rändern.
Mira hörte jetzt ihren Atem zu laut. Sie zwang ihn leiser, ohne Erfolg. Ihr Blick sprang zur Tür, zum Fenster im oberen Wandteil, zum anderen Ende des Raums. Niemand stand auf. Niemand kam herein. An einem Tisch hinten blätterte ein Mann in Papieren. Eine Frau sprach gedämpft in ihr Telefonhörergerät. Die Welt lief weiter.
Hier nicht.
„Genug“, flüsterte sie.
Dann zog sie die Hand zurück.
So abrupt, dass der Stuhl unter ihr leicht scharrte. Sie presste die Finger sofort an die Brust, als könne sie sie dort verstecken. Der Zeigefinger zitterte. Die Handfläche war unversehrt. Weder Wunde noch Blut. Nur die dunkle Linie, die noch einen Moment sichtbar blieb, dann verblasste. Nicht ganz, nur so weit, dass sie nicht mehr sicher sagen konnte, ob sie sie noch sah oder bereits erinnerte.
Mira starrte auf die Tischkante.
Die Kerbe war da.
Tief. Gerade. Vielleicht eine Handbreit lang. Die helle Beschichtung stand an den Seiten leicht hoch, darunter lag das dunklere Material offen. Kein Missverständnis, kein Fleck, kein Lichtreflex: Etwas war aufgeschnitten worden. Von ihr.
Ihr Hals wurde eng. Sie schluckte und bekam den Atem nicht richtig hin.
„Nein“, sagte sie.
Es war keine Antwort auf ihn. Kein Widerspruch.