PANATHINAIA

    Alexia Michailidou · Band 1

    PANATHINAIA

    Chapter 3 of 11

    Chapter 3

    Der Stein in den Armen

    „Wohin?“

    Ihre Stimme war rau und flach. Gaia antwortete nicht sofort. Sie drehte nur den Kopf zum Tor, nicht zum Haus. Weg von den Säulen, weg von den Blicken, die noch immer im Hof ruhten, auch wenn niemand mehr sprach.

    „Nicht hier.“

    An ihr vorbei blickend, erkannte Rhea einige, die noch immer dort standen, wo sie gestanden hatten, als Kronos Poseidon genommen hatte. Keiner kam näher oder sprach sie an. Keiner hatte etwas getan. Das Wissen lag nun fest in ihr. Auf eine Regung von ihnen wartete sie nicht mehr.

    Gaia ging an ihr vorbei, langsam genug, dass Rhea folgen konnte.

    Die ersten Schritte schmerzten. Blut klebte zwischen ihren Schenkeln. Ihr Leib zog sich noch zusammen, leer und wund. Sie presste den Mantel fester um sich und ging. Hinter ihr blieb der Hof zurück, offen und hart und voll von dem, was dort geschehen war, ohne dass es etwas geändert hatte.

    Die Alte führte sie nicht ins Haus. Sie nahm den Weg zum nackten Fels hinter den Bauten, dorthin, wo der Boden abfiel und das Gestein offen lag. Dort stand kein Diener. Dort wartete niemand auf Worte. Der Wind strich kühl über Rheas feuchte Haut. Als die Alte stehen blieb, tat Rhea es auch.

    Vor ihnen fiel das Land ab, und zwischen den Rissen des Gesteins lag Dunkel. Rhea blickte hinunter, ohne etwas erkennen zu wollen. Ihre Knie gaben fast nach. Gaia bemerkte es und wartete, bis sie den Stand wiederfand.

    „Jetzt hör zu“, begann sie.

    Rhea schloss die Finger fester um den Stoff an ihrer Brust.

    „Ich habe dir im Hof widersprochen“, begann Gaia. „Bei den anderen Geburten auch. Vor Zeugen hielt ich ihn an und benannte ihn. Du hast dein Kind benannt und es zurückverlangt. Ich habe ihn vor allen angesprochen. Und er hat es trotzdem getan.“

    Eine Antwort gab Rhea nicht. Sie brauchte diese Worte nicht, um es zu wissen. Aber sie hörte sie, und mit jedem Satz wurde das, was in ihr hart geworden war, noch fester.

    „Offen vor ihm trägt nichts“, sagte Gaia. „Dein Ruf nicht. Mein Widerspruch nicht. Auch nicht die Augen derer, die es sehen.“

    Rhea hob den Blick. „Ich weiß.“

    Gaia nickte einmal, knapp. „Dann hör auch den Rest an.“

    Rhea blickte ihr ins Gesicht. Gaia wich nicht aus.

    „Er nimmt sie nicht im Zorn. Weder aus Hunger noch, weil du ihm widersprochen hast.“ Sie machte eine kurze Pause. „Er nimmt sie, weil er in jedem von ihnen den sieht, der ihm nimmt, was er festhält.“

    Rhea blieb still. Der Satz traf nicht dort, wo der Schmerz saß; er traf daneben und öffnete etwas anderes: Kronos’ Hand an dem Kind. Kronos’ Stimme im Hof. Ich meine Herrschaft. Sie hatte seine Härte gesehen, seinen Anspruch, seinen Willen. Aber dieses Wort stand nun dahinter und ordnete alles neu.

    „Seine Herrschaft“, murmelte Rhea.

    „Ja.“

    „Darum wird er jedes nehmen.“

    „Jedes, das er in die Hände bekommt.“

    Der Wind drückte den Mantel gegen ihren Leib. Rhea legte eine Hand auf den flachen Schmerz ihres Bauchs, wo eben noch Poseidon gewesen war, warm, schwer, lebendig. Jetzt war nichts dort, was bleiben konnte.

    „Dann gibt es nichts mehr“, flüsterte sie.

    Gaia trat näher, aber noch immer berührte sie sie nicht. „Es gibt nur dann nichts mehr, wenn du weiter tust, was er erwartet.“

    Rhea starrte sie an.

    „Du gehst fort, ehe die Zeit kommt“, sagte Gaia. „Nicht in sein Haus. Keinen Raum, den er kennt. Keinen Ort, an dem sein Name vor dir ankommt. Du trägst das Kind weg von ihm und bringst es dort zur Welt, wo seine Augen nicht sind.“

    Rhea schüttelte den Kopf, erst kaum, dann stärker. „Er wird es merken. Er wird nach mir suchen.“

    „Ja.“

    „Er wird mich finden.“

    „Vielleicht nicht früh genug.“

    Rhea drückte die Lippen zusammen. „Und wenn das Kind geboren ist?“ Der nächste Satz kam nur mühsam über ihre Kehle. „Ich kann es nicht halten. Nicht bei mir, wenn er sucht.“

    „Nein“, erwiderte Gaia.

    Das eine Wort schnitt sauber.

    Rhea wandte den Blick ab. Unten im Gestein lag das Dunkel zwischen den Spalten. Ihre Hand blieb auf ihrem Bauch. Sie stand lange still. Als sie wieder sprach, war ihre Stimme niedrig, aber fest.

    „Er soll suchen.“

    Gaia sagte nichts.

    Rhea hob den Kopf. Der Wind fuhr ihr ins Gesicht, kalt und klar. „Nicht hier“, sagte sie. „Nicht in seinem Haus. Nicht dort, wo er zuerst hinsieht.

    sondern an den Augenblick danach.

    Mit einem Schritt zur Seite glitt Gaia mit den Händen über den Fels, suchte nicht lange und hielt dann an. Zwischen zwei Kanten lag ein loser Stein. Sie hob ihn auf. Er war groß genug, um Gewicht zu haben. Nicht groß genug für ein gewachsenes Kind, aber unter Tuch und Windeln würde Kronos nicht nachmessen. Er würde nehmen.

    Rheas Blick fiel auf den Stein, und zuerst begriff sie nicht, was die Alte tat. Dann hob sie den Kopf so schnell, dass sie nach Luft schnappte.

    „Nein.“

    In ihrer Hand wog den Stein Gaia. „Er muss etwas empfangen.“

    „Nein.“ Rheas Stimme brach auf dem Wort. „Sag das nicht so.“

    Dem Blick hielt stand die Erdmutter. „Er wird die Hände ausstrecken. Wenn du leer vor ihm stehst, sucht er weiter. An dir. An jedem Ort, den du betreten hast. An jedem, der dich gesehen hat.“

    Rhea trat zurück. Der Fels hinter ihr war kalt und hart. Sie schloss die Arme um sich, nicht fest genug, um Halt zu finden. „Du verlangst, dass ich mein Kind hergebe.“

    „Ich verlange, dass du es rettest.“

    Sie presste die Zähne aufeinander. Ihr Körper erinnerte sich noch zu gut. Das Gewicht des Neugeborenen hatte kaum in ihren Armen gelegen. Kronos war da gewesen, noch ehe sie Blut und Atem ordnen konnte. Sie hatte Poseidons Namen gesagt, laut genug für den ganzen Hof. Sie hatte nach ihm gegriffen. An Kronos gezogen. Ihre Hände hatten Fleisch und Stoff gefasst, nicht das Kind. Als Gaia gesprochen hatte, hatten es alle gehört. Niemand hatte sich bewegt. Und Kronos hatte Poseidon genommen und gesagt, er bleibe in ihm.

    Sie hob die Hand an den Mund und ließ sie wieder sinken. „Ich soll gebären, und dann—“ Das letzte Wort kam nicht.

    Ohne einen Schritt auf sie zu zu machen, sagte Gaia: „Du sollst gebären, und das Kind soll fortgebracht werden, bevor sein Name zu ihm gelangt.“

    „Fortgebracht.“ Jetzt lachte sie einmal, ohne Laut. „Von wem? Dir? Einer Dienerin? Von Händen, die nicht meine sind?“

    „Von Händen, die es lebend tragen.“

    Rhea fuhr herum und blickte in das Dunkel zwischen den Felsen, als läge dort eine Antwort. Es lag nichts dort. Nur Stein, Kälte und Wind, der über die Höhe strich. „Und ich bleibe zurück.“

    „Ja.“

    „Mit diesem Ding.“ Sie deutete auf den Stein in Gaias Hand.

    „Wenn es nötig ist.“

    Sie antwortete nicht. Sie stand still und atmete zu flach. Ihr Blick kehrte immer wieder zum Stein zurück. Nicht zu Gaia. Nur zu dem stummen Gewicht in der offenen Hand, das darauf wartete, eine Form zu erhalten, die ihm nicht zustand.

    Gaia bückte sich nach dem Tuch, das Rhea beim Fortgehen mitgenommen hatte, und nach den Windeln, die noch darin eingeschlagen lagen. Ihre Bewegungen blieben ruhig und ohne Zögern. Sie breitete den Stoff auf dem Fels aus, legte den Stein in die Mitte und begann, die Windeln darumzuschlagen.

    Rhea verfolgte es und trat vor. „Hör auf.“

    Gaia arbeitete weiter.

    Rhea griff nach ihrer Hand. „Hör auf.“

    Gaia ließ sich nicht losreißen. „Sieh hin.“

    „Ich will das nicht sehen.“

    „Du musst.“

    Rhea ließ los, nicht aus Gehorsam, sondern weil ihre Finger keine Kraft hielten. Gaia schlug die erste Lage um den Stein, dann die zweite. Sie zog den Stoff fest, bog die Enden ein, wickelte weiter, bis aus dem unregelmäßigen Gewicht ein dicht gebundenes Bündel geworden war, ohne Wärme oder Atem, nur mit Größe, Form und Last.

    „Er wird es öffnen“, sagte Rhea.

    „Nicht dort.“

    „Wo dann?“

    „Nicht vor dir.“

    „Du weißt das nicht.“

    Den Blick hob Gaia. „Ich weiß, dass er nimmt, was man ihm reicht. Ich weiß, dass er sich seines Sieges gewiss ist. Ich weiß, dass er nicht erwartet, dass du lernst.“

    Das traf. Rhea stand still.

    Gaia band den letzten Streifen fest und hob das Bündel mit beiden Händen hoch. Sein Gewicht zog nach unten und wirkte überzeugend genug. Gerade deshalb wollte Rhea es nicht berühren.

    „Nimm es“, sagte Gaia.

    Rhea rührte sich nicht.

    „Nimm es.“

    „Ich kann nicht.“

    „Du kannst.“

    Auf das gewickelte Tuch sah Rhea. In ihrem Gesicht lag nichts Weiches mehr. Die Tränen, die sie auf dem Hof nicht hatten retten können, waren hier nur noch Druck hinter den Augen. „Wenn ich es nehme, dann tue ich es wirklich.“

    Gaia senkte das Bündel nicht. „Ja.“

    „Dann gibt es keinen Weg zurück.“

    „Es gab keinen Weg zurück, als er Poseidon nahm.“

    Zwischen ihnen stand das Wort, ungeschont. Poseidon. Rhea schloss die Augen. Ihr eigener Ruf schlug noch einmal an die Mauern und verging. Vor ihr lagen Kronos’ Hände und Gaias Stimme vor allen.

    Niemand trat vor, niemand hinderte ihn; Kronos nahm, was vor ihm lag, und hielt fest, was er genommen hatte.

    Die Augen öffnete Rhea.

    Noch immer verharrte die Alte mit dem Bündel vor ihr. Die Arme der Alten waren ruhig. Nur das Tuch an den Kanten zeigte, wie schwer der Stein darin lag.

    „Sag es“, forderte Gaia.

    Sie antwortete nicht. Ihr Blick blieb auf dem gewickelten Tuch. An der Stelle, wo ein Kopf hätte sein sollen, saß die Wicklung zu fest. Dort, wo ein Leib hätte nachgeben sollen, blieb alles hart. Sie wusste es. Gerade deshalb stand sie da und konnte die Hände nicht heben.

    „Sag es“, wiederholte sie. „Wenn du es nimmst, wie handelst du?“

    Rheas Mund wurde trocken. Sie presste die Lippen aufeinander, bis es schmerzte. Sie sagte: „Ich nehme nicht ein Kind.“

    Sie wartete.

    „Ich nehme eine Lüge.“

    Die Worte hingen zwischen ihnen und blieben. Sie hörte sie selbst und wich ihnen nicht aus. Ihre Brust hob sich einmal scharf. Leiser fügte sie hinzu: „Und ich werde sie ihm geben.“

    „Wem?“

    Endlich hob sie den Blick. „Kronos.“

    Sie nickte nicht. Sie hielt ihr nur weiter das Bündel hin.

    Jetzt schwieg sie lange. Gaia ließ ihr die Zeit nicht aus Schonung. Sie ließ sie, weil das Wort gesprochen werden musste.

    Durch die Nase sog sie Luft ein, die ihr im Hals stockte. „Aus meinen.“

    Erst danach merkte sie, dass ihre Finger sich schon geöffnet hatten.

    Sie trat nicht näher. Sie zwang Rhea nicht mit einer Bewegung. Sie wartete, bis diese selbst die Arme hob. Als ihre Hände unter das Bündel glitten, sank das Gewicht sofort hinein. Es zog an ihren Handgelenken, drückte auf ihre Unterarme, lag stumpf und fremd gegen ihre Haut, ohne Atem, ohne Wärme, ohne Zittern, nur Last, während Rhea nicht zurückzuckte. Aber ihr Kiefer spannte sich an.

    Langsam ließ Gaia los.

    Für einen Augenblick trug Rhea das Bündel unsicher, zu hoch, zu weit vom Leib entfernt. Sie zog es an sich, und das Tuch strich über ihren Arm. Der Stein darin rührte sich nicht, was ihre Finger nur fester machte.

    „Wenn du es ablehnst“, fragte Gaia, „was geschieht dann?“

    Rhea schloss die Hände enger um das Bündel. Sie musste nicht lange suchen. Die Antwort hatte schon in ihr gelegen, seit Kronos Poseidon aus ihrem Arm genommen hatte.

    „Er wartet beim nächsten Mal wieder auf mich.“

    Gaia schwieg.

    „Dann gebäre ich für ihn.“ Rheas Stimme klang flach. „Dann trägt mein Leib es, und seine Hand nimmt es.“

    Jetzt hob Gaia das Kinn ein wenig. „Und Poseidon?“

    Da ging etwas hart durch Rheas ganzen Körper. Ihre Arme schlossen sich fester um den Stein, bis die Wicklung knirschte. Sie wollte das Wort zurückweisen und zugleich festhalten, doch als beides nicht ging, erwiderte sie fest: „Poseidon ist fort.“ Gerade deshalb hörte Gaia jedes Wort.

    „Ich hole ihn damit nicht zurück. Nicht, wenn ich nein sage. Nicht, wenn ich dieses Ding fallen lasse. Nicht, wenn ich wieder vor allen schreie.“ Rhea schluckte. „Ich verliere nur noch eines.“

    Gaia trat jetzt einen Schritt näher, nur so weit, dass Rhea ihrem Gesicht nicht ausweichen konnte.

    „Dann sag auch das.“

    Rhea hielt den Blick der Alten aus. In ihrem Gesicht war die Erschöpfung noch da, aber nichts darin bat um Trost.

    „Wenn ich es nicht tue“, murmelte sie, „gebe ich ihm das nächste Kind ohne Kampf.“

    „Nein“, entgegnete Gaia.

    Rhea erstarrte.

    „Nicht ohne Kampf.“ Gaia sprach ruhig. „Mit dem Kampf, den du schon geführt hast. Mit offenem Mund und leeren Händen. Mit allem, was er schon überstanden hat.“ Sie senkte den Blick auf das Bündel in ihren Armen. „Sag es richtig.“

    Rhea verharrte still. Der Wind strich über den nackten Fels. Irgendwo hinter den Bauten schlug eine Tür gegen Holz und fiel wieder zu. Vom Hof her kam nichts bis hierher, was ihr helfen konnte.

    Sie setzte noch einmal an. „Wenn ich es nicht tue, lasse ich ihn das nächste Kind holen.“

    Gaia nickte einmal. „Ja.“

    Sie blickte auf das Bündel hinunter. Jetzt ruhte es schon anders in ihren Armen, nicht mehr nur fremd, doch auch nicht vertraut. Aber gehalten. Ihr Körper hatte das Gewicht angenommen, obwohl alles in ihr sich dagegen sträubte.

    „Er wird dieses Bündel nehmen“, sagte Gaia. „Nicht irgendeines. Dieses. Aus deinen Händen. Wenn die Stunde kommt und du tust, was wir jetzt beschließen.“

    Rhea blickte auf die Wicklung, auf die Stelle, an der ihre Daumen lagen. Der Stoff spannte sich über dem Stein. Unter ihren Fingern gab nichts nach. Ihre Schultern hoben sich, und als sie wieder ausatmete, blieb ihr Blick fest.

    „Er soll aus meinen Händen nehmen“, sagte sie. „Er soll glauben, er hält mein Kind. Ich gebe ihm, was ihn sicher macht.“

    Gaia sagte nichts.

    Rhea zog das Bündel dichter an den Leib. Das Gewicht drückte stumpf gegen ihre Rippen. „Und ich trage fort, was er nicht sieht.

    Lagen, wo das Tuch unter ihren Fingern eingedrückt war.

    Sie presste die Hände fester darum, sodass das Tuch nachgab, während darunter der harte, stille Brocken blieb. Die Falten an den Seiten standen hoch genug, der Knoten saß tief genug. Wenn sie ihn so hielt, trug das Bündel ihre Form. Es zeigte, wo ihre Arme es gestützt hatten. Wo ihre Handballen gedrückt hatten. Wo ihr Körper es an sich genommen hatte.

    Kronos würde nicht prüfen, sondern nur nehmen.

    Sie hob den Kopf. „Er wird es mir aus den Armen ziehen.“

    „Ja.“

    „Und wenn ich ihm dieses gebe“, fragte Rhea, ohne Gaia anzusehen, „dann hat er nicht das Kind.“

    Gaia antwortete nicht sofort. Sie ließ die Worte stehen, bis Rhea sie selbst hörte.

    Mit trockenem Mund sah Rhea nicht mehr auf den Hof, nicht auf die Mauern, nicht auf den Weg zurück. Ihr Blick blieb auf dem Bündel und auf den eigenen Händen daran.

    „Es muss fort sein, bevor er kommt.“

    „Ja.“

    „Nicht im Haus, nicht in dem Raum, den er kennt, nicht dort, wo er suchen wird.“ Rhea sprach jetzt langsamer.

    Gaia nickte.

    Flach atmend stand das Nächste schon vor ihr, noch bevor sie es sagen wollte; an ihrem eigenen Zögern erkannte Rhea es: nicht die Lüge, nicht der Brocken, das andere.

    „Und nicht bei mir“, sagte sie.

    Gaia schwieg.

    Endlich hob Rhea den Blick zu ihr. „Sag es.“

    „Du weißt es schon.“

    „Sag es.“

    Gaia blieb unbewegt. „Wenn das Kind leben soll, bleibt es nicht bei dir. Nicht nach der Geburt, nicht in deinen Armen, nicht in deinem Lager, nicht in diesem Haus.“

    Still stand Rhea, während der Wind ihr unter das Haar fuhr und sich wieder legte. Hinter den Bauten rief jemand einen Namen, Schritte liefen kurz über den Hofstein und verstummten.

    Sie sah wieder hinab. Ihre Arme hielten den gewickelten Brocken fester, bis die Kanten unter dem Tuch gegen ihre Haut drückten.

    Warm war Poseidon in ihren Armen gewesen, schwerer geworden mit jedem Atemzug, während sein Mund sich geöffnet und seine Hände gezuckt hatten. Kronos hatte ihn genommen. Dieses Bündel war es nicht. Das Neugeborene war fort. Sie hatte an ihm gehangen, geschrien, geschlagen, gezogen. Alle hatten es gesehen. Nichts davon hatte Poseidon gehalten.

    Ihre Finger lockerten sich einen Augenblick, dann schlossen sie sich wieder.

    „Wenn ich das tue“, sagte sie, „sehe ich das Kind nur für den einen Augenblick.“

    Gaia antwortete hart. „Vielleicht nicht einmal das.“

    Rheas Kiefer spannte sich. Sie nahm den Satz hin, ohne zurückzuweichen.

    „Ich sage es selbst“, sagte sie nach einem Moment. „Wenn ich es rette, gebe ich es fort.“

    „Ja.“

    Lange betrachtete Gaia sie. „Nein. Du bleibst nicht dort.“

    Erst nachdem der Satz gefallen war, verstand Rhea ihn ganz und hob den Kopf scharf.

    „Was meinst du?“

    „Was ich von Anfang an meinte.“ Gaia deutete nicht auf den Hof, und doch lag alles dort in dem Satz. „Wer ihm einen Brocken in Tüchern gibt und sein Kind entzieht, schläft nicht weiter unter seinem Dach. Weder in der nächsten Nacht noch in der darauffolgenden.“

    Rhea sagte nichts.

    „Du dachtest an den Augenblick, in dem er nimmt“, erwiderte Gaia. „Ich denke an den Augenblick danach.“

    Rhea starrte sie an. Kronos mit dem Bündel in den Händen. Kronos, zufrieden für einen Atemzug, vielleicht für zwei. Der Griff, der Druck, das Gewicht, das nicht nachgab. Wenn sich das Tuch öffnete, kam seine Stimme mit der Suche.

    Sie hörte ihr eigenes Blut in den Ohren.

    „Wohin?“

    „Das ist nicht die Frage dieser Stunde.“

    „Es ist meine.“

    „Und sie wird beantwortet werden. Aber nicht hier, nicht jetzt, nicht mit offenem Mund auf einem Felsen, während er unten seinen Willen für Gesetz hält.“

    Halb abgewandt blickte Rhea auf die Kante des Felses, auf den schmalen Abstieg zwischen den Steinen. Ihre Gedanken liefen nicht weit. Sie blieben an einem einzigen Punkt hängen: nicht bei mir. Nicht im Haus. Nicht dort. Nicht danach.

    Gaia trat näher, bis ihre Stimme nur noch zwischen ihnen lag. „Wenn du jetzt zurückgehst, ohne entschieden zu sein, wirst du wieder reden, wieder warten, wieder verlieren.“

    Rhea schloss die Augen nicht. Sie stand mit offenem Blick da und ließ die Worte auf sich fallen.

    „Du verlangst“, sagte sie, „dass ich ihm nicht nur das Kind verweigere. Du verlangst, dass ich alles verlasse.“

    „Ich verlange nichts. Ich benenne den Preis.“

    Auf das Bündel sah Rhea hinab. Es wog nicht viel, nicht genug für das, was daran hing.

    „Poseidon kommt davon nicht zurück“, sagte sie.

    „Nein.“

    Die Antwort schnitt jedes weitere Wort darüber ab. Gaia tröstete nicht. Sie hielt nichts weich.

    Rhea strich mit dem Daumen über die obere Wicklung. Das Tuch war rau. Ein Rand hatte sich unter dem Knoten verdreht. Sie richtete ihn mit zwei Fingern, ruhig und sorgfältig, bis die Lage wieder stimmte.

    „Er nimmt, was ich ihm reiche“, sagte sie.

    Gaia antwortete nicht.

    Rhea hob das Bündel ein wenig höher an ihren Körper, prüfte den Sitz des Knotens und den Fall des Tuchs über den Kanten. „Er wird in meine Arme greifen und auf den Stein sehen. Auf das Kind sieht er nicht.“

    Gaia schwieg noch immer.

    Rhea strich die letzte Falte glatt. „Er soll suchen, wo ich ihn suchen lasse.

    Sie hob das Bündel an.

    Daran lagen beide Hände. Sie prüfte nicht mehr den Knoten, sondern das Gewicht. Der Stein sank in die Tücher und blieb fest in ihrer Armbeuge liegen. Er gab nicht nach. Er rutschte nicht. Sie zog ihn enger an sich, schob ihn von einer Seite zur anderen, bis er dort saß, wo ein Neugeborenes liegen musste, wenn man es schnell forttrug und dennoch so hielt, dass jeder Blick von außen nur Wickel und Mantel sah.

    Gaia beobachtete jede ihrer Bewegungen.

    „Sprich es noch einmal“, forderte sie.

    Den Kopf hob sie nicht. „Ich gebäre.“

    „Dann?“

    „Dann wird das Kind von mir genommen, bevor er es sieht.“

    „Von wem?“

    Nach einem Schlag Schweigen antwortete sie. „Von dir. Oder von der, die du schickst.“

    „Wohin?“

    Jetzt sah Rhea sie an.

    Während Gaia wartete, meinte Rhea keinen Stall und keinen Rand des Hofs.

    „Fort von hier“, erwiderte Rhea.

    „Das ist kein Ort.“

    Rheas Mund spannte sich. „Nicht in ein Nebengemach, nicht in einen Stall, nicht an den Rand des Hofs, nicht zu einer Frau, die unter seinem Dach schläft.“

    Gaia schwieg.

    „Nicht dorthin, wo ich es kennen würde und er es suchen könnte“, fuhr Rhea fort. „Nicht in einen Raum, den einer seiner Leute je betreten hat.“

    Gaia nickte. „Auf die Insel.“

    Sie sagte nichts.

    „Nicht an diesen Hang, nicht in diese Bauten oder in die Höhlen, die er kennt. Dorthin bringt man es. Dort wächst es ohne seinen Blick.“

    Das Bündel presste sie fester an sich. „Welche Insel?“

    „Die, zu der keiner von hier aus zufällig geht. Die, die nicht in seinem täglichen Griff liegt.“

    „Und ich?“

    „Du bringst es nicht.“

    Das kam ohne Schärfe, aber ohne Raum für Einwand.

    Am Abstieg vorbei blickte sie auf den Weg. Zwischen den Steinen lag er offen. Unten standen die Bauten, die Mauern, die Schwellen, die Höfe. Dort musste sie hinunter. Dort musste sie in sein Gesicht sehen und ihre Hände ruhig halten.

    „Wenn ich es nicht bringe“, sagte sie, „sehe ich nicht, wohin es kommt.“

    „Nein.“

    „Ich weiß also nur, dass es von mir fortgeht.“

    „Du weißt mehr“, entgegnete Gaia. „Du weißt, dass es nicht in seiner Hand liegt.“

    Rhea atmete durch die Nase aus. Nun lag das Bündel unter ihrem linken Arm. Mit der rechten Hand schlug sie den Mantel weiter darüber. Der Stoff spannte sich. Sie zog ihn tiefer, prüfte, ob der Umriss brach. Von außen war nur noch eine breite Wölbung zu sehen.

    „Und dann“, drängte Gaia.

    Rhea antwortete sofort und hob das Kinn ein wenig. „Dann wickele ich den Stein ein.“

    „Das hast du getan. Danach.“

    „Ich nehme ihn zu mir. Ich halte ihn, bis er kommt. Ich reiche ihn ihm selbst.“

    Gaia nickte nicht, widersprach nicht.

    „Er wird ihn nehmen“, sagte Rhea. Ihre Stimme war ruhig. „Er wird ihn nicht vor mir auswickeln, nicht dort und nicht, wenn er glaubt, dass ich ihm endlich gebe, was er fordert.“

    „Warum nicht?“

    Sie sah wieder auf das Bündel. „Weil er nicht prüft, wenn seine Furcht schon gewonnen hat.“

    Gaia ließ den Satz stehen.

    Unten schlug etwas gegen Holz, erst kurz, dann noch einmal. Es war nicht nah, aber nah genug, dass beide Frauen hinhörten. Der Wind trug nichts weiter herauf. Doch das erste Geräusch blieb im Fels hängen.

    Gaia wandte den Kopf leicht zum Hang, dann zurück. „Es bleibt keine weitere Stunde.“

    Rhea antwortete nicht.

    „Wenn die Wehen kommen, ist keine Zeit mehr für Fragen, die du jetzt noch stellst“, sagte Gaia. „Du tust nur, was dein Mund vorher festgelegt hat oder was seine Hand dir aufzwingt.“

    Rhea stellte das Bündel nicht ab. Sie trat einen Schritt zur Felskante und sah den schmalen Weg hinunter. Ihre Finger lagen fest um das, was kein Kind war und doch bald an seiner Stelle in Kronos’ Armen liegen sollte. An Hoffnung dachte sie nicht. Sie ordnete Geburt.

    Trennung.

    Übergabe.

    Fort.

    Sie sagte die Worte nicht laut. Ihre Lippen bewegten sich kaum. Dann drehte sie sich zurück.

    „Wenn ich ihm den Stein gebe“, sagte sie, „bleibe ich nicht.“

    Ohne Regung sah Gaia sie an.

    „Wenn er ihn genommen hat und die Lüge steht, kann ich nicht wieder in sein Lager gehen und dort schlafen, essen, warten, bis der Betrug aufbricht.“

    „Nein.“

    „Ich gehe, bevor er sieht, was er hält. Ich führe seinen Blick von dem Kind fort und ziehe ihn dorthin, wo Zeus Raum hat.“

    „Ja.“

    Einmal nickte sie, prüfend, ob der Satz in ihr stand. Er stand.

    „Er wird nach mir schicken.“

    „Dann findet er leere Räume.“

    Die Schultern hob Rhea und setzte den Mantel noch einmal neu. Diesmal führte sie einen Zipfel quer über die Brust und klemmte ihn unter die gegenüberliegende Schulter.

    Schulter. Der Stoff saß enger. Er hielt den Leib zusammen, wo die Krämpfe bereits wieder ansetzten.

    Noch immer stand sie an dem nackten Fels, den Blick hinunter zu den Bauten gerichtet, die sie nur in Teilen sah: Dächer und Mauerkanten, den offenen Hof nicht, was gut war. Den Hof wollte sie nicht sehen. Dort hatte sie geschrien. Dort hatte niemand Kronos aufgehalten.

    Ein harter Zug fuhr durch ihren Unterleib. Sie griff in den Stoff, presste die Finger gegen sich und atmete durch die Zähne. Gaia trat näher, ohne Hast, ohne Frage. Ihren Arm rührte sie nicht an. Sie verlagerte nur das Gewicht des Steinbündels in ihre eigenen Hände und hielt es bereit.

    „Jetzt“, sagte Gaia.

    Ein Nicken kam nicht. Ihr Körper antwortete für sie. Sie beugte sich vor, stützte eine Hand gegen den Fels und wartete, bis der Schmerz sie ganz packte und wieder nachließ. Danach blieb nur die Gewissheit, dass keine Zeit mehr zwischen ihr und der Geburt stand: nicht eine weitere Nacht, kein Gang zurück in ein Bett.

    „Er sucht schon“, sagte sie.

    „Dann soll er weiter suchen.“

    Aufgerichtet fing sie den nächsten Schmerz ab. Diesmal fuhr er ihr in den Rücken. Sie biss sich auf die Innenseite der Wange. Sie durfte hier keinen Laut geben, nichts, was er den Hang hinauftragen konnte. Gaia fasste ihren Ellbogen und führte sie zwischen zwei vorspringende Kanten des Felsens, in eine Mulde, die vom Weg aus nicht einzusehen war. Der Boden war uneben. Sie sank auf die Knie, fing sich mit beiden Händen ab und spürte kalten Stein unter den Handflächen.

    Sie dachte an Poseidon, nicht weil sie wollte, sondern weil ihr Leib sich erinnerte: an das Haus und das Blut an ihren Beinen, Kronos, der nicht draußen geblieben war, und seine Hände. Sein Schweigen, während sie den Namen nannte.

    „Nicht zurücksehen“, sagte Gaia.

    Sie hob den Kopf. „Ich sehe.“

    Gaia ging vor ihr in die Hocke. Sie strich den Mantel beiseite, arbeitete rasch, sicher, mit nüchternen Griffen. „Wenn das Kind kommt, nehme ich es.“

    Mit geschlossenen Augen sagte sie: „Ich weiß.“

    Der Schmerz nahm ihr den Atem. Sie kauerte tiefer, die Stirn fast am Fels, und stemmte sich gegen den Drang, der ihren Körper aufriss. Gaia wies sie an, wann sie nachgeben sollte, wann sie halten musste, kurz, knapp, ohne Trost. Sie folgte, weil jede andere Möglichkeit Kronos hieß.

    Als die Zeit ihren Zusammenhang verlor, blieb nur noch Stoß, Luft, Kälte, noch ein Stoß. Gaia sagte: „Noch nicht.“ Dann: „Jetzt.“ Sie folgte den Anweisungen. Ihr Mund stand offen. Ein Laut kam doch heraus, kurz und rau. Sie hörte ihn selbst nicht lange. Alles zog sich auf die eine Arbeit zusammen.

    Als der Druck nachließ, glitt ein nasses, plötzliches Gewicht aus ihr. Ein dünner Schrei zerschnitt die Mulde.

    Mit einem Ruck fuhr sie hoch.

    Gaia hielt den Säugling bereits in beiden Händen. Blut glänzte an ihren Unterarmen. Ohne Raum für Bitten hob sie das Neugeborene an ihre Brust, wickelte Tuch darum, drehte den kleinen Körper aus Rheas Reichweite.

    „Gib her“, sagte Rhea sofort.

    Gaia sah sie an und erwiderte nur: „Nein.“

    Der Schrei des Kindes war klein, aber da. Da. Sie streckte die Arme aus. Sie war noch auf den Knien, das Blut lief warm an ihren Schenkeln hinab, ihr Leib zitterte nach. „Nur einmal.“

    „Nein.“

    „Nur dass ich es sehe.“

    „Du siehst es.“

    Sie sah ein zusammengezogenes Gesicht, nasse Haut, einen geöffneten Mund. Mehr nicht, und es reichte nicht. Ihre Hände blieben in der Luft stehen, leer und ohne Halt.

    „Junge“, sagte Gaia nach einem Blick zwischen die Tücher.

    Das Kind blickte sie an, und sie sah: ein Sohn. Noch einer für Kronos, wenn sie zu langsam war. Noch einer, den sie nur retten konnte, indem sie ihn nicht nahm.

    „Sein Name“, brachte sie heiser hervor.

    „Später.“

    „Jetzt.“

    Gaia widersprach nicht. Vielleicht war das der eine Rest, den sie ihr ließ.

    Sie zog Luft in die brennende Kehle. „Sein Name“, verlangte sie.

    Danach war die Luft fort. Sie sackte in den Schultern zusammen und musste beide Hände in den Schoß pressen, weil der Körper noch nicht fertig war mit dem Gebären. Gaia wartete nicht auf Worte. Sie legte das Kind für einen Augenblick sicher in den Armwinkel, band und trennte.

    …trennte die Nabelschnur mit ruhigen Händen, als draußen ein Ruf erklang. Weit noch, aber nicht weit genug, als ein zweiter von der anderen Seite kam. Die Mulde hielt Blicke fern, keine Stimmen.

    Nur kurz hob Gaia den Kopf. „Zeus“, murmelte sie.

    Hart traf der Name Rhea, weil er blieb. Er war jetzt da, und im selben Augenblick drohte er ihr genommen zu werden.

    „Zeus“, wiederholte Rhea erstickt und streckte die Hände aus.

    Gaia gab ihn ihr diesmal. Nur für einen Moment, das wusste Rhea in dem Augenblick, in dem das Gewicht in ihre Ellenbeugen sank. Warm und glatt, viel zu klein. Er wand sich schwach gegen die Tücher, suchte, fand nichts. Sie zog das Kind an die Brust, beugte sich über ihn, spürte Blut an den Schenkeln, Nässe, das Zittern in den Muskeln, den offenen Schmerz tief im Leib. Nichts davon zählte gegen den Druck dieses kleinen Körpers an ihr.

    „Nicht“, sagte Gaia sofort.

    Den Blick hob sie erst, als Gaia das Steinbündel schon in der Hand hatte. Das Tuch darum war feucht gerieben, die Wicklung fest, die Form stumpf und geschlossen. Kindgroß. Schwerer als ein Kind, aber getragen konnte es gelten, wenn niemand lange hinsah.

    „Hör zu“, drängte Gaia.

    Den Kopf schüttelte Rhea.

    „Hör zu.“ Gaia trat dicht an sie heran. „Sie sind nah. Du hast keine zweite Zeit. Wenn du ihn festhältst, nimmt Kronos ihn dir aus den Armen. Vor dir, mit seinen Händen. Wieder.“

    Wieder. Das Wort genügte. Vor sich sah sie nicht die Felsmulde. Sie sah Kronos vor sich, Poseidon in seinen Armen, ihren eigenen Griff an seinem Arm, ihre Nägel in seiner Haut, den Schlag gegen ihn, die Nutzlosigkeit jeder Bewegung. Ihre Stimme forderte und flehte und schrie. Nichts hatte sich geöffnet, nichts hatte ihn aufgehalten.

    Zeus regte sich an ihrer Brust, sein Mund suchte an der Haut entlang.

    Die Augen schließend, sagte sie: „Nein.“

    „Doch.“

    „Ich habe ihn erst—“

    „Du hast ihn“, entgegnete Gaia hart. „Jetzt rette ihn.“

    Ein Schatten fiel über den Eingang der Mulde, verschwand wieder. Jemand ging am Fels entlang. Eine Männerstimme rief ihren Namen. Diesmal nah.

    Ihre Arme zogen sich von selbst enger um das Kind, doch Gaia wartete nicht und griff nach Zeus.

    Sofort spannte sie sich gegen sie. Ein Laut brach aus ihr heraus, roh und tief. Sie zog das Kind hoch, weg von Gaias Händen, und für einen Herzschlag war nichts in ihr als Halten. Nur das Halten, festziehen, nicht hergeben, während wieder die Stimme draußen zu ihr drang. Kronos nicht, noch nicht. Einer von seinen Leuten. Suchend. Sicher.

    Gaia stand still, die Hand noch ausgestreckt. „Wenn du jetzt kämpfst“, warnte sie leise, „kämpfst du für Kronos.“

    Rheas Atem stockte. Zeus bewegte den Kopf und stieß einen dünnen Schrei aus. Er konnte nicht warten, niemand hier konnte warten.

    „Ich weiß nicht, wohin du ihn bringst“, sagte Rhea.

    „Nein.“

    „Ich weiß nicht, wer ihn hält.“

    „Nein.“

    „Ich kann nicht wissen, ob er lebt, wenn ich ihn nicht mehr sehe.“

    Gaia antwortete nicht. Draußen rutschte Geröll unter einem Fuß, dann noch ein Ruf.

    Auf ihren Sohn blickte sie hinunter. Zeus. Das Gesicht war verkniffen, die Augen geschlossen, die Haut gerötet vom ersten Kampf des Körpers gegen Kälte und Luft. Er war da. Das genügte, um alles andere unerträglich zu machen.

    Sie dachte nicht: Ich vertraue Gaia. Sie dachte: Kronos darf ihn nicht bekommen.

    Langsam, mit einer Bewegung, die an ihr zerrte, löste sie einen Arm, dann den anderen. Gaia nahm Zeus nicht hastig, sondern sicher, mit beiden Händen, in einer einzigen glatten Bewegung aus Rheas Griff. Für einen Augenblick berührten sie ihn beide, dann nur noch Gaia.

    Rheas Hände blieben geöffnet zurück.

    „Zeig ihn mir“, bat sie.

    Gaia hob das Kind einmal, nicht hoch, nur so weit, dass Rhea ihn noch einmal ganz sehen konnte. Sein Mund stand offen, und er schrie nicht mehr.

    „Zeus“, sagte Rhea.

    Gaia nickte nur. Dann drückte sie ihr das Bündel in die Arme.

    Der Stein sank schwer gegen ihren Leib, falsch. Tot. Kalt unter den Lagen Stoff, auch wenn das Tuch von Blut und Wärme an ihrer Haut rasch feucht wurde. Rhea zuckte zurück. Ihr Magen hob sich. „Nimm es weg.“

    „Nein.“

    „Nimm es weg.“

    „Halte es.“

    Rhea presste die Zähne aufeinander. Sie hielt es.

    Sie hatte es begriffen.

    Gegen den Fels gelehnt stand sie, die Knie noch weich, das Becken schmerzhaft offen, den Rücken nass vom Schweiß. Das Bündel lag an ihrer Brust, wo eben noch ihr Sohn gelegen hatte. Unter dem Tuch drückte der Stein starr gegen sie. In den Stoff klammerten sich ihre Finger, bis die Knöchel bleich wurden.

    Als draußen jemand ihren Namen rief, klang die Stimme weder nah noch fern genug.

    Gaia hatte Zeus schon wieder an sich genommen. Sie sah nur noch das dunkle Tuch um den kleinen Körper und Gaias Hände, fest und sicher, ohne Zögern. Das Kind schwieg. Sie hob den Kopf, und für einen Augenblick drängte alles in ihr nach vorn. Arme, Bauch, Brust. Ein Schritt wollte aus ihr heraus. Gaia fing ihn ab, nicht grob, nur mit einem Blick und der flachen Hand gegen Rheas Schulter.

    „Nein.“

    Scharf atmete Rhea ein. „Ich komme mit.“

    „Nein.“

    „Ich lasse ihn nicht—“

    „Du lässt ihn jetzt los, oder er stirbt.“

    Über dem Fels brach Kronos’ Stimme herein. „Rhea!“

    Es war dieselbe Stimme, mit der er das andere Kind gefordert hatte. Dieselbe Ruhe davor. Dieselbe Gewissheit, dass niemand ihn aufhielt. Rhea sah ihre Hand wieder an seinem Arm, den Schlag gegen seine Schulter, das Ziehen, das nichts geändert hatte. Ihr eigener Mund rief den Namen des Kindes. In seinen Händen kam der kurze Ruck. Danach nichts, was noch rückgängig geworden wäre.

    Fester schlossen sich ihre Finger um den gewickelten Stein.

    Die Erdmutter trat an die Rückwand der Mulde. Zwischen zwei schmalen Felskanten, die Rhea bisher nur als Bruch im Gestein wahrgenommen hatte, schob Gaia die Schulter in einen Spalt, drückte mit der Hüfte nach und öffnete eine dunkle Enge, kaum breit genug für einen Körper. Kalte Luft kam heraus, ein Durchgang, den man erst unmittelbar davor erkannte.

    Als Rhea ihn erkannte, machte sie einen Schritt darauf zu. Schmerz schoss durch ihre Beine. Sie hielt das Bündel fester, damit es nicht sank.

    Noch einmal wandte Gaia sich zu ihr um. Zeus lag an ihrer Brust, ganz klein unter dem Stoff, zu klein für die Härte dieser Eile. „Du gehst nicht hinterher.“

    Rhea schwieg.

    „Sag es.“

    Auf das Tuch starrte Rhea, unter dem ihr Sohn lag. Trocken arbeitete ihre Kehle. „Ich bleibe hier.“

    „Wenn er dich sieht?“

    „Er bekommt das Bündel.“

    „Was ist es?“

    Zu dem Stein in ihren Armen fuhr Rheas Blick. Sie zwang den Mund auf. „Eine Lüge.“

    „Und dein Sohn?“

    So hart schlug ihr Herz, dass das Tuch über dem Stein sich hob und senkte. „Fort.“

    „Sofort.“

    „Sofort.“

    Gaia nickte und duckte sich in die Öffnung.

    Von draußen kamen Schritte auf Stein. Mehrere. Männer riefen sich zu, Sohlen kratzten am Fels, loses Geröll knackte. Kronos sagte ihren Namen nicht noch einmal. Das war schlimmer. Er stand nahe genug, dass er nicht mehr rufen musste.

    Rhea ging bis an den Rand der Mulde und blieb im Schatten der Felswand stehen.

    Ein Mann erschien oben am Weg, erst Schulter und Kopf. Er sah nicht herab. Noch nicht. Dann trat Kronos hinter ihm hervor und blieb stehen.

    Er musste sich nicht ducken, um in die Mulde zu sehen. Seine Gegenwart drängte schon voraus, bevor sein Blick sie fand.

    Rhea hob den Kopf. Sie wich nicht zurück.

    Kronos trat in die Mulde und sah sich einmal um. Zu kurz, um Suche zu sein. Lang genug, dass Rhea begriff, wie wenig Raum hier für Fehler war. Fels. Rhea. Das Bündel. Sonst nichts.

    Sein Blick blieb einen Schlag lang an den dunklen Spuren auf dem Fels hängen, ehe er zu ihr zurückkehrte.

    „Gib es her.“

    Ohne Gruß, ohne Frage. Rhea hatte nichts anderes erwartet. Das Bündel hielt sie fester, nicht hoch genug, um es ihm schon zu geben, nicht tief genug, um es zu verbergen.

    „Es ist geboren“, erwiderte sie.

    Kronos’ Gesicht veränderte sich nicht. „Das sehe ich.“

    Er trat noch einen Schritt näher. Jetzt blieb kaum Raum zwischen ihnen. Rhea roch Staub, kalten Schweiß und den Weg an ihm. Über ihm lag die Nähe der Männer, die oben warteten. Während keiner sprach, schloss sich die Luft enger um sie.

    „Gib es her“, sagte Kronos noch einmal.

    Vor ihr lagen seine Hände. Sie waren nie leer. Alles an ihm wirkte so fest wie damals, als er Poseidon genommen hatte: der feste Stand, die Ruhe ohne Widerspruch, die Gewissheit, dass seine Forderung erfüllt werden würde. Ihr Leib erinnerte sich vor ihr. Der Schmerz der Geburt saß noch tief in ihr, und darunter stieg der andere Schmerz auf, der ältere, der nicht aus Fleisch kam. Als Poseidon fortgetragen wurde, krampfte ihre Hand noch nach dem Kind, seine Schulter unter ihren Schlägen, der offene Mund, das Wegsein.

    Das Bündel hob sie ein wenig an; in ihr stand Gaia mit den festgelegten Worten. Das wirkliche Kind wird fortgebracht, während Kronos den Brocken an sich nimmt. Du bleibst nicht bei ihm, wie Gaia es gesagt hatte. Laut. Einmal. Noch einmal. Bis nichts daran mehr fremd klang.

    „Du wirst ihn nehmen“, sagte Rhea voraus.

    Kronos’ Augen wurden schmal. „Ja.“

    Er log nicht. Das machte ihn schwerer zu ertragen.

    Ruhig zu stehen, zwang Rhea sich. Das Bündel drückte hart gegen ihren Arm. Zu hart, kalt und reglos. In jeder Faser ihrer Hände lag diese Gewissheit, und doch musste sie halten, wie eine Mutter hält. An Zeus dachte sie, nur an den Namen, damit ihr Gesicht nicht verriet, was ihr Leib längst wusste. Zeus, fern von ihren Armen, fern von diesem Ort. Sie wusste nicht, wie weit. Sie ahnte nicht, ob Gaia schon außer Reichweite war. Nur Zeit musste noch zwischen ihnen stehen. Ein Rest, ein Atemzug, ein Satz.

    „Du hast ihn nicht gesehen, als er kam“, begann sie.

    „Das muss ich nicht.“

    „Du weißt nicht, wen du verlangst.“

    Da ging etwas in seinem Blick auf, knapp und kalt. Wieder glitt er zum Bündel, dann an ihr vorbei auf den Fels, auf die Spuren, auf die kahle Felswand, in den kahlen Raum. Den Augenblick, in dem er rechnete, erkannte sie. Blut am Stein, das Bündel in ihren Armen, die kahle Felswand hinter ihr. Sein Blick blieb zu lange auf der Stelle hinter ihr, an der der Fels ungebrochen schien.

    Sie trat einen halben Schritt zur Seite, langsam genug, um zwischen ihn und die Rückwand zu kommen.

    „Hier ist nichts mehr außer dem, was du willst“, entgegnete sie.

    Kronos bemerkte die Bewegung. „Nichts mehr?“

    Die Frage war leise und gefährlicher als jeder Befehl.

    Stand hielt Rhea. „Du bist gekommen, um zu nehmen. Nimm.“

    Seine Hand hob sich, aber er griff noch nicht. „Was hast du getan, Weib?“

    Zum ersten Mal lag diese Anrede in seinem Mund, und sie klang nicht nach Nähe. Er klang nach Besitz, der sich prüfend über etwas beugte, das sich entzogen haben konnte.

    Rhea antwortete nicht, während Kronos’ Blick über ihr Gesicht strich. Er kannte ihr Schweigen. Früher hatte er darin Trotz gesehen und später Feindschaft. Jetzt suchte er etwas anderes: ein Zögern, einen Riss, einen Blick zur Seite. Rhea gab ihm nichts, was schwerer war, als zu schreien. Ihr Arm brannte. Blut rann weiter an ihrem Bein herab. Ihre Knie wollten nachgeben, und sie spannte sie fest.

    „Als Poseidon geboren wurde, hast du um ihn gekämpft“, sagte Kronos. „Jetzt redest du.“

    „Damals trug ich mein Kind“, sagte Rhea.

    Der Satz hing zwischen ihnen. Er war wahr und Lüge zugleich. Sie sah, dass Kronos die Wahrheit darin hörte und den Rest noch nicht fassen konnte, worauf sein Mund hart wurde. „Gib es mir.“

    Den Blick senkte Rhea nicht. „Du willst, dass ich es dir gebe.“

    „Ja.“

    „Mit meinen Händen.“

    „Ja.“

    Er wollte nicht nur das Kind. Er wollte die Übergabe. Er wollte, dass sie den Anspruch anerkannte. Dass ihr Arm sich seinem Willen fügte. Dass es nicht Raub war, sondern Vollstreckung. Rhea begriff es und hasste ihn dafür mit einer Klarheit, die jedes Zittern in ihr ordnete.

    Langsam stellte sie das Bündel anders in ihren Armen, so, wie man es zum Weiterreichen hält. Der obere Wickelrand lockerte sich einen Fingerbreit. Für einen Schlag befürchtete sie, das Tuch könne verrutschen. Sie zog es mit dem Daumen wieder fest, nicht zu fest, während das Gewicht falsch blieb. Zu still. Zu schwer im Kern.

    — jenseits ihrer Hand war alles ohnehin.

    Einen halben Schritt trat sie vor. Genug, dass er das Bündel nehmen konnte, ohne an ihr vorbei zur Felswand sehen zu müssen. Gerade blieben ihre Schultern. Das Blut kühlte an ihrer Haut. Ihr Leib zog sich noch in Nachwehen zusammen, stumpf und tief, doch ihr Gesicht blieb ruhig.

    Kronos hielt ihr die Hände hin.

    Einen Augenblick ließ sie das Gewicht noch auf ihren Armen. Sie zögerte nicht. Ein letztes Mal lag in ihren Händen, was nicht ihr Sohn war und an seiner Stelle dort lag: Tuch, Windeln, der harte Kern darin. Sie schob das Bündel vor und legte es ihm in die Hände.

    Es landete in seinem Griff.

    Sofort zeigte sich die kleine Veränderung. Seine Finger schlossen sich fester, nicht behutsam, sondern prüfend. Das Gewicht sank anders in seine Arme, als er es erwartet hatte. Sein Blick glitt nicht zu ihr, sondern auf das Bündel hinab. Einen Moment hielt er es still, rechnete in den Händen nach.

    Während sein Daumen in den Wickel drückte, rührte sich Rhea nicht.

    Nichts gab nach. Er drückte stärker. Das Tuch spannte sich über dem festen Inneren. Er hob das Bündel etwas an, fing es anders auf, prüfte noch einmal. Dann hob er den Blick zu ihr.

    In seinem Gesicht stand jetzt keine Frage mehr. Nur ein hartes, genaues Begreifen.

    „Was ist das?“

    Rhea gab keine Antwort.

    An den Wickelrand fuhr seine Hand. Er riss das Tuch auf. Der Knoten sprang nicht gleich; er zerrte ihn auseinander, Windeln lösten sich, Stoff fiel herab. Der Stein kam frei, grau, stumpf, vom Tuch an mehreren Stellen feucht gedrückt. Schwer und stumm lag er in seinen Armen.

    Von Rhea kam kein Laut.

    Noch immer hielt er den Stein fest, als könne bloßes Wegsehen ihn verwandeln. Er ließ ihn fallen. Er schlug auf den Boden der Mulde, rollte gegen einen Felsrand und blieb liegen.

    Durch den engen Raum hallte der Aufprall, und nur ihr Atem war zu hören.

    Einen Schritt rückte Kronos auf sie zu.

    „Wo ist er?“

    Jetzt hob Rhea das Kinn ein wenig. „Nicht hier.“

    Sein Blick huschte an ihr vorbei, gegen die Felswand, über den Boden, in jede dunkle Spalte, die offen vor ihm lag. Sie blieb stehen, wo sie stand. Zwischen ihm und dem Teil der Wand, den sie seit seinem Eintreten abgeschirmt hatte. Dort blieb sein Blick hängen.

    „Geh beiseite.“

    „Nein.“

    Er kam näher. Sie roch Staub an ihm, Schweiß, den Weg von draußen. Einmal zuckte seine Hand, nicht nach ihr, sondern in die Leere zwischen ihnen, hielt sich noch zurück. „Wer war hier?“

    Rhea sagte: „Zu spät fragst du das.“

    Lange genug ruhte sein Blick auf ihr, dass sich die Bewegung seines Kiefers zeigte. „Gaia.“

    In seiner Stimme lag kein wirklicher Zweifel. Nur das Aussprechen des einzigen Namens, der hier passte.

    Rhea schwieg, als er ihren Oberarm packte.

    „Wo hat sie ihn hingebracht?“

    „Nach Kreta.“

    Diesmal packte er härter zu. Ihr Körper wich unter der Kraft einen Schritt zurück, aber sie fiel nicht. Schmerz stieg heiß auf, und zugleich zog sich ihr Leib wieder zusammen. Sie biss die Zähne aufeinander.

    „Lüg mich nicht an.“

    „Sie ist auf dem Weg dorthin.“ Ihre Stimme blieb niedrig. „Mein Sohn ist nicht in dieser Mulde.“

    Offen stand das Wort zwischen ihnen: mein Sohn.

    Kronos’ Finger gruben sich tiefer in ihren Arm. „Nicht dein Sohn.“

    „Doch.“

    Kurz und scharf stieß er den Atem aus. Er riss sie zur Seite.

    Rhea stemmte sich dagegen, nicht mit dem wilden Schlagen von damals, nicht mit Händen, die ein Kind zurückholen wollten. Sie war erschöpft, leer, blutig, ihr Körper gerade erst von der Geburt geöffnet. Trotzdem setzte sie ihm ihr Gewicht entgegen. Ein Augenblick nur. Seine Kraft zwang sie aus dem Weg.

    An ihr vorbei trat er zur Felswand, wo fast nichts zu sehen war.

    Unebene Steine. Schatten zwischen Vorsprüngen. Eine Fläche, die für jedes fremde Auge abgeschlossen wirkte. Kronos fuhr mit den Händen darüber, drückte in Ritzen, trat gegen hervorstehende Kanten, suchte nach einer Fuge, nach einem Zug, nach etwas, das nachgab. Unter seinen Fingern löste sich Staub, kleine Splitter fielen. Er fluchte leise.

    Rhea stand schief, den einen Arm gegen den Leib gezogen, und sah ihn suchen. Jeder Schlag seines Stiefels gegen den Fels fuhr ihr durch den Körper. Gaia war fort. Kreta lag zwischen ihm und dem Kind.

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