Chapter 5
Am Ausgang des Lichts
Der enge Gang nahm sie auf. Der Fels rückte näher. Ein Speer schrammte an der Wand, als einer von Kronos’ Männern sich hinter ihnen hineindrängte. Vorsichtig setzte Rhea den Fuß, weil der Boden an manchen Stellen feucht und glatt war. Der Griff an ihrem Arm ließ nicht nach.
Noch einmal knickte der Gang vor ihnen ab und öffnete sich unvermittelt zu einer Gabelung. Links ging ein breiterer Ast weiter, flacher, mit genug Raum für zwei Schilde nebeneinander. Rechts zog sich ein schmalerer Durchlass hoch, unregelmäßig, nur einer nach dem anderen. Jetzt kam von links Schildlärm, hart und dicht gesetzt, dazu Rufe, die an den Wänden zersprangen. Rechts klang es nicht still, aber leerer, nur Schritte, hastig, weit voraus.
Kronos stockte. Seine Finger bohrten sich tiefer in ihren Arm. Erst nach links, dann nach rechts, dann auf den Boden sah er.
Dort lag das Tuch.
An einem Vorsprung war es hängen geblieben und halb in den Schmutz gezogen. Rhea erkannte es sofort. Nicht an einer Farbe. An der Bindung, am ausgezogenen Rand, an dem feuchten Fleck, der noch nicht in den Stein eingegangen war. Milch. Frisch. Daneben zog sich eine schmale Spur über den Boden, unterbrochen von Abdrücken, verwischt durch hastige Schritte.
Nur einmal stockte ihr Brustkorb, als sie begriff, dass Zeus hier gewesen war. Ihr Sohn. Nicht tief in Erinnerung oder fern hinter Wächtern. Hier. Getragen, abgesetzt oder übergeben. Das Tuch lag nicht ordentlich, nicht verloren in Ruhe. Es war gefallen, während Hände schnell arbeiteten.
Sie bückte sich nicht, weil sie sich nicht zu schnell verraten durfte.
Kronos sah, wohin sie sah. Einen Schritt nach vorn stieß er sie. „Nimm es auf.“
Rhea sank in die Knie, weil sie musste. Der Stoff war kalt vom Boden, aber die feuchte Stelle noch warm genug, dass sie sie durch die Finger spürte. Sie hob das Tuch an die Hand, nicht an das Gesicht. Der Geruch blieb dennoch da: Milch, Kind und Haut. Ihr Inneres zog sich zusammen.
Erneut krachte links der Schildlärm los, jetzt so geschlossen, dass kein einzelner Schlag mehr zu trennen war. Einer von Kronos’ Männern wandte den Kopf dorthin. „Da.“
Rhea blieb mit dem Tuch in der Hand hocken und blickte auf die Spur. Milch auf dem Stein. Ein abgerissener Zug, dann nichts mehr nach rechts, nichts Sauberes nach links. Das war keine Fluchtlinie, Amaltheia hatte hier nicht einfach weitergetragen. Sie hatte weitergegeben oder abgelenkt. Rhea wusste, wie Amaltheia ein Kind hielt. Wie sie ein Tuch festzog. Das hier war nicht Nachlässigkeit. Es war gesetzt oder erzwungen, in Eile, für Augen, die hinterherkamen.
Sie sah den linken Ast an, den Lärm, die fremden Schilde, die Kronos dorthin ziehen würden. Wenn er Zeus suchte, sollte er ihn dort suchen. Sie schob den Stoff in ihrer Faust zusammen.
Kronos zog sie hoch und beobachtete ihr Gesicht. „Welcher Weg?“
Sie hob den Kopf zum linken Ast, aus dem der Lärm schlug, und blickte dann wieder auf die Milch, auf das Tuch in ihrer Hand, auf den rechten Boden, wo die Spur gerade deshalb falsch wirkte, weil sie so deutlich begonnen hatte. Sein Blick lag auf ihr.
„Sie war hier“, sagte sie.
Sein Griff zuckte. „Das sehe ich.“
„Mit dem Kind.“ Sie schloss die Finger um das Tuch. „Aber nicht mehr lange.“
Einer der Männer drängte sich vorbei und wollte nach links. Kronos wies ihn mit einem kurzen Armzeichen zurück. Er ließ Rhea nicht los. Er stieß sie an die Gabelung, dorthin, wo beide Gänge begannen. „Sprich klar.“
Jetzt kam aus dem linken Ast ein Schrei. Dann das dumpfe Geräusch eines Körpers, der gegen den Stein fiel. Zwei Männer mit fremden Schilden brachen für einen Augenblick aus dem Dunkel hervor. Einer trug Blut am Hals, der andere stieß mit dem Speerschaft nach hinten, um Zeit zu gewinnen. Kronos’ vorderster Mann trat ihnen entgegen. Der erste Wächter fiel unter zwei Hieben und blieb an der Wand sitzen. Der zweite bekam den Speer noch einmal hoch, traf einen von Kronos’ Leuten in die Hüfte und wurde dann selbst niedergerissen.
Zu schnell ging es, um Mitleid zuzulassen oder wegzusehen.
Der Verwundete an der Wand lebte noch. Sein Mund arbeitete. Blut lief ihm über das Kinn und auf den Schildriemen. Kronos ließ Rhea los und trat einen Schritt auf ihn zu. „Wohin?“
Der Mann antwortete nicht sofort. Er rang nach Luft, würgte, hob den Kopf mit Mühe. Seine Augen fanden nicht Kronos, sondern Rhea, als erkenne er sie oder nur eine Frau unter Helmen und Waffen. Seine Lippen bewegten sich, fast nichts kam heraus.
Kronos packte ihn am Kinn. „Wohin?“
Rhea verstand das Wort diesmal.
„Oben.“
Der Kopf sackte zur Seite.
Für einen Schlag lang war da nur der Nachhall der Schilde. Nicht mehr links allein, sondern weiter weg, höher, in kurzen Stößen, die nicht aus der Tiefe kamen.
Rhea sah hoch. Nach rechts stieg der enge Gang an, aber nur wenig und nur zunächst. Links lief der breite Ast flacher weg, nach oben, nicht weiter hinein, zur Höhe. Zum Licht. Zum Ausgang.
Kronos drehte den Kopf nach links. Jetzt kam der Lärm auch für ihn nicht mehr aus der Tiefe: kurz, hart, gesetzt, kein Laut von Flucht und kein Zufall.
Noch hielt Rhea das Tuch in der Hand. Die feuchte Stelle kühlte in ihrer Faust aus. Sie wusste, wohin sie ihn führte.
„Dieser“, sagte sie.
Den Arm hob sie nicht. Sie neigte nur das Kinn in den breiten linken Gang.
Lange genug, dass einer seiner Männer unruhig den Stand wechselte, sah Kronos sie an. Dann riss er ihr das Tuch aus der Hand und warf es dem Toten vor die Füße. Er griff wieder nach Rheas Oberarm, höher als zuvor, so fest, dass sie den Atem anhielt.
„Du mit mir.“ Mit der Sichel zeigte er nach rechts, zu den anderen. „Ihr dort hinein, bis zum Ende, und wenn dort etwas lebt, bringt es her. Wenn nicht, kehrt um.“
Ohne Widerspruch lösten sich drei Männer sofort. Einer hinkte von dem Stoß in die Hüfte, ging aber mit. Der enge rechte Ast nahm sie schnell auf. Ihr Trittgeräusch verlor sich nach wenigen Schritten.
Kronos schob Rhea vor sich in den linken Gang. Zwei Männer blieben dicht hinter ihnen. Einer zog beim Gehen den Speer aus dem Leib eines gefallenen Wächters und fluchte leise, weil die Spitze sich erst im zweiten Ruck löste. Weiter gingen auch sie.
Breit genug war der Gang, dass Kronos sie nicht seitlich nehmen musste. Er hielt sie direkt vor sich, die Hand fest am Arm, manchmal noch im Nacken, wenn der Boden anstieg und sie schneller werden sollte. Unter ihren Sohlen wurde der Fels trockener als tiefer innen. Die Luft änderte sich. Sie wurde kühler. Vor ihnen lag kein schwarzes Ende mehr, sondern eine Helle, fern zuerst, dann nicht mehr fern.
Von oben kam wieder das Schlagen der Schilde.
In Abständen kam es, nicht wild und nicht panisch. Antworten aufeinander. Ein Ruf ohne Worte.
Kronos beschleunigte. Einmal stolperte Rhea, fing sich mit der freien Hand an der Wand ab und ging weiter, bevor er sie stoßen konnte. Hinter ihnen drängten die Männer nach, ihre Waffen schlugen gegen Stein.
Auch hier lagen die gesetzten Steine. Klein, an Stellen, an denen der Fuß sie streifen musste. Nicht für einen Fremden gemacht, der ruhig ging, sondern für den, der trug, der hastete, der im Dunkel tastete. Rhea sah einen, dann den nächsten. Sie hatte die Spur nach Kreta nicht gelegt, um zu entkommen. Sie hatte sie gelegt, damit Kronos bis hierher kam. Auch bei Kronos wurde der Griff jedes Mal kurz härter, wenn sein Blick nach unten fiel.
Einmal bog der Gang. Das Licht wurde offen genug, dass sie ihre eigenen Hände erkennen konnte. Staub lag auf ihrem Kleid, Blut am Saum, fremdes und ihr eigenes. Vor der letzten Steigung verengte sich der Weg wieder. Dort stand die Sperre.
Holz, quer verkeilt, roh und schwer, mit Stein gestützt. Kein Tor, kein Bau für Dauer. Etwas, das in Eile gesetzt worden war, um Zeit zu gewinnen.
Kronos ließ Rhea los.
Für den ersten Augenblick stand Rhea einfach da. Ihr Arm brannte an der Stelle, wo seine Finger gewesen waren.
An die Sperre trat er, prüfte sie nicht lange und hob die Sichel. Einer der Männer neben ihm setzte den Schild hoch, nicht gegen einen Angriff, sondern gegen Splitter und Rückschlag. Kronos schlug. Das Holz riss nicht beim ersten Hieb ganz auf, aber tief genug. Beim zweiten brach ein Balken aus der Verkeilung. Der dritte Stoß kam nicht mit der Schneide, sondern mit dem Schaft seiner ganzen Kraft. Stein schabte. Holz sprang. Helles Tageslicht fiel in schmalen Streifen durch die Lücke und traf Rheas Gesicht so unvermittelt, dass sie die Lider senkte.
Draußen schlugen die Schilde weiter, während Kronos gegen den losen Rest trat.
Einer der Männer packte an und riss mit. Die Sperre gab nach. Kühle Luft strömte herein, offen, ohne den Geruch des Inneren, und mit ihr der volle Klang der Schläge.
Den Kopf hob Rhea.
Vor dem Ausgang lag freier Fels. Wenige Schritte weiter lag eine Fläche, auf der mehrere Gestalten standen. Unter ihnen stand Amaltheia. Rhea erkannte sie sofort, noch bevor sie das Gesicht ganz sah, an der Art, wie sie den Körper halb gedreht hielt, nicht mehr zur Flucht, sondern zum Schützen. Neben und hinter ihr standen die Kureten mit Schilden und Speeren. Keiner drang ganz vor, keiner wich ganz zurück. Sie hielten den Halbkreis offen.
In seiner Mitte stand das Kind.
Nicht in Armen oder im Tuch.
Auf den eigenen Beinen stand Zeus.
Klein stand er auf dem blanken Fels, das Haar hell im Licht, die Stirn frei. Da war die Wange, die sie nur einmal nahe gesehen hatte, als Gaia ihn ihr gegeben hatte, und noch einmal flüchtig unter Stoff und fremden Händen. Jetzt lag nichts mehr darüber, kein Mantel, kein Arm, kein Dunkel des Ganges.
Hinter sich hörte Rhea Kronos atmen.
Er machte einen Schritt aus dem Ausgang heraus. Einer der Männer folgte, der zweite blieb im Rahmen der gebrochenen Sperre. Niemand auf dem Fels lief. Die Schildschläge endeten nicht zugleich, sondern einer nach dem anderen, bis nur noch der letzte nachhing.
Trocken und hart auf dem Stein, dann war es still.
Nichts legte die Stille zu. Sie nahm nur fort, was bis eben den Blick gehalten hatte. Zwischen Ausgang und freiem Fels stand kein Lärm mehr. Schläge deckten Schritte, Atem, Stoff, Metall nicht. Hinter sich hörte Rhea den Mann an der gebrochenen Sperre die Stellung wechseln. Vor ihr ging Amaltheias Atem nicht hörbar, doch deren Mund blieb fest geschlossen.
Zeus rührte sich nicht.
Nicht mehr ragte er dort auf, wo man ein Kind hinstellte und mit einem Arm zurückziehen konnte. Zwischen Amaltheia und den Kureten war Raum um ihn gelassen worden. Wenig, aber genug. Sein Blick glitt einmal über die gesenkten Speere, über Kronos' Sichel und den freien Stein dazwischen, als messe er erst jetzt, was vor ihm lag.
Kronos stockte nach dem ersten Schritt.
Im harten Licht zeichnete sich sein Profil ab. Er senkte die Sichel tief, weil er noch nicht wieder angesetzt hatte. Seine Schulter saß hoch. Der Nacken war gespannt. Gerade blickte er auf den Jungen vor ihm, und in diesem Blick lag etwas, das sie an ihm selten erlebt hatte: kein Zorn, der sofort auf den Körper ging, keine Frage, die er mit Gewalt aus einem Mund treiben wollte. Einen Schlag lang tat er nichts.
Rhea kannte sein Innehalten, nie als Milde. Aus den Augenblicken, in denen er Maß nahm, kannte sie es. Wenn er Besitz setzte. Wenn er entschied, wen er vor allen anderen traf, damit die Übrigen es sahen. Aber das hier war anders geordnet. Er hatte den Sohn gesucht, um ihn zu vernichten. Nun stand der Sohn vor ihm, und Kronos zögerte.
Nur einen Schlag lang.
Für Rhea reichte es.
Noch verharrte sie im Schatten des aufgebrochenen Ausganges, und in ihr ordnete sich mit kalter Deutlichkeit, was der Gang bis hierher gewesen war. Das Tuch an der Gabelung und die frische Spur der Milch. Amaltheia im Dunkel, beim Wechsel der Hände. Der Weg nach links. Alles hatte Zeit gewonnen. Jetzt endete es hier. Weiterreichen gab es nicht mehr. Nichts lag mehr tiefer verborgen. Kein Lärm deckte noch etwas. Vor ihr zeichnete sich ihr Sohn im offenen Licht ab, und der Mann hinter ihr kam in derselben Absicht, mit der er ihre anderen Kinder genommen hatte.
Kronos hob die Sichel ein wenig, nur aus der Tiefe in Bereitschaft.
Den Fuß verschob einer der Kureten. Der Speer in seiner Hand blieb gesenkt, doch die Spitze kam vor. Ein anderer setzte den Schildrand fester auf. Amaltheia hielt noch immer halb vor Zeus, aber nicht mehr ganz. Rhea erkannte die Veränderung zuerst an dessen Arm. Er war nicht mehr an ihren Leib gezogen. Er hing frei, als Zeus einen Schritt machte.
Nicht zurück.
Aus dem Halbkreis trat er, klein gegen die Männer um ihn und gegen den freien Stein, aber klar vor ihnen. Amaltheia fuhr nicht nach ihm. Sie hielt ihn nicht fest. Einer der Kureten wandte den Kopf kurz zu ihm, dann zurück zu Kronos.
In Rhea zog sich alles zusammen. Ohne Zweifel an Kronos. Ohne Zweifel an dem, was dieser tun würde. Es war der Schnitt zwischen allem, was sie bis jetzt für den Jungen hatte tun lassen, und dem, was von hier an nicht mehr durch Hände anderer zu halten war. Sie hatte ihn geboren und benannt. Sie hatte ihn weggeben müssen. Sie hatte den Weg hierher unter Schlägen gezeigt. Nun stand er zum ersten Mal nicht verborgen, nicht getragen, nicht aus Armen gereicht vor einem Mann, der ihn töten wollte, und sie konnte nichts dazwischen setzen.
Kronos setzte den zweiten Schritt, diesmal weiter.
Mit ihm kam der Mann neben ihm. Im Ausgang hinter Rhea schabte Holz gegen Stein, als der Zurückgebliebene sich enger in den Rahmen stellte. Rhea wich nicht vor und nicht zurück. Wenn Kronos sie jetzt packte, würde sie fallen. Er packte sie nicht; sein Blick lag nur auf Zeus.
Zeus wandte den Kopf nach rechts.
Kurz und ohne Hast blieb die Bewegung. Neben ihm wartete ein Kuret, älter als die anderen, mit einem breiten Schild und einem Speer in der Linken. Er musterte nicht erst Amaltheia, nicht die Übrigen, nicht Rhea im Ausgang. Er löste die Hand vom Schaft, drehte den Speer und hielt ihn Zeus hin, waagrecht, in der Mitte gefasst.
Für einen Herzschlag blieb der Speer zwischen ihnen.
An Amaltheia stockte nur der Atem, mehr nicht. Von ihr kam kein Wort. Keiner der Kureten sprach. Auch Kronos nicht.
Zeus griff zu.
Nicht tastend. Den Schaft fasste er mit beiden Händen, erst zu hoch, dann setzte er die rechte tiefer. Das Holz lag fremd in ihm und doch nicht falsch. Der Kuret ließ erst los, als der Griff saß. Den leeren Arm zog er zurück und trat einen halben Schritt hinter Zeus.
Es war eine kleine Bewegung. Für Rhea zerschnitt sie die letzte Ordnung des Verbergens.
Bis hierher hatte der Schutz Zeus umgeben und ihn getragen. Jetzt trat er vor den Schutz. Der Halbkreis schloss sich nicht mehr um ein Kind. Er stand hinter einem, der eine Waffe hielt. Nicht sicher, nicht fertig, aber sichtbar.
Kronos stockte wieder.
Diesmal wurde Rhea deutlich, dass der erste Stoß seines Körpers nicht in den Schritt ging. Die Sichel hing noch in seiner Hand, aber sie führte ihn nicht. Am Rand des Ausganges hielt er mit dem Sohn vor sich, und für einen Schlag lang war er der Mann, der auf etwas antworten musste.
Er hob das Kinn.
„Tretet beiseite“, sagte er, ohne den Blick von Zeus zu nehmen. Hart und laut lag seine Stimme auf dem offenen Fels. „Gebt ihn her.“
Niemand rührte sich.
Er meinte die Kureten, forderte Amaltheia, verlangte jeden Leib draußen auf dem Stein. Der Befehl lag nackt zwischen ihnen. Früher hätte er gereicht. Rhea hörte ihn und wusste es an der Stelle in sich, die seine Stimme seit Jahren kannte: Dort bleibt ihr, kommt her, haltet fest, bringt es mir. Es war immer dasselbe gewesen. Ein Wort, und andere hatten ihren Ort zu nehmen.
Amaltheia blieb neben Zeus. Bleich und still war ihr Gesicht. Die Kureten hielten die Schilde fest, aber keiner trat vor, um den Sohn zu packen, keiner wich aus seiner Bahn.
Einen Fuß setzte Kronos nach vorn.
Ihm selbst antwortete Zeus.
„Ich werde nicht gegeben.“
Es war keine laute Stimme. Gerade darum schnitt sie klar durch die Stille. Darin lag kein Zögern, und kein Blick ging nach rechts oder links, um Bestätigung zu suchen. Amaltheia presste die Lippen aufeinander. Einer der Kureten senkte den Kopf nur einen Fingerbreit, nicht in Unterwerfung, sondern weil das Wort gefallen war und nicht mehr zurückgenommen werden konnte.
Jetzt verzog sich Kronos’ Mund, und nun kam die Bewegung doch. Schnell und endlich ganz. Er riss die Sichel hoch und ging auf Zeus zu.
Zuerst kam der Arm, dann der Leib. Kronos nahm den Raum wieder mit Gewalt. Der erste Hieb kam von rechts, scharf und tief gegen Hals und Schulter. Zeus wich zurück, zu kurz für einen freien Stand, aber weit genug, dass die Schneide leer an ihm vorbeiging. Der Schaft des Speers fuhr hoch, zu spät zum Stoß, nur zum Sperren. Holz traf gegen den gebogenen Rücken der Sichel. Das Geräusch war kurz und trocken.
Ohne Zwischenraum setzte Kronos nach, drängte mit dem Gewicht des Leibes nach vorn und zwang Zeus auf den unebenen Stein. Der Speer lag quer zwischen ihnen. Zeus hielt ihn zu dicht am Körper. Rhea erkannte es und zugleich, dass Kronos es auch erkannte. Er griff mit der freien Hand nach dem Schaft, wollte ihn niederreißen, den Sohn festlegen, ihm die Waffe aus den Händen brechen.
Zeus gab nicht nach.
Den Speer zog er nicht zurück. Er stemmte ihn zwischen sich und den Vater, ließ die rechte Hand nach hinten gleiten und riss den Schaft aus Kronos’ Griff, indem er zugleich einen Schritt schräg setzte. Unglatt, aber entschieden, lief Kronos’ Zug ins Leere. Für einen Augenblick lag seine Brust offen.
Zeus stieß.
Nur kurz. Ohne weiten Ausfall, ohne sauberen Wurf. Ein harter Stoß aus kurzer Distanz, geführt aus Armen und Rücken. Die Spitze traf unterhalb der Rippen, seitlich, wo das Gewand am Leib spannte.
Zuerst hörte Rhea den Laut nicht von der Waffe, sondern von Kronos. Ein abgerissener Atem. Dann drang die Spitze durch Stoff und Fleisch. Der Stoß war nicht tief genug, um ihn zu fällen. Aber er saß.
Auf dem Fels sah es jeder.
Kronos fuhr zurück, weil der Leib wich. Seine Hand fuhr an die Stelle, an der der Speer ihn getroffen hatte. Als er sie wegnahm, war Blut daran.
Dunkel lag es auf seinen Fingern. Blut, nicht an der Sichel, sondern auf seiner Haut.
Stille lag zwischen ihnen.
Auf seine Hand blickte er, dann auf den Sohn. In seinem Gesicht stand nicht der Zorn allein. Rhea erkannte den Bruch darin. Bis hierher hatte er andere verletzt. Bis hierher hatten sein Körper gegolten, seine Nähe, seine Waffe, sein Zugriff. Nun stand der Sohn vor ihm, atmete hart, beide Hände am Speer, und Kronos trug die Spur davon am Leib.
Von Kronos’ Kehle kam der nächste Laut, tiefer jetzt. Er hob die Sichel wieder. Die Schmach stand offen auf dem Fels, und er wollte sie vor allen Augen auslöschen. Er ging nicht mehr im Maß. Er schlug.
Den ersten Hieb fing er nicht sauber ab. Die Sichel glitt am Schaft entlang, riss Holz auf und fuhr ihm über den Unterarm. In seiner Schulter zuckte es, doch den Speer verlor er nicht. Als Amaltheia einen Schritt vor machte, hielt ein Kuret sie am Arm fest. Nicht grob, nur fest genug.
Höher kam der zweite Hieb. Zeus duckte sich darunter weg und trat in Kronos hinein, zu nah für die Sichel. Der Speer wurde zwischen ihren Leibern nutzlos, zu lang für die Enge. Kronos wollte ihn mit dem Griffstück der Sichel von sich stoßen, doch Zeus ließ den Schaft mit einer Hand fahren. Das Holz kippte.
te über den Fels und schlug klappernd an den Rand.
Jetzt standen sie leer gegeneinander.
Mit beiden Händen griff der Jüngere nach dem Arm, der die Sichel führte, wie Rhea sah. Ohne Zögern ging er Kronos an den Leib, drückte die Schulter gegen dessen Brust und zwang ihn einen Schritt zurück. Als Kronos den Arm frei reißen wollte, bremste ihn die verletzte Seite. Sein Atem kam hörbar, kurz und ungleich. Blut lief unter dem Stoff hervor, erst in einer schmalen Spur, dann breiter, wenn er sich drehte.
Hinter Rhea hielten die Männer sie nicht mehr fest. Sie standen nur da, auf den Ausgang und den Kampf gerichtet. Einer hatte die Hand halb gehoben, ohne zu wissen, gegen wen er sie brauchen würde. Auch das entging ihr nicht. Niemand ging vor.
Mit dem Knie stieß Kronos zu, traf seinen Gegner am Oberschenkel, verschaffte sich Raum und riss den Arm hoch. Die Sichel fuhr dicht an dessen Kopf vorbei. Zeus fing das Handgelenk noch im Rückschwung, packte mit der anderen Hand nach und drückte es abwärts, während die Klinge zwischen ihnen zitterte und Kronos’ Schulter dagegenarbeitete. Seine Zähne standen offen. Aus seiner Kehle kam kein Befehl. Es war nur Anstrengung.
Seitlich drehte sich der Jüngere, nahm Kronos den Stand und zwang ihn noch einen Schritt zurück. Der Fels fiel dort scharf ab. Rhea erkannte es, noch ehe Kronos es unter den Füßen merkte. Seine Ferse suchte Halt und fand nur schmalen Stein. Für einen Schlag lang lag sein Gewicht falsch. Der Jüngere nutzte es sofort, drückte nach, hart und ohne Maßhalten.
Den Fall fing Kronos nicht mit Würde ab. Er warf den freien Arm vor, rammte ihn gegen den Hals des Sohnes und schob mit allem, was ihm blieb. Zeus geriet selbst an die Kante. Jetzt standen beide dort, zu eng, zu nah, und unter ihnen lag der Absturz. Amaltheia machte wieder einen Schritt, und wieder hielt man sie zurück. Wer dort hineinging, riss beide mit.
Kronos bekam die Hand an die Kehle seines Sohnes.
Den Laut, mit dem Zeus den Atem anhielt, hörte Rhea. Kronos drückte ihn rückwärts, den Arm gestreckt, die Finger tief am Hals. Mit der anderen Hand hielt er noch immer die Sichel, aber nicht frei genug, um sie zu führen. Er brauchte alle Kraft im Griff. Blut rann ihm weiter an der Seite hinab. Sein Brustkorb hob und senkte sich schnell, zwischen den Atemzügen stockte er. Offen vor allen.
Beide Hände stemmte der Jüngere gegen Kronos’ Arm. Die Muskeln standen in seinen Schultern und im Kiefer. Seine Füße suchten Halt auf dem schmalen Raum vor der Kante. Ein kleiner Stein brach unter seiner Ferse weg und fiel.
Zu Rhea blickte Kronos.
Er erfasste sie direkt. Sein Gesicht war rot vom Druck und grau darunter. In den Augen stand etwas, das sie an ihm nie gesehen hatte, nicht offen. Er rang nach Luft und schrie trotzdem, mit brechender Stimme: „Rhea!“
Über den Fels fuhr der Name.
Er schrie noch einmal, lauter, roher, und jetzt hörte jeder den Riss darin. „Hilf mir! Gib ihn endlich heraus!“
Rhea griff in ihr Gewand.
Dort lag das Fläschchen, wo sie es seit dem Gang verborgen gehalten hatte, dicht am Leib. Ihre Finger fanden es sofort. Sie zog es heraus. Für einen Augenblick lag das Gewicht klein in ihrer Hand. Dann hob sie den Arm.
„Zeus!“
Er reagierte auf ihren Ruf mit einer kurzen Bewegung der Augen, genug.
Rhea warf.
Flach durch die Luft flog das Fläschchen. Nicht hoch, nicht weit. Zeus ließ eine Hand von Kronos’ Arm fahren und fing es gegen die Brust, unsauber, aber fest. Kronos begriff im selben Moment, was in Zeus’ Hand geraten war. Es stand ihm im Gesicht. Er stieß härter gegen den Hals des Sohnes, wollte ihn über die Kante drücken, jetzt, sofort.
Einen Schlag lang nahm Zeus den Druck hin. Dann rammte er dem Vater die Stirn ins Gesicht.
Kronos’ Kopf fuhr zurück. Der Griff an der Kehle lockerte sich. Zeus riss sich Luft in einem harten Zug, klemmte das Fläschchen in die Faust, griff wieder nach dem Sichelarm und drehte ihn mit einem Ruck nach außen.
Kronos setzte den Fuß nach, um Stand zu gewinnen, aber der Tritt fand den Fels nicht sauber. Einen halben Schritt geriet er aus der Linie. Der Sohn nutzte das sofort, drückte sich dicht an ihn, weg von der Kante, schob die Schulter unter den Sichelarm und zwang ihn weiter nach außen. Das Fläschchen saß in seiner anderen Hand. Seine Finger schlossen sich darum, bis die Knöchel hell wurden.
Mehr als ein Ringen war es nicht mehr, das begriff Kronos. Er riss den Kopf herum. Sein Blick fuhr über den Sohn hinweg zu Rhea.
„Was hast du ihm gegeben?“
Weit über den offenen Fels trug seine Stimme. Die Männer hinter ihm rührten sich ebenso wenig wie die Kureten; niemand trat dazwischen, während Rhea dort stand, wo er sie zurückgelassen hatte. Der Wind zog an ihrem Gewand. Ihre Wange schmerzte noch dort, wo er sie getroffen hatte. Ihr Arm erinnerte sich an seinen Griff. Sie wich nicht. Vor ihr lagen das Blut an seiner Seite, die Hand des Sohnes an seinem Waffenarm, der Mund, den der Sohn mit dem Fläschchen suchte.
Mit der freien Hand stieß Kronos gegen Zeus’ Gesicht. Auf der Schulter fing der Sohn den Stoß auf, drängte nach, tiefer, härter. Die Sichel kam nicht frei, obwohl Kronos den Arm heranzuziehen versuchte. Es gelang ihm nicht. Zum ersten Mal sah sie in aller Offenheit, dass seine Kraft nicht reichte.
„Rhea.“ Diesmal war ihr Name kein Ruf nach Beistand mehr; kurz und hart kam er. „Was ist das?“
Sie hörte, dass alle es hörten.
Sie hätte schweigen können. Noch einen Atemzug. Noch einen Schlag. Dann hätte nur der Kampf gesprochen. Aber hier stand nichts mehr verborgen. Er hatte sie vor allen angebrüllt, hatte Hilfe von ihr verlangt. Nun sahen sie alle, wie der Sohn ihn hielt.
Rhea hob das Kinn. Es war der eine Augenblick, in dem ihre Worte bei ihm ankamen.
„Was du geschluckt hast, sollst du wieder hergeben.“
Sein Gesicht veränderte sich. Starr auf sie gerichtet lag in diesem Blick nicht mehr nur Wut. Mit neuer Gewalt riss er an sich, zu ihr hin.
Zeus reagierte sofort. Sein Gewicht verlagerte sich. Er trat Kronos das Bein weg, brachte ihn tiefer, drückte ihn mit dem Unterarm gegen Hals und Kiefer und zwang ihm zugleich das Fläschchen an den Mund.
Kronos presste die Lippen zusammen.
„Nein“, sagte Rhea, laut genug für den Fels. „Nicht Gift. Gib meine Kinder zurück.“
Ein Laut ging durch die Umstehenden. Ein kurzes, scharf eingezogenes Atmen von mehreren zugleich, ohne ein Wort. Rechts stand Amaltheia; einer der Männer Kronos’ fluchte leise und verstummte sofort wieder. Es genügte, das Geheimnis stand offen zwischen ihnen.
Kronos bäumte sich auf. Die Muskeln in seinem Hals traten hervor. Er warf den Kopf nach vorn, wollte Zeus ins Gesicht fahren, wollte den Druck brechen. Zeus zog ihn noch näher an sich heran, hielt den Sichelarm weit draußen und stemmte den Daumen der Fläschchenhand gegen Kronos’ Kiefergelenk. Der Mund öffnete sich einen Spalt, nur für Luft.
Zeus nutzte ihn, stieß das Glas hinein, ehe Kronos zubiss. Das Fläschchen zerbarst zwischen seinen Zähnen. Das Geräusch war klein, aber auf dem stillen Fels schnitt es in jeden Kopf. Splitter blitzten kurz an seinen Lippen, und Blut trat sofort aus dem Mundwinkel. Zeus zog die Hand nicht weg. Er hielt den Kiefer hoch, presste nach, bis Kronos würgen musste.
Kronos versuchte auszuspucken. Der rote Trank stand ihm am Mund, Blut dazu; er hustete und warf den Kopf herum. Ein Teil rann ihm über das Kinn und auf die Brust. Doch nicht alles kam heraus. Sein Hals arbeitete gegen ihn. Ein harter Schluck lief sichtbar unter der Haut hinab.
Sie atmete ein. Erst da fiel ihr auf, dass sie die Luft angehalten hatte.
Kronos gab einen Laut von sich, der nicht mehr nach Sprache klang. Er stieß Zeus gegen den Brustkorb, rammte ihm das Knie in den Leib, trat nach seinem Schienbein. Zeus fing zwei der Stöße, den dritten nicht ganz. Er taumelte einen Schritt, blieb aber an ihm. Die Sichel hing noch immer nutzlos nach außen, Kronos bekam sie nicht heran, als die erste Regung aus der Tiefe kam.
Mitten in der Bewegung erstarrte er. Seine Augen weiteten sich. Er riss den Mund auf, wollte Luft holen, aber der Atem kam nicht frei. Die Hand, mit der er eben noch nach Zeus geschlagen hatte, fuhr an seinen Hals. Trocken würgte er, einmal, zweimal, härter, und sein Leib zog sich zusammen; es ging sichtbar durch ihn, nicht oben, nicht an der Kehle allein, sondern tiefer.
Jetzt wollte er nicht mehr zu Rhea. Jetzt wollte er nur noch sich selbst.
…halten.
Er riss sich von Zeus los, nicht mit Kraft, sondern im Zwang des eigenen Körpers. Die Sichel kippte ihm aus der Hand, schlug auf den Fels und rutschte mit einem hellen Schaben über den Stein. Niemand griff danach, während alle auf ihn starrten.
Kronos sank in die Knie. Eine Hand krallte sich in den Boden, die andere an seine Kehle. Er rang nach Atem und fand nur den nächsten Würgereiz. Sein Rücken spannte sich hart durch. Der Laut, der aus ihm brach, war roh, abgerissen, ohne Wort und ohne Befehl.
Zeus trat zurück, einen halben Schritt nur, genug, um nicht mitgerissen zu werden. Er hielt sich bereit, die Schultern hoch, den Blick fest auf Kronos. Blut glänzte noch an seiner Hand vom Maul des Vaters, und er wischte es nicht ab, als Rhea vorging.
Nur einen Schritt, dann noch einen. Bis an den Rand dessen, was zwischen ihnen frei war. Für Kronos trug ihr Blick nichts Herrscherliches mehr. Auf dem Fels lag ein Mann, der den Leib nicht mehr beherrschte und vor allen den Mund nicht mehr schließen konnte.
„Hestia“, sagte sie.
Der Name lag offen auf dem Stein, während Kronos trocken würgte, dann tiefer. Sein ganzer Leib zog sich zusammen. Mit einem heftigen Stoß brach der erste Körper aus ihm hervor, nass, schwer, ohne Halt, und schlug vor seinen Knien auf den Fels, worauf ein Aufschrei durch die Umstehenden fuhr und mehrere zurückwichen. Amaltheia tat es nicht.
Rhea verharrte. Ihre Finger zuckten einmal und schlossen sich dann zur Faust.
Die Frau auf dem Boden regte sich nicht sofort. Nasses Haar klebte an Gesicht und Hals. Die Glieder lagen verdreht von dem Sturz, dann kam Bewegung in eine Schulter, in einen Arm. Luft fuhr hörbar in ihre Lungen. Sie hustete, scharf und leer, und blieb auf der Seite liegen.
„Demeter“, sagte Rhea.
Kronos hob den Kopf, nur kurz, und in seinen Augen flackerte etwas, das er bisher nicht gezeigt hatte. Weder Trotz noch Zorn zeigten sich, als er sprechen wollte. Wieder kam nur Würgen. Speichel und Blut liefen ihm aus dem Mund. Dann krümmte er sich tiefer.
Der zweite Körper folgte schneller, herausgerissen von einem Krampf, der ihn nach vorn schleuderte. Die Frau prallte gegen den Fels, rollte zur Seite und blieb auf Händen und Knien stehen, ohne zu wissen, wo sie war. Ihr Atem ging stoßweise. Den Kopf hob sie ins Licht, doch ihr Blick fand nichts, woran er haften konnte.
Hinter Rhea scharrten unruhig Füße. Keiner sprach, und mit jedem Namen wurde das Schweigen enger.
„Hera.“
Kronos stieß einen Laut aus, der wie ein Nein beginnen wollte und im Erbrechen endete. Der dritte Körper kam mit solcher Gewalt, dass er ihm selbst den Oberkörper vom Boden hob. Er fing sich nicht mehr ab und fiel auf die Seite. Die Frau, die vor ihm auf den Fels schlug, lag einen Atemzug lang still, dann winkelte sie die Beine an und presste die Arme gegen den Leib. Ein Husten schüttelte sie. Sie war da. Mehr musste Rhea in diesem Augenblick nicht erkennen.
Kronos stemmte sich hoch, erreichte aber nur einen Ellenbogen. Sein Blick suchte Rhea und traf sie, darin flackerte die Erkenntnis. Sie hatte ihm den Trank gegeben. Sie nannte die Namen. Sie nahm ihm vor allen, was er vor allen verschwiegen hatte.
Sie wich nicht.
„Hades.“
Schon vor dem nächsten Krampf riss sein Atem hörbar. Zeus setzte sich in Bewegung, langsam, wachsam, nicht zu Kronos hin, sondern so, dass er zwischen dem Zusammengebrochenen und den anderen stand, falls noch ein Schlag kam, falls der alte Reflex nach der Waffe griff. Aber Kronos griff nach nichts. Seine Hand fuhr nur über den Stein, leer, tastend, bis die Finger an einer Kante hängen blieben.
Der vierte Körper kam schwerer. Ein Mann. Er stürzte aus Kronos’ aufgerissenem Mund und schlug mit Rücken und Schulter auf. Der Aufprall klang hart, und ein Kurete fluchte leise. Hades rührte sich eine Weile nicht, dann hob sich sein Brustkorb. Einmal. Noch einmal. Seine Hand schloss sich auf dem nackten Fels.
In Rheas Ohren pochte das Blut, als vier Namen gefallen waren. Vier waren zurückgekehrt. Doch in ihr brannte nur einer seit Jahren ununterbrochen offen.
Als sie noch einen Schritt machte, traf ihn der Name.
„Poseidon.“
Kronos’ Gesicht verzerrte sich. Das sah sie. Er kannte den Namen, den sie zuletzt gesprochen hatte, damals und jetzt. Er ließ ihn ihr nie überlassen, nicht in jener Nacht und nicht auf diesem Fels. Er hustete heftig, rang nach Luft, bekam keine, und dann kam der nächste Stoß aus der Tiefe seines Leibes mit einer Gewalt, die ihn auf beide Hände warf.
Poseidon stürzte heraus.
Rhea war schon in der Bewegung, ehe er aufschlug. Sie fing ihn nicht ganz; der Schwung riss ihn ihr durch die Arme. Aber sie nahm seinen Kopf vom Stein, fiel mit einem Knie auf den Boden und zog ihn an sich.