Chapter 7
Die verschlossene Schwelle
Einige der Versammelten senkten den Blick, während andere starr auf seine Hände sahen. Niemand trat vor.
Kronos umklammerte Hestia fest, ohne Hast, ohne Zögern. Das Weinen des Kindes hielt an, brach kurz ab, setzte wieder ein. Rhea stand inzwischen neben dem ersten Sitz und rührte sich nicht. Ihr Platz war eingenommen, ihr Leib leer, ihre Hände blieben offen an den Seiten. Der zweite Sitz war inzwischen dicht an den seinen gerückt. Zwischen beiden blieb kaum Raum, und doch lag alles, was gesagt worden war, offen darin.
Gaia wich nicht von der Stelle. Ohne sich zu rühren, verhärtete sich ihr Gesicht. Sie blickte weder auf Rhea noch auf die Titanen, nur auf Kronos und das Kind in seinen Händen.
Wieder kam ein dumpfer Stoß aus der Tiefe. Er fuhr durch den Stein unter den Sitzen. Der Laut hielt sich kurz und verlor sich dann in der verbauten Masse unter dem Hof. Diesmal lief ein deutliches Zittern durch die Reihen. Danach wandten sich mehrere Köpfe dem ersten Sitz zu. Einer der Jüngeren machte einen halben Schritt zurück und verharrte dann, beschämt über die eigene Regung.
Kronos hob Hestia noch einmal an. Das Kind schrie jetzt mit voller Stimme. Sein Blick glitt über den kleinen Körper, über das offene Gesicht, über die sich werfenden Glieder. Dann öffnete er den Mund.
Ein Laut ging durch den Hof, kein Ruf, nur ein harter Atem vieler zugleich. Alle verstummten und rührten sich nicht.
Rhea sah zu.
Kronos setzte das Kind an seinen Mund und schob es hinein. Langsam, ohne Verwirrung. Er tat es nicht nur aus Anspruch, sondern gegen das Wort des Vaters, das auf seinen Kindern lag. Vor den Zeugen des Hofes zog er die Grenze in den eigenen Leib. Hestias Schrei brach ab. Ein letzter kurzer Laut drang noch hervor, gedämpft zwischen seinen Händen und seinem Fleisch. Dann war er fort.
Die Reihen der Titanen standen wie gebunden. Bei manchen waren die Lippen geöffnet, andere pressten sie fest zusammen. Themis schwieg. Tethys hob die Hand bis an die Brust und ließ sie dort. Koios starrte auf Kronos, ohne zu blinzeln. Okeanos trat einen Schritt vor, nur einen, und hielt inne.
Kronos schluckte, für alle sichtbar, während sein Hals schwer arbeitete. Ein zweites Mal. Dann senkte er die Hände. Sie waren leer.
Im Hof blieb kein Laut mehr außer dem fernen Nachhall aus der Tiefe, der nun nicht mehr als Stoß, sondern als langes dumpfes Drängen unter dem Stein lag. Es kam von dort, wo der erste Sitz gesetzt war, und lief unter den Platten bis an die Füße der Versammelten.
Rhea blickte auf seine leeren Hände, dann hob sie den Blick in sein Gesicht. Sie bat nicht. Sie klagte nicht. Sie stand nur da und nahm auf, was alle gesehen hatten.
Gaia sprach zuerst.
„Vor allen hast du es getan.“
Ihre Stimme war nicht laut. Gerade deshalb trug sie durch den ganzen Hof.
Kronos wandte den Kopf zu ihr, ohne dass Scham sein Gesicht streifte; der Zug seines Mundes war fest, sein Blick dunkel und unbeweglich.
„Mein Haus bleibt mein Haus. Was der Fluch an meinen Kindern sucht, halte ich in mir fest.“ Seine Stimme schnitt flach durch den Hof.
Niemand antwortete ihm sofort. Sein Satz fiel offen vor die Reihen und blieb dort liegen, gegen alles, was geschehen war.
Dann machte Gaia einen Schritt vor. „Dein Vater hat den Fluch auf deine Kinder gelegt. Du hast ihn nicht abgewehrt.“
Jetzt hob Okeanos die Stimme. Sie trug hart über den Platz.
„Nicht abgewehrt“, sagte er. „Aufgenommen.“
Ein kurzes Schweigen folgte. Die Luft drückte schwerer als zuvor. Mehrere der Versammelten sahen von Okeanos zu Kronos und zurück. Nun war es gesagt: vor Zeugen und im Streit gegen den Herrn des Hofes. Es stand im Raum, mit dem verschwundenen Kind als Beweis.
Ohne zu nicken, sprach Gaia weiter, und jedes Wort traf offen.
„Der Fluch hat auch deinen Leib erreicht. Du hast ihn in dich genommen.“
Als die Worte verklungen waren, kam unter dem ersten Sitz ein weiterer Schlag, so hart diesmal, dass Staub aus einer Fuge sprang. Mehrere Titanen fuhren herum. Von unten lief der Laut gegen den Stein, gegen die Setzung des Sitzes, gegen den Platz, auf dem Kronos stand.
Während unten der Stein antwortete, hob Rhea den Blick nicht. Sie sah nur Kronos an.
Von nichts Sichtbarem getrieben richtete er sich auf, breit, unbeugsam, mit leerem Arm und geschlossenem Mund. „Was in mir ist, gehört mir.“ Er presste die Kiefer aufeinander.
Nun sprach Gaia mit einer Schärfe, die keinen Widerspruch mehr suchte. „Wie Uranos.“
Der Name machte die Luft im Hof schwer. Manche der Älteren senkten den Kopf. Andere hoben ihn erst recht. Niemand konnte mehr so tun, als sei dies nur die Härte eines Herrschers gewesen. Die Linie war offen gezogen: vom Vater auf den Sohn, von der alten Gewalt auf die neue, von der Setzung auf den Leib.
Okeanos blieb vorgerückt stehen. „Du sicherst keine Nachfolge“, sagte er. „Du machst aus dem Fluch ein Gesetz gegen dein eigenes Haus.“
Kronos antwortete ihm nicht. Er ließ den Blick über die Reihen gehen, über die Titanen, über die Sitze.
Über die Titanen, über die Sitze, über den Stein unter seinen Füßen ließ er den Blick gleiten. Er nahm jeden Blick entgegen, jeden gesenkten Kopf, jedes starre Gesicht. Dann wandte er sich weder an Okeanos noch an Gaia oder Rhea.
„Von dieser Stunde an“, rief er in den Hof, „steht Rheas Schwelle unter Wache.“
Ein Laut lief durch die Reihen. Kein offener Aufschrei. Ein kurzes, rohes Einatmen, dann Stille.
Er hob die Hand und wies auf den Zugang zu den inneren Gemächern. „Niemand betritt diesen Ort ohne mein Wort. Niemand verlässt ihn mit einem Kind ohne mein Wort. Vor jeder Geburt stehen meine Wächter vor der Tür. Was aus ihrem Leib kommt, wird mir übergeben. Sofort.“
Rhea rührte sich nicht. Sie stand ihm noch immer gegenüber, die Schultern gerade, die Hände leer. Ihr Blick blieb auf sein Gesicht gerichtet. Sie widersprach nicht. Nur ihre Finger schlossen sich einmal fest ineinander und lösten sich wieder.
Dann machte Okeanos einen Schritt vor. „Du stellst Wachen an das Lager deiner Frau?“
„An die Schwelle meines Hauses.“ Kronos ließ die Hand sinken.
„Du nennst es Haus“, entgegnete Okeanos und verzog den Mund. „Du meinst Besitz.“
Kronos drehte den Kopf. „Und du meinst, du könntest hier weiterreden, als ginge dich meine Ordnung etwas an.“
„Sie geht jeden an, der sie sehen muss.“
„Dann sieh genau hin.“
Danach gab er einem der Nahestehenden ein Zeichen. Vom Rand des Hofes traten zwei der jungen Titanen vor. Vor dem ersten Sitz hielten sie an, warteten auf sein Wort und mieden den Blick der Versammelten.
„An ihrer Tür steht ihr“, befahl er. „Tag und Nacht. Wenn die Wehen einsetzen, meldet ihr es. Wenn das Kind kommt, nehmt ihr es entgegen. Es wird mir gebracht.“
Einer der beiden zögerte. Es war nur ein Atemzug, nicht mehr, und doch spannte sich alles daran.
„Habt ihr mich gehört?“
„Ja“, sagte der Erste.
Der Zweite nickte einen Augenblick später. Gaia trat einen halben Schritt vor, und ihr Gesicht wurde hart. „Du legst Eisen an eine Gebärende.“
Er sah sie an. „Ich lege Ordnung an mein Haus.“
„Du legst die Hand an deine Zukunft.“
„Ich nehme sie in meine Hand, bevor sie sich gegen mich hebt.“
Gaia hob das Kinn kaum sichtbar. „Sie hat sich noch nicht gehoben“, sagte sie.
„Sie wird es.“
„Woher weißt du das?“
Sein Blick blieb hart auf ihr. „Weil ich nicht blind bin.“
Gaia antwortete sofort. „Blind bist du nicht. Du hast gewählt.“
Der Satz blieb stehen. Wieder blickten mehrere auf den Stein unter dem Sitz. Aus der Tiefe stieg kein Laut herauf, und gerade dadurch wurde die Stille schwerer.
Rhea ging nun an ihm vorbei, nicht nah, nicht fern, so dass jeder es sehen konnte. Kurz blieb sie an der Linie zwischen erstem und zweitem Sitz stehen, wandte sich zum Hof und sagte mit ruhiger Stimme: „Ihr habt es gehört.“
Mehr sagte sie nicht.
Die beiden Wächter sahen zu ihr, dann wieder zu ihm. Rhea setzte ihren Weg fort, auf den Ausgang zu ihren Gemächern zu. Ihr Gang blieb gleichmäßig. Sie sah weder nach rechts noch nach links. Vor der Schwelle hielt sie nicht an. Erst im kühlen Schatten des Durchgangs wandte sie den Kopf ein wenig.
„Wenn die Stunde kommt“, sagte sie, „wird keiner von euch zu spät gerufen werden müssen.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand sie hinter der Schwelle.
Die beiden Titanen blieben zurück. Einer stellte sich sofort an den Eingang. Einen Herzschlag länger brauchte der andere, dann nahm auch er seinen Platz ein. Nun stand die Wache sichtbar dort, wo zuvor nur ein Durchgang gewesen war.
Okeanos starrte auf die beiden. „Anderen zwingst du auf, deine Furcht zu tragen.“
„Meine Furcht hält diesen Hof.“ Er blieb unbewegt.
„Nein“, sagte Okeanos. „Sie frisst alles auf.“
Sein Blick wurde schmal. Mehrere in den Reihen spannten die Schultern an. Doch er ließ den Arm sinken.
„Geh, wenn dir mein Hof zu eng wird“, stieß er aus.
Okeanos wich nicht. „Er wird eng für dich werden.“
Gaia hob die Stimme, ohne Okeanos anzusehen. „Schon jetzt trägt der Stein dein Urteil.“
Da kam der Stoß.
Er fuhr unter dem ersten Sitz durch den Hof. Kurz, hart, tief. Der Stein knackte hörbar. An der Kante des Herrschersitzes sprang eine weitere feine Linie auf und lief in den Boden. Staub hob sich aus den Fugen. Einige der Jüngeren wichen zurück. Einer der Wächter an Rheas Tür drehte erschrocken den Kopf zum Sitz.
Er blieb stehen, doch der Schlag ging durch seine Haltung. Sein Rücken straffte sich, der Kiefer mahlte.
Gaia deutete nicht auf den Riss. Sie musste es nicht. „Die Erde nimmt dein Wort.“
Der Staub sank langsam wieder in die Fugen, und niemand im Hof rührte sich.
Niemand antwortete ihr.
Während der Staub aus den Fugen wich, lag der neue Riss offen zwischen ihnen. Er zog sich von der Kante des Sitzes fort, erst schmal, dann deutlicher. Dann lief er über den Hof, nicht gerade, aber ohne sich zu verlieren. Wer ihm folgte, sah, wie er bis an Rheas Schwelle führte.
Dort standen die beiden Wächter. Während ihre Speere sie festhielten, gingen ihre Augen zwischen dem Sitz, dem Riss und Kronos hin und her. Hinter der Tür blieb es still, als Okeanos einen Schritt vortrat.
Getrieben von der Stille stellte er sich so, dass jeder ihn hören musste. „Zieh sie ab.“
Als Kronos ihn ansah, sagte er: „Nein.“
„Verschlossen hast du den Grund. Du hast den Torstein gesetzt. Du hältst die Brüder dahinter und nennst es Ordnung.“ Er hob nicht die Stimme. „Jetzt stellst du Wachen an die Schwelle deines Hauses. Du schließt nicht aus. Du schließt ein.“
Ein kurzes, dumpfes Schlagen kam hinter dem Torblock hervor. Es blieb gedämpft, aber nah genug, dass mehrere im Hof die Köpfe wandten. Kottos und Gyges waren noch da. Der Stein hatte ihre Stimmen nicht ganz erstickt.
Darauf kam keine Antwort.
Er fuhr fort. „Wenn auf deinem Haus ein Fluch liegt, dann trägst du ihn tiefer hinein, nicht fort von dir. Hier erkennt es jeder.“
„Jeder hier sieht“, erwiderte er, „dass ich mein Anwesen bewache.“
„Dein Haus?“ Okeanos’ Blick glitt zur Tür. „Dort steht nicht dein Stein. Dort steht Rhea.“
Die Tür blieb weiterhin geschlossen.
Gaia trat nicht näher an den Riss, aber ihr Blick ruhte auf ihm. „Er läuft, wohin dein Befehl läuft.“
Zur Mutter gewandt, sagte er: „Sprich nicht von Dingen, die du nicht setzt.“
„Ich setze sie nicht“, entgegnete Gaia. „Du setzt. Die Erde antwortet.“
Ein Murmeln ging durch die Reihen und brach sofort wieder ab. Keiner wollte der Erste sein, der offen Partei ergriff. Aber niemand sah mehr nur den Sitz an. Der Hof war geteilt zwischen dem Stein unter Kronos und der Tür, vor der seine Wachen standen.
Er hob die Hand. Auch Okeanos sprach nicht. „Genug.“
Niemand sprach mehr, auch Okeanos nicht. Das Schweigen war jetzt kein Gehorsam. Es wartete.
Dann kam von innen ein hartes Geräusch gegen das Holz, eher der klare Stoß einer Hand als ein schwerer Schlag. Ein Riegel wurde zurückgezogen. Die Tür öffnete sich nur so weit, dass die Dunkelheit des Gemachs einen schmalen Streifen in den Hof warf.
Rhea trat auf die Schwelle.
Die Wächter wichen nicht zurück. Sie standen dicht neben ihr, einer zu jeder Seite. So wurde sichtbar, was zuvor nur Befehl gewesen war.
Sie sah nicht zuerst zu Kronos. Sie sah den Riss. Ihr Blick folgte ihm von ihrer Schwelle zurück zum Herrschersitz. Als sie dann den Kopf hob, blieb Kronos’ Gesicht hart.
„Geh zurück hinein.“
Rhea blieb, wo sie war.
„Hast du mich nicht gehört?“
Jetzt sah sie ihn an. „Doch.“
Mehr sagte sie nicht. Der Hof hielt den Atem an. Er stand noch immer am Sitz, über dem aufgesprungenen Stein, und sie stand an der Schwelle, die er bewachen ließ. Dazwischen lag die Linie im Boden.
Er machte einen Schritt vor, gerade weit genug, um den Anspruch seines Körpers auf den Raum zu setzen. „Du verlässt diesen Ort nicht ohne meinen Befehl.“
Rheas Blick änderte sich nicht. „Das hast du längst beschlossen.“
Seine Stimme wurde kälter. „Dann zwing mich nicht, es zu wiederholen.“
Sie sprach in den ganzen Hof hinein. Klar, ohne Hast. „Er hat meinen Leib schon vor der Empfängnis zur Gefangenschaft gemacht.“
Mehrere Gesichter wandten sich scharf zu ihm. Nicht alle verstanden sofort das ganze Gewicht des Satzes. Aber keiner missverstand seine Richtung, und Okeanos sagte nichts.
Seine Miene verhärtete sich nur.
Gaia schloss für einen Moment die Augen. Dann sagte sie: „Nun steht es offen.“
Kronos’ Schultern spannten sich. „Du sprichst von Dingen, die dir nicht gehören, Rhea.“
„Mein Leib gehört dir nicht.“
Ein Laut ging durch den Hof, kein Wort, nur das raue Ausstoßen von Atem. Einer der jüngeren Titanen senkte den Blick sofort wieder, als er den Kopf gedreht hatte.
Er sprach nun so laut, dass auch die Hintersten es hören mussten. „Niemand wird Rhea ohne meinen Befehl betreten oder verlassen sehen.“
„… nicht nur ihre Schritte. Unter deiner Furcht stehen jetzt auch die Kinder, die noch nicht atmen.“
Für einen Schlag war es still.
Dann kam, tief und kurz, ein Geräusch aus dem Stein.
Es drang nicht laut durch die Sohlen, aber hart. Mehrere Köpfe fuhren herum. Der Riss, der vom Herrschersitz her über den Hof lief, arbeitete sich sichtbar weiter. Inzwischen hob sich Staub in einem schmalen Zug. Ein feines Knacken lief bis dorthin, wo Rheas Türstein lag, und endete nicht davor. Es fuhr hinein, während jemand scharf die Luft einsog.
Gaia ließ den Arm sinken. „Da ist deine Antwort.“
Kronos’ Blick glitt zum Boden und dann zu ihr. „Ein Stein ist kein Urteil.“
„Nicht der Stein.“ Gaia trat einen Schritt vor. Ihre Stimme hob sich nicht, und doch trug sie bis an den Rand des Hofes. „Unter deinem Haus antwortet der Grund auf dein Wort.“
Am Rand des Hofes regte sich Unruhe. Einige der Titanen wichen einen halben Schritt vom Riss zurück. Andere beugten sich vor, um den neuen Sprung genauer zu sehen. Als das Murmeln wieder abebbte, sprach Okeanos dazwischen.
„Zieh die Wachen ab.“ Weit und glatt klang seine Stimme über den Hof. „Oder bekenne offen, was du eben ausgesprochen hast: dass du jedes Kind schon vor der Geburt als Feind behandelst.“
Nun kam Bewegung in die Reihen. Leise und geordnet: Köpfe wandten sich von Okeanos zu Kronos und zurück. Wer eben noch geschwiegen hatte, konnte jetzt nicht mehr so tun, als sei nichts gefordert worden. Die Worte lagen im Hof und verlangten eine Antwort.
Darauf richtete sich Kronos auf. „Ich brauche von dir keine Sprache für mein Haus.“
Okeanos hielt seinem Blick stand. „Nicht mehr nur unter deinem Dach steht dein Haus. Du hast es selbst in diesen Hof gestellt.“ Er hob die Hand nicht, zeigte auf nichts. „Unter ständiger Wache ihre Schwelle. Jedes künftige Kind aus ihrem Leib dir sofort zu übergeben — das ist kein Schutz. Nenn es richtig.“
Kronos’ Mund verengte sich. Er blickte nicht zu Rhea. „Ich nenne es Notwendigkeit.“
„Nein“, sagte Okeanos. „Du nennst deine Furcht Herrschaft.“
Das war der Punkt, an dem einige der Älteren die Gesichter schlossen. Einer sah zu Boden. Ein anderer blieb mit unbewegtem Blick auf Kronos gerichtet, ohne ihm beizuspringen. Die Jüngeren standen härter in den Schultern als zuvor. Sie lauschten nicht mehr nur. Sie maßen.
Rhea trat von der Tür weg, nur einen Schritt, bis sie ganz im offenen Hof stand. An ihrer Schwelle blieben die beiden jungen Wächter, wo sie waren. Gerade das machte sichtbar, was sie waren.
Sie sprach zu Kronos, nicht laut, aber ohne Nachgeben. „Ich werde gebären.“
Keiner rührte sich.
„Und du bekommst das Kind nur, wenn du es mir aus den Armen reißt.“
Jetzt ging wirklich ein Laut durch den Hof. Diesmal kein bloßer Atem. Zu viele hatten das Bild gesehen, das in ihren Worten lag. Vor allen stand etwas, das nicht mehr zurückgenommen werden konnte: eine Mutter mit einem Kind im Arm, ein Herrscher, der es nimmt, die Schwelle dazwischen, die Wachen daneben.
Kronos’ Gesicht veränderte sich nicht, nur sein Kiefer arbeitete einmal.
Gaia sah Rhea an, dann wieder ihn. „Nun ist auch das gesagt.“
„Genug“, sagte Kronos.
Er wandte den Kopf zu den Wachen an der Schwelle. „Ihr bleibt.“ Dann rief er über ihre Köpfe hinweg in den Hof. „Noch zwei an die Tür. Tag und Nacht. Niemand tritt ohne meinen Befehl ein. Niemand führt etwas hinaus.“
Die Worte fielen schwer und geordnet. Ohne Zorn ausgestoßen, und gerade das ließ einige zusammenfahren. Er hatte gewählt.
Einer der jüngeren Titanen, der bislang am Rand bei den Säulen gestanden hatte, hob den Blick zu ihm, zögerte, dann trat er vor. Ein zweiter folgte nach einem Herzschlag. Sie sagten nichts. Beide wussten, was dieses Vorwärtstreten vor allen bedeutete.
Okeanos sah ihnen nach. „Du machst es also öffentlich und dauerhaft.“
Kronos antwortete sofort. „Damit keiner später behauptet, er habe mich missverstanden.“
„Missverstanden hat dich hier niemand mehr“, sagte Gaia.
Kronos drehte sich zu ihr. „Du wirst in meinem Hof nicht richten.“
Gaia stand unbewegt. „Ich richte nicht. Ich benenne.“
Wieder knackte es leise unter dem Stein, diesmal ohne neuen Sprung. Doch alle lauschten. Keiner tat mehr so, als sei es nur ein Geräusch.
Rhea hatte den Blick nicht von Kronos genommen. Die Wächter standen nun hinter und neben ihr, die Schwelle im Rücken, den Riss vor den Füßen. Sie wirkte nicht geschützt. Sie wirkte festgesetzt.
„Sprich es ganz“, sagte sie.
Kronos hob endlich den Blick zu ihr.
Ruhig saß er auf den Lehnen seines Sitzes, der Blick hart, der Mund geschlossen. Dann stand er auf, während der Hof nicht zurückwich.
Der Hof wich nicht zurück. Während niemand sprach, waren nur das Atmen der Anwesenden und das trockene Reiben von Leder zu hören, als einer der Wächter den Griff seiner Lanze fester nahm.
Kronos sagte: „Diese Schwelle wird bewacht. In der Nacht und am Tag. Niemand geht ein und aus ohne meinen Befehl.“
Er ließ den Blick über den Hof gehen, nicht über Rhea.
„Und wenn sie gebiert“, fuhr er fort, „wird mir jedes Kind aus ihrem Leib bei der Geburt gegeben.“
Diesmal kam kein Murmeln. Mehrere Köpfe wandten sich zu ihr. Andere blickten auf den kalten Stein unter ihren Füßen, dorthin, wo der Riss vom Sitz aus über den Hof lief.
Rhea blieb, wo sie stand, und sagte: „Nein.“
Nicht laut, nicht bittend. Der Hof hörte es trotzdem.
Jetzt richtete Kronos den Blick auf sie.
Von einem knappen Atemzug getragen, trat sie einen Schritt vor, bis der Riss direkt zwischen ihnen lag. „Mein Leib ist nicht dein Weg.“
Einer der Wächter an ihrer Seite bewegte sich unsicher. Er schwankte zwischen Zugreifen und Zurückweichen. Da Kronos kein Zeichen gab, blieb er starr.
Dann sprach sie weiter. „Was aus mir kommt, ist nicht dein Besitz.“
Okeanos stieß die Luft scharf aus. „Da steht es offen. Furcht.“
Kronos wandte den Kopf zu ihm.
Dann trat Okeanos aus der Reihe der Umstehenden. „Du stellst Männer an ihre Tür, bevor ein Kind da ist. Du bewachst, wovor du Angst hast.“
„Ich sichere mein Haus.“ Kronos blieb unbewegt.
Ein dumpfer Stoß ging durch den Boden.
Mehrere zuckten zusammen. Ein Becher am Rand der Stufen kippte um und rollte klirrend über den Stein. Die Blicke gingen nach unten. Der Riss arbeitete sich weiter. Steinmehl trat nahe der Schwelle aus. Kühle Luft strich durch den schmalen Sprung, der sich durch den Türstein unter Rheas Füßen zog.
Dann trat Gaia vor.
„Die Erde hat dich gehört.“
Kronos’ Gesicht blieb unbewegt, doch seine Schultern spannten sich.
Wieder dieses trockene Knacken. Kürzer diesmal. Näher.
Als sich die Blicke senkten, lag die Linie nun klar da: vom Herrschersitz durch den Hof, gerade dorthin, wo die Wächter standen. Unter ihren Sandalen lief sie in den Türstein und verlor sich erst im dunklen Spalt unter dem Holz.
„Genug.“ Kronos’ Stimme schnitt durch den Hof.
Rhea stand noch immer aufrecht und sah nur Kronos.
Die Kälte in ihren Armen wich nicht. „Du wirst nichts aus meinen Armen nehmen, was ich dir nicht gebe.“
Dann stieg Kronos die Stufe von seinem Sitz herab. Langsam. Nicht einer wagte, ihm den Weg zu schneiden. Er blieb vor dem Riss stehen, der sich gebrochen durch den Stein zog, und dann vor Rhea.
„Du wirst tun, was mein Befehl verlangt.“
Sie antwortete wieder: „Nein.“
Kronos’ Blick verhärtete sich. Dann hob er die Hand und wies auf die Tür.
„Riegelt sie.“
Während der eine das Holz fester in die Halterung stemmte, schlug der andere Eisen dagegen, kurz, hart, wieder und wieder. Das Holz sprang nicht zurück. Unbeweglich blieb es, wo Kronos es haben wollte. Rhea stand einen Schritt von der Schwelle entfernt. Sie wich nicht aus. Kein Wort sagte sie. Nur ihre Hand lag noch offen an ihrem Leib.
Okeanos trat vor, bis zwei Wächter die Speere quer vor ihn hielten. Dann blieb er stehen und hob die Stimme über das Schlagen von Eisen und das dumpfe Setzen der Bolzen.
„Er verriegelt sie vor aller Augen.“
Ein Murmeln ging durch den Hof und brach wieder ab, als Kronos den Kopf wandte. Sein Blick genügte; niemand sprach ihm dazwischen. Nur das Hämmern blieb.
Der jüngere der beiden Titanen setzte den letzten Beschlag an den Pfosten. Danach trieb der andere den Bolzen durch das Eisen. Holz rieb an Stein. Metall schabte. Dann kam das kurze Geräusch, mit dem der Riegel einrastete.
Rhea blickte zur Tür, nicht zu Kronos. Eisen und Holz standen vor ihrer Tür, vor dem ganzen Hof. Ihre Schwelle war kein Eingang mehr.
Kronos blieb dort stehen, wo der Riss aus dem Hof auf die Tür zulief. „Tag und Nacht.“ Sein Blick ruhte auf der verriegelten Tür. „Die Riegel bleiben Tag und Nacht.“
Er sprach nicht laut. Gerade darum trug jedes Wort durch den Hof.
Rhea hob den Kopf. Ihre Stimme ging gegen das Holz und durch die Spalten hinaus.
„Jede Geburt in diesem Haus wird unter Zwang stehen. Unter Gewalt wirst du aus meinem Leib jedes Kind verlangen. Offen vor allen.“
„Es hängt an meinem Befehl.“ Kronos hielt den Blick auf Rhea. „Und mein Befehl steht.“
Okeanos antwortete: „Und sie ist dort, weil du es erzwingst.“
Gaia trat aus der Reihe und blieb stehen, wo der Blick den Sitz, den Riss und die Tür zugleich fasste.
„Jetzt trägt dein Haus offen, was darunter längst liegt.“
In diesem Augenblick kam der Stoß. Er begann tief und fuhr von unten durch den Stein. Der Hof bebte unter den Füßen der Versammelten. Mehrere wichen zurück. Einer der Speerträger verlor den Stand und schlug mit dem Schaft gegen den Boden. Vom Sitz her kam ein trockenes Brechen, dann lief das Geräusch weiter, durch den Hof, auf die Schwelle zu.
Der Riss sprang.
Staub hob sich aus der Fuge. Ein schmaler Splitter brach am Rand des Herrschersitzes ab. Dann zog sich die dunkle Linie weiter, zackig und hart, bis unter den Türstein, wo sie mit einem kurzen Knacken durch die Schwelle ging. Der Riegel zitterte in seinen Haltern.
Gaia ließ die Hand sinken. „Die Erde antwortet auf dein Wort.“
Kronos stand still. Nur an seiner Kieferlinie arbeitete etwas. Sein Blick folgte dem Riss, der nun den Sitz und Rheas Tür in einem Zug verband. Dann sagte er: „Stein bricht. Mein Befehl nicht.“
und warteten, ob einer das Geschehene kleinreden würde.
Niemand tat es.
Rhea stand hinter Holz und Eisen ihrer Tür. Ihre Hand lag noch auf dem Stein, nahe der Stelle, an der die dunkle Linie in die Schwelle lief. Sie zog sie nicht zurück. Ihre Stimme kam fest durch den verschlossenen Eingang.
„Nein. Nicht dein Wort allein. Was du durchsetzt.“
Kronos wandte den Kopf zur Tür. „Mein Wille hält dieses Haus.“
„Dein Wille schließt mich ein“, sagte Rhea. „Dein Wille setzt Wachen an meine Schwelle. Dein Wille spricht vor allen über meinen Leib, als läge er unter deiner Hand. Und jetzt sieht jeder, wohin das reicht.“
Sie schlug nicht gegen das Holz. Ohne die Stimme zu heben, drang jedes Wort durch den Hof.
„Damit es jeder weiter hört: Jede Geburt in diesem Haus wird unter Zwang stehen, solange dein Befehl darauf liegt.“
Ein Murmeln hob an und brach gleich wieder ab.
Kronos trat vom Sitz her einen Schritt vor. Sein Blick blieb auf der Tür. „Jedes Kind, das du gebierst, gehört in meine Hand, sobald es ans Licht kommt. Das habe ich gesagt. Das nehme ich nicht zurück.“
Okeanos trat in den freien Raum des Hofes, bis er zwischen dem Sitz und der verriegelten Tür stand, jedoch nicht auf dem Riss, sondern dicht daneben. Sein Blick blieb an Kronos hängen.
„Dann hör, was du vor allen festsetzt“, sagte Okeanos. „Nicht Schutz. Furcht. Du legst sie auf dein ganzes Haus. Jeder hier soll wissen, dass in deinem Hof keine Geburt mehr ohne Wache sein wird.“
Kronos maß ihn mit langem Blick. „Wenn dieses Haus bestehen soll, wird nichts ohne meinen Befehl geschehen.“
„Es besteht schon nicht mehr ungebrochen“, entgegnete Okeanos und wies auf den Boden. „Offen genug zeigt es der Stein.“
Gaia sprach danach mit derselben Ruhe. „Du hast den Riss gesehen. Den Stoß hast du gehört. Und dennoch setzt du den Riegel fester. Das ist kein Irrtum mehr.“
Kronos antwortete ihr sofort. „Ich brauche keine Deutung von Stein, um zu herrschen.“
„Nein“, erwiderte Gaia. „Du brauchst nur Gewalt.“
Kronos’ Hand schloss sich um den Rand seines Gewandes. „Genug.“
Rhea antwortete durch die Tür.
„Nicht genug. Du hast gesagt, jedes Kind aus meinem Leib werde dir bei der Geburt ausgehändigt. Dann soll jeder, der hier steht, auch dies hören: Kein Kind wird freiwillig in deine Hand gelegt.“
Jetzt hob sich das Murmeln deutlicher. Ein Wächter am Rand verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen.
Er blieb bei der Tür. „Dein Wille zählt hier nicht gegen meinen.“
„Dann nenn es bei seinem Namen“, sagte Rhea. „Raub. Nicht Recht.“
Okeanos nickte einmal knapp. „Sie spricht aus, was alle sehen.“
Kronos fuhr zu ihm herum. „Du gehst weit.“
„Du bist weiter gegangen“, sagte Okeanos. „Bis an ihre Tür. Bis in ihren Leib. Bis an Kinder, die noch nicht geboren sind.“
Ein kurzer Laut drang von unten herauf. Diesmal arbeitete es dumpf hinter verbautem Stein. Mehrere Köpfe wandten sich um, doch niemand fragte danach.
Gaia sagte nur: „Sie sind noch da unten. Der Verschluss ist nicht tot.“
Der dumpfe Ton stand noch im Stein, und über dem Hof lag der kalte Geruch von Eisen.
Niemand sprach auf Gaias Satz.
Der Laut aus der Tiefe verlor sich. Übrig blieben nur das Atmen der Versammelten, das Scharren einzelner Sohlen auf dem Stein und das starre Stehen der Wachen vor der verriegelten Tür. Der Riss im Hof lag offen zwischen Kronos’ Sitz und Rheas Schwelle. Mehr als einer blickte hin und sofort wieder weg.
Kronos wandte den Kopf nicht. Er fixierte die Tür.
„Die Wache bleibt“, bestimmte er. „Tag und Nacht. Niemand geht an diese Schwelle ohne meinen Befehl.“
Okeanos antwortete sofort. „Dann sprich es ganz aus.“
Kronos’ Blick glitt zu ihm.
Okeanos hob weder die Stimme noch die Hand. „Zieh die Wachen ab. Oder bekenne vor allen, dass du ihr die Geburten mit Gewalt nimmst.“
Das Murmeln starb ab, sodass im Hof jedes Wort liegen blieb, während Kronos schwieg.
Rhea sprach durch das Holz. Ihre Stimme war rauer als zuvor, aber fest. „Er wird sie nicht abziehen. Er hat Eisen an meine Tür legen lassen, damit jeder es sieht. Er braucht Zeugen für das, was er tut.“
Einer der älteren Titanen am Rand richtete den Blick auf Kronos, dann auf den Riegel. Er schwieg.
Gaia stand unbeweglich. „Sie hat recht.“
Sein Kiefer spannte sich. „Genug von diesem Gerede.“
„Nein“, entgegnete Okeanos. „Eine Entscheidung.“
Er trat einen Schritt auf ihn zu. Die Wachen an der Tür rührten sich nicht, aber zwei Männer weiter hinten zogen die Schultern an.
„Du forderst Rechenschaft von mir in meinem Hof.“
„Ich fordere klare Sprache in deinem Hof“, erwiderte Okeanos.
Wieder kam ein Geräusch von hinter der Tür.
Diesmal war es kein Wort. Es war ein kurzer, gepresster Laut. Mehrere Gesichter veränderten sich, und Gaia hob den Kopf. Okeanos blickte zur Schwelle. Auch Kronos drehte sich nun ganz zur Tür.
Ein zweiter Laut folgte, tiefer, länger gehalten, und jetzt brauchte niemand mehr zu fragen.
Rhea schwieg.
Gaia ging einen halben Schritt vor. „Es beginnt.“
Kronos hob die Hand. „Öffnet.“
Für einen Moment bewegte sich niemand. Einer der Wächter griff nach dem Eisen; das Metall gab mit einem harten Schlag nach, Holz wurde zurückgezogen und der Riegel gelöst. Das Geräusch lief über den ganzen Hof.
Die Tür wurde nur so weit geöffnet, dass ein schmaler Spalt entstand. Dunkel lag dahinter.
Gaia wollte vor, doch Kronos stellte sich ihr in den Weg.
„Nicht du.“
Sie sah ihn an. „Du lässt sie unter Wachen gebären und sperrst selbst die aus, die helfen könnten.“
„Sie wird nicht allein sein“, erwiderte er.
Er deutete zwei Frauen aus dem Hausinneren heran, beide alt, beide schweigsam. Jetzt traten sie an die Tür und schlüpften durch den schmalen Spalt hinein. Von innen wurde wieder ein Laut hörbar, kürzer jetzt und härter.
Kronos blieb an der Schwelle stehen.
Okeanos musterte ihn. „Du wartest hier, damit deine Hand die erste ist.“
Er gab keine Antwort.
Die Zeit zog sich. Im Hof sprach niemand laut. Drinnen arbeiteten die Stimmen der Frauen gedämpft. Rheas Atem folgte ihnen. Dann ein Stöhnen, das offen über die Schwelle ging.
Gaia sagte leise: „Du wolltest Besitz. Nun hören sie, was dein Besitz kostet.“
Er antwortete ihr nicht.
Aus dem Raum hinter der Tür kam ein kurzer Aufruhr. Eine der Frauen sagte etwas, das draußen nicht zu verstehen war. Rheas Stimme brach daran auf, scharf und ohne Zurückhaltung.
Dann kam der Ton, auf den alle gewartet hatten und den doch keiner hören wollte.
Ein neugeborener Schrei, dünn und voll, drang durch den Spalt in den Hof.
Niemand bewegte sich, als Kronos vortrat. Gaia griff nach seinem Arm. Er riss sich los. Okeanos machte einen Schritt, wurde aber von zwei Wachen geschnitten, die sich endlich doch vom Türpfosten lösten.
Von innen meldete eine der Frauen mit belegter Stimme: „Ein Mädchen.“
Rhea sprach sofort dazwischen. Ihr Atem ging so schwer, dass jedes Wort daran rieb. „Ihr Name ist Demeter.“
Kronos stand schon an der Öffnung. „Gebt sie heraus.“
„Nein“, sagte Rhea.
Nur dieses Wort. Kein Bitten.
Die Frauen im Raum antworteten nicht. Stoff raschelte, ein Schritt schabte, und das harte Ziehen eines Atems hing im warmen, metallischen Geruch des Blutes.
Dann legte Kronos die Hand an den Türflügel und drückte ihn weiter auf.
Als die Schwelle den Blick freigab, saß Rhea auf den Decken nahe am Eingang, das Haar nass am Gesicht, die Schultern noch unter dem Nachbeben der Geburt. Das Neugeborene lag an ihrer Brust, eng in Tuch geschlagen. Eine der älteren Frauen kniete hinter ihr, eine zweite stand seitlich, die Hände noch rot.
Mit trockenem Mund hob Rhea den Kopf. Sie blickte nicht zu den Frauen, nicht zu Gaia, nicht zu Okeanos. Ihr Blick hielt nur ihn fest.
„Du bleibst draußen.“
Statt zu warten, trat er über den Stein.
Die ältere Frau hinter ihr wich sofort zurück. Die andere blieb einen Schlag lang stehen, bis sein Blick sie traf. Dann ging auch sie zur Wand, ohne ein Wort zu sagen.
Rhea zog Demeter fester an sich. Die Bewegung war klein und deutlich. „Du hast Hestia genommen. Diese hier nimmst du nicht.“
Er blieb vor ihr stehen. „Jedes aus deinem Leib gehört mir bei der Geburt.“
„Nicht mein Leib gehört dir“, erwiderte Rhea, und ihre raue Stimme lag offen vor allen. „Nicht dieses.“
Gaia stand jetzt an der Schwelle, ohne einzutreten. „Sprich es noch einmal, Kronos. Vor dem Hof. Vor deiner Mutter. Vor dem Strom, den du nicht zum Schweigen bringst. Jedes aus ihrem Leib.“
Hinter den Wachen war Okeanos stehen geblieben. Sein Blick lag auf Demeter in Rheas Armen und dann auf Kronos’ Hand.
Ohne den Blick von Rhea zu lösen, sagte Kronos: „Gib sie her.“
Mit einem kurzen Zittern schüttelte sie den Kopf.
Er griff zu.
Sie drehte den Körper weg und schloss beide Arme um Demeter. Er fasste nach dem Tuch und bekam nur Stoff. Ein harter, kurzer Laut brach aus Rhea, und sie stemmte sich mit dem Rücken gegen den Türstein. Die ältere Frau hob die Hände, ließ sie aber gleich wieder sinken. Obwohl alle es sahen, trat niemand dazwischen. Rhea antwortete nicht. Ihre Finger standen weiß am Tuch. Demeter begann zu schreien, erst dünn, dann mit voller Kraft. Der Laut füllte den Raum und drang in den Hof hinaus.
„Lass los“, befahl er.
Gaia hob die Stimme. „Sie hören dich alle. Nimm, was du Besitz nennst. Tu es mit deiner eigenen Hand.“
Er packte Rheas Unterarm und riss ihn von Demeter. Sie fuhr mit der freien Hand nach seinem Gesicht. Ihre Finger streiften seine Wange. Den Kopf zog er kaum zurück. Dann fasste er das Bündel am Tuch und am kleinen Leib darunter und riss es aus ihrer Armbeuge.
Rhea stürzte nach vorn auf die Knie. Der Schrei, der aus ihr kam, war nicht mehr der einer Gebärenden. Sie griff nach Demeter, bekam den Stoff zwischen die Finger, verlor ihn wieder. Er hatte sich schon einen Schritt zurückgezogen, das Neugeborene vor der Brust.
Während Demeter weiterschrie, sagte Okeanos: „Kronos.“
Nur den Namen, laut genug, dass alle ihn hörten.
Doch er sah nicht zu ihm.
Rhea war halb aufgerichtet. Blut lief an ihrem Bein über die Decken. Sie streckte beide Hände aus. „Gib sie zurück.“
Er antwortete nicht.
Gaia sagte: „Wenn du das tust, soll jeder hier wissen, dass kein Eid, kein Bett und keine Geburt in diesem Haus vor deinem Hunger sicher ist.“
Dann hob er Demeter.
Rhea kam hoch, taumelte einen Schritt, und die ältere Frau griff nach ihr, um sie zu halten. Sie schlug die Hand weg und wollte an ihm vorbei. Da traten zwei Wächter durch die Tür und sperrten ihr mit den Schilden den Weg.
„Zurück“, sagte einer, ohne sie anzusehen.
Rhea starrte ihn an, dann Kronos.
Mit einem letzten offenen, hellen Schrei verstummte Demeter.
Als er sie verschlang, stand für einen Atemzug alles still.
Rhea machte keinen Laut. Ihr Mund war offen. Die Hände hingen leer vor ihr.
Dann ging ein Stoß durch den Stein.
Von unten kam er, kurz und hart. Der Boden schlug gegen die Fußsohlen. Im Hof riss ein Schrei aus einem der jüngeren Wächter. Staub löste sich über dem Türrahmen. Aus der Tiefe hinter dem verbauten Stein kam wieder der dumpfe Laut, schwerer als zuvor. Der Riss im Hof sprang sichtbar weiter in den Türstein und zog eine neue Linie durch das helle Gestein der Schwelle.
Mehrere wichen zurück. Einer stolperte. Okeanos fing sich mit der Hand an der Mauer ab und sah auf den Boden. Gaia hingegen sah Kronos an.
„Da ist deine Antwort“, sagte sie. „Du hast den Fluch tiefer in dein Haus gelegt.“
Er stand unbeweglich. Seine Brust hob sich einmal. Dann wischte er sich den Mundrücken mit dem Handballen ab.
Rhea trat bis an die Wachen heran. Jetzt kam ihre Stimme, tief, brüchig, aber fest genug, dass sie den ganzen Hof erreichte.
„Sprich nie wieder von Schutz zu mir.“
Niemand sagte etwas.
„Sprich nie wieder von deinem Haus“, fuhr sie fort. „Du stehst nicht vor deiner Frau. Du stehst vor deiner Feindin.“
Die Worte blieben in der Luft stehen.
Die Worte blieben im Hof stehen.
Zunächst antwortete Kronos nicht. Er sah Rhea an, durch die Wachen hindurch, über den gesprungenen Türstein hinweg. Hinter ihr lag die dunkle Öffnung des Gemachs. Von außen waren die Riegel an Pfosten aus Eisen und Holz gesetzt worden. Jeder am Hof sah sie.
Kronos hob die Hand und zeigte auf die Schwelle.
„Tag und Nacht“, sagte er. „Keiner weicht von hier. Jede Regung ihres Leibes wird mir gemeldet. Jede.“
Seine Stimme trug bis an die Mauern. Er sprach nicht zu Rhea. Er sprach zu den Wachen und zu allen, die hören sollten, dass sein Wort nicht zurückgenommen war.
Noch immer stand Rhea dicht vor ihnen. Das Haar klebte ihr am Gesicht. Dunkel lag Blut an ihren Beinen und auf dem Stein unter ihr. Sie hielt sich nicht mehr an der Wand. Sie stand aus eigener Kraft.
„Du wirst keins bekommen“, sagte sie.
Kronos’ Blick blieb auf ihr. „Jedes Kind aus deinem Leib gehört mir, sobald es geboren ist.“
Dann sagte sie: „Nicht eines.“
Inzwischen trat Gaia einen Schritt vor. Ihre Augen gingen nicht zu Rhea, nicht zu den Wachen, nicht zum Riss. Sie blieben auf Kronos.
„Vor Zeugen hast du das erste genommen. Vor Zeugen hältst du an dem Wort fest. Hör auf den Grund unter dir. Selbst der Stein nimmt es nicht hin.“
Wieder kam ein dumpfer Laut aus der verbauten Tiefe, kurz und gedämpft. Aber keiner im Hof verfehlte ihn. Unter dem Riss rieselte Staub aus der Fuge des Mauerwerks. Mit einem Ruck schlug einer der Wächter die Hand an den Speer.
Okeanos richtete sich von der Mauer auf, und niemand unterbrach ihn. „Du nennst das Ordnung“, sagte er. „Du fütterst deinen eigenen Fluch.“
Mehrere Köpfe wandten sich zu ihm.
Kronos drehte den Kopf nur wenig. „Ich habe dir kein Wort gegeben.“
„Ich nehme es mir nicht von dir.“
Die Stille danach war hart. Kronos sah erst Okeanos an, dann Gaia, dann wieder Rhea. In seinem Gesicht war nichts, das nachgab.
„Noch zwei an die Tür“, befahl er.
Die beiden Angerufenen zögerten einen Schlag zu lang. Dann traten sie aus der Reihe und nahmen Stellung an der Schwelle. Jetzt standen dort vier. Zwei direkt am Holz, zwei davor, mit Blick in den Hof. Der Durchgang war eng geworden. Es blieb nur ein schmaler Raum zwischen den Schilden.
Rhea lachte nicht und lächelte nicht. Sie hob nur das Kinn.
„Lass sie kommen.“ Sie hielt seinem Blick stand. „Lass sie Nacht für Nacht an meiner Tür stehen. Lass sie jeden Schmerz zählen. Sie werden hören, wie ich dich hasse.“
Kronos ging einen Schritt vor. Die Wachen machten ihm Platz. Nun stand er selbst am gesprungenen Stein. Der Riss lief von seinem Sitzplatz bis an seine Füße und weiter unter die Schwelle. Er sah hinab, nur einen Augenblick, dann hob er den Blick wieder zu ihr.
„Du wirst tun, was du nicht tun willst.“ Er trat noch näher an den Stein. „Und du wirst es nicht verhindern.“
Sie antwortete ihm ins Gesicht: „Komm und nimm es selbst.“
Gaia schloss die Finger fest um ihren Mantel, sodass die Knöchel hell wurden. „Hör sie.“ Ihr Blick wich nicht. „Sie ruft nicht nach Hilfe. Sie kennt dich.“
Kronos’ Blick blieb auf Rhea. „Verriegelt die Tür.“
Es geschah sofort. Holz wurde vorgelegt. Eisen klirrte. Die Wachen zogen die Riegel fest, während Rhea noch im Rahmen stand. Einer musste den Blick senken, als er an ihr vorbei griff. Sie wich nicht. Erst als das Holz mit dumpfem Schlag vor ihr lag, trat sie einen Schritt zurück. Den zweiten tat sie gleich darauf. Ihr Gesicht blieb zwischen den schmalen Spalten sichtbar.
„Kronos“, rief Gaia.
Er sah sie nicht an.
„Seit Demeter hast du gegen alle kommenden Geburten deines Hauses Krieg geführt. Jeder hier hat es gesehen.“
Diesmal wandte er sich doch zu ihr. „Noch ein Wort“, sagte er, „und ich lasse den Hof räumen und jeden niederwerfen, der mir widerspricht.“
Okeanos trat vor, bis er auf einer Linie mit Gaia stand. „Dann bleibt dir nur das. Befehl und Hand. Nicht Recht.“
„Genug.“
Kronos sprach das eine Wort scharf. Es schnitt durch alles, was im Hof noch offen war. Selbst der jüngste Wächter erstarrte.
Hinter dem Holz der Tür war Rheas Atem zu hören, ungleich und rau. Aber sie sprach nicht mehr. Sie blieb hinter den Riegeln stehen. Ihr Schatten glitt aus dem schmalen Licht am Spalt.