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    PANATHINAIA

    Alexia Michailidou · Band 1

    PANATHINAIA

    Chapter 2 of 14

    Chapter 2

    Der Riss unter dem Thron

    Kaum hatte Kronos auf Othrys den Herrschersitz eingenommen, fuhr ein Stoß durch den Berg.

    Als der Sitz unter ihm ruckte, lief ein hartes Knacken durch den Hof. In den Steinplatten vor der Erhebung sprang ein erster Riss auf, schmal und schwarz. Zwischen den Füßen der Titanen zog er sich hindurch und verlor sich am Saum des Platzes. Noch ehe jemand sprach, folgte der zweite Stoß. Diesmal ging er tiefer. Mit splitterndem Krachen weitete sich der Riss, und aus dem Grund unter dem Hof stieg ein dumpfes Grollen herauf.

    Gaia hob den Kopf.

    Das Grollen hielt an. Es kam weder vom Wind noch von einem losen Hang, nicht von lockerem Geröll. Es saß im Berg, und da der Othrys nicht auf fremde Gewalt antwortete, antwortete er auf das, was geschehen war.

    Rhea wich einen halben Schritt zurück, als der Stein an der Stufe des Sitzes barst. Hyperion riss den Blick hoch. Iapetos fuhr herum und suchte den Hofsaum ab, als stünde dort ein Feind. Okeanos blieb reglos, nur seine Schultern spannten sich. Koios hatte sich schon wieder aufgerichtet; nun trat er vor, den Blick auf den Boden gerichtet.

    „Das ist kein gewöhnlicher Bruch.“ Seine Stimme schnitt durch das Grollen.

    Während Kronos aufstand, ging ein dritter Stoß durch den Platz. Mehrere der Versammelten gerieten ins Schwanken. Ein Felsblock am Rand des Hofes löste sich aus der Einfassung und stürzte polternd in die Tiefe. Staub schlug hoch; trocken schmeckte er auf der Zunge und legte sich kühl auf Beine und Gewänder, auf Hände und Haare. Das Grollen darunter wurde lauter. Es drang durch die Sohlen in ihre Körper.

    Als Gaia einen Schritt nach vorn machte, blieb ihr Gesicht unbewegt. Nur ihre Stimme lag schwer im Raum.

    „Zu tief“, sagte sie.

    Kronos hob den Blick zu ihr. „Was brach auf?“

    Gaia antwortete nicht sofort. Der Berg arbeitete unter ihnen weiter. Wieder platzte Stein. Links vom Sitz hob sich eine Platte an, kippte und zerbrach in zwei Stücke. Unter ihr tat sich Finsternis auf, erst nur ein Spalt, dann eine klaffende Öffnung. Aus der Tiefe stieß kalte Luft herauf, trocken und alt, mit einem metallischen Hauch.

    „Der Sturz des Uranos“, sagte Gaia, „hat einen alten Verschluss gesprengt.“

    Niemand sprach.

    Während die Worte zwischen ihnen standen, machten sie das Grollen darunter erst recht wirklich. Kronos blickte auf den aufgebrochenen Boden. Keine Stufe war dort, kein Grund, kein Abschluss. Scharf begrenzt vom gerissenen Stein: nur Schwärze.

    „Was war dort verschlossen?“ fragte Okeanos.

    Gaia schwieg.

    Hyperion trat an die Kante des neuen Bruchs, blieb aber außer Reichweite loser Platten. Er beugte sich vor, ohne den Blick lange unten zu halten. „Ein Schacht“, murmelte er. „Nein. Ein Seitengang. Er läuft unter dem Hof weg.“

    Koios trat neben ihn. „Wie weit?“

    „Nicht weit genug, um den Grund zu sehen.“

    Wieder bebte der Othrys. Weiter hinten brach eine Ader in der Felswand auf. Ein Riss fuhr die Böschung hinunter und verschwand zwischen scharfkantigen Steinen. Das Grollen aus der Tiefe antwortete sofort, tiefer nun, drängender. Nicht nur der Hof war getroffen. Der ganze Berg trug den Bruch.

    Kronos hielt die Sichel fest. Das Blut daran war noch nicht getrocknet. Es klebte dunkel an der Schneide und am Griff. Metallkälte stand darin. Er hatte sie nicht abgelegt. Jetzt fiel sein Blick darauf, und für einen kurzen Augenblick stand alles klar vor ihm: der leere Himmel nach dem Sturz, der Sitz unter ihm, der aufgerissene Stein zu seinen Füßen. Zwischen diesen Dingen blieb kein Abstand; die Tat war nicht vergangen. Sie arbeitete weiter.

    „Schließt es“, sagte Iapetos.

    „Womit?“ Hyperion musterte ihn scharf. „Der Berg bricht noch immer.“

    „Dann stützen wir den Hof und räumen den Sitz.“ Iapetos blickte zu Kronos. „Wenn der Boden nachgibt, begräbt er uns.“

    Kronos antwortete nicht. Er ging die Stufe hinab und trat an den Rand des Bruchs. Der Staub legte sich auf seine Füße. Kalte Luft strich an seinen Knöcheln empor. Unter ihm öffnete sich der Seitenschacht schräg in die Tiefe. Seine Wände waren roh, an manchen Stellen glatt abgeschert, an anderen vom alten Gestein zerfressen. Weiter unten verlor sich alles im Dunkel.

    „Zurück“, sagte Rhea leise.

    Er wandte den Kopf kaum. „Nein.“

    Sie trat näher. „Du weißt nicht, was dort unten ist.“

    „Eben deshalb.“

    Koios kam bis auf wenige Schritte heran. „Wenn du hinabgehst, gehst du nicht als Sieger hinab. Du gehst blind.“

    „Bleibe ich oben, sieht jeder, dass ich den Bruch unter meinem Sitz offen lasse.“

    Koios’ Mund wurde hart. Er widersprach nicht.

    Das nächste Beben war kürzer, aber schärfer. Direkt unter der Erhebung splitterte die Vorderkante des Herrschersitzes. Ein Stück brach heraus und schlug vor Kronos’ Füßen auf. Mehrere Titanen wichen zurück. Nur

    Gaia.

    Während der Stoß noch durch den Hof lief, trat sie als Einzige aus der Reihe der Titanen und senkte den Blick nicht auf Kronos, sondern in den geöffneten Schacht. Staub lag auf ihrem Haar und ihren Schultern. Ohne niederzuknien, legte sie nur die Hand auf den aufgerissenen Stein am Rand, hielt sie dort einen Atemzug lang und zog sie dann wieder fort. Kalte Rauheit blieb an ihren Fingern.

    „Das ist kein loser Bruch“, sagte sie.

    Danach schwiegen die anderen.

    Unter ihnen kam ein dumpfes Grollen aus der Tiefe. Es war kein einzelner Schlag. Tief und gedrückt war es weiter zu hören. Dazu stieg Wärme herauf, erst schwach, dann deutlicher, und trug einen trockenen, metallischen Geruch mit sich. Sie strich über die nackten Unterschenkel derer, die am Rand standen. Von der Wärme getrieben, traten einige einen weiteren Schritt zurück.

    Sie hob den Kopf. „Unter diesem Hof lag ein alter Verschluss.“

    Zum ersten Mal seit dem Stoß zeigte Kronos’ Gesicht nicht nur Härte, sondern ein kurzes, stockendes Rechnen. „Welcher Verschluss?“

    „Ein alter“, erwiderte sie. „Noch älter als dein Sitz. Älter als dein Anspruch darauf.“

    Während Iapetos’ Blick von ihr zum Riss fuhr, fragte er: „Und jetzt?“

    „Inzwischen ist er gesprengt.“

    Gaia wandte den Blick zu Kronos. „Verursacht durch den Sturz des Uranos.“

    Über dem Hof lag Stille. Nicht aus Ehrfurcht. Sie hielt an, weil jeder den Satz zu Ende dachte und dabei bei Kronos landete. Die Sichel in seiner Hand war noch immer rot. Ungereinigt und unberührt glänzte das Metall an ihrer Schneide.

    Hyperion zog scharf Luft ein. Koios trat an die Kante, beugte sich vor und blickte in die Tiefe, ohne den Fuß zu weit zu setzen. „Wie tief?“

    „Tief genug“, sagte sie. „Und nicht leer.“

    Rhea blickte sofort zu ihr. „Was ist dort unten?“

    Gaia antwortete nicht gleich. Dann ging sie zwei Schritte am Rand entlang, suchte die Stelle, an der der Seitenschacht schräg abfiel, und deutete hinab. „Die Wand dort. Seht genauer.“

    Während Kronos nähertrat, blieben nicht alle stehen; Koios hielt sich neben ihm, Iapetos kam von der Seite. Gemeinsam standen sie über dem Schacht und blickten hinunter. Erst jetzt war zwischen Staub und Dunkel etwas Geordnetes zu erkennen: kein roher Fels, sondern gesetzte Steine, hart an die Wand gezogen. Eine Sperre. Einer der Steine stand vor, aus seiner Bindung gedrückt. Schmale Zeichen liefen über mehrere Flächen, alt und verwittert, aber noch sichtbar.

    „Wer hat das gesetzt?“, fragte Iapetos.

    „Nicht du“, sagte Gaia.

    „Das beantwortet nichts.“

    „Es reicht.“

    Das Grollen unter ihnen setzte wieder an. Diesmal antwortete der Schacht, und ein trockenes Knacken lief durch den Rand. Körner und kleine Splitter rieselten hinab. Weiter unten löste sich ein Stück aus der Sperre und verschwand. Unten blieb es stumm.

    Koios richtete sich auf. „Dann wird es nicht stehen bleiben.“

    „Nein.“

    „Kann man den Rand sichern?“, fragte Hyperion.

    Iapetos zeigte auf die Sitzstufe und den geborstenen Hof. „Nicht mit bloßen Händen. Nicht solange es arbeitet.“

    Hyperion trat einen Schritt vor. „Dann räumen wir alles darüber.“

    „Und den Sitz?“, fragte Koios, ohne den Blick von Kronos zu nehmen.

    Für einen Moment blieb es still.

    Nun trat Rhea an Kronos’ Seite. Sie sah erst die alten Zeichen, dann den Stein, der aus der Fuge gedrückt war, und schließlich die Sichel in seiner Faust. „Hör auf sie“, sagte sie leise. „Das hier ist nicht dein Werk allein. Und nicht dein Maß.“

    Kronos’ Blick ging nicht zu ihr. „Es liegt unter meinem Sitz.“

    „Gerade deshalb.“

    Er schwieg.

    Als Gaia sich zu ihm umwandte, blieb ihr Gesicht ruhig. „Du hast den Schnitt getan, für den die Sichel gegeben war. Weiter nichts.“

    Sein Kopf fuhr zu ihr. „Weiter nichts?“

    „Sie war für einen einzigen Schnitt bestimmt.“ Ihre Stimme blieb eben. „Nicht für dies hier. Nicht für das, was darunter hält oder nicht mehr hält.“

    Die Worte trafen vor allen. Iapetos zog die Stirn zusammen. Koios sah erst Gaia an, dann die Sichel, dann Kronos. In seinem Blick verhärtete sich etwas, ein schärferes Prüfen.

    „Du hast von diesem Verschluss gewusst“, sagte Kronos.

    „Ja.“

    „Und hast geschwiegen.“

    „Du hast nicht gefragt.“

    Das brachte Bewegung in die Reihe der Titanen. Ein Murmeln lief über den Hof, brach aber wieder ab, als ein neuer Stoß aus der Tiefe kam. Er war nicht stark, aber nah. Die Bruchkante sprang weiter auf. Ein Riss lief quer durch die vordere Fläche der Sitzstufe. Staub quoll heraus. Noch ein Stück Stein brach ab und schlug in den Schacht.

    Iapetos hob den Arm. „Weg vom Rand.“

    Diesmal gehorchten mehrere sofort. Nur Kronos blieb stehen. Koios wich einen halben Schritt zurück, nicht mehr. Rhea rührte sich nicht.

    „Wenn du fällst“, sagte Iapetos zu Kronos, „ist hier nichts geklärt. Gar nichts.“

    Kälte strich durch den offenen Riss, und Staub rieselte an der Bruchkante nach, während Kronos stehen blieb.

    Kronos blickte in den aufgebrochenen Spalt hinab. Unter der geborstenen Sitzstufe fiel der Schacht schräg in den Berg. Gesetzte Steine lagen frei, alt und dunkel, an den Kanten abgeschlagen. Auf manchen standen flache Zeichen, fast fortgerieben. Weiter unten saß quer im Gang eine Sperre. Einer der Steine war nach außen gedrückt, zwischen den Fugen lag schwarzer Staub.

    Gaia trat nicht näher an den Rand. „Als ich hinabsah, war es nicht leer.“

    Niemand antwortete ihr.

    Wieder kam ein Schlag aus der Tiefe. Diesmal fuhr er durch den Hof und lief bis in die hinteren Stufen. Der erste Sitz knirschte hörbar. Ein Stück an seiner unteren Kante brach weg, kippte in den Schacht und schlug gegen die gesetzten Steine. Das Geräusch lief tief hinab und kam verzögert zurück.

    Koios wandte den Kopf nicht von dem Bruch. „Dann räum den Rand“, sagte er. Seine Stimme trug über den Hof. „Oder sichere deinen Sitz. Beides zugleich geht nicht.“

    Da traf ihn Kronos’ Blick.

    Koios hielt ihm stand. „Über losem Stein sitzt dort niemand.“

    Ein hartes Schweigen folgte. Die Titanen standen in einem weiten Halbkreis um den aufgerissenen Hof. Die Reihe blieb stehen, und keiner erklärte, er werde hinabgehen.

    Iapetos stieß den Atem aus. „Hörst du das Drängen da unten nicht?“ Er hob die Hand, wies auf den Sitz, auf den Riss, auf die offene Tiefe. „Du hast eben erst deinen Rang auf diesen Ort gesetzt. Wenn du dort hinunterspringst und dir auf halbem Weg den Leib brichst, hast du den Platz vor allen selbst zerbrochen.“

    Kronos schwieg.

    Staub rieselte in den Schacht. Vor ihm arbeitete die Kante der Sitzstufe weiter. Jeder Blick lag auf ihm. Blieb er oben, sah jeder den Bruch unter seinem Sitz offen.

    Rhea trat einen Schritt vor. Ohne zum Rand oder zu Gaia zu gehen, stellte sie sich so, dass sie neben dem ersten Sitz stand und alle sie sehen konnten. Ihr Gesicht blieb unbewegt.

    „Der erste Sitz bleibt sein Sitz“, erwiderte sie. „Danach zählt nur, ob er lebend zurückkehrt oder tot verschwindet.“

    Da fuhren mehrere Köpfe zu ihr.

    Iapetos drehte sich scharf. „An einen Toten bindest du den Platz?“

    Rhea hielt seinem Blick stand. „Ich binde den Platz an den, der ihn genommen hat.“ Dann ging ihr Blick zu Kronos. „Wer ihn lösen will, soll es offen sagen.“

    Keiner sprach.

    Ohne dass Koios’ Mund sich verzog, blieben seine Augen schmal. „Das stützt ihn nicht gegen fallenden Stein.“

    „Nein“, entgegnete Rhea. „Inzwischen tut es das nicht.“

    Aus der Tiefe kam ein dumpfer Laut. Es war ein Drängen gegen gesetzten Stein. Kurz darauf antwortete tiefer unten im Schacht ein dumpfer Widerhall, länger und schwerer. Das Murmeln unter den Titanen hob wieder an und brach wieder ab.

    Kronos hob die Sichel an. Das Blut darauf war dunkel geworden. Es klebte am grauen Erz, in der Biegung, am Griff. Gaia sah auf die Klinge, nicht auf ihn.

    „Du sagtest, sie war für einen Schnitt bestimmt“, sagte er.

    „Ja.“

    „Und nicht für das darunter.“

    „Ja.“

    „Dann nehme ich sie trotzdem.“

    Gaia nickte einmal.

    Wieder dieses Drängen von unten. Diesmal löste sich aus der beschädigten Sperre ein Schaben, kurz, hart, dann Stille.

    Sie hielten den Stand, und gerade das machte den Hof enger.

    Kronos trat an den Rand. Loser Schutt rollte unter seiner Ferse in den Schacht. Er

    Er blickte hinab, ohne den Kopf zu heben, und wartete auf ein weiteres Geräusch. Es kam nicht sofort. Gerade diese Pause machte die Versammelten hinter ihm unruhig.

    Dann fuhr der Schlag aus der Tiefe in den Stein.

    Der Hof bebte kurz. Aus dem Schacht sprang Staub hoch und kratzte trocken in der Luft. Zwei gesetzte Steine an der inneren Wand rissen aus ihrer Fassung und stürzten gegeneinander in die Dunkelheit. Unter Kronos’ Füßen lief ein Bruch durch die Vorderkante des ersten Sitzes. Ein Knacken ging durch den Stein, bevor die Kante nachgab. Die Front sank um eine Handbreit ab.

    Einige traten zurück, während Gaia stehen blieb.

    Nicht Rhea.

    Koios wich einen Schritt aus der Linie des Randes und starrte nicht in den Schacht, sondern auf die abgesunkene Kante. „Das steht nun offen genug.“

    Kronos drehte sich zu ihm um. „Sprich es ganz.“

    Koios hob das Kinn. „Wenn der Ort unter dir nachgibt, ist der Vorrang dort nicht gesetzt. Dann hält nicht dein Sitz den Othrys, sondern nur dein Wort darüber.“

    „Mein Wort genügt.“

    „Dann bleib dabei stehen und lass den Bruch offen.“

    Gaia trat an den Rand, bis der lose Stein unter ihrer Sohle nachgab. „Der Raum unter euch bleibt nicht leer, nur weil ihr darüber steht.“ Ihre Stimme blieb ruhig. „Was dort niedergehalten war, drängt jetzt gegen das, was ihr eben gesetzt habt.“

    „Dann nenn, was wir halten sollen.“ Koios’ Worte fielen flach in den staubigen Hof.

    Gaia sah ihn an. „Ich habe es genannt.“

    „Ein alter Laut ist kein Name.“

    „Es ist genug.“

    Wieder ein Stoß von unten. Diesmal kam er tiefer und schwerer. Die beschädigte Sperre im Schacht antwortete mit einem dumpfen Brechen. Mehr Stein geriet ins Rutschen. Mit rauem Schaben glitt die abgesunkene Vorderkante weiter vor. Schutt rieselte über den Rand und verschwand.

    Getrieben von den Blicken der Versammelten trat Rhea vor Kronos, nicht um ihn zu decken, sondern damit alle sie sahen. „Genug.“ Ihre Stimme ging in die Versammelten. „Ihr fordert von ihm den Platz und lasst die Last an ihm allein hängen, sobald der Stein antwortet.“

    Koios wandte sich zu ihr. „Ich fordere, dass er nicht auf einem Bruch herrscht und ihn Herrschaft nennt.“

    „Und nimmst du es von ihm?“, fragte Rhea.

    Er schwieg, während sie die Reihe entlangmustern ließ. „Du, Iapetos? Du? Einer von euch?“

    Niemand gab ihr Antwort.

    Iapetos zog die Schultern zurück, doch er trat nicht vor. „Ich trage nicht, was ich nicht gesetzt habe.“

    „Nein.“ Rhea hielt den Blick auf ihn. „Ihr tragt gar nicht.“

    Kronos nahm das auf, ohne den Blick von ihnen zu lösen. Das Schweigen der anderen stand jetzt klarer als jeder Einspruch. Koios stellte ihn offen infrage. Iapetos nahm nichts auf sich. Die übrigen wichen mit den Füßen vom Rand zurück und ließen zwischen sich und dem Schacht Raum. Nur Gaia blieb still. Nur Rhea stand noch nahe genug, dass der Staub aus dem Schacht ihren Saum traf und kalte Luft daran zog.

    Er hob die Sichel an. Das graue Erz trug noch dunkle Flecken. An der gezackten Kante hing eingetrocknetes Blut in den Einkerbungen, und die Metallkälte stand stumpf in der Luft.

    „Hört mich.“ Kronos’ Stimme schnitt durch das Schweigen.

    Die Reihe wurde still.

    „Der erste Sitz bleibt hier.“ Er legte die Worte hart in den Hof. „Auf diesem Stein. Auf diesem Berg. Nicht an einem anderen Ort, nicht nach einem Rückzug, nicht nach einem Zeichen von unten.“ Er zeigte mit der Sichel auf den offenen Schacht. „Wenn dort etwas drängt, dann bleibt es nicht unter meinem Platz, ohne dass meine Hand daran war.“

    Koios’ Mund verzog sich nur kurz. „Oder du verschwindest darin, und dann bleibt nur der Bruch.“

    „Dann steig du.“

    Koios antwortete nicht. Sein Schweigen war wieder Antwort genug.

    Kronos ließ die Sichel sinken und wandte sich an alle. „Ihr alle habt gesehen, wo ich den Vorrang gesetzt habe. Ihr alle habt ihn gehört. Wenn ich oben bleibe, sagt morgen jeder, dass der erste Platz beim ersten Stoß geöffnet stand und ich ihn offen ließ. Das wird nicht gesprochen werden.“

    Gaia sagte nichts dazu. Ihre Augen ruhten auf dem Schacht.

    Rhea stellte sich nun an die Vorderkante des Sitzes selbst. Der Stein unter ihr war gerissen. Sie setzte beide Füße fest auf die absackende Front, spürte die Kälte durch die Sohlen, hob das Gesicht und sprach laut genug, dass die Hintersten es hören mussten.

    „Bis er zurückkehrt, löst niemand diesen Platz.“

    Ein kurzes, hartes Schweigen folgte.

    Dann warf Koios ein: „Du bindest dich an fallenden Stein.“

    Rhea sah ihn nicht an. „Ich binde mich an den gesetzten Rang.“

    „Auch wenn er mit ihm fällt?“

    Jetzt drehte sie den Kopf. „Wenn einer von euch ihn lösen will, tut es vor mir.“

    Keiner trat vor.

    Iapetos’ Blick wich aus. Einer aus der hinteren Reihe setzte einen Fuß zurück. Ein anderer senkte die Augen. Der Kreis um den Schacht wurde weiter, nicht enger.

    Gaia sprach erst, als das allen sichtbar geworden war. „So steht es also.“

    Kronos trat an Rhea vorbei.

    Ein trockener Laut lief durch den Stein unter dem Sitz, dann gab er nach. Ein Riss zog sich über die Vorderkante, Staub rieselte in den offenen Schacht. Aus der Tiefe kam erneut ein dumpfer Schlag. Der Hof bebte kurz unter den Füßen der Titanen. Niemand sprach.

    Während sein Blick hinabglitt, trat Kronos an den Bruch. Der Seitenschacht fiel schräg ab. Zwischen geborstenen Platten lagen gesetzte Steine, enger gefügt als das Werk des Hofs. Auf mehreren standen Zeichen, die keiner von den Jüngeren gesetzt hatte. Eine Kante war nach innen gedrückt, dahinter lag nur Schwärze.

    Gaia trat nicht näher. „Es drückt weiter.“

    Koios hob die Stimme. „Dann stützt den Hof. Lasst Material bringen. Lasst den Sitz räumen, bevor er ganz bricht.“

    Kronos sah nicht zu ihm zurück. „Räumen?“, fragte er.

    „Ja.“

    „Meinen Platz?“

    „Den Platz über einem offenen Bruch.“

    Jetzt wandte Kronos den Kopf. Sein Gesicht blieb ruhig. Nur die Hand an der Sichel schloss sich fester um den Griff. Dunkles Blut haftete noch daran, eingetrocknet am inneren Bogen, frischer an der Schneide, wo es noch nicht ganz matt geworden war.

    „Du hast vor allen verlangt, dass ich Ort und Vorrang setze“, sagte Kronos. „Ich habe es getan. Nun verlangst du, ich solle den Ort beim ersten Widerstand freigeben.“

    Koios trat einen Schritt vor, bis an den Rand des Kreises, nicht weiter. „Ich verlange, dass du Rang nicht mit Starrsinn verwechselst. Ein Herrscher hält, was oben gehalten werden muss. Er springt nicht blind in jeden Riss, nur weil er seinen Namen darauf gesetzt hat.“

    Bei dem Wort blind glitt Rheas Blick zu Gaia. Gaia stand unbewegt, und ihr Gesicht veränderte sich nicht. Aber sie widersprach Koios nicht.

    Iapetos sagte: „Wenn unten Gestein nachgibt, kann man von oben arbeiten. Mit Seilen. Mit Hebeln. Mit mehr Händen.“

    „Mit euren Händen?“, fragte Kronos.

    Darauf kam keine Antwort.

    Wieder traf ein Stoß von unten gegen den Schacht. Jetzt brach ein Stück aus der vorderen Platte des Sitzes und verschwand in der Tiefe. Kein Aufschlag stieg herauf. Mehrere Titanen wichen weiter zurück. Einer hob den Arm vor das Gesicht, obwohl nur Staub kam.

    Rhea blieb stehen, wo sie stand. Der Riss lief nun zwischen ihren Füßen hindurch, und unter ihren Sohlen sackte der Stein leicht ab, während ihre Hände offen blieben, ohne zu zittern. „Wer ihn zum Rückzug ruft, soll sagen, dass er selbst den Platz hält.“

    Koios antwortete sofort: „Ich habe nie verlangt, dort zu sitzen.“

    „Nein.“ Rhea hob kaum das Kinn. „Du verlangst nur, dass er aufsteht.“

    Ein hartes Murmeln ging durch die Hinteren und brach gleich wieder ab. Keiner wollte es tragen.

    Endlich hob Gaia den Blick vom Schacht. „Was unten drückt, hört nicht auf, wenn ihr nach Stützen ruft.“ Ihre Stimme war nicht laut, aber sie trug über den Hof. „Gebrochen ist der Verschluss. Der Druck sucht den Weg, den er schon geöffnet hat.“

    Koios strich sich Staub vom Unterarm. „Dann muss der Sitz umso mehr von diesem Ort weg.“

    „Weg?“ Kronos ließ das Wort zwischen ihnen stehen.

    Gaia antwortete nicht ihm, sondern in die Runde: „Wenn der erste Platz weicht, sieht es jeder.“

    Das traf den Kreis. Einige sahen zu Boden, andere zum Sitz. Niemand zum Schacht.

    Kronos hob die Sichel etwas an und ließ sie wieder sinken. „Eben deshalb bleibt er hier.“

    Koios’ Mund wurde schmal. „Du bindest alles an etwas, das schon fällt.“

    „Nein“, entgegnete Kronos. „Ich binde es an mich.“

    Er setzte den rechten Fuß auf die geborstene Kante des Schachts und prüfte den Halt. Unter ihm lag Schutt, dann der schräg abfallende Gang. Staub hing in der Öffnung. Es roch nach kaltem Bruch und nach etwas Altem, das lange verschlossen gewesen war. Ein schwacher, stetiger Luftzug strich aus der Tiefe.

    Rhea trat dicht an ihn heran, ohne vor ihn zu treten. Nicht an seine Hand. Nur nah genug, dass er sie hören konnte, ohne dass die anderen jedes Wort verstanden. „Du weißt nicht, was dort ist.“

    „Nein“, sagte er.

    „Und doch gehst du.“

    „Ja.“

    Sie sah ihn einen Augenblick an. Es lag keine Bitte mehr in ihrem Gesicht. „Dann komm zurück, bevor sie oben aus deiner Abwesenheit ein Urteil machen.“

    Er nickte einmal. Mehr nicht.

    Koios fing genug von ihren leisen Worten auf, um zu verstehen, dass zwischen ihnen nichts mehr stand, was ihn hätte bremsen können. Er sprach wieder laut in die Runde, nicht nur zu Kronos. „Hört es alle. Wenn er hinabgeht, tut er es gegen jeden Rat, der hier gesprochen wurde.“

    Iapetos sah zu ihm. „Gegen deinen Rat.“

    „Du hast eben selbst von Seilen gesprochen.“

    Iapetos schwieg.

    Kronos stieg einen Schritt tiefer in den Schacht. Steine knirschten unter seinem Gewicht. Der Sitz über ihm knackte leise. Die Sichel hielt er quer vor den Körper, damit sie nicht an der Wand hängen blieb. Er blickte noch einmal nach oben, nicht suchend, sondern messend: Rhea.

    Rhea, die Brüder, den Rand des Hofes, den zerrissenen Stein unter dem Herrschersitz. Er sah, wer wich und wer standhielt. Okeanos hielt sich still, die breite Brust gespannt, den Blick auf die Öffnung gerichtet. Hyperion stand mit gehobenem Kinn reglos da, doch seine Finger arbeiteten unruhig an der eigenen Handfläche. Koios wich Kronos’ Blick nicht aus. Iapetos trat näher an die Kante, prüfte mit einem raschen Blick den Schacht, den Fall, die Schräge, die losen Kanten, schon halb bei der Arbeit, obwohl noch niemand ihm befohlen hatte, etwas zu tun.

    Jenseits des aufgerissenen Hofes stand die Ordnung der Titanen für einen Herzschlag still, als hätte der Schlag aus der Tiefe auch ihre Reihen verrückt. Über Gaia lag der matte Staub wie Asche, Othrys hob sich dunkel und unbeweglich dahinter, und der Himmel darüber wirkte auf einmal weiter, leerer, als hätte sich etwas Unsichtbares zwischen Berg und Höhe gelöst.

    Dann kam der Stoß.

    Er fuhr durch den Hof, nicht von außen, sondern von unten. Der Stein hob sich unter den Füßen und fiel hart zurück. Ein Riss lief vom Sitz aus quer über die Fläche. Kleine Splitter sprangen auf. Staub stob hoch und legte sich auf nackte Arme, in Haare, auf den dunklen Schaft der Sichel. Aus der Tiefe drang das Grollen wieder herauf, dumpf und lang, kein Laut eines Mundes, sondern ein Ton aus dem Leib der Erde.

    Mehrere traten zurück. Einer der jüngeren Diener am Rand verlor den Halt und fiel auf ein Knie. Niemand lachte. Niemand schalt ihn.

    Kronos hielt sich an der gebrochenen Wand des Schachts. Die Kante schnitt in seine Hand, doch er ließ nicht los. Sein Blick ging zurück in die Öffnung. Staub bewegte sich dort unten in langsamen Streifen. Der Luftzug wurde stärker. Mit ihm kam ein Geruch, jetzt schwerer, feucht unter dem kalten Bruch, alt und abgeschlossen.

    „Der Sitz muss weg vom Rand“, sagte Iapetos scharf.

    „Fass ihn an, und er kommt ganz herunter“, entgegnete Koios.

    „Wenn er oben bleibt und der Grund bricht, kommt er auch herunter.“

    „Still“, sagte Kronos.

    Obwohl das Wort nicht laut war, reichte es.

    Die Stimmen brachen ab. Es blieb nur das Grollen. Es lief unter allem weiter, bald ferner, bald näher, und jedes Mal hoben sich dabei feine Körner aus den Fugen des Hofes.

    Gaia stand am Rand des offenen Platzes, nicht mitten unter ihnen, nicht fern. Niemand hatte sie kommen sehen. Ihr Gesicht war unbewegt. Ihre Schultern standen fest, doch unter ihren Füßen arbeitete der Boden. Getrieben vom Druck unter ihr, öffnete sich wenige Schritte vor ihr ein schmaler Spalt, zog sich seitlich fort und blieb stehen. Sie sah nicht in den Himmel. Ihr Blick ruhte auf dem geborstenen Stein vor dem Sitz.

    Als Kronos sich ein Stück aufrichtete, so weit es die Schräge erlaubte, fragte er: „Du wusstest davon?“

    Gaia antwortete nicht sofort. Ein dumpfer Schlag lief erneut durch den Untergrund. Diesmal fiel irgendwo weiter hinten ein Stück Fels von der Mauer und zerbarst auf dem Hof.

    „Ich wusste“, sagte sie dann, „dass tief unten etwas verschlossen lag.“

    Danach schwieg sie.

    Koios hob die Stimme. „Und du sagtest nichts.“

    Sie wandte den Kopf zu ihm. „Es blieb geschlossen.“

    „Bis jetzt“, sagte Hyperion.

    „Bis jetzt.“ Gaia hielt seinem Blick stand.

    Kronos musterte sie. In ihrem Gesicht lag weder Eile noch Schonung. Ohne ihn um etwas zu bitten, hielt sie ihn nicht zurück. Das ärgerte ihn mehr als ein Einwand. Sie stand da, während unter ihrem Leib etwas aufgebrochen war, und überließ ihm den nächsten Schritt.

    „Was hielt es?“, fragte er.

    „Einen Verschluss“, erwiderte Gaia.

    Iapetos stieß den Atem aus. „Das ist keine Antwort.“

    Gaias Blick glitt zurück zum Schacht. „Es ist die einzige, die ich sicher geben kann.“

    Das Grollen schwoll an. Diesmal kam ein kurzes Reißen dazu, trocken und hart. Direkt neben dem Herrschersitz sprang ein weiterer Stein auf. Die geborstene Fläche senkte sich an einer Ecke. Das schwere Gestell knirschte und neigte sich ein wenig zur Öffnung hin.

    Von oben ließ sich die Staffelung des Ortes mit einem Blick fassen: der schwarze Schacht im gebrochenen Zentrum, darum der Hof mit seinen wandernden Rissen, dahinter die Umstehenden in einem unruhigen Halbkreis, keiner mehr ganz fest auf seinen Füßen. Staub hing zwischen ihnen wie ein blasser Schleier und machte jede Bewegung am Rand des Blicks größer, als sie war.

    Okeanos trat endlich vor. „Genug. Wenn der Hof weiter arbeitet, stehen wir hier bald nicht mehr. Wir ziehen den Sitz zurück, während wir die Kante sichern. Dann sehen wir—“

    „Nein“, schnitt Kronos ihm das Wort ab.

    Okeanos blickte ihn an. „Dann befiehl etwas Besseres.“

    Kronos’ Griff schloss sich fester um die Sichel. Das Blut darauf war dunkler geworden. Wo der Staub daran haftete, wirkte die Klinge stumpf. Doch die Schneide war frei. Er dachte nicht lange. Er wusste nur, dass jeder Atemzug oben die Sache schlimmer machte. Nicht weil sicher war, was unten lag, sondern weil niemand es wusste.

    „Iapetos“, rief er. „Hol Seile. Lange. Keine losen Knoten. Wenn der Sitz rutscht, lasst ihn fallen, nicht euch mit ihm. Okeanos, halte den Hof frei. Niemand an die Kante außer auf meinen Ruf. Hyperion—“ Er brach ab, als wieder ein Stoß durch den Boden ging, kürzer, härter. „Behalte die Bruchlinien im Blick. Wenn sich der Riss öffnet, räumst du den Platz. Koios bleibt hier.“

    Koios’ Mund verzog sich kaum merklich. „Um dein Urteil zu bezeugen?“

    „Um es zu tragen, wenn ich nicht sofort zurückkomme.“

    Für einen Augenblick sagte niemand etwas.

    Dann nickte Koios einmal, doch es war keine Zustimmung. Es war die

    Kronos setzte den Fuß auf die geborstene Kante und prüfte den Stein mit seinem Gewicht. Unter ihm drang kalte Luft aus dem Schacht. Sie roch nach nassem Fels und altem Einschluss. Staub rieselte nach. Aus der Öffnung kam ein dumpfes Schaben, dann ein Stoß gegen Stein, nicht mehr fern.

    Inzwischen war Iapetos bereits fort. Okeanos drängte die Nächsten mit beiden Armen zurück, ohne den Blick von Kronos zu nehmen. Hyperion stand seitlich, den Kopf gesenkt, und verfolgte die Linien im Boden, während Koios am Sitz blieb und Gaia schwieg.

    Kronos stieg hinab.

    Er ließ sich an der gebrochenen Innenwand ab, suchte Halt in den Rissen und sprang das letzte Stück. Beim Aufkommen fuhr der Schmerz durch seine Beine. Unter dem Hof drängten die Wände enger zusammen, als die Öffnung von oben vermuten ließ, und doch reichte der Raum weiter, als er erwartet hatte. Reste des alten Verschlusses steckten schräg in den Wänden: schwere Steinränder, an den Bruchflächen glatt und dunkel vom Druck vieler Zeiten. Über ihm stand ein schmaler Ausschnitt des Himmels. Stimmen fielen hinab und verloren sich im Stein.

    Dann zeichnete sich Bewegung im Staub ab, wo eben nur Dunkel gewesen war: kein bloßer Hohlraum.

    Drei Körper standen im aufgerissenen Tiefraum, halb im Staub, halb im kalten Licht von oben. Breit in den Schultern, schwer in den Gliedern, nackt bis auf die Kruste von Erde und altem Abrieb. Auf ihrer Haut zeichneten sich Druckspuren ab. Ihre Haare hingen verklebt. In ihren Gesichtern saß je nur ein Auge, offen gegen das Licht, groß, gereizt, ohne Ruhe. Nur zögernd fielen die Lider. Sie standen und sahen hinauf.

    Der nächste Stoß kam aus einem von ihnen, nicht aus dem Stein. Einer stemmte beide Hände gegen die verbliebene Wand. Ein anderer drehte den Kopf mit einer langsamen, harten Bewegung und suchte den Raum ab, den es zuvor nicht gegeben hatte. Nur der dritte hob den Blick zu Kronos.

    Aus dem Wissen der Ordnung kannte Kronos sie: Brüder, die Eingeschlossenen, die Uranos in die Tiefe gedrückt hatte.

    Oben an der Kante trat Gaia ins Licht. Keine Überraschung zeigte ihr Gesicht. Sie beugte sich nicht weit vor, doch ihr Blick fiel gerade hinab. Er traf erst die drei Gestalten, dann Kronos. Nur die Bestätigung eines Verdachts.

    „Kyklopen“, sagte sie.

    Das Wort fiel in den Schacht und hing zwischen den Wänden.

    Brontes wandte sich zu der Stimme. Steropes hob den Arm gegen das Licht. Getrieben von der Weite, die auf einmal vor ihm lag, machte Arges einen Schritt nach vorn, langsam und taumelnd. Der enge Druckraum stand offen. Luft drang ein. Zwischen ihren Leibern und den Wänden klaffte Abstand. Sie atmeten ihn ein, hart, ungeordnet, gierig, während Kronos erkannte, wie Gaia verstand.

    Nicht Leere. Nicht ein namenloses Altes. Brüder.

    Und mit demselben Blick erkannte er, was die anderen am Rand sehen würden, sobald sie es begriffen: Uranos hatte sie gehalten. Nun standen sie unter Kronos’ Sitz. Wenn sie heraufkamen, trat unter seiner Herrschaft offen zutage, was darunter lag, und nichts daran folgte einer ordnenden Hand, nichts daran war sein Werk. Ein offener Schacht am Herrscherplatz, bewohnt von festgehaltenen Brüdern, die nicht von ihm gelöst worden waren. Gaia wusste es zuerst, und das genügte.

    „Seile“, rief er nach oben.

    Seine Stimme schnitt hart durch den Schacht. Einen Moment rührte sich nichts. Dann kratzten Schritte über Stein, Gewicht scharrte, Iapetos’ Atem ging hörbar, und ein kurzes Murmeln lief zwischen Okeanos und Hyperion. Ein Ende fiel herunter, dann ein zweites. Die Seile schlugen gegen die Wand und pendelten aus.

    Arges machte noch einen Schritt nach vorn, den Blick auf Kronos geheftet. Darin lag keine Bitte. Nur der erste Blick eines Bruders auf einen Bruder im offenen Raum, roh und wach, ohne Unterwerfung.

    Kronos hob die Sichel nicht. Das wäre offen gewesen, und offen war hier nichts zu gewinnen. Stattdessen bückte er sich, fasste eines der Seile und zog es zu sich heran. Seine Hände arbeiteten schnell. Er legte eine Schlinge, prüfte den Zug, trat auf das lose Ende.

    Als sein Auge vom Seil zu Kronos’ Hand ging und dann zurück zu dessen Gesicht, begriff Brontes zuerst, und sein Blick veränderte sich. Nicht Furcht. Klarheit.

    Steropes drehte den Körper halb zur Seite, als suche er einen anderen Ausgang, doch hier gab es nur den Schacht und die Bruchwände.

    „Still“, sagte Kronos.

    Es war kein Ruf. Es war ein Befehl, den man oben hören sollte.

    Arges kam näher. Vielleicht suchte er den Weg nach oben. Vielleicht verstand er das Seil nicht. Vielleicht erkannte er in Kronos den, der zwischen ihnen und der Öffnung stand. Schwer waren seine Schritte, unsicher auf dem Schutt. Der Raum lag neu um ihn. Den Blick nach oben hielt er nur kurz aus, dann nahm er ihn wieder auf Kronos zurück.

    „Zurück“, sagte er.

    Arges hörte nicht auf ihn. Langsam kam er weiter, die Schultern gesenkt, die Hände offen vor dem Leib, nicht bittend, nicht beschwichtigend. Er wollte an ihm vorbei. Das genügte.

    Kronos riss das Seil hoch und warf die Schlinge flach und hart. Sie traf Arges nicht sauber am Hals, strich ihm über die Brust und blieb an einem Arm hängen. Sofort zog Kronos nach, stemmte sich zurück und riss den Bruder seitlich gegen den aufgebrochenen Stein. Der Schlag fuhr dumpf durch den Raum. Splitter lösten sich und fielen zwischen ihre Füße.

    Arges stieß die Luft aus. Im selben Augenblick setzte Brontes sich in Bewegung.

    Er lief nicht auf ihn zu, sondern nach oben.

    Er warf sich gegen die Wand unter der Öffnung, tastete mit beiden Händen in den Bruch, suchte Halt, drückte den Leib hoch. Steropes folgte einen Schritt später, roh und ohne Ordnung, nur auf das Licht gerichtet. Dröhnend nahm der Schacht die Wucht ihrer Körper auf und gab sie zurück. Über seinem Kopf knackte Stein, und etwas brach nach. Staub fiel ihm in Gesicht und Mund.

    Von oben schrie jemand auf.

    Er zog Arges noch härter an den Bruchstein heran, bis der Bruder zwischen ihm und der Öffnung lag. Arges stemmte den freien Arm gegen das Seil und versuchte, sich loszudrehen. Die Bindung kannte er nicht, aber den Zug begriff er. Seine Kraft war ungeordnet. Gerade das machte sie gefährlich.

    „Hoch mit mehr Seilen“, rief Kronos.

    Ein Brocken löste sich am Rand und schlug neben ihm auf. Brontes hatte schon den halben Leib an der Wand, die Finger tief in Spalten gepresst, als von oben Gaias Stimme fiel, laut und ohne Zögern.

    „Uranos’ lange verschlossene Söhne.“

    Das Wort stand im Schacht. Es war keine Frage, kein Laut des Schreckens. Sie nannte sie und machte sie hörbar für alle oben am Rand.

    Arges hörte die Stimme, und sein Kopf fuhr hoch. Brontes hielt inne. Auch Steropes erstarrte für einen kurzen Schlag. Der Raum war offen, und nun waren sie nicht mehr nur Leiber in der Tiefe. Kronos verstand sofort, was am Rand geschah. Gaia hatte ihnen einen Ort gegeben, noch bevor er sie gebunden hatte.

    Er fluchte nicht, verlor keinen Atem daran, sondern rief noch einmal: „Seile. Nicht herunterziehen. Gebt sie mir“, während über ihm Füße scharrten. Stimmen brachen übereinander. Okeanos sagte etwas, das im Schacht zerriss. Hyperion forderte Ruhe. Gaia sprach nicht wieder. Dann fielen zwei weitere Seile herab, schnell, ungebremst. Eines streifte Brontes an der Schulter, das andere schlug gegen die Wand und rutschte über Steropes’ Rücken ab.

    Kronos ließ das lose Ende seiner ersten Schlinge nicht los. Er trat tiefer hinein, zog Arges mit sich und hielt ihn quer zur Öffnung. Arges wehrte sich jetzt offen. Er rammte die Ferse gegen den Schutt, warf die Schulter nach vorn, wollte ihn aus dem Stand brechen. Kronos wich nicht aus der Linie. Er fing die Bewegung mit dem Zug des Seils ab und stieß den Bruder erneut gegen den Stein.

    Brontes wandte den Kopf. Ein einziges Auge, groß und hell im Staub, fiel auf Arges, dann auf dessen Hände. Er begriff die Ordnung des Zuges, den Knoten, die Absicht. Seine Finger lösten sich vom Riss in der Wand. Schwerfällig drehte er sich vom Licht weg.

    Das war gefährlicher.

    Als Brontes auf ihn zuging, ging Steropes mit ihm. Zu dritt würden sie den Raum sprengen.

    „Bleib zurück“, sagte Kronos zu ihnen, und diesmal lag keine öffentliche Härte in der Stimme. Nur Abstand, Maß, Prüfung.

    Ein Ton in Kronos’ Stimme hielt Brontes nicht auf; dennoch kam er weiter.

    Vorsichtig setzte er die Füße, Schritt für Schritt über den Schutt, die Arme halb gehoben. Steropes blieb zunächst an der Wand, den Blick zwischen Öffnung und ihm hin und her gerissen. Über ihnen rieselte weiter Stein. Der Rand hielt noch, aber nur knapp. Ein weiterer Stoß, und der Sitz über dem Schacht konnte nachbrechen. Kronos brauchte sie unten, fest, sofort.

    Am Seil riss Arges. Sein Leib war schwer, ungeschickt nach langer Enge, doch die Kraft darin lag roh genug, um ihm die Hände aufzureißen. Kronos gab eine halbe Elle nach, nur um den Zug neu zu nehmen, dann trat er dicht heran. Arges hob den freien Arm, die Finger schon gespreizt nach einem Griff. Er wollte ihn fassen.

    Kronos duckte sich darunter weg, ließ das Seil über seinen Unterarm laufen und drehte den Leib seitlich aus der Linie. Arges verlor auf losem Stein den Stand. Für einen Augenblick kippte sein Gewicht nach vorn. Kronos nutzte den Moment, trat hinter seine Flanke und zog die Schlinge tiefer.

    Sie glitt von Schulter und Arm abwärts über den Oberkörper. Arges brüllte auf, mehr aus Wut als aus Schmerz. Kronos zog das Ende unter Spannung und riss ihn rücklings gegen die Bruchwand. Stein kratzte.

    Kronos setzte sofort nach. Mit beiden Händen hielt er den Zug, stemmte den Fuß zwischen zwei festere Steine und riss das lose Ende mit einem kurzen Ruck tiefer um Arges’ Leib, dorthin, wo das Gewicht saß. Arges warf den Rücken gegen den Fels und fuhr gleich wieder vor. Die Schlinge schnitt ihm über Rippen und Bauch, aber sie hielt ihn in der Drehung fest.

    Brontes kam weiter, und jedes Zögern fiel von ihm ab. Er blickte nicht mehr zur Öffnung. Sein Blick hing an Kronos’ Händen. Steropes löste sich endlich von der Wand und folgte ihm, noch zwei Schritte hinter ihm, unsicherer, aber nicht langsam. Lose Stücke gaben unter ihren Füßen nach und rollten in die Tiefe.

    „Noch einen Schritt“, sagte Kronos, ohne den Blick von Arges zu nehmen, „und ich ziehe euch die Luft ab.“

    Sicher war nicht, ob sie die Worte voll begriffen. Aber den Zug verstanden sie. Brontes hielt kurz inne. Arges rang nach Atem und stieß dabei einen Laut aus, tief und hart, kein Ruf nach Hilfe, eher Wut darüber, dass sein Leib gehorchen musste. Er zerrte gegen die Schlinge. Kronos nahm den Ruck auf, drehte das Handgelenk ein und ließ kein Stück Seil fahren.

    Oben rief wieder jemand, doch der Schacht verschluckte den Sinn. Dann fiel das Licht anders in die Öffnung. Ein Schatten trat an den Rand. Gaia sprach nicht zu ihm; nur ihre Stimme lag ihm noch im Ohr, zusammen mit dem Wort, das sie in den Schacht gesetzt hatte. Sie hatte nicht gewartet, sondern benannt. Das blieb in ihm, während er das andere Seil mit dem Fuß heranzog.

    Arges erkannte die Bewegung. Er warf sich jäh zur Seite, gegen das lose Ende am Boden. Als er es forttreten wollte, trat Kronos ihm auf den Knöchel. Hart traf es. Mit dem Bein zurückfahrend, schlug Arges im selben Zug mit dem Ellenbogen nach hinten. Der Hieb traf Kronos seitlich an der Brust. Für einen Moment nahm der Stoß ihm den Atem, nicht den Halt. Er biss die Zähne zusammen, zog Arges wieder an den Stein und griff mit der freien Hand nach dem anderen Seil.

    Brontes setzte wieder an.

    Da hob Kronos den Kopf.

    „Zurück.“

    Scharf und blank traf der Befehl. Ohne stehen zu bleiben, verlangsamte Brontes sich. Nur noch wenige Schritte trennten ihn von Kronos, und inzwischen zog Steropes mit ihm gleich. Seine Finger öffneten und schlossen sich leer. Suchend nach einem Griff, einem Stein, einem Gerät tastete er nach irgendetwas, das in die Hand passte. Es gab nichts außer Schutt.

    Kronos warf das zweite Seil um Arges’ Seite. Beim ersten Versuch glitt es ab. Der Gefesselte riss den Oberkörper herum, drückte die Schulter vor und wollte die Drehung nutzen, um aus der ersten Schlinge zu kommen. Kronos ließ ihn nicht aus der Achse. Mit einem Ruck stieß er ihm den Unterarm zwischen Nacken und Stein, presste ihn an die Wand und zog das zweite Ende wieder heran.

    Arges schnappte nach seinem Arm. Die Finger schlossen sich über Haut und Seil zugleich. Roh und ungeübt lag Kraft in dem Griff. Das Gelenk gab nach. Kronos rammte Arges den Kopf gegen den Bruchstein, ein einziges Mal, kurz und gerade. Der Griff lockerte sich. Er nutzte den Moment, zog den Arm frei und führte das Seil endlich um den Leib.

    Jetzt lag es um Arges’ Mitte.

    Noch zu locker.

    Steropes kam näher heran, als Kronos gewollt hatte. Ein weiterer Schritt, und er hätte ihn erreichen können. Brontes hob den Arm, eher um Arges zu fassen, ihn herauszuziehen, ihn aus der Linie des Zuges zu bringen. Die Bewegung zuckte in Kronos’ Blickfeld, und er trat selbst nach vorn. Er stellte sich zwischen sie und den Gebundenen, das erste Seil in der linken Hand, das zweite in der rechten, beide unter Spannung.

    „Er bleibt.“

    Brontes’ Auge stand offen auf ihm. In dem Blick lag weder Bitte noch Furcht, nur Entschlossenheit, als er den letzten Schritt machte.

    Kronos handelte vor dem Zugriff. Er riss Arges mit dem ersten Seil seitlich an und brachte ihn halb zwischen sich und die Brüder. Gleichzeitig schlug er mit dem zweiten Ende um dessen Rücken herum und zog es mit Gewalt durch. Die Schlinge schloss sich enger um den Leib. Der Riese brüllte auf und stemmte sich dagegen, sein Körper spannte sich unter beiden Seilen. Für einen Herzschlag hielt alles.

    Dann griff Brontes.

    Er fasste nach Arges’ Schulter.

    Kronos sah die Hand kommen und drehte den Zug nach unten. Arges sackte einen halben Schritt weg. Brontes’ Griff glitt ab und fasste nur Haar und Staub. Steropes war nun auch da, zu nah, den Arm schon vorgestreckt. Kronos trat gegen dessen Knie. Kein voller Tritt, nur genug, um den Ansatz zu stören. Steropes geriet auf lose Steine, fing sich aber wieder.

    Über ihnen knackte es.

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